49. Wortart

Eine Gruppe junger Dresdner Musiker hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gedichte ihrer Lieblingsdichter in Musik zu verwandeln. Im Oktober 2013 haben sie es mit einer der sinnlichsten Lyrikerinnen der Gegenwart getan: mit Nora Gomringer. (…)

Das Wortart Ensemble hat sich an der Hochschule für Musik in Dresden zusammengefunden und besteht aus den Sängerinnen Lena Sundermeyer, Anne Munka, Hannah Ginsburg sowie den Sängern Lars Ziegler und Christoph Mangel. Seit mehreren Jahren schon haben die Fünf zeitgenössische deutsche Lyrik vertont. Bertolt Brecht, Mascha Kaléko, Marie-Luise Kaschnitz, Felix Wetzel und Wolf Wondratschek haben sie ihre Sangeskunst angedeihen lassen. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

48. Evaluierung

Vierzig Städte weltweit gehören dem Netzwerk „Städt der Zuflucht“ (ICORN) an, das es sich seit Mitte der Neunziger Jahre zur Aufgabe gemacht hat, verfolgten oder bedrohten Schriftstellern zu helfen. Für mindestens ein Jahr erhalten die Autoren ein Stipendium, das aus Geld und einer Wohnung besteht, um frei arbeiten zu können. Auch die Buchmesse-Stadt Frankfurt war bislang beteiligt. Bis zum 31. Mai ist dort noch der iranische Romancier Mohammad Baharloo untergebracht. Danach stellt die Stadt ihre finanzielle Unterstützung von jährlich 27.000 Euro ein. Während einige das Ende der Förderung befürchten, heißt es von den Organisatoren, es solle eine Evaluation stattfinden. (…)

Peter Ripken, der für Litprom die Stipendiaten ehrenamtlich betreut, ist nicht so gelassen. „Es ist im Moment schwer zu sagen, ob das Programm ernsthaft gefährdet ist. Aber ich bin skeptisch, die ganze Situation ist sehr unerfreulich. Fakt ist, dass das Kulturamt der Stadt Frankfurt die Mittel gestrichen hat, das ist der Status Quo. Dass die Buchmesse nun sagt, man wolle schauen, was man anders machen könne, finde ich eine arrogante Haltung. Als wüsste man das hier besser als in anderen beteiligten Städten wie Barcelona, Paris oder New Mexico.“

Zuletzt war die iranische Dichterin und Übersetzerin Pegah Ahmadi als Stipendiatin der „Städte der Zuflucht“ in Frankfurt – sie ist danach nicht nach Iran zurückgekehrt, sondern in Deutschland geblieben. Inzwischen lebt sie in Köln. Ihr letztes Buch „Mir war nicht kalt“ ist bislang nur in Deutschland erschienen. Das Programm habe ihr in vielerlei Hinsicht geholfen, sagt sie: „Für zwei Jahre gab es mir wirtschaftliche Sicherheit und einen sicheren Ort, um meine Arbeit ohne Angst fortsetzen zu können. In Iran fühlte ich mich unsicher und bedroht, meine Bücher und Artikel wurden zensiert oder konnten gar nicht erst erscheinen. In Deutschland konnte ich frei sprechen in Interviews, Seminaren, Lesungen, und ich konnte wieder veröffentlichen.“ / Gerrit Wustmann, Heise online

47. Writers in exile

„Ich denke nicht daran, das städtische Elsbeth-Wolffheim-Literaturstipendium für gefährdete Schriftsteller zu reduzieren“, sagte der Darmstädter Oberbürgermeister. „Wir brauchen Orte, wo diese Geschichten vorgetragen werden“, erklärte Partsch sichtlich bewegt: „Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas so Erschütterndes gehört habe!“ Es ist ein schier unerträglich langes Gedicht, das Amer Matar über den syrischen Krieg geschrieben hat, welches den Oberbürgermeister so berührt: „Weil ich die Leichen nicht am Stück wegschaffen kann / trenne ich die Beine ab…abgetrennte Ohren an die Wand genagelt / nachts erzähle ich ihnen das Märchen vom Rotkäppchen.“

Matar ist jung, geboren 1987 in Damaskus. Er gehört der Gruppe „Street“ an, Dokumentarfilmer und Journalisten in Syrien, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, „Albträume einzufangen“. Einen Albtraum bekommt das Publikum im Literaturhaus auf Film zu sehen. Eine Bombe ist hochgegangen, die wackelige Kamera zeigt zerstörte Mauern, verstörte Menschen, Schreie, Rufe, „Allahu akbar“ – Gott ist groß. Das ist starker Tobak. Dabei haben in den Medien neue Kriegsschauplätze die Bilder über Syrien längst ersetzt. Aber Maters Gedicht geht tief unter die Haut. Er zeigt, was das Grauen mit jedem von uns machen könnte. Da ist der „Drang zu ermorden…wobei der Tod nicht das Schlechteste ist…Angst, niemand erkennt dich mehr“. Die Zukunft seines Landes malt er in schwarzen Farben.

Im Gegensatz zu Matar wurde Qassim Haddad im Gefängnis nicht gefoltert. Er wurde wegen seiner linksgerichteten politischen Aktivitäten verhaftet, nicht wegen seiner Lyrik. Haddad ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen arabischen Lyriker, 20 Bände mit seinen Werken sind in englischer Sprache erschienen. Alle deutschen Übersetzungen für diesen Abend stammen von Leila Chammaa, die auch die Gespräche übersetzt. Früher habe er im Gefängnis geschrieben, sagte Haddad, 1948 in dem kleinen Inselstaat Bahrain geboren. Heute brauche er die Ruhe, die er in Deutschland gefunden habe.

Poetische Quelle bleibt für ihn das Meer, genauer: die Süßwasserquellen auf dem Grunde des Meeres um Bahrain, das „zwei Meere“ bedeutet; dort wachsen Perlen. Über sein Volk dichtet er: „Wir stellen uns selber die Fallen…für jede Peitsche ziehen wir eine neue Haut über.“ / Darmstädter Echo

46. Satan in Versen

Schon immer wollte das Gotteslob mehr als ein Gebetbuch sein: eine Gebrauchsanleitung zum besseren Leben. Das gelingt in der Neuausgabe besser als zuvor, weil die strengen Regeln des katholischen Kosmos sanft aufbereitet werden. Im Kapitel des Sakraments der Buße wird nicht mehr wie bisher „Habe ich Selbstbefriedigung gesucht?“ und „Habe ich die voreheliche Keuschheit verletzt?“ gefragt, sondern „Wie stehe ich zu meiner Sexualität?“ Und zum Gebot, den Sabbat zu ehren, werden Fragen angeboten, die in einem Psycho-Ratgeber stehen könnten, etwa: „Bin ich mir bewusst, dass Leben mehr bedeutet als Arbeit und Leistung?“

Die neue Gotteslob-Pädagogik stößt dort an ihre Grenzen, wo der Text durch die Liturgie, das für die Kirche weltweit geregelte Zeremoniell, vorgegeben ist. Bei der Taufe hat der Priester immer noch Paten und Eltern zu fragen: „Widersagt ihr dem Satan, dem Urheber des Bösen?“ Der Teufel gehört noch dazu. Aber er ist in Versen versteckt. / Rudolf Neumaier, Süddeutsche Zeitung 5.4.

45. Brief von Konstantin Wecker

Liebe Freunde,

die neoliberale Ideologie ist eine menschenverachtende, rücksichtslose Weltanschauung, die, wenn wir nichts dagegen unternehmen, unsere Gesellschaft noch brutaler, als bisher schon geschehen, spalten und entsolidarisieren wird. Die Arbeitnehmer werden entrechtet, soziale Errungenschaften werden in die Barbarei zurückgestuft, schon jetzt zerbrechen in Europa Tausende täglich an der Bereicherung der Konzerne.

Bei allem Verständnis für das Aufbegehren gegen diesen Wahnsinn, müssen wir aufpassen, nicht plötzlich die falschen Freunde an unserer Seite haben.
Unter Medizinern wird ein „falscher Freund“ ein Furz genannt, der sich in der Hose verfestigt. Bei dem, deutlich gesagt, ein Stück Kot mit abgelassen wird.
Diese falschen Freunde sind aus dem Lager der Neonazis, der Rechtspopulisten, der neuen Nationalisten, die sich allesamt ein neues Image verpassen wollen und „aus Liebe zu Deutschland“ ihre Kapitalismuskritik entdecken.

Schon während der Demonstrationen gegen den Irakkrieg wollten sich Nazis in unsere Reihen schmuggeln. Wir haben sie vertrieben und natürlich dennoch weiter demonstriert.

Was ich sagen will – es kann nicht angehen, dass wir uns bei unserer berechtigten Kritik indirekt von den Nazis den Mund verbieten lassen, nur weil sie – aus wohlgemerkt völlig anderen Beweggründen – in einigen Punkten unserer Meinung sein wollen.

Deshalb, nochmal ganz deutlich und für jeden erkennbar:
Unsere Kritik am Neoliberalismus ist keine deutschtümelnde, in irgendeiner Weise rassistische, antisemitische, menschenverachtende Kritik.
Sie ist nicht nationalistisch, sondern internationalistisch, sie ist nicht Fremde abweisend, sondern offen für Neues und Fremdes, sie versucht nicht Deutschland als eine Insel der Seligen abzuschotten gegen den Rest der Welt, sondern sie ist ausdrücklich solidarisch mit den unterdrückten südlichen Ländern Europas, sie ist nicht elitär, sondern voller Empathie für Aussenseiter, Verrückte und seitlich Umgeknickte. 

Sie ist voller Verständnis für Flüchtlinge und gegen die Ermordung Tausender Flüchtlinge aus ausschließlich wirtschaftlichen Gründen.
Sie verachtet nationalsozialistisches Irrdenken und träumt den Traum einer solidarischen Weltgemeinschaft gleichberechtigter Menschen, gleich welchen Geschlecht, welcher Hautfarbe, welcher Nationalität.
Und sie wird sich vehement in revolutionären Prozessen gegen die Entdemokratisierung einer neoliberalen Weltherrschaft zur Wehr setzen.

P.S.:
„Auch die Philister haben manchmal Recht, doch immer aus den falschen Gründen.“
Johann Peter Hebel
(1760 – 1826)

44. Ich höre Istanbul

Zum heutigen 100jährigen Geburtstag von Orhan Veli veröffentlicht die Lyrikerin Safiye Can eine Übersetzung seines bekanntesten Gedichts, das ich hier mit ihrer Erlaubnis einrücke.

Ich höre Istanbul

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Zuerst weht ein sanfter Wind
Leicht schwanken die Blätter
an den Bäumen,
In der Ferne, in weiter Ferne
Unaufhörlich die Glocken der Wasserverkäufer,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Während ich rufen will, die Vögel fliegen vorbei,
Fliegt eine ganze Schar, hoch hinaus, Schrei für Schrei,
Die Fischer holen die großen Netze ein,
Die Füße einer Frau berühren das Wasser,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Kühl, kühl der Große Basar,
Kunterbunt Mahmutpaşa,
Voller Tauben die Höfe,
Vom Dock her hallt es Hammerschläge,
Im herrlichen Frühlingswind liegt Schweiß,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
In meinem Kopf der Rausch vergangener Feste,
Eine Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern
Steht im abklingenden Geheul der Südwestwinde,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Eine Dirne stolziert auf dem Gehsteig,
Flüche, Gesänge, Anmachsprüche,
Etwas fällt aus ihrer Hand auf den Boden,
Es müsste sich um eine Rose handeln.
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Ein Vogel zappelt an deinen Hängen,
Ich weiß, ob deine Stirn warm oder kalt ist,
Ich weiß, ob deine Lippen feucht oder trocken sind,
Weiß geht der Mond hinter Kiefergewächsen auf,
An deinem Herzschlag erkenne ich
Ich höre Istanbul.

Gedicht: Orhan Veli Kanık
Übersetzung: © Safiye Can, letzte Fassung vom 13.4.2014

43. Lyrikpreis München 2014

Der Lyrikpreis München ist eine Veranstaltung des Münchner Literaturbüros, die derzeit von folgendem Organisationsteam geleitet wird:

Kristian E. Kühn, Lyriker, Essayist, Filmemacher
Ulrich Schäfer-Newiger, Lyriker und Torso-Mitherausgeber
Christel Steigenberger, Lyrikerin und außer.dem-Mitherausgeberin

Deutschsprachige Lyriker können zweimal im Jahr 2014 auf bis zu 10 Seiten Gedichte einreichen (bei kurzen Gedichten jedes auf einer Seite), gleich ob es sich dabei um mehrere Arbeiten oder eine längere handelt. Die Zusammenstellung hat keinerlei thematische oder formale Auflagen, sie soll jedoch charakteristisch für das derzeitige Schaffen des Lyrikers sein.
Fünf, höchstens sieben der jeweiligen Einreichungen werden von einer Vorjury ausgewählt, um am betreffenden Leseabend von den Autoren vorgetragen zu werden.

Die Vorjury setzt sich zurzeit aus dem o.a. Organisationsteam des Preises zusammen. Mehr

42. Poetopie

sanft angezogen werden von den noch immer nicht entdeckten Wellen der Gravitation

Hansjürgen Bulkowski

41. Pflaster

… nennt sich ein „podcast zur entblödung mitteleuropas“. In
PF038 –

clemens schittko – ‘stammtischkorrekturen’
der autor clemens schittko erklärt wie das mit den gedichten ist.

u.a. über diese Themen:

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40. Poesie des Pi

Als Autist fällt es ihm nicht leicht vor anderen Menschen zu sprechen, sich Gesichter zu merken oder Emotionen nachzuvollziehen.

Gleichzeitig besitzt er aber eine außerordentliche Begabung in sprachlichen und mathematischen Teilbereichen. Von der endlosen Kreiszahl Pi kann er bis zu 22.514 Nachkommastellen auswendig aufsagen. Vor zehn Jahren setzte er damit den Europarekord. Innerhalb von fünf Stunden und neun Minuten rezitierte er Pi wie ein Gedicht.

Zum ersten Mal konnte er sich frei ausdrücken und seine Emotionen mit anderen Leuten teilen. „Ich spüre, wie der Atem des Publikums sich immer mehr mit meinem synchronisiert. (…) Wenn plötzlich eine Drei aus einer Reihe Nullen und Siebenen hervorbricht, höre ich eine Art schwachen kollektiven Überraschungsschrei,“ erinnert er sich an diesen poetischen Moment.

Daniel Tammet verfügt über eine sogenannte Inselbegabung, die weltweit nur bei etwa 100 Menschen vorkommt. Mit seiner komplexen, assoziativen Denkweise kann er unterschiedliche Lebensbereiche verbinden, lässt Metaphern und Tagträume aufleben. / Silva Schnurrenberger, Die Welt

Daniel Tammet: Die Poesie der Primzahlen. Aus dem Englischen von Dagmar Mallett. Hanser Verlag, München. 318 Seiten, 19.90 Euro

39. Klangskulpturen sind wir

Der in Nordrhein-Westfalen und Spanien aufgewachsene, heute in Berlin lebende Autor kommt ganz vom Klang her, vom Rhythmus des mündlichen Vortrags und der Performance. Er ist ein Akustikerder den digitalen Zeitgeist mit seinen surrenden Laptop-Lüftern und Störgeräuschen einfängt, aber nicht minder ein Morphologe, der bekennt: „wir durchsuchen den / wortschatz auf der suche nach nuggets“. Vor allem aber ist Jan Skudlarek der Phonologe unter den jungen Dichtern. „klangskulpturen sind wir, nicht wahr“ heißt eines der Gedichte.

Hier spricht er den Leser ganz direkt an, baut auf Zustimmung und Widerspruch gleichermaßen. Denn zum Klang gesellen sich der Sinn der Rede, das Sprachbild, die Metapher, der Rhythmus des Erzählens und die vielfachen Bezüge. Er hat ein offenes Ohr für andere Stimmen und Traditionen, mit denen seine Verse korrespondieren: Ovid, Sappho, aber auch Durs Grünbein, etwa in „hautzone, morgens“. Was das „Wir“ im Elektrosmog wahrnimmt, ist eine mehr denn je mit allen Sinnen erfahrene Welt. / Dorothea von Törne, Die Welt

Jan Skudlarek: Elektrosmog. Luxbooks, Wiesbaden. 80 S., 19,80 €.

38. Das alles verdank ich der Presse

Göppingen. Zeitgemäße Poesie und Lyrik gibt es heute ab 20 Uhr bei der Poetry-Lesebühne zum Weltautismustag im CVJM-Jugendkulturcafé des Göppinger Bonhoefferhauses. Anstelle der Verfasser werden Slammer und Betreuer von Autisten die Texte vortragen.

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myheimat. Lyrik rührt Tom Hiddleston zu Tränen! Das hätte wohl niemand von dem toughen Schauspieler geahnt, der mit seiner Rolle als Bösewicht Loki in „Thor“ für Furore sorgte. Doch nun enthüllte der attraktive Star seine emotionale, verletzliche Seite und verriet: Es gibt ein Gedicht, das ihn zum Weinen bringt!

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37. Die Eiserne Lerche

… bereits Herweghs anonym erschienener Erstling, die Gedichte eines Lebendigen, sorgt 1841 für Furore und macht den 24-Jährigen zum Bestsellerautor. Aus dem Schweizer Exil nach Deutschland geschmuggelt und oft zum Wucherpreis unterm Ladentisch verkauft, überflügelt das verbotene Bändchen in wenigen Monaten sogar Heines Buch der Lieder.

Es ist ein Fanal der Hoffnung für die demokratische Opposition unter dem Metternich-Regime, die seit dem Hambacher Fest 1832 die Faust nur noch in der Tasche zu ballen wagt. Die verbotenen Verse sind schnell in allen deutschen Königreichen, Klein- und Kleinststaaten verbreitet. Auch Studenten, die sich kaum eigene Bücher leisten können, rezitieren, singen die rebellischen Hits, einzelne Zeilen bekommen Flügel: „Wir haben lang genug geliebt / Und wollen endlich hassen!“, „Reißt die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden!“, „O wag’ es doch, nur Einen Tag, / Nur Einen, frei zu sein“, „Und durch Europa brechen wir / Der Freiheit eine Gasse!“.

(…)

Preußens Friedrich Wilhelm IV., um eine populistische Geste nie verlegen, empfängt ihn; die Begegnung verläuft eher frostig. Kurz darauf verbietet der König eine geplante literarische Zeitschrift, verschärft die Zensur und verbannt den just Verlobten aus Berlin. Begleitet von einer Hetzkampagne der preußischen Presse, bekommt Herwegh nun auch den Spott falscher Freunde zu spüren, die ihn für die neue politische Eiszeit verantwortlich machen. Dessen ungeachtet bilden sich in vielen Städten Herwegh-Klubs, und Junglyriker wie Paul Heyse – 1910 wird er den Nobelpreis erhalten – zwitschern übermütig im Ton der „eisernen Lerche“.

(…)

Dass ein Lyriker kaum als Heerführer taugt und sein Jawort töricht und romantisch gewesen sei, lässt sich im Nachhinein leicht sagen. Marx warnt vor dem Abenteuer, schimpft den Freund gar einen „Lumpen“. Doch von Emma und Bakunin gedrängt, übernimmt Herwegh die Führung. Nach langem Fußmarsch durch Frankreich erreicht die auf 700 Mann und eine Frau (Emma, in Männerkleidern) geschmolzene Schar den Rhein. Hecker allerdings ist da bereits geschlagen, und so befindet sich Herweghs Legion, gejagt von hessischen und württembergischen Truppen, bald nur noch auf der Flucht durch Matsch und Schnee. Emma leitet den Rückzug auf steilen Pfaden über die Höhen des Schwarzwalds, bis die Legion schließlich von königlichen Truppen gestellt und trotz erbittertem Widerstand in die Flucht getrieben wird. Am Ende sind dreißig junge Männer gestorben, die für eine demokratische Zukunft gekämpft hatten.

Der populäre amerikanische Historiker Gordon A. Craig verteidigte 1988 in seinem Buch Geld und Geist den Freiheitskampf gegen alle üble Nachrede vom „kläglichen Versagen“ und von der „feigen Flucht“: „Wenn auch die Gegner Herweghs versuchten, seinen Feldzug ins Lächerliche zu ziehen, so war es, unvoreingenommen betrachtet, doch ein ehrenhaftes, einer edlen Sache gewidmetes und unter großem persönlichen Risiko durchgefochtenes Unternehmen.“

(…)

1873, ein Vierteljahrhundert nach dem Aufbruch von 1848, schreibt er ein letztes großes Gedicht, mit dem er an das Vermächtnis der Freiheitskämpfer erinnert, die in Berlin gefallenen sind: „Achtzehnhundert vierzig und acht, / Als im Lenze das Eis gekracht, / Tage des Februar, Tage des Märzen, / Waren es nicht Proletarierherzen, / Die voll Hoffnung zuerst erwacht /Achtzehnhundert vierzig und acht? // […] // Achtzehnhundert siebzig und drei, / Reich der Reichen, da stehst du, juchhei! / Aber wir Armen, verkauft und verraten, / Denken der Proletariertaten – / Noch sind nicht alle Märze vorbei, / Achtzehnhundert siebzig und drei.“

Die Reaktion der Reaktionäre bleibt nicht aus. Herwegh sei nichts weiter als „ein Trunkenbold der Phrase“, wettert der preußische Hofhistoriker Heinrich von Treitschke, für dessen Antisemitismus („Die Juden sind unser Unglück“) Herwegh nur ein Wort übrig hat: „Die Rassenfrage gehört in die Gestüte, nicht in die Geschichte.“

/ Michail Krausnick, Die Zeit

An Auswahlbänden herrscht kein Mangel. Doch endlich erscheint nun – ohne jede Subventionierung – eine Gesamtausgabe. Vier der sechs Bände liegen vor: frühe Gedichte (Band 1), späte Prosa (Band 4) und zwei Bände mit Briefen. Herausgegeben von Ingrid Pepperle in Verbindung mit Volker Giel, Heinz Pepperle, Norbert Rothe und Hendrik Stein, erscheint sie im Aisthesis Verlag, Bielefeld, und kostet je Band zwischen 98 und 148 Euro

36. Walt Whitman Award

Ein gutes Förderungsmodell, finde ich:

A young Korean-American poet has received a $5,000 award for first-time writers that also ensures the publication and thousands of sales of her debut collection.

Hannah Sanghee Park has won the Walt Whitman Award, the Academy of American Poets announced Wednesday. Her book, “The Same-Different,” will be released next year by Louisiana State University. The poetry academy will purchase thousands of copies and distribute them to its members. Pulitzer Prize winner Rae Armantrout chose Park for the award and praised “Same-Different” as a “literally dazzling debut.” / The Washington Post

35. Plath

In einem BBC-Interview aus dem Jahr 1962 erklärte Sylvia Plath: «Meine Gedichte kommen direkt aus meinen sinnlichen und emotionalen Erfahrungen, doch ich muss zugeben, dass ich kein Verständnis für Herzensschreie habe, die von nichts anderem als der Nadel oder dem Messer geprägt sind. Ich glaube, dass man in der Lage sein sollte, Erfahrungen zu kontrollieren und zu beeinflussen, selbst die schrecklichsten wie den Wahnsinn, die Qual (. . .).» Die Lyrikerin benennt in diesem Interview auch den Unterschied zwischen den frühen und den späteren, seinerzeit unpublizierten Gedichten: Die ersten könnten nicht laut gelesen werden, weshalb ihnen eine gewisse Luzidität fehle. Tatsächlich ist «Der Koloss» formstreng und kompakt, seine Gedichte zeugen von Bildung und sprachschöpferischer Kraft. «Übers Wasser» dagegen ist freier, selbstbewusster, hier wird das Bekenntnis gewagt, jedoch künstlerisch immer sehr kontrolliert und darum weniger unmittelbar als beispielsweise bei Plaths Zeitgenossin Anne Sexton. / Jürgen Brôcan, NZZ11.4.

Sylvia Plath: Übers Wasser. Übertragen von Judith Zander. Luxbooks, Wiesbaden 2013. 138 S., Fr. 32.90. Sylvia Plath: Der Koloss. Übertragen von Judith Zander. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013. 168 S., Fr. 34.90.