ich hab die Milz gefunden, die Leber, die Lunge,
schreibt Simone Kornappel unter Bezug auf den Beitrag Körpertexte
und zwar in einem (famosen) Gedicht von Tomaž Šalamun
Aber das sind Ausnahmen
(Leseprobe aus: Aber das sind Ausnahmen, Gedichte, 2004, Edition Korrespondenzen – Übertragung Peter Urban)
gummischuhe schaffen wir ab
denn die werden nicht mehr getragen
und den tod und die fliegen
die keine festen landeplätze haben
einige dumme zahlen schaffen wir ab
dann werden wir endlich aufatmen
und frei zählen
eins zwei drei siebzehn
alle wörter schaffen wir ab
die weniger als fünf buchstaben haben
denn es ist vollkommen klar
daß sich nur solche wörter gehören
und die gebirge
wir schaffen den kreis ab
denn wir haben das quadrat
denn warum beides haben
ein bein so
und das andere so
und den nachmittag
da geht die sonne unter
wir schaffen die milz ab
denn was soll die milz
wenn wir eine leber haben eine lunge
und viel zu viel von diesen dingen
und sizilien
denn das ist eine ganz gewöhnliche pathologische erscheinung
das linoleum
denn es weiß nicht wo baku liegt
und pullover denn die zieht man über den kopf
wir schaffen das atmen ab
denn es bricht aus
denn es bricht aus
denn es bricht aus
und den hanf
denn lein und hanf
das hört sich so irre seltsam an
den himmel schaffen wir ab
und das wasser denn voda beginnt mit v
seht euch bloß dies zeichen an
wie es balanciert auf einem bein
und oben auseinanderklafft
und schließlich die zeit
und überhaupt die sauberkeit
denn alles saubere wird schmutzig
und was dann was dann
tatsächlich, ein famoses Gedicht und ein famoser Dichter, Danke fürs Einsenden! (Auch ein famoser Verlag, die Wiener Edition Korrespondenzen!).
Vgl. L&Poe 2009 Nov
(Und ich nutze die Gelegenheit, das Thema wieder aufzugreifen – in den nächsten Tagen. Stay tuned!)
Kubin: Naja, China hat ja nicht die besten Schriftsteller mitgebracht, über die es verfügt. Es hat keinen einzigen richtig guten weltweit anerkannten Dichter mitgebracht. Damit hätte man punkten können. Es hat sie alle zu Hause gelassen, stattdessen die Wald- und Wiesendichter mitgeschleppt, die keiner kennt und keiner hören will.
(…)
Allein die chinesische Lyrik spielt in Ihren Augen noch eine wichtige Rolle.
Kubin: Das ist richtig.
Welchen Stellenwert hat die Lyrik gegenwärtig in China?
Kubin: Im Lande null, aber bei uns ganz oben. Im Lande null, weil die Dichter eine neue Sprache erfinden, die dort nicht nachvollzogen werden kann, und weil wir hier diese Sprache nachvollziehen können. Wir wollen gefordert werden, wir wollen nicht mehr diese einfache Literatur, die einmal ein Erich Fried geschrieben hat, den 70er-Jahre Agitprop, wo man überhaupt nicht nachdenken muss. Wir wollen heute Anspruchsvolles. Wenn die chinesischen Dichter hier auftreten, dann will das Publikum gefordert werden. Es will nicht mehr dieses simple Deutsch hören oder dieses simple Chinesisch, sondern es will auch mal nachdenken dürfen.
Und das ist in China nicht entwickelt?
Kubin: Das ist in China überhaupt nicht entwickelt. Weil eben der Markt alles dominiert und jeder nur noch sich dumm und dämlich verdienen will.
Und die frühere chinesische Lyrik…
Kubin: Die war nachdenklich, bis 1989. Die war kompliziert, aber sie hatte ihr Publikum. Und da gingen Tausende zu den Lesungen. Und heute geht niemand zu den Lesungen, die Leser sind heute hier bei uns.
/ Wilhelm Kropp und Eberhard Fehre, Westdeutsche Zeitung 3.12.
Von Kubin empfohlene Lyriker:
Bei Dao: Buch der Niederlage. München: Hanser 2009.
Leung, Ping-kwan: Von Jade und Holz. Klagenfurt: Drava 2009.
Yang Lian: Aufzeichnungen eines glückseligen Dämons. Frankfurt: Suhrkamp 2009.
Alles versteht sich auf Verrat. Gedichte u. a. von Zhai, Yongming; Ouyang, Jianghe, Xi Chuan. Nonn: Weidle 2009.
Südliches Sonett
An weiße Mauern scheint die Sonne streng und friedlich,
ein schwerer Hauch von Nichts und Allem rührt die Pinien,
und Bänke schmücken leer den Dorfplatz. Unermüdlich
trennt Schatten Staub von Staub mit immer neuen Linien.
Die Welt ist fern und nah, so nah wie Abessinien,
wo Hunde ruhn. Der Wind weht abends unterschiedlich,
doch jetzt nicht, jetzt ruht hier die Welt. Die Welt ist südlich.
Der Eukalyptus wacht, hier walteten Erinnyen.
Aber das Meer. Reineres Sein. War vorher schon, war schon, bevor es war, schuf sich,
ein Rauschen, das sich lauscht, ein Schrei’n, das Möwen ist, ein Schwellendes, ein Rausch, ein Schaum,
schöpft draus das Sich, ein Salz, ein Tausch: ein Ich,
ein Grün-wie-Weiß, das brandend bricht, das stürzt, das spuckt: Fisch, Schiff. Dort steigt kein Baum.
Raunender Raum, schieres Gemisch, ein Grau-aus-Blau, spritzt, spricht, zischt
außer Traum und Saum, der selber sich verwischt. Ein Nichts, das nie erlischt, ein dicht’rer Schein, wie Gischt.
(Axel Sanjosé, aus: Gelegentlich Krähen)
Denke global, handle „verrückt“ (wie wir Lateiner sagen).
Folgende Nachricht erreicht mich:
am freitag, also heute, wird um 20 oder 21 uhr (genaueres auf dem fleischervorstadt-blog) eine aktion am ajz-ground-zero stattfinden. unter der losung „kulturelle raumerhaltung ist unsere art von stadtverwaltung“ oder so ähnlich werden an verschiedenen freiräumen, die nicht mehr existieren, die bedroht sind und die gerettet wurden, transparente hängen.
am karl-marx-platz wird es zum genannten zeitraum eine glühweinverkostung mit mobiler beschallung von quarks-bands aus der konserve geben. auch der strahlemann, die mobile visualisierungseinheit der hedonistischen internationalen sektion greifswald – m.u.s.i.k. (mensch und sound im kollektiv) wird vor ort sein. ich bereite einige der bilder vor, um über den beamer bilder und losungen auf die hauswand zu bringen.
Anm. für Nicht-Greifswalder:
Das AJZ (Autonome Jugendzentrum) konnte in den 90er Jahren ein Haus am Karl-Marx-Platz, in dem zu DDR-Zeiten eine Kinderheim untergebracht war und das dann leer stand, für Barbetrieb und Veranstaltungen nutzen. Vor 10 Jahren mußte es geräumt werden, angeblich weil die Eigentümer (irgendwo im Nordwestdeutschen lebend) investieren wollten. Dann passierte, was meistens passiert, es stand 10 Jahre leer mit kaputtem Dach usw., und vorige Woche wurde es ohne Vorankündigung abgerissen. (Ein Haus mit denkmalgeschützter Fassade, wie es zu gehn pflegt).
Ists auch nicht Lyrik…
Was sich beim Tod von Rimbauds Körper abspielt, ist keineswegs, wie Claudel kleinlicherweise glaubte, eine klerikale Frage. Es handelt sich um pure Christologie: „Was er spricht, sind Träume“, notiert noch einmal die weibliche Hälfte, die schwesterliche Hälfte Rimbauds, der Teil Rimbauds, der Schwester war. „Sagt mir, wann ich an Bord getragen werden muß“, sind seine letzten Worte: er ist bereit für die große Zeitreise, die er immer noch Abessinien nennt, perfekter Ausdruck für „Ewigkeit“.*
Angefressen vom Krebs, geht er an Bord der endgültigen Kindheit. Bevor er gehen muß, erschöpft von Tränen, das absurde Zeichen seines Genies auf den Falten seines Bettuchs hinterlassend, ein inverser Rimbaud, schaut er aus dem Fenster: „Ich gehe unter die Erde, sagt er zu mir, und du spazierst an der Sonne.“ Nicht ein einziges mal spricht er das Wort „Poesie“ aus: die Literatur befindet sich in diesem Stadium nicht mehr in der Literatur. Sie verkörpert sich anderswo, in einem Anderswo, dem Rimbauds Genie und der Körper seines Genies nicht entkommen können, das sie nie umgehen können. Wir sind hier an der Schwelle zum Geheimnis. Was wir Gott nennen, wohnt in dieser Zone. „Es gibt in Arthurs Fall etwas, das die Ärzte nicht verstehen.“ Und wir, haben wir es verstanden? Noch nicht. Geduld. / Yann Moix, Figaro 3.12., über die Aufzeichnungen der Schwester Rimbauds vom Tod des Dichters.
«Rimbaud mourant» d’Isabelle Rimbaud, Éditions Manucius, 132 pages, 10 €.
*) Abessinien, die historische Bezeichnung für Äthiopien, wo Rimbaud als Waffenhändler tätig war, heißt im Französischen Abyssinie, die Wortform klingt nach abysse, Abyss, Abgrund, das griechische Wort für die Unterwelt.
Zuletzt in L&Poe:
2009 Mrz #42. Frühling in Charlestown
2009 Mrz #57. Neue Aufregung bei den Rimbaldisten
2009 Mai #61. Thomas Bernhard über Rimbaud
2009 Jun #13. Keine Angst vor Yves Bonnefoy
2009 Jul #47. Bachtin: «Inhalt» vor «Form»
2009 Aug 6. Alpenwüste
2009 Aug 017. Left Curve
2009 Okt 86. Sensation
2009 Nov 114. Pantheonisierung
(ältere Artikel finden Sie im Archiv)
(Abessinien vgl. hier #28)
Für Laudatorin Petra Ganglbauer sind die Gedichte von Silke Peters „aufgeladen; knisternde, kurze Stücke, die Zeit lassen, die Raum lassen für ihre Fortschreibung im Kopf des Lesers oder der Leserin“. Sie seien geheimnisvoll, „mit ungewöhnlichen Fährten und bewusst gesetzten Entgleisungen ausgestattet“. Ihre Gedichte „schillern und leuchten. Schön dass es Literatur wie diese gibt.“ Diese Anerkennung habe sie sehr bewegt, gibt die Preisträgerin zu. Schließlich sei es „Künstlernahrung“, wenn man gelobt wird. Vor allem aber freue sie sich, wenn sich jemand mit ihrem Text so beschäftige.
Die Nähe zur bildenden Kunst. Ja, die sei ihr wichtig. Auch in ihrem neuen Zyklus „Sacra“ — einem Projekt, das sie mit der Theologischen Fakultät der Uni Rostock und dem Rostocker Frauenbildungsnetzwerk erarbeitet. Im kommenden Frühjahr ist dazu eine Ausstellung in der Unikirche geplant. …
Sicher schaue sie sich jetzt nach einem größeren Verlag um. Aber ihrem Wiecker Bote Verlag sei sie überaus dankbar. Denn der habe ihr erst den Weg geebnet. Brachte ihren allerersten Gedichtband heraus: „Wassernüsse vermisst“.
Für ihre Worte braucht Silke Peters „die konkrete Begegnung mit den Landschaften und den Menschen“, sagt sie. Ob es nun um Stralsund oder Venedig gehe. „Wichtig ist mir die unmittelbare Anschauung.
Denn ich arbeite mit vielen Details.“ Ob auf Reisen oder in einem Café der Hansestadt. „Der Trick ist, sich jeden Tag hinzusetzen und zu schreiben. Das hat viel mit langem Atem und Ausdauer zu tun“, gibt Silke Peters zu.
Und sie tauscht sich gern mit Gleichgesinnten aus. Organisiert das Bücherfest in Klempenow mit. Oder freut sich auf die nächste Lesebühne im Speicher am Katharinenberg: „Textrabatt“ am 8. Dezember.
… so auch in Greifswald, Domstraße Ecke Hirtenstraße. Nicht nur weil dort im Torbogen immer noch in Kreide die Namen 1933 verbrannter Autoren angeschrieben stehen, die auf Initiative von Angelika Janz im Frühjahr bei einer Gedenkaktion im Stadtbild verteilt wurden. Als ich heute im Dunkeln durch das Tor ging, sang hinter mir ein Kind laut und schön: „Ich geh mit meiner Laterne / und meine Laterne mit mir. / Hier unten leuchten die Sterne / und oben leuchtet der Mond.“ Denn Poesie heißt ja nicht, die richtig gelernten Worte zu wiederholen, wie die Erwachsenen glauben. Poesie heißt selber etwas tun: kunstvoll Klänge, Wörter und Gedanken so arrangieren (Germanisten mögen sagen: Silbenzahl, Reim, Metrum, Wechsel der Kadenz, Parallelismus und Opposition), daß einem ein unmittelbar einleuchtender neuer Sinn entgegenspringt. Thaz min líaba herza, bi thiu rúarit mih thiu smérza. Hier unten leuchten die Sterne, und oben leuchtet der Mond.
(Aber es dauert nicht mehr lang, dann wird ihr die Schule das poetische Wesen ausgetrieben haben)
Samstag, 5. Dezember 2009, 20:00 Uhr, Eintritt: 5,- Euro
Swantje Lichtenstein: Landen
Lesung der Autorin, in Zusammenarbeit mit der lyrikedition 2000
Mit der Liebe zu den Nelken,
an den Quellen des Grüns
sammeln sie die Beeren und sinken
an den Rand des Feuers von gestern und morgen.
Der Geruch der toten Fliegen klebt im Raum,
die weiße Decke wölbt sich steinern herab.
Am Baum glänzen bunte Tropfen
in der untergehenden Sonne am dreifarbigen Stein,
strähnen die Rinde und halten sie feucht,
kleben an jeder Berührung und laufen herab.
Der Baum hechelt unter den Schichten,
spendet Licht, Liebe und Nelken. Am Bett.
Swantje Lichtenstein wurde 1970 in Tübingen geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie und wurde an der Universität zu Köln mit einer Arbeit über neuere Lyrik promoviert. Sie arbeitete als Lektorin, Radio-Produzentin und seit 2007 als Professorin für Literatur an der FH Düsseldorf. Sie erhielt Preise, Auszeichnungen und Stipendien: 2007 von der Kunststiftung Baden-Württemberg, zuletzt ein Aufenthaltsstipendium des Bertolt-Brecht-Hauses, Svendborg / Dänemark. Bisher erschien, neben Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien wie »lauter niemand«, »poet[mag]«, »47 und 11«, »Versnetze«, »Lyrik von Jetzt« der Gedichtband figurenflecken oder: blinde verschickung (2006).
—
Lettrétage
Methfesselstr. 23-25
10965 Berlin
Die Literaturszene ist riesig in Berlin, sagt er, „aber leider auch stark fragmentiert“. Hier die jungen Autoren und Verlagsmenschen aus Prenzlauer Berg und Mitte, da die „etwas reifere Szene im Westteil der Stadt, die sich immer noch in der Paris Bar trifft“. / Tagesspiegel 3.12.
(Der da zitiert wird, will offenbar vermitteln. Wieso sind sie nicht mit der Ausdifferenzierung zufrieden? Naja, wahrscheinlich will er nur „beide“ für seine Veranstaltung werben. Das Publikum spalten, nicht versöhnen, war Brechts Vorschlag. Aber das war modern, das ist nun vorbei und muß mal aufhören, sagt die Süddeutsche. Das Ende der Moderne als Geschäftsidee? Aber auch nicht mehr neu.)
Wien. Gestern Abend wurde im Museumsquartier zum dritten Mal der „Literaturpreis Ohrenschmaus“ in den Kategorien Lyrik, Prosa und Lebensberichte vergeben. „Die Texte der lernbehinderten AutorInnen geben ungewöhnliche Einblicke in ihre Lebenswelt und zeigen ein anderes Bild von behinderten Menschen, wie es sonst gerade in der Weihnachtszeit nicht vorkommt“, meint Initiator und ÖVP-Sprecher für Menschen mit Behinderung Franz-Joseph Huainigg. Rund 100 Beiträge wurden eingereicht. Bei der Preisverleihung gestern, Dienstag, wurden die Siegertexte unter Anwesenheit der Kulturministerin Claudia Schmied in den Kategorien Lyrik, Prosa und Lebensberichte mit jeweils 1.000 Euro prämiert. / ots.at 2.12.
Preisräger in der Kategorie Lyrik: Dieter Gebauer
Mit einem bemerkenswerten, wenn auch vielleicht nicht überraschenden Satz beginnt ein Artikel der FAZ gestern:
Zum Ansehen eines Schriftstellers trägt dessen Einkommen nicht unwesentlich bei.
Der Artikel ist klar gegliedert:
a)
Nun hat der Journalist Wu Huaiyao zum vierten Mal eine Liste der reichsten Autoren Chinas erstellt. Auch diesmal finden sich an der Spitze der in der Wirtschaftszeitung „Changjiang Shangbao“ veröffentlichten Liste die Verfasser von Kinder- und Jugendbüchern: Zheng Yuanjie, der Herausgeber und einzige Autor einer Märchenzeitschrift, verdrängte mit geschätzten zwanzig Millionen Yuan Jahreseinkommen (gut zwei Millionen Euro) den Pop-Literaten Guo Jingming (siebzehn Millionen) vom ersten Platz.
…
b)
Dieses Jahr überrascht der Herausgeber Wu Huaiyou mit einem Exkurs über die notorisch schlecht verkäufliche Lyrik: Er schätzt die Zahl der chinesischen Dichter (definiert als Menschen, „deren Leben eng mit dem Gedichteschreiben verbunden ist“) auf fünf Millionen, darunter eine Reihe „reicher Geschäftsleute und erfolgreicher Politiker“. Umfragen hätten im Übrigen ergeben, dass nicht weniger als 85 Prozent der Chinesen schon einmal davon geträumt haben, Poet zu sein.
Dann aber trat der neue Poetikdozent, der Lyriker Durs Grünbein, ans Pult. Er sagte: „Willkommen in der Eissporthalle.“ Er wollte gleich beim Namen genannt haben, dass man sich hier (direkt neben dem Poelzigbau, einst Zentrale der am organisierten Tod in der NS-Zeit beteiligten IG Farben) an einem „schaurigen, geschichtsbeladenen Ort“ befinde. Heimtückisch werde dem Poetikdozenten damit die Realitätsferne seiner Kunst vorgeführt. Stellen Sie sich vor, sagte Grünbein, Paul Celan würde hier lesen.
Abgerissen werde unterdessen der Hörsaal in Bockenheim (wo die Poetikvorlesungen bisher stattfanden). Dort habe einst Adorno seine Vorlesungen abgehalten, dem es barbarisch erschien, nach Auschwitz noch ein Gedicht zu schreiben. Damit, meinte Grünbein, sei man schon auf halbem Weg zu einer „Poetik des Sarkasmus“.
Vorher hatte er bereits – apart angesichts der Gesamtveranstaltung – darauf hingewiesen, wie sich die Literatur nach den Aufregungen der Moderne in sichere Reviere zurückgezogen habe, wo man unter Professionellen bleibe, „von der Produktwerbung bis zum Rezensionswesen“, und eine ewige Frankfurter Buchmesse abhalte. Die Dichtung selbst sei ein aristokratisches Vergnügen gewesen, dann habe sie sich abgekühlt und begonnen, sich mit allem gemein zu machen, so Grünbein.
Grünbeins mit Ironie vorgetragener Schnelldurchgang lief auf ihn selbst hinaus. „Man musste von vorne beginnen“, sagte er. „Wenn ich mich recht erinnere, fing bei mir alles mit einem Geräusch an“, dem Aufschießen einer Taube aus einem Feld. Der „erbärmliche“ Achtzeiler, den der Knabe daraufhin schrieb, erscheine ihm heute als Zugang zum Luftraum der Menschheitsdichtung. Unter dem Titel „Vom Stellenwert der Worte“ wird er in den kommenden vier Wochen weiter davon berichten. / Judith von Sternburg, FR 2.12.
In seinen Gedichten steht dieser Dichter vor klassischen Prospekten, und sein ganzes Werk führt er als Dozent nun in der großartigen Autobiographie, die er unter dem Namen einer „persönlichen Psychopoetik“ entfaltet, auf die Erfahrung des Raumes zurück, den er als byzantinisch-bolschewistisch bestimmt. / FAZ 2.12.
Den neuen Kutti-MC-Song «I cha nid rappe, Bob Dylan nid singe» gibt’s zur Feier des 2. Dezembers gratis hier zum downloaden:
http://www.xmascalendar.ch/
Und wer sich auch für Jürg Halter interessiert: Seit dem 10. Oktober 2009 erscheint im «Tages-Anzeiger» jeden zweiten Samstag eine Kolumne von Jürg Halter. Hier können Sie sie jeweils ein paar Tage nach deren Publikation lesen.
Wer die Geschichte von Sandra M. (Name von der Redaktion geändert) aus Simmern liest, der fragt sich „Wieviel Leid erträgt eine Seele?“ Ihre Hölle, sagt sie, begann im Alter von viereinhalb. Über Jahre hinweg sei sie genötigt und misshandelt worden. Sie schwieg, blieb stumm, bis ihre seelischen Wunden durch das Schicksal ihrer Tochter wieder aufrissen. Ihre Lebensgeschichte hat sie nun in einem Buch verarbeitet. Eigentlich sollte es eine Autobiografie werden, „doch plötzlich reimte sich alles“, erzählt sie. Vergangenheitsbewältigung in Reimform.
„Licht ins Dunkel bringen“, so hat sie ihr Werk genannt. Wer misshandelt wird, bleibe stumm, weiß die 38-Jährige aus Erfahrung. Jetzt will sie nicht länger stumm sein. Ihre Gedichte seien ein Befreiungsschlag. In Bezug auf ihre Peiniger auch ein Rundumschlag. Sie nennt in ihrem Werk keine Namen, beschreibt die Personen als „Wichte“, und doch ist sie sich sicher: „Sie werden sich alle wieder erkennen“. / Wochenspiegel Region Hunsrück
Von den Dichtern können wir etwas über die Präzisierung des Blicks lernen. Sie zeigen uns kleine Sprünge in der Wirklichkeit und eröffnen damit eine Genauigkeit, die nur durch das Schauen erwirkt werden kann. Philippe Jaccottet, der 1925 im schweizerischen Waadtland zur Welt kam, ist ein solcher Wirklichkeitsverdichter. Sein umfangreiches, in französischer Sprache geschriebenes Werk umfasst Lyrik, Essays und Prosa, für die er mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde wie etwa mit dem Petrarca-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Jaccottet hat hinzu Ossip Mandelstams Lyrik aus dem Russischen übersetzt.
Kaum ein zeitgenössischer Dichter hat so oft die inneren Landkarten und die Idee eines erweiterten Blicks umkreist und ist dabei wie Philippe Jaccottet ein genauer Beobachter seiner eigenen Zeit geblieben. Im deutschsprachigen Gebiet ist vor allem sein lyrisches Werk bekannt. Auch seine Betrachtungen über die Bilder von Giorgio Morandi haben ihre Leser gefunden, in denen er gleichsam aus der Stille der Gemälde heraus die Wirklichkeit der Pinselstriche sichtbar gemacht hat. In dem Gedichte- und Prosaband „Der Unwissende“ notierte er einmal, man müsse achtsamer denn je mit den Worten umgehen, jetzt, da Gott tot sei. / Marica Bodrozić, Ö1
Philippe Jaccottet, „Notizen aus der Tiefe“, aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl, Wolfgang Matz und Friedhelm Kemp, Hanser Verlag
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