Katholisch – arabisch – poetisch

Michael Braun bespricht für die BaZ vom 18.9.03 neue Zeitschriften. Zwei Auszüge:

Weit näher an die poetischen Einzelheiten tastet sich in Heft 159 der «manuskripte» ein famoser Essay des Schriftstellers Martin Mosebach heran. Seine Exegese entziffert die Czernin’ schen Sonette als romantischen Idealfall der Poesie, in dem «Begriffe und Anschauungen einander die Augen aufschlagen». Mosebach geht so weit, in der Czernin’schen Elementenkunde den wunderbaren Vollzug einer «katholischen Verkörperungs- oder Inkarnationsregel» erkennen zu wollen. …

Derweil nimmt Leopold Federmair in der neuen Doppelnummer von «Kolik» (Nr. 22/23) einen zweiten Anlauf, um seine massiven Zweifel an der poetischen Dignität von Czernins Sonetten argumentativ zu untermauern. Auf die Belehrungen des «bedeutenden Dichters» und seines «Wachmanns für Ordnung» reagiert Federmair dabei mit einer etwas zu ostentativ ausgestellten Ironie, die auf der angeblichen «Überladenheit» und «historizistischen» Verbissenheit der Czernin’schen Gedichte beharrt. Bislang verwenden die Diskutanten noch zu viel Energie auf gegenseitige Kränkungen anstatt den Blick über die eigenen Begrenztheiten hinaus zu richten. Ein solch vergleichender Blick könnte zum Beispiel in den Texten des aus Dresden stammenden Lyrikers Christian Lehnert den interessanten Gegenentwurf einer religiös inspirierten Dichtung entdecken, die sich von den strengen formalistischen Exerzitien eines Czernins wegbewegt hin zu einer offeneren Poetik. In einem umfangreichen Gespräch mit der Zeitschrift «neue deutsche literatur» (ndl, 5/2003), die endlich mal wieder ein interessantes Heft vorlegt, beschreibt Lehnert das Erlernen des Hebräischen und des Arabischen als Initialzündung seiner Poesie. Wer sich mit den Wurzeln der arabischen Dichtung vertraut macht, dem öffnen sich, so Lehnert, auch «die Tore in die Tiefe der Mystik und eine Sprache, die an Musik grenzt». Der Grundfigur der arabischen Dichtung, der Suche nach der unerreichbaren Geliebten, entspreche die Sehnsucht der islamischen Mystik nach dem unsagbaren Gott. Die Wahlverwandtschaft von Gedicht und Gebet – sie erfüllt sich sowohl in den «Transsubstantiationssonetten» Franz Josef Czernins wie auch in den mystischen Schöpfungsgedichten eines Christian Lehnerts.

  • «manuskripte», Hefte 159 und 160, Sachstr. 17, A-8010 Graz, je 140 S., je Fr. 13.-.
  • «Kolik», Hefte 22 und 23, Taborstrasse 33/231, A-1020 Wien, 248 S., Fr. 24.-.
  • «neue deutsche literatur», Heft 5/2003. Aufbau Verlag. 192 S., ca. Fr. 16 .-.

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