Friedrich Bergammer
(eigentlich Friedrich Glueckselig; geboren am 18. Dezember 1909 in Wien; gestorben am 9. Oktober 1981 in New York City)
Der letzte Hort O Ewigkeit, du Bettelhort! Vergänglich Sitte, Art, Kultur, geknüpft an Mode, Zeit und Wort. O Weltenschicksal! Unglücksspur! Sie treiben uns von einem Ort zum anderen. O Leidenskur! Wir ziehn von einer Heimat fort in eine andre Heimat nur. Was bleibt uns noch als Ewigkeit, der letzte Hort? Es ist vollbracht. Wir sind der Platz der tiefsten Nacht. Wir gehen auf die Wanderschaft. Aus aller Länder Wurzelkraft blühn wir zur Menschenähnlichkeit.
Aus: Feuerharfe. Deutsche Gedichte jüdischer Autoren des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Josef Billen. Leipzig: Reclam, 1997, S. 31
Hansjörg Zauner
(* 2. Dezember 1959 in Salzburg; † 30. Juni 2017)
DAS ZERSCHELLEN DER WOERTER IN DEN BUCHSTABEN UND DARUEBER HINAUS DA VERWORTEN DIE BUCHSTABEN IM DARUEBER HINAUS ZU ZERSCHELLEN EIN ZERBUCHSTABEN DIE SCHELLEN IN DEN WOERTERN EIN DARUEBER HINAUS DAS DARUEBERHINAUS IN DEN WOERTERN IN DEN BUCHSTABEN EIN ZERSCHELLEN EIN ZERSCHELLEN DER BUCHSTABEN IM DARUEBER HINAUS ZU DARUEBER HINAUS DIE WOERTER ........ ZERBUCHSTABEN DAS DARUEBER HINAUS ZERWORTEN DAS ZERSCHELLEN ZERDARUEBERHINAUS
Aus: Hansjörg Zauner: zerschneiden das sprechen. Linz, Wien: edition neue texte, 1989 (unpaginiert)
Die Dichterin Anna Louisa Karsch, oft genannt die Karschin, wurde geboren als Anna Luisa Dürbach am 1. Dezember 1722, heute vor 300 Jahren, in Hammer bei Schwiebus, heute Świebodzin; gestorben ist sie am 12. Oktober 1791 in Berlin. Der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim ernannte sie zur „deutschen Sappho“. Was es ihr gebracht hat? Die Nachwelt hat bis heute (!) ihr Werk nur in Auswahl ediert, offenbar auch nicht zum Anlass des 300. Geburtstages*. Los, Verleger, straft mich Lügen.
*) Naja, bei der „pommerschen Sappho“ Sibylla Schwarz hat es noch 100 Jahre länger gedauert.
Ob Sappho für den Ruhm schreibt? An die Frau von Reichmann Den 10. März 1762. Frau, schreib ich für den Ruhm und für die Ewigkeit? Nein, zum Vergnügen meiner Freunde! O das Gerüchte trägt nur eine kurze Zeit Mit unserm Ruhme sich; sobald wir von dem Feinde Der Menschheit überwunden sind, Verflattert er so leicht wie Blätter, die der Wind In irgend einen Fluß gewaltig fortgetrieben. Homer, Virgil, Horaz und Pindar sind geblieben; Die Griechin aber nicht, die meine Leier trug, So zärtlich war wie ich, nach ihrem Phaon frug Und nach dem Leben nicht; sie flog zum Tode wieder. Nichts blieb uns als ein Brief und zwei beflammte Lieder. Die andern schrieb der Neid sich diebisch heimlich ab, Und endlich fanden sie in einem Brand ihr Grab! Oh, Sappho war berühmt! ihr Volk, ein Volk von Prinzen, Trug seine Dichterin auf viel Gedächtnis-Münzen, Und mancher Künstler hieb ihr Bild in Marmor aus, Und Kenner redeten ihr Lob bei jedem Schmaus. Halb Göttin war das Weib; neun Bücher schrieb sie voll So schön, als wären sie geschrieben vom Apoll. Und ach! von alledem, was sie so schön geschrieben, Ist nur ein kleiner Rest für unsre Zeit geblieben! Frau, solch ein Schicksal trifft auch meine Lieder einst’. Wenn Du voll Zärtlichkeit bei meiner Asche weinst Noch ehe sich an mir die Würmer satt gefressen, Dann, Frau, hat schon die Welt mich und mein Buch vergessen.
Aus: Anna Louisa Karschin, Gedichte und Lebenszeugnisse. Herausgegeben von Alfred Anger. Stuttgart: Reclam, 1987, S. 74
Angekündigt: Briefe und Gedichte. Herausgegeben von Claudia Brandt und Ute Pott. Göttingen, Niedersachs : Wallstein, 2022, 1. Auflage. Schriften des Gleimhauses Halberstadt #13. ISBN-978-3-8353-4932-2 416 Seiten, auch als eBuch („Eine Edition der schönsten und wichtigsten Briefe und Gedichte der berühmten Stegreif-Dichterin.“)
L&Poe Journal #02-2022
Ein Mailwechsel (Teil 1)
Name, Alter, Beruf und Vorerkrankungen: Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs
Betreff: Aw: Stadtschreiber in Halle Datum: 10.10.2022 20:46 Von: michael spyra <—@—> An: Konstantin Ames <—@—>
Lieber Konstantin, danke für den Hinweis. Ich saß in den letzten 3 Jahren mit in unterschiedlichen Jurys und weiß vom Fehlen transparenter Argumente, dem Ausbleiben von Begründungen, die über den persönlichen Geschmack hinaus gehen, dem Mangel an Sprache beim Sprechen über Literatur und dem Ehrgeiz, seinen Geschmack durchzudrücken, weil die anderen Stimmen irgendwie auch als Angreifer auf denselben wahrgenommen werden, dem trostlosen Hin und Her zwischen Vorlieben und Analyse derselben, Begründung derselben, Legitimation des Eigenen, dem missgünstigen Blicken über den Tellerrand, der fehlenden Biografiearbeit, dem Blockaden am Ende der eigenen Lesebereitschaft und den verzweifelten Versuchen auch etwas anzusprechen, was nicht den Lesegewonheiten entspricht, was nicht dem eigenen oder dem Geschmack der anderen entspricht, den Kompromissen, den letzten beiden Namen im Briefumschlag, dem Zufall, der getragen werden muss, aber auch der viel zu schnellen Einigkeit, der zweifelhaften Zustimmung und der Arbeit, beidem auf den Grund zu gehen. Und ja, vielleicht mache ich eine Bewerbung.
Das Thema dieser Mail sei also Wettbewerb. Nun: Ich weiß es nicht sicher, aber meine Ahnung wird mit den Jahren immer fester. Es ist weniger wichtig was du schreibst. Wichtiger ist, wie DU! damit auftrittst und wen du kennst. Weil die die dich kennen erst sagen können, ob du stimmig bist; ach, und um Stimmigkeit geht es natürlich auch. Manchmal lernst du jemanden kennen, weil du gutes Zeug schreibst. Manchmal, weil du zur richtigen Zeit am richtigen Tisch sitzt und manchmal musst du dich ranschleimen, um jemand wichtigen als Freund zu gewinnen. Wenn jemand wichtiges dein Freund ist, dann wird der auch gut finden, was du schreibst, weil auch er weiß, dass es egal ist, was du schreibst.
Wie soll man Qualität auch erkennen? Immer gefangen im eigenen Lesehorizont, ist alles, was man nicht kennt, natürlich originell. Über die Blase der Präferenzen, kommt auch selten jemand heraus.
Hab ich letztens von K. gelesen, dass er W. gut findet, weil der auch Gedichte über die Provinz schreibt. Toll! So geht es für gewöhnlich weiter und immer so weiter. Guckst du dir die Finalisten beim Lyrikpreis X oder Xten Lyrikpreis an, fällt dir auf, dass es auch hier einen Ton gibt, oft ohne Ausschlag nach oben oder unten, reimund klanglos, tonlostrostloses Zeusch, mit der Tendenz zum Bierernst, aber nicht zu weit in Richtung Celan! Da wäre nicht mal Günter Eich angekommen. Die hätten seine Inventur aussortiert. Der Stallgeruch ein Trauerspiel oder Resultat der Sortierung immer gleicher Vorjuroren, der Kompromisse immer gleicher Jurorendiskussionen! Aber: ehrenwerter Ansatz: „Wenn ich schon nicht mit meinem Scheiß groß rausgekommen bin, probiere ich, von dieser Position aus anderen, die so schreiben, wie ich es mag, zu helfen groß raus zu kommen.“ Ein perpetuum-lyrik und weiter geht es. Natürlich gibt es hier einen großen Unterschied zwischen öffentlich gemachter Privathaltung und öffentlich gemachter Privathaltung. Obwohl… wohl besser zwischen dem, was persönlich gefällt und ausgezeichnet wird. Einen Unterschied zwischen Bekenntnis und Auszeichnung. Beides ändert sich durch a) neue Erfahrungen b) lange Weile c) Invasion etc. was auch immer einen aus der Komfortzone der eigenen Erwartungen und Haltung locken mag, innere Motivation oder äußerer Anstoß. Wir hatten jetzt eine längere Pause und ich bin nicht mehr auf dem Laufenden. Schreib mir doch kurz, was du so getrieben hast. Das Schöne an diesem ekelhaften Bekanntheitsgroove ist nämlich, wenn man jemanden ein bisschen kennengelernt hat, nimmt die Toleranz gegenüber dessen Erfolge im Betrieb zu. Und so schließe ich meine Mail mit diesem selbstverursachten Lächeln und weltbesten Stoff für ein Sonett.
Mit lieben Grüßen Micha
Betreff: Wenn es kommt zur Literatrue, frag immer noch nach G[x]mack. Datum: 11.10.2022 10:21 Von: Konstantin Ames <—@—> An: michael spyra <—@—>
Müsste ich Priester sein, oder sonst ein stoischer Perv, um solche Verberei nicht zu mögen, erstrecht aber die Neohauptwörter: Literatrue, Lehreren, aber vor allem: d*r Gechmack. Da steckt etwas drin, das wir laut Stirner endlich groß schreiben oder damit aufhören sollten: Ich. Nach meiner Erfahrung sind Juryker in ihren Sitzungen Menschen weniger ähnlich als Spiegeln. Da das aber kein gutes Bild gibt, ersetze x Spiegel durch – – – Seeigel, das ist natürlich animal appropriation, und wir machen -weil wir es können, verdammt — aus dem S-Wort einen Sehspiegel, und sind dem Juryker immer noch näher als dem Mensch, der den Pfiff gehört hat. Seinen Pfiff. Und dann fing er auch an zu pfeifen. Pfiff erstmal so. Dann sah er eine Sozialisation. Pfiff sie an. Die war nicht sehr musikalisch, spielte aber Cello oder Cembalo. Sozialisation war ihm zu hölzern, auch zu wenig animiert. Da ploppte es immer öfter in seinem Ohr. Das musste was sein. Nein! Es sollte etwas sein. Einfach so. Andere sagten: Das ploppte aber schon vorher. Und ein richtiger Plopp kann niemals im Ohr sein. Kunstplopps ploppen nicht im Ohr. Sondern im Finger, im schönen Finger. Oder im Hals, im schönen Hals, aber nie und nimmer im Finger. X schnitt sich die Finger gedanklich ab. Poetisch gedacht, tut eben nicht nur manchmal weh. Lügt daran, dass man in der Wüste Denn wohnt. Er hätte auch den Namen der Finger abgeschnitten, bloß: Das hätte er vorher tun sollen. Dann hätte aber niemand seine Finger gekannt. Neue Finger wachsen nicht so schnell nach. Sind ja Bäume. Ja, Finger sind Bäume. Finger sind Bäume, die aufs glibberige Haifischpipi da oben zeigen. Doch! Zigmal gesehen. Nicht? Achso, geträumt ist nicht gesehen. Stimmt diese Stimme? Nein, ich meine nicht die Stimme der Metapher. Ich meine die Stimme. Stimmt die denn? Ist die nicht vielleicht falsch. Nein, eine Stimme kann man nicht ankreuzen. Ich meine auch nicht die Stimme zwischen Buchdeckeln oder die Stimme unterm Sargdeckel. Ich meine nicht die höhere Lyrikstimme. Nicht die hochtimbrierten Dinger am Sonntagabend auf Radioeins. „Böse Menschen haben keine Lieder. Warum haben die Russen Lieder?“ — Wer hat das gesagt? Warum höre ich lieber Russisch, das ich nicht verstehe, als diese ausgefuchsten Abgefuckten, die Wetten abschließen, wer denn nun am weitesten spuckt. Erinnerungsrest an den Chandos-Brief: Da ist irgendwo eine Gießkanne. Löcherig? x weiß nicht. Test 1, denn wir wissen es längst: Es geht nicht um den Text. Test 2, denn wir wissen etwas längs dazu: Es geht um den Text, denn es geht um den Dichter, pardon derzeit: D[x]ter. Ey, kreuz einfach irgendwas an, ok? Sagt die Ironie. Aber das Rhizom sagt: Der Beginn von allem ist der Streit. Nichts Gutes beginnt gut, freundlich, lyrisch. Das ist mit der Jurysitzung nicht anders als mit dem Puffbesuch. Gibt es nicht auch gute Gründe, beides sein zu lassen. Spaß zu Spaß: Bisschen Spiegel musste sein. Herein marschiert die Dezision, die mit dem Carl-Schmitt-Orden dran, und sie tut was sie kann, sie drillt wie der Vogel tiriliert. Wieder bei den Tieren und auch den Zwitschermaschinen, lieber schreiben lassen, einen fahren lassen, gelassen sein, als … ja, was denn eigentlich?! Sie müssen ´einen raushauen´, sonst werden sie alle noch abgeschafft. Juryker sind die Junker von heute, und die Junker sind noch nicht ganz weg. Oh-oh.
Auch liebe, aber auch berauhigte, Grüße K.os
Betreff: Aw: Wenn es kommt zur Literatrue, frag immer noch nach G[x]mack. Datum: 11.10.2022 11:24 Von: michael spyra <—@—> An: Konstantin Ames <—@—>
Da aber was? Schlägt dem Zwitscher die Gurgen quer und hängt den Zilpzapp, der Zappellahm: Es unregelmäßigt im Gewonheitsgetriebe… Moment! Da aber noch was: guck ich mal nicht richtig weg, schon rollt der nächste Kopf durchs Bild und schlag Alarm. Ach, niedlich, neidisch ist ich wieder. Neiddebatte hossassa! Versuch ich zu erklären: „Nein, ich wundere mich nur, dass das möglich ist, weil es doch so offensichtlich ist.“ werd ich mit anderem Ton überzwitschert: „Nein, er wundert sich doch nur, dass so etwas möglich ist!“ Aber eine Antwort bleibt er mir schuldig. Der Betrieb, der bleierne Bleisarg mit der Liste auf dem Beistelltisch: Name, Alter, Beruf und Vorerkrankungen. Also gehörst du dazu, wenn du neidisch auf andere bist. Denn du meinst ja, dass du einen Neidanspruch hast, weil du in derselben Liga spielst. (Regionalliga Ost!) Und trotzdem nein! Wer absteigt und aufsteigt legt nicht der DFB fest oder PEN, seis mit oder ohne -Berelien. Vereinzelt ein gutes Gedicht hier oder da und einer der schreibt. Tatsächlich ja! Erst eine Redaktion die sich erkundigt, dann der Kontakt und da ist dann jemand, der sagt: „Hat mir wirklich gut gefallen.“ Und ist weder Juror noch Mentor oder Autor und nun!? Was mach ich mit dem Lob, wenn es dabei bleibt? Es läuft mir den Bückel rünter und stärkt mein Rückgrat gegen den Neidanfall, Neidanschlag.
Warum neidisch sein böse ist, erkundige ich mich bei der Aufsicht und werde vermerkt: Name, Alter, Beruf, Vorerkrankungen: Neid! Na so was. Da zeig ich hier hin und dort hin und dann wird es schwer das alles auseinanderzuklamüsern. Und dann war es schon immer so und ich wisse doch, was ich tun müsse um dazu. Und wie könne ich denn erwarten dass… Wenn ich also schreibe, weil gefällt, dann gefällt? Nein, so einfach ist es auch nicht, ich hab ja noch meinen Namen und meinen Bekanntenkreis, mal besser mal schlechter. Wohin jetzt mit mir mit meinem Getexte und dem? Das weiß ich doch irgendwie, dass es anderen auch so…
Also heraus damit. Lesebühne, Kochstudio, Herrenkrug … Jurybeschimpfung!
Und dann einen Verlag finden, der mir den Kram auf Kommission druckt oder ganz selber machen und fertig mit dem Firlefanz, dem Flimmer, Flirren, Tirilieren.
Aber aussteigen kommt nicht in Frage. Dann doch lieber noch einen nachsetzen:
A) schreibste was gefällt und passt dich ein wenig besser ins Kollektiv (Oh fuck, da hab ich mir jetzt selbst ne Gänsehaut geschrieben! Die Biografiearbeit lässt herzlich grüßen.) B) du machst auf die Missstände BUH! die Missstände… BUH!… du machst auf die Missstände…BUH!… du machst BUH!
und Ende
Sibylla Vričić Hausmann
goldene Blumen (1)
Für nichts in der Welt gäbe Sappho ihr schönes Kind her. Nicht für ganz Lydien‚ nicht für Lesbos, die Insel. Seine Gestalt gleicht goldenen Blumen. Wer könnte es wagen, ihre Gedichte in die Waagschale zu werfen, nur um herauszufinden, was ihr wichtiger ist? Ich nicht. Niemand würde das tun, niemand würde denken, dass ein Mensch, der Gedichte macht, nicht lieben darf, nicht haben darf, was sie oder er liebt. Außer vielleicht Hölderlin. Oder Rilke. Oder … lntransitive Liebe ist eine Illusion wie Hygiene. Grenzen werden überschritten, befahren, bebetet, auch die Grenzen zum Rückzug, zum Eigenen Zimmer, in dem etwas aufgeht bei geschlossener Tür. (Innere Quellen, Buchdeckel, Hosenknöpfe, Rockknöpfe …) Bezuglos zu sein, das stünde mir als Menschenartiger nicht gut zu Gesicht. Doch nichts spricht dagegen, danach zu streben, die eigene Gesellschaft zu verfeinern. Nichts spricht gegen unreine Reime und schöne Kinder, die gewaschen werden müssen. In sich kräuselnden Schichten einer Landschaft zwischen Schlaf und Nichtschlaf, fiction und nonfiction wachsen meine Kreise an. Wachsen um ein Kissen, das ich einmal erhielt, zu träumen und hineinzuweinen. Das Ersatzobjekt — es genügt nicht.
Aus: Sibylla Vričić Hausmann: meine Faust. Gedichte. Berlin: Kookbooks, 2022, S. 27
Joseph Roth
(* 2. September 1894 in Brody, Ostgalizien, heute Ukraine; † 27. Mai 1939 in Paris)
Natur Hinter den Häusern der Stadt, dort wo die Verbotstafeln stehn, beginnt Gottes freie Natur, die den Menschen gehört. Parzelliert und in Grundbüchern eingetragen sind die Quellen, die Äcker, die Wälder, der Wind, die Tannen, die Eichen, die Buchen, die Linden, die Hasen, die Hirsche, der Lerchenschlag, der Mond in den Nächten, die Sonne am Achtstundentag und die Vögel, die, von Sorgen angeblich unbeschwert, die segensreiche Ordnung dieser Welt verkünden — — Leibeigene Eichkätzchen springen auf Eichen, als wären sie unabhängig vom Kapital — — und wissen nicht, daß unterdessen Förster ohne Zahl auf hinterlistigen Pfaden zum Schießen schleichen — — Nur die Schriftsteller wandern umher und werden Wunder gewahr und schreiben Gedichte, Skizzen und Romane, sie leben in ihrem göttlichen Wahne und sterben vom menschlichen Honorar.
Aus: 50 Gedichte der Neuen Sachlichkeit. Hrsg. Gabriele Sander. Stuttgart: Reclam, 2022, S. 65
hrěch ~a m Sünde; herbski ~ Erbsünde (HORNJOSERBSKO-
NĚMSKI SŁOWNIK, https://www.soblex.de/? )
Róža Domašcyna
Hab die synonyme gewechselt das wort sünde weiblich besetzt flötet wie wind so ich finde die erste silbe mit gespitzten lippen wie zum kuss sich nähernd nachschmeckend genüsslich auskostend sogar süßlich anzüglich und dann der schluss im munde verborgen so zu sagen hrjech kommt männlich ein kehllaut am ende klingt wie ich nachdrücklich die silbe welche man sich ins gesicht spuckt mit hartem zischlaut letztlich einen schnaufer lassend wie am anfang von kampfhandlungen einsilbig befehl ausdruck erwünschter verheißung
Aus: Róža Domašcyna: stimmen aus der unterbühne. gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2020, S. 20
Tom de Toys, 26.11.2022 @ G&GN-INSTITUT (g-gn.de)
NA(c)HRUF auf HME
2005 traf ich Enzensberger zufällig eine halbe Stunde vor seiner Lesung an der Tür zum Konzertsaal auf dem 5.ilb (Internationales Literaturfestival Berlin), in dessen Rahmenprogramm ich selber involviert war, da ich als Mitglied der Literaturgruppe „INUNDAUSWÄNDIG“ [1] Türsprechanlagen-Lesungen in diversen Wohnungen am Ku’damm machte. Enzensberger wollte in den Saal, um sich auf seinen Auftritt vorzubereiten, aber ich versperrte ihm wie ein Türsteher den Weg und erklärte ihm mit ernster Miene: „Tut mir leid, hier ist noch kein Einlass!“ Er schaute mich völlig überrascht an, erkannte aber an meinem unterdrückten Grinsen die Lage und antwortete mir mit seinem eigenen Humor: „Doch, ich darf das, weil ich der lesende Autor bin.“ Als ich darauf erwiderte „Das kann ja jeder behaupten, der berühmte Enzensberger zu sein. Außerdem kommt hier sowieso keiner ohne Ticket rein“, zeigte er mir seinen Personalausweis und behauptete siegessicher: „Erstens bin ich es tatsächlich und außerdem brauche ich kein Ticket, weil ich es bin.“ Ich prüfte den Namen in seinem Ausweis ganz gründlich, Buchstabe für Buchstabe, verglich das Foto genau mit seinem Gesicht, schaute ihn noch einige Sekunden schweigend an, um ihm dann die erlösende Ansage zu machen: „Na gut, dann mache ich bei Ihnen mal eine Ausnahme. Bitte schön!“ Wir konnten nun unser Lachen nicht mehr zurückhalten und er spürte durch meinen Scherz umso mehr, wie sehr ich mich auf seine Lesung freute…
Tom de Toys, 25.11.2022 in memoriam H. M. Enzensberger (11.11.1929-24.11.2022) © POEMiE™ @ www.Neurogermanistik.de SPIEGELNEUROTISCHE VER(T)EIDIGUNG DER VER(G/L)ORENEN WÖRTERSCHLACHT eigentlich sollte ich anläßlich des todes von Hans Magnus Enzensberger ein gedicht ver- fassen um die systemrelevanz dieses über- literarischen verlustes für die kultur dieses landes auszudrücken doch kann ich mir nicht jedesmal auf die zunge beißen wenn irgend- welche nobelbüchnerheinepreisträger mal wieder den löffel abgeben und ohne besteck in das soeben noch frisch gemähte gras beis- zen wo unbemerkt blumen wachsen die jeden tag unerkannt knospen blühen und welken ohne vom schnitter verschont zu bleiben aber ich will hier keine hermetischen metaphern ins spiel bringen das sowieso schon verloren ist weil die gesellschaft nur jene beachtet die in der reality talkshow thematisiert werden während die nachhaltigen helden erst post- hum mit h für systemrelevante zwecke abge- zockt werden indem man neue preise neue schulen akademien und straßen nach ihnen benennt um mit ihren werken den markt an- zukurbeln der tod ist ein meister gegen die insolvenz - nebenbei: hat hollywood sich die rechte am leben von HME schon gesichert?
[1] Aus der Pressemitteilung der Gruppe von 2004: INUNDAUSWÄNDIG verspricht ein Literaturerlebnis der ungewöhnlichen und eventuell gestörten Art. INUNDAUSWÄNDIG ist eine „gesichtslose“ Autorenlesung FÜR, aber nicht VOR Zuhörern. Sogenannte TürsprecherInnen [2] (ver)stecken (sich) in einer Wohnung und sprechen, flüstern oder schreien ihre 3-5 Minuten langen Texte über den Türlautsprecher nach draußen. Dem Publikum soll eine Art AUDITIVER VOYEURISMUS gegönnt werden, indem durch die Poesie Privates, Intimes, aber auch Alltägliches „von inwändig nach außwändig“ übertragen wird. INUNDAUSWÄNDIG wird durch das Medium zu einer Lesung mit Schutzfaktor und soll ganz besonders ein Podium für solche DichterInnen sein, die bisher noch nicht vor Publikum gelesen haben und sich ausprobieren möchten. So funktioniert es:
A) Klingeln Sie einfach bei INUNDAUSWÄNDIG;
B) Suchen Sie die Nähe zum Türlautsprecher;
C) Bewahren Sie unbedingt Ruhe;
D) Beginnen Sie erneut bei Punkt A, wenn Sie nicht genug kriegen können.
[2] TürsprecherInnen: Mia Frimmer, Martin Tomasik, Nathalie du Prel, Tom de Toys, HEL ToussainT, Ophelia Kampe, Marco Lutz, ibii und Alexander Hahn
Im Alter von 93 Jahren starb vorgestern in München der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, einer der großen Intellektuellen der Bundesrepublik und ein bedeutender Lyriker, Essayist, Herausgeber und Übersetzer.
Hans Magnus Enzensberger
(* 11. November 1929 in Kaufbeuren; † 24. November 2022 in München)
wortbildungslehre in den toten hemden ruhn die blinden hunde um die kranken kassen gehn die wunden wäscher und die waisen häuser voll von irren wärtern leihn den fremden heimen ihre toten lieder doch die kranken hunde ziehn den irren wäschern ihre waisen hemden aus den toten kassen vor den blinden liedern fliehn die fremden wärter aus den wunden heimen in die toten häuser alle wunden wäscher in den kranken kassen ruhn mit blinden hunden in den toten hemden in den toten kassen in den toten häusern in den toten heimen in den toten liedern ruhn die toten toten
Aus: Hans Magnus Enzensberger, Landessprache. Gedichte. Edition Suhrkamp 1969, S. 50f (das Buch erschien zuerst 1960).
Colette Peignot
(* 6. Oktober 1903 in Meudon; † 7. November 1938 in Saint-Germain-en-Laye)
Die französische Schriftstellerin veröffentlichte überwiegend unter dem Pseudonym Laure, unter dem auch die deutsche Ausgabe bei Matthes & Seitz erschien.
Aus dem gegenwärtigen und unsichtbaren Fenster sah ich alle meine Freunde, wie sie mein Leben in Fetzen unter sich aufteilten sie nagten es bis auf die Knochen ab, nicht willens, ein so schönes Stück zu verscherzen und machten sich das Gerippe streitig.
Aus: Laure (Colette Peignot): Schriften. Hrsg. und übersetzt von Bernd Mattheus. München: Matthes & Seitz, 1980, S. 45
De la fenêtre présent et invisible je voyais tous mes amis se partageant ma vie en lambeaux ils rongeaient jusqu’aux os et ne voulant pas perdre un si beau morceau se disputaient la carcasse
Ruth Wolf-Rehfeldt
(Geboren am 8. Februar 1932 in Wurzen bei Leipzig)

Ruth Wolf-Rehfeldt: Introverse, um 1980, aus: Marvin und Ruth Sackner: Schreib/ maschinen/ kunst//. Mit über 570 Abbildungen Aus dem Englischen von Claudia Kotte. München: Sieveking, 2015, S. 162.
Ruth Wolf-Rehfeldt war eine Pionierin der Mail Art und Schreibmaschinenkunst in der DDR. In diesem Jahr wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin geehrt.
Paul Celan
(geboren am 23. November 1920 in Czernowitz, damals Rumänien, heute Ukraine; gestorben vermutlich am 20. April 1970 in Paris)
Wie sich die Zeit verzweigt, das weiß die Welt nicht mehr. Wo sie den Sommer geigt, vereist ein Meer. Woraus die Herzen sind, weiß die Vergessenheit. In Truhe, Schrein und Spind wächst wahr die Zeit. Sie wirkt ein schönes Wort von großer Kümmernis. An dem und jenem Ort ists dir gewiß.
Aus: Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 63 (Verstreute Publikation aus dem Zeitraum »Mohn und Gedächtnis«).
Das Gedicht entstand am 15. oder 16. Juni 1949 in Paris. In einem Brief an Erica Lillegg schrieb er: „Bei Notre-Dame fiel mir ein kleines Gedicht ein, seltsam, es ist gereimt. Nicht ich habe es gemacht, sondern Du – hier ist es.“ (Ebd. S. 704). Erstdruck: Wort und Wahrheit (1951)
Endre Ady
(* 22. November 1877 in Érmindszent, Komitat Sathmar, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1919 in Budapest)
Pfeife alten Aberglaubens Gesungen einst von einem Ungarn auf der Flucht Einsam dein Geschick bewein ich, Ungarnvolk‚ Volk meines Blutes, Mitten auf dem Bettlermarkte Wein noch saufend bittern Mutes Vor dem Aufbruch in die Fremde, Wegbereit schon müden Fußes. Ringsum tummeln sich nur lahme Schatten, lumpige und taube, Und ein Lied schrillt in das Ohr mir, Pfeife alten Aberglaubens, Liebes Volk, tanzt nach der Pfeife, Ach, ich mach mich aus dem Staube. Pfeifenklang: ach, Volk verfluchtes, Laß es, Herr, nicht ungeschlagen, Herrschaft kann es nicht erdulden Und die Freiheit nicht ertragen, Feige ist es in der Rache, Gnadlos übt es seine Gnaden. Lange könnt ihr nach mir rufen, Keschrnarks Berg und Feld von Majtény, Schneid mir einen Wanderstecken, Nie wirst du mein Blut mehr einziehn, Tollen Volkes tolle Erde: Nie im Leben werd ich heimziehn.
Deutsch von Günther Deicke, aus: Endre Ady, Der verirrte Reiter. Berlin: Volk und Welt, 1977, S. 61
Ady Endre Sípja régi babonának (Bujdosó magyar énekli) Csak magamban sírom sorsod, Vérem népe, magyar népem, Sátor-sarkon bort nyakalva Koldus-vásár közepében, Már menőben bús világgá, Fáradt lábbal útrakészen. Körös-körül kavarognak Béna árnyak, rongyos árnyak, Nótát sípol a fülembe Sípja régi babonának, Édes népem, szól a sípszó, Sohse lesz jól, sohse látlak. Szól a sípszó: átkozott nép, Ne hagyja az Úr veretlen, Uralkodást magán nem tűr S szabadságra érdemetlen, Ha bosszút áll, gyáva, lankadt S ha kegyet ád, rossz, kegyetlen. Üzenhettek már utánam Kézsmárk hegye, Majtény síkja, Határ-szélen botot vágok, Vérem többé sohse issza Veszett népem veszett földje: Sohse nézek többet vissza.
Nach dem Langen, Schweren mal wieder etwas Kurzes, Leichtes. Obwohl die Manieristen auch nicht immer kurz und leicht sind. Dies ist es aber schon und hat es trotzdem in sich (auch abgesehen von der unkorrekten Metapher).
Giambattista Marino
(* 14. Oktober 1569 in Neapel; † 25. März 1625 ebenda)
Das Wunderbare Des Dichters Ziel ist das Wunderbare. (Ich meine das der Meister, nicht der Krüppel); Wer nicht verblüffen kann, soll sich striegeln lassen.
Diese Zeilen veröffentlichte Gustav René Hocke im Gedichtanhang seiner Studie „Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchemie und esoterische Kombinationskunst“ (Rowohlts Deutsche Enzyklopädie 1959), den er als „Miniatur-Anthologie“ europäischer „concetti“ (Hocke übersetzt: lyrische Sinnfiguren) versteht. Hier der Originaltext.
È del poeta il fin la meraviglia (parlo de l’eccellente e non del goffo): chi non sa far stupir, vada alla striglia!
Eigentlich ist es kein Gedicht, sondern ein aus einem Gedicht herausgegriffenes concetto. Das gesamte Gedicht (auch nicht lang) steht deutsch in einem Buch bei Reinecke & Voß, das sich bei mir gerade versteckt, ggf. reiche ich es nach. Hier das Original.
IL POETA E LA MERAVIGLIA
Vuo’ dar una mentita per la gola
a qualunque uomo ardisca d’affermare
che il Murtola non sa ben poetare,
e c’ha bisogno di tornare a scuola.
E mi viene una stizza mariola,
quando sento ch’alcun lo vuol biasmare;
perché nessuno fa meravigliare,
come fa egli, in ogni sua parola.
È del poeta il fin la meraviglia
(parlo de l’eccellente e non del goffo):
chi non sa far stupir, vada alla striglia!
Io mai non leggo il Cavolo e ’l Carcioffo,
che non inarchi per stupor le ciglia,
com’esser possa un uom tanto gaglioffo.
Lesetipp
Episteln und Pistolen : eine barocke Dichterfehde / Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola. Ausgew. und erstmals aus dem Ital. übertr. von Jürgen Buchmann. Leipzig : Reinecke & Voß, 2013
Friedrich Hölderlin
Gesang des Deutschen
Vis consilí expers mole ruit sua;
Vim temperatam di quoque provehunt
in maius.
Horat.*
O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd',
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!
Sie erndten den Gedanken, den Geist von dir,
Sie pflüken gern die Traube, doch höhnen sie
Dich, ungestalte Rebe! daß du
Schwankend den Boden und wild umirrest.
Du Land des hohen ernsteren Genius!
Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,
Oft zürnt' ich weinend, daß du immer
Blöde die eigene Seele läugnest.
Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir;
Oft stand ich überschauend das holde Grün,
Den weiten Garten hoch in deinen
Lüften auf hellem Gebirg' und sah dich.
An deinen Strömen gieng ich und dachte dich,
Indeß die Töne schüchtern die Nachtigall
Auf schwanker Weide sang, und still auf
Dämmerndem Grunde die Welle weilte.
Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,
Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,
Die Wissenschaft, wo deine Sonne
Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.
Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich
Den Oelbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
Noch lebt, noch waltet der Athener
Seele, die sinnende, still bei Menschen,
Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
Am alten Strome grünt und der dürftge Mann
Die Heldenasche pflügt, und scheu der
Vogel der Nacht auf der Säule trauert.
O heilger Wald! o Attika! traf Er doch
Mit seinem furchtbarn Strale dich auch, so bald,
Und eilten sie, die dich belebt, die
Flammen entbunden zum Aether über?
Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius
Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch
Von unsern Jünglingen, der nicht ein
Ahnden, ein Räthsel der Brust, verschwiege?
Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
Und täglich sühnt der holde klare
Friede das böse Gewirre wieder.
Wo sind jezt Dichter, denen der Gott es gab,
Wie unsern Alten, freudig und fromm zu seyn,
Wo Weise, wie die unsre sind? die
Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!
Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
Mit neuem Nahmen, reifeste Frucht der Zeit!
Du lezte und du erste aller
Musen, Urania, sei gegrüßt mir!
Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
Das einzig, wie du selber, das aus
Liebe geboren und gut, wie du, sei –
Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? –
Doch wie erräth der Sohn, was du den
Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?
Aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe, Band 5: Oden II. Hrsg. D.E. Sattler. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 245ff
* )
Kraft ohne Einsicht stürzt durch die eigne Wucht,
Kraft, die maßvoll bleibt, führen die Götter selbst
noch höher; [sie hassen Kräfte,
die jeden Frevel im Sinne bewegen.]
Deutsch von Bernhard Kytzler, aus: Horaz: Sämtliche Werke Lateinisch/ Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 143
Peter Rühmkorf
Variation auf «Gesang des Deutschen» von Friedrich Hölderlin Wie der Phönix aus den Scherben, oh Vaterland, Edelstahl platzt in den Nähten, Fette erholt, Farben bei lebhaftem Angebot Aufgalopp, Kursgewinn‚ Hanomag, hundertprozentige Rheinstahltochter . . . also erhobest du dich, verlorengegebener gräulich geviertelter Aar, doch bald auf der Höhe schon deines alten Gewichts, und, ei, den Tauben gleich an Kropf und Krallen! Du Land, chromblinzelnd, wo man die Meinung verzieht bei stillem Anteil, bin ich der deine schon? Sieh, auch ich bin fix in der Lüge, freundlich blinket mein Damaszenergebiß. Wenn ich mich auf meine Feinde besinne, morgens, wenn mir der rote Kamm unterm Hut schwillt . . . leicht von den Knöcheln gebrochen, wächst ihr schon neuer Vorrat, der morchelhäuptigen Hyder. Wer wollte da? an welchem Fels? wozu? mit was? dem Adler trotzen, dem längst überfütterten? der von des Himmels Kaltschale nippt, dein nicht zu achten und Helden-Unschlitt. Oh Freund, vor kein Schafott bestellt, in Frieden, wer bläst sich da auf und wie ohne Zweifel?! Zück deine Hauer, alteingesessen, da bleibet ein abgestochener Brei auf der Walstatt. Kennst du Minervens Kinder? Was kümmert sie des Wüsten Donnerers, des sie nicht achten, Gebell? Schickt, schickt ihn nur ins Glück, da wird keiner über die eigenen Zähne straucheln. Das geht in Größe glatt, das ist wie über Nacht ins Licht gefordert und vor die Sterne geschleift, jeder zu allem aufgerufen, man teilet dir vom Schmer des Säkels und heißt dich verdauen. Nimm nun dein Pfund auf dich und wuchere, ehe der schlechtere Mann das Licht absahnt — unter die Gauner erhoben, sollst du deinen Hintern zum Fluge lüften. Gegrüßt in deinem Glanze, mein Vaterland! Mit neuen Namen lockst du, mit Blust und Bluff, wenn das entbundene Fett als Flamme mächtig über die eigenen Ufer lodert. Noch schwillst du an von unterdrücktem Krieg, sinnest ein neu Gebild, das von dir zeuge, das, einzig wie du selbst, das aus Stroh geschaffen, goldene Körner treibt. Wo sind nun Dichter, die ein neu Gemythe auftuen diesem blauen Schlaraffenblick? Tausendgut — Güldenfett — Rosenschleck — Eselein deck dich, Deutschland, käufliche Mutter. Also: aus voller Brust geklampft, aus vollem Magen — das Lied, aus überfließendem Munde gespendet; Schmierig währt am längsten, wer wollte da mürisch gegen die Seligen vorgehn?! Die in der Sonnenlache, die im Gewinnbereich ihren Jubel aus eigener Tasche bestreiten; und – die Hand an der Börse — schwört es Sein gestrichen Maß Glück und Persönlichkeit. Gebt also, gebt ihn endlich, gebt den Himmel frei, und scheltet nicht, nein, besser preiset ihn, den wohlgelenken, den Mann, der nach Sintflut und -feuer wieder den Wanst in die Waage hievte. Der was die ALTEN sungen, der Dichter spann, wirklich erfährt, das prästabilierte Behagen: Nun: Blüten angelandet! nun: Sternenstreusel! und mit dem Sänger geteilt auf Kippe und Schweigen. Auf Kippe und Gedeih, daß nie und keiner die Kreise jemals störe, Wanderer, kommst du nach Deutschland, sage du habest uns hier unterliegen sehen, wie es der Vorteil empfahl.
Aus: Peter Rühmkorf, Gedichte (Werke 1). Reinbek: Rowohlt, 2000, S. 233ff
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