Im biblischen Alter von 101 Jahren ist die japanische Dichterin Toyo Shibata gestorben. Sie sei am Sonntag „friedlich und ohne Schmerzen“ in einem Altenheim nördlich von Tokioverschieden, sagte ihr ältester Sohn Kenichi Shibata der Nachrichtenagentur AFP. Seine Mutter, die erst mit 92 Jahren mit dem Schreiben begonnen hatte, habe noch Gedichte verfasst, als sie über hundert gewesen sei. (…)
Shibatas erste Anthologie* „Kujikenaide“ (übersetzt „Lass Dich nicht entmutigen“) wurde fast 1,6 Millionen Mal verkauft. Das 2009 zunächst im Eigenverlag veröffentlichte Werk wurde 2010 von einem renommierten Verlag neu aufgelegt und zum Kassenschlager. In Japan zählt eine Gedichtsammlung schon als Erfolg, wenn sie sich mehr als 10.000 Mal verkauft.** / Ostthüringer Zeitung
*) Im Deutschen nennt man eine Gedichtsammlung eines Autors im allgemeinen nicht Anthologie.
**) Gibts im Deutschen eigentlich auch Erfolge?
auf der Google-Suche nach einem verlorenen Zitat:
hinter dir Fußspuren im Schnee, unberührt weiß vor dir der zugefrorene See – unter den Schuhsohlen knackt das Eis
Hansjürgen Bulkowski
Joachim John: »Die heutige Gesellschaft ist kein taugliches Modell. Wir benehmen uns wie eine Selbstmordsekte gegenüber der Natur. Globaler Kannibalismus. Ich zitiere einen deutschen Dichter meiner Generation, Karl Mickel:
›Die Welt ein Schiff
Voraus ein Meer des Lichts
Uns hebt der Bug
So blicken wir ins Nichts.‹
Wir sollten den folgenden Generationen, die das Nichts, diesen unermeßlichen Raum, betreten werden, das Vorzimmer, in dem wir leben, nicht vollgeschissen hinterlassen.«
/ aus einem Artikel der Zeitung junge Welt zum 80. Geburtstag des Grafikers Joachim John
Die Lyrikerin Monika Rinck erhält in diesem Jahr den Peter-Huchel-Preis. Sie wird für ihren Gedichtband „Honigprotokolle“ ausgezeichnet. Der SWR und das Land Baden-Württemberg vergeben den Preis seit 1983 für ein herausragendes lyrisches Werk des Vorjahres.
Die „Honigprotokolle“ setzten einen „poetischen Resonanzkörper“ in Gang, der musikalische Funken schlage, heißt es in der Begründung der Jury. Sie lobt Rincks leidenschaftliche sprachliche Virtuosität im Zusammenspiel von „sinnlicher Weltbetrachtung, rhythmischer Rede und Gegenrede.“ Monika Rinck wurde 1969 im pfälzischen Zweibrücken geboren. Sie studierte Religionswissenschaften und vergleichende Literaturwissenschaften. Heute lebt und arbeitet sie unter anderem als Übersetzerin in Berlin. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ernst-Meister-Preis für Lyrik und dem Georg-Glaser-Preis.
Rinck wird den Peter-Huchel-Preis an Huchels Gebeurtstag, dem 3. April, in seinem letzten Wohnort Staufen im Breisgau entgegennehmen. Die Preissumme beträgt 10.000 Euro. Peter Huchel war ein bedeutender Lyriker und bis zu seiner Absetzung durch die DDR-Führung 1962 Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten unter anderem Ernst Jandl, Thomas Kling, Oskar Pastior und Friederike Mayröcker.
Quelle: SWR.de – Nachrichten
Die Jury besteht aus sieben Mitgliedern, die für zwei, maximal vier Jahre benannt werden. Hinzu kommen nicht stimmberechtigte Vertreter des Landes und des SWR. Zur Zeit:
Sibylle Cramer, Norbert Wehr, Gunhild Kübler, Bettina Schulte, Tobias Lehmkuhl, Insa Wilke und Theresia Prammer.
Die letzten Preisträger:
| 2012 | Nora Bossong | Sommer vor den Mauern |
| 2011 | Marion Poschmann | Geistersehen |
| 2010 | Friederike Mayröcker | „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ |
| 2009 | Gerhard Falkner | Hölderlin Reparatur |
| 2008 | Ulf Stolterfoht | holzrauch über heslach |
| 2007 | Oswald Egger | Tag und Nacht sind zwei Jahre. Kalendergedichte |
| 2006 | Uljana Wolf | kochanie ich habe brot gekauft |
A.J. Weigoni veranstaltet in diesen Prægnarien ein furioses Stimmenkonzert aus Reimen und Kalauern, den Tücken der deutschen Grammatik und ihren Wortzusammensetzungen. Es gibt in diesen Gedichten Buchstaben als etwas Hörbares und Buchstaben als etwas Sichtbares.
In der künstlerischen Auseinandersetzung treffen sich Bracht, Weigoni und Hieronymus regelmäßig an der Grenzlinie, dort, wo Schrift in Zeichnung und auch in Klang übergeht. Es geht bei dieser Performance um die Sehnsucht nach Körperlichkeit, sinnlicher Unmittelbarkeit. Keine anderer Klang lebt so sehr vom Atem. Keine andere Musik verlangt ähnlichen körperlichen Einsatz. Bläser und Angeblasene verschmelzen zu einer Einheit, werden Teil eines großen atmenden Klangkörpers. Keine Maschinen, sondern allein die Lungenzüge geben den Rhythmus vor.
Praegnarien, Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni in der Werkstattgalerie Der Bogen, Möhnestraße 59 | 59755 Arnsberg-Neheim, heute ab 20.00 Uhr
In der ersten Medien-Erregung wird Pep Guardiola, von Mitte des Jahres an neuer Trainer des FC Bayern München, bereits als Heilsbringer des Fußballs gefeiert. Dabei liebt er vor allem die Poesie. (…)
Denn gerade ist in der Edition Delta in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt ein Buch erschienen, das Guardiola und seiner Frau Cristina gewidmet ist. Es heißt „Buch der Einsamkeiten“ und besteht aus 49 Gedichten des beliebten katalanischen Lyrikers Miquel Martí i Pol (1929 bis 2003).
(…)
Er hat die Gedichte Martí i Pols sogar mehrmals öffentlich vorgetragen, begleitet von dem Liedermacher Lluis Llach, letzten Sommer noch, vor mehreren tausend Zuschauern in Barcelona. Was immer sie sich in der Vorstandsetage von Bayern München also von ihm erwarten, sie sollten wissen, dass nicht nur ein Trainer nach München kommt, sondern auch ein Denker. / Paul Ingendaay, FAZ
Von historischen Umständen und politischer Verfolgung ist in diesem Kindheitsgedicht jedoch nicht die Rede. Die extreme Reduktion, die spröde Kargheit dieser Verse schafft trotzdem eine undefinierte Atmosphäre der Bedrückung.
Der Gipfel der Ernüchterung ist in der siebten Zeile erreicht: „vermutlich von einer Rechnung“. Es könnte ein Hinweis auf ärmliche Lebensverhältnisse sein. „Rechnung“ gehört jedenfalls nicht ins Wörterbuch der Poesie, und Dichter vermeiden in der Regel auch Aussagerelativierungen wie „vermutlich“. „Über allen Gipfeln ist eventuell Ruh“ – das wäre ein Bruch der Stimmung. Deutlich wird, dass die Perspektive bei aller lyrischen Gegenwärtigkeit nicht vom Kinderblick bestimmt ist, sondern von der Erinnerung, die sich einen Reim auf das Stückchen Papier zu machen sucht.
/ Caroline Peters über das Gedicht „Am Styx“, FAZ 19.1., aus:
Günter Kunert: „Mein Golem“. Gedichte. Hanser Verlag, München 1996, 96 S., kart., 13,90 €.
Ich denke oft, daß man als älterer Autor unter Umständen wieder in Kneipen jobben muß, wenn man sich nicht irgendwie anders im Betrieb etabliert hat und die Förderung abnimmt. (…)
Schriftsteller, die Lyrik schreiben oder eher avantgardistische Prosa, leben oft hauptsächlich von Förderungen. Aber wie es der Vertreter der BKS-Bank bei der Übergabe des Publikumspreises der Klagenfurter Literaturtage an Cornelia Travnicek so schön ausgedrückt hat: Als Schriftsteller kann man langfristig nur vom Publikum leben. / Matthias Nawrat, junge Welt
Der Hörbuchpionier A.J. Weigoni hat die Literatur nach 400 jähriger babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit, schreibt Matthias Hagedorn:
Als Sprechsteller bricht er die Sprache auf, dehnt sie ins Geräuschhafte und treibt sie durch seine assoziative Fantasie ins Expressive. Weigoni nutzt die Sprache als akustisches Präzisionsinstrument. Bei ihm lösen sich die Wörter ein Stückweit von ihrer mimetisch–realistischen Abbildfunktion und tragen auf unterschiedliche Weise dazu bei, das Vertraute fremd zu machen. Zu seinen Reizmitteln gehören zwischen Schrift und Rede wechselnde Tonspuren, eine intensiv atmende Syntax und Metrik, Klangbrüche und kunstvolle Enjambements, die der Akzentuierung eines einzelnen Worts, einer Silbe oder eines Buchstabens dienen. Dann entwickeln die Verse eine Spannkraft und eine vertikale Drift, die Zeilen treten hinter der Wirkung des Gedichtganzen zurück, und mit Zeilenbrüchen wird der Gedichtkörper kunstvoll gestaut. Seine Stimme kann das Fließen und die Beweglichkeit des Körpers wiedergeben. Sie kann Energien beschwören, für die es keine Worte gibt, emotionale Schattenreiche. / Kulturnotizen
… und man muß auch bereit sein, sich an den Pranger zu stellen. Überhaupt, jeder, der heute etwas an Poesie oder etwas an Kunst macht, muß wieder bereit sein, sich anprangern und anspucken zu lassen. Ich meine das ganz im Ernst und ohne jede Scheu, auch wenn die Preise erst jüngst auf mich nur so heruntergeschauert sind, ja gerade deswegen. Das lorbeergekrönte Haupt wird auf Dauer keinen entzücken.
Ernst Jandl: Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetik-Vorlesung. Berlin: Volk und Welt 1987 (Spektrum-Reihe), S. 41.
Liebe Leserinnen und Leser,
wir möchten Sie auf eine neue Lesereihe in Berlin aufmerksam machen! Ab dem 20. Januar 2013 erwarten Sie an jedem dritten Sonntag im Monat in der Brotfabrik zeitgenössische Prosa und Lyrik. Das Programm wird von unserem Autoren Alexander Graeff kuratiert.
Am Sonntag, 20. Januar startet die Lesereihe »Literatur in Weißensee« mit Mikael Vogel, der aus seinem Band »Massenhaft Tiere« (Verlagshaus J. Frank | Berlin) lesen und neue Texte vorstellen wird.
Zudem präsentiert Alexander Graeff Literatur in, aus und für Weißensee sowie wechselnde literarische und musikalische Gäste.
Mikael Vogel (*1975) schreibt vorrangig Lyrik, daneben Prosa. 2002 erhielt er das Hermann-Lenz-Stipendium. Bislang sind von Mikael Vogel neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien drei Gedichtbände erschienen, zuletzt »Massenhaft Tiere« (2011) im Verlagshaus J. Frank Berlin, ein Bestiarium in vielerlei Tierstimmen und -gestalten. Darin wirbelt Vogel mit rasanten Perspektivwechseln die Beziehungsfronten zwischen Mensch und Tieren kräftig durcheinander. Mal witzig, mal listig, melancholisch, dann den Leser und Zuhörer überraschend mit dem Horror, den die Existenzbedingungen unter dem Menschen für das Tier bedeuten können, infiltrieren seine Gedichte gewohnte Blick- und Denkmuster.
Um das Thema »Tier« wird auch die Lesung am Sonntag kreisen; ab 19.30 Uhr präsentiert Alexander Graeff Mikael Vogel als literarischen Gast im Roten Salon der Brotfabrik (Caligariplatz 1, Berlin) und wird mit ihm in einen literarischen Dialog über Tiere, Allzumenschliches und Weltfleisch treten.
Weitere Informationen dazu finden Sie hier: www.literatur-in-weissensee.de
20. Januar 2013 | 19.30 Uhr
Brotfabrik (Caligariplatz 1, Berlin)
Eintritt: 6/3 EUR
Wir laden Sie herzlich dazu ein!
Di 22.01. 20:00
In Lesung und Gespräch: Arno Camenisch (Autor, Biel), Andreas Neeser (Autor, Suhr), Noëlle Revaz (Autorin, Biel), Antonio Rossi (Autor, Arzo)
Moderation: Martin Zingg (Kritiker, Basel)
Die Namen Max Frisch oder Peter Bichsel sind dem deutschen Lesepublikum vertraut. Die italienische, rätoromanische oder französischsprachige Literatur der Schweiz ist hingegen weitgehend unbekannt. Auch so bedeutende Schriftsteller wie Blaise Cendrars, Catherine Colomb oder Ágota Kristóf konnten daran in der Vergangenheit nicht grundsätzlich etwas ändern. Diese Veranstaltung soll zeigen, dass in der viersprachigen Schweiz für den deutschen Leser Schätze zu heben sind: Vier Schweizer Autor/innen aus den verschiedenen Sprachregionen geben einen Einblick in Unbekanntes und Neues.
Die »klangmächtigen Wörtersymphonien« (FAZ) von Arno Camenisch (*1978 Danis-Tavanasa) sind in der Schweiz seit langem umjubelt. Mittlerweile legendär sind die »trinkfesten Fabulierer« aus seiner Bündner Trilogie (erschienen bei Urs Engeler Editor). In Deutschland sind die Bücher des auf Deutsch und Rätoromanisch schreibenden Autors bislang ein Geheimtipp.
Andreas Neesers (*1964 Schlossrued) Sprache besticht durch ihre »Feinnervigkeit« (NZZ). Sein neuer, deutschsprachiger Roman »Fliegen, bis es schneit« (Haymon Verlag, 2012) ist »packend, lebendig und hochpoetisch« (Katja Lange-Müller). Von der Kritik werden Neesers Texte für ihre Vielschichtigkeit und ihre berückende Sinnlichkeit gerühmt.
»Von wegen den Tieren« (Urs Engeler Editor), der französischsprachige Erstling von Noëlle Revaz (*1968 Vernayaz), löste bei seinem Erscheinen 2002 einen ästhetischen Schock aus. Die Autorin leiht darin einem ungebildeten Bauern ihre Stimme. Geschrieben ist das Buch in einem Soziolekt emotionaler Verrohung, künstlich und vital zugleich. Die NZZ verlieh Revaz den Beinamen »Mademoiselle Berserker«.
Antonio Rossi (*1952 Maroggia) ist ein auf Italienisch schreibender Lyriker. Auf knappstem Raum verbindet er ganz und gar gegensätzliche Dinge und erweitert dadurch den Blick auf eine Wirklichkeit, die so nur in seinen Gedichten zu erfahren ist.
Mit freundlicher Unterstützung durch Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung.
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97/Kulturbrauerei
10435 Berlin
Überhaupt ist Jackson immer dann stärker, wenn es ihn in seinen Texten mehr zur pointierten Reflexion reißt. Dazu dürfen es auch mehr als acht Zeilen sein, wie er im heimlichen Höhepunkt des Bandes zeigt. das Ende des falschen Poeten – Nekrolog in Nowosibirsk ist eine wunderbar desillusionierte Zeitdiagnose, die bei aller Assoziation nie die Stringenz verliert und Zusammenhänge dort knüpft, wo man sie vielleicht nicht erwartete, sie aber immer nachvollziehbar sind. Das unterscheidet die lyrische Prosa am Ende des Bandes von der am Anfang. Hier haben sich die Blickwinkel geändert. Es wird nicht mehr prophetisch ins Blaue geschossen, sondern von der Geschichte her analysiert. „die deutsche Kolbasniki, Wurstmenschen, heutzutage auch Wutmenschen und Vegetarier, stehen in Russland zusammen ein für die aufklärerischen Ideale des jungen Kropotkin: Pressefreiheit und soziale Reformen. der Anarchismus Kropotkins entstand als Form der zugespitzten Aufklärung. er war ein Mensch von übergroßem Gerechtigkeitsstreben.“
Insgesamt ist Jacksons Im Licht der Prophezeiungen eine Wundertüte, die eine Fülle an Formen und Bildwelten bereithält. Vom experimentellen Prosagedicht bis zum guten, alten Endreim scheint für jeden Geschmack etwas dabei zu sein. Das ist nicht ansatzweise so abwertend gemeint wie es möglicherweise klingt. Welcher Art von lyrischer Prophezeiung man auch seinen Glauben schenken will, Jackson zeigt die Vielfalt ihrer Erscheinungsformen auf. / Mario Osterland, Fixpoetry
Hendrik Jackson: Im Licht der Prophezeiungen · Gedichte
kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 27
80 Seiten, Broschur mit Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer, 19.90 Euro, ISBN 9783937445526
Kookbooks Berlin 2012
Die Verlegerin sagt: Wer genauer hinhören will – auf ins Ausland, where 17 Jackson fans can’t be wrong.
Donnerstag 19:30 bis 23:30
Die Lyrik im ausland 2013 eröffnet Hendrik Jackson mit der Präsentation seines neuen Bandes:
„Im Licht der Prophezeiungen“.
Neueste Kommentare