Fortsetzungsessay von Theo Breuer
Was soll ein Vers, der keine Zumutung ist? fragt Christoph Meckel noch einmal, während ich mich in Katrin Marie Mertens Salinenland aufhalte. Beseelt von Friederike Mayröcker (dieses lichtblaue Paradies im offenen Fenster) und Gerard Manley Hopkins (Sweet fire the sire of muse), deren neue Gedichtbücher mich in diesen Tagen dermaßen berauschen, daß ich phasenweise wie von Sinnen bin und die Gedichte lese, bis die Wörter wie die vielfarbigen Blätter draußen zu wirbeln beginnen, denke ich: Was wäre Odysseus ohne die Begegnung mit Scylla und Charybdis, die ihn trotz eigentlich ungleichen Kampfes vergeblich aufzureiben versuchen? Er wäre nicht der Odysseus, der, so lange Menschen die Erde beleben, unsterblich bleiben wird.
Nun kann weder Katrin Marie Merten Odysseus sein, noch halten Mayröcker und Hopkins einen Vergleich mit den beiden ungeheuren Ungeheuern stand. Und doch setzt sich der Vergleich hartnäckig fest, und ich riskiere, weiterschreibend, grandios mit den folgenden Worten zu scheitern. Katrin Merten gerät zum falschen Zeitpunkt ins Hinterland. Der ungereimte Härtetest, zwischen Mayröcker und Hopkins zu bestehen, kann nicht zu ihren Gunsten ausgehen, dafür ist sie noch nicht listen- und fintenreich genug – was auch niemand erwarten wird, oder doch? Es kann keinen Bonus für junge oder alte Autoren oder solche in der midlife crisis geben. Wer ein Buch mit Gedichten veröffentlicht, muß sich fragen lassen, ob das Ergebnis die eingesetzten ideellen und materiellen Energien rechtfertigt.
Jedenfalls: Gleich der erste Vers mit dem einfach formulierten Bild Meine Hände sind der Anfang von mir, / dahinter lebe ich […] springt mich an, überrascht mich. Wörter wie lichtarm, kriechen, Körperhöhle, Häute, Grenzland, streunen, Sperrgebiet, ungefragt, pendeln, Aufbruch klammern mich bis zum pointierten Ende an die lakonisch verfaßten Verse. So segle ich unbekümmert hinein ins Salinenland und lese die weiteren zehn Gedichte des ersten Kapitels mit dem Schwung, den ich mit dem ersten Gedicht aufnehme, stoße laufend auf treffende Wörter, geschickt gesetzte Alliterationen, Antithesen, Binnen- und Klammerreime (sehr schön, beispielsweise, wie in Wenn einer geht das Verb geht im ersten Vers mit dem Verb steht ganz am Ende korrespondiert: ein schlichter, wegen der echten, nicht künstlich herbeigeführten Zusammengehörigkeit der Wörter gelungener Reim, der das Gedicht formal gleichsam befestigt, sichert, stützt), erkenne die sehr bewußt gewählte Kargheit dieser an der Oberfläche schlichten, in der Tiefenstruktur als schicksalhaft wahrnehmbaren Miniaturen.
Weil Städte nie schlafen (auch die nicht,
in der ich lebe), geben die Straßen
nicht Ruhe: Immer das Rollen von Reifen,
das Holpern von Bahnen in Schienen,
das Stürzen, das Schreien, das Lachen
von Menschen, ein Flugzeug
dicht über dem Dach. Und immer
der Einschlag von Licht auf den Lidern,
der Eintritt in tiefere Räume verhindert,
hier ist es niemals finster, nicht still.
Meine Leseempfindungen kühlen mit Beginn des zweiten Kapitels ab, ich sehe die formal und tonal sehr ähnlich arrangierten Gedichte nicht mehr ganz auf der Höhe der schwingenden Verse des ersten Kapitels, Wörter und Ideen beginnen sich zu wiederholen. Es regt sich nichts mehr beim Lesen, und was ich zuvor als schlicht-schön empfand, beginnt mich zu ermüden, ich denke plötzlich Wörter wie ‚belanglos’, ‚beliebig’ und ‚simpel’, hoffe auf das nächste Gedicht – Der Wind wischt dir gleich einem Tuch / das Gesicht setzt es ein, eine Zumutung denke ich, aber nicht ganz im Meckelschen Sinne, und spätestens jetzt beginne ich mich nach Friederike Mayröckers auf und ab der brausende rauschende orgelnde flügelschlagende wind und Gerard M. Hopkins’ wiry and white-fiery and whirlwind-swivellèd snow zu sehnen.
Sie arbeiten an Gedichten?
Jetzt nicht mehr. Ich habe im März damit angefangen, da hat mich mit einem Mal die Gedichtwut gepackt – aber im Oktober ist sie genauso plötzlich wieder erloschen. Ich hatte keinerlei Erfahrungen mit Lyrik – wenn man von ein paar Versuchen als Jugendlicher einmal absieht.
Wie würden Sie Ihre Gedichte beschreiben? Eher wie Celan oder wie Fried? Wobei ich gleich sage: Ich mag beide.
Ich mag beide nicht. Bei Celan habe ich das Gefühl, er weiß, was er will, sagt es mir aber nicht. Bei Fried, er weiß, was er will, und sagt es mir zu deutlich. Bei beiden spüre ich eine Absicht. Und Absichten in der Literatur verstimmen bekanntlich. Mein liebster Lyriker ist William Carlos Williams. Das ist für mich wahre Poesie: Weil sie die Dinge als Dinge anerkennt. Die Lyrik missbraucht ja die Welt gerne als Metapher: Ich borge mir einen Wald aus und meine damit etwas ganz anderes.
/ Michael Köhlmeier im Gespräch mit der Presse, 13.12.
Das Musée Pierre André Benoi in Alès zeigt bis 17.1. Gedichte und andere Texte des Malers Pablo Picasso. Erst mit 56 Jahren* versuchte sich Picasso an Lyrik surrealistischer Prägung. Er schrieb 3 Theaterstücke und mehr als 350 Gedichte.
Hier kann man seine Gedichte auf Französisch und Spanisch lesen: On-line Picasso project.
L’Express 26.11.
*) Mit 54, sagt das Vorwort der Auswahlausgabe Pablo Picasso, Gedichte, München: DVA 2007
Vgl. L&Poe
2003 Apr # Meine Tippe überfüllt die Lyrik
2005 Dez # Tom de Toys: Rede zur Gründung einer Kulturpartei
2005 Dez #39. Beeinflußbar
2006 Mrz #115. Nigerianische Dichter-Barden huldigen ihren Vorbildern
2006 Mai #12. Gestörtes Frühstück – Eine Mayröcker Bebilderung
2006 Jul #46. Gertrude Stein hat die Luft gemalt
2006 Aug #26. War es wirklich nur ein kleiner Flirt
2006 Nov #115. Zum Auftakt
2007 Mrz #74. Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (3): 22.3.
2007 Mrz #154. Picassos Gedichte
2007 Mai #84. Die bilderreichen Gedichte des Pablo Picasso
2007 Jul #61. René Char – erste Landschaften
2007 Jul #62. Ihr Pech
2008 Mrz #114. Lesung surrealistischer Lyrik von Hans Thill
2008 Okt #3. Autor Picasso
Ehe keine Kopie der (handschriftlichen?) Originalberichte von Werner Söllner vorliegt, lässt sich nicht darüber urteilen, ob er jemandem zum Schaden oder (wie offenbar im Fall des Klausenburger Germanisten Michael Markel) zu dessen Gunsten berichtet hat.
Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat, oder gar um eigener Vorteile willen der Behörde von sich aus Böses, das „Opfer“ schädigende Informationen gemeldet hat. Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten.
Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss. Die wichtige Frage, warum Werner Söllner sich nicht längst, am besten unmittelbar nach seiner Ankunft im Westen, sein Problem von der Seele geredet hat, wäre aber auch dann noch schlüssig zu beantworten. Das muss nun er selber tun. / Gerhardt Csejka, Tagesspiegel 12.12.
(Der Artikel gibt aufschlußreiche Informationen aus Ceausescus Rumänien)
Ohne eine Zeile, die überraschend den Verstand durchzuckt und etwas aufblitzen lässt, das man so bisher nie zu sehen wagte, braucht man mit dem Lesen von Gedichten gar nicht erst anzufangen. Das gilt für Hölderlin wie für Gottfried Benn, aber auch für einen jungen Berliner Lyriker wie Steffen Popp. „Tannen im Grenzland, sie brüllten /wie eine Herde, im Sperrdraht“ schreibt er etwa über eine Nachtlandschaft, und schon betritt man „freies Feld, urweltlich ragte / unter dem Mond eine Garage / ein Zwergwürfel, unversöhnt“. Das Leseerlebnis beginnt mit einer Faszination – und es kehrt nach allen Etappen dessen, was man Verstehen nennt, im besten Fall wieder zu ihr zurück: Was Gedichte sagen, sagen sie nur, indem sie Gedichte sind.
Auf dem Weg dazwischen aber sind Erklärungen hilfreich. Zwei Dutzend poetologische Selbstauskünfte zu zeitgenössischen Gedichten hat Thomas Geiger in seiner Anthologie „Laute Verse“ versammelt. Ihr jeweiliger Ehrgeiz, von der autobiografischen Rahmung über die Materialanalyse bis zur Prosaparaphrase, ist so unterschiedlich wie der lyrische Ton, dem die beteiligten Autoren verpflichtet sind, wie ausführliche Werksproben beweisen.
Thomas Kling, Jahrgang 1957, den ältesten – und früh verstorbenen – Dichter, verbindet fast nichts mit der Jüngsten, der 1982 geborenen Nora Bossong. Vielleicht könnten sie sich dennoch auf einen Satz von Max Bense einigen, den Ulf Stolterfoht für „unangreifbar“ hält: „Literatur ist Sprache in einem unwahrscheinlichen Zustand.“ Was daraus folgt, nimmt in Stolterfohts ganz dem Eigensinn von Wörtern und Wortpartikeln gehorchender Sprache ganz andere Formen an als bei der mit erzählenden Elementen spielenden Bossong. Die Schönheit des perfekten Gedichts, erläutert er, vereine maximale Ordnung und Unordnung. Sie zeigt sich für ihn in einem Text, „in dem jedes seiner Glieder mit jedem anderen auf jede erdenkliche Weise verbunden wäre; ein so dichtes Geflecht, dass der ursprüngliche Text hinter einem schwarzen Gitter aus sich kreuzenden Bezügen verschwände – Struktur pur.“ So leuchten einem auch Stolterfohts sonst erst einmal gar nicht einleuchtende Gedichte ein. „Laute Verse“ bietet wertvolle Lesehilfe: Für die junge Lyrik hat es das so bisher nicht gegeben.**
/ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 13.12.2
**) Wirklich nicht? Wie schade! – Ich verweise auf die Anthologie „An Deutschland gedacht“, in der zahlreiche jüngere und auch ältere Autoren mit Text und Selbstkommentar vertreten sind, von den jüngeren nach Thomas Geigers Maßstab (außer Thomas Kling und Kathrin Schmidt, 1957 und 1958, sind alle bei ihm vertretenen Autoren in den 60er und 70er Jahren geboren, nur Nora Bossong jünger, 1982: also jung U 50): Melanie Arzenheimer, Peter Brings, Stephan Brings, Jürgen Brôcan, Uwe Claus, Crauss, Volker Demuth, Alex Dreppec, Ansgar Eyl, Tobias Falberg, Karin Fellner, Anke Glasmacher, Dieter M. Gräf, Stefan Heuer, Marc Hieronimus, Norbert Hummelt. Adrian Kasnitz, Christian Kreis, Stan Lafleur, Anton G. Leitner, Swantje Lichtenstein, Vesna Lubina, Hartwig Mauritz, Frank Milautzcki, Andreas Noga, Lothar Quinkenstein, Heinz Ratz, Arne Rautenberg, Bertram Reinecke, Jan Röhnert, Marcus Roloff, Sabine Römmer, Angela Sanmann, Walle Sayer, Frank Schablewski, Amir Shaheen, Rainer Stolz, Olaf Velte, Achim Wagner, Christoph Wenzel, Ron Winkler, Gerrit Wustmann.
Alle zu vernachlässigen? Wohl kaum. Von einigen werden wir sicher noch hören! Wer weiß schon genau, von welchen? Also empfehle ich neugierigen Lesern und Kritikern, beide Anthologien supplementär zu benutzen. Lesestoff und Lesehilfe!
Und in Norbert Hummelts Anthologie „Quellenkunde“ findet man poetologische Statements unter dem Quellenaspekt von durchweg jüngeren Autoren aus beiden „Listen“ vereint. Voilà: ein Grenzüberschreiter! Denn, Zufall oder nicht, tatsächlich gibt es keine einzige Überschneidung zwischen den Anthologien von Geiger und Kutsch. Any idea?
Thomas Geiger (Hg.): Laute Verse.
Gedichte aus der Gegenwart. dtv, München 2009.
360 Seiten, 14,90 €.
Sein 900. Jubiläumsgedicht „ÜBERKRAFT (-HEINE HEFTIG-)“ vom 2.5.1997 als metavirtueller Anti-Poetryclip
„Diese Enge des Vokabulars ließ offensichtlich bestimmte Aspekte der historischen, psychologischen und philosophischen Realität außer acht; da diese Aspekte an sich aber nicht feststanden und eher dem dumpfen Unbehagen im Bewußtsein der Massen oder des Individuums entsprachen als den wirklichen Faktoren des sozialen oder persönlichen Lebens, war man eher von der Trockenheit der Vokabeln, von der unveränderlichen Sauberkeit der Bezeichnungen überrascht als von deren Unzulänglichkeit. (…) Man muß nur feststellen, daß die grundlegende Arbeit an der Sprache synthetischer Natur ist und daß sie im Jahrhundert VOLTAIRES analytisch war: man muß in die Breite und in die Tiefe gehen, man muß Türen öffnen und eine Herde neuer Vorstellungen wohlkontrolliert hereinlassen. Das heißt ganz genau: man muß anti-akademisch sein. Unseligerweise wird unsere Aufgabe dadurch äußerst kompliziert, daß wir in einem Jahrhundert der Propaganda leben. (…) Die Funktion eines Schriftstellers besteht darin, eine Katze eben eine Katze zu nennen. Wenn die Wörter krank sind, dann ist es unsere Aufgabe, sie zu heilen. Statt dessen leben viele von dieser Krankheit. Die moderne Literatur ist vielfach ein Krebs der Wörter. (…) Unsere erste Schriftsteller-Pflicht ist also: die Würde der Sprache wiederherzustellen. Wir denken doch in Wörtern. Wir müßten Gecken sein, wenn wir glaubten, wir versteckten unsagbare Schönheiten, die auszudrücken das Wort nicht würdig sei. Außerdem mißtraue ich allem Nicht-Mitteilbaren, es ist die Quelle jeder Gewalt.“
Jean-Paul Sartre: WAS IST LITERATUR? (1958)
G&GN-INSTITUT NEW COLOGNE @ http://www.GGN.de (DÜSSELDORF 2.5.1997 & BERLIN 13.12.2009) // Kaum hat Herr De Toys das „SUBVIDEOFESTIVAL“ glimpflich überstanden, nachdem es dort zu Handgemenge „wie in alten Zeiten“ kam (der Kurator VISUMAN höchstpersönlich störte die Filmvorführungen derart penetrant, daß er „schlagkräftig“ des Platzes verwiesen werden mußte), da greift er schon wieder nach seiner Nokia6300 und filmt einen metavirtuellen Anti-Poetryclip zu Ehren des größten Szene-Zombies nach Goethe und Schiller: Herrn Heine, der am 13.12.1797 geboren wurde und nie starb… In der englischen Originalbeschreibung des Videos heißt es leicht hysterisch-paranoid:
„OVERPOWER (-HEINE HEAVY-)“ (…) This is NO proper „poetryclip“, just a spontaneous IRONICAL RECITAL trying to perform worst as possible!!! Why? WHY WHY??? WHO NEEDS POETS AT ALL? WE ALL WILL BE FORGOTTEN IN SOME YEARS WHEN THE ALIENS TRY TO HEAL OUR PLANET AS SOON AS HUMANS DIED OUT… In the year of his 200th birth anniversary i dedicated my 900th anniversary poem to HEINRICH HEINE who was born at 13th of December 1797. My poem is published online since 1998 in the archives of the G&GN-INSTITUTE (…) and belongs to a series of several poems that are dedicated to some people whose work i appreciate… The former complete series (meanwhile it is extended!) appears in my poetry-book „ÜBERWELTIGUNG“ (= „OVERWORLDING“, that sounds in german same like „overwhelming“) that was published in winter 1999/2000 in the label „Vapet“ (Bochum). But my publisher WOLFGANG SCHÄFER (who was well-known in the leftradical area for his magazine „MOLLI“ which promoted social-critical „engaged“ poetry) disappeared (!) before the selling even started, so nowadays almost nobody knows my second ISBN-book. But my very first „official“ book titled „JeDaZeitBereit“ (=“at any time ready here“) is still available in the label „Claus Richter Verlag“ of my former Professor PETER RECH (art-therapist at the university of Cologne til 2008). In Berlin you can receive it (as well as other publications in my own „G&GN“ label) in the bookshop „ARTIFICIUM“ in the 2nd court of the famous „Hackesche Höfe“
„Hat Lyrik noch eine Funktion innerhalb der Realität unseres modernen Lebens? Wenn ja, welche? (…) Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst. (…) Daher ist die Selbstbegegnung des Lyrikers zugleich einmalig und Modell von Begegnung überhaupt: mit den andern, mit der Wirklichkeit. Unwiederbringlicher Augenblick, Zeit außer der Zeit. Im Gedicht ist er eingefroren, auftaubar. Wirklicher als die Wirklichkeit: ihr jeweils neu und anders realisierbarer Potentialis.“
Hilde Domin: „WOZU LYRIK HEUTE? LYRIK UND GESELLSCHAFT“ (1964)
DAS VIDEO: „Happy Birthday Heinrich Heine (13.12.1797)“
= De Toys, 2.5.1997: „ÜBERKRAFT (-HEINE HEFTIG-)“ HIER:
„ÜERKRAFT“-QUELLE: http://www.wulle.de/GGN/TACHELES/ueberwel3.htm
Die Kunstbuchhandlung mit Spezialregal für Berliner Lyrik: http://www.artificium.com
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
To find a form that accommodates the mess,
that is the task of the artist now‘
Samuel Beckett
(1)
bzw. seht nur diesen text! wie er einmal angestoßen wächst. und
wächst. hält augenblicklich folgendes bereit: zum geleit. alles be-
ginnt mit dem trimm. gezwitscher aus dem schwödebrei. prosa-
einschub die gerber. dann: die eigentliche prüfung. narbenplatzer.
art schadensbericht. der hat sich gehörig gebimst. subgattung lyri-
sches gespinst. zu guter letzt: ladung tragende aminogruppen wie
etwa: virulenter schleifbox-softy. vom liedhaften approxi süßer
sämischmann wurde aus gründen des anstands abstand genommen.
Ulf Stolterfoht, fachsprachen XXXI
para-schwarte »schaut auf diese haut«
Gedichte sind keine Sonnenuntergänge, denen Millionen Menschen Jahr für Jahr Tausende von Kilometern hinterherrasen, um sie an dreizehn aufeinanderfolgenden Tagen bei Ouzo oder Chianti zu bewundern. Was soll ein Vers, der keine Zumutung ist? Er ist eine Zumutung oder er ist ein Parfüm. Ein Steinschlag, oder Dünger fürs Feuilleton … Rücksichtslosigkeit ist die Chance des Gedichts. Sie ist die Aufklärung der poetischen Sprache (Christoph Meckel). Die – der Musik gegenüber ja kaum so ausgeprägte – verstandorientierte bzw. dualistische Einstellung vieler Lyrikleser weiterhin nicht kleinzukriegen: Wie ist doch meine Seele zwischen Auge und Ohr getheilt, stöhnt der Tempelherr in Nathan der Weise, und eine ähnlich fatale Trennung – diesmal zwischen Intellekt und Emotion – sehe ich bei Lesern, die erwarten, daß ihnen Gedichte wie reife Geistesfrüchte auf dem Silbertablett dargereicht werden, Gedichte, die ihnen ins gedankliche Konzept passen, sie auf angenehme Weise provozieren, Wohlbehagen bereiten, Sonnenuntergangstraurigkeit evozieren und dabei vielleicht noch einen sanften Impuls in sozialkritischer Hinsicht geben. Alles Ungewohnte, Unkonventionelle, Unübliche das energische Auseinandersetzung fordert, wird schnell als zu schwer verdaulich empfunden, und man wendet sich mit einem kopfschüttelnden Kannitverstan ab. Dabei ist die Sprache des Gedicht doch gerade da in ihrem eigentlichen Revier, wenn sie so unverwechselbar ausdrückt, was anders nicht formuliert werden kann, die Sprache des Gedichts ist das immerwährende Morgensternsche Lalula:
Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo …
Lalu lalu lalu lalu la!
Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lala la!
Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []!
Lalu lalu lalu lalu la!
Gedichte lesen ist eine metabolistische Achterbahnfahrt, ein Auf und Ab, ein Quer und Kreuz durch die Großhirn-, Stammhirn- und Neokortex-Windungen, ich werde absolut, voll und ganz, total in Anspruch genommen, die Phantasie wird beflügelt, das Blut ist in permanenter Wallung, plötzlich runzle ich die Stirn, warum bin ich dermaßen wütend, und nichts als Fragen und Ratlosigkeit offenbaren sich: ganz wie im richtigen Leben. Gerade so wie mich zahllose Konfrontationen des Alltags in die vielfältigsten Stimmungen versetzen, versetzt mich die Gedichtlektüre je nach dem in ein Schwingen des Staunens, der Begeisterung, der Zuneigung, des Sich-Fragens, der Verehrung, des Zorns, der Empörung, des Selber-noch-nicht-Wissens! (Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit). Und während der berauschendsten Leseaugenblicke erfahre ich, was ebenfalls Peter Handke so überzeugend im Versuch über die Jukebox beschreibt: Die Begegnung mit Lyrik wird mir zur „Levitation …, Auffahrt?, Entgrenzung?, Weltwerdung? Oder so: Das – dieses Lied, dieser Klang – bin jetzt ich; mit diesen Stimmen, diesen Harmonien bin ich, wie noch nie im Leben, der geworden, der ich bin; wie dieser Gesang ist, so bin ich, ganz!
Keine Gewähr
Bei welchen Gedichtbüchern des Jahrgangs 2009 ist es mir annähernd so ergangen? Überwog Langeweile oder Kurzweil in diesem Jahr? Wer überrascht, wer sorgt für Überdruß? Welche Gedichte brauche ich, auf welche kann ich gut und gern verzichten? Zum Glück für die Autoren gehen die Bewertungen der Leser von Gedichten immer wieder weit auseinander, und ich werde hier nicht den einen Band gegen den anderen ausspielen.
Ich beschreibe – exemplarisch – Lektüreeindrücke, und in ihrer Gesamtheit halte ich die hier zusammengetrommelte Schar von Autoren mit ihren neuen Büchern für ein typisches erfolgreiches Ensemble, das nicht nur mit Stars und Größen besetzt sein darf, um gut zu sein. So ist, naturgemäß, das eine Gedichtbuch überwältigend, das andere überzeugend, jenes ist ansprechend, dieses okay. Über das nächste hülle ich den Mantel des Schweigens, in einem weiteren finde ich ein originelles Gedicht. Mit dem einen Gedichtbuch bin ich wie der Blitz per du, bei dem anderen bleibt (zunächst?) eine, nicht immer leicht zu verstehende Distanz.
So stelle ich, beispielsweise, während der lustwustvollen Lektüre von Ulf Stolterfohts musikalischen Fachsprachen XXVIII–XXXVI fest, daß seine Lyrik und ich uns mit jedem Buch näherkommen: Diese neuen Gedichte, in denen tausend Stimmen aus dem Dies- und Jenseits anklingen, springen mich an, sind total mein Ding.
Ich fänd’s schad, wenn sich mir alle Lyrik immer einfach, leicht und ohne Hindernisse erschlösse: Der einfache Gang durch die Wiesen oder Straßen am einen, die schweißtreibende Kraxelei auf den Berg am anderen Tag – beides steckt voller Reize und ist in seinen spezifischen Eigenarten schwer bloß miteinander vergleichbar. Und eins ist eh klar: einmal oben angekommen, hast Du die herrlichste Aussicht, und alles, was vorher verzwickt war, kommt dir in diesem Moment ganz luftig, ätherisch, sylphenhaft vor.
So schlage ich das nächste Buch auf, und die Augen beginnen schon wieder zu fahnden: Wo sind die funkensprühenden, lichtgebornen Wörter, die klingen und riechen und Bild sind zugleich? Gewiß, Gedichte bestehen zumeist aus verschiedenartigen ernstzunehmenden, zueinander in Beziehung stehenden, polyvalenten allegorischen, formalen, graphischen, inhaltlichen, motivischen, psychischen, rhetorischen, sprachlichen, stofflichen, symbolischen Grundelementen: Das Gedicht ist immer zugleich sichtbares Gewebe, hörbares Gebilde und Aussage über die Welt. Norbert Hummelt während der lustvollen Lektüre von Wie Gedichte entstehen voll und ganz zustimmend, halte ich es beim Gedicht gern mit George Orwells Roman Animal Farm, in dem heißt: All elements are equal but some elements are more equal than others. Primär die Wörter suche ich, wie Wildschweine (deren Zahl in den Wäldern rings umher bedrohlich anschwillt) die Trüffel suchen.
Die Seele geht spazieren, natürlich in den Wörtern, lese ich bei Rolf Dieter Brinkmann, dessen mehrere Seiten langes, alles verneinendes Ein Gedicht eines durchgehend bejaht (obwohl der Autor auch ihnen maßlos mißtraut): die Wörter. Ce n’est pas avec des idées, que l’on fait des vers. C’est avec des mots. (Stéphane Mallarmé)
Ein Wort
Ein Wort, ein Satz —: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin.
Ein Wort —, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich —,
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.
Gottfried Benn
Direkte Vergleiche bringen mich nicht weiter. Wer 1919 (Hans Bender), 1929 (Hans Magnus Enzensberger) oder 1945 (Axel Kutsch) geboren wurde, bringt in aller Regel andere Voraussetzungen für das Verfassen von Lyrik mit ins Spiel als jemand, der 1974 (Adrian Kasnitz), 1980 (Sandra Trojan) oder 1982 (Katrin Marie Merten, Gerrit Wustmann) das Licht der Welt erblickte. (Was wohl würde die 1924 geborene Friederike Mayröcker zu dieser Anmerkung sagen?) Zu ungleich sind die Bücher auf dem Weg vom 31seitigen Sonettenkranz bis zu den gesammelten Gedichten auf 1155 Seiten. Vierzeiler, Sonett, freimetrischer Flattervers, Gedichte, die den Aufenthalt in der Zuchthauszelle in Verse bannen, und solche, die uns in ferne Länder entführen, Trottoirlyrik, Steingartenpoesie, Bestands-, Blitzlicht- oder Momentaufnahme, absurd, grotesk, paradox, skurril sprudelnde Phantasmagorie, liebevoller Abgesang, eingefrorenes Standbild, Wadenbeißergedicht, Gedichtgedicht.
du lieber himmel, ein gedicht!
du lieber himmel!
ein herrenloses gedicht
streunt über die seite
vielleicht beisst es!
ein wadenbeissergedicht!
nehmen sie sich in acht
gedichte haben scharfe zähne
dringen tief ein ins fleisch
sehen harmlos aus
wenn sie so über die seiten weiden
so friedlich
beinahe könnte man sie lieben
und dann
schnappen sie zu
Jolanda Fäh
Wie etwa soll ich Uwe Tellkamps furioses phantastisches Langgedicht Reise zur blauen Stadt, Matthias Kehles lakonische, verhaltene, aus wenigen Wörtern bloß gemachte Gedichte in Fundus und die satirischen Gedichte in Hans Magnus Enzensbergers Rebus unter einen Hut bringen? Wieso sollte ich das auch wollen: So wie jedes Gedicht zunächst für sich steht, so auch jeder Gedichtband. Zu verschiedenartig sind die Schreibansätze – von akzentuiert oder ausschweifend bis berauscht, charmant, drangvoll dicht, eckig, forciert, frech oder fröhlich, grobschlächtig, hingehaucht, irrational, japanisch, knisternd, katachresisch, kurz und knapp, lang, lakonisch oder lebendig, mäandernd, metalyrisch, mokant, nachdenklich, obskur, pointiert, quecksilbrig, reimend, sinnlich, schnoddrig, spröde, sperrig, transtextuell, trotzig, universal, verwegen, waghalsig, xenisch, ybermütig bis zickig — »usw.«. Der eine knausert derart mit Wörtern, daß die Blätter dem Schneefeld mit Krähen gleichen, während sich bei der anderen die im Wirbelwind tosende Wörterflut temperamentvoll in die Seiten ergießt.
Wo nehme ich nur die Zeit her,
so viel nicht zu lesen?
Karl Kraus
Es gibt nur den einen direkten Weg, herauszufinden, wie ein Gedichtbuch beschaffen ist: Ich muß es lesen. (Oh my – not again.) Nicht querlesen, nicht darüber lesen, sondern direkt lesen. Täte ich das nicht und hätte immer wieder auf Kommentare gar nicht so weniger anderer Menschen gehört, die mit Brinkmann nichts anfangen können, die Kling geringschätzen, die von Fritz und Hölderlin kaum etwas und von Oswald von Wolkenstein nichts gelesen haben, wo stünde ich heute? Daran mag ich nicht denken und komme nicht umhin, das (überschaubare) Risiko in Kauf zu nehmen, die eine oder andere Lektüre im nachhinein als Raub von Lebenszeit zu betrachten. Dafür übernehme ich keine Gewähr, außer daß ich sage: Für jeden der hier aufgeführten Titel gibt es Leser, die gerade auf dieses Buch gewartet haben.
Diese gleichsam für jede Woche des Jahres 2009 ausgewählten 52 Einzeltitel lebender Schreibgenossen von Klaus Anders bis Gerald Zschorsch habe ich interessiert, (sehr) gern bzw. mit (großer) Begeisterung und Gewinn gelesen, mich bei einigen prächtig amüsiert. Einzelne haben mich überwältigt, manche warten mit feinen Überraschungen auf, und jedes dieser Bücher hat nun als mehr oder weniger starkes, mehr oder minder strahlendes Stück/chen im Mosaik meiner Büchersammlung seinen Platz gefunden:
Aber die Berühmte ist nicht nur unbekannt, weil die Wellen der Geschichte über sie hinweggegangen sind; oder weil sie Jüdin war, die Hitler gleich zweimal verjagte, als verrückte Künstlerin und als Feindin des Volkes. Else Lasker-Schüler hat gelebt wie niemand vor und niemand nach ihr. Sie hat sich nicht angepasst, hat keinen der Kompromisse geschlossen, aus denen unser Leben besteht, hat nie und nirgends auf ihr Ich verzichtet, auf ihre ganz eigene Sicht der Welt. Das hat ihr Leben unglücklich gemacht, und am Ende ihres schönen Buches über sie lässt Kerstin Decker es den Maler Miron Sima sagen, der die alte, im Jerusalem des Zweiten Weltkriegs gestrandete Frau mehrmals gemalt hat und als Künstler nachempfinden konnte, was er sah: „Man kümmerte sich um sie, aber sie gehörte zu niemand. Und so war sie mitten unter Leuten von Einsamkeit umhüllt, als würde sie ihre Zelle mit sich herumtragen, wie eine Schnecke ihr Schneckenhaus.“ …
„Ich war aus der Stadt geflohen“, schreibt sie darüber, „und sank erschöpft vor einem Felsen nieder und rastete einen Tropfen Leben lang, der war tiefer als tausend Jahre. Und eine Stimme riss sich vom Gipfel des Felsens los und rief: ‚Was geizt du mit Dir!‘ Und ich schlug mein Auge empor und blühte auf…“ Ihre Schönheit gewinnen diese Worte nicht aus einem zum Messias stilisierten Peter Hille, sondern aus der Erlösungssehnsucht dieser von keinem Bürgertum zu bändigenden Frau. „Und immer, immer noch der Widerhall / In mir, / Wenn schauerlich gen Ost / Das morsche Felsgebein, / Mein Volk, / Zu Gott schreit.“ So schreibt sie in ihrem großen Gedicht über das jüdische Volk, zu dem sie gehört, und dieses Judentum auf dem Grunde ihrer Sehnsucht bleibt Kerstin Decker fremd. Es geht über die Grenzen ihres Buches hinaus. So ist Else Lasker-Schüler – sie lässt sich von niemandem einengen, auch von ihren Biografen nicht. / Jakob Hessing, Die Welt 12.12.
Kerstin Decker: Mein Herz – Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler. Propyläen, Berlin. 475 S., 22,90 Euro.
Sie zählt zu den am höchsten dekorierten Protagonistinnen und Protagonisten der österreichischen Gegenwartsliteratur, genießt mit ihrem ebenso umfangreichen wie eigenwilligen Lyrik- und Prosa- Werk höchstes Ansehen in der Fachwelt und ist mit ihrer schwarz verhüllten Gestalt und ihrer zettelübersäten Wohnung, in der sie aus Platzgründen keine Besucher mehr empfängt, zu einer Art Legende geworden: Am 20. Dezember feiert die große österreichische Poetin Friederike Mayröcker ihren 85. Geburtstag.
Als „bekannt, aber nicht gekannt“ bezeichnete ein Literaturwissenschafter einmal die u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg- Büchner- Preis ausgezeichnete Dichterin, die vielfach bewundert, aber nur von wenigen wirklich gelesen wird. „Ich lebe nur in Sprache“, bekennt Mayröcker, der Leben und Literatur eins sind, „Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben.“ Seit über fünf Jahrzehnten entstehen so in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände. „Das Gedichte Schreiben ist so eine Art Aquarellieren, das Prosa Schreiben ist eine harte Kunst wie eine Skulptur Anfertigen“, schilderte Mayröcker, deren zweite Liebe der Bildenden Kunst gehört, kürzlich in einem APA- Interview, „Es sind zwei wirklich ganz verschiedene Zugehensweisen, und ich fühle das auch im Körper ganz anders.“ / Vienna online
schließlich
große lyrik im kleinen kreis
beigesetzt:
wörter trugen sie
kein leser hat sie begleitet
Andreas Noga
Na und so weiter, blabla:
In der heutigen Zeit gibt es nur noch wenig Platz für Lyrik und Poesie, denn das große Zeitalter der Dichter und Denker ist vorbei. Interessenten oder Veröffentlichungsplattformen gibt es mittlerweile fast gar nicht mehr. Geht diese Kunst verloren?
Die Zeit der Französischen Aufklärung war eine weitere Blütezeit dieser Thematik. Voltaire, Diderot, Montesquieu und Rousseau trieben ihren Staat mit verfassungskritischen Werken in den Wahnsinn, trafen damit aber genau den Nerv der Gesellschaft.
Goethe, Schiller & Co. waren ein Höhepunkt in der Lyrik. Doch heute scheint diese Form der Kunst wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Die wenigen Jugendlichen, die heute noch eine poetische Ader haben, wissen entweder nichts von ihrer Gabe oder haben keine Ahnung wie sie ihre Ideen verkleiden sollen. Viele haben aber auch einfach kein Interesse an dieser alten Kunst.
Selbst wenn jemand seine Gabe entdeckt hat und sie [in ein, MG] wortgewand einkleiden kann, hat er kaum eine Möglichkeit seine Werke zu veröffentlichen. …
Es heißt immer: „Die Jugend fördern!“
Für Interessierte oder Kreative gibt es kein populäres Medium, dass dieser alten Kunst eine Plattform bietet. Auch die Weiten des Internets bieten keine spezifischen Seiten, die sich mit damit befasst./ newspoint
(Liebe Jugend, nicht verzagen. Es gibt noch ein paar von allem: Lyriker, Lyrikleser, Lyrikverleger, Lyrikbücher… Man muß sie nur finden wollen.)
Ehrlich gesagt ist mir Frank Milautzckis Klage über „die Poesie, wie sie gegenwärtig in Deutschland en vogue ist“, zu wohlfeil (allein weil zu viele Leute mit den gegensätzlichsten Meinungen oder Absichten sie teilen können) und als Erklärungsmuster zu schlicht. (Lockerer werden!) Ich zitiere sie aber um des von ihm angefügten wunderbaren Zitats aus einem Interview mit Margitt Lehbert willen:
Die Poesie, wie sie gegenwärtig in Deutschland en vogue ist, bewegt sich zu oft in Kanälen, die kaum mit den welthaltigen und –bezüglichen zusammenfließen. Deswegen ist kein Wunder was Margitt Lehbert, die Übersetzerin und deutsche Verlegerin des Buches von Håkan Sandell, in einem Interview mit Volker Sielaff im März des Jahres 2008 im Poetenladen darlegt:
„Ich finde es schade, daß man im deutschen Sprachraum so wenig Poesie liest. So hat der wirklich außergewöhnliche Dichter Yehuda Amichai in Berlin vor etwa 70 Menschen gelesen. In Iowa City, eine Uni-Stadt mit damals 70.000 Einwohnern, kamen 800 Menschen, um diesen Mann zu erleben, und das, obwohl er auf Hebräisch dichtet und man „nur“ die Übersetzungen verstand. Was ich mir wünsche, wäre ein lockerer, ein freudvoller, ein nahezu erotischer Umgang mit der Poesie, eine Lust an der Sache. Les Murray freut sich immer besonders, wenn er dort veröffentlichen kann, wo es nicht ausschließlich literarisch zugeht, und ich gebe ihm da Recht. Deshalb achte ich auch so sehr auf die Ausstattung meiner Bücher, es soll Lust bringen, sie in die Hand zu nehmen, Lust bringen, sie aufzuschlagen, Lust bringen, sie zu lesen.“
Mitten im Warenhausgetümmel öffnet sich ein Guckloch zum Hades. Vielfältige Bezüge zur Musik, zu Orpheus, Odysseus und andere antike Gestalten oder zu Transzendenz und Herzensbildung der Romantik beleben die trivialsten Verhältnisse. Der seit 1998 in Norwegen lebende Sandell nennt sich selbst einen „Retrogardisten“. Seine Verse sind nicht auf avantgardistische Wortwelten erpicht. Sie notieren Momente jener „großen epischen Erzählung, welche Geschichte ist“, wie es in „Randzeichnung“ heißt. Ideen, Motive und Figuren vergangener Kunstepochen greift Sandell in seinem lyrischen Alltagstagebuch auf und wickelt sie auf überraschende Weise weiter. Vor allem die Gotik zieht sich durch sein gesamtes Werk. Welch eine turbulente Lektüre: mal gibt er den Heiligen Sebastian, mal geht er einen faustischen Pakt mit dem Leibhaftigen ein, lässt ihn die Feder führen – und pflegt ihn schließlich zu Tode. / Dorothea von Törne, Die Welt 12.12.
Tagebuch, Abendwolken.
Von Håkan Sandell. Aus dem Schwedischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Hörby. 160 S., 19,90 Euro.
Vgl. Rezension von Frank Milautzcki, fixpoetry.com
(mit Leseprobe: Geburt!)
Dort außerdem über
Ich habe satt gelebt.
Von Paul Fleming. Insel, Frankfurt/M. 122 S., 12,80 Euro.
endpunkt.
Von John Updike. Rowohlt, Reinbek. 110 S., 19,90 Euro.
Letzte Gedichte
Von Michael Hamburger. Aus dem Englischen von Jan Wagner ed. al. [sic?!] Folio, Wien/Bozen. 176 S., 22,50 Euro.
Durch Übersetzungen persischer Dichter im 19. Jahrhundert – und nicht zuletzt auch durch Goethes Arbeit am «West-östlichen Diwan» – haben deutsche Dichter ihre Faszination für die südasiatische Liedform des Ghasels entdeckt. Sie diente persischen Mystikern seit dem 8. Jahrhundert zur Beschwörung göttlicher Liebe. Dabei gab schon der weise Goethe zu bedenken, dass «die zweizeilig gereimten Verse der Orientalen einen Parallelismus fordern, welcher aber, statt den Geist zu sammeln, selben zerstreut». Wenn nun die Münchner Dichterin und Schriftstellerin Ursula Haas in ihrem Band «Ich kröne dich mit Schnee» die Form des Ghasels wiederaufnimmt, dann spielt sie mit dem erotisch-geistigen Doppelgesicht der mystischen Anrufungen, indem in ihren filigranen Liebesgedichten das Metaphysische im Erotischen oder umgekehrt das Sinnliche in der kühlen Verskonstruktion anklingt. Dabei gelingt es ihr, der Repetition des immer gleichen Reims, die schnell monoton oder beliebig wirken könnte, verschiedene zeitliche oder logische Färbungen abzugewinnen, so etwa im Gedicht «Erinnerung», wo der wiederkehrende Ausdruck «Hand in Hand» ganz unterschiedliche Nuancen von Nähe und Zuneigung aufscheinen lässt.
/ NZZ 10.12.
Ursula Haas: Ich kröne dich mit Schnee. Gedichte und Ghasele. Verlag St.-Michaels-Bund, München 2009. 128 S., Fr. 23.30.
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