24. Poesie lebt

… so auch in Greifswald, Domstraße Ecke Hirtenstraße. Nicht nur weil dort im Torbogen immer noch in Kreide die Namen 1933 verbrannter Autoren angeschrieben stehen, die auf Initiative von Angelika Janz im Frühjahr bei einer Gedenkaktion im Stadtbild verteilt wurden. Als ich heute im Dunkeln durch das Tor ging, sang hinter mir ein Kind laut und schön: „Ich geh mit meiner Laterne / und meine Laterne mit mir. / Hier unten leuchten die Sterne / und oben leuchtet der Mond.“ Denn Poesie heißt ja nicht, die richtig gelernten Worte zu wiederholen, wie die Erwachsenen glauben. Poesie heißt selber etwas tun: kunstvoll Klänge, Wörter und Gedanken so arrangieren (Germanisten mögen sagen: Silbenzahl, Reim, Metrum, Wechsel der Kadenz, Parallelismus und Opposition), daß einem ein unmittelbar einleuchtender neuer Sinn entgegenspringt. Thaz min líaba herza,        bi thiu rúarit mih thiu smérza. Hier unten leuchten die Sterne, und oben leuchtet der Mond.

(Aber es dauert nicht mehr lang, dann wird ihr die Schule das poetische Wesen ausgetrieben haben)

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