92. Lyrikstationen 2009 (3)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

Scylla und Charybdis –

Im Salinenland

Was soll ein Vers, der keine Zumu­tung ist? fragt Christoph Meckel noch einmal, wäh­rend ich mich in Katrin Marie Mertens Salinenland aufhalte. Beseelt von Friederike Mayrö­cker (dieses lichtblaue Paradies im offenen Fenster) und Gerard Manley Hop­kins (Sweet fire the sire of muse), deren neue Gedichtbücher mich in diesen Tagen der­maßen berauschen, daß ich phasenweise wie von Sinnen bin und die Gedichte lese, bis die Wörter wie die vielfarbigen Blätter draußen zu wirbeln be­ginnen, denke ich: Was wäre Odysseus ohne die Begegnung mit Scylla und Cha­rybdis, die ihn trotz eigentlich ungleichen Kampfes vergeblich aufzureiben versuch­en? Er wäre nicht der Odysseus, der, so lange Menschen die Erde beleben, un­sterblich bleiben wird.

Nun kann weder Katrin Marie Merten Odysseus sein, noch halten Mayröcker und Hopkins einen Vergleich mit den beiden ungeheuren Ungeheuern stand. Und doch setzt sich der Vergleich hartnäckig fest, und ich riskiere, weiterschreibend, grandios mit den folgenden Wor­ten zu scheitern. Katrin Merten gerät zum falschen Zeitpunkt ins Hinterland. Der ungereimte Härtetest, zwischen Mayröcker und Hopkins zu beste­hen, kann nicht zu ihren Gunsten ausgehen, dafür ist sie noch nicht listen- und fin­tenreich genug – was auch niemand erwarten wird, oder doch? Es kann keinen Bo­nus für junge oder alte Autoren oder solche in der midlife crisis geben. Wer ein Buch mit Gedichten veröffentlicht, muß sich fragen lassen, ob das Ergebnis die einge­setzten ideellen und materiellen Energien rechtfertigt.

Jedenfalls: Gleich der erste Vers mit dem einfach formulierten Bild Meine Hände sind der Anfang von mir, / dahinter lebe ich […] springt mich an, überrascht mich. Wörter wie lichtarm, kriechen, Körperhöhle, Häute, Grenzland, streunen, Sperrgebiet, unge­fragt, pendeln, Aufbruch klammern mich bis zum poin­tierten Ende an die lakonisch verfaßten Verse. So segle ich unbekümmert hinein ins Salinenland und lese die weiteren zehn Ge­dichte des ersten Kapitels mit dem Schwung, den ich mit dem ers­ten Gedicht auf­nehme, stoße laufend auf treffende Wörter, geschickt ge­setzte Allite­rationen, Anti­thesen, Binnen- und Klammerreime (sehr schön, bei­spielsweise, wie in Wenn einer geht das Verb geht im ersten Vers mit dem Verb steht ganz am Ende korres­pondiert: ein schlichter, wegen der echten, nicht künstlich her­beigeführten Zu­sam­mengehörig­keit der Wörter gelungener Reim, der das Gedicht formal gleichsam be­festigt, sichert, stützt), erkenne die sehr bewußt ge­wählte Karg­heit dieser an der Oberfläche schlichten, in der Tiefenstruktur als schick­salhaft wahr­nehmbaren Minia­turen.

Weil Städte nie schlafen (auch die nicht,
in der ich lebe), geben die Straßen
nicht Ruhe: Immer das Rollen von Reifen,
das Holpern von Bahnen in Schienen,
das Stürzen, das Schreien, das Lachen
von Menschen, ein Flugzeug
dicht über dem Dach. Und immer
der Einschlag von Licht auf den Lidern,
der Eintritt in tiefere Räume verhindert,
hier ist es niemals finster, nicht still.

Meine Leseempfindungen kühlen mit Beginn des zweiten Kapitels ab, ich sehe die formal und to­nal sehr ähnlich arrangierten Ge­dichte nicht mehr ganz auf der Höhe der schwin­genden Verse des ersten Kapi­tels, Wörter und Ideen beginnen sich zu wie­derholen. Es regt sich nichts mehr beim Le­sen, und was ich zuvor als schlicht-schön empfand, beginnt mich zu ermüden, ich denke plötzlich Wörter wie ‚belang­los’, ‚be­liebig’ und ‚simpel’, hoffe auf das nächste Gedicht – Der Wind wischt dir gleich einem Tuch / das Gesicht setzt es ein, eine Zumutung denke ich, aber nicht ganz im Meckel­schen Sinne, und spätestens jetzt beginne ich mich nach Friederike Mayrö­ckers auf und ab der brausende rauschende or­gelnde flügelschlagende wind und Gerard M. Hopkins’ wiry and white-fiery and whirlwind-swivellèd snow zu sehnen.

  • Gerard Manley Hopkins, Geliebtes Kind der Sprache, zweisprachige Ausgabe
  • Katrin Marie Merten, Salinenland
  • Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif

91. Ohne Absicht

Sie arbeiten an Gedichten?

Jetzt nicht mehr. Ich habe im März damit angefangen, da hat mich mit einem Mal die Gedichtwut gepackt – aber im Oktober ist sie genauso plötzlich wieder erloschen. Ich hatte keinerlei Erfahrungen mit Lyrik – wenn man von ein paar Versuchen als Jugendlicher einmal absieht.

Wie würden Sie Ihre Gedichte beschreiben? Eher wie Celan oder wie Fried? Wobei ich gleich sage: Ich mag beide.

Ich mag beide nicht. Bei Celan habe ich das Gefühl, er weiß, was er will, sagt es mir aber nicht. Bei Fried, er weiß, was er will, und sagt es mir zu deutlich. Bei beiden spüre ich eine Absicht. Und Absichten in der Literatur verstimmen bekanntlich. Mein liebster Lyriker ist William Carlos Williams. Das ist für mich wahre Poesie: Weil sie die Dinge als Dinge anerkennt. Die Lyrik missbraucht ja die Welt gerne als Metapher: Ich borge mir einen Wald aus und meine damit etwas ganz anderes.

/ Michael Köhlmeier im Gespräch mit der Presse, 13.12.

90. Picasso als Dichter

Das Musée Pierre André Benoi in Alès zeigt bis 17.1. Gedichte und andere Texte des Malers Pablo Picasso. Erst mit 56 Jahren* versuchte sich Picasso an Lyrik surrealistischer Prägung. Er schrieb 3 Theaterstücke und mehr als 350 Gedichte.

Hier kann man seine Gedichte auf Französisch und Spanisch lesen: On-line Picasso project.
L’Express 26.11.
*) Mit 54, sagt das Vorwort der Auswahlausgabe Pablo Picasso, Gedichte, München: DVA 2007

Vgl. L&Poe

2003    Apr    #    Meine Tippe überfüllt die Lyrik
2005    Dez    #    Tom de Toys: Rede zur Gründung einer Kulturpartei
2005    Dez    #39.    Beeinflußbar
2006    Mrz    #115.    Nigerianische Dichter-Barden huldigen ihren Vorbildern
2006    Mai    #12.    Gestörtes Frühstück – Eine Mayröcker Bebilderung
2006    Jul    #46.    Gertrude Stein hat die Luft gemalt
2006    Aug    #26.    War es wirklich nur ein kleiner Flirt
2006    Nov    #115.    Zum Auftakt
2007    Mrz    #74.    Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (3): 22.3.
2007    Mrz    #154.    Picassos Gedichte
2007    Mai    #84.    Die bilderreichen Gedichte des Pablo Picasso
2007    Jul    #61.    René Char – erste Landschaften
2007    Jul    #62.    Ihr Pech
2008    Mrz    #114.    Lesung surrealistischer Lyrik von Hans Thill
2008    Okt    #3.    Autor Picasso

89. IM und Spitzel?

Ehe keine Kopie der (handschriftlichen?) Originalberichte von Werner Söllner vorliegt, lässt sich nicht darüber urteilen, ob er jemandem zum Schaden oder (wie offenbar im Fall des Klausenburger Germanisten Michael Markel) zu dessen Gunsten berichtet hat.

Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat, oder gar um eigener Vorteile willen der Behörde von sich aus Böses, das „Opfer“ schädigende Informationen gemeldet hat. Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten.

Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss. Die wichtige Frage, warum Werner Söllner sich nicht längst, am besten unmittelbar nach seiner Ankunft im Westen, sein Problem von der Seele geredet hat, wäre aber auch dann noch schlüssig zu beantworten. Das muss nun er selber tun.  / Gerhardt Csejka, Tagesspiegel 12.12.

(Der Artikel gibt aufschlußreiche Informationen aus Ceausescus Rumänien)

88. Lesehilfe

Ohne eine Zeile, die überraschend den Verstand durchzuckt und etwas aufblitzen lässt, das man so bisher nie zu sehen wagte, braucht man mit dem Lesen von Gedichten gar nicht erst anzufangen. Das gilt für Hölderlin wie für Gottfried Benn, aber auch für einen jungen Berliner Lyriker wie Steffen Popp. „Tannen im Grenzland, sie brüllten /wie eine Herde, im Sperrdraht“ schreibt er etwa über eine Nachtlandschaft, und schon betritt man „freies Feld, urweltlich ragte / unter dem Mond eine Garage / ein Zwergwürfel, unversöhnt“. Das Leseerlebnis beginnt mit einer Faszination – und es kehrt nach allen Etappen dessen, was man Verstehen nennt, im besten Fall wieder zu ihr zurück: Was Gedichte sagen, sagen sie nur, indem sie Gedichte sind.

Auf dem Weg dazwischen aber sind Erklärungen hilfreich. Zwei Dutzend poetologische Selbstauskünfte zu zeitgenössischen Gedichten hat Thomas Geiger in seiner Anthologie „Laute Verse“ versammelt. Ihr jeweiliger Ehrgeiz, von der autobiografischen Rahmung über die Materialanalyse bis zur Prosaparaphrase, ist so unterschiedlich wie der lyrische Ton, dem die beteiligten Autoren verpflichtet sind, wie ausführliche Werksproben beweisen.

Thomas Kling, Jahrgang 1957, den ältesten – und früh verstorbenen – Dichter, verbindet fast nichts mit der Jüngsten, der 1982 geborenen Nora Bossong. Vielleicht könnten sie sich dennoch auf einen Satz von Max Bense einigen, den Ulf Stolterfoht für „unangreifbar“ hält: „Literatur ist Sprache in einem unwahrscheinlichen Zustand.“ Was daraus folgt, nimmt in Stolterfohts ganz dem Eigensinn von Wörtern und Wortpartikeln gehorchender Sprache ganz andere Formen an als bei der mit erzählenden Elementen spielenden Bossong. Die Schönheit des perfekten Gedichts, erläutert er, vereine maximale Ordnung und Unordnung. Sie zeigt sich für ihn in einem Text, „in dem jedes seiner Glieder mit jedem anderen auf jede erdenkliche Weise verbunden wäre; ein so dichtes Geflecht, dass der ursprüngliche Text hinter einem schwarzen Gitter aus sich kreuzenden Bezügen verschwände – Struktur pur.“ So leuchten einem auch Stolterfohts sonst erst einmal gar nicht einleuchtende Gedichte ein. „Laute Verse“ bietet wertvolle Lesehilfe: Für die junge Lyrik hat es das so bisher nicht gegeben.**

/ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 13.12.2

**) Wirklich nicht? Wie schade! – Ich verweise auf die Anthologie „An Deutschland gedacht“, in der zahlreiche jüngere und auch ältere Autoren mit Text und Selbstkommentar vertreten sind, von den jüngeren nach Thomas Geigers Maßstab (außer Thomas Kling und Kathrin Schmidt, 1957 und 1958, sind alle bei ihm vertretenen Autoren in den 60er und 70er Jahren geboren, nur Nora Bossong jünger, 1982: also jung U 50): Melanie Arzenheimer, Peter Brings, Stephan Brings, Jürgen Brôcan, Uwe Claus, Crauss, Volker Demuth, Alex Dreppec, Ansgar Eyl, Tobias Falberg, Karin Fellner, Anke Glasmacher, Dieter M. Gräf, Stefan Heuer, Marc Hieronimus, Norbert Hummelt. Adrian Kasnitz, Christian Kreis, Stan Lafleur, Anton G. Leitner, Swantje Lichtenstein, Vesna Lubina, Hartwig Mauritz, Frank Milautzcki, Andreas Noga, Lothar Quinkenstein, Heinz Ratz, Arne Rautenberg, Bertram Reinecke, Jan Röhnert, Marcus Roloff, Sabine Römmer, Angela Sanmann, Walle Sayer, Frank Schablewski, Amir Shaheen, Rainer Stolz, Olaf Velte, Achim Wagner, Christoph Wenzel, Ron Winkler, Gerrit Wustmann.

Alle zu vernachlässigen? Wohl kaum. Von einigen werden wir sicher noch hören! Wer weiß schon genau, von welchen? Also empfehle ich neugierigen Lesern und Kritikern,  beide Anthologien supplementär zu benutzen. Lesestoff und Lesehilfe!

Und in Norbert Hummelts Anthologie „Quellenkunde“ findet man poetologische Statements unter dem Quellenaspekt von durchweg jüngeren Autoren aus beiden „Listen“ vereint. Voilà: ein Grenzüberschreiter! Denn, Zufall oder nicht, tatsächlich gibt es keine einzige Überschneidung zwischen den Anthologien von Geiger und Kutsch. Any idea?

Thomas Geiger (Hg.): Laute Verse.
Gedichte aus der Gegenwart. dtv, München 2009.
360 Seiten, 14,90 €.

87. De Toys singt „Happy Birthday Heinrich Heine“

Sein 900. Jubiläumsgedicht „ÜBERKRAFT (-HEINE HEFTIG-)“ vom 2.5.1997 als metavirtueller Anti-Poetryclip

„Diese Enge des Vokabulars ließ offensichtlich bestimmte Aspekte der historischen, psychologischen und philosophischen Realität außer acht; da diese Aspekte an sich aber nicht feststanden und eher dem dumpfen Unbehagen im Bewußtsein der Massen oder des Individuums entsprachen als den wirklichen Faktoren des sozialen oder persönlichen Lebens, war man eher von der Trockenheit der Vokabeln, von der unveränderlichen Sauberkeit der Bezeichnungen überrascht als von deren Unzulänglichkeit. (…) Man muß nur feststellen, daß die grundlegende Arbeit an der Sprache synthetischer Natur ist und daß sie im Jahrhundert VOLTAIRES analytisch war: man muß in die Breite und in die Tiefe gehen, man muß Türen öffnen und eine Herde neuer Vorstellungen wohlkontrolliert hereinlassen. Das heißt ganz genau: man muß anti-akademisch sein. Unseligerweise wird unsere Aufgabe dadurch äußerst kompliziert, daß wir in einem Jahrhundert der Propaganda leben. (…) Die Funktion eines Schriftstellers besteht darin, eine Katze eben eine Katze zu nennen. Wenn die Wörter krank sind, dann ist es unsere Aufgabe, sie zu heilen. Statt dessen leben viele von dieser Krankheit. Die moderne Literatur ist vielfach ein Krebs der Wörter. (…) Unsere erste Schriftsteller-Pflicht ist also: die Würde der Sprache wiederherzustellen. Wir denken doch in Wörtern. Wir müßten Gecken sein, wenn wir glaubten, wir versteckten unsagbare Schönheiten, die auszudrücken das Wort nicht würdig sei. Außerdem mißtraue ich allem Nicht-Mitteilbaren, es ist die Quelle jeder Gewalt.“
Jean-Paul Sartre: WAS IST LITERATUR? (1958)

G&GN-INSTITUT NEW COLOGNE @ http://www.GGN.de (DÜSSELDORF 2.5.1997 & BERLIN 13.12.2009) // Kaum hat Herr De Toys das „SUBVIDEOFESTIVAL“ glimpflich überstanden, nachdem es dort zu Handgemenge „wie in alten Zeiten“ kam (der Kurator VISUMAN höchstpersönlich störte die Filmvorführungen derart penetrant, daß er „schlagkräftig“ des Platzes verwiesen werden mußte), da greift er schon wieder nach seiner Nokia6300 und filmt einen metavirtuellen Anti-Poetryclip zu Ehren des größten Szene-Zombies nach Goethe und Schiller: Herrn Heine, der am 13.12.1797 geboren wurde und nie starb… In der englischen Originalbeschreibung des Videos heißt es leicht hysterisch-paranoid:

„OVERPOWER (-HEINE HEAVY-)“ (…) This is NO proper „poetryclip“, just a spontaneous IRONICAL RECITAL trying to perform worst as possible!!! Why? WHY WHY??? WHO NEEDS POETS AT ALL? WE ALL WILL BE FORGOTTEN IN SOME YEARS WHEN THE ALIENS TRY TO HEAL OUR PLANET AS SOON AS HUMANS DIED OUT… In the year of his 200th birth anniversary i dedicated my 900th anniversary poem to HEINRICH HEINE who was born at 13th of December 1797. My poem is published online since 1998 in the archives of the G&GN-INSTITUTE (…) and belongs to a series of several poems that are dedicated to some people whose work i appreciate… The former complete series (meanwhile it is extended!) appears in my poetry-book „ÜBERWELTIGUNG“ (= „OVERWORLDING“, that sounds in german same like „overwhelming“) that was published in winter 1999/2000 in the label „Vapet“ (Bochum). But my publisher WOLFGANG SCHÄFER (who was well-known in the leftradical area for his magazine „MOLLI“ which promoted social-critical „engaged“ poetry) disappeared (!) before the selling even started, so nowadays almost nobody knows my second ISBN-book. But my very first „official“ book titled „JeDaZeitBereit“ (=“at any time ready here“) is still available in the label „Claus Richter Verlag“ of my former Professor PETER RECH (art-therapist at the university of Cologne til 2008). In Berlin you can receive it (as well as other publications in my own „G&GN“ label) in the bookshop „ARTIFICIUM“ in the 2nd court of the famous „Hackesche Höfe“

„Hat Lyrik noch eine Funktion innerhalb der Realität unseres modernen Lebens? Wenn ja, welche? (…) Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der  Begegnung mit uns selbst. (…) Daher ist die Selbstbegegnung des Lyrikers zugleich einmalig und Modell von Begegnung überhaupt: mit den andern, mit der Wirklichkeit. Unwiederbringlicher Augenblick, Zeit außer der Zeit. Im Gedicht ist er eingefroren, auftaubar. Wirklicher als die Wirklichkeit: ihr jeweils neu und anders realisierbarer Potentialis.“
Hilde Domin: „WOZU LYRIK HEUTE? LYRIK UND GESELLSCHAFT“ (1964)

DAS VIDEO: „Happy Birthday Heinrich Heine (13.12.1797)“
= De Toys, 2.5.1997: „ÜBERKRAFT (-HEINE HEFTIG-)“ HIER:

„ÜERKRAFT“-QUELLE: http://www.wulle.de/GGN/TACHELES/ueberwel3.htm
Die Kunstbuchhandlung mit Spezialregal für Berliner Lyrik: http://www.artificium.com

86. Lyrikstationen 2009 (2)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

2

Achterbahnfahrt –

Schwingen des Staunens

To find a form that accommodates the mess,
that is the task of the artist now‘
Samuel Beckett

(1)

bzw. seht nur diesen text! wie er einmal angestoßen wächst. und
wächst. hält augenblicklich folgendes bereit: zum geleit. alles be-
ginnt mit dem trimm. gezwitscher aus dem schwödebrei. prosa-
einschub die gerber. dann: die eigentliche prüfung. narbenplatzer.
art schadensbericht. der hat sich gehörig gebimst. subgattung lyri-
sches gespinst. zu guter letzt: ladung tragende aminogruppen wie
etwa: virulenter schleifbox-softy. vom liedhaften approxi süßer
sämischmann
wurde aus gründen des anstands abstand genommen.

Ulf Stolterfoht, fachsprachen XXXI
para-schwarte »schaut auf diese haut«

Gedichte sind keine Sonnenunter­gänge, denen Millionen Menschen Jahr für Jahr Tausende von Kilometern hinterherrasen, um sie an dreizehn aufeinanderfolgenden Tagen bei Ouzo oder Chianti zu bewundern. Was soll ein Vers, der keine Zumu­tung ist? Er ist eine Zumutung oder er ist ein Parfüm. Ein Steinschlag, oder Dünger fürs Feuilleton … Rück­sichtslosigkeit ist die Chance des Gedichts. Sie ist die Aufklärung der poeti­schen Sprache (Chris­toph Meckel). Die – der Musik gegen­über ja kaum so ausgeprägte – vers­tandorientierte bzw. dualistische Einstellung vie­ler Ly­rikleser weiterhin nicht kleinzu­krie­gen: Wie ist doch meine Seele zwischen Auge und Ohr ge­theilt, stöhnt der Tempelherr in Nathan der Weise, und eine ähnlich fatale Trennung – diesmal zwischen Intellekt und Emo­tion – sehe ich bei Lesern, die erwarten, daß ihnen Ge­dichte wie reife Geistes­früchte auf dem Silbertablett darge­reicht werden, Gedichte, die ihnen ins gedankliche Konzept passen, sie auf ange­nehme Weise pro­vozieren, Wohlbehagen be­reiten, Sonnenuntergangstraurigkeit evozieren und dabei vielleicht noch ei­nen sanften Impuls in sozialkritischer Hinsicht geben. Alles Un­ge­wohnte, Unkonventionelle, Unübliche das ener­gi­sche Auseinan­dersetzung fordert, wird schnell als zu schwer verdaulich emp­funden, und man wen­det sich mit einem kopfschüttelnden Kannitver­stan ab. Dabei ist die Sprache des Gedicht doch gerade da in ihrem eigentlichen Revier, wenn sie so unverwechselbar ausdrückt, was anders nicht formuliert werden kann, die Sprache des Gedichts ist das immerwährende Mor­gensternsche Lalula:

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo …
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lala la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []!
Lalu lalu lalu lalu la!

Gedichte lesen ist eine metabolistische Ach­terbahnfahrt, ein Auf und Ab, ein Quer und Kreuz durch die Groß­hirn-, Stammhirn- und Neokortex-Windungen, ich werde absolut, voll und ganz, total in Anspruch genommen, die Phantasie wird beflügelt, das Blut ist in per­manenter Wallung, plötzlich runzle ich die Stirn, warum bin ich der­maßen wütend, und nichts als Fragen und Ratlosigkeit offenbaren sich: ganz wie im rich­tigen Leben. Gerade so wie mich zahllose Konfrontationen des Alltags in die vielfältigsten Stim­mungen versetzen, versetzt mich die Gedichtlektüre je nach dem in ein Schwingen des Staunens, der Begeisterung, der Zuneigung, des Sich-Fragens, der Verehrung, des Zorns, der Empörung, des Selber-noch-nicht-Wissens! (Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit). Und während der berauschendsten Leseau­gen­blicke erfahre ich, was ebenfalls Peter Handke so überzeugend im Versuch über die Jukebox be­schreibt: Die Begegnung mit Lyrik wird mir zur „Levita­tion …, Auf­fahrt?, Entgren­zung?, Weltwerdung? Oder so: Das – die­ses Lied, dieser Klang – bin jetzt ich; mit diesen Stimmen, diesen Harmonien bin ich, wie noch nie im Leben, der geworden, der ich bin; wie dieser Ge­sang ist, so bin ich, ganz!

Keine Gewähr

Bei welchen Gedichtbüchern des Jahrgangs 2009 ist es mir annähernd so ergan­gen? Überwog Langeweile oder Kurzweil in diesem Jahr? Wer überrascht, wer sorgt für Überdruß? Welche Gedichte brauche ich, auf welche kann ich gut und gern ver­zichten? Zum Glück für die Autoren gehen die Bewertungen der Leser von Ge­dichten immer wieder weit auseinander, und ich werde hier nicht den einen Band gegen den anderen ausspielen.

Ich beschreibe – exemplarisch – Lektüreeindrücke, und in ihrer Ge­samtheit halte ich die hier zusammenge­trommelte Schar von Autoren mit ihren neuen Büchern für ein typisches erfolgrei­ches Ensemble, das nicht nur mit Stars und Größen besetzt sein darf, um gut zu sein. So ist, naturgemäß, das eine Gedichtbuch überwältigend, das andere überzeu­gend, je­nes ist ansprechend, dieses okay. Über das nächste hülle ich den Mantel des Schweigens, in einem weiteren finde ich ein originelles Gedicht. Mit dem einen Ge­dichtbuch bin ich wie der Blitz per du, bei dem anderen bleibt (zu­nächst?) eine, nicht immer leicht zu verstehende Distanz.

So stelle ich, beispielsweise, während der lustwustvollen Lektüre von Ulf Stolterfohts musikalischen Fachsprachen XXVIII–XXXVI fest, daß seine Lyrik und ich uns mit jedem Buch nä­herkommen: Diese neuen Gedichte, in denen tausend Stimmen aus dem Dies- und Jenseits anklingen, springen mich an, sind total mein Ding.

Ich fänd’s schad, wenn sich mir alle Lyrik immer einfach, leicht und ohne Hinder­nisse erschlösse: Der einfache Gang durch die Wiesen oder Straßen am ei­nen, die schweißtreibende Kraxelei auf den Berg am anderen Tag – beides steckt voller Reize und ist in seinen spezifischen Eigenarten schwer bloß miteinander ver­gleich­bar. Und eins ist eh klar: einmal oben angekommen, hast Du die herrlichste Aussicht, und alles, was vorher verzwickt war, kommt dir in diesem Moment ganz luftig, äthe­risch, sylphenhaft vor.

So schlage ich das nächste Buch auf, und die Augen beginnen schon wieder zu fahnden: Wo sind die funkensprühenden, lichtgebornen Wörter, die klingen und rie­chen und Bild sind zugleich? Gewiß, Gedichte bestehen zumeist aus verschiedenar­tigen ernst­zunehmenden, zueinander in Beziehung stehenden, polyvalenten allegori­schen, forma­len, graphischen, inhaltlichen, motivischen, psy­chi­schen, rhetorischen, sprachlichen, stofflichen, symbolischen Grundelementen: Das Gedicht ist immer zugleich sichtba­res Gewebe, hör­bares Gebilde und Aussage über die Welt. Norbert Hummelt wäh­rend der lust­vollen Lektüre von Wie Gedichte ent­stehen voll und ganz zustimmend, halte ich es beim Gedicht gern mit George Or­wells Roman Animal Farm, in dem heißt: All ele­ments are equal but some elements are more equal than others. Primär die Wörter suche ich, wie Wildschweine (deren Zahl in den Wäldern rings umher be­drohlich an­schwillt) die Trüffel suchen.

Die Seele geht spazieren, natürlich in den Wörtern, lese ich bei Rolf Dieter Brink­mann, dessen mehrere Seiten langes, alles verneinendes Ein Gedicht eines durch­gehend bejaht (obwohl der Autor auch ihnen maßlos mißtraut): die Wörter. Ce n’est pas avec des idées, que l’on fait des vers. C’est avec des mots. (Stéphane Mallarmé)

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz —: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort —, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich —,
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Gottfried Benn

Direkte Vergleiche bringen mich nicht weiter. Wer 1919 (Hans Bender), 1929 (Hans Magnus Enzensberger) oder 1945 (Axel Kutsch) geboren wurde, bringt in aller Regel andere Voraussetzungen für das Verfassen von Lyrik mit ins Spiel als jemand, der 1974 (Adrian Kasnitz), 1980 (Sandra Trojan) oder 1982 (Katrin Marie Merten, Gerrit Wustmann) das Licht der Welt erblickte. (Was wohl würde die 1924 geborene Friede­rike Mayrö­cker zu dieser Anmerkung sagen?) Zu ungleich sind die Bücher auf dem Weg vom 31seitigen So­net­tenkranz bis zu den gesammelten Gedichten auf 1155 Seiten. Vier­zeiler, Sonett, freimetrischer Flattervers, Gedichte, die den Aufenthalt in der Zucht­hauszelle in Verse bannen, und solche, die uns in ferne Länder entführen, Trottoirly­rik, Steingar­tenpoesie, Bestands-, Blitzlicht- oder Momentaufnahme, absurd, grotesk, paradox, skurril sprudelnde Phantasmagorie, liebevoller Abgesang, einge­frorenes Standbild, Wa­denbeißergedicht, Ge­dichtge­dicht.

du lieber himmel, ein gedicht!

du lieber himmel!
ein herrenloses gedicht
streunt über die seite
vielleicht beisst es!
ein wadenbeissergedicht!
nehmen sie sich in acht
gedichte haben scharfe zähne
dringen tief ein ins fleisch
sehen harmlos aus
wenn sie so über die seiten weiden
so friedlich
beinahe könnte man sie lieben
und dann
schnappen sie zu

Jolanda Fäh

Wie etwa soll ich Uwe Tellkamps furioses phantastisches Langgedicht Reise zur blauen Stadt, Matthias Kehles lakonische, ver­haltene, aus wenigen Wörtern bloß gemachte Gedichte in Fundus und die sati­rischen Gedichte in Hans Magnus En­zensbergers Rebus unter ei­nen Hut bringen? Wieso sollte ich das auch wollen: So wie jedes Gedicht zunächst für sich steht, so auch jeder Gedichtband. Zu ver­schie­denartig sind die Schreiban­sätze – von akzen­tuiert oder aus­schweifend bis be­rauscht, char­mant, drangvoll dicht, eckig, forciert, frech oder fröhlich, grob­schläch­tig, hin­ge­haucht, irra­tional, japa­nisch, knisternd, ka­tachre­sisch, kurz und knapp, lang, lako­nisch oder le­ben­dig, mä­andernd, metalyrisch, mokant, nach­denklich, ob­skur, poin­tiert, queck­silbrig, reimend, sinnlich, schnoddrig, spröde, sperrig, transtex­tuell, trotzig, universal, ver­wegen, waghalsig, xenisch, ybermütig bis zickig — »usw.«. Der eine knausert derart mit Wör­tern, daß die Blät­ter dem Schneefeld mit Krähen glei­chen, während sich bei der anderen die im Wir­belwind tosende Wörterflut tempera­mentvoll in die Seiten er­gießt.

Wo nehme ich nur die Zeit her,
so viel nicht zu lesen?
Karl Kraus

Es gibt nur den einen direkten Weg, herauszufinden, wie ein Gedichtbuch beschaffen ist: Ich muß es lesen. (Oh my – not again.) Nicht querlesen, nicht darüber lesen, sondern direkt lesen. Täte ich das nicht und hätte immer wieder auf Kommentare gar nicht so weniger anderer Menschen gehört, die mit Brinkmann nichts anfangen kön­nen, die Kling geringschätzen, die von Fritz und Hölderlin kaum etwas und von Os­wald von Wolkenstein nichts gelesen haben, wo stünde ich heute? Daran mag ich nicht denken und komme nicht umhin, das (überschaubare) Risiko in Kauf zu neh­men, die eine oder andere Lektüre im nachhinein als Raub von Lebenszeit zu be­trachten. Dafür übernehme ich keine Gewähr, außer daß ich sage: Für jeden der hier aufgeführten Titel gibt es Le­ser, die gerade auf dieses Buch ge­wartet haben.

Diese gleichsam für jede Woche des Jahres 2009 ausgewählten 52 Einzeltitel leben­der Schreibgenossen von Klaus Anders bis Gerald Zschorsch habe ich inte­res­siert, (sehr) gern bzw. mit (großer) Begeis­te­rung und Gewinn gelesen, mich bei einigen prächtig amüsiert. Einzelne haben mich überwältigt, manche warten mit fei­nen Überra­schungen auf, und jedes dieser Bücher hat nun als mehr oder we­niger starkes, mehr oder minder strah­len­des Stück/chen im Mosaik meiner Bü­cher­samm­lung seinen Platz gefunden:

  • Klaus Anders, Silbermanns Rosen
  • Jürgen Becker, Im Radio das Meer
  • Hans Bender, Wie es kommen wird
  • Jörg Bernig, wüten gegen die stunden
  • Gerwalt Brandl, Ausgewählte Gedichte
  • Theo Breuer, Wortlos
  • Erika Burkart, Geheimbrief
  • Gerhard Butke, Dörnbusch bin ik.
  • Heinrich Detering, Wrist
  • Richard Dove, Syrische Skyline
  • Carl-Christian Elze, gänge
  • Hans Magnus Enzensberger, Rebus
  • Peter Engstler, Strophen eins
  • Peter Ettl, Samtkrallen Wurzelflügler
  • Jolanda Fäh, Wadenbeissergedichte
  • Bernd HARLEM Fischle, Die Helden des Rückzugs
  • Kersten Flenter, Glückselige Waisen der Verwirrung
  • Marianne Glaßer, Landschaft mit Mond und Segel
  • Egon Günther, hegt traum kerne
  • Florian Günther, Mir kann keiner
  • Michael Hillen, Ablegende Schiffe
  • Friedrich Hirschl, Nachthaus
  • Adrian Kasnitz, Den Tag zu langen Drähten
  • Matthias Kehle, Fundus
  • Ulrich Koch, Lang ist ein kurzes Wort
  • Helmut Krausser, Auf weißen Wüsten
  • Björn Kuhligk, Von der Oberfläche der Erde
  • Swantje Lichtenstein, Landen
  • Eberhard Loosch, Weltenchaosspielgesang
  • Werner Lutz, Kussnester
  • Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif
  • Dieter P. Meier-Lenz, Im Wortgestrüpp
  • Katrin Marie Merten, Salinenland
  • Frank Milautzcki, Hemden denken
  • Georg Milzner, Ophelias
  • Heinrich Ost, In Trümmern Spiegelglas
  • Kevin Perryman, Der nicht verjährte Traum
  • Thomas Rackwitz, in halle schläft der hund beim pinkeln ein
  • Ewart Reder, Verfasste Landschaft
  • Nikola Richter, die do-re-mi-maschine
  • Walle Sayer, Kerngehäuse
  • Dieter Schlesak, Ich liebe, also bin ich
  • Tom Schulz, Kanon vor dem Verschwinden
  • Ludwig Steinherr, Kometenjagd
  • Ulf Stolterfoht, fachsprachen XXVIII–XXXVI
  • Rainer Strobelt, schöner ganzer frieden
  • Uwe Tellkamp, Reise zur blauen Stadt
  • Thien Tran, fieldings
  • Sandra Trojan, Um uns arm zu machen
  • Jürgen Völkert-Marten, Als das Verwünschen noch geholfen hat
  • Gerrit Wustmann, Morgenende
  • Gerald Zschorsch, Zur elften Stunde

85. „Sie gehörte zu niemand“

Aber die Berühmte ist nicht nur unbekannt, weil die Wellen der Geschichte über sie hinweggegangen sind; oder weil sie Jüdin war, die Hitler gleich zweimal verjagte, als verrückte Künstlerin und als Feindin des Volkes. Else Lasker-Schüler hat gelebt wie niemand vor und niemand nach ihr. Sie hat sich nicht angepasst, hat keinen der Kompromisse geschlossen, aus denen unser Leben besteht, hat nie und nirgends auf ihr Ich verzichtet, auf ihre ganz eigene Sicht der Welt. Das hat ihr Leben unglücklich gemacht, und am Ende ihres schönen Buches über sie lässt Kerstin Decker es den Maler Miron Sima sagen, der die alte, im Jerusalem des Zweiten Weltkriegs gestrandete Frau mehrmals gemalt hat und als Künstler nachempfinden konnte, was er sah: „Man kümmerte sich um sie, aber sie gehörte zu niemand. Und so war sie mitten unter Leuten von Einsamkeit umhüllt, als würde sie ihre Zelle mit sich herumtragen, wie eine Schnecke ihr Schneckenhaus.“ …

„Ich war aus der Stadt geflohen“, schreibt sie darüber, „und sank erschöpft vor einem Felsen nieder und rastete einen Tropfen Leben lang, der war tiefer als tausend Jahre. Und eine Stimme riss sich vom Gipfel des Felsens los und rief: ‚Was geizt du mit Dir!‘ Und ich schlug mein Auge empor und blühte auf…“ Ihre Schönheit gewinnen diese Worte nicht aus einem zum Messias stilisierten Peter Hille, sondern aus der Erlösungssehnsucht dieser von keinem Bürgertum zu bändigenden Frau. „Und immer, immer noch der Widerhall / In mir, / Wenn schauerlich gen Ost / Das morsche Felsgebein, / Mein Volk, / Zu Gott schreit.“ So schreibt sie in ihrem großen Gedicht über das jüdische Volk, zu dem sie gehört, und dieses Judentum auf dem Grunde ihrer Sehnsucht bleibt Kerstin Decker fremd. Es geht über die Grenzen ihres Buches hinaus. So ist Else Lasker-Schüler – sie lässt sich von niemandem einengen, auch von ihren Biografen nicht. / Jakob Hessing, Die Welt 12.12.

Kerstin Decker: Mein Herz – Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler. Propyläen, Berlin. 475 S., 22,90 Euro.

84. Mayröcker: Aquarell und Skulptur

Sie zählt zu den am höchsten dekorierten Protagonistinnen und Protagonisten der österreichischen Gegenwartsliteratur, genießt mit ihrem ebenso umfangreichen wie eigenwilligen Lyrik- und Prosa- Werk höchstes Ansehen in der Fachwelt und ist mit ihrer schwarz verhüllten Gestalt und ihrer zettelübersäten Wohnung, in der sie aus Platzgründen keine Besucher mehr empfängt, zu einer Art Legende geworden: Am 20. Dezember feiert die große österreichische Poetin Friederike Mayröcker ihren 85. Geburtstag.

Als „bekannt, aber nicht gekannt“ bezeichnete ein Literaturwissenschafter einmal die u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg- Büchner- Preis ausgezeichnete Dichterin, die vielfach bewundert, aber nur von wenigen wirklich gelesen wird. „Ich lebe nur in Sprache“, bekennt Mayröcker, der Leben und Literatur eins sind, „Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben.“ Seit über fünf Jahrzehnten entstehen so in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände. „Das Gedichte Schreiben ist so eine Art Aquarellieren, das Prosa Schreiben ist eine harte Kunst wie eine Skulptur Anfertigen“, schilderte Mayröcker, deren zweite Liebe der Bildenden Kunst gehört, kürzlich in einem APA- Interview, „Es sind zwei wirklich ganz verschiedene Zugehensweisen, und ich fühle das auch im Körper ganz anders.“ / Vienna online

83. Gedicht

schließlich

große lyrik im kleinen kreis
beigesetzt:

wörter trugen sie
kein leser hat sie begleitet

Andreas Noga

82. Fündig werden. Klagemauer.

Na und so weiter, blabla:

In der heutigen Zeit gibt es nur noch wenig Platz für Lyrik und Poesie, denn das große Zeitalter der Dichter und Denker ist vorbei. Interessenten oder Veröffentlichungsplattformen gibt es mittlerweile fast gar nicht mehr. Geht diese Kunst verloren?

Die Zeit der Französischen Aufklärung war eine weitere Blütezeit dieser Thematik. Voltaire, Diderot, Montesquieu und Rousseau trieben ihren Staat mit verfassungskritischen Werken in den Wahnsinn, trafen damit aber genau den Nerv der Gesellschaft.

Goethe, Schiller & Co. waren ein Höhepunkt in der Lyrik. Doch heute scheint diese Form der Kunst wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Die wenigen Jugendlichen, die heute noch eine poetische Ader haben, wissen entweder nichts von ihrer Gabe oder haben keine Ahnung wie sie ihre Ideen verkleiden sollen. Viele haben aber auch einfach kein Interesse an dieser alten Kunst.

Selbst wenn jemand seine Gabe entdeckt hat und sie [in ein, MG] wortgewand einkleiden kann, hat er kaum eine Möglichkeit seine Werke zu veröffentlichen. …

Es heißt immer: „Die Jugend fördern!“
Für Interessierte oder Kreative gibt es kein populäres Medium, dass dieser alten Kunst eine Plattform bietet. Auch die Weiten des Internets bieten keine spezifischen Seiten, die sich mit damit befasst./ newspoint

(Liebe Jugend, nicht verzagen. Es gibt noch ein paar von allem: Lyriker, Lyrikleser, Lyrikverleger, Lyrikbücher… Man muß sie nur finden wollen.)

81. Lockerer werden

Ehrlich gesagt ist mir Frank Milautzckis Klage über „die Poesie, wie sie gegenwärtig in Deutschland en vogue ist“, zu wohlfeil (allein weil zu viele Leute mit den gegensätzlichsten Meinungen oder Absichten sie teilen können) und als Erklärungsmuster zu schlicht. (Lockerer werden!) Ich zitiere sie aber um des von ihm angefügten wunderbaren Zitats aus einem Interview mit Margitt Lehbert willen:

Die Poesie, wie sie gegenwärtig in Deutschland en vogue ist, bewegt sich zu oft in Kanälen, die kaum mit den welthaltigen und –bezüglichen zusammenfließen. Deswegen ist kein Wunder was Margitt Lehbert, die Übersetzerin und deutsche Verlegerin des Buches von Håkan Sandell, in einem Interview mit Volker Sielaff im März des Jahres 2008 im Poetenladen darlegt:

„Ich finde es schade, daß man im deutschen Sprachraum so wenig Poesie liest. So hat der wirklich außergewöhnliche Dichter Yehuda Amichai in Berlin vor etwa 70 Menschen gelesen. In Iowa City, eine Uni-Stadt mit damals 70.000 Einwohnern, kamen 800 Menschen, um diesen Mann zu erleben, und das, obwohl er auf Hebräisch dichtet und man „nur“ die Übersetzungen verstand. Was ich mir wünsche, wäre ein lockerer, ein freudvoller, ein nahezu erotischer Umgang mit der Poesie, eine Lust an der Sache. Les Murray freut sich immer besonders, wenn er dort veröffentlichen kann, wo es nicht ausschließlich literarisch zugeht, und ich gebe ihm da Recht. Deshalb achte ich auch so sehr auf die Ausstattung meiner Bücher, es soll Lust bringen, sie in die Hand zu nehmen, Lust bringen, sie aufzuschlagen, Lust bringen, sie zu lesen.“

80. Guckloch zum Hades

Mitten im Warenhausgetümmel öffnet sich ein Guckloch zum Hades. Vielfältige Bezüge zur Musik, zu Orpheus, Odysseus und andere antike Gestalten oder zu Transzendenz und Herzensbildung der Romantik beleben die trivialsten Verhältnisse. Der seit 1998 in Norwegen lebende Sandell nennt sich selbst einen „Retrogardisten“. Seine Verse sind nicht auf avantgardistische Wortwelten erpicht. Sie notieren Momente jener „großen epischen Erzählung, welche Geschichte ist“, wie es in „Randzeichnung“ heißt. Ideen, Motive und Figuren vergangener Kunstepochen greift Sandell in seinem lyrischen Alltagstagebuch auf und wickelt sie auf überraschende Weise weiter. Vor allem die Gotik zieht sich durch sein gesamtes Werk. Welch eine turbulente Lektüre: mal gibt er den Heiligen Sebastian, mal geht er einen faustischen Pakt mit dem Leibhaftigen ein, lässt ihn die Feder führen – und pflegt ihn schließlich zu Tode. / Dorothea von Törne, Die Welt 12.12.

Tagebuch, Abendwolken.
Von Håkan Sandell. Aus dem Schwedischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Hörby. 160 S., 19,90 Euro.

Vgl. Rezension von Frank Milautzcki, fixpoetry.com
(mit Leseprobe: Geburt!)

Dort außerdem über

Ich habe satt gelebt.
Von Paul Fleming. Insel, Frankfurt/M. 122 S., 12,80 Euro.

endpunkt.
Von John Updike. Rowohlt, Reinbek. 110 S., 19,90 Euro.

Letzte Gedichte
Von Michael Hamburger. Aus dem Englischen von Jan Wagner ed. al. [sic?!] Folio, Wien/Bozen. 176 S., 22,50 Euro.

79. Deutsche Ghasele

Durch Übersetzungen persischer Dichter im 19. Jahrhundert – und nicht zuletzt auch durch Goethes Arbeit am «West-östlichen Diwan» – haben deutsche Dichter ihre Faszination für die südasiatische Liedform des Ghasels entdeckt. Sie diente persischen Mystikern seit dem 8. Jahrhundert zur Beschwörung göttlicher Liebe. Dabei gab schon der weise Goethe zu bedenken, dass «die zweizeilig gereimten Verse der Orientalen einen Parallelismus fordern, welcher aber, statt den Geist zu sammeln, selben zerstreut». Wenn nun die Münchner Dichterin und Schriftstellerin Ursula Haas in ihrem Band «Ich kröne dich mit Schnee» die Form des Ghasels wiederaufnimmt, dann spielt sie mit dem erotisch-geistigen Doppelgesicht der mystischen Anrufungen, indem in ihren filigranen Liebesgedichten das Metaphysische im Erotischen oder umgekehrt das Sinnliche in der kühlen Verskonstruktion anklingt. Dabei gelingt es ihr, der Repetition des immer gleichen Reims, die schnell monoton oder beliebig wirken könnte, verschiedene zeitliche oder logische Färbungen abzugewinnen, so etwa im Gedicht «Erinnerung», wo der wiederkehrende Ausdruck «Hand in Hand» ganz unterschiedliche Nuancen von Nähe und Zuneigung aufscheinen lässt.. / NZZ 10.12.

.

Ursula Haas: Ich kröne dich mit Schnee. Gedichte und Ghasele. Verlag St.-Michaels-Bund, München 2009. 128 S., Fr. 23.30.

78. Lyrikstationen 2009 (1)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

1

Unheimlich –

im Morgen Nebel Niesel Regen schweift

habe jetzt einen flow von Gedichten
Friederike Mayröcker

Es regt sich nichts, lese ich in einem Gedicht von Adrian Kasnitz in Den Tag zu lan­gen Drähten (sehr schön in dieser Sammlung von fünfunddreißig Gedichten das Seamus Heaney nachempfundene Gedicht Draht), werde aus der Lektüre heraus­katapultiert und lande in den Illmenauer Bergen, wo die Stille unheimlich unheim­lich ist:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh’
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte nur, balde
Ruhest Du auch.

Unheimlich. Mir gefriert das Blut, wenn ich diese Verse lese, und gleichzeitig beginnt es zu wallen. Dieses Gedicht gehört zu den Gedichten, die mich herauszerren aus dem soeben gelebten Moment: Ich schließe die Augen und steige, wie der chinesi­sche Maler in sein Bild, zwischen den offenen Versen in das Gedicht hinein und werde, für Augenblicke, gleichmütig verharrend der Schubertschen Vertonung lau­schend, zu diesem Gedicht. In Matthias Kehles Lyrik-Blog lese ich Jaime Gil de Biedmas Worte: Immer dachte ich, daß ich Dichter sein wollte, aber im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Aber außergewöhnlich gelungen und besonders originell muß es sein. So wäre ich immer wieder gern Jakob van Hoddis’ 1911 entstandenes Gedicht

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Das Glücken eines Gedichts wird von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr weniger selbst­verständlich. Die ersten Gedichte vor rund dreitausend Jahren zu verfassen war zum einen ein gigantischer Schritt aus der lyrischen Sprach­losigkeit heraus, zum anderen trafen die Verfasser der ersten Verse der Menschheit nicht auf den sich gleichsam per­manent potenzierenden Ballast der Tradition. Als Dichter kann ich nicht so tun, als schriebe ich das erste Gedicht aller Zeiten – obwohl ich fürs be­sondere Gelingen u.a. auch gerade diese Grundhaltung brauche.

Ich setze mich beim Schrei­ben unablässig auseinander mit der Geschichte der für mich erreichbaren uni­versa­len Lyrik aus aller Welt, mit dem mittelalterlichen, baro­cken, romantischen, klassischen, dem modernen, post­mo­dernen und zeitgenössi­schen Gedicht, mit Hans Arp, Gottfried Benn, Rolf Dieter Brinkmann, Paul Celan, An­nette von Droste-Hülshoff, Hans Magnus Enzensberger, Elke Erb, Peter Ettl, Walter Helmut Fritz, Friedrich Hölderlin, Ernst Jandl, Thomas Kling, Axel Kutsch, Else Lasker-Schüler, Christoph Meckel, Helga M. Novak, Os­wald von Wolkenstein, Oskar Pastior, Rainer Maria Rilke, Jan Röhnert, Walle Sayer, Kurt Schwitters, Georg Trakl, Christian Uetz, Olaf Velte, Walther von der Vogelweide, Uljana Wolf, Annemarie Zor­nack (usw.), ent­scheide bei je­dem Gedicht, ob ich auf das Gedicht verzichte, das, für sich be­trachtet, keines­wegs mißlungen sein muß, gemessen an bereits ge­schriebe­nen ver­gleichbaren Gedichten aber nicht unbe­dingt gut abschneidet, näher betrach­tet also nicht not­wendig ist und un­veröffentlicht bleiben kann.

ihre dichtung hat eine meinen hals ausren­kende höhe erreicht, die so sehr weiter zu stei­gern ihre absicht ist, daß sie das alter von 150 zu erreichen prokla­miert hat.
Ernst Jandl

Friederike Mayröcker (Wörter wie rasende Sternschnuppen niederprasselnd) über­legt sich vermutlich eher selten, ob sie auf ein Gedicht verzichtet – wie auch, arbei­tet sie doch Tag für Tag immer bloß an dem einen Gedicht, das sie früh erfun­den und le­benslänglich veredelt hat. Ruhig lächelnd sehe ich sie in diesem Augen­blick konse­quent und lässig ihr mit Komma abgetrenntes, unverwechselbares usw. auf das in die Schreibmaschine eingespannte Blatt tippen.

Seit mehr als sechzig Jah­ren schreibt sie an diesem work in progress, ohne daß ich je Ermüdungserschei­nungen in ihren freimetrischen, langzeiligen, zwischen Syn­ästhesie und Katachrese schwin­genden Gedichtmontagen entdeckt hätte. 2009 er­weitert sie mit Scardanelli und dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif ihr in jeder Beziehung großes Werk um zwei weitere Bücher, deren virtuose Verwandlung der mit jedem Tag als immer zersplitterter erlebten Welt in Mayröckers Sprache mich wie jedes Mal bezaubern.

Ist Dichtung eine Form der Berührung von möglichen und wirklichen Welten? Ähnlich äußerte sich Friederike Mayröcker (die Titel locken aber die ungeheuren Bücher unge­lesen, auf dem Fußboden neben dem Bett), die in ihren neuen Gedichten so frisch und luftig und befreiend wirkt wie eh und je. Was aber sind mögli­che Welten, was wirkliche Wel­ten? Sie wird es nicht wissen, ich weiß es nicht. Es ist auch nicht weiter wesent­lich. Es gibt, glücklicherweise, diese dritte Welt, in der sich die beiden Welten berüh­ren, zu einer neuen verschmelzen. Und was für einer.

Was Friederike Mayröcker mir an lyrischen Berührungen und poetischen Verschmel­zungen schenkt, kann ich mit Wörtern schwer bloß beschreiben. Bei Richard Dove heißt es in einem Gedicht des großartigen Gedichtbuchs Syrische Skyline: FM c’est moi. Total und ur­sprüng­lich wirken diese in schwungvoller Spra­che und kapriziöser Form entworfenen, stets unvermittelt einsetz|endenden Gedichte, deren Sound sich entfaltet aus durch Allitera­tion, Anapher, Antithese, Assonanz, gelegentlich aufblit­zendem Binnen­reim, Paro­nomasie, Variation, Worthäufung, (verfremdetes, übermal­tes) Zitat usw. verknüpf­ten Assoziatio­nen, in denen buchstäb­lich ALLES zwischen Himmel und Erde – Alltag, Begegnung, Ekstase (T. S. Eliots grimmigem Gedichtauf­takt April is the cruel­lest month begegnet sie trunken frohlockend: mich betäubt die­ser April dieser süsze Monat so grün und zart), Emotion, Erinne­rung, Farbe, Freund­schaft, Liebe, Literatur, Korrespon­denz, Kunst, Melancholie (ich weine viel), Musik, Natur (Baum, Vogel, Pflanze), Reise, Sehn­sucht (ich möchte leben Hand in Hand mit Scardanelli), Spra­che, Traum, Um­welt, Wind und Wol­ken, Zu­fall, »usw.« – zu einem großen Gan­zen zusammen­fließt und die mich so teilhaben lassen an der Erschaffung dieser drit­ten Welt mit Na­men Freiheit: Ich lasse mich von meiner Sprache tragen, als sei ich aus­gestattet mit Fitti­chen und es trüge mich in die Lüfte, aber ich sehe es nicht und es musz von al­leine kommen ..

Friederike Mayröcker, die sich zu ihr Werk beeinflussenden Menschen wie H. C. Art­mann, Roland Barthes, Hélène Cixous, Jean Cocteau, Jacques Derrida, Gerhard Rühm, Friedrich Hölderlin, Ernst Jandl, Marguerite Duras, Jean Paul Sartre, Arno Schmidt und Gertrude Stein bekennt, gehört zu den von mir ganz besonders bevor­zugten Lieblingen unter den Lyrik schreibenden Menschen. So lautet mein radikal subjektives Verdikt naturgemäß: Von der May­röcker muß ich unbedingt jedes neue Buch lesen. In dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif treffe ich auf Seite 73 das Gedicht

»ich bin in Trauer tiefer als du denkst« (Dusan Kovacivics)

flackernder Schädel, meiner. Ein schräger Schein der Morgen-
sonne im Fenster Viereck graues Gewölk . . die zarte
Figur des Freundes der Freundin, danke mein
Kind
: die Stimme am Telefon, der alten Putzfrau der ich versprach
1 wenig Geld, danke mein Kind – es erinnerte mich an
T.S.Eliots Waste Land (danke mein Kind) oh ich sitze im kl.Garten
Am Mittelmeer, heute noch auf dem Wege zu dir aber
Nach Ischl. Die Meridian Rede des Paul Celan, hingeworfene
Vögel. Trage die alten Kittelchen : seien wärmer als frisches
Gewand usw., (be)schreibe die Wirklichkeitsform, sah aus dem blutenden
Fenster mit entzündetem Vergnügen und es heult der Wind (»will
Immer studieren«) zieh mich rasch an / religiöses Wolkenmeer, denke
so viel an dich möchte dich wiedersehen, so verzaubert die
Schreibkammer dasz ich weinen musz . . dies getippteste
Begräbnis : eine Art Waldes Maschine, wie die Wolken rasen
über den Himmel, als ich im kalten Zimmer (in Nässjö)
unter die Decke (raubte) verlesen während
die Schwalben funkelten und ich im Kalender schaute der wievielte
August, Klaus Schöning sagte in unserem Alter ist alles symbolisch

6.08.05

Thomas Kling unterstreicht: Die Mayröcker gehört zu den Unikatkünst­lern, und nicht zuletzt dieses Ver­dienst des unermüdli­chen Fortset­zens von Versuchs­anordnungen ist es, das ihr seit langem den Re­spekt von Autoren sichert, die gerade halb so alt sind wie sie oder noch jünger. Sie hat viele beeinflußt, das stellt sich immer deutli­cher heraus. Zu diesen zählen u.a. Marcel Beyer, Ulrike Draes­ner, Michael Donhau­ser, Thomas Kling, Michael Lentz (Die deutschsprachige Poesie ist derzeit die internati­onal bedeut­samste. Allein schon Friederike Mayröcker zu nen­nen genügt) und Peter Wa­terhouse. Mit John Ashbery und Les Murray bildet Friede­rike Mayröcker mein univer­sales Lyrikkleeblatt lebender Dichter. Ich sehe Friede­rike Mayröcker in ihrer von Büchern, Brie­fen, Heften, Zetteln übersä­ten vertrauten Wiener Woh­nung vor der Schreibmaschine sitzen, im Hintergrund läuft Musik von Johann Sebas­tian Bach und ihre Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus, usw.

  • Richard Dove, Syrische Skyline
  • Hans Magnus Enzensberger, Rebus
  • Peter Ettl, Samtkrallen Wurzelflügler
  • Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif
  • Friederike Mayröcker, Scardanelli
  • Walle Sayer, Kerngehäuse
  • Walter Helmut Fritz, Werkausgabe · poetenladen.de/theo-breuer-walter-helmut-fritz.htm
  • Adrian Kasnitz, Den Tag zu langen Drähten