Adam Mickiewicz
(* 24. Dezember 1798, heute vor 225 Jahren, in Zaosie bei Nowogródek, Russisches Kaiserreich, heute Belarus; † 26. November 1855 in Konstantinopel, Osmanisches Reich)
Odessa-Sonette
Rechtfertigung
Ich sprach von Liebe zu der Menge Gleichgesinnter;
Die einen liebten mich, die andern flüsterten: o dieser Poet,
Der stets verliebt sich quält, aufs Klagen sich versteht –
Nichts anderes als das nur fühlt er und besingt er.
Nun in die reifen Jahre kommend und bewußt der Pflicht –
Warum brennt immer noch das Herz in solch kindlichen Flammen?
Will Gott, der ihm des Dichters Stimme gab, verdammen,
Den, der von sich mit Selbstbewußtsein spricht?
O Warnung voller Großmut! – Von den Geistern dann
Beseelt, ergreif Alcäus' Leier ich und werf mir um
Ursinos Mantel. Kaum daß ich begann,
Zerstreute sich die Menge. Ich, jetzt stumm,
Zerriß die Saiten, und mein Traum zerrann:
So wie der Dichter ist, ist auch sein Publikum.
Deutsch von Heinz Czechowski, aus: Adam Mickiewicz: Lyrik polnisch und deutsch. Prosa. Leipzig: Reclam, 1978, S. 85
Sonette aus Odessa, XXII
Rechtfertigung
Ich sang von Liebe zu der Menge, der's gefiel.
Ich hörte Lob, doch manche übten leis Kritik:
"Ach, der Poet, um Liebe mit sich selbst im Krieg:
Nichts andres fühlt er, sah noch nie ein andres Ziel.
Schon in den Jahren, spitzt er immer noch den Kiel,
nur um sein kindlich, immer liebendes Geschick.
Die Götter gaben ihm die Stimme, doch sein Blick
ist eng verstellt, – und stolz zeigt er sich im Profil!"
Die eitle Warnung! Von dem stolzen Geist getrieben,
spielt ich des Alcäus Lyra, und, Ursynos
Mantel umgehangen, sang ich, bis die Mengen
auseinander liefen. Schaut, wer mir geblieben!
Ich warf die Leier wieder fort. Und was ich daraus schloß?
Daß sich nur Gleichgesinnte um den Dichter drängen.
Deutsch von ZaunköniG, aus: Adam Mickiewicz: Krim-Sonette. Burgdorf: Edition elf, 2005, S. 40
Alcäus: Antiker griechischer Dichter, um 600 v.Ch.
Ursyn: Julian Niemcewicz Ursyn, 1758-1841, polnischer Dichter
EKSKUZA
Nuciłem o miłostkach w rówienników tłumie;
Jedni mię pochwalili, a drudzy szeptali:
"Ten wieszcz kocha się tylko, męczy się i żali,
Nic innego nie czuje lub śpiewać nie umie.
W dojrzalsze wchodząc lata, przy starszym rozumie,
Czemu serce płomykiem tak dziecinnym pali?
Czyliż mu na to wieszczy głos bogowie dali,
Aby o sobie tylko w każdej nucił dumie?"
Wielkomyślna przestroga! – wnet z górnymi duchy
Alcejski chwytam bardon, i strojem Ursyna
Ledwiem zaczął przegrywać, aż cała drużyna
Rozpierzchła się, unosząc zadziwione słuchy;
Zrywam struny i w Letę ciskam bardon głuchy.
Taki wieszcz jaki słuchacz.


Heute vor zehn Jahren starb die Dichterin Helga M. Novak. Hier ein Gedicht aus dem 2013, im Jahr ihres Todes, bei Hochroth Paris erschienenen Band chaque pierre orpheline, der eine Auswahl ihrer Gedichte im Original und mit Übersetzungen ins Französische enthält. Die ersten vier Zeilen dieses Gedichts tauchen auch in ihrem autobiografischen text Vogel federlos auf, hart überblendet mit Geschichten aus den frühen 50er Jahren in Ostdeutschland.
Helga M. Novak
(Isländischer Name ab 1966: Maria Karlsdottir; * 8. September 1935 in Berlin-Köpenick; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)
Sommerzeit
Sommerzeit
die Hähne schrein zur selben Zeit
Winterzeit
die Sauen schrein zur selben Zeit
ach es ist alles zuschanden
die Freiheit die ich habe
ist keine
ich werde verrückt
weil ich es bin
und ich werde rasend
von meinen Rasereien
ach es ist alles zuschanden
Sommerzeit
ich werde den Mund nochmal vollnehmen
Winterzeit
den Mund voller Sand
warum entdeckt denn keiner
die Schönheit meines Verfalls?
heure d'été
heure d'été
heure du cri des coqs
heure d'hiver
heure du cri des truies
hélas tout est gâché
la liberté qui est mienne
n'en est pas une
ça me rend folle
parce que je le suis
et ça me rend furieuse
toutes ces fureurs que j'ai
hélas tout est gâché
heure d'été
je vais encore ouvrir la gueule
heure d'hiver
la gueule pleine de sable
pourquoi donc nul ne découvre
la beauté de ma déchéance ?
Aus dem Deutschen ins Französische übersetzt von Élisabeth Willenz, aus: Helga M. Novak: chaque pierre orpheline. hochroth Paris 2013, S. 12. Die Anthologie wurde zusammengestellt von Dagmara Kraus, die Gedichte stammen aus dem Band solange noch Liebesbriefe eintreffen, Schöffling 1997, 1999, 2005.
Kenneth Rexroth
(* 22. Dezember 1905 in South Bend, Indiana; † 6. Juni 1982 in Santa Barbara, Kalifornien)
Between Two Wars
Remember that breakfast one November —
Cold black grapes smelling faintly
Of the cork they were packed in.
Hard rolls with hot, white flesh,
And thick, honey sweetened chocolate?
And the parties at night; the gin and the tangos?
The torn hair nets, the lost cuff links?
Where have they all gone to,
The beautiful girls, the abandoned hours?
They said we were lost, mad and immoral,
And interfered with the plans of the management.
And today, millions and millions, shut alive
in the coffins of circumstance,
Beat on the buried lids,
Huddled in the cellars of ruins, and quarrel
Over their own fragmented flesh.
ERINNERST DU DICH...
Erinnerst du dich an jenes Frühstück im November –
Kühle, schwarze Trauben, die schwach
Nach dem Kork ihrer Verpackung rochen,
Getoastetes Brot mit weißem Fleisch
Und dicke, honiggesüßte Schokolade?
Und die Parties nachts; der Gin und die Tangos?
Die zerrissenen Schleier, die Türklinken,
die nicht wiederzufinden waren?
Wo gingen sie alle hin,
Die schönen Mädchen, die einsamen Stunden?
Man sagte, wir seien verloren, unmoralisch, verrückt,
Und kam mit Wirtschaftsplänen dazwischen,
Und heute schlagen Millionen,
Die in den Sarg der Verhältnisse eingesperrt sind,
Gegen die unter Erde vergrabenen Stirnen,
Drängen sich in verfallenen Kellern und hadern
Über ihr eignes, in Fetzen zerrissenes Fleisch.
Deutsch von Kurt Heinrich Hansen, aus: Gedichte aus der Neuen Welt. Amerikanische Lyrik seit 1910. Eingeleitet und übertragen von Kurt Heinrich Hansen. München: Piper, 1956, S. 52
Zeit für etwas Weihnachtsstimmung (oder war es Ostern? Macht nichts.) Hier ein anonymes Gedicht aus dem französischen Mittelalter, mehr als 700 Jahre alt. Wirklich!
Großen Aufruhr machten
zwei Fürze, die eine Maus
in Salz einlegten.
Zwei Öfen fielen herab,
und zwei Säue sangen
im Innern eines Fasses.
Es sprachen viel von dem und jener
zwei Mäuse, die Reims
und Paris auf einem Pfahl wegtrugen,
so dass Ostern hinter Weihnachten
laut deswegen weinte.
Grant noise faisoient
Dui pet qui metoient
Une suris en sel.
Dui four en tomboient;
Deus truies chantoient
Parmi un tynel.
Molt parloient d'un et d'el
Deus suris qui emportoient
Rains et Paris sor un pel,
Si que forment em plouroient
Pasques derierre Noel.
Die deutsche Version ist von Ralph Dutli, der offenbar als erster diesen Schatz absurder altfranzösischer Poesie ins Deutsche trug. Das Gedicht stammt aus einem Manuskript aus dem 13. Jahrhundert aus der Stadt Arras in Nordfrankreich. „Fatrasien-Labor“ nennt Dutli sie in seinem Nachwort, das betreffende Kapitel trägt den Titel „Arras oder die Neuerfindung der Poesie“. Über die Form der Fatrasie erfahren wir, dass es elfzeilige Gedichte sind („Die Zahl elf ist konstitutiv. Sie bedeutet mehr als zwei Handvoll und weniger als ein Dutzend.“). Die ersten 6 Verse haben 5 Silben und die letzten 5 haben 7 Silben. Zwei Reime durchziehen den Elfzeiler nach einem festen Schema: aabaab / babab. Lesen Sie mal das Reimschema laut: a-a-b a-a-b – babab!
Verständlicherweise kommt die deutsche Fassung ohne Reim und strenges Silbenmaß. Um dem Schema genugzutun, müsste man schon selbsteigene Fatrasien schreiben (hat es in Deutschland schon jemand versucht? Wissenslücke!). Knapp und paradox (also poetisch) ist sie trotzdem.
Quelle der Texte: Ralph Dutli: Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters. Göttingen: Wallstein, 2010, S. 45.
Julius Wilhelm Zincgref
(* 3. Juni 1591 in Heidelberg; † 12. November 1635 in St. Goar)
Liedt
[gekürzt]
MEin feines Lieb ist fern von mir,
Ich hat mit jhr sehr kurtze frewdt,
Sehr kurtze frewdt hat ich mit jhr,
Das macht mir desto grösser leidt,
Mein Tag bring ich mit seuftzen zu,
Mit lauter Vnruh meine Ruh:
Mein Hertz hat sie genommen mit,
Es halff kein Klag, es halff kein Bitt.
[...]
Ach liebstes Lieb, kehrt wieder vmb,
Kehrt vmb, ach liebstes Liebelein,
Eh dann ich gantz vnd gar vmbkumb,
Vnd gebt mir nur ein Zeichen klein,
Kan es nit mit dem Leibe sein,
So last es doch ein Schreiben sein,
Hab ich so vil genad bey euch,
So frag ich nach keim Königreich.
Aus: Auserlesene Gedichte Deutscher Poeten gesammelt von Julius Wilhelm Zinkgref, 1624 (= Neudrucke deutscher Litteraturwerke des 16. und 17. Jahrhunderts, Band 15), neu herausgegeben von Wilhelm Braune, Halle (Saale): Niemeyer, 1879, S. 21f
Mehr im Lyrikwiki
Einmal noch Rumi für den 750. Todestag, der vorgestern war. Das wäre für jedes Vierteljahrtausend eins. Heute ein Auszug aus der großen Dichtung aus 25000 Doppelversen, Masnawi. Aus Buch IV die (Doppel-) Verse 2245 bis 2265.
Die Geschichte vom gefangenen Vogel, der Folgendes riet: »Bereue nichts Vergangenes, kümmere dich um die jetzigen Bedürfnisse und verbring deine Tage nicht mit Reue!«
Mit List und Falle fing ein Mann 'nen Vogel,
der Vogel sprach zu ihm: »Oh edler Meister,
wie viele Ochsen aßt du schon und Schafe,
wie oft schon hast du ein Kamel geopfert;
nie in der Welt wurdst du davon je satt,
und auch von meinen Gliedern wirst du's nie.
Befrei mich, dass ich dir drei Ratschläg gebe,
dann weißt du, ob ich klug bin oder dumm.
Den ersten geb ich dir auf deiner Hand,
den zweiten dann auf deinem Lehmdach oben,
den dritten Rat geb ich dir auf dem Baum;
durch diese Ratschläg wirst du glücklich werden.
Der Rat auf deiner Hand ist dieses Wort:
›Glaub keinem, wenn er dir mit Unsinn kommt!‹«
Kaum hatt' er auf der Hand den Rat gegeben,
war er schon frei, flog auf die Mauer und
sprach: »Zweitens: Traure nie Vergangnem nach!
Bedaure nicht, was dir entgangen ist!«
Und dann: »In meinem Leib versteckt ist eine
sehr rare Perle, die zehn Dirham wiegt;
und diese Perle war, so wahr du lebst,
dein großes Glück und jenes deiner Kinder,
nicht ihresgleichen hat sie auf der Welt,
doch du hast sie verpasst, hast Pech gehabt.«
So, wie 'ne Frau bei der Geburt laut klagt,
geriet der Meister in ein lautes Jammern.
Der Vogel sprach: »Hab ich dir nicht geraten,
all dem, was gestern war, nicht nachzutrauern?
Was grämst du dich dann wegen dem Vergangnen?
Begriffst du nicht den Rat? Bist du wohl taub?
Den zweiten Rat gab ich dir, dass du nie
vom Weg abkommst und jeden Unsinn glaubst.
Drei Dirham wieg ich selber nicht, du Löwe,
wie trüg ich da zehn Dirham in mir drin?«
Der Meister kam erneut zu sich und sprach:
»Jetzt aber gib den dritten guten Rat!«
Er sprach: »Ja, fein genutzt hast du die Ratschläg!
Den dritten gäb ich dir doch auch vergeblich.«
Einen verschlafnen Dummkopf zu beraten,
heißt Saat ausstreun auf unfruchtbaren Boden.
Auf Dumme sollst du Weisheitssaat nicht säen,
denn nie sind ihre Risse zuzunähen.
Aus: Dschalal ad-Din Rumi: Masnawi. Gesamtausgabe in zwei Bänden. Zweiter Band. Buch IV-VI. Aus dem Persischen von Otto Höschle. Xanten: Chalice, 2021, S. 887f.
Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi. (Übersetzt von Friedrich Rückert)
Die Ghasele oder das Ghasel ist eine kunstvolle Gedichtform, bei der die ersten beiden Zeilen reimen und dieser eine Reim dann über das ganze Gedicht in jeder zweiten Zeile wiederholt wird (Monoreim). In der Regel baut der Dichter am Ende seinen eigenen Namen ein. Dschelaleddin, das ist Rumi. Die Reime sind oft länger als die bei uns üblichen Formen einsilbig (männlich, wie Herz/Schmerz) oder zweisilbig (weiblich, wie Liebe/Triebe). Rückert gelingt ein fünfsilbiger Reim ohne eine einzige Wiederholung: Frage, wo ist er? / Tage, wo ist er…
Nach welchem ich frage, wo ist er?
Den in mir ich trage, wo ist er?
Der ragende Baum der Gedanken,
An den ich nicht rage, wo ist er?
Ich frage die Hüter am Wege:
Der Schönste im Hage, wo ist er?
Ich frage die Wächter des Weinbergs:
Der Schöne der Tage, wo ist er?
Ich streiche durch Wälder und Felder:
Der Hirsch, den ich jage, wo ist er?
Ich frage den Mond und die Sonne:
Beim Sternengelage, wo ist er?
Er ist nicht bei mir; bei den andern,
Wo ist er? ich klage, wo ist er?
Dschelaleddin, wenn du ihn fandest,
Ich such' ihn, o sage, wo ist er?
Mehr bei Projekt Gutenberg

Zwiesprache mit Rumi
Kalligraphie von 1278 (5 Jahr nach Rumis Tod)
Fotos aus dem Rumimuseum und -mausoleum in Konya, Gratz

Heute vor 750 Jahren starb der islamische Mystiker und Dichter Dschalal ad-Din Rumi, der im Westen meist kurz Rumi genannt wird, im Persischen Maulawī und im Türkischen Mevlevi. Geboren wurde er nach der Überlieferung am 30. September 1207 in Balch im heutigen Afghanistan (oder in Wachsch, heute in Tadschikistan). Gestorben ist er am 17. Dezember 1273 in Konya in der heutigen Türkei.


Rumis Grab in Konya wird täglich von vielen Verehrern und Touristen besucht. Lesen können ihn die wenigsten, weil er auf Persisch schrieb.
Fotos: Gratz
Zum Anlass werde ich in den nächsten Tagen einen kleinen Rumi-Block veröffentlichen. Heute ein Gedicht aus seinem Diwan in der deutschen Fassung von Johann Christoph Bürgel, gefolgt von einem Kommentar des Herausgebers und Übersetzers.
Ist keine Flut gekommen, doch wurden wir benetzt;
Fuß lief in keine Schlinge und liegt in Fesseln jetzt.
Wir tranken keinen Tropfen und wurden doch berauscht,
wir sahen nie ein Schachbrett, und sind doch mattgesetzt.
Wir sahen nie ein Schlachtfeld und doch, wie sich im Wind
die schönen Locken lösen, sind wir versprengt, zerfetzt.
Wir sind ein Schatten jenes Idoles, ja mich dünkt,
daß uns das Bild von Götzen seit Urbeginn ergötzt.
Der Schatten scheint zu wesen und west und währt doch nicht.
So sind auch wir ein Nichts nur, den Schatten gleich geschätzt.
Diese Verse sind ein typisches Beispiel für das bei allen Mystikern so beliebte Reden in Paradoxen: Der Mystiker ertrinkt in einer Flut, die nicht die des Meeres ist, er fällt ohne Schlingen in die Fesseln mystischer Liebe, der himmlische Schachspieler setzt ihn matt ohne ein Schachbrett. Der Vergleich mit den Locken entstammt der Liebespoesie: Die Krümmungen und Brüche der Haare der Geliebten krümmen und zerbrechen, schlimmer als jede Waffe, den Liebenden. Der Liebende wie der Mystiker ist vernarrt in das schöne Idol. Beide sind Götzenanbeter in dem Sinn, daß sie in der irdischen Erscheinung das Göttliche erkennen und verehren. Das Idol verhält sich zu Gott wie der Liebende zum Idol. Das ist ein Stück neuplatonischer Hierarchie des Seins. Der Schatten, der schwindet, kehrt ins Licht zurück. Am Ende der Abbildverehrung steht die Verschmelzung mit dem Urbild.
Johann Christoph Bürgel, in: Rumi, Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Johann Christoph Bürgel. München: C.H. Beck, 2003, S. 65.
Hermann Broch
(* 1. November 1886 in Wien; † 30. Mai 1951 in New Haven, Connecticut)
STIMMEN
Als die Männer zurückkehrten aus dem Krieg,
dessen Schlachtfelder brüllende Leerheit
gewesen waren, da fanden sie daheim genau
dasselbe, kanonengleich brüllend die Leere
der Technik, und wie auf den Schlachtfeldern
hatte das Menschenleid sich in die Winkel der
Vakuumräume zu verkriechen, umwittert von
deren Schreckensheiserkeit, mitleidlos umwittert vom
rohen Nichts.
Da war es den Männern, als hätten sie nicht
zu sterben aufgehört,
und sie fragten, was alle Sterbenden
fragen: wohin, ach, wohin haben wir
unser Leben vertan? Was hat uns in
solche Leerheit hineingestellt und
dem Nichts anheimgegeben? Ist das
wirklich des Menschen Bestimmung und
sein Los? Soll unser Leben wirklich
keinen anderen Sinn als diesen Nicht-Sinn
gehabt haben?
Indes, die Antworten auf die Fragen waren
selbsterteilte, und demzufolge waren sie
wieder nur leere Meinungen, wieder nur das
leere Nichts,
eingebettet im Nichts, geformt vom Nichts
und daher vorbestimmt, wiederum abzugleiten
zur Wirrnis der Überzeugungen, die den
Menschen zwingen, aufs neue sich aufzuopfern,
aufs neue wie im Kriege,
aufs neue in unheilig-hohler Heldischkeit,
aufs neue in einem Tod ohne Märtyrertum,
aufs neue im leeren Opfer, das nimmermehr
über sich hinauswächst.
Wehe über eine Zeit der hohlen Überzeugungen
und hohlen Opfer!
Aus: Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden, herausgegeben von Achim Roscher, Berlin: Verlag der Nation, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage), S. 235
Ferdinand Hardekopf
(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)
Paul Raabe nannte Hardekopf den „heimlichen König des Expressionismus“.
Spleen
Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht
Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
Und mahnte [3 Uhr 2]: «Ein Spuk-Gedicht,
Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!»
Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
Da stieg die Dame Angst [-Berlin] reell
Auf ihr imaginäres Karussell.
Ein Schneiderkleid umpresste mit Radau
Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau.
Doch das Zitronen-Ei [um 3 Uhr 5 genau]
Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. –
Nachhüstelnd, matt-dosiert: « Macabre-Bar!
Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
Ein Gruss: du noctambules Seminar!»
... So. 3 Uhr 10. Wie süss verwirrt ich war!
Aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, S. 78 (Lizenzausgabe der Arche, Zürich 1965. Ursprünglich erschien die Anthologie 1946)
Elisabeth Langgässer
(* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe)
Frühling 1946
Holde Anemone,
Bist du wieder da
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenem zum Lohne
Wie Nausikaa?
Windbewegtes Bücken,
Woge, Schaum und Licht!
Ach, welch sphärisches Entzücken
Nahm dem staubgebeugten Rücken
Endlich sein Gewicht?
Aus dem Reich der Kröte
Steige ich empor,
Unterm Lid noch Plutons Röte
Und des Totenführers Flöte
Grässlich noch im Ohr.
Sah in Gorgos Auge
Eisenharten Glanz,
Ausgesprühte Lügenlauge
Hört ich flüstern, daß sie tauge,
Mich zu töten ganz.
Anemone! Küssen
Lass mich dein Gesicht:
Ungespiegelt von den Flüssen
Styx und Lethe, ohne Wissen
Um das Nein und Nicht.
Ohne zu verführen,
Lebst und bist du da,
Still mein Herz zu rühren,
Ohne es zu schüren –
Kind Nausikaa!
Aus: Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden, herausgegeben von Achim Roscher, Berlin: Verlag der Nation, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage), S. 378 (Vorlage: Elisabeth Langgässer, De profundis. München: Kurt Desch, 1946)
Robert Gernhardt
Zu zwei Sätzen von Eichendorff
Dämmrung will die Flügel spreiten,
wird uns alsobald verlassen,
willst du ihren Flug begleiten,
mußt du sie am Bürzel fassen.
Freilich, mancher, der so reiste,
fiel aus großer Höh' hinunter,
weil er einschlief und vereiste.
Hüte dich, bleib wach und munter.
Aus: Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte 1954 – 2006. Frankfurt am Main: S.Fischer, 2010. (2. Auflage), S. 98.
Man weiß, dass das Werk der griechischen Dichterin Sappho zum überwiegenden Teil in Fragmenten überliefert ist. In der Anthologie „Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden“, die, herausgegeben von Achim Roscher, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage) im Ostberliner Verlag der Nation erschien, findet sich dies:
LASST MICH
Laßt mich heut Anaktorias, der schon mir
Fernen, gedenken!
Lieber säh ich ihre geliebten Schritte
Und das Spiel auf ihrem beglänzten Antlitz
Als die Wagen lydischen Landes und in
Waffen das Fußvolk.
Als Übersetzer ist Ernst Morwitz genannt, Quelle ist die Anthologie „Lyrik der Welt“, herausgegeben von Fritz Jaspert beim Safari-Verlag Berlin 1953.
Die zweite Strophe ist eine komplette Odenstrophe, eine sapphische Ode, wie sie vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in der deutschen Lyrik gepflegt wurde. Sie besteht aus drei rhythmisch vordrängenden Elfsilblern und einer kurzen, fünfsilbigen Zeile (Adoneus), die die rhythmische Bewegung zum Stillstand bringt. Der Eindruck des Vorwärtsdrängens entsteht vor allem durch einen Daktylus im dritten Versfuß oder Takt:
Lieber | säh ich | ihre ge | liebten | Schritte
Kurz gesagt, das Gedicht sieht aus wie eben ein Sapphofragment aussieht. Man könnte eine Sapphoausgabe durchblättern und nach sechszeiligen Fragmenten durchsuchen. Das geht ziemlich schnell, eine zweisprachige Gesamtausgabe aller Gedichte und Fragmente braucht nicht viel mehr als 200 Seiten. Man wird es aber nicht finden. Morwitz hat tatsächlich ein Stück aus einem der wenigen längeren Gedichte der Dichterin herausgebrochen. Von dem Fragment Voigt 16 sind die ersten drei Strophen fast vollständig überliefert, die vierte hat größere Lücken und die fünfte ist wieder vollständig. Es folgen noch drei Strophen, von denen nur Reste, genauer gesagt nur Wortreste vorhanden sind. Morwitz lässt die 3 kompletten Anfangsstrophen weg, sein Fragment eines Fragments nimmt die zwei letzten Zeilen der fragmentarischen vierten und die vollständige fünfte Strophe.
Dass das Fragmentarische seinen eigenen Reiz hat, haben wir nicht zuletzt an den Sapphofragmenten gelernt – wenn ich nicht irre, lange bevor die japanischen Tanka und Haiku in europäische Sprachen übersetzt wurden. Morwitz lässt den Eingang des Gedichts mit einer berühmten Priamel in Strophe eins einfach weg wie klassischen Bildungsballast und komprimiert die „love-not-war“-Botschaft des alten Texts in sechs Zeilen.
Ich ergänze seinen Text durch die zweite Hälfte des Gedichts, von der Stelle, mit der Morwitz einsetzt, bis zum Schluss in 3 Versionen: dem griechischen Original und zwei Fassungen aus zweisprachigen Gesamtausgaben, der deutschen von Andreas Bagordo (Sammlung Tusculum 2009) und der englischen von Ann Carson: If not, Winter. Fragments of Sappho (Vintage Books, 2003). Vorangestellt noch einmal die Fassung von Morwitz mit Zeilennummern.
Laßt mich heut Anaktorias, der schon mir
16 Fernen, gedenken!
Lieber säh ich ihre geliebten Schritte
Und das Spiel auf ihrem beglänzten Antlitz
Als die Wagen lydischen Landes und in
20 Waffen das Fußvolk.


13 ... b)iegsam ...
... leichthin ...
lässt auch mich nun an Anaktoria denken,
16 die nicht hier ist,
deren verführerischen Schritt ich und das glänzende
Funkeln des Antlitzes lieber sehen möchte
als der Lyder Kriegswagen und gewappnete
20 Fußtruppen.
... es ist nicht möglich ...
(dass die) Mensch(en ..., aber sie können, um) ihren Anteil
zu haben, beten
24 ...
...
...
...
28. zu ...
so ...
...
...
32 unerwartet.
]for
]lightly
]reminded me now of Anaktoria
16 who is gone.
I would rather see her lovely step
and the motion of light on her face
than chariots of Lydians or ranks
20 of footsoldiers in arms.
]not possible to happen
]to pray for a share
]
]
]
]
]
toward[
]
]
]
32 out of the unexpected.
Daniel Böswirth
ich hab das schild, ihr seid die bürger
ich lebe wild, ihr heißt hans würger
ihr tragt das schild, ich kriech da raus
ihr bleibt zu haus, ich geb ‘nen aus
ich lebe frei, ihr seid die beuter
schwimm nach hawaii, ihr sammelt kräuter
ihr tragt das schild, seid vor wut bürger
ich geb ‘nen aus, ihr kommt da nicht raus
ich bin die kröte, hab reimnöte
und ihr klappt zu . . .
als ob euch goethe mehr böte
Aus: Daniel Böswirth, von den bösen viechern. mit linolschnitten des autors. Vorwort von Gerhard Jaschke. Wien: Fürth ohne th Verlag, 2023, S. 71

Gestern war der 80 Geburtstag des Dichters und langjährigen Hanserchefs Michael Krüger. Hier ein Gedicht aus seinem Band „Die Dronte“ (1985), für den er 1986 mit dem Huchelpreis ausgezeichnet wurde.
Michael Krüger
(* 9. Dezember 1943 in Wittgendorf, Landkreis Zeitz)
Ein Naturforscher
1
Nur bei Tageslicht
soll er ihn führen:
der Herr wünscht alles zu sehen.
Jeden Stein am Wegesrand,
jedes Würmchen,
kurz: jede Schweinerei.
2
Der Herr sammelte
etwa dreitausend Pflanzen
in seinem Herbarium.
Mein lebendiges Gedächtnis,
pflegte er zu sagen,
das nie verblüht.
3
Den Himmel
betrachtete er selten,
selten das Fenster,
in den Himmel gezeichnet.
Er hielt wenig von der Mythologie.
4
Wir dürfen aber nicht das,
was wir nicht begreifen können,
aus dem Grunde,
weil wir es nicht begreifen können,
leugnen.
5
Gern erzählte er
von einem Kollegen,
der beim Anblick eines Pferdeschädels
wußte, wie die Natur
zu ordnen sei.
6
Die Welt wurde heller
unter dem Glas,
doch der Herr schrieb
eine Festschrift
für den Schatten.
Viel traute er
seinem Jahrhundert nicht zu.
7
Roß, Pferd, Gaul, Mähre:
zu viele Namen
erschweren die Ordnung.
Und die Ordnung
war selbst unter denen,
die einander zur Ordnung riefen,
nicht herzustellen.
8
»... er gab sich alle Mühe,
uns glaubhaft zu erläutern,
was ein Baum sei«,
notierte er. Es war die Zeit,
da Beobachtung dem Urteil
vorausging.
Über die Kindheit der Erde
sollten Knochen Rede stehen.
9
Schon war es nicht mehr möglich,
von allem Vorhandenen
Kunde zu erhalten.
Alles Entstehende
machte ihn bitter.
10
Sein Husten wurde lauter
und begrub ihn schließlich.
Im Koma sprach er
in fremden Sprachen,
meistens hawaiisch.
11
Wie eine Warnung
klang die Geschichte
der Einwohner von Los Velos,
die nacheinander Handwerk,
Künste, ja die Sprache
ihrer Väter verlernten.
12
Wo der gesittete Mensch
einwandert, verändert sich
vor ihm die Natur.
Dem bleibt nichts hinzuzufügen.
13
Da er vor der Zeit arbeitete,
wurde er mißverstanden.
Nur sein Schatten blieb haften
auf einer zerfallenden Erde.
Aus: Michael Krüger: Die Dronte. Gedichte. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1988, S. 14ff (zuerst 1985 bei Hanser)
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