NEUROSMOG – TUCHOLSKY RELOADED
Institut für Ganz & GarNix, Düsseldorf, den 5.5.2015 / Wenn es nach Tom de Toys ginge, wäre der fünfte Mai der Welttag des Lochismus, weil er an jenem Datum im Jahre 1989 seine eigene Loch-Erfahrung machte, die nicht nur seine Lebensphilosophie begründet, sondern auch zur Entwicklung seiner Poetologie der antimetaphorischen sogenannten „Direkten Dichtung“ führte (siehe dazu das programmatische Auftaktgedicht „KONTAKT“ unter www.gegenwartslyrik.de), die schließlich 2001 in die Quantenlyrik mündete. Heute, also am 26.Welttag des Lochismus, schrieb Monsieur De Toys eine Art Jubiläumsessay, der an die soziologische Bedeutung der Löcher von Kurt Tucholsky erinnert: „NEUROSMOG? DER ALLTAG ALS TAG IM ALL!“ Ein Zitat daraus:(…) C.G.Jung nannte es das Pleroma (die Eigenschaftslosigkeit des Abraxas). Es erinnert in mancher Hinsicht ans Tao, aber es duldet keinen Ismus. Ans Loch kann man nicht glauben. Lochisten sind automatisch Neurodadaisten, denn aus einem Loch lässt sich keine Religion hervorzaubern. Das Loch ist die randlose Leere. Hier wohnt kein Ich. Aber wer im Loch ankommt, wohnt erst wirklich in der Welt. Denn das Loch ist ein Schlupfloch ins Ganze: es verbindet beide Seiten, das konkret Weltliche und das abstrakt Weltlose, und es verschmilzt beide Seiten zu einem einzigartigen seitenfreien Existenzgefühl, das weder Identität noch Ichlosigkeit benötigt, sondern so ist, wie es ist, nämlich DA. Durch das Loch hindurch in das ganze Dasein zu schauen, bedeutet, auf kein Objekt mehr fixiert zu sein. Weder auf ein materielles noch auf ein metaphysisches. Das Bewußtsein befreit sich vom allgegenwärtigen Objektivierungszwang. Es ruht in sich selbst, ohne sich mit etwas zu identifizieren. Das Lochbewußtsein ist sich lediglich des unendlichen Lochs in Bewußtsein bewußt. (…) Fragen stellen nur Lochlose, während die Lochisten staunen. Es gibt keine Lichtquelle, das Ganze leuchtet aus sich selbst heraus. Dieses Leuchten ist farblos. Es ist nur das Sein des Seienden. Das erstaunliche „Da!“ des Daseins. Das große Das. Philosophen und Wissenschaftler hatten schon immer ein Problem mit dem Ganzen. Nur Mystiker trauen sich, alles von innen zu fühlen. Denn nach innen gelangt man nur über das Loslassen. Dann stellt man fest, daß man schon immer ganz innen war. Irgendwie hatte das Ich aber vergessen, daß es sich selber von innen erkennen kann. Weil sich die Wörter von innen auflösen. (…)
Über Lyrik zu reden, hat ja oft etwas angestrenktes [sic], aber wenn Hans Magnus Enzensberger es sagt…: „Deterings Gedichte sind Kapseln in der Ökonomie und Sparsamkeit ihrer Effekte. Dabei spielen auch versteckte Resonanzen eine Rolle, Echoräume … Manches ist von einer geradezu Heineschen Frechheit, dann wieder gibt es Märchentöne.“
Mit den „Wundertieren“ legt der Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, seinen sechsten Gedichtband vor, den er heute in der Maxvorstadt vorstellt.
Montag, 20 Uhr, Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83a, Tel: 34 62 99, Eintritt 7 Euro, Moderation: Frieder von Ammon
Überschrift, Text & Orthographie: Abendzeitung, München
Mit dem „Focus Fassbinder“ erinnert das Berliner Theatertreffen an den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder. Das Festival widmet dem Regisseur, der am 31. Mai 70 Jahre alt geworden wäre, eine Reihe von Inszenierungen und ein Symposium mit dem Titel „Das Private ist politisch! – Rainer Werner Fassbinder im Theater heute“. Fassbinder-Schauspielerin Hanna Schygulla („Die Ehe der Maria Braun“) tritt mit dem Lieder- und Erinnerungsabend „17/70 – eine Zeitreise“ auf. Schygulla singe Gedichte aus dem Band „Im Land des Apfelbaums“, den Fassbinder (1945-1982) als 17-Jähriger geschrieben habe, kündigte das Festival am Montag an.
Im Sommer feiert das unabhängige Verlagshaus Berlin (ehem. Verlagshaus J. Frank) seinen zehnten Geburtstag. Zum Jubiläum ändert der Verlag seinen Namen, geben die Verleger Johannes CS Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller bekannt.
Der Verlag nimmt den Geburtstag zum Anlass für eine internationale Lesetournee. Frank, Schmidt und Ziller werden Bücher, Autoren und Illustratoren an zehn Tagen in zehn Städten vorstellen: Wien (28. Mai; Phil), München (29. Mai; Literatur Moths), Basel (30. Mai; Eikones), Saarbrücken (31. Mai; Moccachili), Frankfurt/Main (1. Juni; Blaues Haus), Köln (2. Juni; Buchladen Neusser Straße), Leipzig (3. Juni; Galerie KUB), Greifswald (4. Juni; Koeppenhaus) und Hamburg (5. Juni; Der Golem). Ihren Abschluss findet die Tour am 6. Juni in Berlin mit einem großen Verlagsfest im Roten Salon der Volksbühne.
„poetisiert euch“ ist das Motto des Verlagshauses. Schwerpunkte liegen auf deutschsprachiger und internationaler Gegenwartslyrik und dem Zusammenspiel von Illustration und Text. Bisher wurden rund 80 Bücher veröffentlicht. Pro Jahr erscheinen zwischen 12 und 14 Novitäten in mehreren Editionen. Die wichtigsten Buchreihen sind die „Edition Belletristik“ mit deutschsprachiger Gegenwartslyrik, die mehrsprachige „Edition Polyphon“ mit internationalen Dichtern, die „Edition ReVers“ mit verlorenen oder vergessenen Texten und die Essayreihe „Edition Poeticon“, in der Lyriker über Begriffe wie „Geschichte“, „Film“ und „Tanzen“ im Gedicht reflektieren.
dein Lächeln, liebe Schülerin – dort auf dem Gruppenfoto kurz vor dem Abflug – es bleibt uns erhalten
Hansjürgen Bulkowski
Der Dichter Emanuel Geibel schrieb mit „Der Mai ist gekommen“ 1841 eines der berühmtesten deutschen Frühlingslieder, das ein Jahr später von Justus Wilhelm Lyra vertont wurde. (…)
Doch nicht nur Geibels „Mai-Lied“ aus dem Jahr 1841 hat überlebt. Die letzten Zeilen seines Gedichts „Deutschlands Beruf“ von 1861 „Und es mag am deutschen Wesen/Einmal noch die Welt genesen“ brachten Geibel in der Nachkriegszeit in Verruf, weil sie von den Nazis als Schlachtruf für ein deutsches Vormachtstreben missbraucht wurden. Dabei war Geibel zwar patriotisch, sehnte sich aber wie viele Liberale und Demokraten zu jener Zeit angesichts der zahllosen Fürstentümer und Grafschaften nach nationaler Einheit. Die wollte er dann allerdings im Gegensatz zu den Demokraten lieber unter der Führung eines Kaisers verwirklicht sehen. / Thomas Morell, Frankfurter Neue Presse
Was ist das Wesen, der Kern von Poesie? Auf diese alte abendländische Frage hatte der amerikanische Literaturwissenschaftler Meyer H. Abrams, der am Dienstag [21.4.] im Alter von 102 Jahren in Ithaca, New York gestorben ist, eine Antwort. Drei Dimensionen machen für ihn die Dichtkunst aus: die Art und Weise, wie sie die Welt in die Texte holt, ihre Wirkung auf das Publikum, und schließlich ihr Verhältnis zu dem Geist, der sie geschaffen hat, dem Autor. Zu lange, so Abrams, habe sich die Literaturwissenschaft, aber auch die Literatur selbst, beinahe ausschließlich mit dem ersten Aspekt beschäftigt: wie kommt die Wirklichkeit in die Bücher? / Klaus Birnstiel, Süddeutsche Zeitung 24.4.
Wenn ein Lyriker ganz gegen die Üblichkeiten mit einem großen, publikumswirksamen Buchpreis ausgezeichnet wird und dadurch die Gattung für einen Augenblick in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit rückt, erwacht auch die Literaturkritik aus ihrem Tiefschlaf. Als bei der Leipziger Buchmesse Jan Wagner zum kleinen Götterliebling gekürt wurde, war die literarische Welt plötzlich voller gönnerhafter Jan Wagner-Freunde, die den Autor „wunderbare“ Naturdichtung bescheinigten, eine Lyrik voller botanischer Details und naturkundlichem Enthusiasmus.
Es ist im Falle Wagners ein vergiftetes Lob, das auf den Buchpreisträger herabregnet. Der formbewusste Dichter mit „perfekten Umgangsformen“ (Denis Scheck), der nebenbei auch ein hervorragender Übersetzer britischer und schottischer Lyrik ist – er wird hinter vorgehaltener Hand als betulicher Retro-Dichter verdächtigt, weil er gerne historische Requisiten nutzt.
Wie so oft haben weder die Schmeichler noch die boshaften Kritiker richtig hingesehen. Der 1971 in Hamburg geborene Wagner wird seit seinem Debütband „probebohrung im himmel“ (2001) als formbewusster Natur-Idylliker missverstanden, der die ganze Flora und Fauna durchbuchstabiere, vom Weidenkätzchen bis zur Würgefeige, vom Olm bis zum Otter. Die Wagner-Bewunderer missverstehen seine Poesie fast durchweg als naturfromme Garten-Kunst. (…)
Die finstere Konterkarierung einer Idylle liefert auch das Gedicht „das weidenkätzchen“, das den Spott des „Spiegel“-Kolumnisten Georg Diez auf sich gezogen hat. Diez polterte gegen die „Landlust“, gegen die „Verkitschung der Natur“, gegen ubiquitäre Niedlichkeiten. Dabei ist dieses Gedicht nichts anderes als die Geschichte eines grausigen Erstickungstodes. Zarte Naturphänomene sind nie artistischer Selbstzweck bei Jan Wagner, sondern prallen zusammen mit den brutalen Faktizitäten einer mörderischen Lebenswirklichkeit.
Jan Wagner ist nicht der brave Traditionalist, als der er mitunter belächelt wird. (…) / Michael Braun, Poetenladen (Der gelbe Akrobat)
Daniil Kharms, a Russian writer who came of age in the worst of Soviet times, is categorized as an absurdist, partly (I think) because it’s hard to know what else to call him. To me he makes more sense as a religious writer. (…)
He took the name Kharms when he was nineteen and he wrote under it for the rest of his life. A connection may have existed between it and the English words “charm” and “harm,” both evoking his interest in magic. It is pronounced with the same hard, throaty h that enlivens the Russian pronunciation of names like Hemingway and Huckleberry Finn. At that point his life was more than halfway over. The next year he met Alexander Vvedensky, Leonid Lipavsky, Yakov Druskin, and Andrei Oleinikov, his future literary collaborators and friends. Kharms wrote hard-to-categorize plays, published two poems (the only works of his for adults to come out in his lifetime), and with Vvedensky, Nikolai Zabolotsky, and others formed a movement called OBERIU, an abbreviation made from letters in the words “Union for Real Art.” Public performances by OBERIU participants angered audiences to near riot and received threateningly negative reviews.
(…) In 1931 he was arrested for putting anti-Soviet ideas in his children’s writing. He spent part of his brief sentence of exile in Kursk with Vvedensky, who was also exiled there. Esther Rusakova, his first wife, to whom he had been married in the late 1920s, received a five-year Gulag sentence in 1936 and later died in prison. His friend Oleinikov was shot in 1937. In 1939 Kharms was diagnosed as schizophrenic and given an exemption from military service. In August 1941 he was arrested and charged with spreading panic and anti-Soviet propaganda. Held in a psychiatric prison hospital in Leningrad during the first and hardest winter of the German blockade, he starved to death on February 2, 1942, at the age of thirty-six. In 1956 he was rehabilitated, but his poems, prose pieces, and plays did not begin to be published in Russia until the late 1980s.
(…) The OBERIU poets’ rejection of plot, sense, logic, and the other consolations of meaning came out of a deep asceticism. “I’m always suspicious of everything comfortable and well off,” Kharms wrote to a friend in 1933. Their aspirations were also, in a sense, patriotic. To their critics, they replied that they were seeking “a genuinely new art” for all of Russia. Their methods tapped the spirituality that Russians have turned to before in drastic times. Kharms admired contemporary mathematicians of the Moscow School who used mystical, nonrational thinking to crack previously unsolved problems in set theory and the nature of infinity. He idolized the formalist poet Velimir Khlebnikov, twenty years his senior, who had cofounded an artistic movement called zaum, from the Russian za um, “beyond mind.” Kharms’s friend and close OBERIU collaborator Vvedensky declared his three themes to be “time, death, and God.” / Ian Frazier, New York Review of Books MAY 7, 2015 ISSUE
Jeder Überragende schickt ein Dutzend Große in die Kälte der Vergessenheit. Ein Celan verdunkelt die Eich, Lehmann, von der Vring, Bobrowski und Lavant. Die wir sonst stets die liberale Vielfalt preisen, anerkennen unbeirrt den Monarchen, den Ersten und Einen, die führende Größe, die die schwach Lesenden zusammenhält und ihnen Orientierung bietet. Obgleich doch die Kunst in Höchstformen nur existiert, weil sie im Ganzen von den Vielverschiedenen geschaffen wird. Man muss sogar dem Ranking, das die Geschichte selbst, die Überlieferung vornimmt, zuwider lesen. Erst dann verdient man das kleine und seltene Ehrenabzeichen des Lesers.
Botho Strauß vor 12 Jahren in einem Artikel in der „Zeit“ (26/2003), der an den Dichter Konrad Weiß erinnert.
Mitten im 20. Jahrhundert gab es zum Beispiel in Deutschland einen Mystiker-Dichter, einen spröd sprechenden Nachfahren der Böhme, Tauler und Baader, und er hieß Konrad Weiß. Sohn eines Metzgers und Landwirts, wuchs er in einem Dorf in Nordschwaben auf, unweit der Stammburg der Staufer, sodass, wie es ihm selber schien, seine Landsmannschaft ihn zeitlebens an das Mittelalter band und er in seinem Kunstsinn, darin Rudolf Borchardt ähnlich, zu einem Enthusiasten der Frühe wurde. Nach einem abgebrochenen Studium der Theologie, dem Verzicht auf das angestrebte Priesteramt begann er seine schriftstellerische Laufbahn bei der katholischen Kulturzeitschrift Hochland und wechselte von dort in das Kunst-Ressort der Münchner Neuen Nachrichten, der Vorläuferin der heutigen Süddeutschen Zeitung. Hier übte er bis zu seinem Tod im Jahr 1940 den Brotberuf des Redakteurs, des Journalisten aus.
Wenn man heute die für die Zeitung verfassten Reiseberichte und kunstgeschichtlichen Abhandlungen liest, gesammelt etwa in dem Band Deutschlands Morgenspiegel, über Internet-Antiquariate leicht erhältlich, dann staunt man nicht schlecht, welche Gedankenabenteuer und sprachlichen Unbequemlichkeiten einem Feuilleton-Publikum damals zuzumuten waren. Und das unter dem wachsenden Einfluss eines ästhetischen Grobianismus, wie er von den Nationalsozialisten propagiert wurde.
Vom 9. bis 26. Mai 2015 wird zum 5. Mal das Literaturfestival in Prenzlauer Berg veranstaltet, überwiegend in der Schankwirtschaft Rumbalotte continua, ausnahmsweise in kulturell-gastronomischen Lokalen der Nachbarschaft (BAIZ, Lokal, Luxus, Staatsgalerie Prenzlauer Berg).
Die Vorgängerfestivals gingen seit Juni 2013 zweimal jährlich unter wechselnden Namen über die Bühne: Weißensee 2, Friedrichshain 2, Rummelsburg 2 und Heinersdorf 2.
Die aktuelle Reihe trägt den Titel Protokollstrecke 1. Von Rosenthal nach Mühlenbeck und bringt mehr als 50 Schriftsteller, Dichter, Musiker und Künstler in einer Ausstellungseröffnung, vier Konzerten, ca. sechs gemischten Vorträgen und Gesprächen sowie mind. 16 Lesungen vor ein m. o. w. zahlreiches Publikum. Zu den Akteuren gehören Tone Avenstroup, Inés Burdow, HF Coltello, Ann Cotten, Mara Genschel, Egon Günther, Herbst in Peking, Johannes Jansen, Alexander Krohn, Mark Mallon, Mario Mentrup, Bert Papenfuß, Jürgen Schneider, Kristin Schulz, Olaf Schwarzbach, Silka Teichert, Peter Wawerzinek, Robert Weber u. v. a. m.
Das Literaturfestival wird ausgetragen vom Verein Rumbalotte Prenzlauer Berg Connection und unterstützt vom Bezirksamt Pankow, FB Kunst und Kultur. Das Festivalprogramm findet sich online unter http://www.rumbalotte-continua.de/menuepunkte_inhalt.php?id=2
Flyer und Plakate zum Mitnehmen und Weitergeben gibt es in der Rumbalotte sowie an den angeschlossenen Festivalorten. Festivalflyer (PDF): http://edk.pappelschnee.de/download/index.html
Anfragen, Vorbestellungen, Blumensträuße und Spenden:
Rumbalotte Prenzlauer Berg Connection e. V.
c/o Rumbalotte continua
Metzer Str. 9, 10405 Berlin
Telefon: 030-54987087
Berlin, C[entrum] 2., den 10. Mai [18]99
Sehr geehrter Herr [Johann Sassenbach]!
Wir teilen Ihnen ergebenst mit, dass die oben angeführten Bücher, von deren Besprechung die Redaktion absieht, heut an Ihren Verlag zurückgesandt werden.
Hochachtungsvoll
Expedition der Vossischen Zeitung
1) Holz, Phantasus
2) Martens, Befreite Flügel
3) Reinhard, Meine Jugend
4) Reß, Farben
5) Stolzenberg, Neues Leben
(zitiert nach Arno Holz: Revolution der Lyrik. Berlin (Johannes Sassenbach) 1899, S. 81f.)
Dass Bertram Reinecke in seinem Verlag Reinecke & Voß bis auf Holzens Phantasus genau diese zurückgewiesenen Texte in der Anthologie Antreten zum Dichten! versammelt, zeigt erfrischend viel Gewitztheit. Die Nichtbeachtung der bürgerlichen Vossischen Zeitung dagegen war nicht so originell. Den Naturalisten wurde ja von Anfang an Kunstentweihung und Beschmutzung der Literatur vorgeworfen, weil sie mit drastischen Mitteln im pauperistischen Sumpf des grossstädtisch industrialisierten Menschen wühlten und gegen eine scheinhafte, verlogene Kulturproduktion vorgegangen sind. Hermann Conradi schrieb in seiner Vorbemerkung zu seinen Prosaskizzen Brutalitäten sogar von „Totgeschlagenwerden“, weil er mit der üblichen Kritik auf die provokanten Texte rechnete, die aber auch ein wenig selbstverschuldet war durch die Aggressivität der poetologischen Schriften, wie etwa Karl Bleibtreu schrieb: „Wenn Jesus Christus mir schlechte Gedichte vorlegte, ich würde ihn erbarmungslos vermöbeln.“
(…) Interessant erscheint ja gerade, dass diese Autoren mit ihren Publikationen 1899 noch einmal kollektiv auftraten, wo sich längst die Symbolisten und Ästhetizisten auf den Weg gemacht haben – Rilkes Larenopfer waren zu dem Zeitpunkt vier Jahre alt und Stefan Georges Algabal schon sieben Jahre her. Und wie jung wirken im Vergleich dazu naturalistische Gedichte! Was uns diese Epoche näher rückt, ist auch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Nur sind es heutzutage keine geschlossenen Schulen oder Zirkel mehr, welche die Heterogenität ausmachen, sondern jeder ist seine eigene Schule, die er in die Zirkel trägt. (…) / Walter Fabian Schmid bei Signaturen
(Robert Wohlleben, Hrsg.:) Antreten zum Dichten! Lyriker um Arno Holz. Leipzig (Reinecke & Voß) 2013. 160 Seiten. 13,00 Euro.
Verleihung des Karl-Dedecius-Preises 2015 für deutsche und polnische Übersetzer an Katarzyna Leszczyńska und Sven Sellmer
Darmstadt/Stuttgart, 27. April 2015 – Die Robert Bosch Stiftung zeichnet 2015 zum siebten Mal herausragende polnische und deutsche Übersetzer aus. Dieses Jahr geht der Karl-Dedecius-Preis an Katarzyna Leszczyńska und Sven Sellmer. Eine deutsch-polnische Jury unter dem Ehrenvorsitz von Karl Dedecius wählte die beiden Preisträger aus und würdigte ihre translatorischen Leistungen sowie ihre Vermittlungsarbeit zwischen den Nachbarländern. Der Preis ist mit jeweils 10.000 Euro dotiert und wird abwechselnd in Deutschland und Polen verliehen.
Der Preis wurde bereits 1981 von Karl Dedecius, dem Nestor der Übersetzer polnischer Literatur und verdienten Vermittler zwischen Deutschland und Polen, und der Robert Bosch Stiftung als Preis für polnische Übersetzer ins Leben gerufen. 1992 kam ein Förderpreis hinzu, seit 2003 wird er als Doppelpreis für polnische und deutsche Übersetzer verliehen.
Die diesjährige feierliche Preisverleihung findet statt am Freitag, 12. Juni 2015 (19.00 Uhr) im Karolinensaal im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt, Karolinenplatz 3. Veranstalter sind das Deutsche Polen-Institut und die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der Stiftung Karl Dedecius Literaturarchiv.
Katarzyna Leszczyńska (geb. 1969) studierte Germanistik an der Universität Warschau. Anschließend absolvierte sie ein Studium an der Hochschule für Sozialwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften und promovierte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sie lebt in Zürich, Warschau und im Urwald von Białowieża. Seit 2003 ist sie freiberuflich tätig und übersetzt u.a. Texte von Herta Müller, Aglaja Veteranyi und Mariella Mehr. Sie publiziert Essays zur deutschen Literatur u.a. in »Pogranicze«, »Literatura na Świecie« und »Przegląd Polityczny« und organisiert literarische Reisen im Rahmen des von ihr geleiteten Reisebüros.
Sven Sellmer (geb. 1969) studierte Philosophie, Indologie und Klassische Philologie in Kiel. Seit 2000 ist er als Indologe tätig, zuerst in Kiel, seit 2004 an der Adam-Mickiewicz-Universität Posen, wo er Sanskrit und indische Philosophie unterrichtet. Seit Mitte der 1990er Jahre übersetzt er aus dem Polnischen, Englischen und Sanskrit meistens geisteswissenschaftliche Sachtexte, aber auch Essays und Belletristik. Aus dem Polnischen übersetzte er u.a. Werke von Henryk Elzenberg, Czesław Miłosz, Marian Pankowski und Zyta Rudzka.
Mehr Informationen erhalten Sie unter: www.karl-dedecius-preis.de
Aus Anlass seines zweijährigen Bestehens im Juni lobt das Signaturen-Magazin einen kleinen Lyrikpreis in Höhe von 300,- Euro aus und lädt herzlich dazu ein, Beiträge einzureichen: Gesucht werden Gemeinschaftswerke zweier Autor*innen, die sich der Beschreibung eines Gemäldes oder Kunstwerkes widmen. Die Länge und Art des Textes ist offen.
Eingereichte Beiträge werden unter der Rubrik Werkstatt veröffentlicht.
Texte werden bis zum 01.12.2015 angenommen, unter info@signaturen-magazin.de
Die Juryentscheidung wird vor Weihnachten, spätestens bis zum Jahreswechsel bekanntgegeben. Die drei Juroren sind Annette Lux (luxbooks), Michael Gratz (Lyrikzeitung) und Andreas Heidtmann (poetenladen).
* Horaz, Ars Poetica, V. 10: „pictoribus atque poetis quidlibet audendi semper fuit aequa potestas“ – statt V. 361: „ut pictura poeisis“ (Ein Gedicht ist wie ein Bild)
Der Frankfurter Künstler und Kunstdozent Klaus Schneider zeigt im Jubiläumsjahr der Dreieicher Kunsttage seine Ausstellung „Haiku – wort bild klang“. Schon seit den 1990er Jahren und seit 2010 setzt sich der Künstler sehr intensiv mit der japanischen Lyrik auseinander. (…)
In den 1990er Jahren verarbeitete Klaus Schneider Haikus in den Bildern als Text in Blindenschrift. Mit der Wiederaufnahme der Arbeiten zu Haiku im Jahr 2010 hat sich das geändert: „Ein Haiku-Gedicht erzählt keine Geschichte, sondern evoziert einen aufgeladenen, einen poetischen Moment; es geht nicht um die Übermittlung einer Botschaft oder Information, sondern um die intensive und bewusste Wahrnehmung einer Form“. / Frankfurter Neue Presse
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