46. Beinahe alchemistisch

Reineckes Rezeptionslyrik führt darüber hinaus zu merkwürdigen Rückkopplungen auf die Deutung von Künstlern, von Einzelwerken oder von Kunststilen, er übernimmt künstlerische Einfälle, Werkformen und Stile vergangener Kunstepochen und untermischt sie seinen Cento-, Cut-up- und Montagetechniken. Dabei gelingen ihm überraschende, weil nicht einzuordnende Konglomerate aus eigenen und fremden Textpartikeln. Jedoch geht es ihm dabei nicht so sehr darum, durch das Zufallsprinzip im Spiel mit der Zitierkunst den Fängen des eigenen, vorurteilsgeprägten Bewußtseins zu entkommen, was eher den Intentionen der Cut-up-Techniker William S. Burroughs, Jürgen Ploog oder – aktuell –  Michael Fiedler („Geometrie und Fertigteile“) entspricht. Denn, da die intertextuellen Arbeiten Reineckes retrospektiver sind, erschaffen sie, statt unmittelbarer Gefühlswelten, eher lehrhafte, aber in der Mehrzahl oft auch amüsante historische Parallelwelten, deren qualitatives Vergnügungspotential man jedoch nicht leicht mitempfindet, wenn man nicht gerade ein philologisch-germanistischer Supercrack ist. Aber hier hat Reinecke dankenswerterweise vorgesorgt, indem er einen ausführlichen Apparat zum Verständnis und zur Entstehungsgeschichte seiner Gedichte dem Werk hintan gestellt hat. Ich persönlich neige zwar mehr zu der Art Lyriklektüre, die die direkte emotionale Empfindung in den Vordergrund stellt, jenseits aller akademischen Aufrüstung, kann aber nichtsdestotrotz dem schelmischen Spieltrieb, den Reinecke treibt, durchaus etwas abgewinnen. Ich favorisiere die augenzwinkernden, travestieartigen Texte wie Wunsch, Cowboy zu werden I und II (Seite 56 und 57). Auch expressive, doppeldeutige Texte wie „Für Priester“ haben es mir angetan: Spielt das Akkordeon aus Rippen und Haut / die Röcklein hoch, mit farblosen Nägeln geschlitzt / bis Schenkel erbeben, wiegt die Glieder / ganz sachte streicht ihre Rücken / zieht die Kontur ihres Kiefers nach // (Seite 38). Es würde zu kurz greifen, in Reineckes Lyrik etwa nur ein retromanisches Phänomen zu sehen, nach der Devise, je gegenwartsverweigernder, desto moderner, denn der Dichter zeigt uns virtuos die unausgeschöpften Möglichkeiten der Dichtkunst, auch der vermeintlich vergangenen, gerade an dem Punkt, an dem sich die heutige Lyrik oft an ihrer Verwechselbarkeit reibt. In dieser Monotonie bekommt die Reineckesche Dichtung beinahe etwas Alchemistisches, Rebellisches. Vielleicht liegt darin der Grund ihrer Originalität. / Dominik Dombrowski, fixpoetry

Bertram Reinecke, „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“, herausgegeben von Ulf Stolterfoht, roughbook 019, Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012  

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