105. Leipziger Gedichtgeschäft

Die heute in Köln lebende Schriftstellerin beschreibt mit detailverliebter Alltagssprache poetisch-alltägliche Momente des Lebens, des Älterwerdens. Mit großer Geste verschenkt sie ihre Verse wie ein Stück Lebenserfahrung: „He, ihr alten und neuen Menschen, / entschuldigt, daß ich anklopfe und vorbeikomme / mit meinem Buchladen / … Ich muß Euch zurückgeben, / was Euch gehört“. Sie beschreibt „die vielen blutigen Geschichten in der Familie“ – die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts und ihre Spiegelung in den Tischgesprächen einer großen Verwandtschaft. Und sie hat das Träumen nicht aufgegeben: „Mir zugewandt wäre da noch / ein anderer Mensch, / der mir zuhört.“

Fast 60 Jahre jünger ist Michael Fiedler, der zweite Debütant, ein Leipziger. Anders als Anne Dorn erzählt er in seinem ersten Lyrikband „Geometrie und Fertigteile“ nicht – fast könnte man sagen, er zählt statt dessen, reiht Wörter aneinander, die er ihren ursprünglichen Zusammenhängen entnommen hat und die ihm „Herzklopfen bei der Niederschrift“ bereiten, die berühren, assoziieren, auf merkwürdige Weise zu flirren und zu flimmern beginnen und sich in eine andere Bedeutung kämpfen: „Jedes Wort zeichnet sich ab: bruchstückhaft kombiniert…“. Er sucht „unter Steinschuttmassen menschlicher Siedlungen“ nach Wort-Brüchen, entdeckt im „Ausschnitt aus dem europäisch-asiatischen Waldgebiet“ „keine tieferen Einschnitte“. Das ist eine geradezu poetologische Vermessung der Welt und ihrer Zwischenräume, Zwischenzeiten, und erst am Ende könnte man mit Fiedler konstatieren: „Ganz langsam wachsen nun Wunde / u Welt mir wieder zu.“

(…)

Das ist bei Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen, ein wenig anderes. Er geht im „Schlagregen“, denkt über „Waterboarding, weiße Folter“ nach. Findet im belgisch-deutschen Grenzgebiet „ein Moorloch, in dem / das Sterben glänzt bei schönem Wetter.“ und erkennt: „Streng ist / der preußische Spargelblick.“ Nendzas Gedichtband „Apfel und Amsel“ lebt vom klugen Hinschauen, von einem konzentrierten Blick, der die Realität nie aus den Augen verliert, der sie aber in eine Art poetisches Raster verwandelt, das sich über die Wirklichkeit legt und sie gleichzeitig ver- und entzaubert.

Mit seiner Vielfalt an Veröffentlichungen ist der Poetenladen inzwischen einer der wichtigsten deutschen Lyrik-Verlage, der eine Poetengeneration auf der Suche zeigt, fern von didaktischen Absichten, fern auch von Theatralik und pathetischen Gesten. Nicht zu vergessen, dass alle Bücher aus dem Leipziger Gedichtgeschäft wunderschön gestaltet und sorgfältig editiert sind. Lesenswert in jedem Fall. / Matthias Zwarg, Freie Presse

Neue Bücher aus dem Verlag Poetenladen Leipzig: Anne Dorn „Wetterleuchten“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-30-9. Michael Fiedler „Geometrie und Fertigteile“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-31-6. Marie T. Martin „Wisperzimmer“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-33-0. Jürgen Nendza „Apfel und Amsel“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-36-1.

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