(Zwölf Nächte)
Auch der römische Dichter Ovid zeichnet ein düsteres Bild der verkehrten Welt.
Aus: Tristien I, 8
Flüsse werden vom Meer nun rückwärts ins hohe Gebirge
strömen, und Sol wird zurück wenden sein Rossegespann.
Sterne entsprießen der Erde, den Himmel wird furchen die Pflugschar,
Flammen entspringen der Flut, Feuer bringt Wasser hervor.
Alles Geschehen wird strikt dem Naturgesetz widersprechen,
nichts in der Welt wird noch wandeln die eigene Bahn.
Nun kommt alles, was ich für ein Ding der Unmöglichkeit ansah,
und es verbleibt nichts mehr, das keinen Glauben verdient.
Dieses verkündige ich, weil gerade der, dessen Beistand
ich im Unglück gebraucht hätte, mich schmählich betrog.
Deutsch von Volker Ebersbach, aus: Ovid, Tristien. Nachdichtung aus dem Lateinischen sowie Nachwort und Anmerkungen von Volker Ebersbach. Leipzig: Insel, 1984, S. 27
Sol: Sonnengott
Achte Elegie. An einen treulosen Freund
Die tiefen Ströme werden vom Meere in ihre Quelle zurückfließen, und Sol wird mit umgekehrten Pferden rückwärts lenken. Die Erde wird Sterne tragen. Der Himmel wird mit dem Pfluge durchschnitten werden. Das Wasser wird Feuer und das Feuer wird Wasser geben, alles wird den Gesetzen der Natur entgegengehen und kein Theil der Welt wird seine Bahn behalten. Jetzt wird alles geschehen, was ich für unmöglich hielt. Und es ist nichts, was man nicht glauben müsste. Dieses weissage ich, weil ich von dem betrogen worden bin, von dem ich hoffte, in meinem Elende unterstützt zu werden. (…)
Prosaübersetzung aus: Trauerlieder des Ovid in 5 Büchern übers. v. N. G. Eichhoff. Frankfurt 1803 (Ovidius Naso, Publius: Sämmtliche Werke, Frankfurt, 1797ff)
In caput alta suum labentur ab aequore retro
flumina, conuersis Solque recurret equis:
terra feret stellas, caelum findetur aratro,
unda dabit flammas, et dabit ignis aquas,
omnia naturae praepostera legibus ibunt,
parsque suum mundi nulla tenebit iter,
omnia iam fient, fieri quae posse negabam,
et nihil est, de quo non sit habenda fides.
haec ego uaticinor, quia sum deceptus ab illo,
laturum misero quem mihi rebar opem.
(Zwölf Nächte)
Griechisch adynatón heißt das Unmögliche. Adynata (lateinisch impossibilia) sind ein antikes Stilmittel, das schon bei Homer vorkommt und auch bei einem der frühesten Lyriker der griechischen Literatur, Archilochos. Zu seiner Lebenszeit gab es eine totale Sonnenfinsternis, am 6. April 648 v.u.Z. Wenn das möglich ist, sagt das fragmentarisch erhaltene Gedicht, dann ist alles möglich. Dann kann auch ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen und ein Reicher in den Himmel kommen, wie ein Späterer sagte. Wenn das Unmögliche möglich ist, gibt es keine Orientierung im Handeln und Denken. „Ein Zeus, der die Naturgesetze willkürlich außer Kraft setzt, steht im Verdacht, die ganze Welt seiner Willkür auszuliefern. Die Sonnenfinsternis entlarvt seine Herrschaft als potentiell totale Willkürherrschaft.“ (Rainer Nickel 2003, S. 275).
Es gibt nichts Unerwartetes mehr, nichts, was man ableugnen könnte,
nichts Staunenswertes, seitdem Zeus, der Vater der Olympier,
aus Mittag machte Nacht, als er das strahlende Licht
der Sonne verbarg und feige Angst die Menschen überkam.
Seitdem wird alles glaubhaft und möglich
den Menschen. Keiner von euch darf sich noch darüber wundern,
wenn er sieht, wie die Tiere auf dem Land mit den Delphinen ihre Weide tauschen
im Meer und ihnen die tosenden Wellen des Meeres
willkommener sind als das Land, diesen aber das waldreiche Gebirge.
... Archenaktides
... Sohn des ...
... zur Hochzeit
...
...
...
... den Menschen
...
Archilochos 122 W = 74 D. Stob. 4.46.10 + P. Oxy. 2313 fr. 1 (a). Aus: Archilochos: Gedichte. Hrsg. u. übersetzt von Günter Nickel (Tusculum). Düsseldorf, Zürich: Artemis & Winkler, 2003, S. 107 (= Günter Nickel 2003). Der griechische Text ebd. S. 106.
In dem fragmentarischen Schluss könnte es um eine (gewünschte, nicht zustandegekommene) Hochzeit des Dichters handeln, Archenaktides vielleicht der Nebenbuhler.

Die Fatrasie des 13. Jahrhunderts (siehe hier), ein absurder karnevalistischer Scherz, „aggressive Anti-Lyrik“ (Jean-Pierre Bordier), passt perfekt in die Rauhnächte zwischen Weihnacht und Epiphanias, in die Zwölf Nächte vom 24. Dezember bis zum Dreikönigsabend (6. Januar), in denen auch das mittelalterliche Eselsfest gefeiert wurde:
Eselsfest (Festum asinorum), religiöses Volksfest, im Mittelalter seit dem 9. Jahrh., bes. in Frankreich, Spanien u. Italien zu Ehren des Esels, auf welchem Christus in Jerusalem einzog, zu Weihnachten, u. zu Ehren dessen, auf welchem Maria mit Jesu nach Ägypten floh, im Juni gefeiert. Ein geputzter, mit dem Chorhemd bedeckter u. zum Knien abgerichteter Esel, auf welchem eine junge Dirne saß, wurde mit großen Ceremonien in die Kirche an den Altar geführt. Alle Gesänge bei der Messe wurden mit einem Hinham (ya) beendigt, u. statt des Segens yate der Priester dreimal, indem das versammelte Volk, statt des Amen, ebenfalls yate. In Frankreich schloß das Fest mit einem besonderen, halb lateinischem, halb französischem Lied. Unschicklichkeiten u. Ausschweifungen aller Art waren damit verbunden, u. ungeachtet der strengsten Mißbilligungen u. Verordnungen der Bischöfe, Concilien u. Päpste erhielt es sich hier u. da doch bis ins 15. Jahrh.
Pierer’s Universal-Lexikon, Band 5. Altenburg 1858, S. 891.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20009881611
Schon im 9. Jahrhundert findet man Spuren von dem Eselsfeste in Frankreich, welches viele Jahrhunderte dauerte, ohne dass es abgeschafft werden konnte. Man beging das zum Gedächtniss der Flucht der Jungfrau Maria nach Aegypten. Man suchte das schönste Mädchen in der Stadt aus, putzte es so prächtig als möglich und gab ihr ein ordentliches Knäblein in den Arm. Hierauf setzte man es auf einen kostbaren angeschirrten Esel und führte es in diesem Aufzuge unter Begleitung der Geistlichkeit und des Volkes in die [1239] Kirche oder Hauptkirche, wo der Esel neben den hohen Altar gestellt wurde. Mit grossem Pomp ward die Messe gelesen, doch jedes Stück derselben: das Kyrie, Gloria und Credo mit dem lächerlichen Refrain: Hinham, hinham geendigt. Schrie der Esel zufällig dazu, desto besser. Wenn die Ceremonie zu Ende war, sprach der Priester nicht den Segen oder die gewöhnlichen Worte, mit denen er das Volk sonst auseinander gehen liess, sondern er iate dreimal wie ein Esel und das Volk, anstatt sein ordentliches Amen zu singen, iate ihm dreimal wieder entgegen. (Vgl. Flögel, Geschichte des Groteskkomischen von F.W. Ebeling; Europa von Fr. Steger, Leipzig 1871, Nr. 15.)
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 1. Leipzig 1867.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20011574550
Ralph Dutli, der Übersetzer der Fatrasien, fasst Rauhnächte und Eselsfest zusammen:
Das Eselsfest fand zwischen dem Weihnachtstag und der Epiphanie (6. Januar) statt, in den Rauhnächten, wenn die festgefügte Ordnung von allerlei schrillen Dämonen außer Kraft gesetzt werden konnte. Vielleicht spielt die Fatrasie Nr. 37 auf dieses Fest an: »Mit einem vollen Topf Honigwein / machten sie den Esel fliegen«.
Dutli, Fatrasien, Göttingen 2010, S. 123
Lyrikzeitung feiert in diesem Jahr mit, ein kleines Fest des Unsinns und der poetischen Freiheit. Heute noch eine der anonymen Fatrasien aus Arras.
Ein gefiederter Bär
ließ Korn säen
von Dover bis Wissant.
Eine geschälte Zwiebel
erklärte sich bereit,
singend voranzugehen,
als auf einem roten Elefanten
ein bewaffneter Schneckerich
entgegenkam und ihnen zubrüllte:
»Hurensöhne, kommt schon her!«
Ich dichte im Schlaf.
(Anm.: Dover liegt in England und Wissant auf der anderen Kanalseite, in Frankreich. Das Dichten im Schlaf kann uns bekannt vorkommen, von den Surrealisten oder vom ersten Trobador Wilhelm von Aquitanien, dessen „Lied aus reinem Nichts“ ebenfalls im Schlaf gedichtet wurde.)
Uns ours emplumés
Fist semer uns bles
De Douvre a Wissent.
Uns oingnons pelez
Estoit aprestés
De chanter devant,
Qant sor un rouge olifant
Vint uns limeçons armés
Qui lor aloit escriant:
«Fil a putain, sa venez!»
Je versefie en dormant.
Aus: Ralph Dutli: Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters. Göttingen: Wallstein, 2010, S. 60
30. Jubiläum des Slamgedichts „INFLATION“ (Mehr weiter unten)
Tom [de] Toys, 26.12.1993
INFLATION
und wieder ein gedicht
und wieder ein gedicht
und deinen lieben gott
den gibt es nicht
und wieder ein gedicht
und wieder ein gedicht
und deine seele kannst du
lange suchen
ja ich schreibe wieder
schreibe schreibe
schreibe wieder
noch eins noch eins
und noch ein gedicht
wer weint fällt
durch das geldgeschiebe
ach daß mich nichts hält
an diesem leben
bleibt im krankenordner kleben
alles sah und schrieb er auf
die wiederholung nahm so ihren lauf
und falls sich irgendwann
mal irgendwer
klammheimlich fragt
was wollte der
wiegt schon die sehnsucht
tausend bücher schwer
ach lang ists her
und immer dasselbe
künstler hatten wir genug
gegen das schwarzrotgelbe
im ei kannst du nichts machen
sie müssen dich verlachen
und rühren den brei
und führen den betrug
aus
bis ans aus bis ans
aus aus aus
laßt mich hier raus
das ende schmeckt bitter
der deutsche gewöhnt sich
an jedes gewitter
die kunst ist nicht tot
nein die kunst gabs noch nie
meine arbeit ist getan
ich kann mich besaufen
die kunst als unnützer scherz
lernt nie wirklich laufen
schön darf sie sein
dann will sie jeder kaufen
ja schön ja schön ja
schön schön schön
nur nichts bedeuten
was hinter dem schein
der spiegel spiegel
an der wand
verrät des dichters schnelle hand
könnte hilfe hoffnung
und heilung einläuten
aber nicht bei der masse
und nicht in diesem land
oh wie ich sie hasse
die dummheit läßt sich nicht häuten
hier wie überall
verläuft alles im sand
und der sand im getriebe
wird gut geschmiert
oder im museum gehäuft
der alltag gewinnt
der künstler verliert
statt liebe nur hiebe
und über diese welt
kann jeder fluchen
aber sich verpissen
das kann letztlich keiner
denn der himmel ist nicht blau
und engel nicht weiß
ich schreibe ein gedicht
über diesen affenscheiß
und noch ein gedicht
und noch ein gedicht
denn keiner wird gescheiter
bloß die spalte immer breiter
ich schreibe immer weiter
wer glaubt noch an das große licht
und durch den harnleiter
schreit mein echtes gesicht
das paradies hat erdengewicht
und die erde die ist grau
mir ist im bauch so flau
und in der birne tausend hirne
drum schreib ich noch eins
noch eins und noch eins
weiter weiter immer weiter
bis meine geduld gerissen
mein blut voller eiter
und das herz verschlissen
mein mund ist schon lange
ein scheiterhaufen
und trotzdem sieht keiner
in den bildern den schmerz
ich sage dir heute
wie gestern spiel mit
oder flieh
flieh
flieh
das rückgrat bricht
nicht
die wirbel werden
langsam aber sicher
weich wie die
knie
und kopf hoch
junge
und
danke
JUBILÄUMSSEITE FÜR DIE „INFLATION“ MIT KOMPLETTER DOKU & HINTERGRUND @ WWW.POETRYCLIP.DE = https://quantenlyrik.jimdofree.com/live/2023/
WIEDERVERÖFFENTLICHUNG DER „INFLATION“ IM GEDICHTBAND „AM ENDE LIEGEN ALLE FEINDE NEBENEINANDER“ @ WWW.GRABLYRIK.DE (Playlist des Buches mit ausgewählten Rezitationen des Autors)
[De] Toys, Dec. 26, 1993
(adaptation May 16-17, 2022)
INFLATION
another poem and
another poetic line
i tell you the truth
there is nothing divine
another poem and
another poetic line
but searching your soul
will be never fine
yeah i do write again
and again and again
i write again one
poem more and
more one more
who cries will fall thru
smuggling cracks
oh there is nothing
to keep me alive
in the sick folder
he saw and wrote
down everything
the repetition took
by that its course
and if at some point
somebody secretly
asks what did he want
the longing weighs
a thousand books
oh well it's long ago
and always the same
enough artists have been
against the german flag
but nothing works by
sitting in the egg
they laugh at you
and stir the porridge
the scam they carry out
until the end until the
end is off off off let me
out of the bounds
the ending tastes bitter
the german gets used
to every rain shower
i tell you art isn't dead
but art has no power
so my work is done i'm
allowed to get drunk
art as an useless joke
never learns the funk
to be beautiful means
everyone pays the price
just nice so nice just
nice nice nice without
any meaning behind
the mirage the mirror
mirror on the wall
betrays the poet's
very fast finger
establishing healing
help and hope but
not in the crowd and
not in this country
oh i hate them so much
stupidity cannot be
skinned everywhere every-
thing comes to no end but
the sand in the gears is
running like clockwork
or piled in a museum
everyday life is a winner
the artist a loser gets
spanking instead of
thanking it's easy to
curse about the world
but no one can fuck
off in the very end as
the sky is not blue and
angels not white i do
write a poem about
that bunch of shit
and another poem and
another poetic line
nobody turns clever
just the crack gets
wider as ever i keep
writing who believes
still in the greatest light
and through the ureter
my real face screams
it's right that paradise
got the weight of earth
the planet is coloured grey
i feel so queasy in my belly
a thousand brains in my skull
so i write one more and
some more and some more
and more and more
until my patience is gone
my blood full of pus
and my heart worn out
my mouth has been a
pyre for a very long time
and yet nobody sees
the pain in the pictures
i tell you today play
along like yesterday
or flee
flee flee
the backbone does not
break the vertebrae
slowly but surely
become soft like
knees so
cheer up boy
and
thanx

Ivan Blatný
(geboren 21. Dezember 1919 in Brünn; gestorben 5. August 1990 in Colchester, England)
Weihnachten
Das Pferd hat leise einen weissen Luftstrauch ausgehaucht,
einen echten milchig weissen Kieselstein mit Adern,
das Ächzen einer Tür hing lange in der reinen Luft,
in den Wäldern schlief das Wild.
Ein Rabe kreiste, in der Schwärze seiner Flügel
gingen Berge, Wälder, Städte unter,
das Dunkel brach herein, und er verschwand,
zu hören war nur noch im Schnee das
Knirschen.
Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold, aus: Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Samstag, 11.12.1999 Nr.289 S. 65
Adam Mickiewicz
(* 24. Dezember 1798, heute vor 225 Jahren, in Zaosie bei Nowogródek, Russisches Kaiserreich, heute Belarus; † 26. November 1855 in Konstantinopel, Osmanisches Reich)
Odessa-Sonette
Rechtfertigung
Ich sprach von Liebe zu der Menge Gleichgesinnter;
Die einen liebten mich, die andern flüsterten: o dieser Poet,
Der stets verliebt sich quält, aufs Klagen sich versteht –
Nichts anderes als das nur fühlt er und besingt er.
Nun in die reifen Jahre kommend und bewußt der Pflicht –
Warum brennt immer noch das Herz in solch kindlichen Flammen?
Will Gott, der ihm des Dichters Stimme gab, verdammen,
Den, der von sich mit Selbstbewußtsein spricht?
O Warnung voller Großmut! – Von den Geistern dann
Beseelt, ergreif Alcäus' Leier ich und werf mir um
Ursinos Mantel. Kaum daß ich begann,
Zerstreute sich die Menge. Ich, jetzt stumm,
Zerriß die Saiten, und mein Traum zerrann:
So wie der Dichter ist, ist auch sein Publikum.
Deutsch von Heinz Czechowski, aus: Adam Mickiewicz: Lyrik polnisch und deutsch. Prosa. Leipzig: Reclam, 1978, S. 85
Sonette aus Odessa, XXII
Rechtfertigung
Ich sang von Liebe zu der Menge, der's gefiel.
Ich hörte Lob, doch manche übten leis Kritik:
"Ach, der Poet, um Liebe mit sich selbst im Krieg:
Nichts andres fühlt er, sah noch nie ein andres Ziel.
Schon in den Jahren, spitzt er immer noch den Kiel,
nur um sein kindlich, immer liebendes Geschick.
Die Götter gaben ihm die Stimme, doch sein Blick
ist eng verstellt, – und stolz zeigt er sich im Profil!"
Die eitle Warnung! Von dem stolzen Geist getrieben,
spielt ich des Alcäus Lyra, und, Ursynos
Mantel umgehangen, sang ich, bis die Mengen
auseinander liefen. Schaut, wer mir geblieben!
Ich warf die Leier wieder fort. Und was ich daraus schloß?
Daß sich nur Gleichgesinnte um den Dichter drängen.
Deutsch von ZaunköniG, aus: Adam Mickiewicz: Krim-Sonette. Burgdorf: Edition elf, 2005, S. 40
Alcäus: Antiker griechischer Dichter, um 600 v.Ch.
Ursyn: Julian Niemcewicz Ursyn, 1758-1841, polnischer Dichter
EKSKUZA
Nuciłem o miłostkach w rówienników tłumie;
Jedni mię pochwalili, a drudzy szeptali:
"Ten wieszcz kocha się tylko, męczy się i żali,
Nic innego nie czuje lub śpiewać nie umie.
W dojrzalsze wchodząc lata, przy starszym rozumie,
Czemu serce płomykiem tak dziecinnym pali?
Czyliż mu na to wieszczy głos bogowie dali,
Aby o sobie tylko w każdej nucił dumie?"
Wielkomyślna przestroga! – wnet z górnymi duchy
Alcejski chwytam bardon, i strojem Ursyna
Ledwiem zaczął przegrywać, aż cała drużyna
Rozpierzchła się, unosząc zadziwione słuchy;
Zrywam struny i w Letę ciskam bardon głuchy.
Taki wieszcz jaki słuchacz.


Heute vor zehn Jahren starb die Dichterin Helga M. Novak. Hier ein Gedicht aus dem 2013, im Jahr ihres Todes, bei Hochroth Paris erschienenen Band chaque pierre orpheline, der eine Auswahl ihrer Gedichte im Original und mit Übersetzungen ins Französische enthält. Die ersten vier Zeilen dieses Gedichts tauchen auch in ihrem autobiografischen text Vogel federlos auf, hart überblendet mit Geschichten aus den frühen 50er Jahren in Ostdeutschland.
Helga M. Novak
(Isländischer Name ab 1966: Maria Karlsdottir; * 8. September 1935 in Berlin-Köpenick; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)
Sommerzeit
Sommerzeit
die Hähne schrein zur selben Zeit
Winterzeit
die Sauen schrein zur selben Zeit
ach es ist alles zuschanden
die Freiheit die ich habe
ist keine
ich werde verrückt
weil ich es bin
und ich werde rasend
von meinen Rasereien
ach es ist alles zuschanden
Sommerzeit
ich werde den Mund nochmal vollnehmen
Winterzeit
den Mund voller Sand
warum entdeckt denn keiner
die Schönheit meines Verfalls?
heure d'été
heure d'été
heure du cri des coqs
heure d'hiver
heure du cri des truies
hélas tout est gâché
la liberté qui est mienne
n'en est pas une
ça me rend folle
parce que je le suis
et ça me rend furieuse
toutes ces fureurs que j'ai
hélas tout est gâché
heure d'été
je vais encore ouvrir la gueule
heure d'hiver
la gueule pleine de sable
pourquoi donc nul ne découvre
la beauté de ma déchéance ?
Aus dem Deutschen ins Französische übersetzt von Élisabeth Willenz, aus: Helga M. Novak: chaque pierre orpheline. hochroth Paris 2013, S. 12. Die Anthologie wurde zusammengestellt von Dagmara Kraus, die Gedichte stammen aus dem Band solange noch Liebesbriefe eintreffen, Schöffling 1997, 1999, 2005.
Kenneth Rexroth
(* 22. Dezember 1905 in South Bend, Indiana; † 6. Juni 1982 in Santa Barbara, Kalifornien)
Between Two Wars
Remember that breakfast one November —
Cold black grapes smelling faintly
Of the cork they were packed in.
Hard rolls with hot, white flesh,
And thick, honey sweetened chocolate?
And the parties at night; the gin and the tangos?
The torn hair nets, the lost cuff links?
Where have they all gone to,
The beautiful girls, the abandoned hours?
They said we were lost, mad and immoral,
And interfered with the plans of the management.
And today, millions and millions, shut alive
in the coffins of circumstance,
Beat on the buried lids,
Huddled in the cellars of ruins, and quarrel
Over their own fragmented flesh.
ERINNERST DU DICH...
Erinnerst du dich an jenes Frühstück im November –
Kühle, schwarze Trauben, die schwach
Nach dem Kork ihrer Verpackung rochen,
Getoastetes Brot mit weißem Fleisch
Und dicke, honiggesüßte Schokolade?
Und die Parties nachts; der Gin und die Tangos?
Die zerrissenen Schleier, die Türklinken,
die nicht wiederzufinden waren?
Wo gingen sie alle hin,
Die schönen Mädchen, die einsamen Stunden?
Man sagte, wir seien verloren, unmoralisch, verrückt,
Und kam mit Wirtschaftsplänen dazwischen,
Und heute schlagen Millionen,
Die in den Sarg der Verhältnisse eingesperrt sind,
Gegen die unter Erde vergrabenen Stirnen,
Drängen sich in verfallenen Kellern und hadern
Über ihr eignes, in Fetzen zerrissenes Fleisch.
Deutsch von Kurt Heinrich Hansen, aus: Gedichte aus der Neuen Welt. Amerikanische Lyrik seit 1910. Eingeleitet und übertragen von Kurt Heinrich Hansen. München: Piper, 1956, S. 52
Zeit für etwas Weihnachtsstimmung (oder war es Ostern? Macht nichts.) Hier ein anonymes Gedicht aus dem französischen Mittelalter, mehr als 700 Jahre alt. Wirklich!
Großen Aufruhr machten
zwei Fürze, die eine Maus
in Salz einlegten.
Zwei Öfen fielen herab,
und zwei Säue sangen
im Innern eines Fasses.
Es sprachen viel von dem und jener
zwei Mäuse, die Reims
und Paris auf einem Pfahl wegtrugen,
so dass Ostern hinter Weihnachten
laut deswegen weinte.
Grant noise faisoient
Dui pet qui metoient
Une suris en sel.
Dui four en tomboient;
Deus truies chantoient
Parmi un tynel.
Molt parloient d'un et d'el
Deus suris qui emportoient
Rains et Paris sor un pel,
Si que forment em plouroient
Pasques derierre Noel.
Die deutsche Version ist von Ralph Dutli, der offenbar als erster diesen Schatz absurder altfranzösischer Poesie ins Deutsche trug. Das Gedicht stammt aus einem Manuskript aus dem 13. Jahrhundert aus der Stadt Arras in Nordfrankreich. „Fatrasien-Labor“ nennt Dutli sie in seinem Nachwort, das betreffende Kapitel trägt den Titel „Arras oder die Neuerfindung der Poesie“. Über die Form der Fatrasie erfahren wir, dass es elfzeilige Gedichte sind („Die Zahl elf ist konstitutiv. Sie bedeutet mehr als zwei Handvoll und weniger als ein Dutzend.“). Die ersten 6 Verse haben 5 Silben und die letzten 5 haben 7 Silben. Zwei Reime durchziehen den Elfzeiler nach einem festen Schema: aabaab / babab. Lesen Sie mal das Reimschema laut: a-a-b a-a-b – babab!
Verständlicherweise kommt die deutsche Fassung ohne Reim und strenges Silbenmaß. Um dem Schema genugzutun, müsste man schon selbsteigene Fatrasien schreiben (hat es in Deutschland schon jemand versucht? Wissenslücke!). Knapp und paradox (also poetisch) ist sie trotzdem.
Quelle der Texte: Ralph Dutli: Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters. Göttingen: Wallstein, 2010, S. 45.
Julius Wilhelm Zincgref
(* 3. Juni 1591 in Heidelberg; † 12. November 1635 in St. Goar)
Liedt
[gekürzt]
MEin feines Lieb ist fern von mir,
Ich hat mit jhr sehr kurtze frewdt,
Sehr kurtze frewdt hat ich mit jhr,
Das macht mir desto grösser leidt,
Mein Tag bring ich mit seuftzen zu,
Mit lauter Vnruh meine Ruh:
Mein Hertz hat sie genommen mit,
Es halff kein Klag, es halff kein Bitt.
[...]
Ach liebstes Lieb, kehrt wieder vmb,
Kehrt vmb, ach liebstes Liebelein,
Eh dann ich gantz vnd gar vmbkumb,
Vnd gebt mir nur ein Zeichen klein,
Kan es nit mit dem Leibe sein,
So last es doch ein Schreiben sein,
Hab ich so vil genad bey euch,
So frag ich nach keim Königreich.
Aus: Auserlesene Gedichte Deutscher Poeten gesammelt von Julius Wilhelm Zinkgref, 1624 (= Neudrucke deutscher Litteraturwerke des 16. und 17. Jahrhunderts, Band 15), neu herausgegeben von Wilhelm Braune, Halle (Saale): Niemeyer, 1879, S. 21f
Mehr im Lyrikwiki
Einmal noch Rumi für den 750. Todestag, der vorgestern war. Das wäre für jedes Vierteljahrtausend eins. Heute ein Auszug aus der großen Dichtung aus 25000 Doppelversen, Masnawi. Aus Buch IV die (Doppel-) Verse 2245 bis 2265.
Die Geschichte vom gefangenen Vogel, der Folgendes riet: »Bereue nichts Vergangenes, kümmere dich um die jetzigen Bedürfnisse und verbring deine Tage nicht mit Reue!«
Mit List und Falle fing ein Mann 'nen Vogel,
der Vogel sprach zu ihm: »Oh edler Meister,
wie viele Ochsen aßt du schon und Schafe,
wie oft schon hast du ein Kamel geopfert;
nie in der Welt wurdst du davon je satt,
und auch von meinen Gliedern wirst du's nie.
Befrei mich, dass ich dir drei Ratschläg gebe,
dann weißt du, ob ich klug bin oder dumm.
Den ersten geb ich dir auf deiner Hand,
den zweiten dann auf deinem Lehmdach oben,
den dritten Rat geb ich dir auf dem Baum;
durch diese Ratschläg wirst du glücklich werden.
Der Rat auf deiner Hand ist dieses Wort:
›Glaub keinem, wenn er dir mit Unsinn kommt!‹«
Kaum hatt' er auf der Hand den Rat gegeben,
war er schon frei, flog auf die Mauer und
sprach: »Zweitens: Traure nie Vergangnem nach!
Bedaure nicht, was dir entgangen ist!«
Und dann: »In meinem Leib versteckt ist eine
sehr rare Perle, die zehn Dirham wiegt;
und diese Perle war, so wahr du lebst,
dein großes Glück und jenes deiner Kinder,
nicht ihresgleichen hat sie auf der Welt,
doch du hast sie verpasst, hast Pech gehabt.«
So, wie 'ne Frau bei der Geburt laut klagt,
geriet der Meister in ein lautes Jammern.
Der Vogel sprach: »Hab ich dir nicht geraten,
all dem, was gestern war, nicht nachzutrauern?
Was grämst du dich dann wegen dem Vergangnen?
Begriffst du nicht den Rat? Bist du wohl taub?
Den zweiten Rat gab ich dir, dass du nie
vom Weg abkommst und jeden Unsinn glaubst.
Drei Dirham wieg ich selber nicht, du Löwe,
wie trüg ich da zehn Dirham in mir drin?«
Der Meister kam erneut zu sich und sprach:
»Jetzt aber gib den dritten guten Rat!«
Er sprach: »Ja, fein genutzt hast du die Ratschläg!
Den dritten gäb ich dir doch auch vergeblich.«
Einen verschlafnen Dummkopf zu beraten,
heißt Saat ausstreun auf unfruchtbaren Boden.
Auf Dumme sollst du Weisheitssaat nicht säen,
denn nie sind ihre Risse zuzunähen.
Aus: Dschalal ad-Din Rumi: Masnawi. Gesamtausgabe in zwei Bänden. Zweiter Band. Buch IV-VI. Aus dem Persischen von Otto Höschle. Xanten: Chalice, 2021, S. 887f.
Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi. (Übersetzt von Friedrich Rückert)
Die Ghasele oder das Ghasel ist eine kunstvolle Gedichtform, bei der die ersten beiden Zeilen reimen und dieser eine Reim dann über das ganze Gedicht in jeder zweiten Zeile wiederholt wird (Monoreim). In der Regel baut der Dichter am Ende seinen eigenen Namen ein. Dschelaleddin, das ist Rumi. Die Reime sind oft länger als die bei uns üblichen Formen einsilbig (männlich, wie Herz/Schmerz) oder zweisilbig (weiblich, wie Liebe/Triebe). Rückert gelingt ein fünfsilbiger Reim ohne eine einzige Wiederholung: Frage, wo ist er? / Tage, wo ist er…
Nach welchem ich frage, wo ist er?
Den in mir ich trage, wo ist er?
Der ragende Baum der Gedanken,
An den ich nicht rage, wo ist er?
Ich frage die Hüter am Wege:
Der Schönste im Hage, wo ist er?
Ich frage die Wächter des Weinbergs:
Der Schöne der Tage, wo ist er?
Ich streiche durch Wälder und Felder:
Der Hirsch, den ich jage, wo ist er?
Ich frage den Mond und die Sonne:
Beim Sternengelage, wo ist er?
Er ist nicht bei mir; bei den andern,
Wo ist er? ich klage, wo ist er?
Dschelaleddin, wenn du ihn fandest,
Ich such' ihn, o sage, wo ist er?
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Kalligraphie von 1278 (5 Jahr nach Rumis Tod)
Fotos aus dem Rumimuseum und -mausoleum in Konya, Gratz

Heute vor 750 Jahren starb der islamische Mystiker und Dichter Dschalal ad-Din Rumi, der im Westen meist kurz Rumi genannt wird, im Persischen Maulawī und im Türkischen Mevlevi. Geboren wurde er nach der Überlieferung am 30. September 1207 in Balch im heutigen Afghanistan (oder in Wachsch, heute in Tadschikistan). Gestorben ist er am 17. Dezember 1273 in Konya in der heutigen Türkei.


Rumis Grab in Konya wird täglich von vielen Verehrern und Touristen besucht. Lesen können ihn die wenigsten, weil er auf Persisch schrieb.
Fotos: Gratz
Zum Anlass werde ich in den nächsten Tagen einen kleinen Rumi-Block veröffentlichen. Heute ein Gedicht aus seinem Diwan in der deutschen Fassung von Johann Christoph Bürgel, gefolgt von einem Kommentar des Herausgebers und Übersetzers.
Ist keine Flut gekommen, doch wurden wir benetzt;
Fuß lief in keine Schlinge und liegt in Fesseln jetzt.
Wir tranken keinen Tropfen und wurden doch berauscht,
wir sahen nie ein Schachbrett, und sind doch mattgesetzt.
Wir sahen nie ein Schlachtfeld und doch, wie sich im Wind
die schönen Locken lösen, sind wir versprengt, zerfetzt.
Wir sind ein Schatten jenes Idoles, ja mich dünkt,
daß uns das Bild von Götzen seit Urbeginn ergötzt.
Der Schatten scheint zu wesen und west und währt doch nicht.
So sind auch wir ein Nichts nur, den Schatten gleich geschätzt.
Diese Verse sind ein typisches Beispiel für das bei allen Mystikern so beliebte Reden in Paradoxen: Der Mystiker ertrinkt in einer Flut, die nicht die des Meeres ist, er fällt ohne Schlingen in die Fesseln mystischer Liebe, der himmlische Schachspieler setzt ihn matt ohne ein Schachbrett. Der Vergleich mit den Locken entstammt der Liebespoesie: Die Krümmungen und Brüche der Haare der Geliebten krümmen und zerbrechen, schlimmer als jede Waffe, den Liebenden. Der Liebende wie der Mystiker ist vernarrt in das schöne Idol. Beide sind Götzenanbeter in dem Sinn, daß sie in der irdischen Erscheinung das Göttliche erkennen und verehren. Das Idol verhält sich zu Gott wie der Liebende zum Idol. Das ist ein Stück neuplatonischer Hierarchie des Seins. Der Schatten, der schwindet, kehrt ins Licht zurück. Am Ende der Abbildverehrung steht die Verschmelzung mit dem Urbild.
Johann Christoph Bürgel, in: Rumi, Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Johann Christoph Bürgel. München: C.H. Beck, 2003, S. 65.
Hermann Broch
(* 1. November 1886 in Wien; † 30. Mai 1951 in New Haven, Connecticut)
STIMMEN
Als die Männer zurückkehrten aus dem Krieg,
dessen Schlachtfelder brüllende Leerheit
gewesen waren, da fanden sie daheim genau
dasselbe, kanonengleich brüllend die Leere
der Technik, und wie auf den Schlachtfeldern
hatte das Menschenleid sich in die Winkel der
Vakuumräume zu verkriechen, umwittert von
deren Schreckensheiserkeit, mitleidlos umwittert vom
rohen Nichts.
Da war es den Männern, als hätten sie nicht
zu sterben aufgehört,
und sie fragten, was alle Sterbenden
fragen: wohin, ach, wohin haben wir
unser Leben vertan? Was hat uns in
solche Leerheit hineingestellt und
dem Nichts anheimgegeben? Ist das
wirklich des Menschen Bestimmung und
sein Los? Soll unser Leben wirklich
keinen anderen Sinn als diesen Nicht-Sinn
gehabt haben?
Indes, die Antworten auf die Fragen waren
selbsterteilte, und demzufolge waren sie
wieder nur leere Meinungen, wieder nur das
leere Nichts,
eingebettet im Nichts, geformt vom Nichts
und daher vorbestimmt, wiederum abzugleiten
zur Wirrnis der Überzeugungen, die den
Menschen zwingen, aufs neue sich aufzuopfern,
aufs neue wie im Kriege,
aufs neue in unheilig-hohler Heldischkeit,
aufs neue in einem Tod ohne Märtyrertum,
aufs neue im leeren Opfer, das nimmermehr
über sich hinauswächst.
Wehe über eine Zeit der hohlen Überzeugungen
und hohlen Opfer!
Aus: Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden, herausgegeben von Achim Roscher, Berlin: Verlag der Nation, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage), S. 235
Ferdinand Hardekopf
(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)
Paul Raabe nannte Hardekopf den „heimlichen König des Expressionismus“.
Spleen
Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht
Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
Und mahnte [3 Uhr 2]: «Ein Spuk-Gedicht,
Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!»
Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
Da stieg die Dame Angst [-Berlin] reell
Auf ihr imaginäres Karussell.
Ein Schneiderkleid umpresste mit Radau
Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau.
Doch das Zitronen-Ei [um 3 Uhr 5 genau]
Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. –
Nachhüstelnd, matt-dosiert: « Macabre-Bar!
Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
Ein Gruss: du noctambules Seminar!»
... So. 3 Uhr 10. Wie süss verwirrt ich war!
Aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, S. 78 (Lizenzausgabe der Arche, Zürich 1965. Ursprünglich erschien die Anthologie 1946)
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