nebel
über dem boden hängt der erste nebel
langsam aufgestiegen aus dem holz
der nacht und deckt die dielen zu im flur
die fliesen und wabert hin zur haustür
wo der hund im zug die ohren aufgerichtet
blinden auges wacht und schlägt ans fenster
schon als schmaler streif ich greife stumm
nach deiner hand die luft wiegt leicht
so zwischen dir und mir nur eine atemtreppe
du gehst in ungestörtem rhythmus auf
und ab und windgebogen ähren deine wimpern
die zart geäderte struktur durchpulster lider
darüber schwebend eine weiße wand ich falle
eine spur kaum sichtbar kriecht in meine atemwege
die laute von erstickter kehle kehren wieder
und alle worte die ich einmal kannte sind nur mehr
geflockte stunden auf der zunge bitterschwer
staub
wenn die tür geschlossen wird, sind auch die hunde
still in ihren hütten. der flugverkehr ist eingestellt, kein
rasenmäher und kein weckerticken, nichts stört. nur
der saum der gardine, der am boden schleift. ein lichtstrahl
der mein auge trifft. fiebergefühle. das holz knackt leise.
nur eine wespe, die ans fenster schlägt. draußen wiegen
sich die tannen. im zimmer, unter meinem bett, wo einer
liegt mit stumpfem messer, zittern die flusen. staub.
staub. ich höre die wespe, die über mir ist. das klappern
von tellern aus der küche, gläserklirren, jetzt das besteck:
wer, wenn ich schriee, hörte mich denn, ist erst der tierfilm
im dritten programm und das gespräch in vollem gang
und nichts davon für mich bestimmt, gefangen im endlosen
nachmittagslicht. staub. staub. bin ich das insekt, das maßlos
erschöpfte, in diesem bett lag meine mutter als kind.
>>blind<<
für ihre schönheit blind, muss blind gewesen sein;
vor leidenschaft fast blind, ich müsste denn blind sein!
der blind dem trieb zu bösen taten folgt, dass ich taub und blind,
bin ich denn blind? da wart und guck ich blind mich!
plutos, alt und blind. so ist er denn wirklich blind?
dann blind in der irre, zeus selber ist blind.
blind soll er wieder werden, der auf einem auge blind war.
dass du blind wärest, für seine eigenen angelegenheiten blind.
wenn schon, dann nur blind.
schwachsinnig ist der maulwurf von natur und blind.
blind entfährt die waffe der hand, blind in ihrer liebe zu iason;
dein unglück macht dich blind.
der stab ist blind, wo ich doch schwach nur sehen kann,
der ich blind mich bewege am stock, wart ihr blind.
jawohl, der soll blind sein! tritt auf, blind, wenn auch blind
blind gegenüber allen erfordernissen. nicht ich mache den jungen dir blind,
wenn auch blind, blind gewesen war. dass du blind bist:
da du so blind bist? blind, so blind, sie müssten denn selbst alle blind sein?
nicht eben blind; nicht viel besser als blind.
du bist blind an deinem seelenauge. ich hingegen sehe sehr gut.
wie ich höre, auch blind und taub? bin ich dir so blind als du mich siehst?
und zu allem dem noch lahm und beinahe blind.
du sollst blind gewesen sein, sagt man.
du bist, wenn ich nicht sehr blind bin, aus einem weissen stein
Anm. d. Verf.:
„>>blind<<“, das eine Montage aus verschiedenen übersetzten antiken Textstellen die das Wort enthalten ist, versucht das Gestische durch Redundanz auszusteuern und klanglich – würde ich sagen – einen dubstep hinzulegen; jede Erzählung die dabei entstehen könnte ist rein zufällig.
Audio >>blind<<
Was sucht in den lichtdurchfluteten Räumen des Tagungs- und Bildungszentrums Kloster Irsee die phonetische Poesie? Wer will sie haben?
Wer meldet sich an für einen Kurs beim Lautdichter und Scribentisten Valeri Scherstjanoi und mit welcher Erwartung was zu lernen?
Überlebt das freundliche Motto Kunst leben / Kunst leben / Kunst leben das derart offene Poem Valeri Scherstjanoi? Wen? Ein lebendes Poem?
Ach, aber handelt es sich bei dem, was Sie da machen nicht eher um ein Konzert für Neue Musik?
Was ist noch mal Literatur?
Wo hören die Klostermauern eigentlich auf und gesetzt den Fall, tatsächlich innerhalb von Irsee, wie lange hält man es in ihnen aus?
Wo hört der Sommer auf? Wo hört die Kunst auf?
Und wann ist im Allgäu Schluss mit Brüllen? Nachts? Wer ruft, falls nicht, die Polizei?
Was sagen die Glocken? Was sagt das Braunvieh dazu?
Orgasmus oder phonetische Morgengymnastik?
Wie soll ich das aufschreiben?
/ Mara Genschel
Am Ende der DDR erschien eine erstaunliche Anthologie: wortBILD. Visuelle Poesie in der DDR. Die Herausgeber Guillermo Deisler (geboren 1940 in Chile, im Exil in der DDR) und Jörg Kowalski (1952 in Halle) versammeln TextBilder von Elke Erb, Kito Lorenc, Richard Pietraß, von bekannten Künstlern wie Manfred Butzmann, Carlfriedrich Claus, Joseph Huber, Robert Rehfeldt, jungen Autoren des Underground wie Stefan Döring, Johannes Jansen, Bert Papenfuß oder Rainer Schedlinski, dazu von vielen bis dahin unveröffentlichten. 10 Autoren sind nicht auf dem Gebiet der DDR geboren, lebten aber zu jener Zeit dort. Darunter 4, deren Muttersprache nicht Deutsch war: zwei Chilenen, ein Tscheche und ein Russe (?) aus Kasachstan. Der heißt Valeri Scherstjanoi. Seine Mutter wurde nach Kasachstan ins Frauen-Gulag gesteckt. Früh beschäftigte er sich mit den Experimenten der russischen Futuristen. 1979 kam er in die DDR. In einem Gedicht beschrieb er seinen Weg so:
Ich bin in einem Lande geboren,
das nie meine Heimat war.
Ich bin in einem Lande aufgewachsen,
das es nicht mehr gibt.
Ich ging in ein Land,
das es auch nicht mehr gibt.
Und die Muttersprache meiner Mutter
ist nicht meine Muttersprache
( 1995 )
(von seiner Homepage lautland.de)
In der DDR kam er zunächst ins Erzgebirge, und in einer unabhängigen Galerie sah er zum ersten Mal Arbeiten von Carlfriedrich Claus, dem Laut- und Schriftartisten. Er wurde sein Freund und arbeitete mit ihm zusammen. In der Anthologie von 1990 ist er u.a. mit einer „Glasnostleiter“ vertreten. 1994 bis 1996 war er künstlerischer Leiter des Internationalen Festivals der Lautpoesie „Bobeobi“ in der „Wabe“ in Berlin-Prenzlauer Berg. Er veranstaltet Lautkonzerte, hält Vorträge über die russische Avantgarde im In- und Ausland und arbeitet für den Rundfunk. Mehrfach hielt er Kurse für Lautpoesie mit jungen Autoren, so zuletzt zum 21. Schwäbischer Kunstsommer vom 2. – 10. August 2008 im Kloster Irsee.
Im Nachklang der Klangwerktage Hamburg fand am 28. November 2007 in Leipzig ein Lautkonzert mit Valeri Scherstjanoi statt – „ein Nachspüren fremder Töne von Mara Genschel, Nadja Küchenmeister, Johanna Schwedes, Bertram Reinecke und Norbert Lange. Scherstjanoi las die Texte der jungen Autoren und zwischendurch eigene Lautgedichte, teilweise auch angeregt durch das Lautmaterial der Fremdtexte. Scherstjanoi und die beteiligten jungen Autoren haben mir die Erlaubnis gegeben, einige dieser Texte und Tonaufnahmen zu veröffentlichen. Diese Nachricht eröffnet ein kleines Dossier zu diesem bedeutenden Künstler.
Scherstjanoi in L&Poe: 2001 Mrz # Drei Stunden Lyrik im ZDF; 2002 Sep # Über die Nacht der Literatur; 2003 Okt # Nossackpreis an Endler; 2005 Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; 2005 Nov #65. Literatur und Strom; 2006 Jul #55. »Vokabelkrieger«; 2007 Jun #86. „das Alphabet ist ein Knast!“; 2007 Jul #6. „Kitsch Me!“ – Nr. 9; 2007 Jul #16. Freigelassen; 2007 Nov #139. Die Klangwerktage Hamburg
Uwe Lammla schreibt:
Sehr geehrter Redakteur,
In Ihrer Lyrikzeitung … zitieren Sie aus meiner Selbstdarstellung (www.lammla.de) den Satz „Ich habe Grund zu der Annahme, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945“ und fügen die Anmerkung an: „Da war also die Welt noch heil?“ Ich empfinde dies als Entstellung und bitte um Korrektur.
Wenn ich die Literaturpolitik seit 1945 kritisiere, habe ich deswegen keine andere gutgeheißen. Es ist jedenfalls ein Faktum, daß die deutsche Dichtung bis 1945 über die verschiedenen Gesellschaftssysteme hinweg außerordentlich produktiv und vielgestaltig war. Dann setzte ein Niedergang ein, der sich in den 60ern beschleunigt hat. Woran das liegt und ob dies bedauerlich ist, darüber kann man diskutieren. Es ist jedoch nicht korrekt, demjenigen, der diesen Niedergang diagnostiziert, ein Faible für die Zeit von 1933-45 zu unterstellen.
Lieber Herr Lammla,
zunächst bin ich erleichtert über, ja dankbar für die Klarstellung, daß Ihre Zeilen nicht die „Literaturpolitik“ 1933-45 gutheißen wollten. Sie werden zugeben, daß der zitierte Satz verschiedene Deutungen offenließ. Zu den Prinzipien der Lyrikzeitung gehört, daß ich nicht jede Meinung kommentiere, die ich nicht teile. Aber einen Satz, der so verstanden werden kann, wie es bei dem von Ihnen angeführten Satz der Fall ist, kann ich nicht unkommentiert stehenlassen. Hier noch einmal Ihr Schlußsatz und mein Kommentar:
Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla
[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]
Das sind ein Ausruf, zwei Fragen und eine Aussage, letztere mit noch einem angehängten Ausruf. Auf die Fragen haben Sie zum Teil geantwortet. Meinen Aussagesatz lasse ich stehen: Vaterland und Lyrik waren ganz schön kaputt.
Was Sie in Ihrer Stellungnahme ein Faktum nennen, das halte ich für eine Meinung. Darüber hinaus eine, die ich nicht teile. Nehmen wir nur die 12 Jahre bis 1945: „außerordentlich produktiv und vielgestaltig“? Hinter mir, im Regal, steht meine in Jahrzehnten zusammengetragene Bibliothek der neueren deutschen Lyrik. Darunter auch zahlreiche Gedichtbände und Anthologien, die in diesen Jahren in Deutschland erschienen sind. Darunter sind ein paar Stille im Lande, wie der außerordentliche Konrad Weiß, ein paar Achtbare, auch ein paar, die neben Oden auf den Führer auch Achtbares geschrieben haben, und sonst? Soviel Beflissenheit, soviel Flachsinn, auch flacher Tiefsinn, war selten in der Geschichte der deutschen Lyrik. Das ist eine Meinung, meine. Ich könnte Belege anführen, Sie oder andere könnten gegenhalten. Aber da Sie vom „Faktum“ reden, halten wir uns an Fakten. 1933-45 war die Vielfalt innerhalb Deutschlands doch erheblich eingeschränkt. Wieviele Lyriker (und nicht nur deutsche!) wurden verboten, ins Ausland, in den Selbstmord getrieben, zum Schweigen, zum Verstummen gebracht? Wieviele haben sich angepaßt, haben Verrenkungen gemacht? Wieviele wurden totgeschlagen? Wieviele von servilen Kritikern und Germanisten verhöhnt, verleumdet, totgeschwiegen? Was wurde dafür hochgelobt? Wieviele künftige Talente starben als halbe Kinder im Krieg? Wieviele polnische, serbische, ungarische, wieviele jüdische Dichter, wieviele künftige Nobelpreisträger starben durch Krieg und Terror? Um nur einen einzigen zu nennen: der ungarische Dichter Miklós Radnóti wurde im November 1944 von SS-Leuten erschossen. In seiner Tasche lagen blutbeschmierte letzte Gedichte. 1967, in den von uns unterschiedlich beurteilten 60er Jahren, erschienen sie auf Deutsch. Nein, ich teile Ihre Meinung nicht (aber ich habe sie in jener Meldung ausführlich zitiert, weit mehr als einen Satz)**.
Vgl. L&Poe 2008 Feb #31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)
**) Wer mag, lese Lammlas Gedichte, z.B. dies hier, das quasi direkt zum Thema ist. Hätte ich ihn damals genauer gelesen, hätte ich weniger zitiert oder mehr kommentiert. Sein Kamerad bin ich nun doch nicht, und seine Ästhetik? Pah, das gibts, und L&Poe ist ein Ort, zu dokumentieren und archivieren, was es gibt. Hiermit geschehen.
Paul Celan war keineswegs der einzige Dichter aus Czernowitz. Die Stadt mit dem Beinamen Kleinwien, die Hauptstadt der Bukowina, die zu ihrem Unglück aus Österreich-Ungarn nach Rumänien kam und dann der Ukraine zufiel, zu der sie heute noch gehört, war ein kulturelles Zentrum, vor allem ein Zentrum der jüdischen Kultur, reich und brodelnd.
François Mathieu hatte die ausgezeichnete Idee, ein Dutzend deutschsprachige jüdische Dichter aus der Bukowina in einer Anthologie unter dem Titel „Gedichte aus Czernowitz“ zu präsentieren.
In einem geschichtlichen Abriß schildert er vorab die unglaubliche Brutalität, mit der die Juden dieser Provinz behandelt wurden, die ab 1918 von den Rumänen massakriert und mißhandelt wurden mit einer Brutalität, die der der Nazis kaum nachsteht.
Angesichts solcher Verfolgung wurde die Poesie schnell zu einem Zufluchtsort, in dem man Angst und Leid ausdrücken und manchmal auch noch einmal versuchen konnte, den Sinn des Geschehens zu finden.
Mit Ausnahme Celans sind die Dichter dieser Anthologie in Frankreich** weitgehend unbekannt, es sind: Rose Ausländer, Alfred Kittner, Immanuel Weissglas, Alfred Margul-Sperber, Ilana Shmueli, Klara Blum, David Goldfeld, Alfred Gong, Selma Meerbaum-Eisinger, Moses Rosenkranz und Manfred Winkler.
Hier findet sich das Gedicht „Er“ von Weissglas, das frappierende Ähnlichkeiten mit Celans „Todesfuge“ hat, dem Gedicht, das ihn berühmt machte und dessen zentraler Vers (ohne Zweifel der wichtigste Vers der deutschen Lyrik nach dem Krieg) heißt: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Weissglas schreibt: „Der Tod ist ein deutscher Meister“ [hier rückübersetzt aus dem Französischen, MG] / John E. Jackson, Le Temps, Genf, 24.5.
Poèmes de Czernovitz. Douze poètes juifs de langue allemande
Editeur: Laurence Teper
Trad. et présentation de François Mathieu. 240 p.
**) und für die meisten gilt: auch in Deutschland
In L&Poe: 2001 Feb # Lichtenwald erinnert an Rose Ausländer; 2001 Jun # Rimbaud Verlag Aachen; 2001 Jun# Über den Bukowiner-deutschen Dichter Moses Rosenkranz; 2002 Mrz # Moses Rosenkranz aus Czernowitz; 2003 Mai # Moses Rosenkranz, deutscher Dichter; 2003 Dez # SWR-Bestenliste; 2003 Dez # Dan Pagis; 2005Jan #73. Der israelische Lyris-Kreis; 2007 Jan #60. Manfred Winkler; 2007 Mrz #121. Weltliteratur, die die Welt nicht kennt; 2007 Apr #89. Besuch bei Manfred Winkler; 2008 Jan #80. „Dunkelgold“
Immer von neuem muss an ihn erinnert werden, an den neben Ivo Andric und Miroslav Krleza dritten grossen modernen Klassiker des alten Jugoslawien: Milos Crnjanski (1893–1977). Es ist um Crnjanski im deutschsprachigen Raum – trotz mehreren Übersetzungen – seltsam still geblieben. Dabei hat er mit seinem autobiografisch grundierten «Tagebuch über arnojevi» (1921, dt. 1993) einen der schockierendsten und lyrischsten Texte über den Ersten Weltkrieg vorgelegt und mit seinem Romanepos «Wanderungen» (1927–1962, dt. «Bora», 1988) ein Opus magnum über die Geschichte der Serben unter Kaiserin Maria Theresia, dessen Lektüre manche heutigen Konflikte zu erhellen vermag. Indes wird Milo Crnjanski ignoriert, und man mag sich fragen, warum.
Unter bewegten Umständen schuf Crnjanski ein vielseitiges Werk, bestehend aus Gedichten, Romanen, Reisebeschreibungen, Essays, historischen Dramen und autobiografischen Aufzeichnungen. Zu Letzteren gehören die lebens- und werkgeschichtlich höchst aufschlussreichen «Kommentare zu » (1959, dt. 1967), die nicht zuletzt die Entstehung des Frühwerks, insbesondere des Lyrikbandes «Ithaka» beleuchten. «Ithaka» liegt nun seit kurzem auch auf Deutsch vor – ein Anlass, diese ausserordentlichen Gedichte und ihren Autor zu würdigen.
Es spricht – stellvertretend für eine lost generation – das Ich eines traumatisierten Kriegsheimkehrers und modernen Odysseus: aufmüpfig, anarchisch, widersprüchlich, elegisch, provokativ. Und dies in Hymnen und Grotesken, in Trinksprüchen und Scherzen, in Galgen-, Schlaf- und Soldatenliedern. Basso continuo ist der Krieg mit seinen Folgen: Wut, Trauer, Ekel, Sinnlosigkeit. «Nichts haben wir, keinen Gott, keinen Herrn. / Unser Gott ist das Blut», heisst es, oder sarkastisch: «Es geht uns gut.» «Das Schönste ist nicht: die Liebe, / sondern für ein bisschen Sonne zu töten und früh zu sterben.» Milo Crnjanski gibt einen defaitistischen poète maudit, wenn er ausruft: «Sei gegrüsst, Welt, blass wie ein Wintertag, / ängstlich taub. (. . .) / Für unsere Herzen ist nichts genug. / Für unsere Herzen ist alles Betrug. / Solang noch einer von uns atmet dieser Erde Luft: / verströme kein Garten seinen Duft. (. . .) / Wir sind für den Tod!» / Ilma Rakusa, NZZ 20.5.
Miloš Crnjanski: Ithaka. Gedichte. Aus dem Serbischen von Viktor Kalinke, nach Vorlagen von Stevan Tonti und Cornelia Marks. Erata-Literaturverlag, Leipzig 2008. 214 S., Fr. 30.20.
hier ein gratulationsakrostichon:
Hans Thill
13 Buchstaben
J edes Ohr entwickelt rasch grüne
O zeane ermuntert rohgereimte Gardinenschlampen ja
E ngelsgleich roch Gertrud jeweils ohne
R öhren getrunkenes Jerusalem Ortsteil Edingen
G eneriert jameslastige Otöne endlicher Rudi
B ißchen Weihrauch war nie drin. Eher weiche Dialekte
U nerhörter Förster Beerenberch baumlanger Dirigent der sonntags
R atten killte. Der Müll den wir bewohnten hieß dagegen
K airo oder Khaidelberg Keltenwall aus totem Lehm gestampft
H eimgeholt in die Dosenluft des besagten Pueblo Neruda.
A ls Autos mit Sorry-System durch scharenweise Möwenvögel ins
R utschen kamen (Highway/Kot) gab es einen Tütenknall der mit
D udendichtung nur sehr ungefährlich zu umschreiben wäre.
(steht auch im goldenen fisch)
In L&Poe: 2006 Aug #110. FLOPPY MYRIAPODA; 2007 Mai #9. Floppy myriapoda; 2007 Jun #117. Provinzlesung 2007 Kalte Buche/Rhön; 2007 Jul #85. TROMPETE1; 2007 Aug #105. floppy myriapoda Heft 6; 2008 Jan #65. E D K p r ä s e n t i e r t
Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete am 15. Oktober 1965 von einem Geschehen auf den Düsseldorfer Rheinwiesen. Dort, zum Erntedankfest, verbrannten Mitglieder des „Jugendbundes für Entschiedenes Christentum“ (EC) neben Zeitungs-Pin-ups und Kinoreklamen auch Bücher von Erich Kästner, Albert Camus, Grass‘ „Blechtrommel“ sowie Nabokovs „Lolita“. Dies, nach Meinung der EC, sei „Schund- und Schmutzliteratur“, Bücher voll brutaler, krimineller und sexueller Szenen; sie brächten die Menschen von Jesus ab. Zu den Flammen sangen die Jugendlichen, die aus Mittelstandsfamilien stammten, Lieder aus der „Frohen Botschaft“: „Wir jungen Christen tragen ins dunkle deutsche Land ein Licht in schweren Tagen als Fackel in der Hand …“
Diese Aktion war zuvor bei den Behörden angemeldet worden. Das Düsseldorfer Ordnungsamt hegte gegen die Aktion Bedenken – aus Gründen der Sicherheit! An den Flammen des Autodafés könnten die schmucken Bürgerhäuser der Innenstadt Schaden nehmen. Also verschob man den Ort des Vollzugs vom Karlplatz an den Rhein. / Reinhard Jirgl, FR 10.5.
Aus dem Gedicht: The Doors
„Behind the door was another door / and behind that was another. // […] All the eyes in the portraits / were turned my way. / I looked back at the door // heard the lock click, then beyond / another lock, then another.“
macht Wagner: Die Türen
„Hinter der Tür war noch eine Tür / und hinter dieser noch eine. // […] Die Augen sämtlicher Porträts / ruhten auf mir. / Ich drehte mich zur Tür um, // hörte, wie ein Schloß zuschnappte, dahinter / noch ein Schloß, dann noch eines.“
Jedes Gedicht (gerade auch das poetologische Gedicht „Die Türen“) gerät in den Verdacht, selbst Tür zu sein, dahinter Abgründe, die sich dem Leser einladend auftun, die ihn entführen in die unendlichen Weiten eines sagenhaften Alltags. Diese Abgründe stehen nicht gähnend und monströs in der Gegend herum, sie sind perfekt getarnt, direkt nebenan, unscheinbare Elemente im täglichen Blick- und Tastfeld der Realitäts-Wahrnehmung. / Tom Bresemann, Berliner Literaturkritik, 8.5.
SWEENEY, MATTHEW: Rosa Milch. Ausgewählte Gedichte. Text englisch-deutsch. Übersetzt von Jan Wagner. Berlin Verlag, Berlin 2008. 128 S., 18 €.
Nachstehender Essay der Lyrikerin Luise Boege klingt wie eine (unwirsche) Antwort auf den Bericht von Kaspar Renner über die Berliner Veranstaltung „Dichtes Gerede“ (Vgl. L&Poe 2008 Mai #26. Gedichte mit „wie“). Aber es ist umgekehrt – es ist ihr Beitrag auf der Veranstaltung, auf der der SZ-Berichterstatter Benn fand bzw. vermißte.
Sein Bericht endete so:
„Viele von ihnen flüchteten sich hilflos in Privatsprachen, etwa in eine berlinerisch gefärbte Alltagssprache wie Kirsten Fuchs, die jede poetologische Frage mit der saloppen Forderung nach „Spaß“ beantwortete, in einen gangsterhaften Jugendslang wie Hendrik Jackson, der Textverfahren als „Moves“ kennzeichnete, oder aber in einen Wissenschaftsjargon, der sich bildungsgeographisch irgendwo zwischen dem Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim, dem Leipziger Literaturinstitut und der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen verorten lässt. / Kaspar Renner „
Ich frage mich, was ein Schriftsteller mehr ist als ein schreibender Mensch, und ich frage mich, ob und was er mehr braucht, außer ein bisschen bescheinigtem Talent und einer Menge Kunstverstand. Und was bleibt, wo es sich doch sowohl beim Talent als auch beim Kunstverstand auch um so etwas wie Geistesgestörtheiten handeln könnte. Beidem kann man nicht trauen.
ERSTENS
Kunstverstand habe ich nicht. Ich weiß nämlich nicht, was Kunst ist und was nicht. Ich weiß nicht, ob es Dinge gibt, die Kunst sind und welche die keine sind. Ob Kunst überhaupt existiert, wie im Schwimmbad das Schwimmerbecken mit Sprungturm oder wie der liebe Gott im Himmel. Wie kann man darüber reden und wie kann man den Begriff Kunst mit dem Begriff Verstand zusammenführen. Letztendlich ist es eine Entscheidungsfrage. Ich entscheide mich dafür, an eine der Möglichkeiten zu glauben. Entweder, ich rede über Kunst wie über das Schwimmerbecken. Es muss das Schwimmerbecken geben und nur dort bin ich als Schwimmer richtig. Also frage ich nach dem Weg oder dem Seepferdchenabzeichen oder was weiß ich. Oder ich rede über Kunst wie über den lieben Gott, und das ist dann leider auch nur Gerede und die Mühe ist groß, dabei nicht zum Esoteriker zu werden, was vielleicht verhindert wird, wenn ich mich auf Leute berufe, die ich für Instanzen halte, weil sie zum Beispiel Freunde von mir sind oder schon länger auf dem Gebiet unterwegs. Oder ich habe keine Ahnung von Kunst und dem Wissen darum, und brauche auch nichts, das an eine Definition von Kunst heranreicht. Also soll für mich das Lesen und das Schreiben sein wie das Ballwerfen. Jeder sollte einfach dürfen, wie er kann. Ich kann mir keinen idealen Text vorstellen. Sicher kann man nie sein.
ZWEITENS.
Jeder sollte einfach, wie er kann. Los. Ich fühle mich, wenn ich dann da so am Schreiben bin, nicht, als ob ich wirklich mache, wie ich kann. Ich kann zwar, aber ich bin eine Betrügerin dabei. Ich setze mich zudem so selten zum Schreiben hin, dass ich jedes Mal das Gefühl habe, das Schreiben neu erfinden zu müssen. Dabei denke ich, okay, das mache ich jetzt einfach mal so, denn so wird das Blatt voll. Beim nächsten Mal versuche ich was Richtiges. Eigentlich müsste etwas anderes dastehen. Die meisten Gedichte (ich meine auch die, die ich lese) kommen mir vor, wie beliebige Bäume, an die jemand ganz viel Schmuck gehängt hat. Schmuck habe ich und den Baum finde ich schon irgendwo. Den behänge ich einfach, und der Schmuck und der Baum, das ist dann alles von mir. Schmuck bedeutet für mich alles, was das Talent, oder sagen wir, Sprachgespür, kann. Die Stilmittel, Zeilenbrüche, mit oder ohne System, Vokalketten, Metaphern, Bilder, die Funde, die man so findet und umsetzt, und so weiter. Es gibt für mich persönlich inzwischen auch keine Abstufungen mehr, Schmuck ist nur Schmuck und der Schmuck muss runter, es geht in den Wald. Schmuck, das sind für mich auch die Themen, die man sich vorknöpft oder einbildet und verwendet oder abarbeitet. An Fingerübungen an sich ist nichts verkehrt. Aber auch Fingerübungen ohne Betrug gibt es bei mir nicht. Da finde ich dann sozusagen den Weg ins Schwimmerbecken nicht. Ich tue so, als hinge mein Herz an einem Thema dran und ich tu so, als wüsste ich, wovon ich rede, wenn ich sage, dass ich zum Beispiel gerade Begriffe aus dem Reich der Physik faszinierend finde. Das kann mir nämlich auch keiner nachweisen, ob ich das wirklich tue. Denn ich kenne bislang nur entweder Physiker, und die lesen meine Texte nicht, sondern freuen sich, dass ich mich so dafür interessiere, obwohl ich nichts davon verstehe. Mich freut das ja auch. Oder ich kenne Lyriker, zum Beispiel, und die kennen sich nicht mit der Physik aus, sondern finden vielleicht auch, wie ich, bloß die Worte hübsch und die Welt mit ihren Phänomenen voller Poesie. Leider kann keiner von uns rechnen. Dafür können manche leidlich den Daktylus vom Anapäst unterscheiden oder sich in der Grammatik bewegen, was schließlich auch irgendwie Mathematik und damit auch Physik ist. Letztendlich hängt alles zusammen, das gibt uns das Recht, uns überall zu bedienen, also lasst uns weiter reden über Sprache und Mathematik. Ich ziehe jedenfalls den Hut vor allen, die tief und recht in die Dinge dringen.
Es läuft wohl darauf hinaus, dass ich zu faul bin. Es ist viel einfacher, irgend etwas anderes zu schreiben, das nicht von mir ist, nicht mein Thema und auch nicht meine Sprache. Denn ich selbst kann mich nicht ausreichend in meiner Sprache ausdrücken und das Ringen mit der Sprache ist mir sowieso auch viel zu mühsam. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass es ein Kampf für mich ist, zu schreiben, ein Aufbäumen und Haareraufen vor jedem Wort. Nein. Zur Ehrlichkeit bin ich entschlossen und die beginnt damit, dass ich mir die Lügen eingestehe: Nein, es ist kein Kampf. Entweder es geht flott oder mir fällt gar nichts ein. In erstem Fall flattert ein Engel vorbei und ich bin eine Betrügerin, anders ausgedrückt, ich bediene gerade so eine Masche. Im zweiten Fall, wenn mir nichts einfällt, mache ich halt einfach erstmal doch etwas anderes und es geht mir nicht schlecht, nur weil ich gerade nicht schreibe, und dass ich ein schreibender Mensch bin, sage ich mir, weiß ich ja. Denn das ist immer so gewesen. Warum soll ich denn da eine Frage nach dem Warum beantworten können?
DRITTENS.
Auf, also in den Wald, wo die Bäume stehen. Was macht den Baum aus? Ich komme auf die Antwort: Sprache, denn wovon spreche ich schließlich, und Charakter. Folgende Ideologie: Ein Text ist immer nur so gut, wie der Charakter seines Schreibers. Schließlich merkt ja jeder Popmusikkonsument, dass es Produkte ohne Charakter und welche mit Charakter gibt. Groß ist, wenn man etwas zu sagen hat, und es schafft, das zu tun. Aber es gibt nichts, was nicht Stoff sein kann, wenn man stark genug ist, dem zu begegnen. Dasselbe gilt für die Sprache. Sie mag da sein, muss aber ausgefüllt werden von dem, was ich hier Charakter nenne. Will ich also, so geht meine Ideologie, auf einen grünen Zweig kommen, ist es hilfreich, am Charakter zu arbeiten. Was der Charakter für jeden einzelnen ist, kann ich nicht beantworten. Dieser Frage allerdings ausgesetzt, komme ich für mich zu dem Ergebnis, dass ich einfach keine gute und überhaupt keine Schriftstellerin bin, weil es in meinem Denken, in meiner Lebensweise zu viele Knoten gibt und ich ein schwacher Charakter bin. Es ist also anzustreben, aufrecht durch die Welt zu gehen und genau das ist zu tun, wenn ich tun will, was ich tun will.
VIERTENS
Also aufrecht. Ich bin keine Schriftstellerin. Es besteht ein gewaltiger Zweifel, ob ich in Wirklichkeit überhaupt noch ein schreibender Mensch bin. Dass ich bisher ein Mensch gewesen bin, der schreibt, kann auch nichts als ein Zufall gewesen sein. Bisher habe ich nie ausprobiert, ob es mir fehlen würde, was ich Schreiben nenne. Weil ich schon immer geschrieben habe, mich aber einer existentiellen Situation zum Beispiel nie habe stellen müssen. Erkenne, dass du nichts zu sagen hast. Also jetzt die Fresse halten. Es gibt keine Texte, die ich versäume.
Aufrecht schien mir: Mit dem Schreiben aufzuhören. Alles andere ist gerade gleich wertvoll, um seine Zeit damit zu verbrauchen. Sinnvoll: Mir eine Beschäftigung zu suchen. Vages Ziel dabei, meine erworbenen Halbqualifikationen anzuwenden und zu sehen, was man denn sonst noch so machen könnte im Leben, wenn das Dichten quatsch ist. Also erstmal tun, was erwachsene Leute tun, um Geld zu verdienen. Ghostwriter zum Beispiel erschien mir eine gute Tätigkeit, um mit der Unaufrichtigkeit, die mir scheinbar eigen ist, so aufrecht wie möglich durchs Leben zu gehen.
FÜNFTENS
Ich war dann erstmal Praktikantin bei einer obskuren Firma für alles Mögliche. Ich versuchte mich im ghostwriten und werbetexten, für eine Turnschuhfirma und eine Zahnarztpraxis. Ich nahm an, dass mir dies mit Leichtigkeit gelingen würde. Ich schaffte es, den Text über die Zahnarztpraxis mit Schmuck vollzuhängen und „who-the-fuck-is-the-reader“ – Allüren einzubauen. Dafür erwartete ich eigentlich Lob. Ich dachte: Das haut die bestimmt um. Das kennen die hier nämlich gar nicht. Die meisten Leute kennen ja keine junge deutsche Literatur und keine „who-the-fuck-is-the-reader“-Allüren. Man sagte mir schlicht, da sei zuviel Kunst drin, ich solle in Hauptsätzen schreiben, sonst verstünde mich keiner, der Text diene der Informationsvermittlung und ich litte anscheinend unter einer Grammatikschwäche. Ich hätte so ein Dativ- Akkusativ- Problem. Außerdem sei dies eine Kritik an meiner Arbeit und nicht an meiner Person. Schließlich sei ich hier um zu lernen, nicht wahr?
Alles in allem ist, was ich momentan tue, ein wirklich großartiger Selbsterfahrungstrip.
Ich lerne: Ich habe ein Grammatikproblem. Auch, dass die Literatur in der echten Welt keinen angeht. Echte Dinge: html, Programmiersprache in Ansätzen, small-talk, wie geht man mit einem Bestimmungsbuch für Insekten um. Ich lerne, dass mich die Literatur angeht und dass ich sie liebe. Je weniger ich mit Literatur zu tun habe, umso mehr freue ich mich auf und über das Buch, das ich gerade konsumiere, ich genieße es, zu lesen. Aber ich genieße es auch, nicht immer darüber reden zu müssen, keine blöde Leseliste zu haben, voll mit Büchern, die ich einfach nicht verstehen kann und die mich eigentlich auch nicht interessieren. Nachts stehen mir Bilder- und Wortkolonnen im Kopf und alles scheint mir wert, aufgeschrieben zu werden, und zwar von mir. Je weniger Zeit ich habe, denn ich bin ja meinen Jobs verpflichtet, umso mehr wünsche ich mir, endlich mal wieder meinen Kram machen zu können, wie ich kann und wie ich will, und nicht immer irgendetwas anderes machen zu müssen.
SECHSTENS
Noch etwas zur Sprache: Abgesehen davon, dass es mir einfach an Schreibübung und -erfahrung mangelt, scheint es mir nötig, Sprache bewusst zu erleben und zu erlernen. Sprache ist überall, außer da, wo Sprachlosigkeit ist und was dort ist, weiß man ja nicht. Sprache ist unzureichend und es gibt viele Grenzen und Grenzgebiete. Ich glaube, beim Schreiben zieht es mich eigentlich zu einem der Grenzgebiete hin, ohne dass ich mich darin schreibend wirklich ausdrücken oder erkennen könnte, weil ich tue es ja mit Sprache und Sprache ist eben nichts anderes als Sprache, sie ist nicht Mathematik und auch nicht Musik, sondern sie nichts anderes als unzureichende und ungenaue Sprache. Aber Sprache ist angrenzend, überlappend, eben weil sie nicht für alles genügen kann. Die Sprache ist Alltagsinstrument, sie ist voller Hilfsmittel und Metaphernfallen. Darum tut es gut, sich konkret in einem der streng umzäunten Zwischenbereiche, etwa in einer Programmiersprache, oder einem der der Sprache angrenzenden Bereichen, etwa in der Musik, zu bewegen. Nicht zuletzt finde ich es wichtig, sich nicht ununterbrochen von seiner eigenen verwaschenen Sprache überwältigen oder beeindrucken zu lassen. Das ist zu einfach. Man kann Sprache erleben und man muss sie benutzen, um zu ihr vorzudringen.
SIEBTENS UND ERSTENS:
Ich betrachte das Schreiben und die Literatur als mein Ding, das muss erstmal reichen. Vielleicht ist es ja auch nicht mein Ding, aber dann ist alles andere genauso wenig mein Ding. Es ist ja alles erlaubt, was man will, es gibt keinen besten Text. Ich habe keine Lust auf Ehrfurcht und will nicht Konsument zu sein und mich an der Literatur, ihren Mitteln und großen Namen bedienen. Es gilt, etwas hineinzustecken, sicher kann man nie sein, dass alles klappt.
Am Samstag, dem 10. Mai, jährt sich zum 75. Mal der Tag, an welchem 1933 unzählige Bücher deutscher wie auch fremdsprachiger Autoren und Wissenschaftler den Flammen zum Opfer fielen.
Gemeinsam mit der Künstlerin Angelika Janz möchte das Koeppenhaus der zur Nazi-Zeit verfemten Autoren gedenken und ruft zu einer Aktion in der Greifswalder Innenstadt auf.
Die Aktion findet von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr auf der Langen Straße statt. Vom Fischmarkt ausgehend, wo ein Informationsstand des Koeppenhauses vorzufinden ist, sind alle interessierten Bürger eingeladen, mit Kreide die Namen der verbrannten Autoren auf den Gehweg zu schreiben. In dieser Zeit werden gleichermaßen Texte und Gedichte von Erich Kästner, Mascha Kaleko, Franz Werfel und Stefan Zweig entlang der Langen Straße zu hören sein.
Für ausreichend Kreide ist gesorgt. Die Liste der verbrannten Autoren wird am Fischmarkt verteilt und liegt vorab im Koeppenhaus aus.
Aktionsbeginn und Treffpunkt: 10.30 Uhr, Koeppenhaus.
Darüber hinaus sind alle herzlich eingeladen, ein Buch aus der eigenen „Bibliothek“ mitzubringen, und einen Text oder ein Gedicht des Lieblingsautors im Rahmen dieser Gedenkaktion vorzutragen.
Wer Welimir Chlebnikows „Lied vom El“ in Sternensprache kennt – in der deutschen Ausgabe von Peter Urban stehen Fassungen u.a. von Franz Mon, Oskar Pastior und Gerhard Rühm – , der wird sich über den Text „Öl“ von Ernst Fuhrmann aus dem Jahr 1927 freuen – über den Zusammenhang der Wörter Öl, Allah, Speichel und Wiesel: „Die ganzen früheren Vorstellungen von der Magie der Sprache tauchen dabei vor uns auf, denn ein Wunder ist es seit je, wie sehr durch richtige Sprache der Sinn der Menschen zu beruhigen ist, wie sehr die Sprache über die Gewalt siegen kann.“ Fuhrmann ist der Hausheilige des „Gegner“ und also auch sonst präsent.
Eine (Wieder-)Entdeckung bescherte mir ein historiografischer Beitrag von Papenfuß über Rock und Punk in der DDR, Britain und anderswo. Auch die ausgiebigen Fußnoten: Fundgrube! Meine Wiederentdeckung aber: In den merry 60s, als der Song Satisfaction von den Stones vielleicht noch in den Charts war, spielte im Waldbad in Leuna an der Saale eine Gruppe namens „Sputniks“ u.a. diesen Titel nach. Vermutlich illegal nach beiderlei Recht, aber es drehte! Der Gleichklang Waldbad – Waldbühne dröhnte uns im Ohr. Etwas später meldete Fama, die Gruppe sei verboten. Nie wieder hörte ich von ihnen – bei Papenfuß kommt sie vor mit Quellenangaben. Zu entdecken, zu merken: Edgar Broughton. U.v.m. Auch zu entdecken: ein Gedicht von Fjodor Stschußj (Щусь Федор, 1893-1921), Bauernsohn, Matrose, Kavallerist, Mitglied des Stabes der Machno-Armee. Dies leider ohne Quelle. Papenfuß, gib sie mir! – Außerdem Gedichte von Papenfuß, Terje Dragseth, Susann Immekeppel, Kai Pohl, Andreas Paul und Herrn Köppen (? ich hätte da eine Vermutung) und Prosa von Rainer Schwarzkopf, Alexander Krohn, Ann Cotten und Anna Rheinsberg sowie die garstige Geschichte von einem Kampf für Menschenrechte deutscher Kriegsverbrecher in Landsberg 1951: Lesen! Die heimische Bibliothek fragen, ob sie diese Zeitschrift hat!
Gegner. Quartalsschrift. Heft 22, März 2008. 48 S., 5 EU
Chlebnikows Originaltext hier neben hunderten anderen! – Hier Machnos Erinnerung an Stschusj (russisch), hier ein Foto
Gegner in L&Poe: 2001 Mrz # Gegner; 2004 Jul #57. Pappelschnee; 2006 Okt #115. Floppy myriapoda; 2007 Feb #55. GEGNER und FLOPPY MYRIAPODA ; 2007 Aug #41. Gegner;2008 Mrz #61. Brief; 2008 Mrz #82. GEGNER 22
In der FAZ vom 29.4. fordert ein offensichtlich gutdotierter (=wohlgenährter?) Feuilletonschreiber, die Autoren auszuhungern: damit sie bessere Bücher schreiben. Weg mit all den Literaturpreisen! Nur die Steinkohle werde ähnlich subventioniert. Na der muß es wissen. (Mir ist bloß nicht aufgefallen, daß er und seine Kumpane sich für die wirklich hungernden Autoren mal interessiert hätten. Die gibts nämlich auch. Wahrscheinlich sogar in Fränkfört. – Ja Kafka! Von dem lebt doch die ganze Bande.)**
„Büchner-, Kleist-, Breitbach-, Heine- oder Goethe-Preis“, die können bleiben, sagt der Herr. Die andern aber, wie die alle heißen: „Weil das ungleich höhere symbolische Kapital für die auslobende Instanz bei hochtrabender Benennung sogar doppelt zu Buche schlägt***, heißen die Auszeichnungen, wie sie heißen. Um nur einige bekanntere zu nennen: Johann-Peter-Hebel-, Peter-Huchel-, Marie-Luise-Kaschnitz-, Wilhelm-Raabe-, Hermann-Lenz-, Friedrich-Hölderlin-, Friedrich-Hebbel-, Mörike-, Nicolas-Born-, Heinrich-Böll-, Georg-K.-Glaser-, Carl-von-Ossietzky-, Heimito-von-Doderer-, Hilde-Domin-, Georg-Kaiser-, Hugo-Ball-, Wolfgang-Koeppen-, Adelbert-von-Chamisso-, Walter-Kempowski-, Nelly-Sachs-, Uwe-Johnson- oder Jean-Paul-Preis.“
Ja, richtig. Büchner hätte den Büchnerpreis nicht bekommen. Sagte Wolfgang Koeppen, als es noch eine Provokation für die Herrschaften war. Lesen wir richtig: Das Hochfeuilleton möchte seine Blätter nicht mit all dem Literaturmüll verstopfen. Hochfeuilleton und Hochkultur sollen sich gegenseitig feiern. Bayreuth ist ihnen allemal wichtiger als, sagen wir, Staufen (Peter Huchel).
(Freilich, solange der Büchner lebte, in dies Blatt wär er nur auf den politischen Seiten gekommen: „Terrorist immer noch flüchtig“)
**) Zugegeben, ich auch. Aber ich red auch nicht so.
***) Stimmt! Aber dann müßten sie die Dotierung erhöhen, wenn sies ernst meinen.
Franz Bauer schickt einen Kommentar zu „H.H.“s Mara-Genschel-Verriß (FAZ 10.4. – L&Poe #80) Schon an die FAZ geschickt? Hier jedenfalls für L&Poe-Leser:
Ein paar Fragen. Was soll das heißen: Weil das „Experiment“ 100 Jahre alt ist, muss man jung sein, um sich daran zu beteiligen? Weil das Gedicht, dass vielleicht H.H. bevorzugt, na nicht 2500 Jahre (man könnte ja kaum den Stift halten!) aber vielleicht bis Grillparzer gerechnet grob 150 ist, muss man noch viel jünger sein um sowas zu schreiben?
„Mara Genschel ist Jahrgang 1982.“ Ich liege wohl nicht falsch wenn ich den Zusammenhang so lese, als solle er andeuten, Mara Genschels Texte wären naiv. Leider wird nicht ausgeführt, worin diese Naivität besteht. Es kann ja nicht so falsch sein, an die (vielleicht nicht immer neuen, aber doch ungewohnten) Verfahrensvorschläge eines Poeten anzuknüpfen, den nicht zuletzt ein Harald Hartung hymnisch gefeiert hat. (Oder doch? Vielleicht versteht nur ein Naiver das nicht und es war etwas Keunersches gemeint: Eine Gewalt, die man nicht besiegen kann, muss man loben?)
Unabhängig davon braucht Mara Genschel solche Trompeter nicht. Sie liest ohnehin Jaap Blonk oder Oswald Egger, informiert sich in Donaueschingen oder widmet sich der Droste-Lektüre. (Ein Bezugspunkt von vielen die H.H. verschweigt.) Naiv ist die Autorin jedenfalls nicht, auch wo sie sich, wie das gerade bei Autorinnen zu Weilen vorkommt so gibt. (Ich mag das auch nicht immer.)
Dann heißt es plötzlich: „Manches klingt nach Jandl, anderes nach Kling.“ Folgerichtig hätte er, (Genau das will er ja im Vortext suggerieren!) fortfahren müssen: „Manches liest sich wie… “ Das wäre zwar schon richtiger, würde freilich immer noch den falschen Eindruck erwecken, Mara Genschels Texte würden sich in toto irgendwie so lesen wie Klings oder Jandls. Das stimmt nicht.
„Oder sind es Rudimente von Gedichten?“ fragt H.H. im Weiteren. Ernstlich? Wer sich mit einem Jahrhundert Experiment beschäftigt hat, dem sollte klar sein, dass das Kriterium der Vollständigkeit, sei es des Werkganzen, sei es der Stileinheit gerade hier problematisch ist. Was will H.H. uns? Anschließend zitiert er ein Bruchstück, das als solches nicht gekennzeichnet ist. Wer die Integrität eines Textkörpers als Wertkriterium in den Raum stellt, wie H.H. das tut, hat sowas dann gefälligst klar zu stellen!
„Eine Tagebuchnotiz typographisch aufgemotzt“ kommentiert er dies Zitat. Die Tagebuchnotiz (lassen wir es mal dahingestellt) könnte man lesen: „glücklich im botanischen Garten gesessen“ aber auch (rustikal typographiert): „GLÜCKL! im Botanischen ge- geSessen.“ Wo sich mehrsinnige Strukturen in der Typographie kreuzen ohne sich zu behindern, wie bei Mara Geschel, sollte nicht von hübscher sondern von gekonnt genauer Typographie die Rede sein. Freilich wenn man sich darauf nicht einlässt, kann man dann auch nicht wissen, wie es klingt. Dass H.H. es auch mit der typographischen Wiedergabe des Gedichtes nicht so genau genommen hat, ist da nur konsequent.
Aber natürlich braucht H.H. diese Nachhilfe gar nicht, denn es heißt wenig später: „Man kann den selbstkritischen Schluß auch umkehren ‚Sprachlich mich/ ums Sachliche gedrückt’“ Das ist ja eigentlich der gegenteilige Vorwurf. Freilich könnte man das dann ebenso gut auch Stramm oder Jandl vorhalten. Ihm passt anscheinend doch die ganze Richtung nicht?
Einen Text findet er immerhin beinahe brauchbar. (Er braucht ihn für den Titel.) Er möchte allerdings zwei Chiffren gestrichen wissen. Man weiß nicht recht, warum. Will er Deutungen abbrechen bevor sie (auch dem Leser) ins allzu Persönliche gehen? Vielleicht liegt aber da gerade Mara Genschels Stärke? Das wäre Geschmackssache. Freilich nur so lange, wie man nicht selbstgewiss sachliche Bezüge einfordert. Was da ist, muss man dann schon nehmen. Oder ist H.H. einfach zu faul mal nachzuschlagen? Nachschlagen kann die Genschellektüre mitunter bereichern.
So bleibt mir nur H.H. mit Numminen zuzurufen „Eckige Klammer Pe Strich Xi Strich En Runde Klammer Xi Strich Runde Klammer Eckige Klammer.“
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