Veröffentlicht am 22. Oktober 2025 von lyrikzeitung
390 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Goethe hat das An-die-Wand-schreiben von Gedichten (Wanderers Nachtlied) nicht erfunden. Im 11. Jahrhundert lebte der Dichter Su Shi, bekannt auch unter dem Namen Su Dungpo, der hat es wahrscheinlich auch nicht erfunden, aber von ihm gibt es dieses Gedicht.
Im Hsilin-Kloster auf dem Luschan zur Erinnerung an die Wand geschrieben
Waagrecht betrachtet, werden Gipfel Kämme –
und Kämme Gipfel, senkrecht angesehn.
Und Ferne, Nähe, Tiefe oder Höhe
lassen ein immer neues Bild entstehn.
So kann ich nicht ihr wahres Antlitz sehn,
weil ich inmitten dieser Berge stehe.
Aus dem Chinesischen von Ernst Schwarz, aus meiner ersten Sammlung chinesischer Gedichte: Chrysanthemen im Spiegel. Klassische chinesische Dichtungen. Berlin und Weimar: Aufbau, 1976, S. 151.
Eine vermutlich wörtliche Übersetzung fand ich in einer wissenschaftlichen Arbeit.
Der Mauer des Xilin-Klosters eingeschrieben (Su Dongpo)
Horizontal gesehen eine Bergkette, von der Seite wird es ein Gipfel,
Von fern, nah, oben, unten immer anders,
Das wahre Angesicht des Lu-Bergs ist nicht zu erkennen,
ist man selbst nur in seiner Mitte.
Aus: Sara Landa: Chinesischdeutsche Lyrikdialoge. Annäherungen an die chinesische Dichtung vom Expressionismus bis zur Gegenwart. 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston.
题西林壁 (东坡)
横看成岭侧成峰
远近高低无一同
不识庐山真面目
只缘身在此山中
Die chinesische Form hat auch für Schriftunkundige ihre Schönheit, so ein schönes (Fast-)Quadrat mit 4 Zeilen von je 7 Silben. Das müsste auch rhythmisch zu spüren sein, eine Folge von 7 Schlägen – bam bam bam bam bam bam bam! in Googles Transliteration:
Héng kàn chéng lǐng cè chéng fēng
yuǎnjìn gāodī wú yītóng
bù shí lúshān zhēnmiànmù
zhǐ yuán shēn zài cǐ shānzhōng
Noch zwei Versionen von Google nachgetragen:
Von der Seite betrachtet, wird ein Berg zum Gipfel.
Aus der Ferne, aus der Nähe, von oben oder von unten sieht alles gleich aus.
Ich kann das wahre Gesicht des Mount Lu nicht erkennen.
Das liegt einfach daran, dass ich mich in ihm befinde.

Su Shi (chinesisch 蘇軾 / 苏轼, Pinyin Sū Shì, * 8. Januar 1037; † 24. August 1101) war ein Dichter, Maler, Kalligraf und Politiker der chinesischen Song-Dynastie. Er ist bekannter unter seinem Pseudonym bzw. Ehrennamen Su Dongpo (蘇東坡 / 苏东坡, Sū Dōngpō – „Su vom Osthang“), den er sich gab, als er während seiner Verbannung nach Hubei auf einem Anwesen in Dongpo („Osthang“) lebte. Eine Namensvariante ist Dongpo Jushi (東坡居士 / 东坡居士, Dōngpō Jūshì – „Eremit vom Osthang“). / https://de.wikipedia.org/wiki/Su_Shi
In der englischen Wiki-Version ist die Liste der Berufe eindrucksvoll länger: „calligrapher, essayist, gastronomer, pharmacologist, poet, politician, and travel writer“, während die französische ergänzt: „homme politique (mandarin)“. Ein Mandarin als Kneiper, Apotheker und Dichter.
Veröffentlicht am 21. Oktober 2025 von lyrikzeitung
129 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Riina Katajavuori
Ausatmung
Eine schöne Frau blickt
spöttisch hinterm Tresen,
das blonde Haar geschoren wie ein Schaf.
Ein Lächeln breit wie die Neue Welt,
in den Augen hackender Spiegel und Spiel.
Ein Bubenpaar küsst sich mit vorgeschobenen
Hüften, es ist die erste Nacht
des Sommers.
Am Vormittag zeigt das Thermometer
vierzig, die Laken verwickeln sich
rollen sich.
Die Zeitung braust,
eine Verwandte ist gestorben,
hat die Überlieferung, die Daten
und liebevollen Geschichten mit sich gezogen
wie ein Tischtuch mitsamt dem Gedeck.
Aus: Riina Katajavuori: Herbsttrompetenkonzert. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat und Gisbert Jänicke. Bielefeld: hochroth, 2018, S. 9
Riina Katajavuori (*1968) hat bisher sowohl mehrere Gedichtbände, als auch drei Romane, eine Kurzgeschichtensammlung und mehr als ein Dutzend Kinderbücher veröffentlicht. Ihre Gedichte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.
Veröffentlicht am 20. Oktober 2025 von lyrikzeitung
190 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Raquel Nobre Guerra
Das war, als sie mich fragten, zu was Poesie gut sei.
Um Motten anzulocken. Keine Ahnung.
Sie wollten mein Horoskop erstellen:
Ich würde mich so gern ins Leben einmischen.
Und wenn du keine Dichterin wärst, fragten sie,
was wärst du dann? Ich schlug eine beliebige Seite auf –
Athletin, Staffelläuferin, Wirtin, spielsüchtig
nach allem, was mich von der Buchhaltung befreit.
Und ein gutes Gedicht? Eine Banane, die in einer Obstschale fault.
Und was bewegt dich? Eine Banane, die in einer Obstschale fault.
(Es geht hier kein bisschen um Metaphysik, die schwarzen
Flecken haben mich schon immer schwach gemacht.)
Sie wollten sogar wissen, was ich
mir als Grabinschrift wünsche.
Was ich einem Politiker schicken würde.
Wenn ich genauer darüber nachdenke, will ich den Sterbenden loswerden
ein in die Jagd verliebtes Raubtier muss so etwas wollen.
Kommt, spielt mit mir,
bis auf weiteres, bis auf weiteres
steht es geschrieben.
Aus: Raquel Nobre Guerra: Senhor Roubado. Hochroth Frühjahr 2019 (Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel), S. 23
RAQUEL NOBRE GUERRA, geboren 1979 in Lissabon, ist Lyrikerin und Philosophin. Sie promoviert über die Kategorie des Fragments bei Fernando Pessoa. (Aus dem zitierten Band).
Veröffentlicht am 19. Oktober 2025 von lyrikzeitung
282 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Das folgende Gedicht aus der bei hochroth Berlin (2017) erschienenen zweisprachigen Broschüre ist ein „Résumé“ einer Liebesgeschichte, die zugleich zärtlich und schonungslos ist.
Isabelle Sbrissa
also diesmal
ists eine
eine
eine geschichte
von liebe eine geschichte
von großer liebe von liebe
die verrückt ist von liebe
die mordet maßlos
ist nicht zu leben dauert
für immer
vor allem bis
der tod kommt
schnell
wie so oft
vor allem kommt er vor dem ende
des buches
die geschichte
einer liebe einer traurigen
also die endet
die endet schlecht.
Aus: les résumés de littérature. kurzgefasste bücherei. Acht Gedichte von Isabelle Sbrissa. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von G. H. H. hochroth Berlin, 2017, Nr. 5 (unpag.)
alors cette fois
c’est une
une
une histoire
d’amour une histoire
de grand amour d’amour
fou d’amour
meurtrier démesuré
invivable qui dure
toujours
surtout jusqu’à
la mort qui vient
vite
comme souvent
qui vient surtout avant la fin
du livre
l’histoire
d’un amour triste
donc qui finit
qui finit mal.
Isabelle Sbrissa (*1971), Dichterin und Theaterautorin, lebt in Genf und Undervelier (Schweizer Jura). Seit 2012 betreibt sie einen Selbstverlag, die Éditions disdill. Mehrere Bücher und Broschüren sind dort veröffentlicht, darunter ihr erster Band poèmes poèmes‘, in dem «falsche Übersetzungen» gesammelt sind. Diese verlegerische Alternative koexistiert mit üblicheren Pubikationsweisen. Zuletzt ist 2016 Produits dérivés, reverdies combinatoires bei den Éditions du Miel de l’Ours erschienen, eine Publikation, die Gedichte, Zeichnungen und eine gesungene Lesung umfasst. Seit 2016 nimmt Isabelle Sbrissa an mehreren Schreibgruppen teil, in denen die einzelne Stimme im Gespräch mit Anderen angereichert wird. Als Erweiterungen ihres Schreibens sieht Isabelle Sbrissa das Zeichnen und Stricken, alles Möglichkeiten des Flechtens von Form und Sinn.
(Aus dem zitierten Band)
Veröffentlicht am 18. Oktober 2025 von lyrikzeitung
Joochen Laabs
(* 3. Juli 1937 in Dresden)
Nun steh ich starr in meinem kleinen Jammer
Und tu, als stünd die ganze Welt in Flammen,
als bräche alles, was sie hielt, zusammen,
und ist doch bloß in meiner Rippenkammer
die Seele oder was darin gefangen,
die an dem Riegel rüttelt, und
nun läuft sie sich im Kreise wund,
obwohl sie weiß, sie wird nie raus gelangen.
Und sollt es doch geschehen, wie es manchmal geht,
es ändert nichts, denn dann ist es zu spät.
Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte Eine Anthologie aus Sachsen. Herausgegeben von Andreas Altmann und Axel Helbig. Mit einem Nachwort von Peter Geist. Leipzig: poetenladen, 2011, S. 41
Veröffentlicht am 17. Oktober 2025 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 16. Oktober 2025 von lyrikzeitung
Daniel Böswirth
sam ma a bisserl deppat
sam ma a bisserl deppat
sam ma a bisserl gscheit
sam ma a bisserl gonz deppat
sam ma a bisserl gonz gscheit
sam ma a bisserl gonz deppat im hian
sam ma a bisserl gonz gscheit im hian
na dea is gscheit deppat
na dea is deppat gscheit
na dea is deppat wia gscheit
Aus: Daniel Böswirth: vexierkavalier. moritaten, lieder, psychogramme. Wien: Edition Melos, 2025, S. 125
Daniel Böswirth, geboren 1968 in Kaltenleutgeben, lebt als freier Autor, Grafiker und Fotograf in Wien. Arbeiten für den Österreichischen Rundfunk sowie Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften und diversen Anthologien und im Wildleser Verlag. Arbeitsstipendium der Stadt Wien für Literatur 1999 und 2020.
Zuletzt erschienen: von den bösen viechern (fürth ohne thVerlag/ Nachtbilder. Ö1, 2024).
Veröffentlicht am 15. Oktober 2025 von lyrikzeitung
361 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Mary Oliver
(* 10. September 1935 in Maple Heights, Ohio; † 17. Januar 2019 in Hobe Sound, Florida)
Der Sommertag
Wer machte die Welt?
Wer machte den Schwan und die Schwarzbärin?
Wer machte die Heuschrecke?
Diese Heuschrecke hier meine ich –
die sich selbst aus dem Gras katapultiert hat,
die jetzt Zucker aus meiner Hand frisst,
die ihre Kiefer vor- und zurückschiebt statt auf- und abwärts –,
die ringsumher starrt mit ihren riesigen, komplexen Augen.
Jetzt hebt sie die Vorderbeine und wäscht ihr Gesicht.
Jetzt klappt sie die Flügel auf und gleitet davon.
Ich weiß nicht genau, wie ein Gebet aussieht.
Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit schenkt, wie man
ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet,
wie man müßig und gesegnet ist, wie man durch die Felder streunt,
denn das ist es, was ich den ganzen Tag machte.
Sag, was hätte ich sonst machen sollen?
Stirbt nicht alles am Ende und viel zu schnell?
Sag mir, was hast du vor
mit deinem wilden, kostbaren Leben?
Aus: Mary Oliver, Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte. Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Jürgen Brôcan. Mit einem Vorwort von Doris Dörrie. Zürich: Diogenes, 2023, S. 300
The Summer Day
Who made the world?
Who made the swan, and the black bear?
Who made the grasshopper?
This grasshopper, I mean –
the one who has flung herself out of the grass,
the one who is eating sugar out of my hand,
who is moving her jaws back and forth instead of up and down —
who is gazing around with her enormous and complicated eyes.
Now she lifts her pale forearms and thoroughly washes her face.
Now she snaps her wings open, and floats away.
I don't know exactly what a prayer is.
I do know how to pay attention, how to fall down
into the grass, how to kneel down in the grass,
how to be idle and blessed, how to stroll through the fields,
which is what I have been doing all day.
Tell me, what else should I have done?
Doesn't everything die at last, and too soon?
Tell me, what is it you plan to do
with your one wild and precious life?
Veröffentlicht am 14. Oktober 2025 von lyrikzeitung
231 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Tomasz Różycki
Kreolen, Mestizen
Dass du wunderlich bist und ich wunderlich bin,
trifft sich fabelhaft, gemeinsam verwundern wir
die Welt. Spaziernde Familien werden mit
dem Finger auf uns zeigen, wir werden berühmt
werden und geheimnisvoll sein, sie werden auch Filme
über uns drehen, alles unwahres Zeug. Wir ziehen
mitten im Dezember des Nachts in irgendeine Bude ein
und machen da Liebe und ansonsten soll nichts
anderes geschehen. Wir hatten das Glück, einander
in dieser riesigen Welt zu treffen, man kann uns nur an
der Zunge erkennen. Zeig’ die Zunge her, Kätzchen.
Ich erzähl’ dir ein Märchen. Wir bleiben zusammen,
das trifft sich fabelhaft, und die Zunge wird uns verraten,
die Welt töten, uns in Tau und Asche verwandeln.
Aus dem Polnischen von Dagmara Kraus, in: Mütze #26, 2020, S. 1327
Kreole, metysi
Skoro ty jesteś dziwna i ja jestem dziwny,
to się wspaniale składa, razem zadziwimy
świat, będą pokazywać nas palcem rodziny
wychodzące na spacer, staniemy się słynni
i bardzo tajemniczy, nakręcą też filmy
o nas, zupełnie nieprawdziwe. Wprowadzimy
się w nocy, w środku grudnia do pewnej meliny
i będziemy tam robić miłość i nie będzie innych
spraw ani zajęć. Przyszło nam się spotkać
w takim ogromnym świecie, można nas rozpoznać
jedynie po języku. Pokaż język, kotku.
Opowiem ci bajeczkę. Będziemy już razem,
tak się wspaniale składa, i język nas zdradzi,
świat zabije, zamieni na rosę i popiół.
Ebd. S. 1326
Veröffentlicht am 13. Oktober 2025 von lyrikzeitung
191 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ernst Stadler
(* 11. August 1883 in Colmar, Elsass; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien)
In der Frühe
Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe dunkel vor dem trüben Licht
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, hostiengleich mir
zugewendet dein Gesicht.
Da du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert
»Ich muß fort« nur an die fernsten Tore meines Traums gereicht –
Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand, wie sie mit leichtem Griff
das weiße Hemd die Brüste niederstreicht . .
Die Strümpfe . . nun den Rock . . das Haar gerafft . . schon bist du fremd,
für Tag und Welt geschmückt . .
Ich öffne leis die Türe . . küsse dich . . du nickst, schon fern, ein Lebewohl . .
und bist entrückt.
Ich höre, schon im Bette wieder, wie dein sachter Schritt im Treppenhaus
verklingt,
Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und erste Sonne will herein.
Lärmen quillt auf . . Musik der Frühe . . sanft in Morgenträume eingesungen
schlaf ich ein.
Aus Die schönsten Liebesgedichte aus 7 Jahrhunderten. Hrsg. Thomas + Mariam Montasser. Hamburg: Xenos, 1993, S. 526
Veröffentlicht am 12. Oktober 2025 von lyrikzeitung
883 Wörter, 5 Minuten Lesezeit
Ich bin kein Fan von Aleister Crowley, der heute vor 150 Jahren geboren wurde.
Ich interessiere mich nicht für Okkultismus oder Satanismus und auch nicht für seine eigene „Thelema“-Religion. Auch die Frage, ob er das ernst gemeint hat oder eher scharlatanisch, lässt mich kalt. Mich fasziniert seine Stimme, seit ich sie zum ersten Mal gehört habe, von Anfang an ausschließlich als poetischer Avantgardismus. Ich kann die Theorien der russischen Futuristen (und auch die Antitheorien der späteren Dadaisten) einigermaßen nachvollziehen, die der italienischen Futuristen schon weniger, eine Anekdote vom Auftritt Marinettis in Moskau vor dem ersten Weltkrieg bringt es auf den Punkt. Auf Marinettis martialisches Postulat vom Krieg als „Hygiene der Welt“ antwortet Alexej Krutschonych: für mich „Hygiene des Halses“. Ich weiß nicht, ob er das wirklich bei Marinettis Vortrag dazwischengerufen hat – zweifellos eine tolle Anekdote –, aber in seinem Buch „Phonetik des Theaters“ (auf Deutsch beim Leipziger Verlag Reinecke & Voß) buchstabiert er es aus: „Unser Ohr und der Hals brauchen nicht weniger als unsere Augen die Mannigfaltigkeit des Materials. Sa-um gibt sie! Die Hygiene des Halses“.In diesem Video spricht bzw. singt Crowley das Gedicht „The Call Of The Second Aethyr“ zunächst auf Englisch und dann nach einer kurzen Pause auf „Enochianisch“.
The Call Of The Second Aethyr
Can the wings of the wind understand your voices of wonder? O ye, the second of the first, whom the burning flames have framed in the depths of my jaws; whom I have prepared as cups for a wedding or as flowers in their beauty for the chamber of righteousness. Stronger are your feet than the barren stone, and mightier are your voices than the manifold winds. For you are become a building such as is not, save in the mind of the all powerful.
Der Ruf des zweiten Äthers
Können die Flügel des Windes eure Stimmen des Staunens begreifen?
O ihr, die Zweiten der Ersten,
die die brennenden Flammen in den Tiefen meiner Kiefer geformt haben;
die ich bereitet habe wie Kelche für eine Hochzeit
oder wie Blumen in ihrer Schönheit
für die Kammer der Gerechtigkeit.
Stärker sind eure Füße als der unfruchtbare Stein,
und mächtiger eure Stimmen als die vielen Winde.
Denn ihr seid geworden ein Bau,
wie er nicht ist –
außer im Geist des Allmächtigen.
Kann man diesen Text in einer der drei Sprachen – Englisch, Enochianisch* und Deutsch – „verstehen“? Diese Frage habe ich an ChatGPt delegiert, hier die Antwort.
Sehr gute Frage — und sie trifft genau das Spannungsfeld, in dem Enochian-Texte (und Crowleys Gebrauch davon) stehen.
Kurz gesagt: „verstehen“ lässt sich dieser Text nicht im rationalen oder diskursiven Sinn, wohl aber symbolisch, mystisch und poetisch.
Hier einige Ebenen, auf denen man ihn verstehend lesen kann:
1. Magisch-visionärer Kontext
Der „Call of the Second Aethyr“ gehört zu den neunzehn sogenannten Enochian Calls, Beschwörungen, die John Dee und Edward Kelley von Engeln empfangen haben wollten. Crowley hat diese im frühen 20. Jahrhundert rezitiert und visionär „bereist“, d. h. er verstand die Aethyrs als aufeinanderfolgende Bewusstseinsebenen oder Sphären der Erkenntnis.
→ In diesem Sinn ist der Text ein Schlüssel zu einer Schau, nicht ein rationaler Text.
2. Symbolische Sprache
Begriffe wie „Flügel des Windes“, „Kelche für eine Hochzeit“, „Kammer der Gerechtigkeit“ oder „Bau im Geist des Allmächtigen“ sind Bilder aus alchemistischer, biblischer und mystischer Symbolik:• Wind = Geist, Inspiration, göttlicher Atem.
• Kelch/Hochzeit = Vereinigung von Gegensätzen, alchemistisches coniunctio.
• Kammer der Gerechtigkeit = Ort der Läuterung, des inneren Gerichts.
• Bau im Geist = spirituelle Welt oder göttliche Ordnung.Das sind Metaphern für spirituelle Transformation – nicht logische Aussagen.
3. Poetische Funktion
Auch losgelöst vom okkulten Hintergrund wirkt der Text als lyrischer Ausdruck des Erhabenen. Er spricht in einer Sprache, die eher Ergriffenheit und Größe erzeugt als Information vermittelt – wie viele Passagen in prophetischer oder visionärer Dichtung (etwa bei Blake oder Hölderlin).
4. Crowleys Deutung
Für Crowley war die Enochianische Sprache ein Werkzeug der Bewusstseinserweiterung. „Verstehen“ hieß für ihn, die Schwingung der Worte auf sich wirken zu lassen, nicht sie zu übersetzen. Er meinte: „The words are not to be reasoned with, but vibrated.“
→ Der Sinn entsteht im Erleben, nicht im Nachsprechen.
Fazit:
Verstehen kann man den Text nur, wenn man akzeptiert, dass er nicht erklären, sondern erwecken will. Er ist weniger Mitteilung als Beschwörung einer inneren Erfahrung, eine Art poetischer Zauberspruch zwischen Gebet, Liturgie und Vision.
Möchtest du, dass ich den Text danach zeilenweise kommentiere – also erkläre, was jede Bildgruppe symbolisch bedeutet?
(Darauf habe ich denn verzichtet.)
* ) Wenn man das also als „Poetizität“ wahrnimmt, warum nicht gleich auf Enochianisch.
Die sogenannte Enochianische Sprache entstand im späten 16. Jahrhundert aus den magischen Arbeiten des englischen Gelehrten John Dee und seines Mediums Edward Kelley. Sie behaupteten, diese Sprache in Visionen direkt von Engeln empfangen zu haben – als die „Sprache Adams“ vor dem Sündenfall. Enochianisch besitzt ein eigenes Alphabet, eine eigentümliche Grammatik und eine Reihe liturgischer Texte, vor allem die neunzehn „Keys“ oder „Calls“, die den Zugang zu Engelsreichen eröffnen sollen.
Aleister Crowley griff die Enochian-Sprache in seinen magisch-mystischen Schriften auf und integrierte sie in die Rituale des „Hermetic Order of the Golden Dawn“ und später seiner „Thelema-Lehre“. Für ihn war Enochianisch nicht bloß eine Erfindung, sondern ein Instrument zur Kontaktaufnahme mit transzendenten Bewusstseinsebenen – eine poetisch-magische Sprache zwischen Offenbarung und Erfindung. Jedenfalls hat er das behauptet. Für mich aber ist das poetische Glossolalie, wie sie die russischen Futuristen oder später die Dadaisten und andere Klangpoeten praktizierten.
Veröffentlicht am 11. Oktober 2025 von lyrikzeitung
273 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Conrad Ferdinand Meyer
(* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich)
Eines der schönsten Gedichte des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, hat nur 8 Verse, jeder 8 Silben kurz außer dem letzten, achten, der nach nur noch 4 Silben das Klangwunder zum Stehen bringt. Ein Dinggedicht in 60 Silben, nur anders als das Ding selber, der beschriebene römische Brunnen in der Villa Borghese, plätschert es nicht endlos fort, sondern hat ein merkliches Ende, durch das das Gedicht überhaupt erst ein eigenes wahrnehmbares Ding wird.
Diese Perfektion in 60 Silben war hart erarbeitet. Nicht weniger als 7 Fassungen in 22 Jahren brauchte es, bis alles stimmt. Hier die erste Fassung von 1860 und dann die gültige von 1882.
SPRINGQUELL
Es steigt der Quelle reicher Strahl
Und sinkt in eine schlanke Schaal'.
Das dunkle Wasser überfließt
Und sich in eine Muschel gießt.
Es überströmt die Muschel dann
Und füllt ein Marmorbecken an.
Ein Jedes nimmt und gibt zugleich
Und allesammen bleiben reich,
Und ob's auf allen Stufen quillt,
So bleibt die Ruhe doch im Bild.
Das sind nur 2 Zeilen / 12 Silben mehr als in der letzten Fassung (Zwischenfassungen griffen dann noch weiter aus), aber wirkt im Vergleich fast geschwätzig. Man kann untersuchen, warum das so wirkt. Der harte Paarreim scheint daran mitzuwirken, überflüssige Wörter werden gestrichen.
Der römische Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Veröffentlicht am 10. Oktober 2025 von lyrikzeitung
152 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Klaus Möckel
(* 4. August 1934 in Kirchberg in Sachsen)
Mit ’nem bißchen guten Willen
Die Maus fängt die Katze
frißt schlankweg sie auf
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon
Das Bächlein springt munter
den Hügel hinauf
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon
Die Schnecke durchhastet
den Wald wie der Wind
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon
Die Frau schläft dem Mann bei
und macht ihm ein Kind
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon
Der Mann trägt das Kind aus
und später noch zwei
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon
Das Baby trinkt Bockbier
der Vater ißt Brei
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon
Mein Chef dieser Knurrhahn
macht ein süßes Gesicht
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon
Mein Verleger haßt Verse
doch er druckt dies Gedicht
Mit ’nem bißchen guten Willen
geht’s schon.
Quelle: Poesiealbum 391. Klaus Möckel. Auswahl Jan Eik. Bilder von Archimura. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2025, S. 29
Veröffentlicht am 9. Oktober 2025 von lyrikzeitung
117 Wörter, 1 Minute Lesezeit
In einer Reihe von Gedichten über Kunstwerke von Meret Oppenheim, Francis Bacon, Albrecht Dürer und anderen erkundet Nicolai Kobus die Beziehung von Bild und Sprache – veröffentlicht in Mütze #15 (2017).
Nicolai Kobus
almost a squaremeter of face
warum sollte ich denn originell
sein wollen? alles gezeigt alles
gedacht alles gesagt nur mein
gesicht birgt eine gewisse un
verwechselbarkeit in draufsicht
morgens im spiegel der finger
zieht einen sehr bestimmten
strich durchs kondenswasser
wie beim verwerfen der negative
auf kontaktabzugsstreifen
identität vielleicht in seriellen
nuancen zwischen cyan yellow
und magenta fast schwarz nur
der schlagschatten im hinter
grund eine zweite oberfläche
Andy Warhol, The Shadow, 1981
Siebdruck auf Papier, 96,5 × 96,5 cm
Aus: Mütze #15/ 2017, S. 740
Veröffentlicht am 8. Oktober 2025 von lyrikzeitung
344 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Friedrich Hölderlin (1770–1843)
An die Parzen
Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt’ ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
Quelle: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe, herausgegeben von D. E. Sattler. Frankfurt am Main: Luchterhand, Bd. 4: Oden I. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 162
Uwe Kolbe (geb. 1957)
Kein Glaube an das Gedicht
Ich glaube nicht mehr ans Gedicht.
Ich glaube an Geld und Gericht,
Anwälte, Juristen, an die Macht,
abstrakte Institutionen, aber an dich,
Gedicht, glaube ich nicht.
Ich glaube an Engel, an Liebe,
an Schönheit, doch nicht an dich,
Gedicht. Ich glaube an Freunde
gewiß, lebendige Tote, ja, glaube
an Tote, an fallende Grenzen
und Reisen ins Unbekannte,
doch an, das mir am Herzen liegt,
glaube ich nicht. Oh Finanz und
oh Amt und oh Untergang,
oh Grundumsatz eines Hauses
oder der menschlichen Zelle,
ich glaub an die Wissenschaft,
sogar an die Macht des Wortes,
das in dem Gespräch fällt,
doch an das Heilige nicht, Gedicht.
Quelle: Poesiealbum 394: Uwe Kolbe. Auswahl Jürgen Theobaldy. Bilder von Klaus Dennhardt. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 23
Poesiealbum (gegründet 1967) erscheint wieder, in der alten Aufmachung (nicht zu verwechseln mit dem Leipziger „Poesiealbum neu“ in gleicher Aufmachung, aber mit anderem Konzept), und auch nach fast 400 Heften ist noch lange nicht Schluss und lohnt sich ein Abonnement mit den preiswerten Lyrikausgaben von Altbekanntem, Neuem und Überraschendem. Wer 2025 eingestiegen ist, erhielt:
391: Klaus Möckel
392: Günter Bruno Fuchs
393: Oskar Maria Graf
394: Uwe Kolbe
Angekündigt 395: Heinz Czechowski
Im Jahr davor:
383: Jochen Grünwaldt
384: Elsa Asenijeff
385: Leo Heller
386: Rainer Malkowski
387: Ulrike Draesner
388: Ludwig Tieck
389: Fritz Grünbaum
390: Emmy Hennings
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