98. Beinahe gespenstisch

Hier wird ein zentraler Text zugänglich gemacht, und einer der schönsten, die mir begegnet sind, zumindest wirkt er in der Gestalt, die Buchmann ihm gegeben hat, schier unermesslich (man verzeihe mir die Superlative, aber an dieser Stelle kann ich nicht anders, als staunen, wie ein Schuljunge). Zentral ist der Text vielleicht nicht hinsichtlich seiner Wirkung auf den Fortgang der Literatur zum Zeitpunkt seiner Entstehung, aber beeindruckend in der Vorwegnahme all dessen, was danach geschah. Beinahe gespenstisch.

Gespenstisch aber auch, dass ich von Autor und Buch vorher nie etwas gehört hatte. Gut, ich bin kein Romanist, aber ich meine zumindest, die bedeutenderen Autoren des Nachbarlandes zu kennen, nicht die gegenwärtigen vielleicht, aber die klassischen. Auch wenn ich nicht von allen etwas gelesen habe, so hatte ich doch schon einmal die Namen gehört.

Nicht aber von diesem: Wir sprechen hier von dem Buch „Gaspard de la Nuit“ von Aloysius Bertrand.

Bertrand lebte von 1807 bis 1841. Ein Romantiker, könnte man meinen, wenn er nicht die ganze Romantik so weit hinter sich ließe. Und wenn er seinem Text den Untertitel „Phantasien in der Manier Rembrandts und Callots“ gibt, ist das keine rückwärtsgewandte Ästhetisierung, sondern weist auf kommende Transmedialität hin, wie sie die Moderne und Postmoderne teilweise zelebriert. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit. Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts. Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2012

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