952 Wörter, 5 Minuten Lesezeit
Diese deutsche Fassung eines Gedichts des iranischen Dichters Hafez Mousavi mutet auf den ersten Blick seltsam an, bis man den Trick durchschaut. Für den Fall, dass jemand ein bisschen drin herumlesen und selber suchen mag (diese Fassung mag auch ihre Reize haben, mir hat sie Spaß gemacht), sage ich jetzt nichts mehr dazu (Fortsetzung sowie Anmerkungen des Verfassers und des Nachdichters weiter unten unter der persischen Fassung).
heißt vogel traurige dieser wie
zurück parsin die kehrt, beginnt sonne die als, morgens
an atem den hält, kinds des taufe der von
baucis und philemon von hütte der reste verbrannten die passiert
knochen ihre verkohlt)
gäste ihrer knochen die verkohlt
(auf rauch der noch steigt
faust schaut, bewegung in herz das, feucht augen die
grenze ohne gebiet sein auf, aus turms des spitze der von
liegt blick im ihm sieg sein wie, sieht
himmel europäischen am, ihm über
freude die an ode die läuft
worte die deutlich
himmelsgedicht heines aus blick im mädchens des augen die
:ab stift den setzt, satz letzten den goethe schreibt
»hinan uns zieht / ewig-weibliche das / getan ist’s hier«
*
himmel dem hinter ode die verschwindet dann
schwarz in bühne die dame alte eine betritt
hervor toten der geister die holt
sind grau die, noten der regen im saal der dunkel
ton den kennen, geister die zittern
ergreift schultern ihre der, todesfuge der
singt chor der
schiller ach
schiller lieber
bekam haare weiße nie mutter dessen, dichters eines geist der ist das
trank frühe der milch schwarze die der, er)
(wassersarg einem in fuhr
toten der geister die sind das
knochen aus flöten
tod der sie schnitzt es
prostituierte ist andre die
schauern eisigen in die
gebiert totes ein
weber schlesischen die sind das
leiche die für tuch das weben sie
kultur unsrer
ferne der in ufern den an nachts des narren sind andern die
antwort einer harren
gab nie und gibt nicht es die
stäben den hinter, panther einzelnen die
elefanten wann und dann
kreis im weiße
meer am stehen, mädchen sind jene und
aufhört sonne die wie, sehen
verlernt seufzen das haben
weiß ihnen von keine
vogel traurige dieser dass
heißt glauben, entflogen herzen
Nachdichtung: Tristan Marquardt (Interlinearübersetzung: Susanne Baghestani) Aus: Ein neuer Divan. Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West. Hrsg. Barbara Schwepcke und Bill Swainson. Berlin: Suhrkamp, 2019, S. 125/127


Natürlich haben Sie den „Trick“ schnell durchschaut. Der Nachdichter orientiert sich an der arabisch/persischen Konvention und ordnet die Wörter von rechts nach links an. „heißt vogel traurige dieser wie“ wird dann zu „wie dieser traurige vogel heißt“, und immer so weiter. – Das Buch enthält im übrigen sehr interessante Essays und weiteres Material zum Thema Übersetzen.
Hier die Anmerkungen aus dem englischen Originalbuch und zusätzlich vom Übersetzer Tristan Marquardt.
Zu dem Gedicht von Hafez Mousavi
morgens als die sonne beginnt, kehrt die parsin zurück von der taufe des kinds
Anspielung auf folgende Verszeilen aus Goethes »Parsi-Nameh/Buch des Parsen« im West-östlichen Divan: »Regt ein Neugeborner fromme Hände / Daß man ihn sogleich zur Sonne wende …«
(A.d.Ü.: Vermächtnis altpersischen Glaubens. Als Parsen werden die Anhänger des Zoroastrismus bezeichnet, ihre Stammländer sind Iran und Indien.)
philemon und baucis
Anspielung auf das alte Paar, dessen Hütte Mephisto in Goethes Faust II in Brand setzt
(A.d. Ü.: Faust II, Akt 5).
ode an die freude
Anspielung auf Friedrich Schillers Ode »An die Freude«.
(A.d. Ü.: Zugleich Europahymne in der Instrumentalfassung. Sie basiert auf der von Ludwig van Beethoven vertonten Fassung von Schillers Gedicht = letzter Satz der 9. Symphonie.)
die augen des mädchens im blick aus heines himmelsgedicht
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Ich glaub nicht an den Himmel«.
(A.d.Ü.: Gedichtzeile »Ich glaub nur an dein Auge / das ist mein Himmelslicht«.)
»hier ist’s getan / das ewig-weibliche / zieht uns hinan«
Die letzten drei Verszeilen von Goethes Faust.
todesfuge
Anspielung auf Paul Celans berühmtes Gedicht »Todesfuge«.
geist eines dichters, dessen mutter nie weiße haare bekam
Paul Celans Mutter wurde als junge Frau von den Nazis ermordet.
schwarze milch der frühe
Anspielung auf Paul Celans berühmtes Gedicht »Todesfuge«.
flöten aus knochen
Anspielung auf das Gedicht »Chor der Geretteten« von Nelly Sachs.
prostituierte, die in eisigen schauern ein totes gebiert
Anspielung auf das Gedicht »An die Verstummten« von Georg Trakl.
(A.d. Ü.: Gedichtzeile »Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.«)
die schlesischen weber
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Die schlesischen Weber«
(A.d.Ü. über den Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844).
narren des nachts an den ufern
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Fragen«.
(A.d.Ü.: Hier das vollständige Gedicht aus Heinrich Heines Buch der Lieder, eine unverkennbare Anspielung von Hafez Mousavi auf die Flüchtlinge aus Nahost und Afrika, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.)
Fragen
Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
»O löst mir das Rätsel,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andere
Arme schwitzende Menschenhäupter
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?«
Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.)
die einzelnen panther
Anspielung auf das Gedicht »Der Panther« von Rainer Maria Rilke.
elefanten weiße im kreis
Anspielung auf das Gedicht »Das Karussell« von Rainer Maria Rilke.
mädchen, stehen am meer
Anspielung auf das Gedicht »Das Fräulein stand am Meere« von Heinrich Heine.
dieser traurige vogel
Anspielung auf das Gedicht »Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit« von Forugh Farrochsad
(A.d.Ü.: Die iranische Dichterin lebte eine Weile in Deutschland, das Gedicht findet sich in dem Band Jene Tage.)
408 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Gonzalo Rojas
(*20. Dezember 1916 in Lebu, Chile; † 25. April 2011 in Santiago de Chile)
KONZERT
Sie alle schrieben das BUCH miteinander, Rimbaud
malte das Summen der Vokale; keiner
wußte, was der Christus
diesmal in den Sand schrieb! Lautréamont
heulte lange, Kafka
loderte wie ein Scheiterhaufen in seinen Papieren: Was
vom Feuer für das Feuer ist; Vallejo
starb nicht, das Steilufer
war von ihm erfüllt wie das Tao
voller Leuchtkäfer; andere
blieben unsichtbar; Shakespeare
inszenierte das Schauspiel mit zehntausend
Schmetterlingen; wer jetzt durch den Garten ging, mit sich
selbst redend, das war Pound, ein Ideogramm besprechend
mit den Engeln, Chaplin
filmte Nietzsche; aus Spanien
kam mit dunkler Johannisnacht
durch den Äther: Goya,*
Picasso
im Clownskostüm, Kavafis
aus Alexandria; weitere schliefen
wie Heraklit in der Sonne schnarchend
von den Wurzeln weg: Sade, Bataille,
Breton selbst; Swedenborg, Artaud
und Hölderlin grüßten
traurig das Publikum vor
dem Konzert:
Was
machte dort der blutende Celan
zu dieser Stunde
an den Fensterscheiben?
Aus dem Spanischen von Tobias Burghardt, aus: Die Welt über dem Wasserspiegel. Berliner Anthologie. Hrsg. Ulrich Schreiber. Berlin: Alexander Verlag, 2001, S. 93.
*) An dieser Stelle finde ich die Übersetzung nicht perfekt, weil sie eine direkte Anspielung auf die „Noche oscura del alma“ des spanischen Mystikers San Juan de la Cruz (Heiliger Johannes vom Kreuz) verdeckt. Statt „mit dunkler Johannisnacht“ steht dort eher „Aus Spanien / kam mit der dunklen Nacht des Johannes vom Kreuz: Goya“ oder vielmehr zwar beides, aber das direkte Zitat „en una noche oscura“ und die Anspielung auf den Namen des Mystikers sollten nicht unter den Tisch fallen.
CONCIERTO
Entre todos escribieron el Libro, Rimbaud
pintó el zumbido de las vocales, ¡ninguno
supo lo que el Cristo
dibujó esa vez en la arena! Lautréamont
aulló largo, Kafka
ardió como una pira en sus papeles: – Lo
que es del fuego al fuego; Vallejo
no murió, el barranco
estaba lleno de él como el Tao
lleno de luciérnagas; otros
fueron invisibles; Shakespeare
montó el espectáculo con diez mil
mariposas; el que pasó ahora por el jardín hablando
solo, ése era Pound discutiendo un ideograma
con los ángeles, Chaplin
filmando a Nietzsche; de España
vino con noche oscura de San Juan
por el éter: Goya,
Picasso
vestido de payaso, Kavafis
de Alejandría; otros durmieron
como Heráclito echados al sol roncando
desde las raíces: Sade, Bataille,
Breton mismo; Swedenborg, Artaud,
Hölderlin saludaron con
tristeza al público antes
del concierto:
¿qué
hizo ahí Celan sangrando
a esa hora
contra los vidrios?
Ebd. S. 92
387 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Heute mal ein Gedicht mit Interpretation – durch die Autorin selbst.
Kerstin Hensel
DER SOLDAT
Das ist das Feld.
Da gehörst du hin, sagt der Feld-
Webel. Hier ist dein Platz, wo
Dem Feind die Kugel durch's Hirn
In's All, verstanden? Verstanden.
Die Schläfenblume geht auf
Der Stahlknarre Mündung.
Zuerst war der Holzstich. Der Künstler Karl-Georg Hirsch schuf ihn als »Totentanz«. Hirsch und ich trafen uns vor knapp zwanzig Jahren in Leipzig und erkannten, unter manch anderen Gemeinsamkeiten, die Gemeinsamkeit unserer Weltsicht: sie war vor allem antisoldatisch, vom Ekel vor allen dumm-zerstörerischen Mächten geprägt.
Das Gedicht beginnt zunächst harmlos: Das ist das Feld. Das Wort Feld schlägt Assoziationsbögen vom agrarischen über den sportlichen, poetischen, Forschungs- bis zum militärischen Begriff: auf dem Ackerland wächst das zum Leben notwendige Getreide/das Spielfeld ist bereitet/das Gefilde fordert die Phantasie/ das Arbeitsgebiet ist bestimmt/ und der Platz des Soldaten wird der Kriegsschauplatz sein. Der Feldwebel (der Teilungsstrich am Versende läßt den »Kehrt-Marsch!«-Ton des Militärs erkennen) gibt Befehle. Sein Ton ist wie an einen gerichtet, der nicht weiß, was er auf dem Schlachtfeld soll. Im Enjambement von Vers 3 wird die Sprache des Feldwebels als die eines Militäridioten entlarvt: der Kerl weiß selber nicht, wo sein Platz ist. Sein (Un)Verstand ist aufs globale Morden ausgerichtet. In Vers 5 folgt die Frage an den Soldaten, ob er den Schwachsinn seiner Orts- und Handlungsbestimmung verstanden habe.
Der Soldat antwortet, wie er es gelernt hat, und der Leser erwartet seinen gehorsamen Gang in die Schlacht. Die beiden Schlußverse aber lassen vermuten, daß etwas mit dem Soldaten geschehen ist, das eine andere als die erwartete Richtung nimmt: das oszillierende Bild der Schläfenblume läßt an die verletzliche, über der Wange gelegene Stelle denken, hinter der das »Blut pocht«. Ein Schuß durch die Schläfe bedeutet den sicheren Tod, aber die Schläfe steht hier im Zusammenhang mit Blume. Blumen, die Soldaten beim Einzug in den Krieg auf ihren Gewehren getragen haben. Blume und Stahlknarre als Gegensatzpaar assoziieren auch den Sieg des Lebens über den Krieg. Das Gedicht freilich ist, wie Hirschs Holzstich, fern jeder Idylle.
Grafik und Gedicht illustrieren einander nicht. Sie bedingen sich in der Aussage und arbeiten aneinander, so wie der Betrachter/Leser daran zu arbeiten hat.
Aus: Die Hölderlin Ameisen. Vom Finden und Erfinden der Poesie. Herausgegeben von Manfred Enzensperger. Köln: DuMont, 2005, S. 89/91 (dort auch der Holzstich).
209 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Uriel Birnbaum
(geboren 13. November 1894 in Wien; gestorben 9. Dezember 1956 in Amersfoort, Niederlande)
Verse
Im Flusse widerglänzten die Fabriken,
Im Rädertaumel zitterten die Brücken,
Ich eilte fröstelnd durch die Sommernacht.
Es schrie die Nacht laut auf aus grellen Fenstern,
Und Lichtreklamen tanzen gleich Gespenstern
– Zu wüstem Wirbel war der Schlaf erwacht.
Ich eilte fröstelnd durch das halbe Dunkel,
Es peitschte mich das lärmende Gefunkel,
Umschlang mich höhnisch: Weiß, grün, blau, rot, rot –
– Die ernste Sommernacht war wie zerflossen
– Durch grelle Gassen schrille Autos schossen –
– Die Steine lebten und der Mensch war tot!
Aus: Armin A. Wallas (Hrsg.): Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde. Linz, Wien: edition neue texte, 1988, S. 38
Uriel Birnbaum (1894–1956) war ein österreichischer Dichter, Schriftsteller, Maler und Grafiker jüdischer Herkunft. Er war der Sohn des zionistischen Publizisten Nathan Birnbaum und wuchs in Wien auf. Nach seinem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg entwickelte er eine eigenständige, symbolistisch geprägte Bild- und Sprachwelt und veröffentlichte Gedichtbände, Essays sowie Illustrationen zu biblischen und literarischen Stoffen. In den 1920er und 1930er Jahren schuf er zahlreiche Holzschnitte und Buchillustrationen; 1938 floh er vor dem Nationalsozialismus in die Niederlande, wo er im Exil weiterarbeitete. Birnbaum starb 1956 in Amersfoort und gilt als vielseitiger Vertreter der expressionistischen und religiös inspirierten Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
434 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Vor 1200 Jahren, im Jahre 825, wurde Ariwara no Narihira geboren. Er war Enkel der Kaiser Kanmu und Heizei und „Oberster Kammerherr des Unteren Vierten Rangs, oberer Abschnitt“ und so berühmt, dass man ihn in die „Sechs Dichtergenies“ aufnahm. In der ersten kaiserlichen Anthologie japanischer Gedichte, dem Kokin-wakashū (japanisch 古今和歌集 , auch: 古今集 Kokin-shū, deutsch ‚Sammlung alter und moderner Gedichte‘), die zwischen 890 und 920 zusammengestellt wurde, sind 30 seiner Gedichte enthalten. Die Anthologie umfasst über 1100 Tankas, Kurzgedichte, die in westlichen Übersetzungen gewöhnlich in fünf Zeilen gesetzt werden. Vor 2 Jahren erschien eine vollständige Übersetzung des Buches von Björn Adelmeier. Die Gedichte sind nach den Themen Jahreszeiten, Glückwünsche, Abschied, Reise, Begriffe, Liebe, Trauer angeordnet, jeweils mit Angabe des Themas oder des Anlasses, aus dem es entstand, und so komponiert, das sie sich thematisch oder situativ aufeinander beziehen. Ich habe 3 aufeinander folgende Gedichte zum Thema Liebe ausgesucht.
475
Thema unbekannt, von Tsurayaki
Zwischen Mann und Frau
existiert so etwas doch:
An eine wie Wind
mit Augen nicht Sichtbare
sehnsuchtserfüllt zu denken.*
476 Am Tag des Reiter-Bogenschießens der Kaiserlichen Garde zur Rechten kam hinter dem Vorhang eines Wagens, der dem des Autors gegenüberstand, das Gesicht einer Dame leicht zum Vorschein, woraufhin Folgendes komponiert und ihr geschickt wurde.
Der Fürst Ariwara Narihira:
Der Unverborg'nen,
aber auch nicht Sichtbaren
gilt meine Sehnsucht –
Ob ich also heut sinnlos
trüb vor mich hinblicken werd'?
477 Die Antwort auf das vorige Gedicht.
Anonymus:
Bekannt oder nicht -
Was wollen Sie so sinnlos
Unterschiede machen?
Nur die Leidenschaft kann doch
als ein Wegweiser dienen.
Aus: Kokin Wakashū. Die erste kaiserliche Anthologie japanischer Gedichte. Übersetzt von Björn Adelmeier. Norderstedt: Book on Demand, 2023, S. 184f.
Folgen die 3 Originaltexte und eine englische Fassung.
475
yo no naka wa
kaku koso arikere
fuku kaze no
me ni minu hito mo
koishikarikeri
476
mizu mo arazu
mi mo senu hito no
koishiku wa
aya naku kyō ya
nagamekurasamu
477
shiru shiranu
nani ka aya naku
wakite iwamu
omoi nomi koso
shirube narikere
475
So it is like this
between a man and a girl!
I yearn for someone
heard of as we hear the wind,
and no easier to see.
476
How very foolish!
Shall I spend all of today
lost in pensive thought,
my heart bewitched by someone
neither seen nor yet unseen?
477
How very foolish
to make distinctions between
knowing and not knowing!
It is the devoted heart
that alone can serve as guide.
Aus: Kokin Wakashu. THE FIRST IMPERIAL ANTHOLOGY OF JAPANESE POETRY. Translated and Annotated by HELEN CRAIG McCULLOUGH. With Tosa Nikki and Shinsen Waka. Stanford University Press, 1996, S. 112
320 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Von Paul Neubauer, einem deutschsprachigen jüdischen Schriftsteller aus der Slowakei (1891-1945) kenne ich nur ein Gedicht in der Anthologie „Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde“, Herausgeber Armin A. Wallas Linz, Wien: edition neue texte, 1988. Es gibt einen kurzen Artikel im Killy-Literaturlexikon, ansonsten überall Fehlanzeige, auch in den Lexika zur deutschsprachigen jüdischen Literatur und bei Wikipedia. Hier dieses eine Gedicht mit einer kurzen Einführung, gestützt auf den Killyartikel.
Paul Neubauer (*28. September 1891 in Neustadt an der Waag / Nové Mesto nad Váhom, † 1945 in Fonyód) war ein deutschsprachiger Lyriker, Erzähler und Journalist slowakischer Herkunft. Nach seiner Promotion zum Dr. jur. arbeitete er als Redakteur und Kritiker beim Prager Tagblatt, wo er neben Max Brod und Walter Seidl zu den führenden Stimmen zählte, sowie für den Prágai Magyar Hirlap und den Pester Lloyd.
Sein expressionistisch geprägter Gedichtband Wohin (1922), Romain Rolland gewidmet, stellt den Versuch dar, „Bilder des Absoluten“ zu gestalten. Neubauer verstand Dichtung als Glaubensakt angesichts des modernen Transzendenzverlusts. In seiner Lyrik treten religiöse Visionen, die Figur des Ausgestoßenen und die Suche nach Liebe und Gott zentral hervor – etwa in den „Gottesballaden“, in denen sich Mystik und Alltag überlagern.
Neubauer wurde nach der Besetzung der Tschechoslowakei wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und 1945 in Ungarn ermordet.
Pause
Der winterweiße Raum dehnt unermessen
Und schweigend sich in ewiges Vergessen
Weltenmüde, todbereit...
Gleich Kindertränen gleiten sanfte Flocken,
Verhallend schwirrt ein Klang von Abendglocken -
Die Gegenwart ist zugeschneit.
In allen Ecken stehn Erinnerungen
Und neigen sich, von letztem Licht umsungen,
Und sehn mich an mit großen Blicken...
An den Wänden, hinter Glas im Rahmen,
Hängen tote Freunde, die ihr Amen
Treu zu mir herüberschicken.
Alles Müde ging schon längst nach Hause,
Erstarrtes Leben träumt wie eine Pause,
Der hocherhobne Taktstock steht. . .
Da flammt der Lampenschein, daß lichtgeblendet
Vergangenheit von mir hinweg sich wendet
Und ist ins Dunkel fortgeweht.
Aus: A.a.O. S. 197 (Quelle ist der Gedichtband Wohin? von 1922)
Heute wieder ein Kurzes, Spitzes.
Johann Wolfgang Goethe
Venezianische Epigramme aus dem Nachlass, 13
Juden und Heiden hinaus! so duldet der christliche Schwärmer.
Christ und Heide verflucht! murmelt ein jüdischer Bart.
Mit den Christen an Spieß und mit den Juden ins Feuer!
Singet ein türkisches Kind Christen und Juden zum Spott.
Welcher ist der klügste? Entscheide! Aber sind diese
Narren in deinem Palast, Gottheit, so geh ich vorbei.
Aus: Goethe, Gedichte 1756-1799. Hrsg. Karl Eibl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998 (zuvor Deutscher Klassiker Verlag, 1987), S. 467.
Als Zugabe (wegen der Dreizahl in der Überschrift dieses Beitrags) ein noch kürzeres von Friedrich von Logau – die innerchristliche Szene.
Glauben
Luthrisch, Päpstisch und Calvinisch,
diese Glauben alle drei
Sind vorhanden; doch ist Zweifel,
wo das Christentum dann sei.
(1654)
Carl Fredrik Reuterswärd
(* 4. Juni 1934 in Stockholm; † 3. Mai 2016 in Landskrona)
ROTKÄPPCHEN ist gar nicht mehr
so jung
es ist eine Großmutter jetzt
und der ergrauende Wolf kommt zu Besuch
er hat Angst einem ungezogenen Kind
zu begegnen.
Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer und Petr Král. Frankfurt / Main: Zweitausendeins / Museum Bochum. 1986 (2. Aufl.), S. 1119
212 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)
BETRACHTUNGEN
IN EINER BAHNHOFSWARTEHALLE
Wie seine eigne Spucke schmeckt,
Das weiß man nicht.
Wenn man in seinen Spiegel leckt,
Kriegt man die Spucke zu Gesicht.
Das muß durchaus kein Spiegel sein.
Man kann aufs Sofa, auf die Hand,
Man kann auf jeden Gegenstand,
Wenn man nur richtig hintrifft, spein.
Jedoch: Tut wohl ein Gent,
Der etwas von Bazillen
Weiß und die Folgen kennt,
Bazillen das zu Willen??
Man spuckt von Bord ins Meer bei Sturm.
Man spuckt diskret vom Eiffelturm
(Bis unten sechs Sekunden).
Man spuckt an einen Litfaßzaun,
Doch nie in Gegenwart von Fraun
Und stets in stillen Stunden.
Weh dem, der sie verliert!
Weh dem, der sie vergeudet,
Die Spucke! Sie bedeutet
Viel, wenn man raucht und priemt, frankiert,
Umblättert, löscht, aquarelliert.
Die eigne Spucke, Mimikry,
Verdirbt den Appetit uns nie.
Ich bin nicht ihr Entdecker.
Ich bin kein Speichellecker,
Bin kein Feinschmecker,
Doch ich liebe sie.
Ich liebe nur die meinige.
Ausnahmen sind exeptionell
Und – frei gesagt – dann sexuell;
Obwohl ich solche Leute niemals steinige.
Manches soll man verschlucken.
Jetzt naht mein Zug. Die Zeit vergeht.
Ich weiß, in jedem Wagen steht:
„Nicht auf den Boden spucken.“
Aus: Joachim Ringelnatz, „Reisebriefe eines Artisten“, Zeichnungen von Olaf Gulbransson, Ernst Rowohlt Verlag, 1927, S. 9f

L&Poe-Journal 4-2025
Odile Endres
3 Satie-Gedichte
Die geheimen Botschaften von Erik Satie
(4 Anagrammstrophen)
„Was ist ein Mensch? Eine arme Kreatur, die man auf die Erde
gesetzt hat, damit sie den anderen auf die Nerven geht.“
Erik Satie, Schriften, Volta, Ornella (Hrsg.), 1988: Wolke Verlag, Seite 319
staatsmaennischer merkur: wie
die tat am gefiederten hades
aufhaengende neider nervt.
mit eidesaudienzen.
haarwasser erstickte immunen.
duftende eiszeit armada hegte
das edv rentier. nein. meide
angehende taifune.
du summiertest nackenhaare
intim geahndete seide
sagen wirs zeithaft ermuedet
narrende naive feen die da
anastatische tiefen erwirken,
muse, mr satie. aufatmend
gesiedet herz damit deine
ideen andauernd vergehen.
la premiére lettre
quand on ignore la première lettre d’un mot, il est excessivement
difficultueux de trouver sa signification dans un dictionnaire.
(Satie, Écrits attribués, p. 102)
s st eicht u eweisen
rüher ielt ch atie ür inen angweile
eine eduld onnte ch n ir inden
is ch ierzehn tunden ang die ex
ations örte. a amen ir eit nd rt
bhanden. ch webte m pace. ch
ah terne ntstehen ergehen ah
de irbel er alaxien. die eit er
schwan n en eiten es pace.
benso ie ch. ls ch urückkehrte
ar ch ewandelt um an on
atie. ar atiephil. atte e atiepatie
aher rieb ch ies athologische
edicht. an öge ir ies erzeihen.
blau
poésie
Ziemlich blau
klösterlich
noch weißer
zurückhalten
strom
(Satie, Schriften, S. 43)
(aus den Airs á faire fuire, Melodien zum Weglaufen)
die poesie glaubt man novalis
ist ziemlich blau blüht der
enzian singen die vom berg
wenn das glas leer ist enden
auch die verse.
die poetin zieht sich zurück
klösterlich um in der keuschen
nüchternheit verse zu schreiben
die noch weißer sind als das
mondlicht niemand kann sie
zurückhalten sie taucht ein ins
meer des genies: leergefischt
schwimmt mit dem strom der
sprache ergibt sich endlich
dem wahren blau
man möchte davonlaufen
112 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ein Abend, ein Zug, ein fremdes Land und fremde Wörter. Ein Gedicht von Hannah Arendt, die vor den Nazis fliehen musste, über das Ankommen im Fremden.
Hannah Arendt
(geboren am 14. Oktober 1906 in Linden / Hannover; gestorben am 4. Dezember 1975 in New York City)
Dies war der Abschied.
Manche Freunde kamen mit
und wer nicht mitkam war ein Freund nicht mehr.
Dies war der Abend.
Zögernd senkte er den Schritt
und zog zum Fenster unsre Seelen raus.
Dies war der Zug.
Vermaß das Land im Fluge
und stockte durch die Enge mancher Stadt.
Dies ist die Ankunft.
Brot heißt Brot nicht mehr
und Wein in fremder Sprache ändert das Gespräch.
Aus: dreizehn + 13 Gedichte. Sommer 2015, S. 92
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