Canal Lacan
„Lacan“ gehört zu den Autoren, die von anderen gerne zitiert werden, wenn es um poetologische Diskurse geht. Man zitiert prestigeträchtig ein paar Bruchstücke und signalisiert damit, man habe sich bis in diese vertrackte Rätselwelt der lacanschen Psychologie vorgewagt und sei up to date. Komm mir nicht postmodern, ich kenn mich aus.
Ich nenn das mal „lacanisieren“ – Canal Lacan.
So hat unlängst ein Jurymitglied eines literarischen Wettbewerbs (Kurt Drawert beim Literarischen März in Darmstadt) angehoben, Gedichte, die auf stark sprachspielerische Weise ihre Inhalte fixierten, mit der lacanschen „leeren Rede“ zu charakterisieren, und damit seine ablehnende Haltung den unkonventionell aufgesetzten Texten gegenüber begründet. Im Originalton:
„Bei Lacan heißt es: das Leere … äh … die leere Rede …, das heißt, es gibt nur noch Signifikantenketten, die sich zu keinem Signifikat mehr bilden lassen …“
Übersetzt heißt das: tut mir leid, deine Texte sind sinnloses Geschwafel. Sie ergeben keinen Sinn.
Nun, das ist recht starker Tobak, vor allem wenn er öffentlich kredenzt wird. Es ist ein Signal.
Ich saß im Publikum und fand den Vorwurf nicht nur nicht gerechtfertigt, sondern eines Jurors nicht würdig und darüberhinaus schlicht falsch: Sprachspiel und moderne Poesieverfahren erzeugen ganz bewußt Verse (Signifikantenketten), die a) für andere Signifikate stehen, als mancher sie kennt oder für möglich hält und b) signifikant sind für ein Signifikat, das man gerade der „Jugend“ (und um einen Nachwuchspreis soll es sich beim Literarischen März ja handeln) zuschreibt: der Ablehnung der Tradition und der traditionellen Signifikate und Signifikanten. Und offensichtlich war das Jurymitglied in so hohem Maße Traditionalist, daß er das nicht sehen konnte.
(…)
Vielleicht noch eine Schlußbemerkung zur „leeren Rede“, die der Juror der Lyrik des Bewerbers attestierte. Es kann sich dabei nicht um die „leere Rede“ handeln, wie sie Lacan versteht, denn dieser unterscheidet zwischen einem ersten Sprechen, der vollen Rede, die sich im Unbewußten formuliert, und einem zweiten Sprechen, der leeren Rede, die sich im Bewußten ausdrückt. Auch hier macht Lacan den Lesern das Verständnis nicht leicht und regelmäßig fällt die dahinterstehende Idee dem intuitiven Alltagsverständnis zum Opfer. So auch beim Juror, der lieber versteht, was zu verstehen sich ihm als normal anbietet (was bei Lacan stets zu Mißverständnissen führt, denn der ist als Begriffskassierer und Uminterpretierer unterwegs, nicht als Aufklärer). Die leere Rede, wie Lacan sie versteht, ist keinesfalls sinnlos, aber sie ist, weil sie nicht aus dem Unbewußten stammt, ohne Kontakt zum Signifikat (was ich persönlich nicht unterschreiben würde, denn es gibt mit Sicherheit einen Grund – ein Signifikat – für jede Rede, der nicht im Text zu suchen ist, und sei es Eitelkeit, Kompetenzbeweis oder das Bestreben mit leerer Rede jemanden zu deklassieren).
Dem Juror jedenfalls gelang es, gleich zwei ihm wohl vertraute DichterInnen, die in den zwei Jahren zuvor in seiner Schreibwerkstatt „reiften“, aufs Dreier-Treppchen zu verhelfen – was kurz darauf auch in darmstädtischen online-Meldungen ausdrücklich gewürdigt wurde und als bemerkenswerte Neuigkeit auch auf der website des Jurors zu lesen war. Ein Zeichen war gesetzt. Die Finanzierung der eigenen Schreibwerkstatt dürfte aufgrund der offensichtlichen Erfolge darob gesichert sein.
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