Celan verstehen 2

Werkausgaben von Paul Celan, mochte man meinen, gibt es genug, neben all den Briefen, Autobiographien, Untersuchungen, die in den letzten Jahren erschienen sind. Gesammelte Werke in fünf Bänden, historisch-kritische Gesamtausgabe, die schöne und nützliche Tübinger Ausgabe, die die Entstehungsgeschichte der Gedichte wirklich sinnfällig macht . . . Wozu jetzt noch diese «Gedichte in einem Band»? Nun, es handelt sich um eine kommentierte Gesamtausgabe, und ein so systematischer, umsichtiger und dabei auch konzentrierter Kommentar wie dieser stand bisher nicht zur Verfügung. Barbara Wiedemann hat neben Briefen und anderem biographischem Material vor allem die Bibliothek Paul Celans ausgewertet, wobei ihr Celans Gewohnheit des Anstreichens für ihn wichtiger Stellen zugute kam. Celan lebte mit Büchern, zeitweise wohl in Büchern; nicht wenige Gedichte sind auf freien Seiten der Ausgaben anderer Autoren entstanden. …
Das Gedicht « Vom Anblick der Amseln » zum Beispiel entstand im Mai 1965 in der psychiatrischen Klinik von Le Vésinet, wo sich Celan zur Behandlung aufhielt. Einerseits konnte Celan das Wort «Amsel» mit Kafkas jüdischem Vornamen «Amschel» in Zusammenhang bringen, der wiederum mit Celans ursprünglichem Familiennamen (Antschel) identisch ist – bei seiner Aufmerksamkeit für Namensassonanzen ein wichtiger Umstand. «Vom Anblick der Amseln . . . versprach ich mir Waffen», heisst es im Gedicht, und die Kommentatorin verweist auf eine Stelle in Kafkas Tagebüchern, die Celan dreieinhalb Jahre vor der Entstehung des Gedichts angestrichen hatte.

Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 1000 S., Fr. 66.-. In der historisch-kritischen Paul-Celan-Ausgabe ist soeben erschienen: Der Sand aus den Urnen / Mohn und Gedächtnis. Band 2-3.1 (Text) und 2-3.2 (Apparat). Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 149 und 272 S., Fr. 153.-.

/ Leopold Federmair, NZZ 7.6.03

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