91. Für eine Poetik der Anthologie

Selbstanzeige

Nice to have – und mehr als das

Für eine Poetik der Anthologie

Von Felix Philipp Ingold

Anthologien machen einen beträchtlichen Teil der aktuellen Buchproduktion aus – sie kommen dem weit verbreiteten Bedürfnis nach rascher Information, ordnender Übersicht, repräsentativer Auswahl entgegen. Ob „Seneca für Manager“, „Hesse für Minuten“, „Schopenhauer zum Vergnügen“, „Gedichte über den Mond“, „Deutsche Bräuche in Gedichten“ oder einfach „Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart“ – literarisches Kurzfutter dieser Art ist gefragt, wird dementsprechend reichlich produziert und ist gemeinhin stapelweise vorrätig in Grossbuchhandlungen, an Bahnhofskiosken und Autobahnraststätten.

Anthologien sind nice to have, finden sich vorzugsweise im Urlaubsgepäck oder auf dem Klubtisch zwischen TV-Gerät und Sofa. Das Interesse des Feuilletons bleibt dieser Textsorte allerdings ebenso weitgehend versagt wie das der Literaturwissenschaft. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass Anthologien in aller Regel nichts Neues zu bieten haben; dass sie vielmehr darauf angelegt sind (und schon immer darauf angelegt waren), bereits vorhandene Materialien unter bestimmten Gesichtspunkten (nach Epochen, Themen, literarischen Gattungen oder Textsorten) zu kompilieren, sie gegebenenfalls zu bearbeiten, zu kürzen usf.

Als grundlegendes Ordnungsprinzip gilt nach wie vor die Chronologie, unabhängig davon, ob eine Nationalliteratur, ein Epochenstil oder das Werk eines einzelnen Autors in repräsentativer Auswahl anthologisch vorgeführt wird. Als „repräsentativ“ gilt eine „Auswahl“ gemeinhin dann, wenn sie dem Qualitätsprinzip folgt, wenn sie also – dem griechischen Begriff der Anthologie als „Blütenlese“ entsprechend ‒ der Leserschaft „the best of“ vor Augen führt. Es mag sich um „Liebesgedichte“ des Barock, um „Sonette“ von Friedrich Rückert oder Joseph Brodsky, um „Weihnachts-“ oder „Kriegsgeschichten“, um „Prosagedichte“ des Jugendstils handeln – in jedem Fall besteht das Anliegen (auf Herausgeber- wie auf Publikumsseite) darin, die besten Texte zu einer repräsentativen Auswahl zusammenzuführen.

Nur scheint kaum jemand zu bedenken, dass die besten Autoren eine literarische Epoche ebenso wenig zu repräsentieren vermögen wie die besten Texte eines Einzelautors dessen Gesamtwerk. In Bezug auf eine Epoche, auf einen Autor sind nicht die „besten“, mithin die seltensten Texte repräsentativ, sondern jene, die in durchschnittlicher Qualität am häufigsten vertreten sind. Dass auch „beste“ Autoren – von Goethe bis Rilke und Celan ‒ insgesamt weit mehr mittelmässige denn „beste“ Texte geliefert haben, ist durch ihre Werkausgaben klar genug belegt. Kriterien wie „repräsentativ“, „typisch“, „charakteristisch“ haben, entgegen den üblichen Vorurteilen und Erwartungen, primär mit Quantität zu tun, können also logischerweise nicht mit „the best of“ abgedeckt und abgegolten werden.

So betrachtet können Anthologien im Regelfall gerade nicht als stellvertretend gelten für das, was sie angeblich objektiv dokumentieren. Objektivität könnte einzig dadurch erreicht werden, dass die „Blütenlese“ ausser raren Orchideen auch Feld-, Wald- und Wiesenblumen, ja sogar Unkraut in die Auswahl einbezöge, das heisst die gesamte literarische Flora, von der Epochen- und Personalstile gleichermassen geprägt sind. Damit könnte sich die Anthologie von ihrem unbedarften didaktischen Image emanzipieren, könnte zur Fundgrube werden für verkannte, verfehlte, verfehmte Texte, die zusammen mit den Meisterwerken einen Kontext bilden, den man in Bezug auf ihr jeweiliges Zeitliches oder thematisches Einzugsgebiet für repräsentativ halten dürfte. Die Anthologie wäre dann weit mehr als bloss eine Bestätigung des geltenden literarischen Kanons, für den ausschliesslich das Beste gut genug ist und der sich an Leuchttürmen, an Berggipfeln orientiert, ohne auf deren Grundfesten – die Literaturproduktion in ihrer ganzen Breite ‒ zu achten.

II

Solche Beachtung wollte ich der russischen Lyrik der vergangenen zweihundert Jahre verschaffen mit meiner Textsammlung „Als Gruss zu lesen“*, einem zweisprachigen Reader, der sich nach Umfang und Konzept von allen bisherigen Anthologien (nicht nur zur russischen, auch zur deutschen Poesie) markant unterscheidet.

Die Sammlung ist darauf angelegt, neben kanonisierten Meistern auch weniger bekannte und selbst völlig vergessene Dichter zu Wort kommen zu lassen, die zur Lyrik Russlands zwischen Aleksandr Puschkin und Bella Achmadulina das Ihre beigetragen haben, ohne jedoch in die Literaturgeschichte einzugehen oder gar im allgemeinen Leserbewusstsein zu überdauern ‒ einstmals erfolgreiche Modeautoren aus dem literarischen Mittelfeld gehören ebenso dazu wie marginale Talente, die mit vereinzelten hochrangigen Gelegenheitsgedichten aufwarten können, nicht aber mit einem nachhaltigen Lebenswerk, das sich mit ihrem Namen identifizieren liesse.

Die Anthologie „Als Gruss zu lesen“ präsentiert weit über einhundert Autoren mit je einem Gedicht, die meisten davon in deutscher Erstübersetzung. Die Abfolge der Gedichte verläuft umgekehrt zur Chronologie, beginnt mit den jüngsten zeitgenössischen Autoren und Texten und entwickelt sich gleichsam archäologisch zur Vergangenheit hin – der Verlauf entspricht mithin einer gewöhnlichen, um nicht zu sagen: einer natürlichen Retrospektive, die sich vom Gegenwärtigen und Vetrauten allmählich abhebt und durch die Geschichte zu den vorgegebenen Anfängen zurückführt, in diesem Fall zu den Anfängen der neuzeitlichen russischen Dichtung im Zeitalter Puschkins, Shukowskijs, Batjuschkows.

Klar ist, dass ein einzelner Text weder für den jeweiligen Autor noch für die entsprechende literarische Epoche repräsentativ sein kann. Das Ziel besteht hier jedoch darin, aus möglichst vielen, formal wie thematisch möglichst unterschiedlichen Einzelstücken eine repräsentative Bestandsaufnahme der russischen Lyrik insgesamt zu erstellen. Diesem Ziel dient nicht zuletzt der umfangreiche Kommentar, der jeden Autor und jeden Text separat einführt und einordnet. Kanonisierte beziehungsweise schulbuchtaugliche Gedichte haben, der Wirklichkeit des literarischen Lebens entsprechend, am Gesamtbestand der Anthologie einen verhältnismässig geringen Anteil; stärker vertreten sind vergessene Gedichte von kaum noch bekannten Autoren (Batenkow, Liwschiz, Petrowych, Parnok u.a.m.), die aber qualitativ hinter dem Kanon nicht zurückstehen. Andererseits mussten, um die kollektive Repräsentation der neueren russischen Dichtung zu gewährleisten, auch manche Texte minderer Qualität aufgenommen werden, wie sie etwa für die 1860er/1870er oder die 1940er/1950er Jahre charakteristisch und im Literaturbetrieb dominant gewesen sind.

Dazu kommt, dass Russlands literarische Kultur ohne Berücksichtigung der Übersetzung nicht adäquat darzustellen ist. Dichterisches Übersetzen gilt hier als eine Spielart dichterischen Schreibens schlechthin und hat sich seit der Puschkinzeit so weitgehend verselbständigt, dass die Übersetzer in vielen Fällen als Autoren auftreten und ihre Nachdichtungen als Originalgedichte deklarieren. Diese besondere Art des Übersetzens als Poesie bringe ich in meiner Anthologie ebenso zur Geltung (etwa mit Texten von Annenskij, Brjussow, Iwanow) wie das Dichten in Fremdprachen, das in der russischen Exillyrik (etwa bei Nabokow, der Zwetajewa oder Brodsky) zu höchster Qualität entwickelt wurde.

Natürlich hoffe ich und wünsche ich mir, dass meine am Leitfaden der russischen Dichtung hier erstmals angewandte Poetik des Anthologisierens auch in Bezug auf andere Nationalliteraturen produktiv gemacht und allenfalls noch differenziert wird. Darüber hinaus besteht meine Ambition darin, die Anthologie als eigenständige Textsorte plausibel zu machen und durchzusetzen. Wie ungern freilich gängige Erwartungen aufgegeben werden, ersehe ich aus den wenigen bislang vorliegenden Besprechungen.

Als befremdlich wird allein schon die umgekehrte Chronologie empfunden, als noch befremdlicher die Beschränkung auf ein Gedicht pro Autor, und vollends inakzeptabel scheint die Aufnahme solcher Dichter und Texte zu sein, die dem Qualitätsstandard des Kanons nicht entsprechen. Dass eine schockierte Rezensentin eines der von mir präsentierten Gedichte als Druckfehler- beziehungsweise „Buchstabensalat“ verkennt, offenbart ja nicht nur, dass sie meinen Kommentar dazu nicht gelesen hat, es zeigt auch, dass in einer historisch konzipierten Anthologie experimentelle Texte nach wie vor nicht erwartet werden und schon gar nicht gefragt sind. Solchen Vorurteilen entgegenzuwirken, war für mich ein zusätzliches Motiv bei der Ausarbeitung dieses grossen Lyrikbuchs, das nun „als Gruss zu lesen“ ist.

*) Felix Philipp Ingold, „Als Gruss zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich/Hamburg 2012; 533 Seiten, mit Abb.

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