Jehuda Amichai
(hebräisch יְהוּדָה עַמִּיחַי Jəhūdah ʿAmmīchaj; * 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem; eigentlich Ludwig Pfeuffer, 1946 Namensänderung zu Amichai, hebr. „Mein Volk lebt“)
Sieben Klagen für die Gefallenen
4
Ich stieß auf ein altes Zoologiebuch,
Brehm, Band II, Vögel:
In süßer Sprache eine Beschreibung vom Leben der Stare,
Drosseln und Schwalben.
Mit Fehlern, aber mit viel Liebe, stand in alten gotischen
Lettern:
»Unsere gefiederten Freunde« wandern von uns in wärmere
Länder. Nest,
gesprenkeltes Ei, dünnes Federkleid, Nachtigall,
Storch, »Boten des Frühlings«, Rotkehlchen.
Erscheinungsjahr: 1913, Deutschland,
am Vorabend des Krieges, der Vorabend meiner Kriege war.
Mein guter Freund, der in meinen Armen starb,
in seinem Blut, am Strand von Ashdod im Juni 1948.
O mein Freund,
Rotkehlchen.
5 Dicky wurde getroffen wie der Wasserturm von Jad Mordechai. Getroffen. Ein Loch im Bauch. Alles kam herausgeflossen. Aber er blieb so stehen in der Landschaft meines Erinnerns, wie der Wasserturm von Jad Mordechai. Er fiel nicht weit von hier, ein bisschen nördlich von Chuleikat.
Aus: Jehuda Amichai: Gedichte. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Hans D. Amadé Esperer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018, S. 53f
Albert Ehrenstein
(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; † 8. April 1950 in New York)
Leid Wie bin ich vorgespannt den Kohlenwagen meiner Trauer! Widrig wie eine Spinne bekriecht mich die Zeit. Fällt mein Haar, ergraut mein Haupt zum Feld, darüber der letzte Schnitter sichelt. Schlaf umdunkelt mein Gebein. Im Traum schon starb ich, Gras schoß aus meinem Schädel, aus schwarzer Erde war mein Kopf.
Aus: Versensporn 55. Albert Ehrenstein. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 8.
Papenfußserie #7. Nach tiské (1991) erschien mit nunft ein zweites (und letztes) Buch von Bert Papenfuß beim Göttinger Steidl-Verlag. Es sind eigentlich zwei Bücher: Während auf etwa 70 Seiten Gedichte und Zeichnungen aufeinander folgen, stehen am unteren Rand in gedrängtem Layout weitere 26 römisch nummerierte Texte, die nur teilweise von Papenfuß sind. Text I zum Beispiel beginnt flott daktylisch so: „Hurtig ihr Lendiger, hurtig ihr Brüder / die ihr viel Jahre in eurem Geflieder / habt viel Gallen und manches Gefahr / emsig durchstromt bey Paßgehender Schaar.“ Es ist ein Gedicht von Wenzel Scherffer von 1657, gemischt „Teutsch“ mit „Feld- oder Rotwälsch“.
Das „eigentliche“ Buch besteht aus drei Zyklen, noxe, pathognosis und nunft. Hier ein kurzes Gedicht aus dem mittleren Zyklus.
Bert Papenfuß
(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin)
DER WILLE ZUM GEDICHT bricht
sich bahn,
kollege kommt gleich
zu den waffen
ergossend ersah ich
zartsächlichkeit im tümeleitaumel
sexlichkeit ist eine zier
ich schreibe so laut ich kann
aber es ist dunkel
& mich labt angst
Aus: Bert Papenfuß-Gorek, NUNFT. FKK / IM. endart . novemberklub. Göttingen: Steidl, 1992, S. 29
Dem Buch liegt eine CD bei mit den 26 Neben- oder Untertexten, gesungen vom „Novemberklub (Musikalischer Arm der LAF)“.
Theodor Kramer
(* 1. Januar 1897 in Niederhollabrunn, Österreich-Ungarn; † 3. April 1958 in Wien)
Andre Mählich wird's im kahlen Zimmer trüber, und in meinen Knochen nagt der Fraß; andre gehen draußen rasch vorüber, andre liegen im betauten Gras. Wüst im Spiegel bin ich anzuschauen und die Winkel schneiden scharf sich ein; andre scherzen im Café mit Frauen, andre trinken ihren Stutzen Wein. Sparsam füg ich in beschwingte Zeilen, was durch mich bis an mein Ende zuckt; andre können lang im Wort verweilen, andre werden jeden Tag gedruckt.
Aus: Theodor Kramer, Gesammelte Gedichte, Bd. 3. Hrsg. Erwin Chvojka. Wien: Europa Verlag, 1987, S. 518
Luis Cernuda
(* 21. September 1902 in Sevilla; † 5. November 1963, heute vor 60 Jahren, in Mexiko-City)
Laßt mich einsam
Eine Wahrheit ist aschenfarben,
Die andere Wahrheit planetenfarben,
Alle Wahrheiten aber, vom Erd- zum Himmelsgrund,
Haben ohne Wahrheitsfarbe keinen Wahrheitswert,
Wahrheit, die nicht weiß, wie der Mensch dazu neigt, sich
zu verwirklichen im Schnee.
Was die Lüge angeht, so genügt es zu sagen „Ich liebe",
Und schon sprießt zwischen den Steinen
Ihre Blume auf, die anstelle der Blätter Küsse leuchten läßt,
Dornen anstelle von Dornen.
Wahrheit, Lüge,
Zwei Lippen, blau,
Die eine spricht, die andere spricht,
Nie aber geben Wahrheit und Lüge ihr gewundenes
Geheimnis preis;
Wahrheit wie Lügen
Sind Vögel, die fortziehn, wenn die Augen sterben.
Aus dem Spanischen von Erich Arendt (einige Nachdichtungen entstanden mit Hilfe von Katja Hayek-Arendt), aus: Luis Cernuda, Das Wirkliche und das Verlangen. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1978, S. 45
Dejadme solo
Una verdad es color de ceniza,
Otra verdad es color de planeta:
Mas todas las verdades, desde el suelo hasta el suelo,
No valen la verdad sin color de verdades,
La verdad ignorante de cómo el hombre suele encarnarse
en la nieve.
En cuanto a la mentira, basta decirle «quiero»
Para que brote entre las piedras
Su flor, que en vez de hojas luce besos,
Espinas en lugar de espinas.
La verdad, la mentira,
Como labios azules,
Una dice, otra dice;
Pero nunca pronuncian verdades o mentiras su secreto torcido;
Verdades o mentiras
Son pájaros que emigran cuando los ojos mueren.
Ebd. S. 44
Jehuda Amichai
(hebräisch יְהוּדָה עַמִּיחַי)
(* 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem)
Meine Mutter buk mir die ganze Welt Meine Mutter buk mir die ganze Welt in süßen Kuchen. Meine Geliebte füllte mein Fenster mit Sternrosinen. Und die Sehnsucht ist in mir eingeschlossen wie Luftblasen in einem Brotlaib. Außen bin ich glatt und still und braun. Die Welt liebt mich. Doch mein Haar ist traurig wie das Schilf in einem ausgetrockneten Sumpf – alle seltenen, schön gefiederten Vögel fliehen vor mir.
Aus dem Hebräischen von Lydia Böhmer und Paulus Böhmer, aus: Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie. Hrsg. Michael Krüger und Holger Pils. München: Hanser. Lyrik Kabinett. 2019, S. 115

Kornelia Koepsell
ES MUSS NICHT STIMMEN Es muß nicht stimmen, daß die festliche Fülle verging, es muß nicht stimmen, daß niemand die Wolkenschrift liest. Es muß nicht stimmen, daß der Vogel die Flügel nicht hob. Es muß nicht stimmen, daß die Tiefe des Himmels alles verschlingt. Es muß nicht stimmen, daß nichts mehr stimmt. Daß die Unwirtlichkeit nie wieder eine Wunderquelle hervorbringt.
Aus: Sinn und Form 6/2023, S. 766
Adam Zagajewski
(* 21. Juni 1945 in Lemberg/Lwiw, Ukrainische SSR; † 21. März 2021 in Krakau)
Bleistift Die Engel haben keine Zeit mehr für uns; sie arbeiten jetzt für künftige Generationen – über Schulhefte gebeugt, schreiben und radieren sie, korrigieren die komplizierten Muster des nahenden Glücks, im Mund haben sie einen dicken gelben Bleistift – wie Kinder in der ersten Stunde, unter den Augen der Lehrerin, die sanft lächelt.
Aus dem Polnischen von Karl Dedecius, aus: Poesiealbum 377. Adam Zagajewski. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 31
Wind, der nicht aufhört
Für Gábor Hajnal
Wieder schaufelt er Sterne,
Nachtmünzen, für die keiner ein Brot gibt,
Sterntaler, die wir schuldig bleiben.
Augensterne, unzählig erstarrte,
herzzerreißende Judensterne ...
Und die Finsternis hat's nicht begriffen.
Aus: Poesiealbum 380. Christine Busta. Auswahl Jürgen Israel. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 13
Zahava Khalfa
Geboren 1974 in Alma in Nordisrael, lebt in Berlin
WORTE
Du schaffst es nicht immer, deine Lippen zusammenzuhalten.
Um sie mit Zunge und Zähnen festzuhalten.
Manchmal, ohne dass du es bemerkst, entschlüpft dir
ein Wort.
Wie ein schwarzer Eisenblock fliegt es im Bogen.
Und bombardiert.
Dann beißt du dir auf die Lippen.
Die Zähne halten die Reste fest.
Und in den Augen siehst du die Ruinen.
Von den Worten.
Ins Deutsche übertragen von Adrian Kasnitz, aus: Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz. Köln: Parasitenpresse, 2019, S. 53
AUSCHWITZ
Fressen unsre Leichen Raben? Müssen wir vernichtet sein?
Sag, wo werd ich einst begraben –
Herr, ich will nur Freiheit haben, Und der Heimat Sonnenschein.
Ruth Klüger
(geboren am 30. Oktober 1931 in Wien; gestorben am 5. Oktober 2020 in Irvine, Kalifornien)
Ruth Klüger schrieb dieses Gedicht 1944, mit 13 Jahren, im Konzentrationslager Auschwitz.
Aus: Michael Moll/Barbara Weiler (Hrsg.): Lyrik gegen das Vergessen. Gedichte aus Konzentrationslagern. Marburg: Schüren, 1991, S. 131
Stefan Schmitzer
Aus: ballade vom trendscout
1
darum geht es, nichtwahr, anschluss
finden, das wort zischt, schmeckt
wie auf diesen gelagen der wein, also anschluss
also der leib das territorium die sehn
sucht rape me my friend also so zwischen blick
und welt und da geht es drum an die diskurse sich
anzuschließen die sounds und die mode-
klitzekleinigkeiten damit man was mitkriegt nicht starr
wird im schädel nicht altert potenz
***
wäre auch so n wort also
anschluss der körper als ein surrogat
für ein sudetenland oder so eine ostmark für den
war dog im hinterkopf dieser traumfigur also
an die wand projiziert vorgestern nacht
da lagen wir
in einem ganz anderen krieg die fronten
zu begradigen einander näherzubringen also
dieses ganze vokabular der vereinzelung
und so einsam sind wir denn doch nicht stehen alle
jeder für sich an einem der fenster
und schauen runter oder
***
gehen rauf aufs dach so
treppenhaus fünfzehnstöckig flachdach tiefliegende wolken
wer warst du damals nochmal wer war ich also
schaust runter zigarette barbourjacket sonnenbrille hast einen
überblick
und sagst das auch überblickst und fügst aber hinzu selbst das
hier pose
Aus: Stefan Schmitzer, zwei primitive balladen. Berlin: SuKuLTuR, 2010, S. 3f
Christian Morgenstern
(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn)
DER DICHTER Ein lang Gewand streng wallender Terzinen, des blauer Saum die Erde fast berührte, umfloß den Dichter, wie er mir erschienen. Die edlen Füße staken in Sonetten, indes das Band, das ihm die Stirne schnürte, aus Epigrammen war, gleich goldnen Bienen, die sich im Mondschein aneinanderketten. So schritt er sanft und schürzte sein Ghasel, gelassen, gleich dem stolzen Beduinen. Ich barg mein Haupt am Rhythmus der Terzinen ... Fern graste der Gewöhnlichkeit Kamel.
Aus: Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Band II. Humoristische Lyrik. Herausgegeben von Maurice Cureau. Stuttgart: Urachhaus, 1990, S. 395.
Bertolt Brecht
Wir spielen die Zieharmonika leiden- schaftlich und schleifen d[ie]as Messer bei Zeiten. Wir wälzen uns gerne im weichsten Fladen Aber beim Sterben sind wir Soldaten.
Aus: Bertolt Brecht: Notizbücher. Hrsg. Martin Kölbel und Peter Villwock im Auftrag bdes Instituts für Textkritik Heidelberg und der Akademie der Künste Berlin). Band 1. Notizbücher 1 bis 3. 1918-1920. Berlin: Suhrkamp, 2012, S. 48
Yunus Emre
(* um 1240; † um 1321, anatolischer Dichter)
Wir scheiden nun aus dieser Welt Wir scheiden nun aus dieser Welt Den Bleibenden gilt unser Gruß Die bitten hier für unser Wohl Den Betenden gilt unser Gruß. Es krümmt das Kreuz die Todesstunde Sie lähmt die Zunge uns im Munde Besorgt fragt Ihr nach uns, die siech darniederliegen Den Fragenden gilt unser Gruß. Den Leichnam seht Ihr nackt und bloß Das Totenhemd wird zugeschnitten Die uns mit leichter Hand nun waschen Den Waschenden gilt unser Gruß. Lasst laut den Ruf vom Minarett erschallen Für uns, die wir den Weg zum Freund nun wallen Kniet nieder zum Gebet für unsere Seele Den Flehenden gilt unser Gruß. Denn dieser Weg in der bestimmten Todesstunde Ist ohne Rückkehr allen uns beschieden Wenn Ihr von unserem Schicksal Kunde wollt Den Fragenden gilt unser Gruß. Der arme Yunus hat dies Wort gesprochen Voll Tränen ist sein Augenpaar Wer uns nicht kennt, nun gut, sei’s drum, Denen, die uns kennen, gilt unser Gruß.
Aus dem Türkischen von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag, 1993, S. 85
Biz dünyadan gider olduk Biz dünyadan gider olduk Kalanlara selâm olsun Bizim için hayır dua Kılanlara selâm olsun. Ecel büke belimizi Söyletmiye dilimizi Hasta iken halimizi Soranlara selâm olsun. Tenin ortaya açıla Yakasız gömlek biçile Bizi bir âsan veçhile Yuyanlara selâm olsun. Selâ vereler kastımıza Gider olduk dostumuza Namaz için üstümüze Duranlara selâm olsun. Eceli gelenler gider Küllisi gelmez yola gider Bizim halimizden haber Soranlara selâm olsun. Derviş Yunus söyler sözü Yaş doludur iki gözü Bilmeyen ne bilsin bizi Bilenlere selâm olsun.
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