Ellen Widmaier schreibt in ihrem Blog:
Gemeinsam mit der Autorin Marianne Brentzel engagiere ich mich im Verein für Literatur/Literaturhaus Dortmund seit einiger Zeit für eine Änderung der Satzung des Literaturpreises der Stadt Dortmund. Der internationale Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund zu Ehren der großen Lyrikerin und Nobelpreisträgerin wurde bisher 27 mal vergeben, doch es sind nur 7 weibliche Autorinnen unter den Preisträgern. Um Chancengleichheit herzustellen, setzen wir uns dafür ein, alternierend unter jeweils weiblichen bzw. männlichen Kandidaten die Auswahl zu treffen.
Nach positiven Vorbereitungsgesprächen scheint sich unsere Vorstellung zur Änderung der Satzung durchzusetzen. Der Verwaltungsvorstand der Stadt Dortmund hat der Änderung zugestimmt, ebenso der Kulturausschuss. Nun erwarten wir mit Spannung den 26. März, an dem der Rat der Stadt Dortmund darüber entscheiden wird.Aktuell: Zu unserer Freude hat der Rat der Stadt Dortmund mit großer Mehrheit der Satzungsänderung zugestimmt. Vereinzelte Polemik blieb nicht aus und war zu erwarten. Dortmund hat damit den ersten internationalen Literaturpreis, der Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern garantiert. (Gleiche Qualität selbstverständlich vorausgesetzt; bei Büchner- und Nobelpreisträgerinnen in der Nelly-Sachs-Preis-Chronologie wäre es auch grotesk, das zu leugnen …)
dortmund.de berichtet
In Paris wurden am Dienstag drei der Gewinner des Prix Goncourt bekanntgegeben. Der Preis wird jährlich von der Académie Goncourt, bestehend aus 10 Schriftstellern, die nicht Mitglied der Académie Française sein dürfen, für das beste Prosawerk des Jahres sowie in den Kategorien erster Roman, Kurzprosa, Lyrik und Biographie vergeben. Außerdem wählt seit einigen Jahren eine Schülerjury ebenfalls einen Preisträger aus. Der Preis ist nur mit 10 (zehn) Euro dotiert, aber verleiht hohes Prestige. Die übrigen Preise werden am 3. November verliehen.
In der Sparte Erster Roman wird der algerische Schriftsteller Kamel Daoud für Meursault, contre enquête (Actes Sud) ausgezeichnet. Im Zusammenhang mit dem Roman, in dem es um einen alten, senilen und von Wahnvorstellungen geplagten Gott geht, erließ der selbsternannte salafistische „Imam“ Abdelfattah Hamadache Zeraoui im vergangenen Dezember eine Fatwa, die zu seiner Ermordung aufruft. Der Roman soll bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheinen.
Der Preis für kurze Prosa geht an Patrice Franceschi für Première personne du singulier (Points) und der für Lyrik an den Belgier William Cliff für sein Gesamtwerk.
William Cliff wurde 1940 in Gembloux geboren. Sein erstes Buch „Homo Sum“ wurde von der damals noch sehr konformistischen belgischen Öffentlichkeit als Provokation abgelehnt, aber erschien bei Gallimard, schreibt Jacques Franck bei La Libre (Belgien) und nennt Cliff einen großen belgischen Dichter, den Rimbaldistischsten unter ihnen. Außer Gedichtbänden veröffentlichte er Romane sowie Übersetzungen der Sonette Shakespeares und der Danteschen „Hölle“.
Die Welt sprach mit Kamel Daoud
In Marokko kosten meine Romane umgerechnet 17 Euro, was gemessen an der Kaufkraft mehr als 150 Euro für die Käufer bedeutet. Ein Vermögen. Die Bücher der Islamisten dagegen werden gratis verteilt
Kamel Daoud im Gespräch mit der „Welt“
(Im übrigen bin ich der Meinung, daß die deutschen Buchpreiser intensiver über gesonderte Preise für Lyrik, Kurzprosa usw. nachdenken sollten, statt wie bislang gönnerhaft alle Jubeljahre mal einen Gedichtband über die Romane zu setzen)
Heinrich Detering verleiht den Kleist-Preis 2015 an Monika Rinck
Der Kleist-Preis des Jahres 2015 geht an die Berliner Autorin Monika Rinck. Bekannt geworden ist sie durch Lyrik, Prosa und Essays, durch interdisziplinäre wie intermediale Grenzüberschreitungen, die sie als Meisterin aller Tonlagen zeigen. Rincks Registerreichtum ist so stupend wie ihr Witz. Ihre Texte können alles zugleich sein: virtuos und gelehrsam, berührend und pointenreich, humorvoll und melancholisch. Bekannt geworden ist sie durch Lyrikbände wie „zum fernbleiben der umarmung“ (2007), „Helle Verwirrung“ (2009) und „Honigprotokolle“ (2012). Im März 2015 erschien ihre Essaysammlung „Risiko und Idiotie. Streitschriften“, wiederum bei Kookbooks in Berlin. Monika Rincks Werk wurde mehrfach bereits ausgezeichnet, u.a. mit dem Ernst-Meister-Preis 2008, dem Georg-K.- Glaser-Preis 2010, dem Berliner Kunstpreis-Literatur 2012 und dem Peter-Huchel-Preis 2013.
Der Kleist-Preis wird Monika Rinck am 22. November 2015 in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben, die Claus Peymann inszenieren wird. Die Laudatio hält Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er hat – als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählte Vertrauensperson – Monika Rinck in alleiniger Verantwortung, der Tradition des Kleist-Preises gemäß, zur Preisträgerin bestimmt. Die Jury des Kleist-Preises bestand diesmal aus Günter Blamberger (Universität zu Köln), Gabriele Brandstetter (FU Berlin), Wolfgang de Bruyn (Kleist-Museum Frankfurt/Oder), Ina Hartwig (Autorin und Literaturkritikerin, Frankfurt/Main), Michael Maar (Autor und Literaturkritiker, Berlin) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin).
Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler, Sibylle Lewitscharoff, Navid Kermani, Katja Lange-Müller und zuletzt Marcel Beyer.
Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft
DER PRÄSIDENT
Prof. Dr. Günter Blamberger
Wenn nach all den Abgesängen auf Geschichte, Erzählung und Subjekt, auf Erkenntnismöglichkeit und der definitiven Abkehr aller fortschrittlichen Dichtung von naiver Abbildgläubigkeit noch irgendein lyrischer Realismus möglich ist, dann vielleicht der von Marcus Roloff. In seine Texte ist die Kluft zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem selbstredend eingewirkt, seine Gedichte grundiert das Wissen um die sprachliche Verfasstheit jeden Bildes und jeder Beschreibung. Und doch kann man nicht nur viele reale Szenen und Landschaften, Städte und Situationen wieder erkennen, oft sind die Gedichte ohne ein Grundwissen um die den Landschaften eingelagerte Historie und Atmosphäre nur schwer zu greifen. Das Reale bleibt Bezugspunkt, und damit liegt Roloff ja eigentlich in der Tendenz unserer Zeit, die kleine Revivals des Realismus insbesondere in der Philosophie feiert. Literaturwissenschaftlich sind seine Gedichte in der Tradition Thomas Klings zu verorten, stärker denn je – und das erhärtet natürlich den Verdacht auf eine Engführung von eminentem Sprachbewusstsein einerseits und Bezug zu Geschichte und „Realem“ anderereits.
Wunderbar lakonisch zum Beispiel lässt Roloff in „null uhr null das gedicht“ eine ganze Epoche Prenzlauer Berg-Dichtung zu Ende gehen in nur drei Zeilen: „geht schon mal vor richtung torpedokäfer“ (Anm: einer der bekanntesten und berüchtigtsten Versammlungsorte der Dichter bis in die 90er): „gilben die jahre die wände fangen zu/ reden an von schnee überm bierglas.//“
(…)
Wenn es zum Beispiel heißt „der winter verklemmt mir die Ufer“, so ist das nicht so sehr expressionistisch gemeint, als konkret: der Zugang zu den Ufern ist unter Schnee schwerer zugänglich und „der lieps und die gräser liegen im restgrün wie unter milchglas“. Und doch steigt so eine Schwere aus den Gedichten, die gleichsam von der Landschaft herkommt: „bricht das land von den rändern herein“ (…) „während von hier aus ich noch versuche// einen fuß in seine richtung zu setzen“ – endet das Gedicht dorfweg mit waldrand.
Gedichte wie frankfurtsermon lassen stärker den Kling anklingen („geludertes/ schrittfürschritt durch den kaisersack“), doch wurde es nicht geradezu Zeit, dass endlich wieder jemand, und zwar aus größerem Abstand, an diesen Meister anknüpfte? (Zum Thema der „Nachfolge“ passten die roloffschen Zeilen: „eine zeitlang dachte ich die codes wären/ geknackt, aber das programm ist veraltet“ – sprich: es muss neu geschrieben werden). Auch Roloff weiß unseren Alltag und all das, was für gewöhnlich in Gedichten selten auftaucht, das Hässliche und Nebensächliche, wieder hereinzuholen in die Beobachtung. Genau hinzuschauen, statt auszublenden, ist seine Stärke – in den Zeitschichten buddelt er ohnehin. Gerade das Graufarbene und Nüchtern-Expressive seiner Zeilen atmet eine spezifisch deutsche Atmosphäre. Jedenfalls kann ich mir seine Lyrik in keinem anderen Land vorstellen; sie hat, so unpathetisch sie sich zuweilen gibt, etwas fast bobrowskisch Zersiedeltes und ermöglicht bei aller Derbheit einen ruhigen, leicht schwermütigen Blick auf Themen wie eine möbelfabrik, pappeln um stendal, natürlich auch hiddensee oder den henninger turm und zu guter Letzt sappho (alles Gedichttitel). Und zwischendurch wunderbare Satzteile wie „du ruderst/ in die hinterste schmalzluft (ecke)“ oder „zypriotische schwere des/ lichts“ – die einen auch zu den kryptischeren Zeilen Roloffs (etwa „lava des juweliers/das scholastische vieh im/ dissimetrischen moos (…)“) immer wieder zurückkehren lassen. / Hendrik Jackson, Signaturen
Marcus Roloff: reinzeichnung. Gedichte. Heidelberg (Der Wunderhorn Verlag) 2015. 80 Seiten. 17,80 Euro.
Als „semiotische[r] / singsang“ beschreibt er beispielsweise das Zwitschern der Vögel, ein Bild, dessen Tragweite wohl nicht jeder Leser ohne weiteres erfassen kann. Da die fachsprachlichen Termini allerdings hauptsächlich einzelne Bilder in den Gedichten verstärken, bleiben die Gedichte dennoch zugänglich, ohne etwa abgehoben zu wirken.
Wahrnehmungen, die jedem bekannt sind, setzt Skudlarek somit in neue, der Lyrik bisher noch unbekannte Bilder um – wie beispielsweise der Wechsel der Jahreszeiten in dem Gedicht „als karnivorer winter“: Hier klingt der Herbst „höchstens noch als schwache resonanz“, während „im november die erste testphase abgeschlossen“ ist. An anderer Stelle wird ein grauer Wintermorgen metaphorisch als „ein blue screen über der stadt“ eingefangen. Wer schon einmal solch einen Blue Screen nach einem kritischen Systemabsturz auf seinem Computerbildschirm erlebt hat, weiß sich in diese fatale Situation hineinzuversetzen. Die Metaphern hinken bei Skudlarek keinesfalls, sie treffen unmittelbar den Kern unserer Gegenwartserfahrung. Durch sie entsteht oft ein ernster Ton, warnend vor der Entmenschlichung und der Entfremdung von der Natur. Der Gegensatz Mensch-Maschine wird bei Skudlarek gänzlich aufgehoben und die Menschen werden zu hybriden Wesen. Bei Kälte schrauben die unbekannten Akteure eines Gedichtes ihre „körper / temperaturen“ herunter. Die Körper werden zu Maschinen, zu „karosserien aus fleisch / und kunstblut“. Das Cover und die Illustrationen, die von der Lyrikerin Simone Kornappel stammen, unterstreichen diesen Konflikt. Es sind hauptsächlich Collagen, die alte Schwarzweißfotographien von Männern und Frauen in verkabelte, skurrile, andersartige Umgebungen setzen. Die Körper sind teils verformt, tragen bizarre Auswüchse auf dem Kopf oder an den Beinen. An dieser Stelle kommt die existenzielle Frage auf, wer oder was die Menschen, was wir, eigentlich sind. Skudlareks Antwort darauf beschreibt das unendlich Komplexe unseres Inneren mit den einfachen, aber treffenden Worten „wir sind auch nur touristen in unseren körpern“. / Isabel Steinmetz, literaturkritik.de
Jan Skudlarek: ELEKTROSMOG. Gedichte.
luxbooks, Wiesbaden 2013.
100 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783939557746
Nino Haratischwili erhält den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2015, Poesiepreis für Judith Zander
Die Autorin Nino Haratischwili erhält den mit 20.000 Euro dotierten Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2015.
Der Jury, die unter Vorsitz von Nina Hugendubel in diesem Jahr in der Literaturwerkstatt Berlin tagte, gehörten an: Dr. Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin), Michael Hametner (MDR Leipzig), Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Literarische Gesellschaft Karlsruhe), Regina Dyck („poetry on the road“, Bremen) sowie Unternehmerpersönlichkeiten und Mitglieder des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft.
Juryvorsitzende Nina Hugendubel über die Entscheidung für die Literaturpreisträgerin 2015: „Mit Nino Haratischwili wird eine starke Stimme ihrer Generation ausgezeichnet. Sie beweist in ihren Büchern einen meisterlichen Umgang mit der deutschen Sprache.“
Der Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ist einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise in der Sparte Prosa, der jährlich an einen deutschsprachigen Autor vergeben wird. Zu den Preisträgern in der über 60-jährigen Geschichte des Kulturkreises zählen u. a. Heinrich Böll (1953), Ingeborg Bachmann (1955), Thomas Bernhard (1967), Elias Canetti (1971), Christoph Ransmayr (1986), Daniel Kehlmann (1998) und Tilman Rammstedt (2009).
Der Poesiepreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2015 geht an Judith Zander.
Jurymitglied Dr. Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin): „Ihr 2. Gedichtband „manual numerale“ weist Judith Zander einmal mehr als hervorragende Lyrikerin aus, die mit Sprache formstreng wie spielerisch so umzugehen vermag, dass der Leser/Hörer erstaunt vor den Möglichkeiten der eigenen Sprache verharrt: Hohe Dichtkunst eben…“
Der Preis wird im Rahmen der Jahrestagung des Kulturkreises am 10. Oktober 2015 in Karlsruhe verliehen.
Einen Großen, weithin Gerühmten und zugleich die Entdeckung eines lange unbekannten Dichters gibt es zu melden – mit „Im Verborgenen“ in der Nachdichtung von Jorgos Kartakis und Jan Kuhlbrodt legt das junge und hochambitionierte Berliner Verlagshaus J. Frank eine aufsehenerregende Auswahl aus dem Werk Kontantínos Kaváfis’ vor, die es so in deutscher Sprache noch nicht gegeben haben dürfte. (…)
Als „Diskretesten unter den Riesen“ bezeichnet Ricardo Domeneck in seinem Nachwort den Weitgereisten, der 1933 zum Sterben in seine und zugleich die Geburtsstadt Ungarettis zurückkehrt – alle Texte, die Kaváfis seiner homosexuellen Neigung widmet, sind dazu verdammt, „Im Verborgenen“ zu bleiben.
„Heute Nacht hatte ich die Idee, über meine Liebe zu schreiben. Allerdings werde ich es nicht tun. Wie viele Vorurteile gibt es gegen sie! Ich habe mich von ihnen befreit, aber ich denke an die, die immer noch von Vorurteilen versklavt sind, in deren Hände diese Seiten eines Tages fallen werden“, so der Dichter in seinem Tagebuch vom 9. November 1902. Und, nachgesetzt: „… ich halte mich zurück.“ In seinen Gedichten leuchten die Worte, die die Sehnsucht und Misere des Umgangs damit beschreiben und, anders als viele andere homosexuelle Künstler der Zeit, ihr Heil nicht in der Verbrämung einer ‚goldenen‘ Zeit in der Vergangenheit suchen, sondern in einer aufgeklärteren künftigen Epoche. / André Schinkel, Fixpoetry
Konstantínos Kaváfis
Im Verborgenen
Übersetzung:
Jan Kuhlbrodt · Jorgos Kartakis
Illustration: Anja Nolte. Nachwort: Ricardo Domeneck
Verlagshaus Berlin
128 Seiten · 14,90 Euro
ISBN: 978-3-940249-13-5
Auf die Nacht genau verschlaufen sich Name und Bin. Männchen wie Weibchen sind – jedes einzeln – zu rufen.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
Der Lyrikabend in der Offenburger Buchhandlung Akzente im Rahmen der Wortspiel-Reihe ist zur festen Tradition geworden. In diesem Jahr hat der Hausacher Schriftsteller José F. A. Oliver die in Berlin lebende Dichterin Ann Cotton eingeladen. Die gebürtige Amerikanerin, die in Wien aufwuchs, wurde im vergangenen Jahr mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, der an Deutsch schreibende Schriftsteller vergeben wird, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist.
Ihre jüngste Publikation mit dem Titel „Der schaudernde Fächer“ (2013) veranlasste Oliver zu Beginn des Gesprächs vor vollem Haus zu einem Exkurs über die Fächersprache, mittels derer Frauen Männern die Bereitschaft zur Kommunikation mitteilten, je nach Grad der Öffnung des Fächers. In diesem Band gehen Prosa und Poesie ein enges Verhältnis ein, was Oliver zu der Frage führte, wann die Autorin Prosa und wann sie ein Gedicht schreibe. Cottons Antwort: Es gebe diese Unterscheidung für sie nicht, da Gedichte auch Alltagssprache annehmen könnten. Die Form zu suchen, sei eine sekundäre Frage. Für ihre erste Publikation „Fremdwörterbuchsonette“ habe sie das Sonett als Methode näher kennenlernen wollen. Später wird sie drei Sonette zu Gehör bringen, in der zu einem Stichwort aus dem Fremdwörterbuch eine Szene aus dem Alltag hinzukommt.
Ob Gedichte zu hermetisch seien, will Oliver wissen. „Muss man alles erklären“, lautet die Gegenfrage. Eine Diskussion wolle sie anzetteln, so die Autorin, in deren Antworten sich Ungreifbares und Prägnantes mischt. / Susanne Ramm-Weber, Badische Zeitung
Ireland, poetry and the first World War is a story of contradictions, of contrasts and, a century later, of reconciliation. It should not pass us by that in Irish cities and throughout the countryside, the legacy of the first World War is no longer hidden. So, too, in the personal histories of many thousands of families, the experience of fighting in the Great War, of surviving or not surviving it, has been released into civil society and understood in a public way that was inconceivable even 20 years ago. Whatever about the politics of the war, the reality of Irish engagement is no longer a matter of conjecture or partisan interpretation. The lives and reality of so many ordinary families has been vindicated.
The ceremonies that marked the end of the first World War and the commemorations that lasted until the outbreak of the second World War in both capitals and provincial cities in Ireland are now integrating into a more complex history of the entire island and its complicated relationships with itself, with Britain and with Europe during the last century; so, too, with our literature.
Go back in time to, say, Katherine Tynan, from Clondalkin, Co Dublin, a good friend and supporter of WB Yeats, and her response to the killing fields of war in her poem Flower of Youth, and one recognises how this most popular of poems conveys the yearning of the time that all the suffering and sacrifice was not in vain:
Heaven’s thronged with gay and careless faces,
New-waked from dreams of dreadful things.
They walk in green and pleasant places
And by the crystal water springs
Who dreamt of dying and the slain,
And the fierce thirst and the strong pain.
Yeats, however, was having none of it. Asked to contribute a poem for an anthology published in aid of those made homeless by the war, in typical contradictory fashion, Yeats both refused and agreed, by writing a poem about not writing a war poem. The six-line poem On Being Asked for a War Poem begins:
I think it better that in times like these
A poet’s mouth be silent, for in truth
We have no gift to set a statesman right [.]
(…)
As we know, many thousands fell and never returned to their families in Ireland, while others, the luckier ones, did survive and did return from the maelstrom. But return to what?
Post-first World War Ireland was also post-Easter Rising Ireland and was heading in a few years’ time into a revolutionary war of its own that would be followed by civil war. / Gerald Dawe, The Irish Times
Giacomo Leopardi (1798-1837) ist in Italien was Rimbaud in Frankreich. Die Schulkinder lernen seine Gedichte auswendig, A Silvia oder Unendlichkeit, Jugendliche projizieren ihre Unzufriedenheit. Wie kann man einen solchen Charakter verfilmen? Mario Martone drehte einen Biopic über den Dichter, der Rapper Elio Germano spielt die Hauptrolle.
Leopardi, Il Giovane Favoloso de Mario Martone avec Elio Germano, Michele Riondino… 2 h 15.
Aus der Serie Helden der Lyrik(berichterstattung):
Von adamitischen Anfängen bis zu Apokalypsen und hinüber ins Reich der Toten reichen N.N.s neue lyrische Erkundungen
Jetzt die motz (wenn es auch nicht wirklich zu trennen ist, motz in Rot):
Deshalb ist es eine ebenso richtige wie wichtige Entscheidung, dass Christoph W. Bauer gestern im Rahmen der Regierungssitzung auf Antrag von Kulturlandesrätin Beate Palfrader (VP) der mit 14.000 Euro dotierte Landespreis für Kunst zugesprochen wurde. (…) Vor allem aber ist Bauer – und das ist im Literaturzirkus der Gegenwart ein Beinahe-Skandalon – ein erfrischend uneitler Wortkünstler, der sich intensiv mit den Werken anderer Autoren beschäftigt. Deshalb scheint es an dieser Stelle durchaus angebracht, darauf zu verweisen, dass Christoph W. Bauer den höchstdotierten Kulturpreis des Landes nicht nur als – in den Worten von Landesrätin Palfrader – „im ganzen deutschen Sprachraum erstaunlich präsenter Schriftsteller“ und Verfasser „lebendig pulsierender Verse“ erhält, sondern auch für seinen Einsatz als „in Tirol hochgeschätzter Literaturvermittler“. / Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung
L&Poe gratuliert natürlich!
Bei soviel Fraglosigkeit splitte ich diese Meldung. Wenn Poesie aus motz el son besteht, hier zunächst der son:
Von allen Spielarten der Literatur ist die Lyrik fraglos die gefährdetste. Naheliegendster Grund für diese Bedrohung ist – ebenso fraglos – ein ökonomischer. Gedichtbände verkaufen sich schlechter als Romane. Für Gedichte lässt sich nur schwer die Werbetrommel rühren – und selbst wohlwollende Rezensenten wissen: Im Umgang mit Lyrik droht permanente Schwafelgefahr. Womit sich die Dimension des Problems beträchtlich erweitert. Denn auch wenn die Verse eines Gedichts betont welthaltig, ungemein anschaulich und unzweifelhaft konkret daherkommen: Gedichte sind in Form gebrachte Absagen an das allzu Eindeutige. Kurzum: Lyrik macht es Leserinnen und Lesern nicht einfach. Darin liegen Reiz und Bedeutung von Lyrik. Dort freilich lauert auch die Gefahr, denn zur vergnüglichen Feierabendverlustierung taugt getaktete Sprachkunst nur bedingt. / Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung
Dirk von Petersdorff ist ein Germanistikprofessor, der »schön« mit »Föhn« reimt. In seinem neuen Gedichtband »Sirenenpop« (C.H. Beck, 2014) liegt ein Beispiel für naives Reimen unter mechanischer Beobachtung von Hebungen und Senkungen vor. *
Die früheren Bücher des Trägers des Kleist-Preises, wie etwa »Wie es weitergeht« (1992) oder »Nimm den langen Weg nach Haus« (2010), schienen doch so vielversprechend. Nun aber denkt man: Wem ein Bewusstsein und ein Gefühl für formale Durchbildung von sprachlichem Material fehlt, der schreibe Texte, die zumindest aussehen wie Gedichte. Was ist los? Behauptet der Autor nicht ein ironisches Spiel mit Form zu treiben? Warum aber so verkrampft?
(…)
Im zweiten Teil möchte ich über Pop und Form nachdenken bzw. über die Produktivität dessen, was als Form in den Petersdorffischen Gedichten wahrgenommen worden ist. Ich lese den Band natürlich nur nach Maßgabe meiner Lesegewohnheiten, die notwendig subjektiv sind, und stelle diese Notizen nur deshalb zur Verfügung, um die Debatte zu »Sirenenpops« zu mehren. Einige Kommentatoren stellten z.B. die »strenge« Beobachtung der Form heraus und schlossen daraus, dass Dirk von Petersdorff wohl ein Meister sei. Ich denke hingegen, eine solche Schlussfolgerung lässt sich mit dem vorliegenden Buch nicht belegen. / Paul-Henri Campbell, Fixpoetry
Dirk von Petersdorff
Sirenenpop
C.H. Beck
2014 · 89 Seiten · 16,95 Euro
ISBN: 978-3-406-66691-9
*) Lesenswerte Besprechungen zu diesem Gedichtband sind z.B. von Thorsten Schulte, Hellmuth Opitz und Rüdiger Görner verfasst worden.
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