45. Feldkircher Lyrikpreis 2013

1. Preis: Tabea Xenia Magyar und Tristan Marquardt (D)
2. Preis: Sibylla Vričić Hausmann (D)
3. Preis: Sandra Hubinger (A)
Sonderpreis: Martin Amanshauser (A)

Der international ausgeschriebene Feldkircher Lyrikpreis ist getragen von der Idee und Intention, deutschsprachigen Lyrikerinnen und Lyrikern mit und ohne Veröffentlichungen Aufmerksamkeit für ihre dichterischen Arbeiten zu bieten.
Mit Gespür und Urteilskraft haben die Mitglieder der Jury die eingereichte Lyrik auf den Prüfstand gehoben – für 2013 waren dies Elisabeth Steinkellner (Preisträgerin 2013), Ron Winkler (Lyriker), Gerhard Fuchs (Literaturwissenschafter, Universität Graz) und Marie-Rose Rodewald-Cerha (Vorstandsmitglied Theater am Saumarkt), die die nicht leichte Aufgabe übernommen haben, jene Lyrik auszuwählen, welche im Rahmen einer Preisverleihungs-Gala im Theater am Saumarkt mit dem Feldkircher Lyrikpreis 2013 ausgezeichnet wurde. Das Besondere am Feldkircher Lyrikpreis ist die Tatsache, dass der Preis garantiert anonym durchgeführt wird und somit gewährleistet ist, dass jede Einsendung gelesen wird.

Tabea Xenia Magyar, geboren 1988 in Zürich, wo sie Philosophie, Romanistik und Politikwissenschaft studierte.
Seit 2012 Studium in Zeitgenössischem Tanz am Hochschulübergreifenden Zentrum für Tanz in Berlin. Sie ist Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13. Letzte Publikation: 40% paradies. gedichte der lyrikgruppe G13 (bei luxbooks 2012).
2012 Autorin beim Projekt Bewegungsschreiber, das Dichtung und Tanz zusammenbrachte.

Bücher 

  • G13. das war absicht (SuKuLTuR 2013)

Zeitschriften

  • no man’s land 7; Bella Triste 36

Kassette

  • Gedichte (Mouca 2013)

Anthologien

  • 40 % Paradies. Gedichte des Lyrikkollektivs G13 (luxbooks 2012)

Tristan Marquardt, geboren 1987 in Göttingen, lebt in München und Zürich. Sein Debütband das amortisiert sich nicht ist im Frühjahr 2013 bei kookbooks erschienen. Er ist Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13 , dessen Mitgründer er 2009 war.
Er war Finalist beim 19. und 20. open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Seit 2011 verfasst er neben dem eigenen Schreiben gemeinsame Gedichte mit mehreren anderen Lyriker_innen, seit 2012 organisiert er die Lesereihe meine drei lyrischen ichs in München.

Bücher

  • das amortisiert sich nicht (kookbooks 2013)
  • G13. das war absicht (SuKuLTuR 2013)

Zeitschriften

  • Belletristik 11 & 12; randnummer 4; KLEINE AXT 3; no man’s land 7; Bella Triste 36

Anthologien

  • ars poetica Festival (Bratislava 2011); 19. open mike (Allitera Verlag 2011); Zeitkunst-Festival 2011 (Verlagshaus J. Frank 2011); 40 % paradies. Gedichte des Lyrikkollektivs G13 (luxbooks 2012); flarf Berlin – 95 Netzgedichte (edition pæchterhaus 2012); 20. open mike (Allitera Verlag 2012)

Ausgezeichnete(r) Text(e) von Tabea Xenia Magyar und Tristan Marquardt:

satt liegt meine hand in der wölbung deines rückens
Elisabeth Steinkellner

I
phase schnee, über nacht, man hörte sie wachsen
wie gras. fell auf wiesen, die bei offener witterung
schliefen. jemand pfiff. jemand anderes fragte sich,
wer hier pfiffe. müde regte sich ein rücken, reagierte
instinktiv. zog los. sammelte füße ein, waden
und knie. taleinwärts die aufgeschreckte kirche:
zwölf schläge probealarm für den neuen tag.
II
auskünfte über ankunft, mögliche richtung. stießen
hüften dazu, bauch, brust und hals, schlossen sich
türen im eis. jemand hatte den schädel gespalten und
nicht verzehrt. jemand anderes sang: dorfbrunnen,
zweierlei wasser waschen die dreckige hand. arven
durchdrangen die beuge, alles hob um ein paar meter
an. reihum die berge, hingestellt und stehen gelassen.
III
scharen von schwaden, man ahnte die finger am regler.
sie drehten das weiß auf laut. fing rauch an, flüchtig
zu zucken, gab er seinen aggregatszustand auf. jemand
sah das und hielt sich steiler an höhe. jemand anderes
dachte an ihn wie an nichts. geschichtet, nur leiser. dann
reihte sich scheit an scheit vom waldrand zum fluss. als
dächte die strömung in bäumen. vertiefte sich im schnee.
IV
fenster erleuchtet, verlangten den einlass. man sah
jetzt überall augen. fand nerven, band sie am mund
an: bahnen elektrisch, saiten im hang. abrupt wuchsen
massive zusammen und ruhten sich schnaufend aus.
jemand schrieb das ins gipfelbuch. jemand anderes
las: zweierlei wasser, waschen einander. ganz hinten

Laudatio der Jury:

Wir sind sofort da, sind sofort dabei. »phase schnee«. Schon gleich zu Beginn finden wir uns in bereits begonnenen Abläufen wieder, in einem Verlauf, in einer somnambulen Drift. Wir vermuten ein Ich, aber das Ich nennt sich nicht, erklärt sich nicht. Vielleicht ist es größer als eins, vielleicht ist es einige, viele – aber in den Textstücken, die uns vorliegen, hat sich das, was Ich sein könnte, ins Ungewisse ausgebreitet. Es ist nicht vertieft.

Aber es bewegt sich, ist interessiert. In gewisser Hinsicht konstituiert es sich durch diese Mobilität. Zwischen den geheimnisvollen Illusionismen erkennen wir einen Drang ins Offene – instinktiv und also ebenso sehr
Geheimnis. Man gibt sich aufgeschlossen, die Rezeptoren sind auf aufmerksam geschaltet. Jedoch bietet sich oft nur Anschluss ans Ungefähre. Man kann es sich eben nicht aussuchen, wie es ist. Und auch schwer nur das Gute vom Bösen scheiden. »jemand hatte den schädel gespalten und nicht verzehrt.« Well well.

Zum Schneegestöber gesellt sich das Störmomentegestöber. Manchmal sind die Informationen so (»man hörte sie wachsen«), dass sie den Menschenverstand außer Kraft setzen. »fell auf wiesen«. Auch das ein »probealarm« der Psyche, um ihre Funktionalität zu testen. Sie ist osmotisch, baut illustre Poesieportale in die Wahrnehmung ein. Vielleicht um abzufedern, was sich nicht kontrollieren lässt. Vielleicht einfach nur, um zu federn. Kontrolle ist ohnehin nur eine fixe Idee.

Es kann doch schließlich schön genug sein, einfach nur zu ahnen, zu hören, zu durchdringen. Abzutasten, wie sich die Psyche zwischen Wirkmöglichkeiten und Merkwürdigkeiten verhält. Einerseits ist sie ein fragiles Ding im Wärmebereich poetischen Sprechens, doppelbödig entspannt, andererseits auf abgefahrene Weise nüchtern, »hingestellt und stehen gelassen«.

Wir befinden uns auf einer Reise: durch die Enge der Weite und die Weite der Enge zugleich. Das Ich-Wir, auf das wir stoßen, das Wir-Ich, scheint geneigt, sich möglichst reibungsfrei durch seine Umgebung zu bewegen. Die surreale Erfahrung wird nicht unterdrückt. Und wer hier spricht, der kategorisiert auch nicht mehr, sondern gibt sich hin daran, Kollektor zu sein für Verstörendes, Betörendes, für Rapiditäten.

Für das hohe Niveau der Engführung von Poesie und Psyche, das geschmeidige Spiel mit Ambivalenzen, die in einer auf heterogene Weise homogenen Dichtung münden, bekommen Tabea Xenia Magyar und Tristan Marquardt gemeinsam den Feldkircher Lyrikpreis 2013 zugesprochen.
Ausgezeichnet wird eine sinnliche, souveräne Sprache, der die Aggregatzustände zeitgenössischer Poesie nicht fremd sind und die mit feinem Enjambement auf sowohl bizarr expressive als auch verzärtelt anthropomorphisierende Metaphorik zurückgreift. Die Kollaboration beider Autoren beschenkt uns mit einem spannungsreichen, immer wieder neu zu erschließenden Tableau, in dem alles gleichzeitig ist: Ausgangspunkt und Ankunft, Bewegung und Stasis, äußerer Reiz und inneres Austarieren.
Im geheimnisvollen Unterwegssein vielleicht nicht zum Stein der Weisen, sondern zum Bergkristall des Ankommens – ein Projekt, das das Risiko
nicht scheut, sich auch Unwägbares einzuverleiben und für sich sprechen zu lassen – in diesem Unterwegssein erkennen wir ein großes Potential für weitere Texte. Und dem wünschen wir überaus viele und wunderbare Wege.

Ron Winkler
für die Jury des Feldkircher Lyrikpreis 2013

Die Pressemappe enthält auch Texte und Biographien der weiteren Preisträger.

One Comment on “45. Feldkircher Lyrikpreis 2013

  1. Beim Gedicht fehlt der letzte Vers:
    „der ausgeknipste tag. alles ließ um ein paar meter nach.“

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