Museumsschreiberin

Michael Braun: Sie haben mir en passant er­zählt, dass Sie auch als „Museums­schreibe­r­in“ über die Kunst­halle Biele­feld tätig waren, im Rahmen eines Projekts des Literatur­büros Ost­west­falen. Und hier ist auch eine eigene kleine Publi­kation von Ihnen ent­standen, über „Das Leben des Lichts“. Und die Gedichte dieser kleinen Publik­ation finden wir alle auch in dem „Helenas Traum“-Kapitel in „Skizze vom Gras“. Wie ist es denn zu Ihrer „Beru­fung“ als „Mu­seums­schreibe­rin“ gekommen?

Silke Scheuermann: Das war eine Anfrage, die ich sehr dankbar aufgenommen habe. Man wusste von meinem Interesse an bildender Kunst. Als Museums­schrei­be­rin hatte ich mich mit der Kunsthalle Biele­feld zu beschäftigen, schaute mir die Kunst­halle und ihre Exponate an, machte mir Notizen. Dann schaute ich mir die Kunstwerke ein zweites Mal an und dann habe ich mir Kunstwerke aus­gesucht, über die ich Gedichte geschrieben habe. Andere Museums­schreiber haben Geschichten geschrieben oder einen Essay. Ich hatte gar nicht vorge­habt, ein Gemälde­kapitel oder ein Kunst-Kapitel in „Skizze vom Gras“ aufzunehmen, zum Kapitel „Zweite Schöpfung“ passte es dann aber sehr gut. Als die Schöp­fung der Menschen, als Parallel-Aktion zur Natur­schöpfung, als das Geniale, was der Mensch hinbekommt.

Aus: Ein Gespräch mit Silke Scheuermann über Poesie und bildende Kunst mit Michael Braun, Poetenladen

Skizze vom Gras. (Schöffling & Co, Frankfurt am Main, 104 Seiten, 18,95 Euro)

Nachruf

In Memoriam Marcus Brühl – Nachruf von Waldtraut Lewin

Ein Versuch, mit Fassungslosigkeit umzugehen

Warum?
Das alte Monster Tod schlägt zu, unersättlich, blind und ohne Gnade. Das wissen wir ja. Aber warum er, der, wie es aussah, gerade dabei war, wieder einen Weg zu finden zu sich selbst, zu seinen Poesien – warum einen Jungen, wo andere vielleicht verzweifelt um Erlösung vom Erdendasein flehen?
Wir kannten einander seit zwanzig Jahren. Beim Treffen Junger Autoren, wo ich in der Jury saß, kam er Rad schlagend in den Raum, tänzerisch, überströmend vor Lebensfreude, und schockierte den angereisten Bonner Beamten, indem er im Fummel, auf Pumps und die Federboa um den Hals, seinen Preis entgegennahm.
Eine Zeitlang lebten wir sogar unter einem Dach, in freundlicher Symbiose.
Er war verspielt, unordentlich, soff Kaffee wie ein Muselmann, quarzte, was das Zeug hielt, war dem Alkohol ganz und gar nicht abgeneigt.
Wo es aber niemals liederlich zuging, das war, wenn es sich um seine Poesien handelte.
Von Anfang an war da die Pranke des Löwen zu spüren.
Diese filigranen Gebilde, meist nur ein paar Zeilen, waren bei aller Zartheit von solcher Stringenz, so genau erdacht und erfühlt, dass es nichts daran zu rütteln gab. Sie waren hauchdünne Spinnweben – und dabei unzerstörbar wie Stahl.
Er schrieb ein Buch, das in der Szene gleich zum Beststeller wurde, er versah seinen unterm Pseudonym Penelope geschriebenen „Tuntenleitfaden“ mit all dem skurrilen Humor, der ihm zur Verfügung stand.
Was noch? Er war freundlich, ein Freund. Liebenswert.
Er sollte uns nicht verlassen müssen.
Vor ein paar Tagen schenkte ich ihm mein jüngstes Buch. Es ist – zunächst – eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Er kam nicht mehr dazu, es zu lesen.
Darin heißt es, im direkten Gespräch mit der Naturgewalt: „Niemand kann DICH besiegen. Aber DIR Paroli bieten, indem man gegen das Vergessen angeht.
Erinnern ist Leben.
Dem Unsinn des Vergehens setze ich meinen Trotz entgegen.“
Marcus, wir hätten dich noch gebraucht.

Gegen das Neobiedermeier ein Neobarock

So heißt ein Essay von Jan Kuhlbrodt, Auszug:

Es ist keinesfalls so, dass ein Begriff wie Neobiedermeier für die gesamte gegenwärtige lyrische Produktion Geltung beanspruchen kann. Ohnehin gibt es keinen Begriff, der das könnte. Er fasst lediglich eine Strömung innerhalb des Gesamtfeldes zusammen, nicht das gesamte Feld.
Dennoch gibt es eine Tendenz in der Wahrnehmung von Lyrik und deren Bepreisung, die eine solche Kategorisierung zulassen könnte, und er zieht eine Parallele zu außerlyrischen gesellschaftlichen Bewegungen. Aber auch diese repräsentieren nicht das gesamte Feld.

Mir geht es also um das Einhäkeln von Bäumen und Fahrbahnbegrenzungen, das in den letzten Jahren in Mode gekommen ist. Die Ästhetik der Berliner Republik also, die sich mehr und mehr in vermeintlichen oder wirklichen Belanglosigkeiten gefällt. Klar sind die Stricknadelartisten eine Minderheit, werden aber in der medialen Wahrnehmung zu einer bestimmenden Strömung. An dieser Stelle muss man fragen, wie sich der Zugang zur öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung gestaltet, wie also und was ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gelangt. Denn das scheint mir auch die weitere Entwicklung zu beeinflussen. Die Künstlerinnen und Künstler entsprechen nämlich nicht dem romantischen Bild der genialischen Einzeltäter, sondern eher dem, was in der Soziologie Mitglied einer sozialen Gruppe genannt wird. Die Angleichung in Kleidungsstil und Habitus, die Unterwerfung unter herrschende Moden bestimmen doch in zunehmenden Maße das Bild und führt meiner Meinung nach auch zu einer Angleichung der Produkte.

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Eilbrief an Europa

poesiefestival berlin: Eilbrief an Europa

Africa calling: das Verhältnis von Afrika und Europa steht derzeit mehr im Fokus des öffentlichen Interesses denn je. Die aktuelle Situation ist dramatisch und die Herausforderungen für die Zukunft sind groß.
Das 16. poesiefestival berlin präsentiert afrikanische KünstlerInnen, die mit neuem Selbstverständnis Perspektiven auf einen Kontinent und eine Welt eröffnen, die fremd und unnahbar erscheint und medial oft undifferenziert dargestellt wird.
Kwame Dawes, Natalia Molebatsi, Chenjerai Hove, Warsan Shire und L-Ness lesen, performen und rappen am 20.6. in die Akademie der Künste am Hanseatenweg von Bürgerkrieg, Gewalt und Exil, von Frauenrechten, von Heimat, von Liebe. Europa haben sie einen „Eilbrief“ mitgebracht: das von den Künstlern gemeinsam verfasste Kettengedicht stellt Fragen, formuliert Wünsche und Kritik und spricht über das schwierige und komplexe Verhältnis der beiden Kontinente und auferlegte einseitige Vorurteile, die zu negativer
und schmerzhafter Tradition wurden. Es ist Zeit, das Europa sein
Bild korrigiert und sein Verhältnis zu Afrika neu definiert.

Kwame Dawes Gedichte sind voller Musikalität, Rhythmus und
Stärke, seine Performance ist ein bewegendes Erlebnis, das mitreißt und nachklingt. Natalia Molebatsi kombiniert ihre Gedichte, bei denen die Rechte der Frauen, aber auch Themen wie Liebe, Angst und Treue im Mittelpunkt stehen, mit Jazzklängen. Chenjerai Hove, der unter Präsident Mugabe seine Heimat Simbabwe verlassen und ins Exil gehen musste, setzt sich poetisch mit Exil, Heimat, Bürgerkrieg und Gewalt auseinander. Wie Molebatsi rückt auch die kenianische Hip Hop-Größe L-ness die Frau in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und rappt über Diskriminierung, Unterdrückung und Missbrauch. Warsan Shires Gedichte sprechen mit einer feinen Stimme über Bürgerkrieg, Exil und Weiblichkeit und erzeugen eine irritierende Unruhe.
Der Abend wird musikalisch begleitet vom Trompeter El Congo Allen, der bereits mit Stars wie Lauryn Hill oder Aloe Blacc aufgetreten ist. Die Hip Hop-Größen L-ness, Diamondog und Amewu wollen beim anschließenden Konzert das Studiofoyer der Akademie der Künste zum Kochen bringen.

Samstag 20.6. 17:00 Uhr
Poesiegespräch: Kwame Dawes – The edge of lake Utopia
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Clubraum
Eintritt € 6/4
Kwame Dawes (Autor und Herausgeber, Ghana / Jamaika) im Gespräch mit Dr. Susanne Stemmler (Kulturmanagerin, Berlin) und Dr. Volker Riehl (Referent, MISEREOR e. V.)
Mit freundlicher Unterstützung durch: Auswärtiges Amt, MISEREOR, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, ECHOO Konferenzdolmetschen

Samstag 20.6. 20:00 Uhr
Eilbrief an Europa
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Kleines Parkett
Eintritt € 10/7
Mit Kwame Dawes (Ghana/Jamaika/USA), Chenjerai Hove (Simbabwe), L-ness (Kenia), Natalia Molebatsi (Südafrika), Warsan Shire (Somalia/UK)
Jazz-Trompete: El Congo Allen (Cuba / Deutschland)
Moderation: Uljana Wolf (Dichterin, Deutschland)
Konzert im Anschluss: L-ness (Kenia), Diamondog (Angola / Deutschland), Amewu (Deutschland)

Mit freundlicher Unterstützung durch: Auswärtiges Amt, MISEREOR, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, The Mandala Hotel

Das 16. poesiefestival berlin findet statt vom 19. – 27.6.2015 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin.
Weitere Informationen unter www.poesiefestival.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Eine Spur Straßendreck

Unmissverständlich bringt Thomas Kling in seinem Essay „Die gebrannte Performance“ zum Ausdruck, wogegen er ansprach: „Wir wollen hier nicht das knarrend-geschmeidige Burgtheaterdeutsch zurück; die geschriebene wie die gesprochene Sprache müssen beide auch eine Spur Straßendreck unter den Nägeln haben.“

Thomas Kling liest:

„bläue

anläufe; anläufe, es ans laufn
zu kriegn; diese blindanläufe für
leitmotive, für handzeichn. reanimations-
versuche am themen-, am textkadaver wobei
dizungnspitze sichtbar wird: di helfer-
zungn zungnhelfer beim hantieren; dies
handfläche auf handrückkn pumpm pumpm bis
di rippm knakkn. helfershelferzungn. was
di leistn beim überm herzaas hantieren.
ein schaun, ein schaum in di runde; ein
zukkn mittn schultern, mit den zungn in
stillem, ständig wiederkehrendem licht.“

/ Michael Opitz, DLR hier zum Anhören

Thomas Kling: Die gebrannte Performance – Lesungen und Gespräche
Hrsg. v. Ulrike Janssen und Norbert Wehr
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2015
4 CDs, 260 Minuten, 24,90 Euro

MEHR ZUM THEMA:

Thomas-Kling-Hörbuch – Das richtige Wort am richtigen Platz
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 01.04.2015)

Erinnerung an Thomas Kling
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 08.08.2011)

Zum ersten Todestag von Thomas Kling
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 03.04.2006)

Zum Tode des Dichters Thomas Kling
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 04.04.2005)

Alte Schrift

Eine 2000 Jahre alte Kopie der 10 Gebote – die älteste bekannte vollständige Version– wird in Israel zum ersten Mal ausgestellt. Die Schriftrolle wird auf die Jahre zwischen 30 vor und 1 nach unserer Zeitrechnung datiert. Sie wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts zusammen mit den anderen Dead Sea Scrolls in Khirbet Qumran. Die Schriftrolle wird etwa 4 Wochen gezeigt und danach durch ein Faksimile ersetzt. Die Ausstellung „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ im  Israel Museum in Jerusalem geht bis 2. Januar. / ArtsBeat

Alice Notley Wins $100,000 Poetry Prize

Alice Notley, a poet who has worked in a wide variety of forms and styles in more than 25 books, has been awarded the lucrative and prestigious Ruth Lilly Poetry Prize. The prize, presented annually by the Poetry Foundation to to a living American poet for lifetime accomplishment, comes with $100,000.

Ms. Notley, who was associated with the New York poetry scene in the 1960s and ’70s, has lived in Paris since 1992. / John Williams, ArtsBeat Blogs

The poet of anti-pathos

In The Making of the Reader, David Trotter proposes a useful distinction between “pathos” and what he terms “anti-pathos”. In any poem the voice of the self and the voice of the text are subtly different. For a Romantic poet their clash results in pathos: the pathos of origins, sincerity and feeling. In modernist poetry, what we frequently get instead is “anti-pathos”, which rejects appeals to origins and insists on dissonance, not harmony, as the defining condition of art.

JH Prynne is the ultimate poet of anti-pathos. Everything about him spells distance and difficulty. He does not give poetry readings; he does not appear in anthologies and is never nominated for prizes; his books have Captain Beefheart-like titles such as Her Weasels Wild Returning and Streak~~~Willing~~~Entourage~~~Artesian; he attracts acolytes and execrators, rather than run-of-the-mill readers, and, most important, no one knows what any of it means. Such are the familiar assumptions where this poet is concerned. Passions run deep: when The Oxford English Literary History had the temerity to suggest that Prynne was more deserving of notice than Larkin, the brouhaha ended up on the Today programme. (…)

If comparisons across artforms are any help, Prynne is to modern poetry roughly what Karlheinz Stockhausen is to modern music. Both are products of the 60s avant garde: both have messianic ambitions (some would say delusions), and give the impression of wandering into our zone of consciousness from some unearthly space, like a passing UFO. There is something impersonal, inhuman even, about Prynne, but the challenge for the reader is to move beyond the obligatory prefixing of the poet’s name with the word “rebarbative” and find a space for pleasure. / David Wheatley, Guardian 8.5.

acolytes: Komplizen, Gesinnungsgenossen
execrators: Hasser
temerity: Frechheit, Verwegenheit
brouhaha: Stimmengewirr, wilder Lärm
Today programme: BBC-Nachrichtensendung

Poetopie

nicht dein Selbstbewusstsein – deine Schwäche lenkt unsere Zuneigung auf dich

Hansjürgen Bulkowski

Poetry and its audience

I remember when the Carter administration invited several hundred poets to the White House for a celebration of American poetry. There was a reception, handshakes with the president, the pop of flashbulbs. Concurrent poetry readings in various White House rooms capped off the festivities. In each room a few poets had been asked to read. The rest of the poets, the ones who hadn’t been asked to read, could attend the reading of their choice. A year later, Jimmy Carter lost the presidency. / David Lehman, from The State of the Art: A Chronicle of American Poetry, 1988-2014, bei Poetry Daily

Spezialhaus für Abfälle

Kurt Schwitters, der Komponist, Dichter und Sänger der Ursonate und Erfinder von Merz, war von jeher schwer einzuordnen. Vor 40 Jahren verbannte Friedhelm Lach, seinerzeit Herausgeber der literarischen Werke in fünf Bänden, nicht wenige Gedichte in den Anhang und hatte viele Arbeiten erst gar nicht aufgenommen, weil sie ihm eher als Bilder und Collagen denn als Texte erschienen.

(…) Nun aber startet ein neues editorisches Großprojekt, Alle Texte geheißen. Und es kann kaum weniger originell als mit den Sammelkladden beginnen.

Bislang unerschlossene Hefte der Aufbruchsjahre 1919 bis 1923 sind es, überwiegend Ansammlungen von fremden Texten, von Briefen an Schwitters, von Reaktionen der Besucher seiner Ausstellungen, von Rezensionen seiner Merz-Bilder und -Bücher sowie von Berichten über die Soireen oder Performances, die er und seine dadaistischen Mitstreiter damals durchgeführt haben.

(…) / Hendrik Feindt, Der Standard 15.5.

Kurt Schwitters, „Die Sammelkladden 1919-1923“ (= „Alle Texte“, Band 3). Bearbeitet von Julia Nantke und Antje Wulff. € 152,20 / 1175 Seiten. De Gruyter, Berlin 2014

Canal Lacan

Bei lyrikkritik.de ein langer, kluger, gelehrter & zorniger Essay von Frank Milautzcki über Lacan und einen Darmstädter Juror. Ich zitiere hier den zornigen Rahmen:

Canal Lacan

„Lacan“ gehört zu den Autoren, die von anderen gerne zitiert werden, wenn es um poetologische Diskurse geht. Man zitiert prestigeträchtig ein paar Bruchstücke und signalisiert damit, man habe sich bis in diese vertrackte Rätselwelt der lacanschen Psychologie vorgewagt und sei up to date. Komm mir nicht postmodern, ich kenn mich aus.

Ich nenn das mal „lacanisieren“ – Canal Lacan.

So hat unlängst ein Jurymitglied eines literarischen Wettbewerbs (Kurt Drawert beim Literarischen März in Darmstadt) angehoben, Gedichte, die auf stark sprachspielerische Weise ihre Inhalte fixierten, mit der lacanschen „leeren Rede“ zu charakterisieren, und damit seine ablehnende Haltung den unkonventionell aufgesetzten Texten gegenüber begründet. Im Originalton:
„Bei Lacan heißt es: das Leere … äh … die leere Rede …, das heißt, es gibt nur noch Signifikantenketten, die sich zu keinem Signifikat mehr bilden lassen …“
Übersetzt heißt das: tut mir leid, deine Texte sind sinnloses Geschwafel. Sie ergeben keinen Sinn.

Nun, das ist recht starker Tobak, vor allem wenn er öffentlich kredenzt wird. Es ist ein Signal.
Ich saß im Publikum und fand den Vorwurf nicht nur nicht gerechtfertigt, sondern eines Jurors nicht würdig und darüberhinaus schlicht falsch: Sprachspiel und moderne Poesieverfahren erzeugen ganz bewußt Verse (Signifikantenketten), die a) für andere Signifikate stehen, als mancher sie kennt oder für möglich hält und b) signifikant sind für ein Signifikat, das man gerade der „Jugend“ (und um einen Nachwuchspreis soll es sich beim Literarischen März ja handeln) zuschreibt: der Ablehnung der Tradition und der traditionellen Signifikate und Signifikanten. Und offensichtlich war das Jurymitglied in so hohem Maße Traditionalist, daß er das nicht sehen konnte.

(…)

Vielleicht noch eine Schlußbemerkung zur „leeren Rede“, die der Juror der Lyrik des Bewerbers attestierte. Es kann sich dabei nicht um die „leere Rede“ handeln, wie sie Lacan versteht, denn dieser unterscheidet zwischen einem ersten Sprechen, der vollen Rede, die sich im Unbewußten formuliert, und einem zweiten Sprechen, der leeren Rede, die sich im Bewußten ausdrückt. Auch hier macht Lacan den Lesern das Verständnis nicht leicht und regelmäßig fällt die dahinterstehende Idee dem intuitiven Alltagsverständnis zum Opfer. So auch beim Juror, der lieber versteht, was zu verstehen sich ihm als normal anbietet (was bei Lacan stets zu Mißverständnissen führt, denn der ist als Begriffskassierer und Uminterpretierer unterwegs, nicht als Aufklärer). Die leere Rede, wie Lacan sie versteht, ist keinesfalls sinnlos, aber sie ist, weil sie nicht aus dem Unbewußten stammt, ohne Kontakt zum Signifikat (was ich persönlich nicht unterschreiben würde, denn es gibt mit Sicherheit einen Grund – ein Signifikat – für jede Rede, der nicht im Text zu suchen ist, und sei es Eitelkeit, Kompetenzbeweis oder das Bestreben mit leerer Rede jemanden zu deklassieren).

Dem Juror jedenfalls gelang es, gleich zwei ihm wohl vertraute DichterInnen, die in den zwei Jahren zuvor in seiner Schreibwerkstatt „reiften“, aufs Dreier-Treppchen zu verhelfen – was kurz darauf auch in darmstädtischen online-Meldungen ausdrücklich gewürdigt wurde und als bemerkenswerte Neuigkeit auch auf der website des Jurors zu lesen war. Ein Zeichen war gesetzt. Die Finanzierung der eigenen Schreibwerkstatt dürfte aufgrund der offensichtlichen Erfolge darob gesichert sein.

Friedrich Achleitner wird 85

Als Mitglied der legendären „Wiener Gruppe“ habe er die Mythen der traditionellen Poesie zertrümmert, vermerken Klappentexte nach wie vor, obwohl er selbst gelegentlich nüchtern erklärt, dass sich über die informelle Gruppierung der späten Fünfzigerjahre einige Mythen verfestigt hätten.

(…)

Auf schwankendem Sprach- und Realitätsboden vermittelt dieses  wortgesindel auch Blitzaufnahmen von Verhaltensweisen wie die immer gleichen Fragen nach Lesungen, einerseits in Deutschland („wie ist das eigentlich mit den einfällen? kommen die von selbst?“), andererseits in Österreich („ich schreib auch ein bisserl, darf ich ihnen einmal was schicken?“). Oder die Charakterisierung der falschen Formfassade der Idylle auf dem Land: „die dorfbewohner fürchten sich vor der hölle und ahnen nicht, dass sie in ihr leben.“

Derart führt Friedrich Achleitners Prosa höchst vergnüglich und pointiert vor, wie sich Wirklichkeit aus Sprache entwickeln kann. Mit Anregungen von Mauthner, Wittgenstein und Karl Valentin schafft sie ihren eigenen Reiz, sodass das scheinbar Selbstverständliche nicht mehr von selbst verständlich scheint. Da bezeichnet ein Passant einen anderen als „glückspilz“, weil er jedes Jahr am gleichen Tag Geburtstag habe.

In dem Text innenkomfort ist von einem „runden geburtstag“ die Rede. Zu einem solchen – bei dem, genau betrachtet, „rund“ im landläufigen Sinn nur für die erste Zahl und Ziffer ganz zutrifft – gratulieren wir Friedrich Achleitner auf das Herzlichste. / Klaus Zeyringer, Der Standard 16.5.

Dead

Franz Wright, the Pulitzer Prize-winning poet, died at 62 years old on Thursday at his home in Waltham, Massachusetts. His publishing house Alfred A. Knopf confirmed the news.

„Franz gave us so much,“ Deborah Garrison, his longtime editor at Knopf, said in an email to The Huffington Post. „He lived for poetry and was a riveting voice — I think the most irreverent believer we ever met on the page. And then the most reverent unbeliever, too, as he surveyed the gifts that life gave even those who are brought low. He wrote fearlessly about mental illness, addiction, and loneliness, but at the same time celebrated the small beauties around him and the larger beauty of language, which truly kept him alive. And so witty! Only Franz could have written ‚The only animal that commits suicide / went for a walk in the park…‘ ! Just to mention one of my favorite examples (‚The Only Animal.‘)“ / Huffington Post

Emoji-Roman

In einem Buchbranchenblog beim Börsenblatt berichtet Lothar Bluhm,

dass vor einem Jahr ein tatsächlich lesbarer Roman in Emoji erschienen ist, vermutlich der erste, der je geschrieben wurde: Book from the Ground. Sein Autor ist der chinesische Künstler Xu Bing, der in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Nicht einmal (die deutsche) Wikipedia würdigt ihn mit einem Eintrag. Xu Bing hat fast zehn Jahre an dem Projekt gearbeitet und erzählt in seinem Roman (nicht ohne einen zwinkernden Seitenblick auf Ulysses von James Joyce) einen Tag im Leben eines typischen städtischen Angestellten. Einen normalen Arbeitstag mit seinen ups and downs. Dieses Buch benötigt keine Übersetzungen, jeder moderne Mensch kann es lesen. In seinem Book from the Ground drückt sich für Xu Bing der Wunsch nach einer einzigen universell verstehbaren Sprache aus – und sein Gespür für die Möglichkeiten zeitgenössischer Kommunikation.

Beispielseite, Wecker klingelt: