Bernstein und zwei Übersetzungsteams wurden am Sonntag mit dem Preis für Internationale Poesie der Stadt Münster geehrt. Jurymitglied Urs Allemann brauchte viele Fremdwörter, um in der Feierstunde im Erbdrostenhof das Werk des 1950 in New York geborenen Bernstein zu beschreiben. Der Poet ist eben besonders: Er produziert schräge Lyrik, vom Dadaismus, der die konventionelle Kunst ablehnt, angeregte Lautgedichte und Text-Montagen.
Mit ihm zeichne die Jury einen der „verantwortungslosen Lyriker“ aus, deren Werke keine verlässliche Ästhetik besäßen, meinte Allemann begeistert. „Dass diese ästhetische Fahrlässigkeit auf Bernsteins Übersetzer ansteckend wirkt, ist nicht verwunderlich“, sagte das Jurymitglied.
(…)
Urkunde und Preisgeld – Autor und Übersetzer teilen sich 15 500 Euro – gab es von Oberbürgermeister Markus Lewe. Der philosophierte: „Auch wenn wir alle in einer Sprache sprechen würden, verstehen würden wir uns doch nicht immer.“ / Die Glocke
„Alle haben mich angespuckt, vom 14. Lebensjahr an“, klagte Dino Campana in einem Brief. Doch sofort ergänzte er: „Ich hoffe, irgendeiner wird mich am Ende anstechen. Wisset aber, dass ihr keine Eiterbeule anstecht, sondern den höchsten Alchimisten, der aus dem Schmerz Blut gewonnen hat! Hurra! Ich will stechen und gestochen werden!“ (…)
Im Gegensatz zur Dekadenz des damals berühmten Gabriele d’Annunzio, den Dino Campana verabscheute, setzte der Lyriker aus Marradi auf „leise, reine und ehrlich empfundene“ Dichtung, „die sich im Inneren vollzieht und die von Visionen, transzendenten Wahrnehmungen und mystisch archaischen Zügen bestimmt wird“ (Monika Antes). Den Wert dieser Dichtung erkannten viele Italiener erst Jahrzehnte nach Campanas Tod – heute gilt Campana vor allem in Italien als einer der bedeutendsten Avantgardisten des beginnenden 20. Jahrhunderts. / Sabine Lange, NDR
Der Schweizer Komponist Beat Furrer schrieb eine Oper um den italienischen Dichter Dino Campana (1885-1932), der Eugenio Montale, Giuseppe Ungaretti, Cesare Pavese oder Pier Paolo Pasolini inspirierte. Die Oper, «la bianca notte», wurde am Sonntag in Hamburg uraufgeführt.
Wenn Campanas Sprache mit Straffungen und Dehnungen der Zeit arbeitet, um stille Freiräume mit figurativen Fragmenten oder vehementen Ausbrüchen zu füllen, so reichen sich Campanas sprachklangliche Verwandlungen und Furrers «Metamorphosen des Klanges» (Ender) die Hand.
Dies offenbart auch Furrers neue Oper, wobei allein schon die Biografie Campanas viel Stoff für ein Musiktheater bietet – ein Leben zwischen Entfremdung und Flucht. Vor 130 Jahren in Marradi bei Faenza in der Emilia-Romagna geboren, wird Campana von der Mutter abgelehnt, was starke Aggressionen gegen sie weckt. Im Dorf früh als skurriler, ja verrückter Sonderling belächelt oder gar angefeindet, wechseln sich ab 1906 Fluchtversuche in den Norden Italiens und die Schweiz mit Einweisungen in «Nervenheilanstalten» ab – unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt in Südamerika. 1918 wird Campana offiziell für geisteskrank erklärt, 1932 stirbt er in der Klinik Castel Pulci bei Florenz. / Marco Frei, NZZ
Wladimir Majakowskis oftmals beschworene «Tragik» besteht keineswegs darin, dass er sein einzigartiges Talent an die parteiliche Rhetorik verschwendet hat, vielmehr darin, dass er sein Dichter- und Künstlertum niemals ganz zu unterdrücken vermochte. Dies wird man nun in vielen bisher unbekannten Einzelheiten endlich verifizieren können: Vor kurzem sind in Sankt Petersburg die ersten drei Lieferungen einer neuen, auf zwanzig Bände geplanten Werkedition herausgekommen. / Philipp Ingold, NZZ
An einer der intensivsten Stellen variiert Beyer Inger Christensens Formel «es gibt» aus dem Gedicht «Alphabet» über zwei Seiten hinweg: «Es gibt Badezimmer und Bahnhöfe und Offiziere und Teppiche. / Heideggerbücher und Glastischchen und Fernsehstudios und Männer in grünkarierten Hemden gibt es. / Linienbusse gibt es. / Linienflugzeuge und Privatmaschinen und Purser und Schneekatzen. / Katzen. / Katzenbücher. / Grinsekatzen. / [. . .] / Es gibt Kaninchen, wie es Kaninchenbaue gibt. / Und Kaninchenvisagen.» Es ist der Inbegriff einer Realitätsformel, mit der Beyer und Christensen arbeiten. Ein schöneres Beispiel für die Kraft der Imagination lässt sich kaum denken.
/ Nico Bleutge in der NZZ über Marcel Beyers Göttinger Poetikvorlesungen
Marcel Beyer: XX. Lichtenberg-Poetikvorlesungen. Wallstein-Verlag, Göttingen 2015. 78 S., Fr. 18.90.
Der Titel des stattlichen Gedichtbandes „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ von Horst Samson, ediert 2014 beim getreuen Verleger südosteuropäischer Literatur Traian Pop in Ludwigsburg, hat mich ins Grübeln gebracht. Sind wir im Imaginären anwesend oder ist das Imaginäre in uns präsent? Wohl beides, zwei Seiten einer Medaille. Bei Horst Samson muss man auf der Hut sein, denn er stellt Wörter und deren gängige Bedeutung in ganz unerwartete, erstaunliche Zusammenhänge, gedanklich und emotional. Dies gehört gewiss zur Eigenart der Dichtung überhaupt. Doch die lyrischen Texte des in der Bărăgan-Deportation geborenen, im Banat aufgewachsenen Dichters – er ist durch seine Lehrerausbildung und Familie auch Siebenbürgen eng verbunden – sprechen den Leser an durch einen originellen Sprachstil und eigenständig frische poetische Bilder, Vergleiche und Metaphern.
(…) Der Begriff eines „poetischen Chronisten der Auswanderung“ ist hier weiter zu fassen. Dem Dichter geht es nicht so sehr um die Spiegelung des historischen Vorgangs, sondern um dessen Hintergründe und zerstörerische Wirkung auf das Leben der betroffenen Menschen, mit denen er sich identifiziert. An Protest-Gedichte im engeren Sinn – wie jene gegen Willkür und Gewalt in der kommunistischen Diktatur, gegen das Unwesen des Geheimdienstes – fügen sich Verse über Schuld und Verrat. Selbst Bilder der Landschaft und Dinge des Alltags werden zu Zeichen der bedrückenden Innenwelt des Dichters, selbst in thematisch so verschiedenen Gedichten wie „Bei den Sonnenblumen“ oder „Nachruf auf meine Schreibmaschine“: „Sie wusste alles über mich (…) und schrieb/ meine verkorkste Biographie mit, die Historie/ der Familie, Krieg, Deportation, Erniedrigungen (…)/ Doch ich wusste, kein Wort, kein Wort/ würde sie verraten (…)“. / Walter Engel, Siebenbürgische Zeitung
jetzt, tief im eigenen Leib spürst du nicht die Zeit – nur den lautlosen Rhythmus des Herzschlags
Hansjürgen Bulkowski
Junge Menschen, die von der realen Welt angewidert sind, lesen Gedichte. Schauspielschülerinnen, die Blumen an ihrem Fahrrad befestigen, Kleider aus den Fünfzigerjahren tragen und zu Recht nichts mit den imaginären „anderen Menschen“ zu tun haben wollen, lesen Gedichte.
Ich hatte als junger Mensch Borcherts Zeilen „Ich möchte Leuchtturm sein in Nacht und Wind, für Dorsch und Stint, für jedes Boot, und bin doch selbst ein Schiff in Not“ auf eine Leinwand geschrieben und fühlte mich verstanden. Ich war ein Basho-Fangirl und konnte einige Hunderte seiner Texte auswendig – „Auf blattlosem Ast Sitzt allein eine Krähe; Herbstlicher Abend“.
Herbst war immer, die Welt ein feindlicher Ort, der auf mich nicht einmal wartete. Das war die Zeit der Gedichte, und später, denke ich, kommt sie wieder. Wenn es die Welt dann noch gibt und mich, werde ich Gedichte lesen und die Welt begreifen, also mich.
Vermutlich wäre das Leben besser auszuhalten, wenn sich alle, mich selbst eingeschlossen, nur noch mit Kunst beschäftigen würden. Flucht in Schönheit. Rote Samtvorhänge, das leise Absingen von Schubert-Liedern oder das Hören von einem der besten Dichter unserer Zeit, Sido. Dem leisen Betrachten von Ballett-Dvds. / Sybille Berg in ihrer Spiegel-Kolumne
Professor Swianiewicz, einer der wenigen Überlebenden, beschreibt eine Szenerie aus dem Frühjahr 1940 (…): „Ein Kordon von NKWD-Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett hatte den Zug umgeben. Ein kleiner Bus mit weiß angemalten Scheiben fuhr rückwärts an einen Zugwaggon heran. 30 Personen stiegen ein, dann fuhr er über die Straße in den Wald. Nach einer halben Stunde kam der Bus leer zurück, die nächste Gruppe von 30 Mann bestieg ihn.“
Währenddessen wurde auch in den Smolensker Kellern des NKWD im Akkord gemordet, wobei sich hier besonders der mit zahlreichen Verdienstorden ausgezeichnete Major Wassili Blochin hervortat, der zuvor bereits den Schriftsteller Isaak Babel und den Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold eigenhändig erschossen hatte. Blochin war befehlsgemäß aus Moskau angereist, mit einem Koffer voll deutscher Walther-Pistolen; pro Tag brachte er 250 bis 300 Polen um. / Marko Martin, Die Welt
Thomas Urban: Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens. C.H. Beck, 2015
Charles Bernstein (Jahrgang 1950) ist Dichter, Theoretiker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Der Harvard-Absolvent und Professor für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania gilt als einflussreicher Mitbegründer und herausragender Vertreter der „language poetry“. Diese avantgardistische Strömung bildete sich aus der von Bernstein Ende der 1970er Jahre mit herausgegebenen Zeitschrift “L=A=N=G=U=A=G=E“ heraus, einem Forum kritisch-poetologischen Denkens und experimentellen Schreibens.
„Bernstein schlägt in seinen formal avancierten schwierigen und luziden poetischen Texten, die so souverän wie risikoreich mit den literarischen Formen und Genres experimentieren, die unterschiedlichsten Töne an“, urteilt die Jury. Die Poesie Bernsteins umfasse „intertextuelle Montagen, von Dada angeregte Lautgedichte, aleatorisch konzipierte Arbeiten, liedhaft komponierte Stücke, explizit gesellschaftskritische Verse und polemische Interventionen in den Literaturbetrieb“.
Digitale Lyrik
Zu den Buchveröffentlichungen des Amerikaners gehören „My Way: Speeches and Poems“ (1999), „With Strings: Poems“ (2001), „Girly Man“ (2006) und zuletzt der Gedichtband „All the Whiskey in Heaven“ (2011). Bereits Anfang der 1990er Jahre gründete Bernstein im World Wide Web ein Online-Portal für digitale Lyrik. Charles Bernstein, der in Philadelphia lebt, ist ernanntes Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“, eine der renommiertesten Gelehrtengesellschaften der USA.
Ohne begnadete Übersetzer ist internationale Poesie nicht möglich. Als preiswürdig erachtet die Jury zwei Bände, die Teile aus Bernsteins Werk in die deutsche Sprache übertrugen und dabei anstelle einer herkömmlichen exakten Reproduktion des Originalgedichtes andere Maßstäbe wählen, beispielsweise das Übersetzen auch als Um- und Weiterdichten verstehen. Der Auswahlband „Gedichte und Übersetzen“, erschienen im Wiener Verlag Edition Korrespondenzen, wurde von der Gruppe „VERSATORIUM“ herausgegeben, einem Zusammenschluss junger Forscher und Übersetzer um den Dichter Peter Waterhouse. Zugleich geht Münsters Poesiepreis an das Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler für ihre Leistung in dem zweisprachigen Band „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (Luxbooks, Wiesbaden).
Schwierige Gedichte?
Es ist Charles Bernstein selbst, der Mut macht, sie zu lesen: „Lassen Sie sich nicht von dem Gedicht einschüchtern!“ Das schwierige Gedicht wolle häufig provozieren und das sei nur ein Versuch, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Bernstein: „Manchmal verhält es sich so, dass das provokante Verhalten ein Ende nimmt, sobald Sie dem Gedicht Ihre volle Aufmerksamkeit schenken (….)“.
Poesiepreis
Die Stadt Münster vergibt den Poesiepreis für einen Lyrikband und dessen eigenständige und adäquate Übersetzung seit 1993 im Biennale-Rhythmus. Nominiert werden die Preisträger von einer externen Jury. Ihre Mitglieder sind Lyriker und Literaturkritiker Urs Allemann, Literaturkritiker und Herausgeber Michael Braun, Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch, Literaturkritiker, Autor und Herausgeber Johann P. Tammen und Literaturkritiker und Herausgeber Norbert Wehr sowie mit beratender Stimme Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson. 2011 wurde aus der bis dahin auf Europa konzentrierten Auszeichnung der Preis für Internationale Poesie. Preisträger 2013 waren der karibische Nobelpreisträger Derek Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels.


Poesiepreis an den US-Amerikaner und zwei Übersetzergruppen / Öffentlicher Festakt am 10. Mai im Erbdrostenhof
Münster (SMS) Nach Ben Lerner 2011 ist es erneut ein US-Amerikaner, den die Stadt Münster mit ihrem Preis für Internationale Poesie ehrt: Charles Bernstein, führender Kopf der „language poets“, erhält die Auszeichnung zum Abschluss des Lyrikertreffens am Sonntag, 10. Mai.
Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe wird im Erbdrostenhof nicht nur dem gebürtigen New Yorker gratulieren: Der mit 15 500 Euro dotierte Poesiepreis geht zugleich an die beiden Übersetzerteams „Versatorium“ um Peter Waterhouse (Österreich) und das deutsche Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Obgleich der Preis schon 1993 ins Leben gerufen wurde – Anlass war das Stadtjubiläum – ist er mit seinem engen Bezug zur Übersetzungsleistung in der Literaturlandschaft immer noch einmalig. Vergeben wird er für die beiden Bände „Gedichte und Übersetzen“ (2013) und „Angriff der schwierigen Gedichte“ (2014).
Interessierte Zuhörer sind zum Festakt – er beginnt um 11 Uhr – willkommen. Sie dürfen sich auf die Sprachexperimente, auf die gewitzten Wortspiele, Lautgedichte, auf Verse, Parodien und Collagen eines Charles Bernstein freuen, der der literarischen Avantgardebewegung, der Language Poetry, zugeordnet wird. „Souverän wie risikoreich“ experimentiere der Dichter und Literaturwissenschaftler aus Philadelphia mit literarischen Formen und Genres, urteilte die Jury. Nicht minder gilt das für die beiden Übersetzergruppen. Auch sie demonstrieren beim Festakt mit Kostproben die Fülle an Möglichkeiten, Bernsteins Gedichte ins Deutsche zu übertragen und zu verstehen.
Zuvor wird Marie Luise Knott die Laudatio halten. Die Berlinerin arbeitet als Journalistin, Herausgeberin und als Übersetzerin. Zurzeit gehört sie dem Vorstand des Deutschen Übersetzerfonds an. 2011 war Knott für ihr Essay über die Denkwege bei Hannah Arendt für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Musikalisch gibt es einen Dialog zwischen Klavier und Klarinette. Die Solisten sind der ungarische Klarinettist Zsigmond Kara, Preisträger der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit GWK, und die japanische Pianistin Hiroko Arimoto. Beide sind Absolventen der Musikhochschule Detmold.
Ohne Frage, in Angelegenheiten der Rhythmik, des Reims und der Lautmalerei („schwirren in scharen, im warmen mief,/ wimmeln am schwangeren nil im schilf“ u.s.w.) kann Sina Klein mit jedem Rapgesang und Ringelnatz, mit jedem Morgenstern und Mallarmé mithalten. Auch ihre Metaphern und Bildwelten bezieht sie zum Teil aus dem Fundus der lyrischen Tradition, und nicht selten watet das lyrische Ich knietief durch barock oder schwül-düster anmutende Szenerien, um dann doch neckisch Purzelbaum zu schlagen. Typisch z.B. diese Zeile, die hehr anfängt: „und als der rubin mir fieberschwach“ – um dann sich selbst zu ironisieren: „in den limbus kracht.“
Die Spannweite der Gemütszustände ist sehr, um es august-strammisch zu sagen: mal ballen sich die Texte, mal hängen sie gedankenschwer nach, ab und an verkeilen sie expressiv. Stärke und Vorliebe Kleins sind dabei Kürze, Prägnanz und die kokette, jähe Wendung.
Man steht vor ihren Gedichten ein bisschen wie Eckermann vor den Skizzen und Stichen, die ihm Goethe zur Begutachtung vorlegte – und soll nun immerzu staunend ausrufen: schau diese Ligatur, schau dieses Brunftestück, schau diese Arabeske, wundervoll! Und fast immer runden sich die Gedichte zur kleinen prallen Kugel, die zielsicher auf der Wurfscheibe aufschlägt. / Hendrik Jackson bei Signaturen
Sina Klein: narkotische kirschen. Gedichte. Wien (Klever Verlag) 2014. 102 Seiten. 15,90 Euro.
(…) Manfred Peter Hein neigt mitnichten zum Spiel und zur lockeren Plauderei. Er sondiert die Dichtung wie ein Gestein, um in die tieferen Schichten vorzudringen, zu den Drusen der Erinnerung, den verräterischen Träumen. Doch am Ende ist alles vom seltsamen Zauber der Gestaltung umhüllt, als staune da einer über die Formen, die sich nach unerklärlichen Gesetzmäßigkeiten gebildet haben. Drei Motive kehren dabei immer wieder:
Der Blick. — Meist geschieht die Selbstvergewisserung über den Ort des Dichters durch den Akt des Sehens. Dieser Blick ist zwiefältig, er wendet sich den sichtbaren Phänomenen zu, ist aber genauso sensibilisiert für die Erscheinungen der Imagination. Vieles ist nicht direkt zu sehen, es vermittelt sich nur in Spiegelungen, in Formen, die es zu dechiffrieren gilt. Beinahe wartet man auf ein „dereinst aber von Angesicht zu Angesicht“, hat indessen die Gewißheit, daß dieser Trost ausbleiben muß. In einer Welt voller Schatten sucht Manfred Peter Hein die Lichtrisse und zieht „ihre Konturen nach“, sprechend.
Das Wort. — „Mit Sprache unterwegs / die Auslotung des zündenden / Augenblicks — // oder Anwandlung“. Die Sprache registriert die seismischen Aktivitäten, die die Welt erschüttern; in Schriftzeichen, Hieroglyphen ähnlich, oder auch Notenkonstellationen, zeigen sich die Dinge auf der Folie des Augenblicks, und die Worte übersetzen sie als condicio humana. (…) / Jürgen Brôcan, Fixpoetry
Manfred Peter Hein
Spiegelungen Orte
Gedichte 2010 – 2014
Wallstein
2015 · 128 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 978-3-8353-1599-0
Der Umgang mit dem Lyriker Jan Wagner zeigt, dass sich Debattenkultur und konzentrierte Lektüre ausschließen. Dem Feuilleton fehlt das literarische Rüstzeug.
Schreibt Sören Heim bei The European. Zitat:
Quer durch die Feuilletons überwogen oberflächliche, romantisierende Betrachtungen über Dichtung, in denen die Auseinandersetzungen mit Wagner am Text eine, wenn überhaupt, auf wenige Zeilen beschränkte Seltenheit darstellten. Das ging so weit, dass sich zuletzt Michael Braun im Lyrikportal „Poetenladen“ genötigt sah, eine Verteidigung Wagners zu verfassen, die diesen vor dem „vergifteten Lob“ als Naturlyriker in Schutz nimmt. (…)
Insbesondere die von SPIEGEL-Autor Georg Diez geäußerte Kritik, Wagner betreibe eine „Verkitschung der Natur“ weist Braun zurück: „Zarte Naturphänomene“ seien ihm „nie artistischer Selbstzweck, sondern prallen zusammen mit den brutalen Faktizitäten einer mörderischen Lebenswirklichkeit.“
Tatsächlich wirkt Diezens Beitrag wie geschrieben, um zu verdeutlichen, was in der Literaturkritik falsch läuft. Munter reißt Diez Verse aus dem Zusammenhang, assoziiert frei, und attackiert Wagners angebliche Feier der „Landlust und Versenkung, Verklärung“, ohne übrigens zu begründen, warum das inakzeptabel sei (dass er Wagner nachweislich falsch liest einmal dahingestellt). Und er schließt mit einem Rundumschlag gegen alle zum Buchpreis nominierten Texte, „pseudo-kunstvoll“ und „anämisch“ seien diese. Man lernt: Der Rezensent liebt die Literatur wie sein Steak. Möglichst blutig.
Den Lyriker Wagner konfrontiert das Feuilleton in erster Linie mit ganz viel Meinung darüber, worüber ein Dichter zu schreiben habe und worüber eher nicht. Zentrale Fragen der literarischen Komposition – wie nähert sich der Dichter seinem Gegenstand, wie ist das Werk im großen Ganzen, wie in den relevanten Kleinigkeiten strukturiert, Satzbau, Zeilenumbrüche, wie korrespondieren Rhythmik, Melodie, zum Ausgesagten – werden von Diez&Co nicht oder kaum berührt. Das hat Methode. Denn ein wohlabgewägtes, begründetes Urteil ist heute als spießig und autoritär geradezu anrüchig. Noch dazu in den Sphären der Kunst, in der möglichst überhaupt keine Regeln mehr gelten sollen. Empörung und Moralismus gehen dagegen immer.
Bei Signaturen ein polemischer Essay von Jan Kuhlbrodt, Auszug:
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Films – Die Neue Deutsche Komödie
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Romans – Das Neue Erzählen
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Gedichts – Neues Biedermeier(…)
Aus den Absatzproblemen für Gedichtbände, die zweifellos existieren und auch durch Ausnahmen und dem Aufblitzen einer Scheinöffentlichkeit nicht aus der Welt zu schaffen sind, ergibt sich der Anschein einer Überproduktion. Anschein aber heißt, es scheint nur so, denn die Lyrik entzieht sich volkswirtschaftlichen Begrifflichkeiten. Eine Lyrische Überproduktion führt nicht zu Gedichtbergen oder gar Tränenseen. Wenn Lyriker konkurrieren, dann um die Aufmerksamkeit des Publikums und um Literaturpreise.
Nun ist die Aufmerksamkeit des Publikums für den Lyriker/die Lyrikerin in einem materiellen oder besser monetären Sinne nicht lebensentscheidend, die Verteilung von Preisen und Stipendien zuweilen schon. Und man kann zurzeit anhand der Verteilung von Preisen einen gewissen Trend hin zu einem neuen Biedermeier erahnen. (Preishäufungen sind zum Beispiel bei Jan Wagner und Nadja Küchenmeister zu konstatieren, deren radikalprivatistische Poetiken doch einiges gemeinsam haben.) Denn Preisvergaben bieten den Nachrückenden jüngeren und weniger Selbstbewussten Orientierung. Zwar ist der Gedanke, dass das, was honoriert wird, auch gut sein müsse, einer außerkünstlerisch ökonomischen Denkweise entlehnt, aber er ist zweifellos vorhanden.
Jedoch: Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung, lässt Büchner König Peter sagen in seinem Stück Leonce und Lena. Letztlich ein Stück, dass einem der bedeutenderen Nachwuchspreise für deutschsprachige Lyrik den Namen spendierte. Und dieses Stück steht für einen gewissen Ausbruch aus der Biedermeierlichkeit.
Mir ist auch klar, dass ich das Wort Biedermeier hier als Kampfbegriff benutze, ihm also in seiner kulturgeschichtlichen Dimension nicht gerecht werde. Auf jeden Fall würde ich den Vormärz, also Heine und Büchner davon ausnehmen wollen, wenn ich hier Biedermeier sage, dann meine ich konservative und restaurative Tendenzen, Tendenzen also, die letztlich die Basis für die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse an einen Lyriker waren, und die Basis dafür, etwas überspitzt formuliert, dass Lyrik von den neuen Kleingärtnern auf dem Tempelhofer Feld wahrgenommen wird.
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