Textkette oder Lyropolis hat wie jede richtige Stadt Bewohner und Gäste, Häuser, Straßen und Plätze. Nicht jegliches aber vieles hat seinen Platz. Die wichtigsten bereits nutzbaren Orte sind
A Die Textkette-Anthologie (Spielregeln siehe unten)
B Freistil zum Posten und Kommentieren von Gedichten eigener Wahl
C Privaträume (hier können registrierte Benutzer eigene Texte veröffentlichen). Wenn Sie sich registrieren lassen wollen, schreiben Sie eine Mail an mich. Sie erhalten dann eine Einladung und können Ihren Benutzernamen und Ihr Paßwort selber festlegen.
D Galerie oder Album (hier können registrierte Benutzer Fotos ihrer Lyrikbibliothek posten)
E Rathaus (Bekanntmachungen, Spielregeln, Ordnung und Sicherheit)
F Reisezentrum (Map)
1. Die Textkette-Anthologie ist eine interaktive, labyrinthische Lyrikbibliothek von Babel. Jeder kann mitmachen, entweder als unregistrierter Besucher (Beiträge als Kommentar) oder als angemeldeter Autor/Redakteur.
2. In der Textkette-Anthologie können weder eigene Gedichte noch die eigenen Lieblingsgedichte gepostet werden (dafür gibts Freistil und Privaträume, letztere nur für registrierte Benutzer). Textkette ist eine stammbaumförmige Anthologie, die von einem Gedicht der Sappho ausgeht. Wenn Ihnen irgendeins der bisher vorhandenen Gedichte der Textkette gefällt und Sie mitspielen wollen, schreiben Sie einen Kommentar mit folgenden Angaben unter das betreffende Gedicht
like Nummer, Autor + Titel
(am besten herauskopieren, um Fehler zu vermeiden!)
und Ihren Namen oder wenn Sie wünschen Codenamen, Beispiel:
like 1.9.4.2.1 conrad ferdinand meyer: im spätboot, michael gratz
3. Der dieses Gedicht vorgeschlagen hat, wird Ihnen nun, sobald er die Zeit findet, einen Autor nennen, von dem Sie einen neuen Text auswählen und posten. Wenn Sie mitmachen, erklären Sie sich bereit, anderen Lesern, denen Ihre Auswahl gefällt, einen Autor vorzuschlagen.
4. Eigene Lieblingsgedichte (auch wenn es Ihre eigenen Gedichte sind) haben also keinen Platz in der Textkette – außer wenn jemand anderer den Namen Ihres Lieblingsdichters oder Ihren eigenen Namen benennt. Bitte nennen Sie auch nicht Ihren eigenen Namen und klicken Sie nicht bei Ihren eigenen Beiträgen „gefällt mir“. Geduld ist die Mutter der Textkette. Wenn wir lange genug verketten, kommt jeder Autor und jedes Gedicht dran. Lesen Sie dazu Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel!
5. Geschützte Texte (solche von lebenden Autoren oder solchen, die weniger als 70 Jahre tot sind) dürfen nur veröffentlicht werden wenn der Textkette die Zustimmung des Rechtsträgers vorliegt (Zustimmung der Verlegerin von Kookbooks zum Zitieren einzelner Gedichte liegt vor). Wenn Ihnen ein geschützter Autor zugewiesen wird, wählen Sie ein Gedicht aus und zitieren Sie es mit der ersten Strophe oder den ersten vier Zeilen sowie exakter Quellenangabe, Titel, Buch, Seite oder ggf. Weblink.
6. Jeder Autor und jedes einzelne Gedicht kann beliebig oft nominiert werden. Sie müssen also nicht vorher prüfen, ob Autor oder Gedicht schon vertreten sind.
7. Sie können einen vorgeschlagenen Autor ablehnen und den Vorschlagenden um einen neuen Namen bitten.
8. Sie können jederzeit eine neue Linie eröffnen, indem Sie Text 0 = Sapphos Brüdergedicht auswählen (kommentieren wie oben gezeigt).
9. Erwünscht sind Gedichte in beliebigen Sprachen – mobilisieren Sie ruhig Ihre Freunde, an Ihrem Zweig der Textkette mitzuarbeiten.
Dies sind vorläufige Regeln, mit denen die öffentliche Textkette zumindest starten kann. Kommt Zeit kommt Rat. Bitte beteiligen Sie sich auch am Brainstorming – Diskussion ist über Kommentare möglich.
Wenn Sie sich für ein verrücktes Projekt mit Zukunftsoption interessieren, probieren Sie es aus, machen Sie mit oder, am besten, werden Sie Mitbürger! We can!
Alessandra Eramo
MUSICA FUTURISTA: THE ART OF NOISES
„ROARS_BANGS_BOOMS“ Variation for Voice, Gesture and Drawings
Opening and Live-Performance Saturday, 3 May 2014, 19:30
Exhibition: 4 – 11 May 2014
Gallery hours: by appointment (call to:+49 0176 49709201 / or write to: eb@errantbodies.org)
Errant Bodies – Kollwitzstrasse 97 10435 Berlin www.errantbodies.org
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„The variety of noises is infinite. If today, when we have perhaps a thousand different machines, we can distinguish a thousand different noises – tomorrow, as new machines multiply, we will be able to distinguish ten, twenty, or thirty thousand different noises, not merely in a simply imitative way, but to combine them according to our imagination.“
from „The Art of Noises“ Luigi Russolo, 1913
101 years later, Italian/German sound artist and vocalist Alessandra Eramo interprets the Futurist Music Manifesto “The Art of Noises” of Luigi Russolo, using the human voice. Starting in 2013, the performance is based on Russolo’s statement that the sonic palette of noises, generated by machines and the urban soundscape requires a new approach to musical instrumentation and composition. Therefore noise not only becomes a Leitmotiv in music but it also turns into musical material itself. The list of words that recall different sounds – such as thunder, whistles, roars, booms, grumbles, snorts – is part of the Futurist manifesto. These „onomatopoeic“ words are the origin of the performance project “ROARS_BANGS_BOOMS” for which Alessandra Eramo wrote 7 variations for voice.
At Errant Bodies she will present the Variation #4: She exhibits her large-format drawings as graphic transcriptions of the onomatopoeic words that in a performance she will interpret with her body and voice.

Project’s website: http://ezramo.com/works/musicafuturista/picture.html
Biography: Alessandra Eramo is a musician and artist working with extended vocal techniques, field recording, noise, sound and visual poetry. In the past ten years she presented her live-performances, compositions, videos and installations at numerous exhibitions, festivals and events in Europe, USA and Canada including: Galerie Haus am Lützowplatz Berlin, Padiglione Italia nel Mondo – 54th Venice Biennale, Liverpool Biennial 2012, Harvestworks New York, Lyd & Litteratur Festival Aarhus 2012, Sonic Circuits Festival 2011 Washington DC. Collaborations with performers, poets, improvisors and composers include: Gino Robair, Ingrid Schmoliner, Tomomi Adachi, Marta Zapparoli, Seiji Morimoto, Steven J. Fowler, Doug Van Nort. She was trained in classical singing, piano, music theory since an early age. She’s graduated with honors in visual art, experimental music and performance art in Milan, Stuttgart and Venice. In 2010 she co-founded „Corvo Records. Vinyl and Sound Art Production“. She lives in Berlin.
Corvo Records
Wendelin Büchler
Gottschedstrasse 22
13357 Berlin
Atelier/Office:
Schulstrasse 35
Hofgebäude
13347 Berlin
Der Erste Weltkrieg hat auch in England eine besondere Art von Lyrik hervorgebracht: die „war poetry“. Das Besondere daran: Viele der Dichter haben diesen Krieg als Soldaten an der Westfront durchlitten. Ihre Verse spiegeln die verschiedenen Phasen des Krieges: den Hurra-Patriotismus von 1914; die grausame Logik, dass die ersten Opfer nicht umsonst gewesen sein dürfen; die extreme Brutalität moderner Kriegsführung (Materialschlachten, Gaskrieg); und die mit zunehmender Kriegsdauer vorherrschende ablehnende Haltung der Soldaten zum Krieg, die in eine neue Aufgabe der Dichtung mündet.
Wilfred Owen hat sie in dem Satz zusammengefasst: „All a poet can do today is warn.“ / Schwäbische Zeitung
Die in Kiel lebende Schriftstellerin und Lyrikerin Therese Chromik erhält in diesem Jahr den Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde. Mit ihrem Lyrik- und Prosaschaffen gehöre Chromik zu den bedeutenden deutschsprachigen Literaten der Gegenwart, teilte die Künstlergilde am Dienstag in Esslingen bei Stuttgart mit. Die Auszeichnung wird am 13. Juni in Düsseldorf verliehen. Chromik wurde am 16. Oktober 1943 in Liegnitz in Schlesien geboren.
Der Gryphius-Preis wird seit 1957 vergeben und ist derzeit undotiert. Er ist nach dem schlesischen Lyriker und Dramatiker Andreas Gryphius (1616-1664) benannt und ehrt Autoren, die sich mit der deutschen Kultur und Geschichte in Mittel-, Ost- und Südeuropa beschäftigen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Siegfried Lenz, Peter Härtling und Arno Surminski.
Mit einer besonderen Ausgabe feierte die Ludwigsburger Literaturzeitschrift „exempla“ vor Kurzem ihren 40. Geburtstag. Die von der Möglingerin Ursula Jetter heute herausgegebene Zeitschrift ist damit die älteste Literaturzeitschrift Deutschlands*.
1974 wurde die Literaturzeitschrift „exempla“ in Tübingen von einer Studentengruppe um Peter Pörtner (ehemaliger Mitherausgeber des Konkursbuches und heute Professor für Japanologie in Hamburg) und Ralph Roger Glöckler (Literaturwissenschaftler, Ethnologe, Dichter und Schriftsteller) gegründet. Konzeptionell war die Förderung junger literarischer Talente in den Bereichen Lyrik, Kurzgeschichte und Essay angestrebt.
Nach dem Weggang der Initiatoren 1980 übernahm der Lyriker Wolfgang Rappsilber aus Tübingen, Mitglied im Deutschen Schriftstellerverband (VS), die Herausgeberschaft, die von da an im AS-Verlag erschien. / Südwestpresse
*) Älteste Literaturzeitschrift, nana. Die Horen wurden 1955 (neu) begründet, Sprache im technischen Zeitalter, 1961, Die Akzente 1954, Sinn und Form 1949 und die Neue Rundschau gar 1890 (sie wurde zwar 1944 verboten, aber schon 1945 zunächst in Stockholm wieder herausgegeben). Man kann ja nicht alles selber lesen, reicht schon wenn man drüber schreibt; aber in der nächsten Bibliothek nachsehen oder Wikipedia befragen sollte auch im Südwesten drinsein.
What might have been? I’d guess we’ve all asked that at one time or another. Here’s a fine what-might-have-been poem by Andrea Hollander, who lives in Portland, Oregon.
Ex
Yeats wrote two poems about İstanbul that have become classics in the Western literary canon: “Sailing to Byzantium” and the later “Byzantium.” The first poem uses an imagined journey to Byzantium to meditate on mortality, spirituality and artistic legacy, among other themes. The poet escapes a country of youth neglecting the “monuments of unageing intellect” around them and travels to Byzantium, seeking some form of eternal paradise.
The second, lesser-known poem, “Byzantium,” is a nighttime portrait of the city populated by classical Greek symbols — the figure of Hades, the golden bough, dolphins carrying people to the underworld. While “Sailing to Byzantium” invokes a journey, the second poem paints a picture that is complex and dizzying. / Today’s Zaman
Sailing to Byzantium
I
That is no country for old men. The young
In one another’s arms, birds in the trees
–Those dying generations–at their song,
The salmon-falls, the mackerel-crowded seas,
Fish, flesh, or fowl commend all summer long
Whatever is begotten, born, and dies.
Caught in that sensual music all neglect
Monuments of unaging intellect.
Die russische Dichterin Anna Tarshis, Künstlerin, Verlegerin, Avantgarde-Aktivistin, die unter dem Namen Ry Nikonowa (Ры Никонова) schrieb, starb am 10.3. im Alter von 72 Jahren in Kiel. Das teilte der Slawist Ilja Kukuj in einem Blog mit.
Sie wurde 1942 in der südrussischen Stadt Jejsk geboren, absolvierte die Musikschule Swerdlowsk in der Klasse Klavier und studierte am Leningrader Staatlichen Institut für Theater, Musik und Filmkunst (in ihrer Autobiografie schrieb sie, sie wurde ausgeschlossen „wegen eigenen künstlerischen Stils“).
1965 organisierte sie eine Avantgarde-Gruppe von Dichtern und Künstlern, Uktusser Schule («Уктусская школа»), die bis 1974 bestand, und gründete eine handschriftliche Zeitschrift „Nomer“ (Номер, Nummer), von der 35 Ausgaben erschienen. Von 1976 bis 1986 erschien das Avantgarde-Magazin „Transponans“, in dem sie Dmitri Prigow, Ilja Kabakow, Andrej Monastyrskij, Genrich Sapgir, Jurij Lejderman, Konstantin Swestotschetow und Igor Bachterew (Дмитрий Александрович Пригов, Илья Кабаков, Андрей Монастырский, Генрих Сапгир, Юрий Лейдерман, Константин Звездочетов, Игорь Бахтерев) veröffentlichte.
Tarshis war mit dem Dichter Sergej Sigejew (richtiger Name Sigow) verheiratet; 1998 bekamen sie gemeinsam den Andrej-Bely-Preis. Im gleichen Jahr zogen die Dichter nach Kiel .
Ry Nikonowa begeistert sich für experimentelle Poesie: Saum (Sa-um, заум), Odnostischij (одностиший), visuelle Gedichte, Gedichte in der Tradition des Readymade, Tabellengedichte. In ihrer Autobiographie finden sich so exotische Arten wie Gedichte auf Schallplatten (Disk-Art), gestische Gedichte (жестикуляционные поэмы), essbare Poesie, Gedichte auf Körperteile von Zuhörern, Lautpoesie, Vakuum-Poesie. Nikonowa beschäftigte sich mit Mail Art und book-art (бук-арт). Ausgaben von Transponans wurden auf internationalen Ausstellungen gezeigt.
/ Lenta.ru
Die Bloggerin Elena Kusmina teilt 3 Texte mit, darunter dieses Gedicht von 1965, von dem sie sagt, es sei schwer, das heute abstrakt zu lesen:
Все идиоты в этом мире идиотов,
И каждый идиот идет отдельно.
Все патриоты в этом мире идиотов,
И каждый патриот идет отдельно.
И каждый идиот по-каждому живет.
В этом мире, в этом мире
Каждый идиот.
Rohübersetzung:
Alle Idioten in dieser Welt sind Idioten,
Und jeder Idiot kommt für sich.
Alle Patrioten in dieser Welt sind Idioten,
Und jeder Patriot kommt für sich.
Und jeder Idiot lebt in jedem.
In dieser Welt, in dieser Welt
Ist jeder ein Idiot.
Eine biometrische Analyse beweist, daß auf dem berühmten 2008 aufgefundenen Foto tatsächlich Arthur Rimbaud zu sehen ist. Kein Rimbaldist hat das Rätsel gelöst, sondern ein Forscher vom Labor für anatomische Anthropologie und Paläontologie an der Claude-Bernard-Universität Lyon, Brice Poreau. Für ihn, aller Wahrscheinlichkeit nach, ist die geheimnisvolle Person auf dem Foto in der Tat der Autor von „Aufenthalt in der Hölle“.
Um das zu beweisen, verwendet er die „biometrische Ähnlichkeit“, eine forensische Technik, bei der man verschiedene Porträts untersucht, indem der Abstand zwischen allen Teilen des Gesichts und die Länge der Augen, Pupillen, des Mundes etc. gemessen wird. Und zwar mit einer Genauigkeit von „einem Hundertstel Millimeter.“ Experten treffen auf Poesie.
Beim Vergleich von fünf Fotos von Rimbaud (darunter das berühmte Porträt von Etienne Carjat) mit dem Bild erreichte Brice Poreau einen Prozentsatz von 85-92% genereller Ähnlichkeit, ein extrem hoher Wert für diese Art von Untersuchung – und sogar 98% Ähnlichkeit mit dem Foto Carjats. / Vincent Leconte, Nouvel Observateur
1966 fand die Literaturdebatte nicht in den Zeitungen statt (jedenfalls nicht in Westgermanien). Die Literaturzeitschrift Akzente diskutierte unter der Überschrift: „Die Jungen – haben sie einfach nichts zu sagen?“ Das Niveau war hoch. Paul-Gerhard (später Hadayatullah) Hübsch steuerte ein Minidrama bei, Auszug:
die deutsche literaturwiese. auftritt der gute onkel aus amerika! er ächzt & stöhnt das ganze stück über, weil er schwer am deutschen schicksal trägt.
der gute onkel aus amerika (murmelnd): wolln doch dem handke mal zeigen, was ne harke is. (laut) die jungen sind beschissen / weil sie nix zu sagen wissen. (geht ab)
jungdichterstimme aus dem hintergrund (leise): ich will was sagen!
walter von der höllerer: sim-sala-bim!
aus den maulwurfshügeln ertönen hurtige, muschige, hübsche, knoffige, mairige, prießnitzige, undsoweitrige stimmen, (durcheinanderredend): ICH BIN, dubist, ER ißt, (sie ist!) – es ist. WIR SIND, IHR seid, siesind. ich war du warster sieeswarwirwaren. ihr wart! siewaren. (undsoweiter&sofort. bis) ich wollte gewesen sein, duwolltestgewesenseinersieeswolltegewesensein …
(irgendwann zwischendurch senkt sich dichter nebel über die bühne).
(…)
privatdozent: der erste ist zu jung / doch hat er wengstens schwung / der zweite ist nicht diskutabel / der dritte gar ist miserabel / dem vierten halt ich die jugend zugut / dem fünften jedoch fehlt leider der mut.
die deutsche leserschaft: oh dichtung du selige / prosa du mehlige / lyrik du kehlige.
chor der traditionalisten: wir wollen unsern alten friedrich schiller wieder haben.
Akzente 5/1966, S. 356
Zwischenfazit von Michael Nerlich:
500 deutsche bierzeitungsdichter stürmen die bühne und übernehmen die redaktion der akzente
Ebd. S. 358
Die Protagonisten:
früh aufstehen, frühstücken und dann hinaus in den Frühling
Hansjürgen Bulkowski
Rechte Politiker zitieren Hassans wütende Anklagen, sein eigenes Herkunftsmilieu sei verroht, als würden sie beweisen, was sie immer schon gesagt haben: dass diese Leute nicht nach Dänemark passen. Linke wiederum warnen vor Hassans Dichtung, eben weil sie der anderen Seite als Beleg für die Wahrheit ihrer xenophoben und islamfeindlichen Positionen diene. Unterdessen hat der derart instrumentalisierte Dichter so viele Todesdrohungen aus dem islamistischen Milieu erhalten, dass er im Versteck lebt und in der Öffentlichkeit immer von zwei Personenschützern begleitet wird – was wiederum vor allem die Rechte als Bestätigung ihrer Warnungen vor dem Islam verbucht.
Überrascht ist Yahya Hassan von dem Rummel keineswegs. Er habe schon sein ganzes Leben in bedrängter Betreuung verbracht, gibt er mit einiger Abgebrühtheit zu verstehen, nun seien an die Stelle des schlagenden Vaters, der Sonderpädagogen, Jugendfürsorger und Gefängnispsychiater eben Sicherheitsbeamte getreten. Er verachte die Rechtspopulisten genauso wie die Islamisten – beides Extremisten, die Dänemark unerträglich machten und seine Lyrik läsen, als handele es sich um Debattenbeiträge. (…)
Dieses Buch hat Züge eines lyrischen Bildungsromans, es liest sich wie die Geschichte einer Ichwerdung im Medium der Dichtung. Es spielt in Sozialwohnungen, in libanesischen Flüchtlingslagern, im Jugendheim, in den aufgeknackten Wohnungen, die Hassan und seine Kumpel ausräumen, in den Moscheen von Aarhus während des Ramadans – und doch immer im Kopf dieses außergewöhnlichen Mannes. Kaum eines der stets in Kapitälchen geschriebenen Gedichte kommt ohne ein „ich“ aus. Sie sind für die Deklamation geschrieben. Hassan ist – man kann sich auf YouTube davon überzeugen – ein großartiger Vorleser der eigenen Dichtung: Die langen Haare zum Zopf gebändigt, singt er seine Gedichte rhythmisch wie ein ungläubiger Muezzin seiner eigenen Prophetie.
/ Jörg Lau, Die Zeit
Wortspielhalle: Spiel, Satz und Sieg
Für das Projekt ‚Wortspielhalle‘ wurden Sophie Reyer mit dem lime-lab ausgezeichnet. Mit einem sprachspielerischen Angang zur Lyrik eröffnen sie der Poesie eine neue Handlungsfreiheit. In einem zweckfreien Spiel über Zufälle und Möglichkeiten erforschen sie die ludische Wende, die durch die Dominanz von Spielanwendungen auf dem Computer gekennzeichnet ist. Ihr Spiel mit der Sprache verändern die Elemente einer Situation so zu, daß Neues und Unbekanntes entsteht.
Aus einem Doppelgedächtnis rufen Sophie Reyer und A.J. Weigoni ein k.u.k. in Erinnerung, das sie als ‚Kunst und Klang’ sinnfällig dekonstruieren. Die Komponistin und der Hörspieler präsentieren in ihrer Wortspielhalle eine Literatur als Gegenprogramm zu Alltag und Banalität. Hier findet keine experimentelle Textzertrümmerung statt, diese Poesie spiegelt eine fragmentarische Gesellschaft, diese Autoren öffnen den Blick auf die Gegenwart. Nicht nur die Literatur bedarf der Befreiung durch den Sprachwitz, mehr noch der Leser. Und manchmal steckt eine solche Subversion in einem Diminutiv, gelegentlich in einem dialektalen Wispern. Die Wienerin Sophie Reyer hält nicht ostentativ an ihrer Sprachfärbung fest, ihr Schmäh hat keine Sanftheit behalten, sondern eine polemische Schärfe gewonnen, die man dieser zierlichen Frau nicht zutraut. Diese sprachmächtige Autorin wird umso bissiger, je lyrischer sie textet.
Weit davon entfernt sich von ihrem Charme abwatschen zu lassen, setzt der ungarisch rheinische VerDichter A.J. Weigoni auf Snobismus, analytische Tiefe und der Verfolgerung der etymologischen Spuren. Wie seiner Mitverschwörerin geht es ihm darum die Monumentalität der Musik in Poesie einzuschmelzen, ohne Ehrfurcht. Die Aufmerksamkeitsspanne, die Weigoni seinem Gegenüber und dem Leser abfordert, ist von enormer Gewitztheit. Sein Eindampfen stellt in jedem Fall eine Verdichtung war. Seine Twitteratur läßt einen philosophischen Bildungsroman auf wenige Zeilen zusammenschnurren, während er als Erzähler auf der Suche nach dem Sinn des globalisierten Lebens ist – wie wir alle.
***
Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014
Das Konzept zum Projekt Wortspielhalle von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können nach und nach hier abgerufen werden.
• Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier, von A.J. Weigoni hier.
Einig ist man sich in Frankreich, dass die rund 70 Gedichte ganz Houellebecqs negatives Bild des Universums widerspiegeln. Die poetischen Qualitäten werden überraschend wenig diskutiert, obwohl der Dichter fleißig gereimt hat. Hier nun erweist sich die größtenteils exzellente Übersetzung als ein echter Gewinn für die deutschen Leser. Dies mag paradox klingen, da ja gerade bei der Übertragung von Lyrik das Wesentliche oftmals verloren geht, wie Robert Frost formulierte: „Poetry is what is lost in translation“. Aber die Reime machen keineswegs die Qualität dieser Lyrik aus.
Es geht um Trostlosigkeit und Sex
Es ist geradezu wohltuend, die ungereimten deutschen Verse zu lesen, die in der Ausgabe des Dumont Verlages dem Original gegenübergestellt sind. Hier ließe sich anführen, dass auch Baudelaire, in dessen Tradition Houellebecq sich sieht, für seine „Blumen des Bösen“ klassische Formen wie Alexandriner und Sonett gewählt hat, aber das war schließlich vor mehr als 150 Jahren. Und Reime, die doch arg weit hergeholt erscheinen, finden sich darin nicht. / Caroline Fischer, DLR
Michel Houellebecq: Gestalt des letzten Ufers. Gedichte
Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel
Dumont Verlag, Köln 2014
176 Seiten, 18,00 Euro
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