90. Found poems

Found poems are unintentional poems that are ‘uttered’ in the course of everyday life by a person or event. They are captured into poetic form by someone else who ‘hears’ or ‘sees’ a poem where no poem was intended.

They create an amazing dynamic and prompt all sorts of questions, like:
‘Who is actually the poet?’
‘Would the poem have existed had it not been appropriated and interpreted by someone else?’
‘Is it not impertinent to turn someone’s words or actions into a poem?
‘Do you not need permission to do this?’ / Patricia Schonstein, Südafrika

89. Die deutsche und die rumänische Lyrik

Nora Iuga gehört zu den bedeutendsten rumänischen Gegenwartsdichtern. Ende der 1960er Jahre begann sie ihre literarische Karriere als Mitglied der Literaturgruppe „Grupul oniric“. Neben ihrer dichterischen Laufbahn ist Nora Iuga besonders aufgrund ihrer Arbeit als Übersetzerin deutscher Werke berühmt geworden. 2007 verlieh ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland. Trotz ihrer 81 Jahre ist die Dichterin noch sehr aktiv. 2010 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „Die Sechzigjährige und der junge Mann“. Im Frühjahr überraschte Nora Iuga mit einer weiteren Premiere während der deutschsprachigen Literaturtage in Reschitza. Sie stellte ihre ersten Gedichte in deutscher Sprache vor. Ein Exkurs für die bedeutende Dichterin. ADZ-Redakteur Robert Tari sprach mit Nora Iuga über die Entwicklung der rumänischen Gegenwartsliteratur und ihre ersten dichterischen Versuche in einer anderen Sprache.

Auszug:

Sie haben viel als Literaturübersetzerin gearbeitet und vertreten die Ansicht, dass ein Dichter sich nur in einer Sprache ausdrücken sollte. Was waren die Schwierigkeiten während des Entstehungsprozesses Ihrer ersten deutschen Gedichte? 

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich mich für meine deutschen Gedichte nicht abmühen musste, eigentlich war es fast schon ein Wunder. Wenn ich das sage, runzeln wahrscheinlich manche Dichter die Stirn. Besonders junge Dichter, die eine andere Vorstellung von Lyrik haben und weniger an eine Form von unbewusster Inspiration glauben, so als wäre das Gedicht einem vorgegeben. Ich aber glaube daran, denn es gibt Augenblicke, in denen man sich in einem Zustand befindet, in dem man den Eindruck hat, eine fremde Stimme würde dir das Gedicht diktieren. Ich habe in letzter Zeit unglaubliche Erfahrungen gemacht. Seit ich älter geworden bin, träume ich nicht mehr in Bildern, sondern eher in Worten und oft wache ich auf, aber wirklich oft – ich bin darüber sehr glücklich – wache ich mit einem neuen Vers auf. Aber diese Verse sind meistens unlogisch, manchmal sind auch die Wörter verdreht, weißt du. Zum Beispiel ging ein Vers so: „Was macht das Wort zwischen zwei Portionen Mörtel?“ Wie du sehen kannst, habe ich es mir sogar gemerkt. Ich bin sofort aufgewacht, ich habe mir den Vers aufgeschrieben und so ein Gedicht angefangen, diesmal auf Rumänisch. Darum sage ich dir auch: Ich schreibe auf eine Art, die du vielleicht als Experiment auffasst. Aber es ist kein Experiment. Es ist eher meine Art zu denken, Dinge miteinander zu assoziieren und besonders mein Vertrauen in meine Träume. Ich glaube an das Unterbewusstsein, ich glaube, dass das Unterbewusstsein unendlich wichtiger ist als Vernunft, wenn man Gedichte schreibt, Logik fällt sogar ganz weg. Denn Logik ist der größte Feind des Gedichtes. Ein Gedicht ist ein Zustand, der dem Unbewussten und also dem Traum sehr nahe steht.

Als Dichterin und Übersetzerin haben Sie einen Einblick sowohl in die rumänische als auch in die deutsche Gegenwartsliteratur. Bestehen Unterschiede?

Es gibt einen sehr großen Unterschied. Ich bin froh, dass du mir diese Frage gestellt hast, weil sie wichtig ist, weil viele unserer jungen Schriftsteller in letzter Zeit auf Auslandsreisen geschickt werden, wo sie an Lesungen teilnehmen können und so deutschen Schriftstellern begegnen. Trotzdem wird es noch lange dauern, bis sie Gedichte mit der gleichen Rhetorik schreiben werden. Ich weiß nicht, ob es unbedingt einen Gewinn darstellen würde, weil die gegenwärtige deutsche Lyrik befindet sich keineswegs in einem guten Zustand. Es gibt einige überaus gute, sie stellen aber nicht die Mehrheit dar. Deutsche Lyrik befindet sich genau wie die französische auf einer Talfahrt. Eigentlich hat der ganze Westen diese Probleme. Ich bin davon überzeugt, dass der Osten eine wesentlich komplexere, dramatischere und stärkere Literatur liefern kann. Das soll jetzt nicht missverstanden werden. Ich beziehe mich dabei nicht auf den Drang zum Pathos. Pathos ist furchtbar, es ist der Feind östlicher Lyrik, besonders rumänische Gedichte leiden darunter. Deutsche Schriftsteller, die uns besucht haben und junge Dichter oder auch die ältere Generation kennenlernten, werfen uns gerade das vor und haben vollkommen recht: Wir sind viel zu pathetisch und viszeral. Wir sprechen ständig über unseren Körper, über dessen Physiologie, über die Organe, über Blut. Das haben sie nicht, sie verhalten sich da diskreter und sind bodenständiger.

/ Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

Auf Deutsch:

  • Der Autobus mit den Buckligen. Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-929085-84-6 (übersetzt von Ernest Wichner).
  • Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-93765-7 (übersetzt von Ernest Wichner).
  • Die Sechzigjährige und der junge Mann. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010, ISBN 978-3-88221-532-8 (übersetzt von Eva Ruth Wemme).

88. Ludwig Harig wird 85

Erst kommt das Experiment, dann folgt der Realismus: Weshalb das Zwei-Phasen-Modell im Werk des saarländischen Dichters Ludwig Harig, der an diesem Mittwoch fünfundachtzig Jahre alt wird, zugleich wahr und falsch ist.

Von JOCHEN HIEBER, FAZ:

„Kinderspiel, Gesellschaftsspiel, Sprachspiel: Von Anfang an lief mein Leben aufs Spiel hinaus“, notiert er in der bisher unveröffentlichten Skizze „Meine Siebensachen“, die Ende des Monats im gleichnamigen Band der Werkausgabe erscheinen wird. Auf stolze neun Bände wird es diese von Werner Jung, Benno Rech und Gerhard Sauder seit 2004 betreute Edition dann gebracht haben, ein Ende ist nicht in Sicht. Woraus man entnehmen kann, dass Harig über die Jahrzehnte hinweg ein Wort- und Sprachspiel-Unternehmen von stupendem Ausmaß aufgebaut und ohne jede nennenswerte Schreibkrise auch kontinuierlich erweitert hat.

Auf den ersten Blick bietet es sich an, sein Werk in zwei Phasen zu gliedern. Vom Anfang der sechziger bis zur Mitte der achtziger Jahre dominiert dann eine sprachexperimentelle Grundrichtung, die sich Harig ab 1955 bei seinem Stuttgarter Lehrer, dem existentiellen Rationalisten Max Bense, aneignete. Sie führte ihn literarisch zunächst zur Konkreten Poesie und fand ihren Höhepunkt sowohl in den Hörspielen der sechziger Jahre als auch im Prosatext „Rousseau – Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn von Ludwig Harig“ von 1978. Legt man das Zwei-Phasen-Modell zugrunde, folgt der allmähliche Übergang in ein traditionelleres Schreiben und – vor allem – Erzählen mit dem programmatischen Essay „Mein realistisches Geschäft“ (1976), ebender „Saarländischen Freude“ sowie der Novelle „Der kleine Brixius“ (1980). Mit den drei autobiographischen Romanen „Ordnung ist das ganze Leben“ (1984), „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990) und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ (1996) findet Harig schließlich ganz zu seiner wahren Begabung und gewinnt nun endlich auch ein großes Publikum.

Das Modell ist wahr und falsch zugleich. …

87. Auf eigene Faust

Rund ums Label Kook – übrigens ein englischer Slangausdruck für Spinner – entstanden Literaturzeitschriften, ein Plattenverlag, man fuhr zu Festivals und Lesungen. Dann tauchte dieses Haus in der Schönhauser Allee 167c auf, das ehemalige Institut für Agrarökonomie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Man richtete eine Bar ein und eine Bühne. Vor allem aber: Man traf sich regelmäßig zu Workshops, las, dichtete und diskutierte. Es zeichnete sich ab, dass es plötzlich vor allem unter jungen Leuten ein besonderes Interesse an Lyrik gab – in einer Zeit, wo die großen Verlage die Lyrik aus den Programmen nahmen. „Wir entwickelten auf eigene Faust unsere Kriterien für gute Lyrik“, sagt Daniela Seel.

„Und dann“, sagt sie, nachdem sie doch einen Schluck Kaffee genommen hat, „waren da diese Manuskripte.“ Es war 2003 geworden, Björn Kuhligk hatte gerade seine wichtige Anthologie „Lyrik von Jetzt“ heraus gegeben. Sie selbst, die sich bis dahin eher als Autorin verstanden hatte, sah sich zum Handeln gezwungen: „Ich war die Einzige, die sich das ans Bein binden wollte.“

Sie war auch die Einzige, die das konnte. Denn zwischendurch hatte sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau gemacht. Immer noch, sagt sie, habe sie manchmal das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen. „Wer will schon Verlegerin sein, das ist doch die Arschkarte“, ruft sie aus. Doch in der Art, wie sie das sagt, spürt man, dass sie eigentlich das Gegenteil meint. / Susanne Messmer, taz (Berliner Kleinverlage I)

86. Kosovarischer Dichter in Frankreich gestorben

Der aus dem Kosovo stammende Dichter Ali Podrimja (70) ist am Samstag tot in Frankreich gefunden worden. Das Außenministerium in Pristina bestätigte seinen Tod.

Podrimja hatte am Poeten-Festival „Voix de la Mediterranee“ in der südfranzösischen Stadt Lodève teilgenommen. Nach einer Lesung am 18. Juli war er verschwunden. Auch die Festivalleitung bestätigte der Nachrichtenagentur AFP am Samstag den Tod des Dichters.

Demnach war die Leiche Podrimjas vier Kilometer außerhalb der Stadt in einer bewaldeten Region neben einem Bach entdeckt worden. „Der Verlust (…) eines Dichters von internationalem Ruf ist nicht nur ein Verlust für seine Familie und Freunde, sondern auch für Kosovos Kultur“, sagte in Pristina Außenminister Enver Hoxhaj. / nachrichten.at

85. Frage & Antwort

Sartorius fragt, Leser antworten:

  • Die Lyrik befindet sich im Sinkflug, so ist sie zumindest in Bewegung. Wenn 1354 Menschen Gedichte lesen, kann man doch von einer Erfolgsstory sprechen? Gottfried Benn hat einmal behauptet, dass Literatur etwas für zehn Interessierte sei, von denen acht mindestens als verrückt gelten müssen. Mehr ist da einfach nicht herauszuholen, und wenn Herr Sartorius noch so barmt.
  • Die Idee eines Bändchens mit ausgewählter Lyrik, das anstelle von Bibeln in Hotels liegen würde, hat mich begeistert. Ich möchte Herrn Sartorius bitten, den Gedanken weiter zu verfolgen.

84. Dichter zum Anfassen

„An Schulen kann man noch was erreichen“, sagt Nevfel Cumart im Vorgespräch. Deshalb machen die Autorenlesungen für Schüler den größten Teil seiner Lesereisen aus. Am liebsten sitzt der 48-Jährige vor kleinen Gruppen. „Ich will mit den Schülern ins Gespräch kommen, sie locker abholen und keine trockene Veranstaltung machen“, sagt der Lyriker aus Bamberg. Er sei eben ein Dichter zum Anfassen. / Stuttgarter Zeitung

83. Reim-Kultur

BONN.  Der Lyrik-Kenner Joachim Sartorius hat geklagt, dass die Poesie im Sinkflug sei. Auf dem audiovisuellen Basar finde sie kein Gehör mehr. Das stimmt nur mit Einschränkungen, denn die Popmusik ist ein großer Multiplikator lyrischer Einfälle. Die Berliner Band Culcha Candela, die am Freitag den Bonner Kunst!Rasen mit rund 2300 Zuschauern bespielte, wäre ohne Reim-Kultur nicht denkbar. / Dietmar Kanthak, General-Anzeiger

82. Modernistische Musik

Nein, die alten, allzu alten Topoi haben ausgedient, haben darum auch in zeitgenössischen Versen nichts mehr zu suchen. Und wenn es auch schon etwas her sein mag, dass Torquato Tasso als Kronzeuge erlesenen lyrischen Geschmacks herhalten musste, zeugt die Absage doch vom Anspruch, den der Dichter an sich selber stellt: «Wie die Phönizier schaffe ich mir mein eigenes Alphabet.»

Von Nicanor Parra stammen diese Zeilen, der, 1914 in Chile geboren, ganz offenbar noch etwas mitbekam von der Bildungsbeflissenheit des 19. Jahrhunderts, dem gelegentlich recht aufgeblasenen Geschmack einer Epoche, die in Lateinamerika bis weit ins folgende Jahrhundert reichte. In gleich mehreren der hier präsentierten Gedichte arbeitet er sich an der Ästhetik der Väter ab, um über ein ausschliesslich aus Friedhofskreuzen bestehendes Gedicht mit dem Titel «Die vier Sonette der Apokalypse» in einem anderen Gedicht schliesslich in die Stille zu münden: «Stille vor allen Dingen / und der Rest ist modernistische Musik.» / Kersten Knipp, NZZ

Michi Strausfeld (Hg.): Dunkle Tiger. Lateinamerikanische Lyrik. Übertragen von Angelica Ammar, Thomas Brovot, Leopold Federmair, Christian Hansen, Martin von Koppenfels, Susanne Lange, Gerhard Poppenberg, Alejandro Rogel Alberdi, Kurt Scharf, Petra Strien. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 373 S., Fr. 37.90.

81. Der lebt

An Viktor Wladimirowitsch Chlebnikow

Ein Bein über das andre hebt
im Sitzen Welimir. Der lebt.

(1916)

Aus: Daniil Charms, Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Übersetzt und hrsg. v. Alexander Nitzberg. Berlin: Galiani 2010, S. 55

Peter Urban übersetzt:

Ein Bein übers andre gelegt
Sitzt Velimir. Er lebt.

Aus: Daniil Charms, Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Aus dem Russischen von Peter Urban. Wien: Edition Korrespondenzen 2006, S. 22.

Виктору Владимировичу Хлебникову 

Ногу на ногу заложив
Велимир сидит. Он жив.

 

80. „Geisterfahrer“

Walter Delaber skiziert die Situation von Gegenwartslyrik:

„Der Gedanke, dass Lyrik eine lernbare Schreibform ist, ist seit der Frühen Neuzeit weitgehend verloren gegangen. Was an Technik sonst geblieben ist, reicht aus, die seelischen Hygienefunktionen zu erfüllen, die wenigen Ausnahmen ausgenommen, die dann allerdings die Szene dominieren. Nichts also gegen Durs Grünbein, den derzeitigen lyrischen Dominator deutscher Zunge, der selbst vor dem lesenden Auge eines George Steiner zu bestehen vermag.“

um einen Standpunkt für eine Kritik von Heinz Schlaffers „Geistersprache, Zweck und Mittel der Lyrik“ zu geben:

„Geboten wird nämlich keine Aufklärung über Funktion und Struktur von Lyrik, sondern ein wohlfeiler Lyrik-Mythos, zu dem sich Schlaffer eine eher ironische Haltung erlaubt. Unernst oder genießerisch bleibt sich aber gleich unerheblich, zumal, wenn man ein alternatives Erklärungsmuster heranzieht, nach dem Lyrik lediglich – wie Raoul Schrott und Arthur Jacobs gemeint haben – ein besonders komplexes Erkenntnis- und Modellbildungsverfahren ist, das der Sprache insgesamt zueigen ist. Schlaffers Urszene lyrischen Sprechens erweist sich so gesehen vor allem der Fremd- und Selbststilisierung des Lyrikers – also einem sehr modernen Phänomen – verpflichtet als einem historischen Faktum.
Dass die Lyrik aus dem Gottesdienst stammen mag, ist dabei nicht einmal zweifelhaft, genauer gesagt relevant. Die Konstruktion selbst, die Szene, die dabei imaginiert wird, ist ja bereits der Wahrnehmung von Welt und der Bewältigung ihrer Anforderungen verpflichtet. De Götter haben nie geantwortet, es sei denn in der Imagination der sie Anbetenden. Sie haben weder die Lyrik noch die Lyriker ausgezeichnet, das haben beide fein selbst gemacht.
Gebet und Gottesdienst, lyrisches Sprechen wie Musik, Tanz oder Fest sind eingebunden in Wahrnehmungs- und Bewältigungsstrategien, die je historisch sind, die aber zugleich auf andere Wahrnehmungs- und Bewältigungsaufgaben und -strategien übertragen werden können. Einen Gott anzubeten ist eben, was das angeht, auch nichts anderes als eine politische Klasse zu attackieren, Kampftruppen zu bilden oder seine Geliebte anzustrahlen. Nicht von der angenommenen Ursprungsszenerie, sondern von der weitreichenden Funktionalität von Lyrik leitet sich ihre Langlebigkeit ab, eben auch hier heutiger Erfolg jenseits des akademischen und literarischen Betriebs.
Schlaffer liefert also keine Aufklärung über oder Erklärung von Lyrik, sondern treibt eine Mythenbildung voran, die sich wunderbar in die Rückzugsgefechte der Literaturwissenschaft einbettet. Besser das Gute, Alte, Archaische genießen, als sich auf die Zumutungen neuerer Hochschulstrukturreformen oder neuerer Textformen einzulassen. Irgendwie wird man doch aus der Germanistik wieder das Orchideenfach machen können, das es früher einmal war … Gelehrt und belesen, sein Material geflissentlich sortierend, dabei den gediegenen deiktischen Stil pflegend, der Widerspruch nicht duldet – das ist gehobene Kathederkunst der neuen Façon. Aber leider völlig unbrauchbar, denn es erklärt nichts.“ literaturkritik.de

79. „Ein nicht immer gelungenes, gleichwohl durchkomponiertes poetisches Gebilde“

Die argumentativen und ästhetischen Schwächen von Was gesagt werden muß waren nicht zu übersehen. Eine Lektüre des neuen Gedichts verlangt mehr.

Die meisten Kritiker haben sich mit dem Hinweis begnügt, das Gedicht bestehe aus „zwölf je zweizeiligen Strophen“. Dass Grass auf die antike Form des elegischen Distichons zurückgreift, ist dabei übersehen worden. Zwar sind die Verse von Europas Schande keine klassisch streng gebauten Hexameter und Pentameter, sondern eher Freie Rhythmen, die sich, unter Benutzung verschiedener Metren, zumindest an der für das Distichon typischen Sechshebigkeit orientieren. Solche rhythmische Freiheit ist seit Rilkes Duineser Elegien aber nicht mehr ungewöhnlich. literaturkritik.de

78. Nichts Neues vom Betrieb

Kathrin Passig interviewte Gesine von Prittwitz über den Buchmarkt. Darin auch: daß das Feuilleton immer dünner wird, also auch weniger Platz für Rezensionen und daß eh alle das gleiche rezensieren. (Wann kommt der neue Harry Potter?)

77. Shortlist der Forwardpreise

Der mit  £10,000 dotierte Forward-Preis für den besten Gedichtband des Jahres ist einer der wichtigsten Lyrikpreise des UK. Unter den bisherigen Preisträgern waren Don Paterson, Seamus Heaney, Carol Ann Duffy und Ted Hughes. Jetzt wurde die shortlist veröffentlicht. Die Jury, zu der die Lyriker Leonie Rushforth (Vorsitzende), Ian McMillan und Alice Oswald und die Kritiker Emma Hogan und Megan Walsh gehören, wählte aus über 150 Gedichtbänden aus (wie die die wohl alle gelesen haben!). Gleichzeitig wurden auch die shortlists für den Debütpreis (£5,000) und den Preis für das beste Einzelgedicht veröffentlicht.

Die Namen der Gewinner werden am 3. Oktober bekanntgegeben.

/ Alison Flood, Guardian

The Forward prize for Best Collection

 

The Felix Dennis prize for Best First Collection

 

The Forward prize for Best Single Poem in memory of Michael Donaghy

  • Deep Sea Diver by Greta Stoddart (Magma Poetry)
  • A Part Song by Denise Riley (London Review of Books)
  • Marigolds, 1960 by Michael Longley (London Review of Books)
  • Mea Culpa: Cleaning the Gutters by John Kinsella (The Warwick Review)
  • Fugue on a line of Amr bin M’ad Yakrib by Marilyn Hacker (The Wolf Magazine)

76. Aussetzung der Aussetzung

Die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti fordert den Präsidenten des CNL (Centre National du Livre, Nationales Zentrum des Buches) auf, die geplante Reform der Kommissionen des CNL auszusetzen. Die von der vorigen Regierung begonnene Reform sollte am 1.1. 2013 in Kraft treten. Es geht um die Regelung der Finanzhilfen für Autoren, Verleger, Bibliotheken und Literaturvereine. Namentlich war geplant, die Kommissionen für Roman, Theater und Lyrik zusammenzulegen.

180 Autoren und Verleger, darunter Michel Deguy, Jacques Roubaud, Philippe Beck und Patrick Kéchichian, unterzeichneten einen Protestbrief an das CNL, in dem gefordert wird, die Lyrikkommission zu erhalten, um zu verhindern, daß eine Gattung die andere dominiert. Nur die Kommission habe Dichter davor bewahrt, in Elend zu sterben, das sei keine Metapher, heißt es in dem Brief. Auch die Mitglieder der Kommission protestieren in einer Erklärung vom 12.7. gegen eine Reform, die ohne Abstimmung mit der Kommission und Vertretern des literarischen Lebens (Autoren, Verlegern, Wissenschaftlern, Bibliothekaren) vollzogen werde.

Aurélie Filippetti hatte bereits am 10.7. ein „komplettes Moratorium“ für das von Nicolas Sarkozy stammende Projekt eines „Hauses der Geschichte Frankreichs“ verkündet, das von Historikern heftig angegriffen wurde. / Camille Poirier, L’Express 19.7.