29. Polnische Lyrik

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Der Reiz von Szymborskas Gedichten liegt vor allem darin, dass sie, um aus Adam Zagajewskis Nachwort zu zitieren, „intellektuell, konzentriert, aber auch witzig, ironisch und – o Wunder – verständlich“ sind. Doch das bedeutet nicht, dass sie auch immer leicht zu interpretieren wären. Einfach und verständlich sind nur die Stilmittel, mit denen sie ihre Gedanken zum Ausdruck bricht, ihre klare, sparsame, von Renate Schmidgall und Karl Dedecius perfekt übertragene Sprache, die aus ihrem Naturell resultierte: „Die Form war ihr wichtig, Chaos mochte sie nicht“, sagt Zagajewski dazu. Aber diese lyrische Sprache entstand auch aus ihrer Überzeugung, dass heutzutage zu viel geredet werde. „Fasse dich kurz. Die Welt ist mit Worten übervölkert“, würde der polnische Aphoristiker Stanislaw Lec sagen. Sie persönlich vertraute vor allem auf den Satz „Ich weiß nicht“. Er sei zwar klein, sagte sie einmal, erweitere aber unser Leben ungemein.

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„Poesie ist die Suche nach Glanz“, stellt er im gleichnamigen Gedicht fest. „Poesie ist der Königsweg, / der uns am weitesten führt.“ Allerdings hat Zagajewski inzwischen erkannt, dass dieser Glanz überall zu finden ist, an den schönsten Orten der Welt, aber auch im Alltagsgesicht von Krakau oder in der grauen, nebligen Herbstlandschaft, die er aus dem „Zug von Krakau nach Warschau“ betrachtet: „Du suchst Erleuchtung in der Höhe, in den Alpen / und in Kathedralen, aber siehst du / diese demütigen Feuer / am Abend glühen, über die Erde / kriechen – wie Lunte, die erlöschen.“

3

Obwohl er ebenfalls nur Gedichte aus den letzten zehn Jahren enthält, ist er zugleich das deutsche Debüt von Julia Hartwig. Dabei gilt sie seit Jahren als eine der großen alten Damen der polnischen Lyrik, neben Szymborska und Urszula Koziol. Hartwig wird als Dichterin, aber auch als Biographin von Apollinaire und de Nerval sowie als Übersetzerin französischer und amerikanischer Poesie hochgeschätzt. Spuren dieser früheren Arbeiten sind auch in ihrem lyrischen Spätwerk zu finden: „Glücklich wer wie Nerval / Nichts zu verbergen hat als seinen Wahnsinn.“

/ Marta Kijowska, FAZ 5.4.

Wislawa Szymborska: „Glückliche Liebe und andere Gedichte“. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Mit einer Nachbemerkung von Adam Zagajewski. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 100 S., geb., 18,95 €.

Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand“. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag, München 2012. 131 S., geb., 14,90 €.

Julia Hartwig: „Und alles wird erinnert“. Gedichte 2001-2011. Herausgegeben und aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 2013. 125 S., geb., 17,- €.

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