Jerome Rothenberg
(* 11. Dezember 1931 in New York City)
auf der Hauptstraße
die Kirchenecke:
Ansichten
TANZT TANZT wie
die Verrückten – die Christenfrau hat Euch gerufen –
wie Rothäute aus Schaubuden
Tiere
können krauchen
über den Boden o Ihr kriechenden
Götter Eure hässlichen Fratzen schrammen
über die Schildkrötenpanzer
(Rasseln)
den Boden des Langhauses hinunter
on main street
corner of the church:
reflections
DANCE DANCE like
freaks—the Xtian lady calls you—
like sideshow injuns
animals
can glide along
the earth o you reptilian
gods you twisted faces scraping
those turtle bodies
(rattles)
down longhouse floor
Aus: Jerome Rothenberg: A Seneca Journal (1978). Ein Seneca-Journal. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Felicitas Tax und Norbert Lange. Berlin: Moloko Print, 2022, S. 136f.
Klappentext:
Rothenberg zählt als Lyriker und Essayist, Übersetzer und Herausgeber sowie Literaturwissenschaftler und Dozent zu den bedeutendsten US-amerikanischen Kulturschaffenden und -vermittlern der Gegenwart. Seine Arbeit schließt dabei die Pflege der historischen Avantgarden ebenso ein wie die Erforschung frühester Schriftzeugnisse jüdischer Dichtung oder der mündlichen Poesie der Ureinwohner Amerikas und anderer Weltteile. Ein zentraler Begriff in seinem Werk ist die »Grand Collage« (R. Duncan); eine Dichtung, in der Zeiten und Völker gleichberechtigt miteinander kommunizieren. Rothenberg prägte gemeinsam mit anderen Autoren dafür den Ausdruck der Ethnopoesie, einer den Brückenschlag zwischen den Kulturen suchenden Interdisziplin. Auf Deutsch erschienen zuletzt in Urs Engelers roughbooks-Reihe »Polen/1931« und bei Hochroth Berlin der Band »Rituale & Events« (beide 2019).
Die Dichterin Elke Erb ist gestorben. Unter den nicht wenigen Zeilen aus ihren Gedichten, die mir im Kopf spuken, fällt mir als erste der Anfang des ersten Gedichts ein, das ich von ihr las. Es war wahrscheinlich im Herbst 1970, ich war Student in Rostock DDR, die Dozentin las ein Gedicht vor, ich erinnere ihren Tonfall:
Das Flachland vor Leipzig ist kahl,
als läge xx auf ihm auf
So erinnere ich mich oft, zu xx gibt es Varianten im Gedächtnis. Die Dozentin schien ratlos, es kam mir so vor, als wollte sie das Gedicht anschuldigen wegen ihrer Ratlosigkeit, aber ich bin ihr dankbar, dass sie neue Lyrik in den Kurs brachte. Ich kaufte damals die Anthologie, aus der sie las. Verstand ich das Gedicht? Ich las es wieder und wieder, es passiert was im Gedicht. Es handelt nicht ein Thema ab, wie die Jahreszeitengedichte und die politischen Gedichte aus dem Schulunterricht. Es sagt etwas, und beim Sagen fällt es sich in die Gedanken, ein neues Thema taucht auf, dem die Gedanken nachgehn. Hier ist es ein Landschaftsbild (ich bin selbst im Flachland vor Leipzig aufgewachsen), ein Vergleich stellt sich ein „als läge“, der Vergleich provoziert den nächsten Vergleich, das Gelb der Wegweiser, „wie Briefkästen“, „oder wie Tabak“, schon gehn die Gedanken in andere Richtung. Drei Pünktchen… Eine Erinnerung, ein Dorf im Flachland, „dort sah mich still eine Gans an“, ihre Augen rufen „Wissen“ auf, bei dem bleibt es nicht, weil die Bilder, die Wörter, die Gedanken im Fluss sind. Später fand ich das immer wieder, ich bleibe mal beim bisherigen Material, wenn etwas „auftaucht“, kommt womöglich ein Tauchgang, und wenn die Gedanken „nachgehn“, ist das Uhrwerk nicht fern, in der Mitte des Gedichts passiert es mit dem Wort „aufgezogen“, das ohne Absicht die Uhr ins Spiel bringt und die Gedanken weitertreibt.
Das Flachland vor Leipzig
Das Flachland vor Leipzig ist kahl,
als läge der Mittag streng auf ihm auf.
Hecken, die Gräben, Buschgekräusel und Baum
Wegweiser, gelb wie Briefkästen, staubig,
oder wie Tabak daher, der fällt
einem Alten krümelnd aufs Knie …
Ich war mal in Tüschen, dort sah
mich still eine Gans an, die in Reihe ging, weiß
an einer feuchten Scheune vorbei.
Links, sah mich an, links, und ihr wißt, das Auge
ist starr, grün beringt.
Aber was wollte sie melden, aus ihren fernen
Steinzeiten kommend, die Gattung, aufgezogen immer, Uhr,
immer die gleiche, sich gleiche, die Uhr
an vergänglichen Wänden, aber was dann,
wenn keine Wände mehr stehn, keine gebaut werden, wenn
der riesige Erdwind allein
in den Staub stürzt und heult?
Uhren, ihr Uhren, wer sorgt,
daß ihr euch nicht totschlagt am Ende, wer sorgt?
Ich war mal in Tüschen, dort sah
mich still eine Gans an, die in Reihe ging, weiß.
Hier aus ihrem ersten Buch: Elke Erb: Gutachten. Poesie und Prosa. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 23.
Ein Zitat zum Schluss. Nein, kein Schluss.
Ist Poesie unerklärlich?
(Interview mit Elke Erb in der Zeitschrift L’image, März 92, in: Der wilde Forst, der tiefe Wald. Auskünfte in Prosa. Göttingen 1995. S. 222)
Erb: Ich bin gegen diese Behauptung. Ich erlaube sie nicht. Ich habe eine Regung, ich begegne dieser Regung aufmerksam, beobachte sie, folge ihr. Diese Regung entspringt doch aber einem ganz normalen Ich, ist doch nicht schon Poesie selber, Poesie ist nicht unerklärlicher als irgend etwas anderes Lebendiges. Hinter der Behauptung, sie sei unerklärlich, steckt der Anspruch einer tötenden Auflösung. Oder eine Diffamierung des Erklärens.

Georg Trakl
(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)
EMPFINDUNG
Der Fäulnis Chemien fliessen im Grau,
In golddurchwirktem Laubgewirr,
Wo Falter flimmern berauscht und irr,
In Weihrauchdünsten vergilbt und lau.
Hellsonnig schäumt es im Gräbergrund
Und neue Säfte steigen ins Laub.
Ich atme Klänge und silbernen Staub,
Den Mittag glühend und gesund.
Aufflutet ungeahnter Glanz
Und löschet Inschrift und Gestein,
Das rührend ragt im wilden Wein,
Umgaukelt von der Mücken Tanz.
Aus dem Nachlass (Sammlung Richard Buhlig 1912), aus: Georg Trakl, Dichtungen und Briefe. Hrsg. Hans Weichselbaum. Salzburg, Wien: otto Müller, 2020, S. 325
Charles Reznikoff
(* 30. August 1894 in Brooklyn, New York; † 22. Januar 1976)
Am Brunnen von Leben und Sehen. II, 11
Das chinesische Mädchen im Wartesaal des hektischen Bahnhofs
schreibt auf ihrem Block
in Spalten,
als würde sie Zahlen notieren,
nicht Worte –
Worte in blauer Tinte,
wie kleine Blumen,
stilisiert in Quadrate:
Sie bepflanzt ihren kleinen Garten.
(1969)
Deutsch von Tobias Amslinger, aus: Schreibheft #87, August 2016, S. 110.
Hier der englische Text nach Gehör abgeschrieben:
The Chinese Girl in the waiting room of the busy railway station,
writing on a pad
in columns,
as if she were adding figures,
instead of words
words in blue ink,
that looked like small flowers
stylized into squares.
She is planting a small private garden
Mehr Gedichte (Englisch)
Ich fange gleich mal mit dem Kalender an. Heute vor 251 Jahren starb Alexis Piron. Ein französischer Dichter, der seine Stelle als Anwalt in der Provinz wegen eines Gedichts verlor. Naja – wegen eines pornographischen Gedichts. Er ging nach Paris, befreundete sich mit Diderot und Lesage, wurde von Voltaire gelobt und von Rameau vertont, aber als er Mitglied der Akademie werden sollte, erinnerten sich die Pfaffen an seine Jugendsünde und erwirkten beim König ein Veto. Im Alter schrieb er dafür geistliche Lyrik, auch gut.
Die „Ode à Priape“ wurde von „keinem Geringeren“ als dem Homerübersetzer Johann Heinrich Voß verdeutscht („An Priap“). Die Texte finden sich im WWW. Hier ein weniger priapisch denn anakreontisches Gedicht.
Alexis Piron
(* 9. Juli 1689 in Dijon; † 21. Januar 1773 in Paris)
LIEBESNÖTE
Wie lächerlich und dumm der Mann ist,
Kommt plötzlich ihn die Liebe an!
Erst fühlt er Bangen und verstellt sich
Und fängt dann lang zu seufzen an.
Wagt er's, sich endlich zu erklären,
Schmollt man und will die Spröde sein:
Tut nichts! Man möcht beharrlich bleiben,
O Sorge, Sehnsuchtsschmerz und Pein!
Sie liebt ihn: Doppelt schwere Kette!
Wie viel drängt uns vom Glück doch weg:
Zerwürfnis, Stimmungswechsel, Vater
Und Mutter, Gatte – welch ein Schreck.
Ist's alles? Nein, es bleibt die Würde,
Die Würde, Gegner aller Lust,
Man glaubt zu siegen, ist Besiegter,
Entzweit sich und versöhnt sich just.
Naht ein Rival, o neue Bürde!
Der Schlaf flieht unser Aug', man wacht
Vor Eifersucht, ist unstet immer,
Hat Unruh nur bei Tag und Nacht.
Ist's dann genug des Schrein's und Tobens,
Beschließt ein Kuß, was da sich tat:
Das Feuer lischt, bald hast du's über;
War denn die Wiese wert die Mahd?
Aus dem Französischen von Max Rieple, aus: Lilie und Lorbeer. Französische Dichtng des 15. bis 18. Jahrhunderts. Übertragungen von Max Rieple. Freiburg i. Br.: Hermann Klemm, o.J. (1958), S. 141ff
LES MISÈRES DE L'AMOUR
QUE l'homme est sot et ridicule,
Quand l'amour vient s'en emparer!
D'abord il craint, il dissimule,
Ne fait longtemps que soupirer.
S'il ose enfin se déclarer,
On s'irrite, on fait l'inhumaine :
N'importe, il veut persévérer;
Que de soins, d'ennuis et de peine!
On l'aime : tant pis! double chaîne.
Mille embarras dans son bonheur.
Contretemps, humeur incertaine,
Père, mère, époux, tout fait peur.
Est-ce tout? Non : reste l'honneur,
L'honneur du plaisir l'antipode.
On veut le vaincre, il est vainqueur :
On se brouille, on se raccommode.
Vient un rival : autre incommode.
Loin des yeux le sommeil s'enfuit;
Jaloux, on veille, on tourne, on rôde;
Ce n'est qu'alarmes jour et nuit
Après bien des mots et du bruit.
Un baiser finit l'aventure :
Le feu s'éteint, le dégoût suit;
Le pré valoit-il la fauchure?
Paul Celan
(geboren am 23. November 1920 in Czernowitz; gestorben vermutlich am 20. April 1970 in Paris)
Die Krüge
Für Klaus Demus
An den langen Tischen der Zeit
zechen die Krüge Gottes.
Sie trinken die Augen der Sehenden leer und die Augen der Blinden,
die Herzen der waltenden Schatten,
die hohle Wange des Abends.
Sie sind die gewaltigsten Zecher:
sie führen das Leere zum Mund wie das Volle
und schäumen nicht über wie du oder ich.
Aus: Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2018, S. 51 – Das Gedicht entstand im Juni 1949.
Joan Brossa i Cuervo
(* 19. Januar 1919 in Barcelona; † 30. Dezember 1998 ebenda)
Worte
Die Sprache hab ich, Fabeln zu erklären
und Geist und Herz durch Namen zu beschwören;
die Lettern formen Worte, die ich reihe
und denen ich durch die Grammatik Sinn verleihe.
In der Gestalt der unverletzten Sprache bildet sich
ein Satz zum Fuß, ein anderer zur Hand;
Namen und Dinge eint ein innres Band.
So, meine Herrn, für heute schweige ich.
Hier habt ihr Sonne, Mond, Haus und Zisterne,
Schatten und Himmel, Regenschirm und Fluß:
ein jedes Wort dem innern Bilde folgen muß;
vom Speichel dessen, der es ausspricht, schweig ich gerne.
Vielleicht, ich weiß es nicht, kommt jener Tag,
da ich das Wort als Wort und doch als freies Ding zu schreiben einst vermag.
(1965/66)
Aus dem Katalanischen von Tilbert Stegmann, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 139
Mots
Tinc un llenguatge per a explicar faules
i designar conjurs de cor i ment;
conjunts de lletres formen les paraules
que jo articulo gramaticalment.
Amb l'estructura de la llengua intacta
si una frase és el peu, l'altra la mà;
coses i noms per dins tenen un pacte.
- Senyors, avui no passo més enllà.
Heus aquí lluna, sol, casa, cisterna;
heus aquí ombra, cel, paraigua, riu;
té cada mot la seva imatge interna
a part de la saliva de qui el diu.
Jo no sé pas si un dia podré escriure
el mot en tant que mot i objecte lliure.
Ebd. S. 134
Beim Blättern in alten Ordnern finde ich einen Zeitungsausschnitt aus der Wochenzeitung Sonntag von 1983 mit zwei Gedichten einer jungen Lyrikerin. Am Rand direkt darunter eine Randnotiz in meiner (damaligen) Handschrift. Sonntag ist die DDR-Vorgängerin des heutigen Freitag. Mein Kommentar ist nicht sehr freundlich, ich gebe ihn und den Zeitungsausschnitt einmal unkommentiert wieder.

Kommentar
narzistisch
Kult d. Hilflosigkeit
= harmlos
denkträge
Heute ein visuelles Gedicht aus dem Jahr 1631. Es stammt von Johann Heinrich Schill aus Durlach bei Karlsruhe. Die digitale Deutsche Biographie nennt als Berufe „Dichter ; Jurist ; Linguist“ und als Lebensdaten 1615 – 1645. Er wurde also nur etwa 30 Jahre alt. Sein Gedicht ist eine Grabschrift auf eine Frau namens Barbara, so lautet die erste Zeile:
Hie ligt mit Frawen Barbara
(Ich habe nur zur besseren Lesbarkeit die Leerzeichen zwischen den Wörtern eingefügt). Hier zunächst das ganze Gedicht.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als bestünde das ganze Gedicht nur aus dieser einen Zeile, die von Zeile zu Zeile um einen Buchstaben nach links gerückt wird. Hier ein Teil des Textes, neu gesetzt und wie im Original ohne Leerraum zwischen den Wörtern.
HieligtmitFrawenBarbara
ieligtmitFrawenBarbaraT
eligtmitFrawenBarbaraTh
ligtmitFrawenBarbaraTha
igtmitFrawenBarbaraThab
gtmitFrawenBarbaraThabe
tmitFrawenBarbaraThabea
Man merkt jetzt schon, dass am rechten Rand ein anderer Text auftaucht, der hinter dem Namen der Verstorbenen Buchstabe für Buchstabe sichtbar wird. 6 Zeilen weiter kann man einen weiteren Frauennamen lesen, und in der letzten Zeile des Buchstabenquadrats ist kein einziger Buchstabe der Eingangszeile mehr vorhanden, aber dafür eine komplette zweite Zeile. Der gesamte Text ist also ein Zweizeiler, man kann bequem die erste und letzte Zeile so lesen:
HieligtmitFrawenBarbara
ThabeaJudithRuthvndSara
Ist es also ein Gemeinschaftsgrab, in dem mit Barbara auch Thabea, Judith, Ruth und Sara begraben sind? Aber vielleicht fällt uns jetzt auf, dass die Namen der zweiten Zeile allesamt in der Bibel vorkommen. Man kann es also vielleicht so lesen, dass die jetzt verstorbene Frau Barbara hier (im Grab liegt ja nur der sterbliche Teil) mit den frommen Frauen aus dem Alten Testament ruht. Wenn wir uns jetzt auf die Überschrift besinnen, war ja zweierlei angekündigt: Grabschrift (= Epigramm, Inschrift) und Lobspruch. Der Lobspruch wäre demnach in der ersten Zeile noch verschüttet und erscheint Buchstabe für Buchstabe, wenn man bemerkt, mit wem Frau Barbara „hier“ ruht. (Wir können davon ausgehen, dass die Leser von 1631 die Geschichten dieser Frauen wenn nicht aus eigener Lektüre der Bibel, dann doch aus den wöchentlichen oder je nach Frömmigkeit auch häufigeren Predigten des Pfarrers kannten. Die damals zehnjährige Sibylla Schwarz aus Greifswald zum Beispiel hätte sie bestimmt gekannt, wenn man den Lobreden auf die Frühverstorbene glaubt. Das tun wir, auch wenn in ihrem Werk nur der Name Judith vorkommt, dieser aber oft. Ich lese also den Lobspruch so, dass die Verstorbene nur körperlich „hier“ liegt, ihre unsterbliche Seele aber bei den Frommen im Himmel weilt. Oder kurz: dass sie fromm war.
So weit erst mal dazu. Die verehrten Leserinnen (kleines i, weil generisches Femininum, jeder ist mitgemeint) werden nun eingeladen, mit den Augen ein wenig im Visuellen des Gedichts herumzuspazieren. Da kann frau Entdeckungen machen. Liest man die Anfangsbuchstaben vertikal, ergibt sich bis zur vorletzten Zeile wieder der erste Vers, was ja nicht verwundert, weil immer ein Buchstabe links wegfällt. Anschließend kann man die letzte Zeile vertikal lesen. Also etwa so:
↓
↓
↓
↓
↓
→→→→→→→
Oder so:
→→→→→→→
↓
↓
↓
↓
↓
Oder auch so:
→→→→→→→
.
.
.
.
→→→→→→→
Wenn man das Innere einbezieht und Haken und Zickzack schlägt, ergeben sich, hat jemand errechnet, mehr als 4 Billionen Wege, um die beiden Zeilen des Gedichts zu lesen. Vielleicht als Meditierhilfe?
2 Zeilen, 8 und 9 Silben und zweimal 23 Buchstaben. Wenig Text und viel Raum.
Die Grabschrift wurde gedruckt, also nicht nur das Gedicht, sondern die ganze Leichpredigt. Als Druckschrift brauchte sie einen Titel, der nach damaligem Brauch sehr lang und sehr gewunden sein musste, hier der fast komplette Titel:
Creutz Saat / vnd Frewden Erndt / der wahren Kinder Gottes. Das ist: Christliche einfältige Leichpredig / genommen auß dem 5. vnd 6. vers. deß 126. Psalm. Bey Begräbnuß Weyland der Edlen vnd Tugendtsamen Frawen BARBARAE, Deß auch Edlen vnnd Hochgelehrten Herrn Johann Friderich Jünglers / beeder Rechten Licentiaten / vnnd Fürstl. Marggr. Bad. Ober: vnd KirchenRaths zu Carlspurg / etc hertzvielgeliebter Haußfrawen. Welche nach außgestandner lang beschwerlicher Kranckheit / Freytags den 28. Octobr. Anno 1631. Morgens vmb halb Sechs Vhr / in jhrem Erlöser Christo seeliglich eingeschlaffen / vnd Sontags den 30. dessen / mit grosser Volkreicher Leichprocession, ehrlich vnd Christlich zur Erden bestattet worden. Auß Gottes heyligem Wort für Augen gestellt / vnnd in der Statt: vnd Pfarrkirchen zu Durlach / fürgetragen worden / Von M Caspare Seemann / Pfarrern daselbsten. Getruckt zu Durlach / durch Andream Senfft / Jm Jahr 1631.
Und man kann weitergehen. Zum Beispiel die Geschichten der vier biblischen Frauen einbeziehen. Für das Begräbnis ist besonders die erste, Tabea, interessant und folgen-, folgerungsreich. Handelt es sich doch um eine Frau, die gestorben und von den Toten erweckt worden ist. Hier die Stelle.
In der Stadt Joppe lebte eine Jüngerin von Jesus. Sie hieß Tabita*. Der Name bedeutet »Gazelle«. Tabita tat viel Gutes und half den Armen, wo immer sie konnte. Als Petrus in Lydda war, wurde sie plötzlich krank und starb. Man wusch die Tote und bahrte sie im oberen Stockwerk ihres Hauses auf. Joppe liegt nicht weit von Lydda. Die Gemeinde in Joppe schickte deshalb zwei Männer mit der dringenden Bitte zu Petrus: »Komm, so schnell du kannst, zu uns nach Joppe!« Petrus ging sofort mit ihnen. Als er angekommen war, führte man ihn in die Kammer, in der die Tote lag. Dort hatten sich viele Witwen eingefunden, denen Tabita in ihrer Not geholfen hatte. Weinend zeigten sie Petrus Kleider und Mäntel, die Tabita ihnen genäht hatte. Doch Petrus schickte sie alle hinaus. Er kniete nieder und betete. Dann wandte er sich der Toten zu und sagte: »Tabita, steh auf!« Sofort öffnete sie die Augen, sah Petrus an und richtete sich auf. Petrus reichte ihr die Hand und half ihr aufzustehen. Dann rief er die Gläubigen und die Witwen herein, die mit eigenen Augen sehen konnten, dass Tabita lebendig vor ihnen stand. Bald wusste ganz Joppe, was geschehen war, und viele fanden zum Glauben an den Herrn. Petrus blieb danach noch längere Zeit in Joppe und wohnte im Haus des Gerbers Simon.
HFA: Hoffnung für alle https://www.bible.com/de/bible/73/ACT.9.36-43.HFA
*) In anderen Übersetzungen Tabea.
Quelle des Gedichts: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart in 10 Bänden. Herausgegeben von Walther Killy. Band 4. Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Christian Wagenknecht. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001, S. 72.
Der Perlentaucher weist in seiner Magazinrundschau vom 9. Januar 2024 hin auf eine Debatte, die in Ungarn zum Werk von Ágnes Nemes Nagy geführt wird …
Gábor Schrein zum 100. Geburtstag von Ágnes Nemes Nagy und der neuen deutschen Übersetzung ihrer Gedichte
Gustaf Gründgens
(* 22. Dezember 1899 in Düsseldorf; † 7. Oktober 1963 in Manila)
( COUPLET)
Stop!
Ich tret heraus, Ihr glaubt es kaum,
Ich tret heraus aus meinem Traum,
Ich tret aus ihm heraus.
Ich tret aus meinem Traum heraus
Und stell mich leise neben mich
Und sehe wie das Leben sich
Von hier aus präsentiert.
Ich seh mir selber ins Gesicht.
Ich merke, ich gefall mir nicht.
Was ist denn das mit mir?
Stop!
Stop!
Stop!
Stop!
Stop!
Nein!
Ich gefall mir nicht!
Aus: Gustaf Gründgens (1899 – 1963): Gedichte und Prosa, hrsg. von Franz-Josef Weber (Vergessene Autoren der Moderne, hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Universität-Gesamthochschule Siegen (3. Auflage), Siegen 1987, S. 11.
Jehuda Amichai
( יְהוּדָה עַמִּיחַי )
(* 3. Mai 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem; 1946 änderte er seinen Namen zu Amichai, hebr. „Mein Volk lebt“)
Touristen
Also Beileidsbesuche veranstalten sie hier bei uns,
sitzen in Jad-Vashem herum, machen ernste Gesichter
an der Klagemauer
und schäkern hinter schweren Vorhängen im Hotelzimmer.
Lassen sich fotografieren mit den bedeutenden Toten
am Grab von Rachel, am Grab von Herzl und auf dem
Ammunition Hill.
Schluchzen über die Potenz unserer Jungs,
begehren unsere strammen Mädels
und hängen ihre Höschen
in einem kühlen, blauen Bad
zum Schnelltrocknen auf.
Einmal saß ich auf der Treppe am Tor der David-Zitadelle und stellte meine zwei schweren Einkaufskörbe neben mir ab. Eine Touristentraube umringte einen Tour-Guide, und ich gab den Bezugspunkt für sie ab: »Sehen Sie den Mann da drüben mit den Körben? Ein bisschen rechts von seinem Kopf da ist ein Bogen aus der Römerzeit. Ein bisschen neben seinem Kopf.« »Aber er bewegt sich, er bewegt sich! « Ich sagte mir: Erlösung wird erst kommen, wenn man ihnen sagt: »Sehen Sie den Bogen dort drüben aus der Römerzeit? Der ist nicht wichtig, aber links und ein bisschen unterhalb davon sitzt ein Mann, der Früchte und Gemüse für zu Hause gekauft hat«.
Aus: Jehuda Amichai: Gedichte. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Hans D. Amadé Esperer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018, S. 172

Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich den Namen Peter Huckauf kannte, bevor ich Anfang der 90er Jahre in der damaligen Autorenbuchhandlung in Berlin (von der die jetzige bei allem Respekt nur ein Schatten ist) knapp ein Dutzend Hefte von ihm erwarb. Es waren meist selbstverlegte Sachen, die in Aussehen und Inhalt Aufmerksamkeit weckten in der Überfülle, die mich seit Anfang 1990 bei regelmäßigen Besuchen in Westberlins Buchhandlungen erschreckte und labte. Soviel nachzuholen! Viele der damals frequentierten Antiquariate und Buchhandlungen existieren heute nicht mehr.
Heute ein Gedicht von Peter Huckauf aus einem Heft, das ich erst 2003 und dann in Greifswald erwarb, als er in einer Ausstellung im Koeppenhaus las.
MÄRZ
düster bohren sich noch die nachmittage
durchs schläfrige holz des nahen volkspark
die nicht mehr übermächtigen schatten
mogeln sich hier an fehlendes laub vorbei
die Blissestraße wie immer bieder
bietet auch heute keinen erneuerten
sozialismus zum beispiel für seiteneinsteiger
wirklich: die supervision ist nicht in sicht
bitte herr bürgermeister übernehmen sie
jetzt die simulation
Aus: Peter Huckauf: Tykocin. Gedichte. Berlin: Verlag Neue Freiheit, 2000, Exemplar Nr. 10.
Die Biobibliografie aus diesem Heft:
PETER HUCKAUF wurde 1940 in Bad Liebenwerda (ME ZUMROKA) geboren. Jugend, Schule und Berufsausbildung zum Fernmeldemechaniker in Gelsenkirchen. 1964 Wohnungswechsel nach WESTberlin. Seit 1975 im Bibliothekswesen tätig.
Bildnerische und literarische Anfänge reichen bis in die Kindheit zurück. Veröffentlichungen von Gedichten, Texten und visuellen Arbeiten in Zeitschriften, Zeitungen, Anthologien, Almanachen, Katalogen, Künstlerbüchern seit 1966. Jüngste Publikationen: WARSCHAU – MEINE BÖSCHUNGEN/Gedichte 1996, POSENER ASSOZIATIONEN/Gedichte und Collagen 1997, DIE IDYLLE DES SCHLICHTERS/Gedichte 1997, SICHEL, SICHER/Gedichte 1998, KRAKAUER FEBRUAR/ Gedichte und Collagen 1998, NEMPULAK/Gedichte 1999, OHNUNGEN/Gedichte 2000
A.a.O.

Peter Huckauf im Lyrikwiki
James Joyce
(* 2. Februar 1882 in Rathgar, Dublin; † 13. Januar 1941 in Zürich, Schweiz)
ALONE
The moon's greygolden meshes make
All night a veil,
The shorelamps in the sleeping lake
Laburnum tendrils trail.
The sly reeds whisper to the night
A name – her name –
And all my soul is a delight,
A swoon of shame.
Allein
Goldgrauer Mond, der Schleier flicht
in jede Nacht,
schlafspiegelnd kränzt das Uferlicht
den See goldregenhaft.
Ein Name weht durchs Uferried
oh Gott, ihr Nam'!
und in der Seele Quellenlied
aufquillt entzückte Scham.
Deutsch von Hermann Broch, aus: ENGLISCHE DICHTUNG. Von R. Browning bis Heaney. Herausgegeben von Horst Meller und Klaus Reichert (Englische und amerikanische Dichtung 3). München: Beck, 2000, S. 187
ALLEIN
Des Monds graugoldener Schleierschnee
Die Nacht verbirgt,
Aus den Uferlaternen der schlafende See
Goldregenranken wirkt.
Aus Schilfgeflüster dringt durch die Nacht
Ein Nam' – ihr Nam' –
Und meiner Seele Lust erwacht,
Taumelnd vor Scham.
Zürich 1916
Aus: James Joyce, Kammermusik. Gesammelte Gedichte. Englisch und deutsch. Übersetzt von Hans Wollschläger. Leipzig: Insel, 1982, S. 57
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