86. Abgesang und Geburtstagsgruß

Peter Wawerzinek schreibt zum 80. Geburtstag von Adolf Endler eine furiose Hymne auf den Dichter und einen Abgesang auf den Prenzlauer Berg. Darin eine Endler-Titelliste und eine stolze Namensliste, die künftig mindestens durchzunehmen wäre, bevor wieder einer den Namen „Prenzlauer-Berg-Connection“ in den Mund nimmt. Hier die Namen (unter denen auch einige wenig genannte sind, und einige fehlen):

Spätestens mit dem Tod von Adolf Endler im vorigen Jahr – er hätte am Montag seinen 80. Geburtstag gefeiert – hat sich der Prenzlauer Berg als kreative Nische erledigt. Vom ganzen Rummel bleibt am Ende nur die Erinnerung, eine anrührend flimmernde Fassade. Und ein paar Namen werden bleiben. Manch eine Aktion verdient das Prädikat engagiert, nicht ohne einen gewissen Charme. Es wurde gesungen, gemalt, gelesen, gefetet, gekrochen, geröhrt, gestottert, gehauen. Es wurde gestochen, geschwiegen, gerockt und mitunter richtig gut gemeinsame Sache gemacht. Aber immer auch gleich dokumentiert. …

Nur keine Bange. Um Endler bleiben einige Autoren gruppiert, wie Krähen, die Toten und die Lebenden eben, bei seinem Grabsteinen hockend, Wache schiebende, das Jahr hindurch getreue Vögel. Eine Handvoll Dichter-Kollegen vom nunmehr zerspellten Prenzlauer Berg (Andreas Koziol, Frank-Wolf Matthies, Jan Faktor, Wolfgang Hilbig), durch deren Gedichte, Essays, Erzählungen ich gleißend hin- und hergeistere, dass es nur so fetzt. Ich möchte bei dem Barock, dem Futurismus, dem Realexistenten der damaligen Zeit, einige noch benennen: Johannes Jansen, Leonhard Lorek, Brigitte Struzyk, Florian Günther, Dieter Kerschek, Gerd Adloff, Cornelia Schleime, Detlef Opitz, Gert Schönfeld, aber auch Peter Brasch, Jayne-Ann Igel, und die Kacholdgabi natürlich und Wüstefeldmichael, auch wenn da von mir einige Dichter beigemengt worden sind, die keinen Nachweis auf Prenzlauerberg-Zugehörigkeit erbringen müssen, wo es doch um ist und aus mit dem Bezirk.

Neben Endler nenne man stellvertretend für alle Zukurzgekommenen einen weniger wackligen Wackeren: Bert Papenfuß. Aus der ersten allgemeinen Verunsicherung der insgesamt verunsicherten gesamten Zittertruppe reagierte Papenfuß so angenehm rasch und früh und weise im Voraus, indem er sagen konnte, was er unheilvoll aufziehen sah. Dass nun die Zeit des Umzugs gekommen ist, sprich: dass der Prenzlauer Berg nunmehr in Mitte stattfindet.

/ Tagesspiegel 20.9.

3 Comments on “86. Abgesang und Geburtstagsgruß

  1. Pingback: Prenzlauer Berg zum x-ten und Adolf Endler Ständchen | planet lyrik @ planetlyrik.de

  2. Ich denke, als eine der im Text Genannten sollte ich diesen Beitrag nicht einfach schweigend zur Kenntnis nehmen.

    Worüber sicher weitgehend Einigkeit herrscht: die Szene am Prenzlauer Berg hat sich (wie im Übrigen die soziale Schichtung) in den letzten zwei Jahrzehnten gründlich gewandelt, und es ist fraglich, ob man überhaupt noch von einer Szene sprechen kann.

    Indes beschwört Peter Wawerzinek hier den Prenzlauer Berg vor allem als kulturelles Phänomen herauf, den er einmal dargestellt hat, ab Ende der 70er Jahre, und gewiß war er das. Man mag über die künstlerische und politische Bedeutung, das Gewicht dieser Szene unterschiedlicher Ansicht sein, doch stellt das für mich eine kulturelle Grundleistung dieser Szene keinesfalls in Frage (und auch die Enttarnung des einen oder anderen Kombattanten als IM vermag das nicht): sie bot die Möglichkeit, sich in einer (begrenzten) Öffentlichkeit zu artikulieren, Verknüpfungen herzustellen (wie wir es als Netzbürger heute bezeichnen würden).

    Für eine wie mich, die in einem der Bezirke der Republik lebte, war das schon eine Menge, und ohne diese Szene hätte ich vielleicht Peter Wawerzinek nie kennengelernt … Parallel zum Prenzlauer Berg existierte eine hohe Anzahl anderer Kreise, in denen man sich künstlerisch und/oder politisch engagierte, an vielen Orten, ob nun in Rostock, Jena, Dresden, Leipzig oder Halle, und manchmal bedurfte es den Umweg über Berlin, um voneinander überhaupt Kenntnis zu erlangen. Die Szene am Prenzlauer Berg lebte von Anfang an auch von dem, was von Außen kam, auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, sie kreise nur um sich selbst …

    Auf mich macht der „Abgesang“ den Eindruck, als wollte man den Prenzlauer Berg als vormals kulturelles Phänomen (Eddy Endler führte ja ironischerweise den Begriff der „Connection“ ein) endgültig schleifen. Und ich frage mich, wer ein Interesse daran hat, die Sache so erscheinen zu lassen, daß man selbst als ehemals an der Peripherie Beteiligte den Eindruck gewinnt, als habe es diese „Connection“ nie gegeben …

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    • Ja, aber Wawerzineks „Abgesang“ unterscheidet sich doch von diversen früheren Abgesängen weniger Wohlmeinend-Informierter dadurch, daß er am Ende einen Anfang setzt. Die Namensliste einiger bekannter und mancher wenig zur Kenntnis genommener Autoren trete an die Stelle des Klischees Prenzlauer Berg. Gewicht und Leistung könnten dadurch größer statt kleiner werden. Holzschnittartig: auf die 1. Phase, „Underground im Spiegel“, der zum schlagartigen Bekanntwerden führte, und die 1990 von der 2. abgelöst wurde, mit ebenso schlagartigem Fallenlassen, – das hält ja an! –, könnte ja mal eine dritte folgen, in der man die Texte selber in erweitertem Kontext neu und erstmals liest. Nicht umsonst, schien mir, schreibt Wawerzinek: „Nur keine Bange.“ (So viele Namen daraus standen selten in einer Zeitung).

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