Der Herausgeber historisch-kritischer Werkausgaben muss sich mit allerlei Sonderzeichen auskennen, muss ein Virtuose der Klammern, Querstriche und Doppelpunkte sein, und auch mit Zahlen muss er sich auskennen, muss nummerieren, was das Zeug hält, muss ein Netz von Verweisen spinnen etc.
Dass dieses Handwerk Gerhard Falkner fasziniert, macht schon das Motto von „Hölderlin Reparatur“ deutlich. Nicht „Hölderlin“ steht unter dem Motto, sondern „Sattlersche Ausgabe Band 5/S.275“. Um die Textgestalt geht es Falkner. Den Hieroglyphen der Philologen widmet er die Gedichte der ersten Abteilung des Bandes, dem Versuch, korrumpierte Fassungen zu reparieren, gewinnt er dabei·eine eigene poetische Qualität ab: „Die Frage der verlorenen Handschrift/ in der es hieß: / is your past valid für the future? / wer hat die gestellt, die gege, gestellt? / Und die Antwort. / Ohne Ich / bleibt nur/ das Micht?“ In den Varianten, die der Philologe anführt, in den abgebrochenen Wörtern, gestrichenen Versen, in Fett- und Kursivdruck und all den anderen graphischen Markierungen (die schnell auch zu rhythmischen Pattern werden können) entdeckt Falkner einen wiederum ganz eigenen Reiz. Als forme das wissenschaftlich Aufgedröselte neuerlich eine „line of beauty“. / TOBIAS LEHMKUHL, SZ 24.2.
GERHARD FALKNER: Hölderlin Reparatur. Berlin Verlag, Berlin 2008. 110 Seiten, 19,60 Euro.
„Scheitern als Chance“, so überschreibt Lutz Hagestedt seine Bilanz der letzten zehn Jahre (solange besteht literaturkritik.de). Die zurückliegenden zehn Jahre seien eine gute Zeit für Literatur und eine Umbruchszeit für die Literaturkritik gewesen.
Dürftig in dem umfangreichen Artikel freilich der Auftritt der Lyrik:
In der Lyrik etablierten sich bekannte Namen wie Gerhard Falkner, Durs Grünbein, Thomas Rosenlöcher, Uwe Kolbe und der früh verstorbene Thomas Kling als feste Größen. Neue Namen wie Lutz Seiler, Sabine Scho oder Uljana Wolf rückten nach. Walter Höllerers „Theorie der Modernen Lyrik“ wurde um zeitgenössische „Dokumente zur Poetik“ erweitert und arrondiert (und im November 2003 von Ute Eisinger besprochen). Hier, im „Museum der Theorie der Poesie“, wurden Haltungen erprobt, die den alten Gegensatz von Tradition versus Moderne zu transzendieren suchten: So plädierte Adam Zagajewski für einen „Hohen Stil“, der – von „Humor“ sekundiert – den Anschluss an die Moderne suchte. In ähnlicher Weise entwickelte und erweiterte Robert Gernhardt seine Poetik – als Vermittlungsversuch zwischen dem tradierten Formenrepertoire und der heutigen Lebenswelt.
Das wars auch schon – außer diesem Abschnittchen gibt es nur noch einen Satz über Durs Grünbeins tagespolitischen Auftritt:
Durs Grünbein (Jahrgang 1962) versuchte es gelegentlich in seiner Domäne, der Lyrik („September-Elegien“), und wurde dafür belächelt.
Hagestedts Text enthält gewissermaßen eine Erklärung und einen Trost für die Dürftigkeit der Großkritik. In seinem Artikel sagt er:
Nicht „Zeit“-Leser, sondern Internet-User gaben der literarischen Öffentlichkeit neue Impulse.
/ literaturkritik.de Nr. 2, Februar 2009
This column has had the privilege of publishing a number of poems by young people, but this is the first we’ve published by a young person who is also a political refugee. The poet, Zozan Hawez, is from Iraq, and goes to Foster High School in Tukwila, Washington. Seattle Arts & Lectures sponsors a Writers in the Schools program, and Zozan’s poem was encouraged by that initiative.
Self-Portrait
Born in a safe family
But a dangerous area, Iraq,
I heard guns at a young age, so young
They made a decision to raise us safe
So packed our things
And went far away.
Now, in the city of rain,
I try to forget my past,
But memories never fade.
This is my life,
It happened for a reason,
I happened for a reason.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2007 by Seattle Arts & Lectures. Reprinted from „We Will Carry Ourselves As Long As We Gaze Into The Sun,“ Seattle Arts & Lectures, 2007, by permission of Zozan Hawez and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Der Berliner Pianist, Komponist, Bandleader und Musikpädagoge Manfred Schmitz (Jahrgang 1939) vertonte nun Gedichte Eva Strittmatters und machte daraus einen Zyklus von 20 Liedern; Chansons von zart und verhalten bis kraftvoll und mitreißend. Als Interpretin dafür gewann er die 1969 in Ilmenau geborene Schauspielerin und Sängerin Susanne Kliemsch, mit der er bereits erfolgreich andere Chanson-Programme realisiert hatte. Jetzt ist „Ich mach ein Lied aus Stille“ auf CD erschienen, was die beiden Protagonisten zum Anlass für ein besonderes Veröffentlichungskonzert in Dresden nehmen. / Sächsische Zeitung
Susanne Kliemsch/Manfred Schmitz
11.1., 20 Uhr, Kleines Haus, DD
14 Euro im Vorverkauf
„Lehrerausbildung ist unser Kerngeschäft“, sagt Prof. Dr. Dirk von Petersdorff. Der frisch ernannte Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literatur der Universität Jena beschreibt damit nicht nur die eigene „starke Affinität zur Schule“. Der 42-jährige Neu-Jenaer macht dadurch auch deutlich, dass Geisteswissenschaften für ihn zu einer Profession führen. „Literaturwissenschaft sollte man nie aus der Lebenspraxis herauslösen“, erläutert von Petersdorff sein Credo, das er auch den Studierenden aller Studiengänge in Jena vermitteln möchte. / idw 7.1.
Previšic tritt mit dem Anspruch auf, eine objektiv feststellbare Lücke in der germanistischen und komparatistischen Literaturwissenschaft schließen zu wollen: Er untersucht den Rhythmus der Gesänge Friedrich Hölderlins aus den Jahren 1795 bis 1808 und konstatiert dabei einen tiefgreifenden Wandlungsprozess, welcher als „metrische Dekomposition“ bezeichnet wird. / Torsten Mergen,literaturkritik.de Nr. 1, Januar 2009
Boris Previsic: Hölderlins Rhythmus. Ein Handbuch.
Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
320 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783861091851
Dass die Wörter nicht nur Wörter sind und ihre außergewöhnliche Kombinatorik eine ganz andere Wahrheit zum Vorschein kommen lässt, zeigen vor allem die beiden Gedichtbände. Schon ihre zunächst durchaus rätselhaften Titel sind Programm: „Ein Kolibri kam unverwandelt“ heißt der eine, „Lichtorgeln“ der andere. Wobei man sich bei den synästhetisch durchwehten Textflächen der „Lichtorgeln“ durchaus nicht sicher sein kann, ob es sich hier überhaupt um einen Gedichtband handelt oder ob der universalpoetisch freie Umgang mit Sprachpartikeln nicht vielmehr jegliche Gattungsgrenze aufsprengt. Kindheit, Muttersprache, Naturempfinden und Balkankrieg bleiben auch hier thematische Bezugspunkte, und natürlich immer wieder auch die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Sprache. „Wenn Marica Bodrožic die Einheit der Synästhesie in Sprache vereinzelt, gewissermaßen in Einzelteile zerlegt, dann entstehen jene unvermeidlichen Wortinseln, die nur das Wagnis, ins Unheimliche des Dazwischen einzutauchen, miteinander verbinden kann“, bemerkt Nadja Wünsche in der „FAZ“. / Klaus Hübner, literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2009
Ein Kolibri kam unverwandelt. Gedichte. Salzburg 2007 (Otto Müller)
Lichtorgeln. Gedichte. Salzburg 2008 (Otto Müller)
Die Sprachländer des Dazwischen. Essay. In: Uwe Pörksen / Bernd Busch (Hg.): Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur. Positionen des Schreibens in unserem Einwanderungsland (= Valerio 8). Göttingen 2008 (Wallstein)
Vor kurzem stieß ich durch Zufall auf eine Statistik der Stiftung Lesen, aus der hervorging, dass in Deutschland jeder Vierte überhaupt keine Bücher liest. Auch die dort aufgeführten „Gelegenheitsleser“ verzeichnen laut Umfrage einen leichten Rückgang, während die Zahl der „Viel-Leser“ (mehr als 50 Bücher pro Jahr) mit rund 3 Prozent stets gleich bleibt. Leider war dieser Statistik nicht zu entnehmen, um was für Bücher es sich dabei handelt, denn die Frage nach Anspruch und Umfang ist dabei ja nicht gänzlich unbedeutend. Und so hätte es mich gefreut, wenn neben der Quantität und der (zugegeben sehr subjektiv empfundenen) Qualität der konsumierten Bücher auch das Kriterium der Nachhaltigkeit Berücksichtigung gefunden hätte – denn was ist ein Buch, von dem nichts hängen bleibt, das zum einen Auge rein und zum anderen raus geht, ohne Spuren zu hinterlassen, Neugier zu schüren oder Lücken zu schließen? Wer diese schmierige Formel noch länger in den Händen wendet, die Temperatur langsam erhöht und die Inhalte um das Beiwerk reduziert, kristallisiert über kurz oder lang die „Inspiration“ heraus, die dafür sorgen kann, dass ein Text beim Leser nachwirkt, wenn die eigentliche Lektüre längst abgeschlossen ist.
Andreas Noga, 1968 geborener, im Westerwald lebender Lyriker und Lyrikredakteur der Zeitschrift „Federwelt“, ist ein Mensch, der gegenüber der Inspiration offen ist. Sein neuester, bereits vierter Gedichtband „Orakelraum“, als neunter Band der hochkarätig besetzten Lyrikreihe der Silver Horse Edition erschienen, weist denn auch durch die Kategorisierung „lyrische Collagen“ auf das Fertigungsverfahren dieser Texte hin: Fundstücke aus unterschiedlichsten Printmedien, Schlagzeilen, Überschriften und Gedichten anderer Autoren, aus denen er mittels Assoziation neue Bilder geschaffen hat.
Aus wenigen Wörtern spinnt Noga neue Fäden, neue Zusammenhänge, nimmt alte Motive auf und bringt sie in neue Konstellationen, wobei er sich als aufmerksamer Beobachter erweist, der gerade die zwischenmenschlichen Beziehungen fein auszuleuchten und auszudrücken vermag.
schweigsam
noch bliebe ein rest zu sagen
mein mund ist vorübergehend geöffnet
dann wieder geschlossen
die speerspitzen mit denen du zielst
sind vergiftet –
wenn man stille fotografieren könnte
wäre mein schweigen ein fisch
glatt und silbern
und er sähe aus der tiefe
zu dir hoch
Ein runder, vielseitiger Lyrikband, von dem genügend hängen bleibt, um
a) einen Tag im Büro zu überstehen, kurz vor dem Jahresabschluss,
b) einen einsamen Abend mit miserablem Fernsehprogramm ignorieren zu können, und
c) mit der einen oder anderen Zeile ein eigenes Gedicht zu beginnen.
Ein inspirierter, inspirierender Gedichtband.
/ stefan heuer
Andreas Noga: „Orakelraum“ – Lyrische Collagen
Silver Horse Edition
40 Seiten, 6,80 €
Limitierte Auflage von 100 nummerierten und signierten Exemplaren
ISBN: 978-3-937037-24-0
Befreit diese Gesellschaft von diesem Lärm, so dass die, die Ohren haben, sie nutzen, um gute Musik zu hören.
Der amerikanische Jazzmusiker Charlie Mingus (Mehr: WDR Podcast)
Three newly discovered poems by Langston Hughes have their first known publication in the January 2009 issue of Poetry magazine.
BY ARNOLD RAMPERSAD
POETRY MEDIA SERVICE
Langston Hughes wrote these simple poems* in 1930, as the Great Depression loomed in America. By the end of 1933, in the depths of the crisis, he had composed some of the harshest political verse ever penned by an American. These pieces include „Good Morning Revolution“ and „Columbia,“ but above all, „Goodbye Christ.“ Here the speaker of the poem ridicules the legend of Jesus in favor of the radical reality of Marx, Lenin, „worker,“ „peasant,“ „me.“ Around 1940, under severe pressure from conservatives, Hughes repudiated „Goodbye Christ“ as an unfortunate error of his youth. However, in 1953 he was again forced to condemn this poem when he appeared, by subpoena, before Senator Joseph McCarthy’s infamous subcommittee probing allegedly „un-American“ activities by some of our leading scholars, scientists, and artists.
At his core, Hughes was a lyric poet entranced by the charms and mysteries of nature. Nevertheless, political protest was a key aspect of his writing virtually from his high-school days, when many of his classmates were the children of Jewish and Catholic immigrants from Europe who taught him the importance of protesting against injustice. A stirring voyage to colonial Africa in 1923, when he was barely twenty-one, only intensified his commitment to protest art.
These discoveries are minor poems, but reflect some of his abiding concerns and images.
The second poem, which begins „I look at the world,“ is cut from Hughes’s radical poetic cloth. Again one hears echoes of some of his better-known poems. The words „And this is what I see“ followed, as in a sermon-like refrain, by „And this is what I know“ is a familiar rhetorical device in his work. Familiar, too, are the conceits of narrow assigned spaces that almost suffocate blacks, „silly“ walls that pen them in, and, both ominously and beautifully, „dark eyes in a dark face.“
The brevity of these poems conserves their power and, in doing so, prevents them from becoming boring. Again, they are simple– but we must remember that Hughes lived as an artist by the idea that simplicity at its best is or can be complex. Surely these three poems do not widely expand our knowledge of Hughes or his art. However, they remind us poignantly, in their lancing grace, of the qualities that made him the poet laureate of his people and an American master. Hughes saw such poems both as „mere“ propaganda and also as necessary acts of the committed poet. As a black writer facing racism on a daily basis, he had a remarkably precise sense of scale, as well as an inspired knowledge of the words and rhythms of speech that would best convey his messages to blacks and whites alike. The truth is that we cannot have too many poems by Langston Hughes, no matter how modest they seem to be on the surface.
*These poems were written in pencil on the endpapers of Langston Hughes’s edition of An Anthology of Revolutionary Poetry (Active Press, 1929). They were discovered by Penny Welbourne, a rare book cataloger at the Beinecke Rare Book and Manuscript Library at Yale University, where the Hughes Papers are housed. Please visit poetryfoundation.org to see a facsimile slideshow of the original.
I look at the world
I look at the world
From awakening eyes in a black face–
And this is what I see:
This fenced-off narrow space
Assigned to me.
I look then at the silly walls
Through dark eyes in a dark face–
And this is what I know:
That all these walls oppression builds
Will have to go!
I look at my own body
With eyes no longer blind–
And I see that my own hands can make
The world that’s in my mind.
Then let us hurry, comrades,
The road to find.
Arnold Rampersad is the author of the two-volume The Life of Langston Hughes and editor of The Collected Poems of Langston Hughes. This article first appeared in Poetry magazine. Distributed by the Poetry Foundation. Read more about Langston Hughes, and his poetry, atwww.poetryfoundation.org.
© 2009 by Arnold Rampersad. All rights reserved.
„Leben wie ein Baum, einsam und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“ Mit diesen Versen aus dem Gedicht „Davet“ (Die Einladung), ist der größte türkische Lyriker des 20. Jahrhunderts, Nazim Hikmet, auch in Deutschland bekannt geworden. Lange war der Dichter, der mit „Menschenlandschaften“ das berühmteste Epos über Anatolien schuf, in seiner Heimat verfemt, jetzt soll er offiziell rehabilitiert werden. Gestern beschloss das türkische Kabinett, ihm post mortem seine Staatsbürgerschaft zurückzugeben und die Rückkehr von Nazim Hikmets sterblichen Überresten in die Heimat zu ermöglichen. / taz 6.1.
„Es ist ein Schritt hin zur Anerkennung unterschiedlicher Meinungen, Sprachen und Volkszugehörigkeiten, der nötig ist, um Mitglied der EU zu werden“, sagte Dogu Ergil, Politikwissenschaftler an der Universität Ankara. / AP
Mehr: FAZ.net 7.1. / Welt 7.1. / ND 7.1. / BBC news
In L&Poe: 2001 Jan # Nazim Hikmet wird rehabilitiert; 2001 Jun # Machmud Darwisch ist einer der letzten Dichter; 2002 Jan # John Berger über Nazim Hikmet; 2002 Jan # Hikmet fesselnd; 2002 Jan # Gefängnis für Gedichte; 2002 Jan # Atatürks verlorener Poet; 2002 Feb # Warum es die Türkei nicht schafft; 2002 Mrz# Hikmet 100; 2002 Jul # Human Landscapes; 2002 Dez # Poesie am Schaufenster; 2005 Mai #5. Das Wetter ist seltsam geworden; 2005 Jun #6. Lyrikpolizei; 2005 Nov #90. Philadelphia feiert; 2006 Okt #19. Alain Lance ausgezeichnet; 2007 Okt #38. Die Brücke. Forum für antirassistische Politik und Kultur 145; 2008 Okt #54. Hikmet-Auswahl; 2008 Okt #58. Türkei: früher lyriklastig; 2008 Okt #62. Versfelsen; 2008 Okt #69. Hikmets Traum; 2008 Okt #72. Die Einäugigen und die Lyrik
Es waren die Erkenntnisse des amerikanischen Sprachwissenschafters Noam Chomsky, die in den sechziger Jahren für Inger Christensen die Legitimation der schriftstellerischen Tätigkeit begründeten. Dessen Gedanken «über eine angeborene Sprach-Fähigkeit und über allgemein gültige formale Regeln für den Satzbau, die (. . .) zugleich ermöglichen, dass ins Unendliche Sätze generiert werden», hätten sie mit einem «phantastischen Glücksgefühl» erfüllt, bemerkte sie, «eine nicht beweisbare Gewissheit, dass die Sprache eine unmittelbare Verlängerung der Natur» sei. Dank Chomsky verspürte sie «dasselbe <Recht> zu sprechen wie der Baum, Blätter zu treiben».
Jedes strukturierte Sprechen war damit gemeint, auch die Stellungnahmen der Bürgerin. Gerade in den Jahren ihrer Anfänge galt Inger Christensen als eminent politische Autorin. Sie äusserte sich mit Versen etwa zu Fragen des Städtebaus. Im Winter 1969/70 konnte man ihre Texte von Kopenhagener Hauswänden lesen. Zeilen daraus wurden allenthalben zitiert, gerieten zum Fanal: «Eine Gesellschaft kann wie aus Stein sein (. . . ), bis jemand damit anfängt, eine Stadt aufzubauen, eine Stadt, die weich ist wie ein Körper.» …
Christensen war mit deutschen Dichtern vertraut, von Goethe über Novalis und Kleist bis Heissenbüttel. Handkes «Linkshändige Frau» hatte sie ins Dänische übersetzt. Sie las Robert Walser, nicht weniger als Mallarmé, Rimbaud, René Char. Sie lebte mit Mandelstam und Shakespeare und Gertrude Stein. / Beatrice von Matt, NZZ 6.1.
Mehr: Die Welt / Tagesspiegel / Westdeutsche Zeitung / Neue Westfälische / Kölner Stadtanzeiger / BLK / SZ / Badische Zeitung (Michael Braun) / The StraitsTimes / Zeit / Der Standard
Die Berliner Literaturkritik annotiert eine Ausgabe der Gedichte des vor allem als Krimiautor bekannten Schweizers Friedrich Glauser (1896-1938), die arg verspätet 70 Jahre nach seinem Tod erscheinen.
GLAUSER, FRIEDRICH: Pfützen schreien so laut ihr Licht. Nimbus Verlag, Wädenswil 2008. 70 S. mit Anh., 22 €.
Ebenfalls annotiert und mit 2 Leseproben vorgestellt wird eine Auswahl von 100 Gedichten Johannes R. Bechers.
Johannes R. Becher
Hundert Gedichte
Herausgeber: Jens-Fietje Dwars, Nachwort: Jens-Fietje Dwars
Leinen, 164 Seiten,
Erschienen bei: Aufbau-Verlag
978-3-351-03245-6
12,95 € *) / 25,40 Sfr
Man kann vielleicht widersprechen, wenn heute gesagt wird, der neue, von Gizzi und Killian herausgegebene Band sei das Werk Jack Spicers, des Kaliforniers, dessen biographische Einzelheiten auf eine Weise mythologisiert wurden, daß er selber es gewiß geschmacklos nennen würde. Mehr als jeder andere Dichter seiner Generation betonte Spicer das Unpersönliche am Erscheinen eines Gedichts von „außen“: unter dem Einfluß von „Gespenstern“, „Marsmenschen“ und, wichtig: „der Toten“. In Anlehnung an W.B. Yeats‘ Methode geistiger Séancen (Yeats‘ Frau Georgie kanalisierte die Wörter der Geister für den Dichter zum Mitschreiben) vertrat Spicer die Meinung, daß die persönliche Geschichte des Dichters unbedeutend sei im Vergleich mit dem viel größeren Spielraum des Gedichts. Er verfüge nicht über die Worte: sie seien die materiellen Einmischungen, die ihm erlaubten, ein Anderes in seine dynamischen und komplexen Perspektiven einzuschließen. / Dale Smith, Bookslut
My Vocabulary Did This to Me: The Collected Poetry of Jack Spicer (Wesleyan Poetry) (Hardcover)
by Jack Spicer (Author), Peter Gizzi (Editor), Kevin Killian (Editor)
Vgl. L&Poe 2008 Dez #107. Lyrik und Politik
Immer wieder ist die dänische Dichterin Inger Christensen als Kandidatin für den Nobelpreis im Gespräch gewesen, doch die bedeutendste Literaturauszeichnung der Welt blieb ihr am Ende versagt. Im Alter von 73 Jahren starb, wie erst am Montag bekannt wurde, Dänemarks bedeutendste Lyrikerin der Gegenwart bereits am Freitag. …
„Berlingske Tidende“ schrieb einmal, die Dichterin habe von Zeitströmungen unabhängige Lyrik und Prosa mit enormer Leuchtkraft geschaffen. „Sie erinnert immer wieder an die Überwindung einer großen Trauer“, hieß es. Man könne sagen, dass sie ihr literarisches Genre „revolutionär erneuert“ habe, wenn diese Begriff nicht so schlecht zur scheuen und sich selbst fast verleugnenden Persönlichkeit der Dichterin passe. Christensen trat als Person öffentlich kaum in Erscheinung. …
Als „Meisterwerk europäischer Poesie“ wurde „Schmetterlingstal. Ein Requiem“ gerühmt: Es enthält einen klassischen Sonettenkranz mit vierzehn Sonetten und dem abschließenden Meistersonett. Christensens Requiem entfaltet in einem Spiel von kindlichen Verwandlungen in verschiedenen Schmetterlingsarten eine „Symmetrie der Trauer“. Wirklichkeit und Vorstellung lassen sich in ihren Werken kaum auseinanderhalten. Zur Jahrtausendwende erschien „Der Geheimniszustand und Das Gedicht vom Tod“, eine Sammlung von Essays und Lyrik.
Über sich selbst und den Antrieb zum Schreiben erklärte Christensen einmal: „Ich bin eine ganz normale Sterbliche, mache Essen und treibe alles Mögliche. Nur manchmal, und es geschieht eigentlich selten, vergesse ich, was ich gewusst habe. Dann muss ich es noch einmal formulieren.“ / FAZ.net
Nachrufe: FR 6.1. / FAZ 6.1. /
In L&Poe: 2001 Jan # Nacht der Poesie auf dem Potsdamer Platz; 2001 Mrz # Die Sterndeuter (7); 2001 Mrz # Lyrik auch mal in der taz; 2001 Jun # Die sechsten Frauenfelder Lyriktage; 2001 Jun # Das erste Internationale Literaturfestival Berlin; 2001 Jun # Auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin; 2001 Jun # Über das erste Internationale; 2001 Sep # Sechste Frauenfelder Lyriktage; 2001Okt # Inger Christensen las in Göttingen; 2002 Feb # Banater Alphabet; 2002 Feb# Much of; 2002 Mai # In dem frechen Online-Literaturmagazin “ fackel „; 2002 Mai # Christensen in Hombroich; 2002 Aug # Über das Jubiläum des Künstlerhauses; 2002 Sep # Ledergerbers Gedichtladen; 2003 Mrz # det/das: Kling über Christensen; 2003 Jun # Det/ Das: Abschied von Mallarmés Moderne; 2003 Sep # Universalgedicht det/ das; 2003 Sep # Drittes Internationales Literaturfestival Berlin; 2004 Jun #5. Inger Christensen in Dresden; 2005 Jan #51. Wiederverzauberung. Inger Christensen 70; 2005 Jan #52. Todesaufschubsdichtung; 2005 Jan #65. Christensen missing; 2005 Jun #73. „Das. Das war es. Jetzt hat es begonnen.“; 2005 Aug #26. Irrtum; 2005 Sep #5. Alphabet der Welt; 2005 Sep #58. Scandinavian, Germanic, and Slavic Poetry Today; 2006 Jan #90. Dansk kulturkanon; 2006 Feb #15. Dänische Lyrik; 2006Feb #89. Die dänische Lyrikerin; 2006 Mrz #38. Irische Lyrik Live auf der Leipziger Buchmesse; 2006 Apr #43. Dante und der Fanatismus (der Anderen); 2006 Mai#44. Dichterfest in Kopenhagen; 2006 Mai #57. Homilettrie für Christensen; 2006Sep #48. Was er liest; 2006 Dez #79. Lyrik boomt im Internet; 2007 Mai #30. Poesie graphisch – Skandinavische Lyrik auf Bodoniblättern; 2007 Dez #62. Wie fahrendes Volk; 2008 Jun #75. „So tun, als ob“; 2008 Jul #43. 28. ERLANGER POETENFEST; 2008 Jul #57. Inger Christensen und Kathrin Schmidt in Ahrenshoop; 2008 Jul #61. 9. poesiefestival berlin erfolgreich beendet; 2008 Aug#111. Irrwitzig & melodiös; 2008 Nov #18. Stein-Zerfledderung
Fr 16.1. und Sa 17.1.
Der Poetik-Preis wird jährlich von der Alice Salomon Hochschule Berlin vergeben. Erstmals wurde er 2007 verliehen, kurz nachdem die Alice Salomon Hochschule Berlin als erste in Deutschland den Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ einführte.
Der Preis ist eine Hommage an seine Namensgeberin. Für die Sozialreformerin Alice Salomon stellten bereits vor 100 Jahren Kunst und Kultur wichtige Inspirationsquellen zur Erforschung und zur geistigen Reflexion der Welt dar.
Mit dem Preis werden Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet, die durch ihre besondere Formensprache und künstlerische Vielfalt zur Weiterentwicklung der literarischen sowie visuellen und musischen Künste beitragen. Die Betonung liegt dabei auf der künstlerischen Interdisziplinarität, die sich auch in den Kulturangeboten der Hochschule wieder findet.
Rebecca Horn hat seit dem Beginn der siebziger Jahre ein Werk geschaffen, das sich aus Performances, Filmen, skulpturalen Raum-Installationen, Zeichnungen, Fotoübermalungen und Gedichten zusammenfügt. Die Kunstwerke bieten dem Betrachter die Möglichkeit, mythische Bilder zu assoziieren und kulturgeschichtliche, literarische und philosophische Bezüge herzustellen.
der Fortgang der Titel-Reihe [Neuer Wort Schatz], die jetzt ihren vorläufigen Abschluß (genauer gesagt: eine Pause) mitteilt. Die letzten 6 Gedichtporträts zeigen, was die Reihe insgesamt ausmacht: Mut zum Risiko, will sagen zu jungen, noch nicht durchs Feuilleton abgesegneten Autoren, die mit mindestens der Hälfte ungewöhnlich stark vertreten sind:
Heinz Czechowski: Zu Mickel
Björn Kuhligk: Hausach. Die Eisenbahnstraße
Katrin Marie Merten: auf taghellen Fluren
Mara Genschel: FLEISCH einfach
Konstantin Ames: eune zîtung
Ulf Stolterfoht: lyrikbedarf 2: thesaurus (9)
Über den jungen Leipziger Konstantin Ames schreibt die Autorin:
Ein sehr zorniges Gedicht, dabei ohne jede Sentimentalität und auch nicht zur Protestklampfe zu singen. Komplex und nicht nur doppel-, sondern mehrfachsinnig macht es aufmerksam auf eine kleine Nachricht, die in der Flut des Neuen rasch untergeht. Mehr als sensibilisieren kann die Lyrik nicht. Daher sollte man ihr auch nicht immerzu die Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen. „Alles richtig, aber bewirkt ja nichts!“ ist ein ziemlich billiger Vorwurf, der immer dann laut wird, wenn das Gedicht gesellschaftliche Zustände kritisiert. Dabei ist ein Gedicht über entschwundene Liebe ja genauso nutzlos. Konstantin Ames beweist jedenfalls, dass er genau hinschaut, auf die Meldungen und das, was sie besagen, um einen Text zu konstruieren, dessen Intelligenz das mächtige shington sehr dumm dastehen lässt. / Gisela Trahms, Titel
Release-Party Pt.1
Lesungen – Filme – Sounds
FR 12.12. Ab 21:00 Uhr IKUWO 5,-€
Zonic, anlässlich des 15jährigen Jubiläums nunmehr vom Magazin zum Almanach gereifte Kulturerscheinung, geht in die Runden 14 bis 17: buchdick informationsprall, um CDs beschwert, mit Kunst-Poster bewehrt. Thematisch wie immer in verwirrender Vielfalt, grafisch wie immer in schöner Eigengestalt. Wie gehabt, wie bewährt: eine entschleunigte Sonderrolle vorwärts auf den abseitigeren Geländen der überraschten medialen (Under-)Welt, genau vor eure Augen & Ohren. Nehmt wahr, bitte sehr! & mit: zum Sondertarif!
Lesungen:
Bert Papenfuß (Ko-Redakteur, DDR-Untergrunddichter, Anarcho-Literat, Zeitschriftenmacher/ Berlin): „Abend über Dächern“ – ein Text zu DDR-Rock, Proto-Punk & People´s Bands Frank Apunkt Schneider (Autor/ Bamberg): Eine Einführung zu seinem Standard-Werk „Als die Welt noch unterging. Von Punk zu NDW“ (Ventil Verlag) Hans Nieswandt (DJ, Musiker/Produzent, Autor/ Köln): Zur DJ-Werdung in den 80ern aus seinem gefeierten Debüt von 2002, „plusminusacht – DJ Tage, DJ Nächte“ (KiWi)
Zonic Radio & Video Show live
Alexander Pehlemann (Zonic/ Greifswald), Frank Apunkt Schneider & Hans Nieswandt spielen Platten, zeigen Filme und reden über Pop und Anti-Pop damals wie heute.
Herausgegeben von der Pommerschen Literaturgesellschaft e.V./pom-lit.de Gefördert vom Quartiersbüro Fleischervorstadt
Details: http://www.zonic-online.de
Jubiläums-Spezial auf radio98eins: Zonic Radio Show, 11.12., 20-22 Uhr
FR 12.12. Ab 23:00 Uhr IKUWO
ZONIC # 14 –17 Release-Party Pt.2
From: Mutant Dizko To: H-Muzik
Von Underground Disko über New Wave, Dub Dance oder 80s-Elektronics zu House und den Club-Sounds des Hier&Jetzt. In einem fundierten Mix der Extraklasse!
DJ Hans Nieswandt (Köln/ Ladomat 2000; Mute; Ware Records)
Zonic präsentiert: Zonic-Autor Hans Nieswandt – der im Spex der frühen Neunziger für die Popularisierung elektronischer Tanzmusik stand, mit Whirlpool Productions stilistisch offene House-Musik produzierte (deren „From: Disco To: Disco“ ein veritabler Evergreen wurde) und seither solo an Sounds werkelt, als Autor zweier Bücher amüsant über die Schicksals(sonder)wege eines DJs aufklärte und als ebensolcher mittlerweile sogar fürs Goethe-Institut durch die Welt zieht. Tusch!
Alle Kulturprojekte-und Veranstaltungen im Landkreis Uecker-Randow/Vorpommern abgelehnt
Am 29.September 2008 hat der Kreistag des Landkreises Uecker-Randow den Nachtragshaushalt beschlossen.
Daraus geht hervor, dass in diesem Haushaltsjahr keinerlei Fördermittel für Kulturprojekte und Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Alle gestellten Anträge gehen mit dieser Mitteilung in diesen Tagen an die Antragsteller zurück. Zu wessen Entlastung? Zu Jahresbeginn hatten alle Antragsteller die freundliche Mitteilung erhalten, “vor Bewilligungsbeginn mit den Maßnahmen beginnen zu dürfen”. Sie haben also bereits 10 Monate lang in ihren Projekten auf eigenes Risiko gearbeitet . Sollen Sie die begonnenen Projekte nun abbrechen? Projekte wie die Kinderakademie von Angelika Janz sind damit ehrenamtliche Privatsache geworden. Angelika Janz hat erst vor wenigen Tagen ZeitzeicheN-den Deutschen Lokalen Nachhaltigkeitspreis der Grünen Liga erhalten, weil sie ihre Projekte viele Jahre lang durch den Förderdschungel manövriert hat – mit immer anderen Trägern und Maßnahmen und denselben Kindern, die sich großartig entwickelt haben in dieser Zeit. Kinder, die in ihren Projekten sind, gehören bereits zum größten Teil zu den Benachteiligten in dieser Gesellschaft. Eine sinnvolle Kulturvermittlung zur Stärkung der Selbst- und Fremdwahrnehmung ist Prävention und Bildungsbeitrag für Kopf und Herz. Wer im Uecker-Randow- Kreis von Kultur leben will, ist entweder bereits Rentner und hat seinen Beruf zum Hobby stilisiert oder er wird in Zukunft abwandern. Denn ein Landstrich ohne Kultur verliert an Lebensqualität. “Kultur ist nicht 5. Rad am Wagen, sondern Luft in allen Reifen”, wie Klaus Staeck, aus Berlin nach Vorpommern eingeflogen, kürzlich bei einer Talkshow im Anklamer Theater verlauten ließ. Ein Landkreis, der die Kultur kappt, ist auch für künftige Tourismusaktionen schlecht aufgestellt. Was hat das vielzählige verbeamtete Kulturpersonal des Landreises noch zu tun, wenn weder Kulturprojekte noch Kulturveranstaltungen gefördert werden? Uecker-Randow ist sog. “Modellregion”, in der jedes 3. Kind in Armut lebt, in der rechtsradikale Tendenzen zunehmend Raum greifen, in die nur 0,5 % der einstigen Abiturenten nach dem Studium zurückkehren, in der auf den Dörfern die Spielplätze demontiert werden, weil sich ihre Pflege für die wenigen Kinder nicht mehr “rechnet”.
Wer durch Dörfer wie Ferdinandshof fährt, spürt die Depression und Resignation der von der westlichen Bundesrepublik abgehängten Region. Die Menschen haben es aufgegeben, positiv nach vorne zu blicken, und die Kinder dieser materiell und kulturell ausgegrenzten Familien wissen es längst. “Wie fühlst Du dich im Moment”, lautete eine der Fragen auf dem Fragebogen der aktuellen Projekte von Angelika Janz, der ihr von Zeit zu Zeit als Seismograph für die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder dient. “Ich möchte am liebsten sterben”, stand auf einem der Fragebögen, auf den anderen stand schlichtweg das deutsche Wort, das als Synonym für die Ergebnisse eines Verdauungsvorganges steht. Eine Chance bleibt noch, vorerst: Die Möglichkeit der Weiterförderung bestehender außerschulischer Projekte durch überregionale Überstützung wie Mittel der EU oder Familienministerium, so zum Aktionsbündnis gegen rechts “Vielfalt tut gut”. Berlin entscheidet und bewilligt und der Landkreis reicht die Mittel weiter. Verlässlicher und wertvoller Vermittler und Betreuer dieser letzten lebensnotwendigen Projekte ist der Kreisjugendring mit Sitz in Pasewalk. Auch den wollen die Kommunen in Zukunft nicht mehr finanzieren. “Warum lassen Sie sich das gefallen”, fragte Angelika Janz den verantwortlichen Leiter der kreislichen Schul- und Kulturbehörde und Präsident des Landesschützenverbandes Herrn Gerd Hamm. Der zuckte hilflos die Achseln. Dann gute Nacht, Uecker-Randow.
Vgl. L&Poe 2008 Okt #4. Deutscher Lokaler Nachhaltigkeitspreis 2008 – Zeitzeiche(N) an Angelika Janz
Auf dem zweiten bundesweiten Fortbildungs- und Netzwerkkongress wurde der Deutsche Lokale Nachhaltigkeitspreis Zeitzeiche(N) in insgesamt sieben Kategorien vergeben. Er rückt beispielhaftes Engagement und innovative Ideen für eine lebenswerte Zukunft ins öffentliche Bewusstsein. Neu ist in diesem Jahr die Vergabe des Zeitzeiche(N)_Ideen, der herausragende Projektvorschläge prämiert. Diese sollen im nächsten Jahr umgesetzt werden. Alle anderen Preise würdigen realisierte und umgesetzte Leistungen. Die Übergabe der Preise erfolgte u.a. durch Bundesstaatssekretärin Astrid Klug, Sachsens Staatsminister Frank Kupfer und Prof. Dr. Rolf Kreibich vom World Future Council als Vertreter der Jury. Die Preisverleihung fand im festlichen Rahmen im Bundesverwaltungsgericht in Leipzig statt.
In der Kategorie Einzelpersonen wurde u.a. die in Aschersleben/ Vorpommern lebende Lyrikerin Angelika Janz für ihr Projekt KinderAkademie Uecker-Randow ausgezeichnet.
In der Pressemitteilung heißt es:
Die Initiatorin der KinderAkademie organisiert und betreut schon seit 1995 eine erfolgreiche sozio-kulturelle und umwelt- und naturbezogene Arbeit mit Kindern ab Vorschulalter. In einer von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung betroffenen Region gelingt es Angelika Janz seit Jahren, mit ihren Aktionen und Initiativen auch eine wichtige Wertevermittlung für die nachwachsende Generation zu sichern. In mehreren generationsübergreifenden Projekten führt sie mit hohen Synergieeffekten Alt und Jung in der Region zusammen.
L&Poe gratuliert einer geschätzten Autorin und wünscht weiterhin unverdrossene Schaffenskraft – auch und vor allem in ihrem text- und bildkünstlerischen Schaffen am Rand des Lands & des Betriebs! (Und Leser, Leute, Leser!)
Für die Erinnerungszukunft
Übers Wasser
gerettet haben wir
das zweite Gesicht
mit dem guten Rat auf der Zunge.
Die Mosaiken der Trauer
bleiben uns
auf den Leib geschrieben.
Bei Ankunft sind wir
am Trockenschwimmen gescheitert.
Wir aßen das Brot von den Brotverstörern,
wir tranken das Wasser der Wasserbeschauer.
Vor flirrenden Pixelmillionen,
fliehenden Horizonten
sind Aller Beweggründe Untiefen
ausgelotet.
Wir rudern im Dunkeln.
Die leisen
Schnellen
unter dem Bug haben wir
wahrgenommen.
Wenn die Ufer mit trägen Entfernungsgrenzen
verschwimmen,
sprechen wir deutlich,
dann schweigen wir.
Jetzt ist die Not
ein gutes Papier
für die Botschaft der Faltschiffe,
in versiegenden Flüssen aus-
gesetzt und in Ozeane
geschickt.
Angelika Janz
In L&Poe: 2001 Mrz # Die Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“ ; 2001 Apr # Unter Strom im Frühlicht; 2001 Dez # Das letzte Gedicht der letzten Lyrikpost; 2002 Aug # Das Dafürhalten im Ende; 2002 Aug # Kräfte lassen nach; 2002 Sep # Neuerscheinungen der Verlage; 2003 Mrz # Schöne Sprechung; 2003 Apr # Café 2: Oskar Kanehl; 2003 Mai # Lieber Michael; 2004 Jun #9. Zustandsbericht. Bewegungsmelder; 2004 Jun #28. L&P Doku; 2004 Jun #50. Zwei Stimmen zu Ernst Meister; 2004 Jun #59. Mitte(l)maß; 2004 Jun #70. Nahbellpreis an Alex Nitsche; 2004 Jul #25. Das Werk; 2004 Aug #69. lyrikmail Nr. 847 24.08.2004; 2005 Jan #84. Wer nullen kann; 2005 Apr #97. Den Sinn, den Stoff, die Worte – selber zugeschnitten; 2005 Jun #84. Lyriknahbellpreis an Angelika Janz; 2005 Jun #87. Nahbeller?; 2005 Jun #91. 333333; 2005 Sep #112. Angelika Janz: Ich versäume; 2006 Mai #35. Club der Einsilbigen; 2006 Jul #85. Lage des Gedichts; 2006 Dez #1. UNDERGROUNDLITERATUR bei Hugendubel 2003-2006; 2006 Dez #39. Sehr geehrter Herr Papenfuß; 2006 Dez #102. L&Poe dankt für; 2007 Jan #108. Großartige Texte; 2008 Apr #38. #38. Die blassen Herren mit den Mokkatassen; 2008 Apr #52. „DIREKTE“ POESIE ALS GETARNTE MYSTIK: „DAS ECHTE WUNDER“; 2008 Mai #40. Etwas über ein Element; 2008 Mai #41. Gedenken; 2008 Aug #123. Im Kältestau leere Depots; 2008 Sep #59. Schräge Intention; 2008 Sep #80. Berechnung der Abwärme
Metaphern aus der Finanzwelt scheinen naheliegend. Voilà:
Wenn das literarische System ordnungsgemäß funktioniert, fließen Poesie und poetisches Kapital frei zwischen Lesern und Schreibern hin und her und bilden den produktiven Teil der Kultur. Wenn vergiftetes Gedichtkapital das System blockiert, kann die Vergiftung des Literaturmarkts unseren Kultureinrichtungen irreparablen Schaden zufügen.
Bekanntlich brachten laxe Kompositionspraktiken seit Eintreten der Moderne verantwortungslose Dichter und Leser mit sich. Einfach ausgedrückt, zu viele Dichter schrieben Arbeiten, die sie nicht verantworten konnten. Jetzt sehen wir die Auswirkungen auf die Lyrik in massiven Vertrauensverlusten seitens der Leser. Was als Problem suboptimaler (subprime*) Lyrik auf faktisch unregulierten Lyrikwebseiten begann, hat sich auf die stabileren Felder literarischer Zeitschriften und Verlage ausgebreitet und zu exzessiven Lyrik-Überbeständen geführt, die den Kursverfall bei verantwortungsbewußten Gedichten verursachten.
Die Dichter haben zu große Risiken übernommen; die ästhetische Verwilderung ist groß. Das Zeitalter der Dekadenz muß zu einem Ende kommen; Übersicht und Regulierung beim Verfassen und Verbreiten von Gedichten müssen Pflicht werden.
Wir sind davon überzeugt, daß es gelingen wird, unseren kulturellen Sektor zu stabilisieren und das Vertrauen der Leser in die amerikanische Literatur wiederherzustellen, sobald die faulen und schädlichen Gedichte vom Markt genommen werden. Damit die Transaktion erfolgreich verläuft, werden wir alle nach 1904 geschriebenen Gedichte vom Markt nehmen.
/ Charles Bernstein, Harper’s 09
*) subprime: vom prime, erstklassig; von der Börse Düsseldorf zum „Börsenunwort des Jahres“ ernannt
Für Glissant, der heute neben Martinique in Paris lebt und an der City University New York lehrt, stellt die Karibik mit ihrem buntscheckigen Kulturgemisch ein Musterbeispiel für produktiv gelebte „Globalität“ dar, die der westlich-hegemonialen Globalisierung entgegengesetzt wird. Inbegriff dessen soll die Kreolsprache sein, die eigenständig und kreativ auf verschiedene kulturelle Hintergründe zurückgreifen kann – das „Glück, in Anwesenheiten aller Sprachen der Welt zu schreiben“, hat Glissant das genannt. Nicht nur dieser Anspruch, auch Glissants Euphorie und Optimismus globalen Verschmelzungen gegenüber sind von ständiger Aktualität – nicht nur in der Karibik. / FLORIAN KESSLER, SZ 20.9. zum 80. Geburtstag Édouard Glissants
Aufnahmen von der Lesung in Leipzig mit Lautgedichten Scherstjanois (unten)
Über das Lautgedicht sagt er:
In meiner Dichtung geht es vor allem um eine andere Kommunikation, und das ist die Kommunikation des rein emotionalen Aktes. Wenn ein Lautdichter auf der Bühne ist und beginnt, mit seinen Lauten zu agieren, dann denken die Leute nicht daran, ob sie ihn verstehen. Sie versuchen sogar, mit einem Lächeln, mit einem Lachen sich dagegen zu wehren Aber dann reagieren sie auf seine Emotionen mit ihren Emotionen. Und dann entsteht eine emotionale Kommunikation, keine semantische, also eine asemantische, natürlich akustisch gefärbte Kommunikation. Da setze ich ganz bewusst die Tradition der russischen transrationalen Dichter fort. Das waren in erster Linie Alexej Krutschonych, Welimir Chlebnikow, Ilja Sdanewitsch, bekannt im Westen als Iljasd, dann Igor Terentjew, Wassili Kamenski und andere. Insgesamt gab es von ihnen etwa zwanzig in der Zeit der grossen russischen Avantgarde, der Zeit der grossen Utopie von 1908 bis circa 1930, bis zum Selbstmord von Majakowski, und paar Jahre danach. Aber diese Anfänge im russischen Futurismus um 1908 und 1912, um Krutschonych, sind steckengeblieben wegen des Bürgerkrieges und der Zerstörungen im Lande. Sie sind meistens früh gestorben, sie sind im Gulag umgekommen oder waren gezwungen in den Westen zu gehen. Also es gab keinen günstigen Nährboden für die weitere Entwicklung dieser Lautsprache, dieser Lautkunst. Aber im Westen gab es eine parallele Erscheinung im italienischen Futurismus und dann, einige Jahre später, im deutschsprachigen Dadaismus. In Westeuropa konnte sich diese Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickeln. Es gab in Frankreich zum Beispiel eine lettristische Bewegung, und dann die Ultralettristen. In Italien die Poesia Sonora.
Über die Deutschen:
Claus ist mein großes Vorbild gewesen. Er war ein Lautaggregat — übrigens der Titel eines seiner Hörspiele aus dem Jahre 1993. Er war eine Lautmaschine, und er […] sprach vom Verlassen der natürlichen Sprache. Darin war sein Weg. Ich als Lautländler habe meine eigenen Visionen. In der DDR gibt es noch einige Namen, aber sie entsprechen im Grunde nicht meiner Absicht. Was man zum Beispiel am Prenzlauer Berg gemacht hat …sie waren zu ideologisch. Die Lautdichtung, hat ein russischer Sprachwissenschaftler gesagt, ist die Kunst, die außerhalb der Ideologie frei existieren kann. Aber diese Leute — ich meine nicht böse — aus dem Prenzlauer Berg, von Elke Erb bis Bert Papenfuß, sind für mich immer zu politisch gewesen. Sie waren keine reinen Lautdichter. Lautdichter gab es und gibt es in Westeuropa, Kanada, den USA und Australien.
(Aus dem Glossen-Interview)
Scherstjanois Einführung 3:05
Lautgedicht 1 1:15
Lautgedicht 2 1:32
Lautgedicht 3 1:16
Lautgedicht 4 2:13
Weblinks
Bücher
Michael Lentz / Uli Winters / Valeri Scherstjanoi / Dalibor Markovic / Wolfgang Heisig (Musik)
Dramaturgie: Michael Lentz
Auftaktveranstaltung: In welchem Käfig du dich auch befindest, verlasse ihn
Do 11.9., 19:00 Uhr
VGH Versicherungen,
Hannover
Preise:
12 EUR
10 EUR erm.
LAUT MEMORIAL. Valeri Scherstjanoi im Jüdischen Friedhof Weissensee. Video aus „Djinn der Nordsee“, Berlin 2007. 0:45
ALFABET. Scherstjanoi documented spring 2007. 1:04
Hörspiel
Regie: Bernhard Jugel
BR 2004, Länge: 44’04
Sonntag, 24.8.2008, 15.00 Uhr [Bayern 2]
Heimkehr und Kehrreim gehen in dieser Sendung eine poetische Verbindung ein. Heimgekehrt ist der Lautdichter Valeri Scherstjanoi ins nördliche Ostpreußen – die Heimat seiner Vorfahren. Dort lebten einst zwischen Weichsel und Memel die Pruzzen. Sie vermischten sich mit deutschen und anderen Einwanderern, ihre Sprache starb im 17. Jahrhundert aus. Sprachreste erhielten sich in nordostpreußischen Ortsnamen.
Manche Orte wurden 1938 von den Nationalsozialisten umbenannt, weil sie nicht richtig deutsch klangen. Nach 1945 ersetzte die sowjetische Administration alle deutschen Ortsnamen durch russische. Doch noch sind die alten Namen nicht ganz verschwunden. Sie sind festgehalten in Broschüren wie dem ‚Ortsnamenverzeichnis Gebiet Kaliningrad (nördliches Ostpreußen)‘.
Scherstjanoi will die Namen seiner Heimat „zurück in den großen deutschen Wortschatz holen“ und hat sie daher rückläufig, d.h. entsprechend ihrer Endsilben geordnet. Zeitgleich kehrt er zurück in seine Kindheit und lässt den Zuhörer durch kurze Ankedoten teilhaben am Leben seiner Familie. Prätlack, Nimmersatt, Pelludschen, Matzkutschen, Prosit, Tilsit. Eine Klangsymphonie aus Kehrreimen. Heimkehrreime.
Mit Valeri Scherstjanoi
Valeri Scherstjanoi, geb. 1950. Lautdichter, Hörspielautor. BR-Hörspiele: Polyphonia (1991), lautLand (1994), Matrjoschka (1996), Tango mit Kühen (1999) und Makrophon (2000).
Märchen
ach,
Schneewittchen todesrot
hat sich unter
die Tram
geweht
Anhören:
Die Texte von Bertram Reinecke sind eine Art „Vokalsestine“ – Gedichte, bei denen das Permutationsschema der Sestine auf die Anordnung der Silben pro Zeile angewandt wird. Jede Zeile besteht aus 5 Silben, in der ersten Zeile folgen die Vokale der alphabetischen Folge aeiou und vertauschen sich dann, bis in der 5. Zeile die Originalfolge wieder erreicht ist. Hier 2 der von Scherstjanoi gesprochenen Strophen:
Ach Mensch! Nie sollst du…
Du Ach! sollst Mensch nie –
Nie du Mensch! Ach! sollst –
Sollst nie… Ach du Mensch…
Mensch sollst du nie? Ach…
Ach Mensch nie sollst du…
Ach es ist so dunckl
un das Todes Kimmr
tint su trerach wonn
or sich bawugt end
efhobt sun schwir Hammr
ante Stindo schlugt
Anhören
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