135. Preis & Poetikprofessur für Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff erhält den mit 30.000 Euro dotierten Berliner Literaturpreis 2010. Sie nimmt damit auch ihre Berufung zur Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Uni Berlin an. / Standard 26.11.

Mehr: Berliner Morgenpost

 

134. Zeilen

Textenet

Mein zweiter Freund (sorry, folks!) ist auch ein Dichter, auch ein Sprachspieler, und auch er pflegt den Österreich-Schmäh. Nur ist er kein Prophet mehr, das ist vorbei. Dafür hat man ihn auch nicht in Moskau hingerichtet. Er heißt Ernst Jandl,  sein Vokalspiel (eins seiner Vokalspiele) heißt Zeilen. Der Text hält genau, was der Titel verspricht: er besteht aus isolierten Zeilen. Jede hat exakt 5 Silben und 5 Wörter, demnach durchweg einsilbige, und exakt in der Vokalfolge AEIOU. Jandl weiß, daß das Österreichs stolzes Losungswort ist, vielleicht auch ein Schibboleth. Jedenfalls wird es dekonstruiert. Aber auch Jandl ist kein Zerstörer um des Zerstörens willen. Auch aus ihm spricht Gott* – ein Undercover- Prophet:

Aus Copyrightsgründen** zitiere ich nur einige Zeilen aus dem dreiseitigen Text:

Zeilen

ach es ist so gut

kalb pferd stier ochs kuh

was schlecht riecht holt luft

als er sich gott schuf

was fehlt ist bloß mut

hals trennt sich von rumpf

was lebt ihr so dumm

spart geld wie volk muß

ganz ernst sieht gott zu

(die erste und letzte Zeile lauten wie im Original, ansonsten hab ich Auslassungen nicht näher gekennzeichnet. Nachlesen kann man das u.a. hier: ernst jandl: idyllen. gedichte. luchterhand 1989 / 1992)

*) Ich hab das Gedicht einmal vor katholischen Studenten (denn es gibt in unserm protestantischen Heidenland auch eine – kleine – katholische Kirche) gelesen, hatte das ganz ernst gemeint mit dem in Jandls Spiel herumspukenden Gott, und glaubte Irritation zu erkennen. Vielleicht lags an der Zeile „als er sich gott schuf“? Oder einfach an meiner durchlugenden – seis auch nur zu vermutenden – Respektlosigkeit? Oder ich sah Gespenster.

**) Je nun, Eigentum ist Diebstahl. Sie werden noch auf die Idee kommen, Gebühren zu verlangen, wenn man ihnen gehörende Zeilen im Gedächtnis bewegt. Da könnten sie mich arm machen. Die Gedanken sind frei. Das Zitieren auch? – Ein Pole hat es so formuliert: „Die Welt betrachten kostet nichts. Bezahlt wird erst für die Kommentare.“ (Stanisław Jerzy Lec, in: Denkspiele. Polnische Aphorismen. Berlin: Volk und Welt 1972, S. 52)

133. Überraschungsgast

Textenet

Was ist eine „virtuelle“ Lesung? Die Texte waren ja „wirklich“ zu hören (nehme ich an, ich hab noch keine Berichte). Was ist eine „virtuelle“ Moderation? Ich hab in meinem Arbeitszimmer in Greifswald gesessen, mir die Videos angesehen, in Büchern und Zeitschriften geblättert und dann kurze Einleitungstexte verfaßt und in den Computer hineingesprochen.

Und was ist dann ein virtueller Überraschungsgast? Meine erste Idee war, Autoren selber vorzulesen, die kein Video liefern konnten oder wollten. Daraus entstand aber dann die Idee, noch einen Schritt darüber hinauszugehen. Ich entschied mich also, Texte „befreundeter“ Autoren zu lesen und knapp zu kommentieren. Befreundet in dem Sinn, daß ich mich irgendwann vor Jahren oder Jahrzehnten mit ihren Texten angefreundet habe. Diese Autoren bilden dann sozusagen die Fortsetzung des „Versnetzes“, das Anthologie und Lesung auswerfen. Hier und im folgenden meine drei „Überraschungsgäste“. Der Definition meiner eigenen virtuellen Anthologie (die gleichwohl reale Leser hat, von denen mich manchmal Reaktionen erreichen) entsprechend gehören diese drei Texte zugleich in diese.

Mein erster Überraschungsgast stammt aus Breslau, heute Wrocław, in Schlesien. Aufmerksame textenet-Besucher sind ihm schon begegnet, den er ist in einer Ausstellung des Festivals präsent. (Für die Veranstaltung habe ich für Hinweise, wo sich der Gesuchte verbirgt, aus meinem Besitz „das garantiert vorletzte Exemplar des Sonderdrucks von Daniel Caspar Lohensteins „Venus“, Greifswald 1994. Garantiert ein Metaphernschatz!“ ausgelobt – bisher gabs keine Bewerbung. Kennt keiner, will keiner?)

Mein Gast heißt Quirinus Kuhlmann. Er wurde 1651 in Breslau geboren, reiste viel umher, schrieb und predigte und wurde im Oktober 1689 in Moskau als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (Keine Geheimpolizei und kein Wächterrat lieferte ihn ans Messer bzw. Feuer, sondern die Anzeige eines dortigen lutherischen Pastors). Seither wurde er zum Ahnherrn etlicher Avantgardisten und Sonderlinge, darunter auch einiger heute lebender.

Ich lese ein Gedicht von Quirinus Kuhlmann, genauer einen Auszug aus dem 82. Kühlpsalm – der sich mit verschiedenen Städten beschäftigt: „Amsterdam Breslau Constantinopel“, so geht eine Zeile. So geht es dann weiter, fast streng alphabetisch: Görlitz, Genf, Liegnitz, Leipzig; Leiden, Lübeck, Lüneburg, London (kleinlich ist er nicht) – Paris und Rom. Ich lese aber nur den Nachsatz, einen feinen kleinen Österreich-Schmäh. Er benutzt dazu ein Vokalspiel, er spielt mit der Vokalfolge aeiou, die im großen Österreich bedeutsam war, man buchstabierte: Aller Erdkreis Ist Oesterreich Untertan. Kuhlmann dreht das um, er dekonstruiert das regelrecht. Hören Sie:

Nachklang.
Aller Voelker, Sprachen, Zungen über des stoltzen Oesterreichs
A.E.I.O.U.
Aller Ehren ist Oesterreich Voll: A.lle Erde ist Oesterreich Unterthan; beigeklungen nach dem geiste zu Venedig in Italien den 16. Jul. 1682.

1.11. Alcaer, Edenburg, Jerusalemer,
Oxfurter, Ulmer, ihr wundervocal!
Gabt Ihr das wesen dem Ende der Roemer?
VVard Ihr das Lilgische Josaphats thal.
Alle di Voelker auf Erden sein munter!
A.llem E.lende I.st O.esterreich U.nter.
A.llem E.rdkreisse I.st O.esterreich U.nter.
Ferdinand liget dort ohne krone:
Friderich sitzet hir auf dem throne.

(Alcaer: al-Kairo, Kairo; Josaphatsthal: ein Tal zwischen Jerusalem und dem Ölberg, in der Rechtssprache bedeutet „im J. „vor Gottes Gericht“; Lilgisch: wohl Adjektiv zu Lilie – so schrieb man zwar schon im Althochdeutschen, etwa bei Otfrid, aber die Schreibweise Lilge begegnet häufig in der Literatur, so bei Paul Fleming oder Friedrich Spee und auch andernorts bei Kuhlmann, und noch in neuzeitlichen Parodien bei Arno Holz oder Karl Wolfskehl: das wäre ein schönes Beispiel, daß ein Adjektiv gebildet wird, nicht weil es zum Ausdruck der Welt gebraucht wird, sondern weil es das phonetische Material erlaubt: „lilisch“ oder „liliesch“ gehn halt schlechter!;

Das Gedicht wurde 1682 in Genf geschrieben und gehört zur „Jerusalemitischen Geistreise“ (73.-93. Kühlpsalm). Wie in den anderen dieser Psalmen ist die Ortsangabe fiktiv. Die genannten Ortsnamen sind sämtlich von Bedeutung für sein Leben oder sein Prophetenamt.

Meine Anthologie: Wortfest

132. Herta Müller schneidet aus

Auf der Suche nach den prägnantesten Wörtern für ihre Bücher schneidet Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller (56) Zeitungsartikel klein und setzt die Schnipsel dann zu neuen Sätzen zusammen. Beim Kleben dieser Kollagengedichte gingen ihr die Wörter von der Hand in den Kopf.

«Das Wort schaut mich an», sagte die Schriftstellerin am Montagabend bei einer Lesung in Tübingen. Entscheidend für den Erfolg dieser Technik sei der Zusammenprall ungewöhnlicher Wörter.

Literarische Texte seien dafür allerdings ungeeignet, es müssten Zeitungstexte sein. «Die schönsten poetischen Wörter sind die, die ahnungslos poetisch sind», sagte die Nobelpreisträgerin. / zeit.de newsticker 24.11.

131. Johanna Schwedes

Textenet

(Fortsetzung der Autorenvorstellung für die „virtuelle“ Lesung in Leipzig gestern abend)

Die jüngste heute vortragende Autorin – also abgesehen von Sibylla Schwarz – ist Johanna Schwedes, dafür steht sie auch als einzige lebendig vor Ihnen. Sie wurde 1979 in Frankfurt/Main geboren. Sie veröffentlichte Texte in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien, so im Lyrikjahrbuch 2007.

Ich habe sie zuerst wohl vor 6 Jahren bei einer Lesung in Greifswald gehört, zusammen mit Alexander Korund, Martin Pohl und HEL. Es war eine denkwürdige Lesung, Altmeister Martin Pohl, der vom Literaturbetrieb weitgehend ignorierte, aber in der Szene zu Recht verehrte HEL Toussaint, und die beiden Leipziger Studenten.

Bei den Klangwerktage Hamburg 2007 für junge zeitgenössische Musik wirkte sie mit und bei einem Lautkonzert las Valeri Scherstjanoi auch eins ihrer Gedichte, das wir heute auch hören werden: Märchen. Sie können morgen in der Lyrikzeitung seinen und ihren Vortrag vergleichen. Ich hoffe demnächst auch einmal ein Buch von ihr zu sehen. (Oder ist mir etwas entgangen?)

130. Nabokovs Puschkin

Unzufrieden mit den bestehenden «Eugen Onegin»-Übersetzungen, hatte sich Nabokov 1949 selbst ans Werk gemacht, und zwar mit dem Ziel, die Sinnverteilung des Originals möglichst beizubehalten, wodurch etwa der Reim wegfiel. Wie eine Lupe sollte seine Übertragung wirken, wobei der Kommentar nicht nur zum philologischen Rechenschaftsbericht bezüglich Sprache, Struktur und Poesie wurde, sondern auch zu einer grossen und witzigen kulturhistorischen Abhandlung über Puschkins Welt von Duellen über Datschen und Dandys bis zu Breguet-Uhren. Auch wollte Nabokov das Werk jenen entreissen, die es zu einem Heiligtum russischer Nationalliteratur stilisierten – indem er die französischen Bezüge herausstrich. Eben sind die Rudimente von Nabokovs sagenumwobenes Fragment gebliebenem letztem Romanversuch «Das Modell für Laura» auf 138 Karteikarten erschienen. Bekömmlich ist das nicht wirklich, und man tut gut daran, sich das «Onegin»-Projekt zu Gemüte zu führen. Damit wollte er zur Legende werden, die er ohnehin ist. – Eine ausführliche Besprechung folgt. / Andreas Breitenstein, NZZ 14.11.

129. Lesung in München

Am Freitag, 27.11., 20.00 Uhr lesen:

Karin Fellner (München)
Gerald Fiebig (Augsburg)
Stefan Schmitzer (Graz)
Tom Schulz (Augsburg)

aus: alles außer Tiernahrung –
Neue Politische Gedichte

im CORD CLUB, Sonnenstraße 18, München

128. Ägypten und der Wahhabismus

Zweitens sehe ich die Wurzeln des religiösen Fanatismus eher im saudisch-wahhabitischen Einfluss – der borniertesten, rückständigsten und aggressivsten Interpretation des Islam. In Ägypten hatten wir unsere eigene religiöse Entwicklung, die Ende des 19. Jahrhunderts mit Mohammed Abduh einsetzte: Er hat wirklich alle Türen für die ägyptische Gesellschaft aufgestossen. Kunst ist seiner Auffassung nach etwas Gutes und völlig kompatibel mit der Religion; Frauen sollen ihre inneren Werte pflegen, aber der Islam schreibt nicht vor, wie sie sich kleiden sollen. Dieser liberalen Auffassung verdankte Ägypten im 20. Jahrhundert seine kulturelle Pionierrolle. Wir hatten das erste Theater, das erste Kino, die ersten Filmstudios im arabischen Raum, die wichtigsten Musiker, Künstler und Autoren kamen aus Ägypten. Warum? Weil wir uns geöffnet hatten. Aber dann kam die Iranische Revolution, und Saudiarabien begann um seine religiöse Vormachtstellung zu fürchten; seither hat das Land Milliarden von Dollars investiert, um den Wahhabismus allenthalben zu propagieren und ihn als die einzig wahre Auslegung des Islam zu verkaufen. Bei uns wurde dieser Einfluss noch verstärkt durch die zahllosen Ägypter, die in Saudiarabien arbeiteten und dann mit wahhabitischen Wertvorstellungen zurückkamen. In Ägypten haben wir nun siebzehn – siebzehn! – wahhabitische Fernsehkanäle! / Der ägyptische Autor  Alaa al-Aswani («Der Jakubijan-Bau») im Gespräch mit der NZZ, 16.11.

127. Rap-Renaissance im Ruhrgebiet mit Masta Ace

„Der wahre Untergrund wurde nie ausgegraben“. Zwecks dieser Feststellung kehren SOUNDBWOY BOOGIE UND DER E1NE mit nachgeladenem Lyrikmagazin auf die Landkarte des Raps zurück. Für die erste Single des in Kürze erscheinenden zweiten Albums verpflichteten SOUNDBWOY BOOGIE UND DER E1NE mit MASTA ACE eine wahre Hip Hop-Legende, die mit Alben wie „Sittin’ on Chrome“ (1995) Geschichte schrieb und die Hip Hop-Kultur in den letzten zwanzig Jahren entscheidend prägte. Mit „Hip Hop reloaded“ erlebt der Rap des Ruhrgebiets eine Renaissance. Es ist der Anstoß zum Umdenken, der lyrische Kampf gegen den Verfall der Kultur und der Anfang vom Ende nichts sagenden Raps moderner Prägung. / MZEE.com

126. Mischsprache

Dieser Prozess des Fortschreibens bzw. Umschreibens lässt sich in einer schönen zweisprachigen Ausgabe des Urs-Engeler-Verlags nachvollziehen, die überdies den späten Zyklus «Dunckler Enthusiasmo» enthält. Sie gewährt faszinierenden Einblick in die Werkstatt des Dialektdichters Pasolini – und in die des Nachdichters Christian Filips. Um es vorwegzunehmen: Filips ist der immens schwierigen Aufgabe, für das Friaulische einen deutschen Dialekt (aber welchen?) zu wählen, ausgewichen, indem er den Grossteil der Gedichte in ein «vokalgeleitetes Hochdeutsch» übersetzt hat, «das mitunter vielleicht an Hofmannsthal oder Trakl erinnert und an den hohen Ton des Decadentismo gemahnt», einen kleineren Teil aber «in die mystische Innigkeit eines späten Mittelhochdeutschs» bzw. «in das prophetische Deutsch der Bibelübersetzung Martin Luthers». Gewagt ist das allemal, schon weil dadurch die Einheitlichkeit des Pasolinischen Tones verloren geht. Zu fremdartig ist die mittelhochdeutsche Stilisierung, zu wenig verfremdet das Hochdeutsch. Vielleicht hätte es eines Pastiorschen Kunstdialekts bedurft, um dem Original gerecht zu werden. Filips‘ zwitterhafte Lösung bleibt ein Angebot der Vorläufigkeit; dennoch ergreift man es gern, zumal es durchaus Reize zu entfalten vermag.

Man mache sich nichts vor: Pasolinis «dunckler Enthusiasmo» liebt das Kryptisch-Hermetische, und dass er sich eines auch für Italienischsprachige fast unverständlichen Dialekts bedient, macht ihn noch dunkler. Doch folge man den liedhaften Intonationen, den «Kinderreimen», den Tanzrhythmen und quasi-liturgischen Aufzählungen, und manches hellt sich auf. Oder konturiert sich durch spätere Varianten. …

Im italo-friaulischen Zyklus «Dunckler Enthusiasmo» (1973–74) ist manches direkter angesprochen: Italiens faschistische Vergangenheit, «Konformismen», «falsches intellektuelles Gehabe», Resignation. Dass das Räsonnement nicht zum ideologischen Diskurs gerät, dafür sorgt die bewegliche lyrische Mischsprache, die Christian Filips – im Gedicht «Sinn des Beweinens» – folgendermassen wiedergegeben hat: «Han die trostes not? Not zu beweysen? / Was sagen sie das wieder sich vnd wieder? / Die wissen nit, wir wissen nit, die reychen, / die seyn die ersten, die sich frewn // amb wolstandt? Die Modelle des Fortschritts / waren Realität. Ist es vielleicht realistisch, / diese Realität anzunehmen? Ihre Probleme / zu unsern zu machen? (Grünanlage, Gesundheit, // Ausbildung, Altersvorsorge?) Wer hat uns / denn dieses Gemenge beschert? Wieso, // verdammt nochmal, zum Realisten werden / und beitragen zur Lösung dieser Probleme?»

An der schlechten Realität einer konsumorientierten Massengesellschaft war Pier Paolo Pasolini nicht interessiert. Er erträumte sich – kindheitsbesessen – eine bessere Welt für sich und für alle. Seine sensiblen friaulischen Gedichte sind Beweise seiner lebenslänglichen Utopie. / Ilma Rakusa, NZZ 24.11.

Zu Pasolinis Gedichten siehe auch: Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, Nr. 73, 2009, 221 S.

Dunckler Enthusiasmo – Friulanische Gedichte Pier Paolo Pasolini. Übersetzt von Christian Filips. Urs Engeler Editor Basel / Weil am Rhein 2009, 322 S., 28 E

 

125. Unterlassungsorte

Dies sind Gedichte einer unbewaffneten Nachbarschaft. Der Dichter ist nicht unberührt vom Grau bürgerlicher Mittellagen, aber zwischen Alltagszwang und Befreiungswunsch, zwischen Traumzeit und Leistungszeit herrscht, währenddessen uns die Jahre unbemerkt vergehen, der rege Verkehr der nützlichen Illusionen: »Immer noch bin ich versucht,/ zu denken: morgen/ beginnt das Leben«. Dies unbegriffen gärende Ereignis Leben!, das ruppige Tatorte und charmante Unterlassungsorte zu bieten hat. Rainer Malkowski führt uns an Zweitere, wo der schönste Nachruf wäre, wir seien an unseren schweren »Verwunderungen« gestorben. / Hans-Dieter Schütt, ND 25.11.

Rainer Malkowski: Die Gedichte. Hrsg. von Nico Bleutge. Wallstein Verlag Göttingen. 764 S., geb., 29,90 €.

124. Unterhaltungselektronik

Textenet

Stan lafleur wurde 1968 in Karlsruhe geboren und lebt in Köln. Vielleicht habe ich seinen Namen zuerst von Tom de Toys gehört, der ihn vom Rhein her kannte, bevor er nach Berlin ging. In meinem Besitz sind ein paar Hefte mit Gedichten – eins der schönen auf Packpapier gedruckten Heftchen der Kölner Parasitenpresse, 2 Bände aus der Edition roadhouse und ein Heftchen mit Prosa bei SuKuLTuR, das ich für 1 Euro aus dem Automaten im Berliner Hauptbahnhof zog. (Vielleicht wird man mal sagen: Zu Mehdorns Zeiten gab es noch gute Bücher aus dem Imbißautomaten auf Bahnsteigen. Neinnein, keine Verklärung: war Mehdorn nicht der, der die Heinebuchhandlung aus dem Bahnhof Zoo ausgetrieben hat? Ich bin froh, sie noch frequentiert zu haben nach der Maueröffnung)

Mein jüngstes Stück von lafleur ist eins der schönen Bändchen der fixpoetry-Lesehefte, die Frank Milautzcki herausgibt. Aus diesem wohl erst vor Wochen erschienenen Heft wird der Autor lesen. Eine technische Besonderheit seiner Lesung – wir haben das Gespräch per Internettelefonie mit Skype geführt – bringt zwar ein paar technische Probleme mit sich, weil die Übertragung in geringer Auflösung und nicht störungsfrei abläuft. Es machte aber Spaß, das war meine erste Erfahrung mit Internettelefonie, ich habe mich eigens angemeldet, ich kann es empfehlen. Die technische Seite paßt sehr gut zum Inhalt seiner Gedichte – gleich beim ersten Gedicht werden Sie hören, wie die Bilder – zum Beispiel von Himmel, Landschaft, Stadt – medial, also auch technisch vermittelt sind. Unterhaltungselektronik und google map stehen zwischen uns und den Dingen. Eins noch: falls Sie sich beim 2. oder 3. Gedicht wundern: Das Buch heißt “Blick in den Himmel”, und dieser Titel steht auch über jedem einzelnen der gut 2 Dutzend Gedichte.

Auch stan lafleur liest heute abend virtuell in Leipzig und in Kürze hier im Video

123. Gedächtniszeilen

Textenet

Àxel Sanjosé wurde 1960 in Katalonien geboren, in Barcelona. (Durchaus ein Sehnsuchtsort von mir – mehr als ein paar Stunden habe ich bislang nicht geschafft, aber immerhin.) Wenn man ein bißchen Spanisch kann, ist die katalanische Sprache fremdelnd, manchmal  auf den ersten Blick lustig.  “De tant en tant” (von mal zu mal, dann und wann) la mort I jo (der Tod und ich) som u (sind eins), lese ich. (Bestimmt spreche ich es falsch aus, ich habe diese Sprache nicht gelernt.) Die Arbeit an der Lyrikzeitung hat es mit sich gebracht, daß ich mich seiner Expertisen in Übersetzungsdingen versichern kann. Das ist schön.

2004 erschien sein erster Gedichtband – “Gelegentlich Krähen”.

Ein Kritiker sprach von der “Beschaulichkeit” seiner Texte – ich bin nicht sicher, ob ich den Eindruck teilen kann. Es sei denn, man zerpflückt das Wort. Tatsächlich, der beschaut die Dinge, bis sie seltsam wirken, manchmal unheimlich. Seinen kurzen Zeilen und meist einfachen Sätzen kann man leicht folgen, zB hier:

Und hatten wir nicht gestern
Den Abend noch gepriesen,
War die Luft nicht seltsam grün,
Roch es nicht tatsächlich
Nach Roggen und Lupine?

Klare Konturen, aber was geschieht hier eigentlich? Sie können es weiterlesen und ein wenig jetzt hören. Ich möchte nur noch eine meiner Gedächtniszeilen zitieren – so nenne ich sie, weil sie sich in meinen Gedächtnisvorrat eingeschmuggelt hat:

Der Mund spricht ein O, eine Lüge.

(Das wäre das Thema Vokale)

Hören und sehen Sie Àxel Sanjosé – heute abend in Leipzig und in Kürze hier im Video

122. Angelika Janz liest heute abend

Textenet

Gast bei textenet ist Angelika Janz. Sie wurde 1952 in Düsseldorf geboren und hat sich als Autorin und bildende Künstlerin seit den 70er Jahren zuerst in ihrem Herkunftsland Nordrhein-Westfalen und dann bundesweit und international bei Szenekennern einen Namen gemacht. Mancher, dem ich das sage, hält es für eine Übertreibung. Es ist aber keine. Die Betonung liegt auf Szenekennern. 1995 gab der österreichische Schriftsteller Franzobel – einer dieser Kenner mithin – in der Wiener „edition ch“ eine Auswahl ihrer Gedichte heraus, ich zitiere aus dem Nachwort:

„Längst ist überfällig, daß von Angelika Janz nun endlich auch Gedichte vorliegen. Gedichte, die auf den ersten Blick vielleicht überraschen mögen, weil sie traditioneller, vielleicht auch konventioneller gebaut sind als die von der Autorin weithin bekannten Fragmenttexte. Frühestens der zweite Blick erkennt die vor allem syntaktische Verwandtschaft zur Cutup-Methode der Fragmenttexte…“

Ihre Fragmenttexte sind in einem halb Dutzend schmaler Bände abgedruckt und finden auch den Weg in Anthologien, von Franzobels „Kritzikratzi. Anthologie gegenwärtiger visueller Poesie“ bis zur Reclamsammlung „Poetische Sprachspiele“, herausgegeben von Klaus Peter Dencker, wo sie zwischen Walther von der Vogelweide und Michael Lentz gefunden werden kann – natürlich ist auch Kuhlmann dabei, Oskar Pastior, Carlfriedrich Claus, nur Valeri Scherstjanoi fehlt dort aus mir unerfindlichen Gründen…

Hinzuzufügen bleibt, daß sie vor allem seit ihrem Umzug vom Rhein nach Vorpommern vermehrt Prosa schreibt. Poetologisches – ein großes Projekt treibt sie seit Jahren um – und auch sozialkritisches. Angelika Janz ist nicht nur eine genaue Beobachterin, sondern wirkt auch seit vielen Jahren mit viel Engagement und Selbstaufopferung an sozialen Projekten im ländlichen Raum, vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Vergangenes Jahr wurde sie dafür in Leipzig mit dem Deutschen Lokalen Nachhaltigkeitspreis Zeitzeiche(N) ausgezeichnet. Auf dem festival textenet ist sie mehrfach präsent. (Klicken Sie ihren Namen in der Schlagwortwolke)

Video ihrer heutigen Lesung folgt in Kürze hier

121. Dear Fellow Poetry Lovers,


Let us remember that in the end we go to poetry for one reason, so that we might more fully inhabit our lives and the world in which we live them, and that if we more fully inhabit these things, we might be less apt to destroy both.
—Christian Wiman, Editor, Poetry

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