165. Meine Anthologie 9: Asklepiadeisch

Urs Allemann

Asklepiadeisch die zweite

Reisst wenn mitten entzwei einen eine seis sich
sie seis nackt auf das Brett dich in den Kübel dass
fern dem Bauch und es gliedert
was der Kopf auseinanderdrückt

bis es ob er es sprengt wenn er zersprungen und
aus dem Schädel das Herz sich in den Mund das Hirn
auftut und es herauskriecht
dass des Abends den Hammer du

drauf und wieder nicht weisst ob dich getötet was
wenns im Eimer erwacht an dir heruntertropft
als dies stete sich Höhlen
oder wieder der Kieselstein

nämlich nirgends ein Wort das dich wenn ihr zerdrückt
und der Zangengeburt müd aber raus aus dem
Bagger schweisste dass nie mehr
einer eine zu foltern sich –

Aus: Zwischen den Zeilen 15/ 2000, S. 5. – Auch in Urs Allemann: Holder die Polder. Oden, Elegien, Andere. Basel, Weil, Wien: Urs Engeler Editor 2001, S. 28 (Textidentisch, ich hab nachgesehen*)

Meine Anthologie: Erotisch

Numerierte Einträge meiner Anthologie sind die nachgetragenen der alten Ausgabe, die ich peu à peu chronologisch hier einrücke – unnumerierte** dagegen die neuen.

*) ich soll nicht auf Leitern steigen, sagt mein Arzt, aber für Allemann muß ich doch, weil er so weit oben ist
**) 2 N 1 M: so ists mir recht (denn ich sage auch número uno und nicht Nummero usw)

164. American Life in Poetry: Column 245

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I love the way the following poem by Susie Patlove opens, with the little rooster trying to “be what he feels he must be.”  This poet lives in Massachusetts, in a community called Windy Hill, which must be a very good place for chickens, too.

Poor Patriarch

The rooster pushes his head
high among the hens, trying to be
what he feels he must be, here
in the confines of domesticity.
Before the tall legs of my presence,
he bristles and shakes his ruby comb.
Little man, I want to say
the hens know who they are.
I want to ease his mistaken burden,
want him to crow with the plain
ecstasy of morning light as it
finds its winter way above the woods.
Poor outnumbered fellow,
how did he come to believe
that on his plumed shoulders
lay the safety of an entire flock?
I run my hand down the rippled
brindle of his back, urge him to relax,
drink in the female pleasures
that surround him, of egg laying,
of settling warm-breasted in the nest
of this brief and feathered time.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2007 by Susie Patlove from Quickening, Slate Roof Press, 2007. Reprinted by permission of Susie Patlove and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

163. Cervantes-Preis

Der mexikanische Schriftsteller José Emilio Pacheco, 70, erhielt am Montag den Cervantes-Preis, der als der bedeutendste Literaturpreis der spanischsprachigen Welt gilt. Die Jury nannte Pacheco einen „außergewöhnlichen Dichter des alltäglichen Lebens mit Tiefe und der Fähigkeit, seine eigene Welt zu erbauen“. Pacheco gilt als wichtigster mexikanischer Dichter des 20. Jahrhunderts, er schuf aber auch Romane und Kurzgeschichten und ist Kritiker und Übersetzer.

Zu seinen Gedichtbänden zählen Los Elementos de la Noche (Die Elemente der Nacht, 1963), El Reposo del Fuego (Der Schlaf des Feuers, 1966) und No Me Preguntes Como Pasa el Tiempo (Frag mich nicht wie die Zeit vergeht, 1969).

Der Cervantes-Preis ist mit 125,000 Euro (187,500 Dollar) dotiert und wird jährlich vom spanischen Kulturministerium vergeben. / monstersandcritics

Mehr: CBC News /

„Einer der großen Dichter spanischer Sprache“ (José Manuel Caballero Bonald) – „ein großer Dichter vom Schlage  Octavio Paz'“ (César Antonio Molina)

In Chile bedeutet das auch, daß es wieder nicht Nicanor Parra wurde

Nachrichten auf Spanisch: Milenio / El país /El mundo / Erklärung des mexikanischen Präsidenten /

Bücher in Übersetzung:

Der Tod in der Ferne
Residenz,Salzburg, 1992
Übersetzung: Leopold Federmair, Maria Alejandra Rogel Alberdi

Kämpfe in der Wüste
Residenz, Salzburg, 1995
Übersetzung: Leopold Federmair, Maria Alejandra Rogel Alberdi

Nachtzirkus
Ammann, Zürich, 2002
Übersetzung: Juana und Tobias Burghardt

Rückkehr zu Sisyphos: Gedichte 1959-2000. Ausgewählt und übersetzt von Leopold Federmair und Alejandra Rogel Alberdi. Edition Selene, Wien 2003. 168 S., Fr. 27.90.

Die Jury

El jurado ha estado presidido por José Antonio Pascual, representante de la Real Academia Española y formado por: Jaime Labastida, representante de la Academia Mexicana de la Lengua; Luis García Montero, propuesto por la Conferencia de Rectores de las Universidades Españolas; María Agueda Méndez, por la Unión de Universidades de América Latina; Soledad Puértolas, por la directora del Instituto Cervantes; Almudena Grandes, por la ministra de Cultura; Pedro García Cuartango, por la Federación de Asociaciones de Periodistas de España; Ana Villarreal, por la Federación Latinoamericana de Periodistas; David Gíes, por la Asociación Internacional de Hispanistas; y Juan Gelman, autor galardonado en la edición 2007. Como secretario ha ejercido Rogelio Blanco, director general del Libro, Archivos y Bibliotecas y como secretaria de actas, Mónica Fernández, subdirectora general de Promoción del Libro, la Lectura y las Letras Españolas.

Vgl. L&Poe

2001    Jun    #    Auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin
2004    Nov    #69.    Esther Andradi

162. Lyrikabend in Antananarivo

Dieser Freitagabend im Kulturzentrum Albert Camus* war besonders spirituell und kommunizierend. Zu sanfter Musik auf Valiha [Bambuszither], Flöte, Geige und Gitarre, gespielt von zwei Kindern des [1978 verstorbenen] Dichters Dox, gesellten sich leichte Choreographien der Gruppe Zanatohatra.  Und die Poesie scheint aus ihrem Grab aufzuerstehen…
Am Ende der 2000er Jahre hallt das Werk von Dox und Esther Nirina immer noch in uns nach. Sie bleiben eine Mahnung, die malegassische Poesie zu bewahren, deren Noblesse getrübt ist durch die Kälte einer Öffentlichkeit, die unsensibel geworden ist für spirituelle Gegenstände jenseits der Kirche.

Glücklicherwiese ist die Rettung da… An dieser Dichterlesung konnten die jungen Dichter von Faribolana Sandratra** mit ihren erfrischenden Texten die Fackel bewahren. Der Stil ändert sich, aber die Flamme bleibt die gleiche. / Hernan Rivelo, L’Express de Madagascar 30.11.
*) Wie fast alle Zeitungen der Welt stehen auch malegassische im WWW für alle Welt sichtbar, vergessen aber hinzuzufügen, um welche Stadt es sich gerade handelt. (Denn  ihre Stammleser, die das Blatt aus dem Hausbriefkasten ziehen, wissen es natürlich). Nehmen wir an, es handelt sich um die Hauptstadt Antananarivo.
**) eine malegassische Dichtergruppe

Hier: Feldforschung in einer Vereinigung von malegassischen Schriftstellern und Dichtern in Antananarivo (Universität Bayreuth)

(Auch eine interessante Vorstellung: Ethnologische Feldforschung bei jungen Dichtern in Bayreuth. Wenn jemand so etwas macht, oder sich Kenntnis verschafft etc.: Nachricht genügt!)

161. Kriminalroman als Prosagedicht

Sie sind der Erfinder des Kriminalromans als Prosagedicht, glaube ich. Warum diese extrem verdichtete, rhythmisierte Sprache für ein solches Sujet?

Als Teenager habe ich sehr viele Gedichte geschrieben, und ich empfinde Lyrik noch immer als natürlichere Ausdrucksweise. Ich denke, in mancher Hinsicht ist Lyrik eine wahrhaftigere Abbildung unseres Lebens.

/ Der britische Autor David Peace im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau 30.11.

160. Ausstellung

Als Dr. Peter Böthig 1988 die DDR verließ, hatte er einen Rucksack und zwei Koffer dabei. In einem Koffer befanden sich Texte, Bilder und Poesie des DDR-Untergrunds.

Auf die Frage eines Grenzers, was er denn in den Koffern habe, antwortete der heutige Leiter des Rheinsberger Kurt Tucholsky Literaturmuseums: „Ach, nur Bastelkram!“ Der Grenzer glaubte es, Böthig reiste aus und mit ihm einige der faszinierendsten Hinterlassenschaften Ostberliner Künstler.

Einige dieser Bücher, Gedichte und Bilder können Besucher nun im Rheinsberger Literaturmuseum bestaunen, wo am Sonnabend die Ausstellung „Poesie des Untergrunds – Die Ostberliner Literaten- und Künstlerszene 1979 bis 1989“ eröffnet wurde. / Märkische Zeitung / Ruppiner Anzeiger 30.11.

159. „So vital, so experimentierfreudig, so unterhaltsam, so klug“

Im Huchel-Haus zu Wilhelmshorst können sich Lyrik-Freunde am 8. Dezember auf den neuesten Stand bringen lassen. Das Literaturhaus stellt Deutschlands neue Dichter vor.

Die Lyrik erlebt zur Zeit einen Boom in der deutschen Literatur. So vital, so experimentierfreudig, so unterhaltsam, so klug wird derzeit kaum in einem anderen Land die Welt in Worte gefasst. Zwanzig Jahre nach der Wende hat sich eine neue Autorengeneration gebildet. Die in diesem Jahr bei „dtv“ erschienene Gedichtsammlung „Laute Verse. Gedichte aus der Gegenwart“ stellt 24 Lyrikerinnen und Lyriker der heutigen Szene mit jeweils zehn Texten vor und bietet so einen profunden Überblick. Zudem gibt jeder Autor mit der Interpretation eines seiner Gedichte einen Einblick in seine Schreibwerkstatt. Auf diese Weise entstand eine kleine Poetologie der Gegenwart.

Am 8. Dezember ab 20 Uhr werden Nico Bleutge, Anja Utler und Jan Wagner aus der Anthologie lesen. Durch den Abend führt der Herausgeber Thomas Geiger. / Märkische Allgemeine 30.11.

Die Lesung findet am 8. Dezember ab 20 Uhr im Huchel-Haus Wilhelmshorst, Hubertusweg 41, statt.

158. Fremd-Wort

… Karl Heinz Rummenigge (der Franz Beckenbauer ein selbstgereimtes, zum Fremdschämen peinliches „Gedicht“ widmete) / FAZ.net 29.11.

157. Meine Anthologie 8: Krautlieb

Garten Buhlschafft / oder Kraut Lieb.

Ich war in einem schönen Garten /
Da der Braunellen ich must warten;
Alßbald sie kam vnd sah mich an /
Empfanden wir das Hertzgespan.
Ach! was empfind ich in dem hertzen /
Sprach sie / ich antwort / laß vns schertzen:
Je läng’r je lieber bist du mir /
Ja Tag vnd Nacht lieb bin ich dir /
Laß vns mit maß vnd ohn Maßlieben /
Laß vns das Nabelkraut verschieben /
Das so süß / vnder deinen Schurtz.
Ja Knabenwurtz vnd Ständelwurtz /
Sprach sie / mir allzeit wol zu schlagen:
Liebstöckel mögen wir auch wagen /
Dieweil sie gut für die / die blaich /
So stöck es tief in das Glidweich.
Glidkraut mein glid mit lust durchdringet /
Wan es kein Muterkraut mit bringet:
Auch lieb vnd süß ist die Mannstrew /
Mit Zapfen-kraut die frewd wirt new:
Dan seine Tugent stehts passieret /
So bald es kützlend tief berühret
Die zarte Nackent Hurenhaut
So wirt es gleichsam Seiffenkraut.
Es ist gnug laß nun ab zu schertzen /
Biß wir einander wider hertzen /
Vergiß mein nicht / vnd bleib doch weiß /
Mein Augentrost. Mein Ehrenpreiß.

Aus: Georg Rodolf Weckherlin: Gedichte. Stuttgart: Reclam, 1972, S. 230 f.

156. Emma Jones

Jacob Polley erinnert sich lebhaft an den Augenblick, als er Emma Jones „entdeckte“, den neuen Stern der australischen Lyrik.  „Ich dachte wow, wo hat sie das bloß her?“, erinnert sich Polley. Es war im Jahr 2006, als Polley, einer der bekanntesten britischen Nachwuchslyriker, als Gastlektor am Trinity College der Universität Cambridge ein kleines Treffen von Studenten und Autoren organisiert hatte. „Ich wollte einfach ein paar Leute zusammenbringen, die ihre Gedichte vorlesen, und über einen ihrer australischen Freunde hatte ich Emma getroffen und sie dazugeladen.“

Etwa acht Leute saßen an einem langen Tisch in einem Raum der Universität mit Kamin und beim Wein. Die junge Autorin aus Sydney las als erste ein unveröffentlichtes Gedicht, „Pieta“. „Es sollte gar keine Talentsuche sein“, sagt Polley, „aber plötzlich wurde es echt aufregend“. Hinterher mailte er sie an und bat um mehr Texte. Die gab er an Matthew Hollis von Faber & Faber, den Papst des Verlegens englischsprachiger Lyrik, mit den Worten: „Das müssen Sie sich ansehen“.

Faber, der Verlag von T.S. Eliot, Sylvia Plath, Marianne Moore, John Berryman und vielen, vielen anderen, veröffentlichte ihr Buch als erst zweiten australischen Gedichtband (nach Geoffrey Lehmann, 1994) und den einzigen Debütband des Jahres.

Vor zwei Monaten gewann ihr Buch „The Striped World“ den Literaturpreis des Premiers von Queensland. Vergangenen Monat folgte der Felix Dennis Prize, der höchste britische Preis für debütierende Lyriker. Sie ist auf der Shortlist für den John Llewellyn Rhys Prize, der am Montag vergeben wird, und sie wurde aus 30 Bewerbern als Gastautor des Wordsworth Trust in Grasmere im Lake District ausgewählt. / Peter Wilson, The Australian 28.11.

(mit Gedichtprobe: „Waking“)

The Striped World,
Faber & Faber, $24.95

155. Farbflächen, Wortfolgen

Es hätte des Hinweises auf Kasimir Malewitsch im Anhang nicht bedurft, um mitzubekommen, dass Gennadij Ajgi nicht in ein Poesiealbum mit Puschkin oder Zwetajewa gehört. Eher in eines mit diversen Dichtern Westeuropas wie Alain Lance oder Eugenio Montale.

Aber auch mit den minimalistischen Flächen des gebürtigen Ukrainers Kasimir Malewitsch (1878 – 1935) illustriert könnte man sich die Gedichtbände des tschuwaschischen Dichters Gennadij Ajgi vorstellen. Es gibt sie sogar. Sie helfen zu verstehen, was der Bursche da tut. Auf russisch, wie es ihm 1960 Boris Pasternak geraten haben soll.

1960, da war der 1934 in Schajmurshino in Tschuwaschien Geborene schon längst aus dem Moskauer Gorki-Institut geflogen: „für das Schreiben eines feindlichen Gedichtbuches, das die Grundlagen der Methode des sozialistischen Realismus untergräbt“. Noch eine Schraube weiter, und aus dem Dichter wäre ein Terrorist geworden. Es steckt tief drin im Neu-Sprech der modernen Machthaber – diese bürokratische Lust, Menschen zu verurteilen, zu eleminieren, auszusortieren. …

Der Dichter, der 2006 in Moskau starb, fasziniert also die Verleger. Und die Übersetzer fordert er heraus. So wie minimalistische Maler ihre Betrachter herausfordern: Sätze werden nicht zu Bildern, Bildfolgen nicht zu Geschichten. Auch wenn das große weite Russland, in dessen Herzen Tschuwaschien liegt, natürlich drin vorkommt – mit Feldwegen, Pfahlzäunen, Schnee, Licht und – unbedingt – Birken. Alles Symbole für das unendlich große, fruchtbare und geplagte Land, die man kennt – von Mandelstam, Pasternak und Blok.

Aber bei Ajgi tauchen sie auf wie bei Malewitsch die schwarzen, weißen, grauen Flächen: Sie ziehen den Blick auf sich – und lösen sich gleich wieder auf in Wortfolgen, in denen der Dichter nachzusinnen scheint, halb wachend, halb träumend. Und immer wieder fasziniert von den eigentlich nicht wahrnehmbaren Bedeutungen, die der sinnende Mensch den Dingen, den Erscheinungen und den Worten unterlegt. Das Eigentliche, so scheint es, schwebt und webt hinter den Dingen – so wenig fassbar, dass dem Dichter oft gar nichts anderes übrig bleibt, als vorsichtig ins Unbenennbare zu deuten. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung 29.11.

Gennadij Aijgi „Immer anders auf die Erde. Gedichte“, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2009, 19,95 Euro

154. Meine Anthologie 7: Lage des Gedichts

So

Diese Lage
des Gedichts
ist ohne Gewicht.
Es wagt nichts, wendet

kein Ding vom Platz.
Es sucht nicht.
Wie es liegt
ist verendet
der Satz,
schreib es nicht.

Aus: Angelika Janz: Schräge Intention. Gedichte. Wien: edition ch 1995, S. 36.

© Angelika Janz 2000.

Meine Anthologie: Poetologisch

153. Haiku in Wien

je müder ich bin
umso lieber
bin ich in wien

Ernst Jandl, aus: dingfest. gedichte. Sammlung Luchterhand 1990 (1. Ausgabe 1973), S. 115

Meine Anthologie: Dingfest

152. Haiku in Wiesbaden

„Die Abendsonne/im Fenster des Nachbarn – ach/nun öffnet er es.“ Eine ganz alltägliche Beobachtung, die Rita Rosen von ihrem Balkon in der Kleiststraße aus machte und in lyrische Form goss. Ein Haiku ist es, das sie daraus gemacht hat: Ein japanisches Gedicht aus 17 Silben, dessen genau festgelegte Form seit Jahrzehnten auch in der westlichen Welt gepflegt wird. Gedichte schreibt die ehemalige Professorin und heutige Kulturbeauftragte der Wiesbadener Fachhochschule schon lange und ist in der Literatenszene der Landeshauptstadt auch sonst keine Unbekannte. Ihr neuestes Projekt ist der Haiku-Kreis, der sich unter ihrer Anleitung seit einem Jahr an jedem ersten Dienstag im Monat bei der „Literaturwerkstatt Caliban“ in der Herderstraße 31 trifft. Der kleine Kreis besteht überwiegend aus Frauen – ein Herr ist auch dabei – und wird sich demnächst zum ersten Mal an die Öffentlichkeit wagen: Am 1. Dezember, 19.30 Uhr werden die eigenen Dreizeiler, begleitet von japanischen Instrumenten – und vor allem auch von Stille – vorgelesen. / Anja Baumgart-Pietsch, Wiesbadener Tagblatt 28.11.

 

151. Rede zur Verleihung des Michael-Lindner-Preises

Textenet

Von Bertram Reinecke

Als wir damit begannen, das Festival textenet.de zu organisieren, war eine der Triebkräfte auch die Neugier auf das, was in den verschiedensten literarischen Szenen gerade getrieben wird. Offenheit für viele Strömungen der Literatur war ja ein Grundanliegen des Festivals. Was lag da näher, als einen Literaturpreis auszuschreiben? Dass es nur ein kleiner im Konzert von Dutzenden verschiedenen sein konnte, war klar. Aber braucht es überhaupt einen weiteren Literaturpreis? Wir meinten: ja, wenn es ein besonderer Preis ist, wenn es ihm gelänge, an einigen Stellen besser oder zumindest anders zu sein als andere Preise. Unbefriedigend findet mancher Autor an verschiedenen Wettbewerben die Berechenbarkeit der Juryergebnisse. Es geht, so könnte man diese Kritik zusammenfassen, oft nicht darum, zu schauen, was es alles für Entwicklungen in der Literatur geben könnte, sondern im Fokus vieler steht es, einen bestimmten Inbegriff von Literatur zu würdigen. Das ist legitim und auch Preise für Haikus oder engagierte Literatur haben natürlich ihr Recht. Bei Preisen, die sich offener geben, weil sie auf solche Eingrenzungen verzichten, Bespiele tun hier nichts zur Sache, werden solche Tendenzen aber ebenfalls festgestellt und hie und da als unbefriedigend empfunden. Solchen Tendenzen wollten wir ausweichen, aber wie? Zunächst entschieden wir uns, den Wettbewerb für Hördateien auszuschreiben. Dadurch konnten Literaturen, die auf dem mündlichen Wort beruhen, besser berücksichtigt werden. Lautpoesie wirkt ja auf dem Papier oft nur wie eine Folge von wirren Buchstaben und erschließt sich erst beim Hören. Slam Poetry nutzt gern und überzeugend das Mittel der Wiederholung. Im geschriebenen Text sind solche Stellen oft blaß. Dies nur zwei Beispiele. Ein solches Auswahlverfahren hat aber auch den Vorteil, dass man es sich überlegen musste, ob man am Preis teilnimmt: Es macht Arbeit! Ewig Unentwegte, die nur auf die Entertaste drücken, um Alles mit ihren fix zusammengeklöppelten Elaboraten zu überschwemmen, blieben der Jury erspart. Auch das ist ja ein Problem: Der Flut der Einsendungen können sich Juroren oft nur erwehren, indem sie die für die weitere Diskussion nicht in Frage kommenden Beiträge schon nach kursorischer Lektüre aussortieren. Texte, die Klischees verwenden, um mit Ihnen zu spielen, fallen da schnell unbeabsichtigt unter den Tisch. Ebenso mitunter Texte, die sich klassischen Erzählstrukturen auf besonders hinterlistige Weise verweigern und so weiter. Außerdem waren Juroren gefordert, die in der Sache streitbar, dennoch konstruktiv in der Zusammenarbeit sind. Auch sollte ihre Sache eine möglichst unterschiedliche sein, ihr Herz möglichst für sehr verschiedene Arten von Literatur schlagen. Solche Juroren haben wir gefunden: ein hartnäckiger experimenteller Ironiker, ein lockerer Spassmacher, der aber mit allen Wassern gewaschen ist, wenn es gilt, einen Text packend für den Leser zu gestalten und ein tiefernster Mann, der sich an den Höhen der klassischen Literatur orientiert: unterschiedlicher kann der Zugriff auf Literatur kaum ausfallen. Die Juroren bewerteten die literarische Qualität der Beiträge, nicht ihre technische. Wer kein Tonstudio zu Hause hat, sollte nicht bestraft werden. Zu guter Letzt war ein Namenspatron gefragt, der das Anliegen des Preises verkörpern kann. Nicht ein großer Name, nicht eine Autorität, vor deren Meriten man die Arschbacken zusammenkneift, sondern ein interessanter Unbekannter, der in sich viele Strömungen seiner Zeit vereint. Michael Lindner, ein Leipziger Renesaincepoet, ist so eine Figur. Ein Schlitzohr, ein Krimineller, wie seine großen Kollegen Franz Villon und Ulrich von Hutten, aber ebenso wie diese ein hochgebildeter Mann, der mit machtvoller Stimme in die ethischen Debatten seiner Zeit eingriff. Einer, der Schwänke, ja Zoten veröffentlicht, um Geld zu machen, aber auch ein massiver Kritiker der kirchlichen Dogmatik seiner Zeit. Und stärker als andere damals spielte er auf der uns heute so modern anmutenden Klaviatur der diskursiven Identitätskonstruktion: Wer bin ich, der etwas sagt und was sage ich besser im Namen eines berühmten Kollegen oder lege es meinen Figuren in den Mund. Soweit die Vorgeschichte. Wir freuten uns über die Vielzahl der Einsendungen, die aufgrund unserer Ausschreibung eingingen. Dennoch bedeutete das auch Probleme, allein wegen der technischen Logistik. Auch die Juroren hatten in kurzer Zeit eine gehörige Portion Arbeit. (Denn die auf der Homepage anzuhörenden und zu lesenden Beiträge waren ja nicht alle, die zu bewerten waren.) Ich bin mit der letzendlichen Lösung der Dreiteilung des Hörkunstpreises zufrieden, auch wenn es so keinem Preisträger zuzumuten war, für den auf diese Weise sehr verringerten Preisanteil eigens anzureisen: Einer der Preisträger kommt aus Sarajevo. Die Sieger zeigen nun, ganz im Geiste des Preises, exemplarisch drei Utopien dessen, was Literatur sein kann. Die erste, eine gewissermaßen klassische Utopie liegt Milenko Goranovics Beitrag „Csárdás für den Alten“ zu Grunde. Literatur soll unseren Horizont erweitern, soll uns auf Ihre Weise etwas über die Welt erzählen und sollte auch unsere ungelösten ethischen Fragen in den Blick nehmen. Dazu muss Literatur glaubwürdig sein. Wir müssen ihr vertrauen können. Alles dies leistet der prämierte Text. Dies spiegelt sich, um es hier einfach und plastisch zu sagen, schon in der Kongruenz zwischen den erzählten Inhalten des Textes und der erzählenden Stimme wieder. Eine hörbar ältere erfahrene Stimme steht für eine Figur ein, die von Haltung und Erlebnishorizont ebenfalls diese Merkmale aufweist. Hinausgehoben über die durchschnittliche Lesebuchgeschichte, denn auch diese entspricht ja oft der angesprochenen Utopie von Literatur, wird der Text durch seine ökonomische Machart. In einfacher allgemein verständlicher Sprache, in nicht einmal 3 Minuten wird ein Riesenhorizont an Welt mit allen ihren Fragen eröffnet. Handelt der Text doch ebenso von der Fragilität unserer Wahrnehmung wie unserer Gesellschaften, thematisisert er doch exemplarisch, welche Möglichkeiten der Einzelne hat, innerlich unabhängig zu sein von einem sich verrohenden Gemeinwesen, aber auch, wie sehr der Mensch auf seine Natur als soziales Wesen, dass auf Mitwesen angewiesen ist, verpflichtet bleibt. Er sagt etwas über den positiven Wert von Traditionen und im selben Atemzug spricht er vom Scheitern dessen, der sich nicht verändert. Er ist nicht zuletzt in diesem Fragehorizont damit aber auch ein Text über Kunst und ihre Möglichkeiten. Und dies alles ganz organisch, aus einem Guss, ohne dass diese wenigen Minuten irgendwie überfrachtet oder heterogen wirkten. Dieter Atts „Poem to make ends meet“, seine Utopie von Literatur, will im Gegensatz dazu gar nicht homogen, nicht organisch sein. Er montiert unterschiedlichste Wirklichkeitsversatzstücke, je heterogener desto besser. Wir wissen längst, auch unsere Wirklichkeit ist fragmentiert. Aber Wirklichkeitsversatzstücke? Sind die zahlreichen Gegenstandbereiche, die diesen Text bedrängen, tatsächlich Wirklichkeiten? Nein: Natürlich sind es Ausschnitte aus Texten. Die Welt, das zeigen die Zitate in einer solchen Zusammenstellung überdeutlich, ist nie so, wie sie in Texten verhandelt wird. Wir sind keine Superhelden, wir sind keine Goetheschen Romantiker. Der fiktive Charakter jeden Erzählens wird herausgestrichen. Der Text kommentiert sich dabei selbst: So ist der Text gemacht. Auch ich bin nicht echt. Ich bin Sprache, aber ist das nicht etwas wunderbares? Aber nur Sprache? Das kann man nicht sagen: Er nähert auch ein altes Mißtrauen: Vielleicht ist nicht nur die Sprache schattenhaft, sondern auch die Welt? Haben wir denn eine Wirklichkeit, auf die wir jenseits der Zeichen verweisen können? Sind nicht Glaubwürdigkeit oder das Subjekt Funktionen des Spieles eben dieser Zeichen, dass man so, aber auch anders spielen könnte? In diesen impliziten Fragen nach den Grenzen unserer Erkenntnis scheint dann plötzlich eine Gemeinsamkeit mit dem erstgehörten Beitrag von Milenko Goranowic auf. Solche hochfliegenden epistemischen und ästhetischen Probleme sind dem Siegerbeitrag von Andre Hermann „Wenns ein Tittel ändern würde“ eher fremd, auch wenn sein Text enorme Weltkenntnis behauptet. Auch wenn in seiner Machart das Wissen des Autors um moderne Textverfahren, wie sie in esoterischen Literaturseminaren verhandelt werden, sichtbar wird. Den Ballast von Theorie jedoch wirft er von sich. Er besteht darauf, dass wir zunächst Subjekte sind, die in der Wirklichkeit handeln, die sich miteinander auseinander setzen müssen, er besteht darauf, dass Sprache vielleicht doch nicht so fragil ist, wie manche glauben mögen, weil sie ja als Werkzeug alltäglich zum Einsatz kommt. Befehlen, Danken, Bitten, aber auch Spotten und Darstellen (nicht zuletzt sich selbst darstellen), das alles kann die Sprache, dazu benutzen wir sie. Literatur ist eine Fortsetzung dieser Praxis. Sage mir, dass die Sprache nicht taugt etwas in ihr darzustellen und dann erzähle, wie Du es mir sagen willst, so möchte man es Andre Hermann in den Mund legen. Den Wirklichkeiten in seinen Texten sollen wir vertrauen, wie wir einem Mitmenschen vertrauen, aber auch manchmal nicht vertrauen.