Die heute in Köln lebende Schriftstellerin beschreibt mit detailverliebter Alltagssprache poetisch-alltägliche Momente des Lebens, des Älterwerdens. Mit großer Geste verschenkt sie ihre Verse wie ein Stück Lebenserfahrung: „He, ihr alten und neuen Menschen, / entschuldigt, daß ich anklopfe und vorbeikomme / mit meinem Buchladen / … Ich muß Euch zurückgeben, / was Euch gehört“. Sie beschreibt „die vielen blutigen Geschichten in der Familie“ – die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts und ihre Spiegelung in den Tischgesprächen einer großen Verwandtschaft. Und sie hat das Träumen nicht aufgegeben: „Mir zugewandt wäre da noch / ein anderer Mensch, / der mir zuhört.“
Fast 60 Jahre jünger ist Michael Fiedler, der zweite Debütant, ein Leipziger. Anders als Anne Dorn erzählt er in seinem ersten Lyrikband „Geometrie und Fertigteile“ nicht – fast könnte man sagen, er zählt statt dessen, reiht Wörter aneinander, die er ihren ursprünglichen Zusammenhängen entnommen hat und die ihm „Herzklopfen bei der Niederschrift“ bereiten, die berühren, assoziieren, auf merkwürdige Weise zu flirren und zu flimmern beginnen und sich in eine andere Bedeutung kämpfen: „Jedes Wort zeichnet sich ab: bruchstückhaft kombiniert…“. Er sucht „unter Steinschuttmassen menschlicher Siedlungen“ nach Wort-Brüchen, entdeckt im „Ausschnitt aus dem europäisch-asiatischen Waldgebiet“ „keine tieferen Einschnitte“. Das ist eine geradezu poetologische Vermessung der Welt und ihrer Zwischenräume, Zwischenzeiten, und erst am Ende könnte man mit Fiedler konstatieren: „Ganz langsam wachsen nun Wunde / u Welt mir wieder zu.“
(…)
Das ist bei Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen, ein wenig anderes. Er geht im „Schlagregen“, denkt über „Waterboarding, weiße Folter“ nach. Findet im belgisch-deutschen Grenzgebiet „ein Moorloch, in dem / das Sterben glänzt bei schönem Wetter.“ und erkennt: „Streng ist / der preußische Spargelblick.“ Nendzas Gedichtband „Apfel und Amsel“ lebt vom klugen Hinschauen, von einem konzentrierten Blick, der die Realität nie aus den Augen verliert, der sie aber in eine Art poetisches Raster verwandelt, das sich über die Wirklichkeit legt und sie gleichzeitig ver- und entzaubert.
Mit seiner Vielfalt an Veröffentlichungen ist der Poetenladen inzwischen einer der wichtigsten deutschen Lyrik-Verlage, der eine Poetengeneration auf der Suche zeigt, fern von didaktischen Absichten, fern auch von Theatralik und pathetischen Gesten. Nicht zu vergessen, dass alle Bücher aus dem Leipziger Gedichtgeschäft wunderschön gestaltet und sorgfältig editiert sind. Lesenswert in jedem Fall. / Matthias Zwarg, Freie Presse
Neue Bücher aus dem Verlag Poetenladen Leipzig: Anne Dorn „Wetterleuchten“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-30-9. Michael Fiedler „Geometrie und Fertigteile“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-31-6. Marie T. Martin „Wisperzimmer“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-33-0. Jürgen Nendza „Apfel und Amsel“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-36-1.
Die Luft brennt ober- und unterirdisch. Hier eine Spur, nein ein Bericht aus der Kampfzone (Vorsicht, Stolterfoht ist mit Sätzen bewaffnet, mindestens mit dem einen Satz, gefährlicher als die Schweizergarde):
Ich mag sie nicht, diese „Which side are you on?“-Attitüde, die in der zeitgenössischen Lyrikdiskussion nach wie vor virulent ist, dieses deutsche Lagerdenken „Was bist du – Fundi oder Realo?“ Aber wenn mir jetzt jemand die Pistole auf die Brust setzte, um mich zu einem programmatischen Satz zu zwingen, würde ich sagen: Mich sensationieren nur Gedichte, die einleuchten. Und das meine ich keineswegs nur im logischen Sinne des Einsehens oder Verstehens. Nein, Einleuchten im Wortsinne. Das können auch assoziativer Flow und faszinierende Sprachmontage sein. Einzige Voraussetzung: Das Gedicht trägt eine Spannung in sich, die Kühnheit einer neuen Beobachtung, eines erfrischenden Bildes, eines bislang ungedachten Gedankens, der beim Leser/Hörer ein Kribbeln im Kopf (und anderswo) auslöst, kurz: der ihm eine Chance auf Entdeckerglück bietet. Das können übrigens auch Gedichte leisten, die man auf Anhieb versteht. Sofortiges Verstehen ist kein Kennzeichen für die Flachheit eines Gedichts. Äußert man aber so eine These, da kommen sie in Wallung, die Sprachschichtgeologen und Sprechzonen-Türsteher der deutschen Gegenwartslyrik. Da dräut man mit päpstlichen Dogmen á la „Das Verstehen hat der Teufel gesehen“ und manche, die sich auf junge Wilde föhnen, aber im Grunde nur Elefanten im Paul-Celan-Laden sind, bemängeln, solche Gedichte seien „konventionell“ und würden „kein Wagnis eingehen.“ Dem muss ich energisch widersprechen.
Ich habe solche Avantgarde-Dichter schon bei zahllosen Lesungen erlebt, wie sie ihre aus Versatzstücken und Fertigteilen zusammengeschredderten Gebilde vortragen, ach was, vortragen, den Hörern im Maschinengewehrtempo um die Ohren ballern. / Hellmuth Opitz
Heute, 13 uhr, auf BR alpha –
Lyriker und Veranstalter: Alexander Gumz | alpha-Forum | BR-alpha | Fernsehen | BR.de
Hier der Text des Gesprächs zum Nachlesen (pdf)
Der kosovarische Dichter Ali Podrimja, der am Sonnabend tot in der Nähe von Lodève (Hérault) aufgefunden wurde, ist eines natürlichen Todes gestorben, meldet die Nachrichtenagentur AFP. Der 70jährige Dichter nahm am Festival Voix de la Méditerranée (Stimme des Mittelmeeres) in Lodève teil und war nach seinem Auftritt am Dienstag verschwunden.
Preiwuß’ Gedicht ist der Versuch einer Selbstvergewisserung in einem Moment, da das Ich angesichts eines nahe rückenden Todes verloren zu gehen droht. Wie an Geländern und Wänden tastet es sich an bestimmten, Assoziationen provozierenden Begriffen entlang und in zwölf Kapiteln durch eine durcheinandergewirbelte Welt: Die Schädeldecke ist die äußere Begrenzung, die literarische Tradition innere Quelle für zahlreiche Referenzen. Die Liebe ist in diesen Gedichten das Nicht-Benannte, aber immer wieder umkreiste; das eigene Ich Echoraum und Spielfläche zugleich. Immer nah am Körper, der die Sprache erst hervorbringt, bewegen sich diese Texte. Verschattet erscheinen sie von jenen größeren Fragen, die selbst in den verspielten Passagen stets berührt werden. Die Dämonen sitzen hier nicht nur zwischen den Zeilen.
Preiwuß scheut sich dabei nicht vor einem existenziellen Ton, wie man ihn in der zeitgenössischen Lyrik so lange nicht gehört hat. Es klingen darin Stimmen vergangener Zeiten an, ob Paul Celan oder gar Rilke; aber auch zeitgenössische Dichterinnen wie Friederike Roth scheinen ihre Spuren in rede hinterlassen zu haben. Und doch spürt man die Unbedingtheit dieses lyrischen Ich, sich selbst zur Sprache zu bringen, einen eigenen Sound entstehen zu lassen: „sprache atemluft / sprach pure atemluft / sprach von atmen von purer atemluft“. Eine Notwendigkeit ist hier zu spüren. Sie macht dieses genau komponierte, eine Balance zwischen Leichtigkeit und Ernst suchende Langgedicht zu einem besonderen und Kerstin Preiwuß zu einer eigenständigen, ausdrucksstarken Stimme unter den Lyrikern ihrer Generation. / Ulrich Rüdenauer, Die Zeit
Kerstin Preiwuß: rede
Suhrkamp, Berlin 2012; 87 S., 8 €
In der zeitgenössischen Lyrik gibt es immer noch ein wichtiges Spannungsfeld, nämlich dass ein Dichter in sich hineinhorcht, dass er versucht, sich bis in die Nervenfasern zu spüren, um empfindsam seine Umwelt in sich aufzunehmen. Und dass er dann im Ausdruck seines Gedichts ein großes Ich in die Welt zu setzen pflegt; zugleich kann er nicht anders, als die völlige Nichtigkeit eines jeden Ichs im Raum-Zeitgefüge zu erkennen – was jedweder empfundenen Einmaligkeit einen relativierenden Dämpfer gibt. In genau diesem Spannungsfeld steckt auch Peter Gizzi. Und er lotet es in vielerlei Richtungen aus: Er fischt nicht mit kurzen Gedichten nach schnellen Pointen, sondern umspult und umgarnt in immer neuen Anläufen Naturbeobachtungen, biografisch-historische Begebenheiten, Phänomenologisches, Wissenschaftlich-Reflektiertes – das, was war, und das, was ist, wird in einen großen Topf geworfen und dann wird ein Feuer darunter entfacht und umgerührt; alles relativiert sich, so die Botschaft, die Gizzi auch in seinem lyrischem Testament, den prosaisch-durchnummerierten „Apokryphen“ weitergibt:
An die Times Roman gebe ich mein Stammeln, meine Verbissenheit, meine Neue-Welt-Gewalttätigkeit, Form und all das, Formulare, und all das Papier, Windstöße. Kleine Strebwerke.
Ich sende liebe Grüße und Waffen an jeden, der von nächtlichen Visionen besessen ist.
In einem Interview betont Peter Gizzi die Rolle, die das Nichtwissen beim Schreiben seiner Gedichte spielt. Vor allem das Nichtwissen ist in der Lage, Realität in einem Gedicht zu erzeugen, so Gizzi. Man spürt beim Lesen seiner Gedichte, dass sie von einem intuitiven Geist mitgetragen sind. Das macht es dem Leser nicht immer einfach: Gizzi klebt nicht lange an den Bildern, die er entwirft, sondern zwingt seine Leser, ständig im Kopf umzuschalten; es gibt kein mildes Nachschmecken, sondern vielmehr ein Zack! – und ein neues suggestives Bild kreuzt den imaginären Blick, nimmt einen mit in eine wieder andere Gedankendrift. – / Arne Rautenberg, DLF
Peter Gizzi, totsein ist gut in amerika
luxbooks-verlag, 200 Seiten, 24 Euro
Für sie scheint das Deutsche ein Kraftquell der Phonetik zu sein, ihre Lust an der Sprache bewegt sich oft jenseits syntaktischer Zwänge und gedanklicher Logik. Sie fühlt sich dem „Wallungswert“ eines Wortes verpflichtet, einem Begriff, mit dem schon Benn operierte und der die Kraft eines Wortes jenseits des Bedeutungs- und Informationsgehaltes taxiert. Traumwandlerisch sicher folgen die Gedichte von Dagmara Kraus dem Faszinosum des Klangs, dabei werden sie oft selbst zu einer Worterfindungsmaschine: „befodsiges gegenrupflein/vonfözen erongbar!/abschwymter/obenpubslein sonderstöpslich!/söser schnades/ unterbubster abquörtling!/ blörscher songser/anstörtzling/entlördtling!/“ Was sich in dem Gedicht „vermotzling“ zunächst wie eine krude Mischung aus lyrischer Flatulenz und obskuren Waldpilz-Sorten anhört, entpuppt sich bei näherem Hinlesen als eine Hommage an den deutschen Umlaut „ö“. Im Grunde hat man an keiner Stelle das Gefühl, dass solche Neologismen reiner Willkür entspringen, sie folgen einem unterschwelligen poetischen Strom, einem intuitiven Flow. Einer Stringenz übrigens, die Bedeutung nicht von vornherein ausschließt. In dem Gedicht „ausdruck, saure wiesen“ lohnt es sich, einmal auf die Adjektive zu achten: „grell trotzt ein kleerot/dem brastigen Krachen/ der mokkagapf gegenüber/lüpft seine serbelnden schatten/an straubigen hängen webt/ginsterersatz müden blust/um hurstige katen.“ Bei diesen Neuschöpfungen hat man durchweg das Gefühl, sie treffen die sinnliche Eigenschaft der benannten Landschaft weitaus besser als konventionelle Adjektive.
„Komplexe Fachsprachverkettungen“ werden den Gedichten von Kraus von der Kritik gern bescheinigt. Das stimmt, aber im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Dichter/innen, die sich selbst so gern einen hohen artistischen Anspruch bescheinigen und zur zeitgenössischen poetischen Avantgarde zählen, dienen Neologismen und Fachsprachen bei ihr nicht dazu, den Gedichten mit Vokabeldoping auf die Sprünge zu helfen. Es ist eher eine geradezu lexikalische Lust an Sprache, als gehe sie mit einem Metalldetektor darüber, um Worte und Wortbestandteile mit entsprechender Legierung aufzuspüren. Dass dabei oft nicht nur ein phonetischer, sondern auch gedanklicher Mehrwert herausspringt, ist für den Leser eine beglückende Erfahrung. / Hellmuth Opitz, fixpoetry
Dagmara Kraus: kummerang, kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 25 80 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, Broschur mit Umschlag-Poster, 19.90 Euro, ISBN 9783937445502
In seinem neuesten Buch zeigt Schlaffer, wie eine ganze Gattung die Neuzeit hintergeht. Lyrik ist, so liessen sich Titel und Untertitel erläutern, ein archaisches Sprechen, das seltsamerweise unter Bedingungen der Moderne überlebt hat. Die ältesten überlieferten Gedichte Europas und Asiens sind zweckgebunden: Kultlieder und Zaubersprüche, die «Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, den Feinden schaden» sollen. Um den übernatürlichen Wesen – Göttern wie Dämonen – Eindruck zu machen, entwickeln die sterblichen Menschen kunstvolle Formen der Anrufung, der Preisung, der Beschwichtigung, der Bannung. Im geschichtlichen Rationalisierungsprozess geht der Zweck dieser «Geistersprache» verloren, die Mittel aber bleiben. Und sie vor allem sind es, denen grosse Poesie ihre Wirkung verdankt.
Gut, wird mancher nun sagen, unbestreitbar geht die Lyrik auf kultische Anfänge zurück. Reden wir heute aber von der «Sprachmagie» eines Dichters, dann ist damit doch nichts anderes gemeint als seine Fähigkeit, seiner individuellen Erfahrungswelt in klangvollen und rhythmisch mitreissenden Versen Gestalt zu verleihen. Genau dieses seit der Goethezeit dominierende Subjektivitätsmodell der Lyrik will Schlaffer jedoch entkräften. Das lyrische Ich auch in neuzeitlichen Texten ist für ihn weit eher eine kultische Instanz als ein Privatmensch, der sich mitteilt. Gedichte, so die aufregende Grundthese, wenden sich von der Sprechhaltung her eigentlich gar nicht an ihre Leser; sie machen diese vielmehr zu Zeugen einer Kommunikation mit dem Übernatürlichen. Nur deshalb können sie ein Publikum «verzaubern». …
Rezepte für den «richtigen» Umgang mit Gedichten gibt er nicht, sondern bekundet am Ende nur seine Skepsis gegenüber der sinnversessenen Interpretation. Dass das Lesen von Gedichten noch in der Moderne ein kultisches Fest ist, wenn auch ein einsames, weist er jedenfalls überzeugend nach. / Manfred Koch, NZZ
Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. Carl-Hanser-Verlag, München 2012. 204 S., Fr. 29.90.
Johanna Nikulski-Dirks
erfassung
dreizehn seiten haut | auf dreißig seiten nacht
vier seiten engel | fünfunddreissig | küsse
vier mal kristalle | einhundertsechsundsiebzig | tränen
zu vierhundertdreiundzwanzig | doppeltes ausrufezeichen | herzen
dreihundertachtzehn himmel | dreiunddreißig mal zittern
neunundzwanzigster februar zweitausendzwölf
Jung, weiblich, eigenwillig, kreativ und sehr erfolgreich – mit nur 30 Jahren wurde die fränkische Lyrikerin und Performance-Künstlerin Nora Gomringer Leiterin des Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, mit 31 erhielt sie den wichtigsten deutschen Sprachpreis, ein Jahr später den renommierten Ringelnatz-Preis für ihr dichterisches Werk. Eine Erfolgsgeschichte im Sauseschritt. …
Nora Gomringer fragte nicht lange und nahm die Herausforderung an, die renommierte Kultureinrichtung des bayerischen Freistaats ohne große Erfahrung zu managen. Nebenher dichtet und performt sie als eine der wichtigsten und eigenwilligsten Stimmen der „Spoken-Word“-Szene Deutschlands mit beachtlichem Erfolg weiter. Zudem etablierte Nora Gomringer als Pionierin der deutschen Slam-Szene das viel beachtete Poetry Slam Festival in Bamberg.
Schreibt der BR unter der Überschrift
Nora Gomringer: Ein Ausnahmetalent made in Franken
Der Film läuft am Dienstag, den 24.7., in der Reihe „Vor Ort“ im BR um 21:15 Uhr.
Für die Gaga-Renommiersprache der Medien kann die Autorin natürlich gar nichts. Der wichtigste Sprachpreis, jaja (auch sehr hoch datiert und nicht ganz unproblematisch, kann man vom BR erwarten, daß er das weiß? Na also.) Die Superlative kommen im Doppelpack. Der renommierte Preis, die renommierte Kultureinrichtung (Superlativ haben sie sich da nicht getraut, aber Hauptsache Renommé). Der eigenwilligsten Stimmen eine, kann sogar sein. Der Erfolg ist beachtlich und das Festival viel beachtet. Und sowieso eine Ausnahme. Ein Ausnahmetalent. In Schwaben gilt das als Regel (der Schiller und der Hegel und so), in Franken halt als Ausnahme. – Normalerweise müßte ein solches Aufgebot skeptisch stimmen, aber wahrscheinlich ist das überinterpretiert. Vielleicht lernt man auf Journalistenschulen einfach nicht, daß man ab und zu ein überflüssiges Adjektiv weglassen kann. Oder verlernts schnell in der Praxis. Der Film aber kann trotzdem gut sein.
In einer Veranstaltung in der Pakistanischen Akademie der Künste – Pakistan Academy of Letters (PAL) – wurde unter dem Titel „Schmerz in eine Metapher verwandeln“ der Gedichtband ‘Write me in Red’ der Lyrikerin Sadaf Raza diskutiert.
Es ist ihr zweiter Band nach ‘Like a Sleepwalker’. Ihr neues Buch soll bei Kampagnen gegen häusliche Gewalt eingesetzt werden.
Publikum und Diskussionsteilnehmer feierten die Freiheit des Ausdrucks, Poesie und den Zauber der Worte. „Write me in Red“ drücke Mut, Haltung und Selbstvertrauen gegenüber von Frauen erlittenes Blut, Leiden und Grausamkeit aus.
Zeilen aus dem Buch wurden vorgetragen: „Ich bin dazu da, in Rot geschrieben zu werden. Es ist die Farbe meiner Wut. Die Farbe meines Aufstands. Die Farbe meiner Unschuld. Rot steht mir.“
Jehan Ara Mueen sagte, daß Sadaf über Frauen schreibe, die ihre Gefühle hochhalten und mit Erinnerungen und Erfahrungen gegen ihre Ketten und die erdrückenden Traditionen unserer Gesellschaft ankämpfen. Mufti Jamiluddin sprach von einer großen Stimme des Aufbegehrens. Samar Minallah las ihr Gedicht ‘Smithereens on Rape’ (Splitter über Vergewaltigung) und sagte, Sadaf habe den Schmerz und das Trauma der Vergewaltigungsopfer und ihrer Familien ausgedrückt. Tahira Abdullah sagte, Sadaf trage die Wut gegen diese ungerechte Gesellschaft in sich, aber das habe sie nicht bitter und zynisch gemacht.
Iftikhar Arif sagte, daß überall in der Welt große Dichtung von Autorinnen geschrieben werde und fügte hinzu, in dieser Zeit müsse sie sich auf all diese Frauen beziehen und sich nicht allein auf Silvia beschränken. Er sagte, man dürfe nicht Liebeslieder singen, wenn das Haus brennt. Sie tue was getan werden müsse. Literatur wolle nicht nur unterhalten, sondern schockieren und im Leser Emotionen wie Wut, Freude, Trauer und Verachtung hervorrufen. / The news 23.7.
… fordert, laut Bericht des Lokalteils der Süddeutschen Zeitung, der Philosoph Richard David Precht: „Eine Schule, in der Kinder nicht wie leere Töpfe gefüllt werden, sondern denken und Wissen organisieren lernen“, also „handlungs- undproduktionsorientierter Unterricht“ im Sinne der Reformpädagogik. Denn: „Die Schule bräuchte eine komplette Revision, aber es ist ein System, das sich selbst erhält.“ Recht hat er (finde ich). Und dass er im Deutschunterricht „lieber Gedichte schreiben als zerlegen lassen“ will, scheint mir (solange nicht die komplette Lyrik von vor 2012 über Bord geht) auch nachvollziehbar. Aber dass es „zum Beispiel mithilfe aufstrebender Bachmann-Preisträger, die am Existenzminimum [leben]“, geschehen sollte, das klingt dann doch ein bisschen nach jenem Vorschlag, aus Schlecker-Mitarbeiter/innen, die ihren Job verloren haben, flugs Erzieher/innen zu machen.
Elke Erb
Erdbeben
Das (gestern Nacht,
als es hier stürmte, Natur sprach, die
strenge draußen, die mir gefiel, eine Strenge
spielte–) Erdbeben in ganz Europa
ließ Hochhäuser einstürzen in Bukarest.
„In der Innenstadt, im Zentrum.“
„Und in Braşov, wo Kolf wohnt.“
„Kolf, welcher Kolf?“
„Kolf aus Braşov.“
März 1977
Aus: Elke Erb: Vexierbild. Berlin und Weimar: Aufbau 1983, S. 7.
Selbstanzeige
Nice to have – und mehr als das
Für eine Poetik der Anthologie
Von Felix Philipp Ingold
Anthologien machen einen beträchtlichen Teil der aktuellen Buchproduktion aus – sie kommen dem weit verbreiteten Bedürfnis nach rascher Information, ordnender Übersicht, repräsentativer Auswahl entgegen. Ob „Seneca für Manager“, „Hesse für Minuten“, „Schopenhauer zum Vergnügen“, „Gedichte über den Mond“, „Deutsche Bräuche in Gedichten“ oder einfach „Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart“ – literarisches Kurzfutter dieser Art ist gefragt, wird dementsprechend reichlich produziert und ist gemeinhin stapelweise vorrätig in Grossbuchhandlungen, an Bahnhofskiosken und Autobahnraststätten.
Anthologien sind nice to have, finden sich vorzugsweise im Urlaubsgepäck oder auf dem Klubtisch zwischen TV-Gerät und Sofa. Das Interesse des Feuilletons bleibt dieser Textsorte allerdings ebenso weitgehend versagt wie das der Literaturwissenschaft. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass Anthologien in aller Regel nichts Neues zu bieten haben; dass sie vielmehr darauf angelegt sind (und schon immer darauf angelegt waren), bereits vorhandene Materialien unter bestimmten Gesichtspunkten (nach Epochen, Themen, literarischen Gattungen oder Textsorten) zu kompilieren, sie gegebenenfalls zu bearbeiten, zu kürzen usf.
Als grundlegendes Ordnungsprinzip gilt nach wie vor die Chronologie, unabhängig davon, ob eine Nationalliteratur, ein Epochenstil oder das Werk eines einzelnen Autors in repräsentativer Auswahl anthologisch vorgeführt wird. Als „repräsentativ“ gilt eine „Auswahl“ gemeinhin dann, wenn sie dem Qualitätsprinzip folgt, wenn sie also – dem griechischen Begriff der Anthologie als „Blütenlese“ entsprechend ‒ der Leserschaft „the best of“ vor Augen führt. Es mag sich um „Liebesgedichte“ des Barock, um „Sonette“ von Friedrich Rückert oder Joseph Brodsky, um „Weihnachts-“ oder „Kriegsgeschichten“, um „Prosagedichte“ des Jugendstils handeln – in jedem Fall besteht das Anliegen (auf Herausgeber- wie auf Publikumsseite) darin, die besten Texte zu einer repräsentativen Auswahl zusammenzuführen.
Nur scheint kaum jemand zu bedenken, dass die besten Autoren eine literarische Epoche ebenso wenig zu repräsentieren vermögen wie die besten Texte eines Einzelautors dessen Gesamtwerk. In Bezug auf eine Epoche, auf einen Autor sind nicht die „besten“, mithin die seltensten Texte repräsentativ, sondern jene, die in durchschnittlicher Qualität am häufigsten vertreten sind. Dass auch „beste“ Autoren – von Goethe bis Rilke und Celan ‒ insgesamt weit mehr mittelmässige denn „beste“ Texte geliefert haben, ist durch ihre Werkausgaben klar genug belegt. Kriterien wie „repräsentativ“, „typisch“, „charakteristisch“ haben, entgegen den üblichen Vorurteilen und Erwartungen, primär mit Quantität zu tun, können also logischerweise nicht mit „the best of“ abgedeckt und abgegolten werden.
So betrachtet können Anthologien im Regelfall gerade nicht als stellvertretend gelten für das, was sie angeblich objektiv dokumentieren. Objektivität könnte einzig dadurch erreicht werden, dass die „Blütenlese“ ausser raren Orchideen auch Feld-, Wald- und Wiesenblumen, ja sogar Unkraut in die Auswahl einbezöge, das heisst die gesamte literarische Flora, von der Epochen- und Personalstile gleichermassen geprägt sind. Damit könnte sich die Anthologie von ihrem unbedarften didaktischen Image emanzipieren, könnte zur Fundgrube werden für verkannte, verfehlte, verfehmte Texte, die zusammen mit den Meisterwerken einen Kontext bilden, den man in Bezug auf ihr jeweiliges Zeitliches oder thematisches Einzugsgebiet für repräsentativ halten dürfte. Die Anthologie wäre dann weit mehr als bloss eine Bestätigung des geltenden literarischen Kanons, für den ausschliesslich das Beste gut genug ist und der sich an Leuchttürmen, an Berggipfeln orientiert, ohne auf deren Grundfesten – die Literaturproduktion in ihrer ganzen Breite ‒ zu achten.
II
Solche Beachtung wollte ich der russischen Lyrik der vergangenen zweihundert Jahre verschaffen mit meiner Textsammlung „Als Gruss zu lesen“*, einem zweisprachigen Reader, der sich nach Umfang und Konzept von allen bisherigen Anthologien (nicht nur zur russischen, auch zur deutschen Poesie) markant unterscheidet.
Die Sammlung ist darauf angelegt, neben kanonisierten Meistern auch weniger bekannte und selbst völlig vergessene Dichter zu Wort kommen zu lassen, die zur Lyrik Russlands zwischen Aleksandr Puschkin und Bella Achmadulina das Ihre beigetragen haben, ohne jedoch in die Literaturgeschichte einzugehen oder gar im allgemeinen Leserbewusstsein zu überdauern ‒ einstmals erfolgreiche Modeautoren aus dem literarischen Mittelfeld gehören ebenso dazu wie marginale Talente, die mit vereinzelten hochrangigen Gelegenheitsgedichten aufwarten können, nicht aber mit einem nachhaltigen Lebenswerk, das sich mit ihrem Namen identifizieren liesse.
Die Anthologie „Als Gruss zu lesen“ präsentiert weit über einhundert Autoren mit je einem Gedicht, die meisten davon in deutscher Erstübersetzung. Die Abfolge der Gedichte verläuft umgekehrt zur Chronologie, beginnt mit den jüngsten zeitgenössischen Autoren und Texten und entwickelt sich gleichsam archäologisch zur Vergangenheit hin – der Verlauf entspricht mithin einer gewöhnlichen, um nicht zu sagen: einer natürlichen Retrospektive, die sich vom Gegenwärtigen und Vetrauten allmählich abhebt und durch die Geschichte zu den vorgegebenen Anfängen zurückführt, in diesem Fall zu den Anfängen der neuzeitlichen russischen Dichtung im Zeitalter Puschkins, Shukowskijs, Batjuschkows.
Klar ist, dass ein einzelner Text weder für den jeweiligen Autor noch für die entsprechende literarische Epoche repräsentativ sein kann. Das Ziel besteht hier jedoch darin, aus möglichst vielen, formal wie thematisch möglichst unterschiedlichen Einzelstücken eine repräsentative Bestandsaufnahme der russischen Lyrik insgesamt zu erstellen. Diesem Ziel dient nicht zuletzt der umfangreiche Kommentar, der jeden Autor und jeden Text separat einführt und einordnet. Kanonisierte beziehungsweise schulbuchtaugliche Gedichte haben, der Wirklichkeit des literarischen Lebens entsprechend, am Gesamtbestand der Anthologie einen verhältnismässig geringen Anteil; stärker vertreten sind vergessene Gedichte von kaum noch bekannten Autoren (Batenkow, Liwschiz, Petrowych, Parnok u.a.m.), die aber qualitativ hinter dem Kanon nicht zurückstehen. Andererseits mussten, um die kollektive Repräsentation der neueren russischen Dichtung zu gewährleisten, auch manche Texte minderer Qualität aufgenommen werden, wie sie etwa für die 1860er/1870er oder die 1940er/1950er Jahre charakteristisch und im Literaturbetrieb dominant gewesen sind.
Dazu kommt, dass Russlands literarische Kultur ohne Berücksichtigung der Übersetzung nicht adäquat darzustellen ist. Dichterisches Übersetzen gilt hier als eine Spielart dichterischen Schreibens schlechthin und hat sich seit der Puschkinzeit so weitgehend verselbständigt, dass die Übersetzer in vielen Fällen als Autoren auftreten und ihre Nachdichtungen als Originalgedichte deklarieren. Diese besondere Art des Übersetzens als Poesie bringe ich in meiner Anthologie ebenso zur Geltung (etwa mit Texten von Annenskij, Brjussow, Iwanow) wie das Dichten in Fremdprachen, das in der russischen Exillyrik (etwa bei Nabokow, der Zwetajewa oder Brodsky) zu höchster Qualität entwickelt wurde.
Natürlich hoffe ich und wünsche ich mir, dass meine am Leitfaden der russischen Dichtung hier erstmals angewandte Poetik des Anthologisierens auch in Bezug auf andere Nationalliteraturen produktiv gemacht und allenfalls noch differenziert wird. Darüber hinaus besteht meine Ambition darin, die Anthologie als eigenständige Textsorte plausibel zu machen und durchzusetzen. Wie ungern freilich gängige Erwartungen aufgegeben werden, ersehe ich aus den wenigen bislang vorliegenden Besprechungen.
Als befremdlich wird allein schon die umgekehrte Chronologie empfunden, als noch befremdlicher die Beschränkung auf ein Gedicht pro Autor, und vollends inakzeptabel scheint die Aufnahme solcher Dichter und Texte zu sein, die dem Qualitätsstandard des Kanons nicht entsprechen. Dass eine schockierte Rezensentin eines der von mir präsentierten Gedichte als Druckfehler- beziehungsweise „Buchstabensalat“ verkennt, offenbart ja nicht nur, dass sie meinen Kommentar dazu nicht gelesen hat, es zeigt auch, dass in einer historisch konzipierten Anthologie experimentelle Texte nach wie vor nicht erwartet werden und schon gar nicht gefragt sind. Solchen Vorurteilen entgegenzuwirken, war für mich ein zusätzliches Motiv bei der Ausarbeitung dieses grossen Lyrikbuchs, das nun „als Gruss zu lesen“ ist.
*) Felix Philipp Ingold, „Als Gruss zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich/Hamburg 2012; 533 Seiten, mit Abb.
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