30. Clara Mosch in Prora

„Die andere Seite – Carlfriedrich Claus, Michael Morgner, Thomas Ranft“
Eine Ausstellung des Dokumentationszentrums Prora
2. Mai bis 28. Juni 2009 (täglich von 09:30 bis 19:00 Uhr)

Die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst hat nicht nur die „Stars“ der Neuen und Alten Leipziger Schule wie Neo Rauch oder Bernhard Heisig hervorgebracht, sondern auch die Maler der legendären Künstlergruppe „Clara Mosch“. 1977 fanden sie sich in Adelsberg, einer Vorstadt der damaligen Karl-Marx-Stadt, zusammen und formten anagrammhaft aus ihren Anfangsbuchstaben den Namen ihrer Gruppe: CLA wie Carlfriedrich Claus, RA wie Thomas Ranft und Dagmar Ranft-Schinke, MO wie Michael Morgner und SCH wie Gregor-Torsten Schade. Zusammen eröffneten sie in einem ehemaligen Tante-Emma-Laden eine der wenigen privaten Produzentengalerien in der damaligen DDR. Als eine „Notgruppe angesichts der Situation qualitätslosen Sozialistischen Realismus‘“, so Morgner, sah sich die Gruppe. Sie einte die Ablehnung des Realismus, ein eigenes Programm oder Manifest hatten sie nicht.

Das Dokumentationszentrum Prora zeigt 27 Jahre nach der Auflösung der Gruppe 1982 Radierungen und Lithografien von Carlfriedrich Claus, Michael Morgner und Thomas Ranft.

Die Grafiken von Carlfriedrich Claus faszinieren immer wieder durch die „visuelle Poesie“, die ihnen inne wohnt. Sie bestehen meist aus einer Art Mikroschrift, die sich zu einem abstrakten Gebilde zusammensetzt. Ganz anders sind die großformatigen Bilder und grafischen Blätter von Michael Morgner. Sie sind gekennzeichnet durch einen expressiven Gestus, informell-düstere Hintergründe und schwermütige Themen gekennzeichnet. Spätestens Ende der 70er Jahre fand Morgner zu seiner eigenen Formensprache. Er hat sich nie Moden unterworfen, sondern kontinuierlich an seinem eigenen Kunstverständnis gearbeitet.

Carlfriedrich Claus in L&Poe: 2003 Okt # Gerhard Wolf 75; 2005 Aug #18. Carlfriedrich Claus – der mit Worten zeichnete;  Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; Okt #2.  Atemlos staunend; 2006 Mrz #39. Hegewalds Luftkarten; 2006 Aug #67. Handke, Becker, Claus; 2008 Aug #67. Lautland DE; 2008 Aug #77. Scherstjanoi liest Scherstjanoi;

123. Ilana Shmueli aus Czernowitz

Do 28.5. 20:00

Du bist so nah – und wieder nicht

In Lesung und Gespräch Ilana Shmueli Autorin, Jerusalem  Moderation Thomas Sparr Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.  Einführung André Schmitz Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin

Ilana Shmueli (*1924 Czernowitz), die frühe und späte Freundin Paul Celans, bezeugt durch ihr Werk und ihr Leben eine ganze Epoche europäischer Lyrik. Über die Begegnung mit Celan hat sie ein Buch verfasst: „Sag, daß Jerusalem ist“ (Edition Isele 2000). Im Suhrkamp Verlag erschien 2004 ihr Briefwechsel mit Paul Celan von 1967 bis 1970. Ilana Shmueli schrieb Gedichte „Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt“ und das Buch „Ein Kind aus guter Familie. Czernowitz 1924–1944“, aktuell erschienen ist „Zeitläufe – ein Brief“ (alle Rimbaud Verlag). Im Mai wird ihr Werk mit dem Theodor Kramer Preis, vergeben für Schreiben im Widerstand und im Exil, ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: „‚Spät und tief‘ sind die Gedichte Ilana Shmuelis auf uns gekommen, wie aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum. Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, die Erfahrung, unbeheimatet und sprachlos zu sein, ist eine der Wurzeln, aus denen ihre Dichtung hervorwächst. Und dennoch verbinden sich ihre Verse in äußerster Verknappung des Ausdrucks mit einem reichen Strom von Vorstellungen. Es ist eine große Lebendigkeit, die hier von sich zeugt, die gegen Enge, Kälte, Vorurteil anrennt. Shmuelis Dichtung ist ‚Zwischenruf, Einspruch, Widerwort, Aufschrei‘“. Seit 1944 lebt Ilana Shmueli in Israel und hat die Sozialpädagogik des Landes mit aufgebaut.

In Lesung und in einem Gespräch mit Thomas Sparr, Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags, lernen wir Ilana Shmueli kennen. Auszüge aus dem Film „Der Klang der Worte – Deutsche Sprache in Jerusalem“ (2008, Regie: Gerhard Schick) machen mit ihrem Leben in Israel vertraut.

 

Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Suhrkamp Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Institutes.

 

Kontakt:

Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97/Kulturbrauerei
10435 Berlin

mail@literaturwerkstatt.org

 

Verleihung des Theodor-Kramer-Preises, Der Standard / Die Jüdische

81. Pier Paolo Pasolini

Eine verkehrte Geschichte, eine verdrehte Geschichte, eine verstellte Geschichte: Mehr als drei Jahrzehnte nach dem grausamen und bis heute nicht restlos aufgeklärten Tod des Poeten im Schmutz der vor den Toren Roms gelegenen Hafenstadt Ostia ist sein Name noch immer gegenwärtig. Nicht aber mehr sind es jedoch seine Dichtungen, obwohl sie zum Schönsten gehören, was das vorige Jahrhundert an lyrischer Poesie hervorgebracht hat: „E quale forza nel voler mutare / il mondo – questo mondo perduto / in malinconie, in allegrie pasquali…“ („Welche Kraft liegt im Wunsche, / die Welt zu verwandeln, zu erlösen / aus Schwermut zu österlichen Freuden . . . „).

Man stelle sich einmal vor, von Dante Alighieri sei nur noch das Prosawerk greifbar – und auch dieses nur unvollständig -, nicht aber mehr das große Versepos der „Divina Commedia“ und die Lyrik. Im sonst so italienfreudigen Deutschland ist eben dies die desolate Editionslage des Werks von Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Hier ist trotz früherer Ausgaben und vorhandener Übersetzungen seit Jahren keine einzige Auswahl oder Sammlung seiner Gedichte im Buchhandel mehr lieferbar, was eine Schande ist, die man gar nicht genug beklagen kann.

Aber auch Italien scheint mit „il poeta Pasolini“, wie die Trauerrede des Freundes und Kollegen Alberto Moravia gewiss nicht nur der Alliteration wegen prononcierte – damals, als Tausende von Menschen dem Sarg mit dem von brutaler Gewalt bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichnam durch die verstopften Straßen der römischen Altstadt folgten -, eine ganze Tradition zu Grabe getragen zu haben: Seit den Tagen Dantes galt ihr der Dichter als eine persona publica, die auf gleicher Augenhöhe mit den Mächtigen an einer öffentlichen politischen Kultur teilhat.

Diese liquidiert und durch die telekratische Seifenoper ersetzt zu haben, ist das Resultat der Ära Berlusconi, die einschneidender und irreversibler noch als die faschistische Ära ist, welche mit Mussolinis Abtritt so rasch zerplatzte, als habe es sie nie gegeben. / VOLKER BREIDECKER, SZ 11.5.

Pier Paolo Pasolini „Wer ich bin“. Bis zum 1. Juni im Museum Strauhof, Zürich, Augustinergasse 9; http://www.strauhof.ch. Anschließend (14.6.- 6.9.) im Centre Dürrenmatt Neuchâtel; danach (17. 9. – 22.11.) im Literaturhaus und Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

31. Peter Geist, aus der Laudatio zum Huchelpreis für Gerhard Falkner

Es ist hohe Zeit, den Gründen nachzuspüren, warum seit Erscheinen seines ersten Gedichtbandes „so beginnen am körper die tage“ 1981 die Rezeption des Falknerschen Werkes kontinuierlich nur zwei Amplituden kennt – die begeisterte Aufnahme wie die schroffe Ablehnung, und wie diese seltsame, ihresgleichen suchende Kontinuität mit gesellschaftlichen Verfasstheiten offenbar koinzidiert. Denn die Falknersche Lyrik stach stets traumsicher in die Wundstellen jeweiliger Selbstvergewisserung deutscher Kultur der sublimeren Art, die gewohnt war, politisch zu sortieren oder grob-ästhetisch, und die nun einem Rätsel standhalten sollte. Es muss ja Gründe geben, dass 2006 ein weitaus jüngerer Lyriker, Steffen Popp, zum Erstlingswerk notierte:

„Eine Art Efeu, gelangt das Sprechen an dieser Kontur, diesen Linien aus Vergeblichkeit und Schmerzen, zu einer Form; getrieben vom Willen zur Fassung der Situation, zur Behauptung einer eigenen Wirklichkeit, entwirft Falkner seine Gedichte um Momente des Außerordentlichen, Momente des Intensiven, der unverhältnismäßigen Durchdringung oder einfach nur des Gelingens, die es gegen eine in ihren Verhältnissen ruhende Welt zu verwirklichen gilt.“

Mich an meine eigenen starken Glücksgefühle bei der ersten Lektüre des Luchterhand-Bändchens erinnernd, bin ich mir sicher, dass es kein Zufall sein kann, dass diese seltene Art von Nobilität seit einigen Jahren von nachgewachsenen Lyrikern wie Steffen Popp, André Rudolph oder Uwe Tellkamp als beerbbar gilt, angesichts des Endlosgeplappers ringsum.

Gehen wir aber zunächst fast dreißig Jahre zurück: Der Zustand weiter Bezirke der bundesrepublikanischen Lyrik Anfang der achtziger Jahre lässt sich in wenigen Stichworten beschreiben: Es dominierten Befindlichkeitsgeschwurbel, die Wiederentdeckung der Form als Häkelarbeit, Oberflächenbebilderung und Drittaufgüsse der einstmals innovativen „konkreten Poesie“. In diese Landschaft siedelte nun plötzlich eine Dichtung, deren Fahnenworte „Schönheit“, „Erhabenheit“, „Sprachraffinesse“ hießen, und als wären solche Entlegenheiten nicht genug, von Anfang an verbunden war mit essayistischer Analyse und Polemik, etwa in Richtung der Brinkmann-Adepten: „Die Warenscheinlichkeit unserer Gesellschaft und die Verschleierung der Herrschaft ist zu infam, als daß sie sich in einem Spot auf Supermärkte ‚erkenntlich’ zeigen würde. (…) Jede Kunst, die meint, es genüge, abzubilden oder zu wiederholen, was oben auf der Hand liegt, übersieht neben ihrer ostentativen Belanglosigkeit auch ihr affirmatives Agens. Die ‚ungekünstelte’ Sprache ist eine beherrschte Sprache.“ / so beginnen am körper die tage 73f.) Die Einsicht in die Warenförmigkeit auch der randständigen Lyrikproduktion ermöglichte es Falkner, illusionsloser als viele seiner Kollegen, die Zusammenhänge zwischen Herrschaftsdiskursen und Poesie auszuleuchten. …

Gerhard Falkner unternahm in den achtziger Jahren ein einsames Abenteuer, gleichsam als Foucault der deutschen Poesie. Er unterzog die Möglichkeiten poetischen Sprechens einem Härtetest, indem er poststrukturalistische Maximen wie Stimmensplitting, Dekonstruktion, Abkehr vom Individualstil, intertextuelles Verweisspiel in seinem dritten Gedichtband „wemut“ anwandte und zugleich überprüfte. Mit Verve entwand Falkner „alte“ Grundworte des Poetischen wie „Seele“, „Atem“, „Glanz“, „Asche“, „Blume“, „das Schöne“ der Vernutztheit, konfrontierte sie mit den Zeichen einer zunehmend totalitär verwalteten Digitalwelt, band sie in kühne Metaphern, in überraschungsstiftende Vorgänge ein, so dass sie wieder zu Kräften kommen konnten. …

Ich erinnere mich, in der DDR-Lyrik der siebziger/achtziger Jahre war es … etwa Usus geworden, Hölderlins „Komm ins Offene, Freund“ aus „Der Gang aufs Land“ der Deskription beengter Verhältnisse im ummauerten Land entgegenzusetzen. Dieser einleuchtenden Billigkeit binärer Konstellationen konnten sich nur Erich Arendt und Volker Braun durch Materialausfaltungen wirklich einigermaßen entziehen. Falkner dagegen ist in Teilen seiner Poetik, in der traumsicheren Beherrschung der Formenklaviatur, in der Auffassung der numinosen Dichterexistenz Hölderlin immer schon so beängstigend nahe gewesen wie kein anderer Lyriker der Gegenwart. Deshalb kann er anders ansetzen. Hierfür ein Beispiel:
Hölderlins alpine Sängerelegie „Heimkunft“ endet mit den Versen:

Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?
Aber ein Saitenspiel leiht jeder Stunde die Töne,
Und erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.
Das bereitet und so ist auch beinahe die Sorge
Schon befriediget, die unter das Freudige kam.
Sorgen, wie diese, muß, gern oder nicht, in der Seele
Tragen ein Sänger und oft, aber die anderen nicht.

Falkners Gedichte nehmen diesen Ton behutsam auf, sie tragen ihn an einen dritten Ort: den des entgegnenden Gedichts. So hebt sein „Karneval der Sorge“ an: „so auch / beinahe die Sorge, bey nahe / ihre krasseste sogar / so auch, ihr Sinn; groß wie Gras / gräselndes (tänzelndes) Gras“. Der erhabene Gedichtgang wird später allerdings durchstört durch moderne Kraftworte, die in dieser Textumgebung als Fremdkörper erscheinen:

„…
komplett verplant / das unermesslich traurige
Entzüken ihrer Ungerichtetheit, ihre Gunst
nicht zum Spiele genommen
der Engel Netzwerke
verplempert
(u)nd alles Erhabene nur zur Ergötzung
der Knallköpfe noch/“

12. Aus Erregung

Wenn der 1951 geborene Dichter Gerhard Falkner regelmäßig seine polemischen Blitze auf die Lyrik-Szene schleudert, ist es ratsam, in Deckung zu gehen. Denn der Zorn des „Minnesängers der Moderne“ (Kurt Drawert über Falkner) ist gewaltig. Falkner spricht – und die Gattung erbebt. Zuletzt hatte er in einer Philippika in der Literaturzeitschrift Bella triste Hiebe ausgeteilt und sich zum Dichterkönig inthronisiert. Der neue „Ausdrucksglanz“ der Generation der 30- bis 40-Jährigen, so ließ Falkner wissen, habe seinen Ursprung in den von ihm selbst in den 1980er Jahren entwickelten Sprechweisen. Diese programmatische Unbescheidenheit stieß auf heftigen Widerspruch.
Wer nun die Gelegenheit wahrnimmt und Falkners 1981 veröffentlichten und im vergangenen Jahr wiederaufgelegten Erstling „so beginnen am körper die tage“ auf seine antizipatorische Kraft hin studiert, der erlebt tatsächlich eine Überraschung. Diese Gedichte haben auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Erstveröffentlichung ihre Frische bewahrt. Diese frühen Gedichte, so Falkner im Rückblick, „überfielen mich wie Schweißausbrüche…, sie gründeten nicht auf Ehrgeiz, sondern auf Erregung“. Dieses körperhafte Erregungspotenzial und ästhetische Schönheitsverlangen findet man auch in den nachfolgenden Bänden „der atem unter der erde“ von 1984 und „wemut“ von 1989. / Michael Braun, Badische Zeitung 3.4.
Bericht über die Preisverleihung in Staufen, Badische Zeitung (Poesie-Kicks eines Andersdenkenden)
Eine Aufzeichnung der Preisverleihung soll am 4. April von 14.05 bis 15 Uhr in SWR2 gesendet werden.

– Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2008. 110 Seiten, 19,60 Euro.
– so beginnen am körper die tage. Gedichte. LyrikEdition 2000, München 2007, 104 Seiten, 11,50 Euro.

9. Auch ich war ein Wendegewinnler

Wenn ein Gedicht und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt dunkel, muß das nicht immer am Gedicht liegen.

Wo habe ich das gelesen oder erlebt?

Bei Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. Aber es muß die zweite Ausgabe sein, die in der Sammlung Luchterhand 1984. – Die legendäre Sammlung Luchterhand. Das erste Bändchen, das ich in der Hand hielt: Serienfuß von Ernst Jandl. Das und kein andres nicht gabs in den Buchhandlungen, wo ich lebte, aber die Universitätsbibliothek in Rostock besaß einiges. Entdeckungen meiner Rostocker Studienjahre: Eben Jandl. Arno Schmidt. Oskar Pastior. e.e. cummings.

1990 oder 91 – wieder zu Luchterhand – brachte mit der Wende den Zusammenbruch des phantastischen literarischen Programms dieses Verlags. Es heißt, der Verlust der nun nicht mehr nötigen Lizenzen für Ostautoren wie Christa Wolf habe zu diesem beigetragen. Der Untergang war mein Einstieg. Ich war gerade – auch wendebedingt – in Essen. Eine Buchhandlung hatte hunderte Taschenbücher der Sammlung Luchterhand. Der Verlag verramschte seine Bestände. Vieles war damals möglich. Im Rausch der östlichen Gründerjahre kaufte ich auf gut Glück für über 500 Mark Luchterhandbände für die Greifswalder Bibliothek, im Dutzend noch mal billiger. Es gab ja fast nichts, da war das ein Grundstock. Die nahmen das damals auch: heute undenkbar. Und noch mal für mich selbst ramschte ich auch für eine dreistellige Summe. Vieles von Jandl: selbstporträt des schachspielers als tickende uhr; der gelbe hund; serienfuss; jandl für alle; Die schöne Kunst des Schreibens; Idyllen; der künstliche baum; die bearbeitung der mütze; dingfest. Die Sammlung Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in.der DDR. Bände von Hans Arp, Peter Härtling, Peter Bichsel… Nicht zu vergessen frühe Jahrgänge des damals „Luchterhand Jahrbuch der Lyrik“, das nach zwei Verlagswechseln nun verblichen ist. Es waren wilde Jahre. Nicht nur Bananen- und Altautohändler: auch ich war ein Wendegewinnler.

Ein paar Jahre später bekam ich ebenfalls aus der Ramschmasse zwölf Bände Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe (D.E.Sattler – die nicht abgeschlossene Taschenbuchausgabe aus der großen Sattlerausgabe.) Jetzt wird die 12bändige chronologische Ausgabe Sattlers verramscht – ein Fest für alle, die nicht mal eben 400 Euro für Hölderlins Gesänge ausgeben können. In Gerhard Falkners Band „Hölderlin Reparatur“ kann man schon mal studieren, was man da erwarten und was damit machen kann. Das ist keineswegs, wie ein wirklich verehrter Kollege meinte, eine Verspottung der Sattlerausgabe – im Gegenteil.

Falkners Erstlingsband war nicht in meiner 1990er Beute. Weder Zeit noch Geld noch Tragekapazität reichten, um den Fundus komplett durchzusehen. Dies und anderes fand ich ein paar Jahre später, nachdem ich über Galrev auf den Autor aufmerksam wurde. (Sascha Andersons Spitzelberichte, wie über seinen Freund Papenfuß, finde ich abscheulich, aber ich danke ihm für manche Gedichte und für viele tolle Gedichtbände von Autoren, die er gedruckt hat, das glaube ich, nicht um sie in seine Kumpanei zu ziehen, sondern weil er sie bewunderte, hidden gentlemen. Sie sollen sich nicht einreden lassen, daß sie sich der Nachbarschaft schämen müßten. Schändlich ist so vieles, mehrmals in den letzten Jahren und Wochen! war ich veranlaßt, Max Liebermanns Diktum von 1933 zu zitieren: man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen müßte. In Politik und Wirtschaft gibt es schlimmere Übelstände: aber das Ignorieren guter Bücher, guter Autoren aus Gründen moralischer Selbsterhöhung ist auch ein großes Übel. Bei Galrev erschienen Gerhard Falkner, Thomas Kunst, Richard Anders, Andreas Koziol, Thomas Böhme, Uwe Greßmann und viele andere: jeder einzelne aller Beachtung wert.

Gerhard Falkner erhält morgen in Staufen den Peter-Huchel-Preis für seinen jüngsten Band. Schon der erste war durchaus preiswürdig. Entzückt finde ich beim Blättern Zeilen, Metaphern, manche mit Bleistiftstrichlein: „allenthalben blüht schon der seidelbast“ –  „eiserne finken“ – „rosenscherbe“ – „alles das ich abgeschaut der leise gewirbelten brust, das unvorhergewünschte auf die körper gespielte licht“ – wow! Und die „aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr“, die noch nicht in der 1981er Ausgabe standen, auch die schon wie aus der „Hölderlin Reparatur“. Falkner ist, was immer er sonst noch ist oder sein will: auch ein Humorist. Wehe, wenn man das Grinsen hinter mancher Gebärde übersieht! L&Poe gratuliert zur allfälligen Ehrung!

151. Was gute oder schlechte

Gedichtbände sind, ist seit je und naturgemäß umstritten. Was der eine für preiswürdig hält, ist dem andern der letzte Scheiß. Wer wüßte keine Beispiele? Man müßte ihm Kennerschaft absprechen.

Matthias Kehle hat es gefallen, in seinem Blog am 28.3. eine in der Lyrikzeitung dokumentierte Rezension der Anthologie „Laute Verse“ (nicht „Lauter“!) als schlecht zu bezeichnen. Das ist sein gutes Recht; indes seine Argumentation ist dürftig. Der Rezensent habe „offenkundig keine Ahnung von Gegenwartslyrik“ und „das nötige Vokabular“ fehle ihm auch. Argumente sind das gerade nicht, es sind Behauptungen. Die Mühe einer Beweisführung macht sich der Kritikerkritiker nicht. („Offenkundig“ ist das nicht, man müßte es schon zeigen.) Er seufzt: „Eine Kritik, die richtig weh tut.“ Und holt sich Trost: „Wie wohltuend sind da etwa die Rezensionen im Poetenladen!“

Ich meinerseits bewundere, was der „Poetenladen“ im Netz und auf Papier so alles zuwegebringt. Und ich habe großen Respekt vor Leuten, die es schaffen, im Journalismusgeschäft die Fahne der Poesie hochzuhalten, wie das Tomas Gärtner in Dresden tut. Zwölfmal in den letzten Jahren bin ich zufällig auf Relevantes in seiner Dresdner Zeitung gestoßen (die ich hier nicht zur Verfügung habe). Er hat über Gerhard Falkner, Gregor Laschen, Uwe Tellkamps Nautilusprojekt oder den tschechischen Lyriker Petr Borkovec geschrieben oder über Lesungen von Autoren wie Thomas Kunst, Franzobel oder Michel Deguy in Dresden. Namen, die nicht in jeder deutschen Tageszeitung vorkommen. Wie gut, daß es Leute wie Tomas Gärtner gibt, die nicht nur Gedichte lesen, sondern ihnen auch Platz im öffentlichen Raum jenseits unserer Poesiereservate ertrotzen!

100. „Verständliche“ Lyrik (2)

Ein Hörbericht von Bertram Reinecke (Fortsetzung von #99)

Thomas Kunst

Einer gewissen Umstellung im Zuhören bedarf es heutzutage schon, wenn jemand Sonette liest. Die Reime und festgelegten Zäsuren dieser Textform wollen antizipiert werden, will man das Spiel mit deren Brüchen mitbekommen. Dieses Spiel weiß Thomas Kunst sehr nah an der klassischen Form zu inszenieren. Ohne aufdringlich technizistisch zu lesen, arbeitet der Autor in seinem Vortrag die metrisch rhythmischen Verhältnisse und die Versenden heraus und was bei unaufmerksamer stiller Lektüre wie kleine zufällige Konzessionen an den Inhalt erscheinen mag, erweist sich als äußerst kaltschnäuzig gesetzt.

Ebenso weiß er, dass ein Gegenstand, der von Inhalt und Größe gänzlich der Form angemessen wurde, ein Sonett vielleicht gravitätisch aber nicht zugleich interessant macht. Ein Gegenstand muss, anders als es die trockene Lehre sagen mag, wohl etwas kleiner, oder etwas größer sein, als es die Form eigentlich zulässt. Im ersten Falle wird Freiraum für unselbstverständliche, auf andere Wege führende Bilder geschaffen, im zweiten nimmt die Spannung zur Form zu oder man ist zu überraschenden Raffungen gezwungen. Ein weiterer Kunstscher Schachzug besteht darin, die Gedankenarbeit des Sonetts ins Balladeske aufzulösen.

Es scheint eine Sonetttisteneigenheit zu sein, sich öffentlich an ihrem Verleger zu reiben. Was von Andreas Reimann bekannt ist, tat Kunst ihm nach: Er las nur wenige Sonette und danach ostentativ aus seinem neuen Band, der sei „viel besser“. Diese Texte sind in der Tat ganz anders, aber ebenso hörenswert. Es handelte sich hauptsächlich um Rollengedichte, teils mutwillig wie Brautigan, teils von schräger Symbolik aufgeladen. Es zeigte sich, dass die Rollensituation dort ihre höchste Kraft erreicht, wo die Fiktion des Autorenichs (wohlgemerkt nicht er und nicht seine Biografie) in den Rollentext poetisch hineinregiert.

Gabriel Rosenstock.

Ähnliches intendierte wohl auch Gabriel Rosenstock mit seinen Gedichten, die Hans-Christian Oeser ins Deutsche übertrug. Ohne über die gälischen Originale etwas sagen zu können, fiel positiv auf, wie unaufdringlich es dem Übersetzer gelang, die lautlichen Gleichklänge des Originals ins Deutsche zu retten. Auch hier gab es balladeske Elemente, Überraschungen (z.B. einen Wecker, der im Kühlschrank das Gemüse aufschrecken lässt), alles schien mir aber einen Tick zu auserzählt und überdeutlich. Für einen Songtext, der auf Redundanzen angewiesen ist, weil man nicht jedes Wort versteht oder einzelne Teile musikalisch konterkarieren kann, mag das angemessen sein, auf einer Lesung möchte man doch mehr beschäftigt werden. Man kann zum Beispiel seine Freundin mitbringen: Sie hatte ihren Kopf auf seiner Schulter abgelegt und er streichelte sie und beide hatten bei gedämpftem Licht in wohnzimmergemütlicher Atmosphäre wohl einen romantischen Abend. (Man stelle sich das Gleiche auf einer Czerninlesung vor.) Nicht jeder lyrische Text dient allein dem literarischen Wohlgefallen.

Die deutschorthodoxen Mönche des Klosters Buchhagen

Die deutschorthodoxen Mönche des Klosters Buchhagen haben in, wie sie sagen, jahrelanger Praxis von Gebet und Meditation den Psalter neu ins Deutsche übertragen. Gemäß ihrer orthodoxen Tradition nicht wie Luther unter Zugrundelegung der Vulgata, sondern nach der Septuaginta. Weitere Maßgabe für die Übersetzungen, die sie in einem Konzert in der Leipziger Petruskirche mehr oder minder zufällig zur Buchmessenzeit in Rezitation und Gesang vortrugen, war die bessere Singbarkeit. Stärker noch als im Gesang war in den Rezitationen zu spüren, dass dazu vor allem die syntaktischen Einheiten von der Länge aufeinander abgestimmt wurden. Sehr kurze (zwei betonte Silben pro Einheit) mehr aber noch lange (mehr als vier betonte Silben pro Sinneinheit) wurden scheinbar möglichst gemieden. Die Mönche singen die Psalmtexte nach tradierten Neumenmelodien. Die Psalmen müssen damit ebenso der syllabischen wie der melismatischen Singart zugänglich sein. Vokabulatorisch blieben aber ältere Übersetzungen stilbestimmend. Nach Aussage der Mönche hatte diese das Ziel, die Texte in eine heilige und nicht in eine profane Sprache zu übertragen. Gerade diese Nähe zu älteren Vorlagen stellt also einen weiteren wesentlichen Unterschied zum poetologischen Programm eines Luther oder Zwingli dar.

Sandra Trojan

Die Texte von Sandra Trojan sind mir lange vertraut. Sie gehört also eigentlich nicht in den Kontext dieser Rezension. Dennoch möchte ich Ihnen diesen sperrigen Hörtext (ein Anagramm), der, sperrig vorgetragen, dennoch einen Sog entfaltet, dem zumindest ich mich nicht entziehen kann, nicht vorenthalten.

Schlafton

Tim Turnbull: „Es lebt!!“ Gedichte englisch und deutsch von Norbert Hummelt, Birgit Kempker, Norbert Lange, Ulf Stolterfoht, Hans Thill und Jan Wagner, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein, broschiert ISBN 978-3-938767-58-0 17 x 12 cm, 182 Seiten Euro 12.-

Kunst, Thomas: „Estemaga“ Sonette 96 Seiten Edition Rugerup ISBN: 978-91-89034-25-9 14.90 €

Rosenstock, Gabriel: „Ein Archivar großer Taten“ Ausgewählte Gedichte 128 Seiten Edition Rugerup englische Broschur ISBN: 978-91-89034-17-4 17.90 €

„Die Psalmen deutsch aus der Septuaginta“ Format 12 / 18,5 cm, 288 Seiten zweifarbig feste Bindung Leder mit Blind- und Goldprägung. ISBN 978-3-926236-07-4 24,- Euro

Sandra Trojan: Um uns arm zu machen. Gedichte. . Leipzig: poetenladen 2009 ISBN 978-3-940691-10-1 80 Seiten, 13,80 Euro Gebundene Ausgabe

 

99. „Verständliche“ Lyrik

Ein Hörbericht von Bertram Reinecke

Dieser Text soll einige Lyriker würdigen, die auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu hören waren. Teilweise weniger bekannt, können sie vielleicht dem Bild, was Lyrik ist oder sein kann, einige Bausteine hinzufügen. Eine Rezension nur vom Höreindruck zu schreiben, ist ein Experiment. Da ich selber mit diesem Verfahren (schriftlich) wenig Erfahrung habe, verzeihe man mir, wenn ich hier vornehmlich zugänglichere Lyrik behandele.

Tim Turnbull

Lesebühnenliteratur (spoken word poetry) muss man mögen. Ich mag sie tendenziell weniger. Tim Turnbull ist da eine Ausnahme. Der Eindruck, dass er die Klischees vermeidet, die sich in den Texten solcher deutschen Veranstaltungen oft zu einem honigartigen Brei jugendlicher Befindlichkeit verdichten, mag noch von meiner Unkenntnis ihrer Gegenstücke in britischen Gefilden rühren. Sein Mut zu stilsicherem Rollensprechen, das nie bloß theatral wird, sondern immer von Understatement im Zaum gehalten bleibt (er tritt in schwarzem Anzug auf), machen seine balladesken Formen vital. Zwar leben auch seine Texte von interessanten oder randständigen Typen, zwar nutzt auch er scharfe Zeichnung und Übertreibung, doch ohne in bukowskihafte Übertreibung abzugleiten. So wirken seine Texte burlesk, sinnlich und frisch. Trocken und unprätentiös trug Norbert Lange dazu deutsche Übersetzungen vor, was diesen positiven Eindruck unterstrich.

Paul Bogaert

Während sich Tim Turnbull somit weit auf das gesprochene Wort einlässt, wählt der Flame Paul Bogaert einen anderen Weg: Er zeigt alle Texte zeitgleich auf Leinwand. Das tut den Texten gut, denn unmittelbar einleuchtend sind die nicht immer. Von der vokabulatorischen Streubreite allgemein und von dem Flow der Wortfolge erinnerten sie mich (dies ins Unreine gesprochen; Stichprobe: BELLA 17) an Daniel Falb. (Auch dessen Wortfolgen wirken auf mich von der Trockenheit der Setzung auf der einen Seite und und der anspruchsvollen Vermeidung des „Zwingenden“ auf der andern immer etwas wie Nachdichtungen. Freilich sind Bogaerts deutsche Gedichte ja tatsächlich Übertragungen.) Anders als Falb verzichtet Bogaert auf grammatische Lyrismen (z.B Genitivmetaphern aus Substantiv plus Adjektiv und Abstraktum usw.), spricht privater (mehr „ich“ und „du“ statt „wir“) und ein situativer Rahmen oder Mikroplot scheint deutlich durch. Diesen letztgenannten Zug mag mancher als konventionelle Rücksicht kritisch beäugen.

Radikal anders wird die Wahrnehmung, wenn Paul Bogaert einen Text als Powerpointpräsentation darbietet. Was schon als Jokus glänzend funktioniert, dringt gleichzeitig in tiefere poetologische Schichten vor. Der Klingsche Hinweis, dass jedes Gedicht eine Liste sei, bleibt insofern an manchem Gedicht abstrakt, als dass die Kriterien, warum die einzelnen Wörter des Textes genau auf diese Liste gekommen sind, oft verborgen bleiben. Eine hierarchische Gliederung dieser Liste (und nichts anderes tut ja eine solche Präsentation) lässt dagegen tiefere Einblicke in das Programm des Dichters zu. Die Spracharbeit wird gegenüber der bildgebenden Arbeit dominant. Eine ähnlich deutliche Verschiebung erreicht der Autor in einem Poetryfilm. Einem Loop einer Filmszene, die zeigt, wie Sekretärinnen einem Diktat folgen, wird ein eigener Text unterlegt. Dies radikal ökonomische Mittel multimedialer Verfremdung bewirkt dennoch, dass alle Spielzüge des Textes sich umwerten.

Hier lassen sich also Konvergenzprozesse zwischen eher traditionellen und eher experimentellen Verfahren beobachten. Diese in Stolterfohts umstrittenem Aufsatz in der BELLA triste ausgerufene Tendenz verfolgen andere, wie die Zeitschrift lauter niemand, allerdings schon seit Jahren. Sie widmen zudem nun dem problematischen Thema politische Lyrik einen Wettbewerb. Ob das politische Gedicht, seit Jahren lautstark gefordert, mit der Krise und dem auf seltsame Weise dazu passenden Gedenken an die friedliche Revolution scheinbar noch aktueller geworden, dadurch in größerer Breite auftreten wird, bleibt ebenso abzuwarten wie etwa Axel Kutschs Deutschlandbuch oder die Sammlung politischer Gedichte von Rotbuch.

Els Moors

Souverän und sympathisch trug die in den Niederlanden bei ihrem Debut gefeierte Dichterin ihre Texte vor, die deutschen dabei mit einer Sprachfärbung, die auch ständig wiederkehrende weiße fickende Kaninchen weniger wie einen knalligen Effekt, als eher wie etwas ausgesprochen Possierliches wirken ließ. Würden die Texte in perfektem Hochdeutsch weniger anmutig sein? Wäre das ein Einwand? Diese Eigenart ist letztlich ja nicht unwillkürlich. (Man hätte die deutschen Fassungen wie bei Tim Turnbull einem Muttersprachler übergeben können.) Insofern profitierten die Texte von ähnlichen Stilmitteln wie die der Wiener Mundartdichtung auf ihre Weise. Und dass der schriftliche Text dem mündlichen notorisch unterlegen scheint, damit muss ein Michael Lentz ebenso leben wie ein Czernin. Auch hier unterscheiden sich also „konventionelle“ Texte nicht unbedingt von experimentellen. Und eine Rezension über mündliches Material wird mehr als eine Spielerei, sondern hinterfragt die medialen Gewohnheiten. Es wäre zu mutmaßen, ob das Aussterben metrisch geordneter gereimter Formen jenseits aller poetologischen Debatten nicht vor allem mit dem Aussterben unseres mündlichen Umgangs mit Poesie zu tun hat. Ebenso wäre vielleicht das Überhandnehmen von Alliteration und Binnenreim, das von Daniel Graf in Neubuch und Lyrik von Jetzt Zwei (lesend) konstatiert wurde, vor allem Effekt der neuen Lesungskultur.

(Teil 2 folgt)

 

130. Aus der Lesbarkeit befreit

bei sachgemäßer lagerung
halten unsre tage acht, vielleicht

zehn stunden, bevor sie
zu goldstaub zerfallen; es ist dann

ungefähr sechs, ein altes
augenleiden hindert uns

an der weiteren lektüre von
papas randnotizen zu mamas brief;

(„lassen wir den kram erstmal liegen“).
nach einbruch der dunkelheit,

flimmern und klammern, – singen die
antennenfische wieder ihr lied, es handelt

vom fließtext der leiber, der uns
aus der lesbarkeit befreit

Selbstannoncierung auf Bitte des L&Poe-Herausgebers. – Das Gedicht gehört zu einem Zyklus von 46 Texten, die das Zentrum meines ersten Gedichtbandes bilden. In diesem Text ist viel von dem enthalten, worum die meisten Gedichte dieses Bandes kreisen: Die Erprobung von Möglichkeiten zu einer weiteren Denaturierung der Restnatur, die in meinen Texten nicht als Ergebnis von Beschreibung oder Beobachtung figuriert, sondern als Konstruktion auf- und ausgestellt wird. Ornamental und broschiert. Die Psycho-Histoire, die im vorliegenden Gedicht auf der Ödipusfolie die Frage nach der Lesbarkeit der eigenen Geschichte in der Spannung zu (und zwischen) den Vorfahren beiderlei Geschlechts stellt. Was lesen wir bei Papa und Mama? – Diagnose Verfinsterung. Erhellt lediglich von der vielleicht heillosen, aber irgendwann doch in Aussicht gestellten Erlösung von allen diesen komplexen Lektüren. Seelentext und Eschatologie. Vielleicht wirklich einfach die Hände sinken lassen, und Ruh’? – Schließlich das in fast allen Gedichten wiederkehrende Thema der Textualität selbst. Sollte es uns gelingen, unsre restinnerliche Bewegtheit in eine reflexionsfreie körperliche Textur münden zu lassen, könnten wir uns vielleicht (selbst) in die Freiheit entlassen. Ja, das klammernde Selbst. Irgendwo zwischen Derrida und Münchhausen ist das hier angesiedelt; nicht ganz utopiefrei, und doch jegliche Realisierung gänzlich dahingestellt. Allein der Fernseher lebt uns vor, wie das geht. Sex-Test-TV. – Und also das alles hineingestellt in ein ironisches Lachen, das sich danach sehnt, ein irenisches zu werden.

/ André Rudolph

Andre Rudolph: Fluglärm über den Palästen unsrer Restinnerlichkeit. Gedichte. Mit Illustrationen von Annette Kühn. Christian Lux, Wiesbanden 2009. 104 S., 18,50 Euro. (www.luxbooks.de)

143. Neue Generation?

Früher schmückten sich manche Publikationen mit den Köpfen ihrer Klassiker – drei oder vier, je nachdem. Heute übernehmen die Werbeabteilungen diesen 1a Werbeplatz – oder gleich Google. Auf der Seite der Tageszeitung Die Welt vom 21.3. mit den eben vorgestellten Sammelrezensionen prangt der Kopf von Adolf Hitler neben dem Text „Zweiter Weltkrieg. Wie weit war Hitler mit“. Sie kennen das, wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie klicken. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Rechts- oder Sicherheitsabteilung und ggf. Psychiater. Rechts neben der Titelzeile steht: „Superreiche. So viel Geld haben sie verloren“. Dazu das Bild einer superreichen Dame, die anscheinend soviel verloren hat, daß es nicht mehr für Kleidung reicht. Klick!

Neben der Rezension von John Updike ein graues Kästchen mit dem Text:

Ads by Google
Lyrik Dramen Prosa
Eine neue Generation
nach der linken Formzerstörung
arnshaugk.de

Angeblich machen das ja nicht Autoren mit bestimmten Absichten, sondern Maschinen nach einem Algorithmus. Ich habe mich vor 2 Jahrzehnten, in der Computer-Bronzezeit, ein paar Jahre mit der Programmiersprache Turbopascal beschäftigt. Den Algorithmus möchte ich mal kennenlernen, bei dem man aus Myriaden Möglichkeiten bei einer Rezension von Updike, Danz, Gustafsson und Kempowski ausgerechnet bei Hitler, der nackten Reichen und dem neurechten Szeneverlag landet.

Natürlich interessiert mich – ich schwöre! – eine neue Dichtergeneration noch mehr als Hitler oder nackte Reiche. Deshalb habe ich – Google ist mein Zeuge – von den drei Möglichkeiten nur auf diese geklickt. Die neue Generation spricht so:

Im Orlagau ist der Name [Arnshaugk] wohlbekannt, im Süden von Neustadt erhebt sich ein Sporn dieses Namens, ein Ausläufer des Frankenwaldes. Man kann den Namen mit Adlerhorst übersetzen.

Eine ritterliche Sprache, um die Konnotationen erst mal ungefähr einzukreisen. Der Verlag stellt sich so vor (und kommt bald zur Sache):

Der Verlag wurde 1986 in München gegründet und brachte 1990 zunächst eine siebenbändige Ausgabe der Werke Rolf Schillings heraus. Diese wurde bis 1997 auf 16 Bände erweitert und abgeschlossen. Außerdem entstanden damals in Zusammenarbeit mit Arno Breker die Sonderdrucke „Tage der Götter“ und „Eros und Ares“.

Wenn Sie die Werke von Rolf Schilling nicht kennen, brauchen Sie sich auch nicht weiter zu bemühen. Wer ihn braucht, kennt ihn schon, und umgekehrt mit „nicht“. Hier als Beleg eine Strophe aus einem Gedicht, das „Luzifer“ betitelt ist:

Spürt, bis ins Herz eurer friedlichsten Tage,
Söhne des Staubs meinen knirschenden Schritt,
Wenn ich mit rauschendem Fittich zerschlage
Sanftes Getier, das mich liebend erlitt.

Dis Sprache ist nicht luziferisch, sondern ziemlich das Gegenteil (Benn nannte es seraphisch).
Schilling ist wohl der Übervater dieser „neuen Generation“. So hat er in die Biographie von Uwe Lammla eingegriffen, dem entweder von ihm selbst oder von seinen Freunden zum Genie erklärten Überdichter der „Generation“. So stellt ihn der Verlag vor (beachten Sie die Produktivität in den „ersten Monaten“ des Jahres 2009!):

UWE LAMMLA
wurde 1961 in Neustadt an der Orla geboren, lebte von 1984 bis 2009 in München, und ist derzeit beim Rück-Umzug in seine Heimat. Mit 17 begann er zu dichten, größere Schübe gab es im Alter von 19 bis 23 Jahren, dann im Alter von 29 bis 35 Jahren und schließlich anhaltend seit dem 45. Lebensjahr. Die frühen Gedichte sind von Rilke, Trakl und den Romantikern beeinflußt, seit 1981 von Rolf Schilling. Zu Beginn der 90er Jahre entwickelte er vom Seerosenritter bis zum Traum von Atlantis eine eigene dichterische Welt, in der die Präsenz und Vertracktheit des Mythischen in sinnenfrohen Bildern gezeichnet wird. In den späten 90ern langsam wachsend, dann vom Jahre 2006 an in großer Dichte entstehen Gedichtbücher, in denen die Verbindung des Reichsgedankens mit dem Christentum zentral ist. 2008 kamen essayistische Arbeiten mit literarischen, politischen und religiösen Themen dazu. In den ersten Monaten des Jahres 2009 entstanden eine ganze Reihe von Versdramen mit antiken, mittelalterlichen und modernen Stoffen.

Lammla soll auch seine Strophe kriegen:

Bist du von Rasse, so fragt dich der Kamerad Peter,
Den du verdächtigst, ein ahnloser Mischling zu sein,
Mag auch die Zeit schon die Frage verdammen, kein Meter
Soll dich vom Kern ihres wuchtigen Ernstes befrein.

Die neurechten „Großdichter“ aus Thüringen werden die Literaturgeschichte nicht umkrempeln, aber sie können sich freuen, daß sie es in die Mitte der Gesellschaft gebracht haben: zu Google und der „Welt“.
Vgl. L&Poe 2008 Feb #31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945); 2008 Jun #22. Antwort

106. Zum Welttag der Poesie

paßt vielleicht  auch ein Beitrag zur Lage von Dichtern in Deutschland. Hier ein Brief von Angelika Janz aus dem vorpommerschen  Aschersleben. Vorangestellt ein Gedicht der Autorin:

handlung

der mahnung gemäß
bleibst du flüchtig.

aus-
rechnen wirst du den ausweg
ein wenig genauer als
falsch.

du versprichst dir
zu bleiben,
sichtbares
mit deiner haut
einzukleiden,
dass alle gestalt
außer dir auch
noch anderes meint

Lieber Michael,
Hier neueste Nachrichten von der Scholle. Die Weiterförderung der KinderAkademie (die  2008 den Deutschen Lokalen Nachhaltigkeitspreis ZeitzeicheN erhalten hatte*, die mit dem Förderschulprojekt “Vertrauen ist wichtig – Freundschaft ist richtig” als Modellprojekt von “Kinder zum Olymp” der Kulturstiftung der Länder im  Netz  ausgewiesen wurde und deren Leiterin von der Sozialministerin MV in den Familienkonvent berufen worden ist)  ist ohne Begründung zugunsten vieler kleiner Kulturveranstaltungen im Kreis abgelehnt worden. Argument des zuständigen Leiters der Jugendabteilung im LRA: Ist ja eigentlich auch Sache des Kultusministeriums. Das aber schmettert Terminwünsche ab. Eine Bitte an den Ministerpräsidenten des Landes MV um einen Termin, um ihm  die Situation der Kinder und Jugendlichen im ländlichen Raum schildern zu können, wurde von der Sekretärin abgewehrt : es bestehe kein Interesse des Ministerpräsidenten an einem Gespräch.

Ich habe vor vier Tagen erfahren, dass die Anschlußfinanzierung im Projekt “Vielfalt tut gut” für unsere Kinderakademie abgelehnt wurde. Über 100 Kinder in den Werkstätten für kulturelle Basisarbeit (KinderAkademie im ländlichen Raum Uecker-Randow) sind betroffen in Ferdinandshof in Kita, Grundschule, Regional-und Förderschule, die bereits 3 Jahre mit stets großen Strecken Ehrenamtsarbeit dazwischen dennoch immer neue Weiter-Förderung gefunden haben. Uecker-Randow ist sogen. “Modellregion”: Mir hoher Arbeitslosigkeit, Rechtsorientierungen, Depression, Alkoholismus, Abwanderung der Jungen (nur 0,4 % der hiesigen Abiturienten kehren nach dem Studium hierher zurück), Entvölkerung der Dörfer mit einem jetzt schon Alterdurchschnitt um die 50 Jahre.

Unser Antrag zum Thema “Gegensätze” wurde fast ein Jahr vorbereitet. Träger war, da ich als Autorin/Künstlerin Einzelkämpferin und nicht Verein bin, die AWO. Aus unerfindlichen Gründen lehnte der Ausschuß im Kreis nach langer Wartezeit schließlich das Projekt ab und besteht – auf Nachfrage –  auf seiner Alleientscheidungshoheit (das mir nicht bekannte Gremium soll aus Vertretern der Ämter, Wirtschaft und Polizei bestehen.) Damit  sie unser  Thema “Die Mitte der Gegensätze finden oder Gegensätze überwinden?” verstehen, wurde mit Hilfe des KJR der Antrag fast bis zur Unkenntlichkeit sprachlich und inhaltlich beschnitten.  Verbunden mit dem Antrag war/ist die Erstellung einer Wandzeitung zum Thema Gegensätze (Förderschule), die Entwicklung eines Memory-Spiels mit den Kleinen (Kita/Grundschule) zum Thema Gegensätze und einer Schüler-für Schüler-Publikation “Die Mitte der Gegensätze finden” (Gymnasium).

Ich hätte im September – , als man mir vom KJR eine Art “Vorspiel” der eigentlichen Förderung für 09 antrug (weil noch Gelder “übrig” waren), eine viermonatige Vor-Förderung und dabei  stets bekräftigte, es ginge auf jeden Fall 09 weiter, im Wissen um Planungsunsicherheit  – einem so umfänglichen Projekt nie zugestimmt. Nun habe ich  seit Jahresbeginn, täglich viele Stunden in meinen Schulwerkstätten gearbeitet,  auch wohlwissend, dass es rückwirkend ohnehin keine Förderung gibt – als Freischaffende auf eigens Risiko aber frohen Mutes im Hinblick auf die langerwartete Weiterförderung bis Jahresende 09. In den einzelnen Gruppen Kita, Regional-Grund-Förderschule haben sich wunderbare Dinge ereignet – das Vertrauen der Kinder  und Jugendlichen zu mir ist sehr berührend, man macht als Künstler/Autor gleichzeitig immer Sozialarbeit, die Kinder sind untereinander fast immer umwerfend zuvorkommend (“Stärkung der sozialen Kompetenz”, wie immer es offiziell gewünscht wird, dazu deutliche Verbesserung der Sprachkompetenz, Verbesserung der kreativen Offenheit und Fertigkeiten), die Ergebnisse der künstlerischen Arbeiten der Kinder und Jugendlichen sind einfach nur zum Freuen und bereits in vielen Ausstellungen gezeigt worden.  Unsere Öffentlichkeitsarbeit lief hervorragend, die örtliche Presse unterstützt die KinderAkademie. Ich habe nach dieser Hiobsbotschaft Phasen, in denen alles blockt,  eine Knebelsituation.  Mentale und materielle Kräfte sind nahezu aufgezehrt. Die Kinder, die sich jede Woche auf ihre Werkstatt freuen und sich die ganze Woche schon vorbereitend damit befassen,  kann ich nicht im Stich lassen. Mit Kindern und Jugendlichen  kann man auf diese Weise und auf Dauer nicht Lotto spielen. Ein solches Projekt, das ich einmal mit gutem solidarischem Gewissen anderen Mit-Autoren/Mitkünstlern empfehlen möchte, braucht eine Regelförderung.
Beste Grüße
KinderAkademie/KunstWerkstatt im ländlichen Raum
Angelika Janz
Aschersleben
17379 Ferdinandshof
janz.a@web.de

KleinesPDF-Dokument Kinderakademie.pdf (1,5 MB)
*) vgl. L&Poe 2008 Okt #4. Deutscher Lokaler Nachhaltigkeitspreis 2008 – Zeitzeiche(N) an Angelika Janz; 2008 Okt #78. Im Landkreis wird die Kultur abgewickelt

69. Randstandsblicke und Involvierungsmomente

Die „vorantrift der bastardisierung/ sprich polackisierung, sprich regionalisierung/ sprich krautkrauterei“ schrieb der Dichter Bert Papenfuß auf die Fahnen, als sich die Deutschen „mal wieder erhoben“. So ist es nicht verwunderlich, daß er neben seinen diversen Berliner Zeitschriftenprojekten auch andere bespielt. Sein Name steht im Impressum der von meinem Freund Alexander Pehlemann in Greifswald herausgegebenen Zeitschrift „Zonic“. Aus einem Fanzine mauserte der sich zu einer ansehnlichen und immer lesenswerten Zeitschrift für Musik und Literatur bzw., so der Untertitel, „Kulturelle Randstandsblicke und Involvierungsmomente“. In der jüngst erschienenen Ausgabe Nr. 14-17 ist er mit Rückblicken auf DDR-Punk vertreten und mit „Lyrik nach Songs“ – dies zusammen mit Stefan Döring und Ralph Gabriel. Papenfußens Gedichte und Nachdichtungen erkennt man ja seit einiger Zeit am Übermaß der Anmerkungen (nicht daß wir uns falsch verstehen: es kann nicht über genug sein!). Seine Anmerkungen kombinieren immer ein selbstreflexives Spiel mit dem wissenschaftlichen Anspruch des Sammlers und Spurenlesers. Auf diese Geschichtsschreibung wird man noch einmal zurückgreifen können, wenn es soweit sein wird. „Oral Ost History“, so stehts geschrieben. Stefan Döring (von dem man lange nichts hörte, hat jemand den Namen schon vergessen? Ausnahme: Stolterfohts Lyrikjahrbuch – ja der ist kundig und neugierig. Just in diesem Moment erscheint Nr. 29 von Urs Engelers „Zwischen den Zeilen“, Gelegenheit zum Auffrischen, Engeler sei Dank!) übersetzt Texte von Captain Beefheart, der Edgar Broughton Band und Syd Barrett / Pink Floyd. Songs scheinen die deutsche Lyrik sonst nicht sehr zu interessieren, ist das etwa besser für sie? Von Peter Wawerzinek gibts eine „Kurze Rede an alle Arschgeigen, die matthiasBAADERholst für sich erkoren haben und sich nicht zu blöde sind oder: die sich erdreisten, ihm und seinem Wirken papierne Denksteine zu setzen“. Außerdem im Heft (neben viel Musik, u.a. auch auf ein oder zwei beigefügten* CD): Marcel Beyer, Norbert C. Kaser, Achim Wagner, Cornelia Schleime, Johannes Ullmaier, Henryk Gericke, Innokentij Kreknin, Schorsch Kamerun…

Zonic 14-17

Bestelladresse: [Zonic, c/o Alexander Pehlemann, Gützkower Str. 59, 17489 Greifswald] neu: pom-lit.de, Steinstraße 59, 17489 Greifswald. http://www.zonic-online.de 12 Euro  ISSN: 1611-3705

Pehlemann ist auf dem Sprung, Greifswald Richtung Süden zu verlassen. Ein Verlust für Greifswald, ob es ihn bemerkt? Verdammt, das Nest wird ärmer!

*) jedes 4. Exemplar enthält eine zweite CD

66. Unterländisch

Während die zeitgleich stattfindende offizielle Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus dem Vernehmen nach eine gediegen-zahme Veranstaltung gewesen sein soll, bot der vom Schriftsteller und Lautpoesie-Experten Michael Lentz konzipierte und moderierte Abend im ausverkauften Haus Spektakuläres. Herbert Grönemeyer, Deutschlands wohl einziger wirklicher Popsuperstar, war als Gedichtrezitator angekündigt, eingerahmt von herausragenden internationalen Vertretern der Sprech- und Stimmkunst. …

Der in Berlin lebende Russe Valeri Scherstjanoi begann den Reigen mit seinen ekstatischen Rezitationen von Chlebnikov, Majakowski und anderen Avantgardisten – im Original selbstverständlich. Zu erleben war eine Anverwandlung, die mindestens im Fall Majakowskis einer spiritistischen Seance gleichkam. Jandls „Schtzngrmm“ war nichts dagegen, allerdings hätte er auch Kochrezepte oder Deklinationstabellen mit dem gleichen Wanda-Effekt vortragen können.

Wie der souveräne Conferencier Lentz listig vorwegnahm, waren die auf Prominentenrezitation eingestellten Zuhörer sichtlich geplättet von dieser schamanistischen Geisterstimmenbeschwörung. Verstehen war, jedenfalls im landläufigen hermeneutischen Sinne, nicht der Aufnahmemodus dieses Abends. Die sorbische Dichterin Róža Domašcyna trug experimentelle Sprachsalatgedichte vor, die schon für ein Verzweiflungslachen im Saal sorgten, als sie – immerhin – ankündigte: „Das nächste Gedicht enthält deutschsprachige Elemente“. …

Doch hätte man gedacht, dass ausgerechnet er [Grönemeyer] in einer Runde Vortragender der Leiseste und Verständlichste sein würde? Gut, er war auch der Einzige, der Deutsch sprach. Dazwischen kam erst einmal wieder mit dem niederländischen Klangpoeten Jaap Blonk und dem amerikanischen Stimmwunder David Moss der reine, von jedem Sinn befreite Laut zu Ehren. Das „Unterländische“, so das von ihm kreierte Kunstidiom, habe den Vorteil, so Blonk, dass es auch seine Landleute nicht verstünden.
Zufällig anwesende Hals-Nasen-Ohren-Ärzte hatten wahrscheinlich noch das tiefste Verständnis für die mitunter schmerzhaften Körpergeräusche, die Blonk und Moss hervorbrachten. „Poesie hart an der Realität“ nannte Lentz das. Das Publikum hatte inzwischen wohl auch genügend Grenzerfahrungen gemacht, so dass schon Ankündigungen genügten, um Gelächter ausbrechen zu lassen. Etwa die, jetzt folge „Singstimme in Sellerie“ (Domascyna) oder ein „Solo für Backensyntheziser“ (Blonk), das so klang, als würde Donald Duck die Furzorgien aus Heinz Strunks „Fleckenteufel“ imitieren. / Richard Kämmerlings, FAZ 12.3.


1. Gehen Amerika die großen Dichter aus?

Im Oktober wurde John Ashbery der erste Dichter, dessen Werkausgabe bereits zu Lebzeiten in der Reihe Library of America erschien. Diese Ehre sagt einiges über den Zustand der Gegenwartslyrik – teils Gutes, teils weniger Gutes –, aber die wichtigste und verstörendste Frage ist vielleicht die: Was wird, wenn Ashbery und seine Generation gegangen sind? Vielleicht zum erstenmal seit dem frühen 19. Jahrhundert wird der amerikanischen Lyrik Größe fehlen.

Das Konzept der Größe hat nämlich in der Lyrik eine besondere Bedeutung, die ihr anderswo oft fehlt. Fast überall ist Größe zwar angenehm, aber nicht unbedingt nötig. Die Lyrik ist ihrer Dauer weniger sicher als beispielsweise die Welt des Golfspiels. Sie rechtfertigt sich allein durch den Anspruch, daß sie unabhängig davon, wie wenige Leser sie hat und wie doof die Dichter sind (how dotty its practitioners), immer den Gipfel der Hochkunst darstellt. Wie es Byron in einer freien Horazübersetzung sagt: “But poesy between the best and worst / No medium knows; you must be last or first: / For middling poets’ miserable volumes, / Are damn’d alike by gods, and men, and columns.“ (Byron, Hints from Horace*) Die Dichtung braucht Größe.

Das Problem ist, daß im Lauf des 20. Jahrhunderts der Begriff der Größe unscharf geworden ist. Teilweise reflektiert das die Standarderzählung der Postmoderne, wonach alle hochgestochenen Ideale – Wahrheit, Schönheit, Gerechtigkeit – hinterfragt werden. Aber die Schwierigkeit mit poetischer Größe geht über die zeitgenössischen Kulturkriege hinaus. Größe ist – und war immer – ein Gewirr verschiedener und teilweise unvereinbarer Konzepte, von denen die meisten die Last der Größe auf unterschiedliche Teile des Schaffensprozesses gründen. Heißt „groß sein“ einfach „große“ Gedichte schreiben? Wenn ja, wie viele? Oder bedeutet „Größe“, daß jemand ein ausreichend „großes“ Projekt hat? Wenn man ein solches Projekt hat, kann man „groß“ sein und nur „gute“ (und vielleicht sogar etwas „langweilige“) Gedichte schreiben? Ist ein „großer“ (great) Dichter dasselbe wie ein „bedeutender“ (major)? Sind „große“ Dichter in jedem Fall „ernste“ Dichter? Das sind alles gute Fragen, auf die niemand besonders überzeugende Antworten gefunden hat. / David Orr, New York Times 22.2.

(Der Artikel beschäftigt sich mit den amerikanischen Debatten der letzten Jahre, aber die Fragen sind auch für die deutsche Lyrik relevant. Sind die Büchnerpreisträger groß? Alle? Die Huchelpreisträger? Man wird nicht zwei Kenner finden, die auch nur hierauf die gleichen Antworten geben. Bezogen auf den letzten Jahrgang: Falkner oder doch lieber Czernin? Und was ist mit (unvollständige und unsortierte Aufzählung) Birgit Kempker oder Farhad Showghi, Bert Papenfuß oder Uwe Kolbe, Steffen Popp oder Thomas Kunst, Franz Hodjak oder Benedikt Ledebur, Dieter M. Gräf oder Nico Bleutge, usw.? Shall we have a discussion later?)

 

 

*) Frei nach Horaz: An die Pisonen (Die Dichtkunst). In Wielands Übersetzung lautet die Horaz-Stelle:

Es gibt der Dinge viel, worin
die Mittelmäßigkeit mit gutem Fug
gestattet wird. Ein Rechtsgelehrter oder
ein Redner vor Gericht kann minder wissen
als ein Cascellius, an Beredsamkeit
weit unter dem Messalla stehn und hat
doch seinen Wert: den mittelmäß’gen Dichter
schützen weder Götter, Menschen noch
Verleger vor dem Untergang!