10. Abgrund aus Angst

Wie aus mythischer Ferne weht dieser hohe Ton heran, diese dunkle Beschwörung metaphysischer Elementarwörter. In philosophischer Eindringlichkeit fragt der Dichter Ernst Meister nach den Verankerungen unserer Existenz. Bereits in seinem allerersten Gedicht, das 1932 sein Debütbuch „Ausstellung“ eröffnete, gerät das lyrische Ich vor einen Abgrund aus Angst: „Im Nichts hausen die Fragen. / Im Nichts sind die Pupillen groß.“

Wie viele moderne Lyriker, die in den 1930er Jahren zu schreiben begannen, ist auch die Poesie Meisters aus intensiver Heidegger-Lektüre entstanden. Der „Gedanke an Sein überhaupt“ und die Reflexion über das Verhältnis von Dichten und Denken haben ihn zeitlebens nicht losgelassen. …

Für sein literarisches Nachleben hat lange Jahre mit Leidenschaft der Aachener Rimbaud Verlag gesorgt. Bei Wallstein ist zum 100. Geburtstag eine akribisch kommentierte Werkausgabe in fünf Bänden erschienen, die nicht nur den Ansprüchen einer historisch-kritischen Edition gerecht wird, sondern auch die Fama vom „weltfernen Hermetiker“ auflöst. In Ernst Meisters Poesie, so wunderbar hat es Born gesagt, findet man „Zeichen für das Noch-Nicht-Totsein, für die Hoffnung und Behauptung, daß Leben sei, Gesang, und sei es auch ein Gesang ohne Grund.“ / Michael Braun, Badische Zeitung 3.9.

Die Gruppe 47, der zu Meisters Zeit tonangebende Literaten-Kreis, hat den westfälischen Lyriker nie eingeladen. «Kein Wunder, er hat die Gruppe schließlich als lyrischen Affenmarkt bezeichnet und scharf kritisiert», weiß Gellhaus. / Sabine Rother,  Aachener Zeitung 31.8.

„Wir sind die Welt gewöhnt. Wir haben die Welt lieb wie uns. Würde Welt plötzlich anders, wir weinten. Im Nichts hausen die Fragen. Im Nichts sind die Pupillen groß. Wenn Nichts wäre, o wir schliefen jetzt nicht, und der kommende Traum sänke zu Tode unter blöden Riesenstein.“

Das Gedicht „Monolog des Menschen“ steht in dem 1932 erschienenen Band „Ausstellung“, mit dem der 21-Jährige debütierte. Ein Kritiker der „Vossischen Zeitung“ sah in dem Buch den „gewiss nicht frivolen Versuch, Lyrik nach einer Jean Paulschen Anweisung ‚aus dem Leeren‘ zu schöpfen.“ / Christian Linder, DLR

Mehr: Ulf Heise, Märkische Allgemeine / WAZ / Münsterländische Volkszeitung

4 Comments on “10. Abgrund aus Angst

  1. ein wunderschönes beispiel um zu zeigen, warum er(nst) NICHT hermetisch ist! böse zungen könnten hier sogar die frisch diskutierte kritik anwenden, er verschleiere menschlich allzu menschliches durch „kryptische“ metaphern, aber genau an solch einem kurzgedicht wird deutlich, wie ein dichter fast verzweifelt versucht, aus seiner EIGENEN SPRACHLOSIGKEIT IM ANGESICHTE DER TIEFE DER FASSUNGSLOSEN („GRUNDLOSEN“) KONKRETHEIT DER WELT so vorsichtig wie möglich und trotzdem „existenziell“ zu sprechen, wenn eigentlich nur mystisches gefühl im realen erleben waltet. ich erlaube mir eine spontane interpretation, um das zu beweisen, man verzeihe mir die vielleicht plump anmutende respektlosigkeit, aber der holzhammer ist aus HOLZ gemacht und wenn man holz unterm quantenmikroskop betrachtet (tatü tata) stößt man auch auf die leere der materie so wie überall – was ich meine: jede interpretation besteht aus ebenso „poetisch relativistischen“ hypothesen/prothesen wie das poem selbst, der gegenstand selbst als konkrete fatamorgana bleibt davon unberührt…

    1) „Alles Scheint Rand“
    => die illusion der nur asymptotisch möglichen annäherung anstatt im anderen ganz „anzukommen“
    (im sinne von eins zu werden mit der materie an sich)…

    2) „Den Atem Ausgetauscht“
    => …erlaubt andererseits das vereinigen (durchdringen der materie) beim „küssen“
    (atem ist symbol sowohl für heiligen geist, lebendig sein als auch den kontakt mit welt an sich)…

    3) „Viele Haben Keine Sprache“
    => …und die demut beim (ver)dichten des erlebten als privileg und stellvertretende fürsprache
    (ich weiß, das ist jetzt sehr gewagt, weil nur durch mein persönliches berührtsein vermutet).

    __________________________________________________________________

    MEINE ANTWORT AUF MEISTERS MINIPOEM & DEN DUALISMUS HELL+DUNKEL:

    Tom de Toys, 18.1.1990, 21:45 Uhr

    URSCHREI

    Wo Sonne und Mond
    Zusammenlaufen
    Schenken wir
    Der gläsernen Welt
    Ein Wort

    http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=7577

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  2. Zum Thema lichte/dunkle Gedichte (siehe 140. Sprachforscher Und Erfinder) gibt es diesen kurzen Text von Meister.
    Eigentlich was für das beste denkbare Schulbuch:

    „Alles Scheint Rand
    Den Atem Ausgetauscht
    Viele Haben Keine Sprache“

    aus „Sage Vom Ganzen Den Satz“, 1972

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