100. totsein ist gut in amerika

In der zeitgenössischen Lyrik gibt es immer noch ein wichtiges Spannungsfeld, nämlich dass ein Dichter in sich hineinhorcht, dass er versucht, sich bis in die Nervenfasern zu spüren, um empfindsam seine Umwelt in sich aufzunehmen. Und dass er dann im Ausdruck seines Gedichts ein großes Ich in die Welt zu setzen pflegt; zugleich kann er nicht anders, als die völlige Nichtigkeit eines jeden Ichs im Raum-Zeitgefüge zu erkennen – was jedweder empfundenen Einmaligkeit einen relativierenden Dämpfer gibt. In genau diesem Spannungsfeld steckt auch Peter Gizzi. Und er lotet es in vielerlei Richtungen aus: Er fischt nicht mit kurzen Gedichten nach schnellen Pointen, sondern umspult und umgarnt in immer neuen Anläufen Naturbeobachtungen, biografisch-historische Begebenheiten, Phänomenologisches, Wissenschaftlich-Reflektiertes – das, was war, und das, was ist, wird in einen großen Topf geworfen und dann wird ein Feuer darunter entfacht und umgerührt; alles relativiert sich, so die Botschaft, die Gizzi auch in seinem lyrischem Testament, den prosaisch-durchnummerierten „Apokryphen“ weitergibt:

An die Times Roman gebe ich mein Stammeln, meine Verbissenheit, meine Neue-Welt-Gewalttätigkeit, Form und all das, Formulare, und all das Papier, Windstöße. Kleine Strebwerke. 

Ich sende liebe Grüße und Waffen an jeden, der von nächtlichen Visionen besessen ist.

In einem Interview betont Peter Gizzi die Rolle, die das Nichtwissen beim Schreiben seiner Gedichte spielt. Vor allem das Nichtwissen ist in der Lage, Realität in einem Gedicht zu erzeugen, so Gizzi. Man spürt beim Lesen seiner Gedichte, dass sie von einem intuitiven Geist mitgetragen sind. Das macht es dem Leser nicht immer einfach: Gizzi klebt nicht lange an den Bildern, die er entwirft, sondern zwingt seine Leser, ständig im Kopf umzuschalten; es gibt kein mildes Nachschmecken, sondern vielmehr ein Zack! – und ein neues suggestives Bild kreuzt den imaginären Blick, nimmt einen mit in eine wieder andere Gedankendrift. – / Arne Rautenberg, DLF

Peter Gizzi, totsein ist gut in amerika
luxbooks-verlag, 200 Seiten, 24 Euro

One Comment on “100. totsein ist gut in amerika

  1. Aus dem Amerikanischen von Sylvia Geist, Daniela Seel und Christian Lux. Mit Übersetzungen von Andreas Bülhoff, Simone Kornappel und Jan Skudlarek

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