Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
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THose howers that with gentle worke did frame,
The louely gaze where euery eye doth dwell
Will play the tirants to the very same,
And that vnfaire which fairely doth excell:
For neuer resting time leads Summer on,
To hidious winter and confounds him there,
Sap checkt with frost and lustie leau’s quite gon.
Beauty ore-snow’d and barenes euery where,
Then were not summers distillation left
A liquid prisoner pent in walls of glasse,
Beauties effect with beauty were bereft,
Nor it nor noe remembrance what it was.
But flowers distil’d though they with winter meete,
Leese but their show, their substance still liues sweet.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 howers hours (zweisilbig gesprochen)
4 vnfaire zum Verb gemachtes Adjektiv, Verneinung von to fair = schön machen fairely by being fair. Klaus Reichert übersetzt die Zeile in seiner Prosaübersetzung: „und das entschönen, was das Schöne übertrifft“.
6 confounds vernichtet
7 sap Saft leau’s leaves
8 ore-snow’d o(v)ersnowed
9 distillation Essenz
10 wäre mit der Schönheit auch die Wirkung der Schönheit verflogen
14 leese lose (verlieren)
Deutsche Fassung von Rudolf Alexander Schröder:
Dieselben Stunden, die so hold dein Bild Zur Augenlust geschmückt mit zartem Kleid, Sind bald tyrannisch wider dich gewillt, Unhold verkehrend die Holdseligkeit. Denn nimmermüde Zeit führt Sommers Blühn Zum eklen Winter fort in blinde Schmach: Frost hemmt den Saft, es welkt all frisches Grün, Die Schönheit liegt verschneit, die Welt liegt brach. Und bliebe nicht des Sommers Quintessenz, Ein flüssiger Häftling gläsernem Gewänd, Stürb aller Schönheit Sinn mit ihrem Lenz, Daß sich auch nicht ein Angedenken fänd. Nur Blumen-Aufguß wahrt zur Winterszeit Zwar nicht die Schau, doch Wesens Süßigkeit.
(Rudolf Alexander Schröder: Gesammelte Werke Bd.1, Suhrkamp 1952)
Kommentar zur Übersetzung:
Mit dem Wort hold im ersten Vers beginnt die „Poetisierung“ des Urtexts (im nächsten Vers mit „zartem Kleid“ fortgeführt). Man vergleiche seine vierte Zeile mit der in den Anmerkungen mitgeteilten Prosaübersetzung. (Am schönsten in dieser Übersetzung scheint mir das Wort Augenlust für „the lovely gaze“ – leider sogleich ins Poesiesurrogat zurückgeholt.) Ich glaube, mit einer guten Prosaübersetzung wie der Klaus Reicherts wäre dem auf Shakespeares Innovation der poetischen Sprache neugierigen deutschen Leser mehr gedient.

[…] In den Jahren, da wir gemeinsam im Gespräch waren, haben wir eine Reihe von Übereinstimmungen zwischen bildnerischen und sprachlichen Werkprozessen erschlossen, und einige davon haben wir auch gemeinsam genutzt. Mit dem lautlichen Eigentrieb sprachlichen Rohmaterials waren wir beide gleichermassen vertraut, A. T. als ingeniöser Anagrammatiker und Palindromist („Retroworter“), ich selbst als primär an Klang und Rhythmus orientierter Schriftsteller. Doch nicht nur auf der Ebene formalistischer Wortkunst haben wir uns getroffen, es gab immer auch in andern, offeneren Zusammenhängen Gelegenheit zur Kooperation. ‒ Ein Beispiel dafür ist eine von mir angeregte ironische Hommage zu jedem künftigen Goethe-Jubiläum, ein Projekt, für das ich eine fiktive Übersetzung aus dem Russischen erarbeitete und das A. T. in der Folge durch eine Zeichnung und einen Stempeldruck komplettierte. Text und Bild erschienen 1982 in Gestalt einer Kartonschachtel mit einliegender Broschüre und dem als kinetisches Objekt gestalteten Stempeldruck.
Ein weiteres Beispiel ist mein Poesieband „Fremdsprache“, den der Drucker und Verleger Rainer Pretzell 1984 mit einem Frontispiz von A. T. in Berlin herausbrachte. Das Frontispiz zeigt den Autor als Leser über ein Buch gebeugt, das mit der palindromatischen Aufschrift NA WIE INGOLD LOG NIE IWAN versehen ist. A. T’s Zeichnung visualisiert implizit die Poetik der in dem Band vereinten Texte, bei denen es sich ausnahmslos um Übertragungen bekannter deutschsprachiger Gedichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert handelt: Übertragen wird hier jedoch einzig die Textoberfläche, das heisst die Lautstruktur der Originalvorlagen, wohingegen deren Bedeutungsebene unberücksicht bleibt. Wo im Original „Hauch“ oder „balde“ zu lesen ist, bringt die lautliche Übertragung „auch“ beziehungsweise „kalten“, für „Träume“ kann „Treue“ stehen usf. Von daher der Untertitel: Gedichte aus dem Deutschen.
T. hatte an diesen und ähnlichen Texten ein spielerisches Vergnügen, aber auch ein gewissermassen professionelles Interesse, weil hier die Interaktion von Zufall und Kalkül besonders deutlich fassbar wird. Anderseits war A. T. kein grosser Leser, dickleibige Bücher mochte er nicht, rasches Durchlesen oder gar Querlesen war ihm zuwider. Vorrang hatte bei ihm das Entziffern, die Auseinandersetzung mit kniffligen oder hermetischen Vorlagen – bis hin zum Kreuzworträtsel, dessen Text ja stets durch den „Leser“ in einem Prozess von Erraten und Kombinieren erstellt werden muss.
[…]
Ich weiss nicht, ob A. T. jemals ein Buch von mir gelesen hat. Der Lektüre zog er die Befragung des Autors vor – ich sollte ihm berichten, was ich wie und wozu und für wen geschrieben hatte. Gelegentlich las ich ihm in der Küche ein Gedicht, eine Seite Prosa vor. Meistens hörte er nur halb zu mir her, dabei kritzelte, zeichnete oder notierte er dies und das auf zufällig vorhandenem Papier – auf Briefumschlägen, auf Rechnungen, auf dem Rand von Zeitungen; einige dieser Skizzen, darunter auch mehrere Portraits von mir, habe ich aufbewahrt. Oft fragte er mich nach meinen Lektüren, liess mich Inhalte oder Thesen rekapitulieren. Gern ging ich aber auch auf Gespräche über seine Lieblingsautoren ein, über Alfred Jarry, Raymond Roussel, Francis Ponge und über „sprachverrückte“ Autodidakten wie Jean-Pierre Brisset oder Adolf Wölfli. Ich meinerseits war damals von den sogenannten „Theoriefranzosen“ eingenommen, von „Change“ und „Tel quel“, von Roland Barthes und Michel Foucault, ausserdem – fast mehr noch ‒ von Roman Jakobson, den die Strukturalisten als letzten Überlebenden des russischen Formalismus feierten und durch zahlreiche Publikationen ehrten.
Als Jakobson im Sommer 1982 in hohem Alter starb, empfand ich seinen Tod als das Ende meiner wissenschaftlichen Lernjahre – kein anderer Philologe und Poetologe des Jahrhunderts hatte meine dichterische und literaturkritische Arbeit so stark geprägt wie er. Aus gegebenem Anlass schickte ich A. T. eine Xeroxkopie der weithin bekannten, von Jakobson gemeinsam mit Claude Lévi-Strauss verfassten Analyse eines Sonetts von Charles Baudelaire, dazu eine freundschaftliche Leseempfehlung. Als wir einander bald darauf in Zürich trafen, zog A. T. sogleich die Taschenbuchausgabe von Lévi-Strauss‘ „Das wilde Denken“ aus der Jackentasche und schlug das Kapitel mit dem berühmten Exkurs über die „Bastelei“ in primitiven Gesellschaften auf. Diese Passage, sagte er, sei für ihn „das beste theoretische Stück“, auf das er jemals in einem sekundärliterarischen Buch gestossen sei – was hier auf wenigen Seiten ausgeführt und erklärt werde, stimme genau mit seinem künstlerischen Credo überein. Ich kannte die diesbezüglichen Seiten bei Lévi-Strauss aus meiner Studienzeit in Paris, hatte sie aber nicht als besonders „theoretisch“ im Gedächtnis und hatte sie auch nie mit A. T’s künstlerischer Arbeit in Verbindung gebracht. […]
Felix Philipp Ingold im Ausstellungskatalog „André Thomkins“ (Graphische Sammlung ETH Zürich 2016).
Mit der unterkomplexen Rezeption der Thesen zum langen Gedicht wurde leider eine der letzten Ausfahrten verpasst, Lyriktheorie ausgehend von einer ästhetischen Theorie der Literatur zu denken. Es wurde zu wenig über das poetologische Potential der Thesen gestritten, stattdessen zankten sich die Beteiligten um Bagatellen wie das richtige Verhältnis zur lyrischen Tradition und den unmittelbaren Mehrwert von tagespolitischem Agitprop. Der Literatur wurde nichts zugetraut, in die Politik als Streit herrschte kein Vertrauen. (…)
Was also soll es sein, das lange Gedicht? Die Thesen beantworten die Frage nahezu agitatorisch. Das lange Gedicht gilt Höllerer entsprechend der Logik seiner Begründung paradigmatisch als freizügig, was die Weise, die Welt zu betrachten, betrifft. Da es nicht durch den Anspruch eines regelpoetischen Gesetzes fixiert ist, wirkt das lange Gedicht demokratisch, alles soll darin Platz finden (Hoch- wie Unkultur), der Emanzipation soll eine Schaubühne bereitstehen: »Die Republik wird erkennbar, die sich befreit« (These 3). Als Gattung der Moderne ist das lange Gedicht »schon seiner Form nach politisch« (These 2). Die Darstellung einer möglichen Welt (These 5) ist dem Rückzug aus der Realität und der Tendenz zum Verstummen (These 14) vorzuziehen. Nichts zuletzt geht es um die Parteinahme für eine freie Gesellschaft, die der in zu vielen Gedichten noch bedachten eitlen und elitären »Preziosität und Chinoiserie« unbedingt und gerade jetzt entgegenzuhalten ist. – Das lange Gedicht hat nach Höllerer vielleicht nur ein Thema: die Gemeinschaft – und damit ein Thema, groß genug, tonnenweise heterogensten Stoff in seiner Zusammensetzung durchzuspielen (These 13). Und es verweist, nicht ausschließlich, aber zwangsläufig, auf einige US-amerikanische Säulenheilige wie Gregory Corso, Allen Ginsberg und vor allem Charles Olson, die es Stand 1965 alle zumindest einmal geschafft hatten, ein Gedicht fertigzustellen, von dem in den Thesen die Rede sein könnte. / Maximilian Mengeringhaus: »Zur Hölle mit den kurzen Gedichten … … zu Höllerer mit den langen.«. Die Erfindung des deutschsprachigen Langgedichts, Suhrkamp Logbuch
Walter Höllerer: Thesen zum langen Gedicht, in Akzente (1965, Bd. 2), S. 128-130, wiederabgedruckt in Hans Bender / Michael Krüger (Hg.), Was alles hat Platz in einem Gedicht. Aufsätze zur deutschen Lyrik nach 1965, München 1977
Maren Jäger, Bertram Reinecke, Stefan Schmitzer und Christian Metz sprachen in der Literaturwerkstatt über Lyrikkritik im Netz. Jamal Tuschik war da und schreibt darüber, obwohl er sich weder für die heutige Lyrik noch die auf sie antwortende Lyrikkritik interessiert. Ja, in seiner Jugend, da gab es Max Bense, Eugen Gomringer, Franz Mon, Rolf Dieter Brinkmann (“Ich hasse alte Dichter”), Allen Ginsberg (alle übrigens tot oder alt*). „Wer weiß das noch?“ fragt Tuschik. Tuschik weiß und gibt die letzte Antwort auf letzte Fragen:
Brinkmann beschwor das Gedicht in der Stadt als Raumaufheller. Ich plädiere für das Gedicht im öffentlichen Raum als Accessoire.
Ich höre die Kojoten der reinen Leere heulen. Die Antwort auf die Frage, warum gelangen Lyriker über Zirkelprominenz nicht hinaus, lautet: Die Lyrik bleibt deshalb da, wo sie ist, weil Lyriker jeden medialen Popularisierungsversuch als unzulässige, von Empfindlichkeit befreite Einmischung bewerten. Das ist der Grund, weshalb ihr bleiben müsst, wo ihr seid. / Freitag-Blog
*) Und für mich großartige Autoren
Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
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VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
Vpon thy selfe thy beauties legacy?
Natures bequest giues nothing but doth lend,
And being franck she lends to those are free:
Then beautious nigard why doost thou abuse,
The bountious largesse giuen thee to giue?
Profitles vserer why doost thou vse
So great a summe of summes yet can’st not liue?
For hauing traffike with thy selfe alone,
Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
Then how when nature calls thee to be gone,
What acceptable Audit can’st thou leaue?
Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
Which vsed liues th’executor to be.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 VNthrifty verschwenderisch, unrentabel; ältere Wortbedeutung: unkeusch, lüstern (dazu spend / Vpon thy selfe (masturbieren). Wieder aufgegriffen in 11 traffike a) Handel, b) sexueller Handel/Verkehr.
3 bequest Vermächtnis
4 those are those that are
5 nigard Knauser
6 giue give
10 deceaue deceive (täuschen)
11 Audit Rechnungsprüfung
14 vsed (used) wurde zweisilbig gesprochen: usèd; executor Testamentsvollstrecker (also hier ein Sohn)
Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

Kommentar zu Wolffs Übersetzung:
Das Sonett mischt finanzökonomischen Wortschatz mit sexuellen Anspielungen. Ersterer ist in dieser Übersetzung stark abgemildert (Rechenschaft statt Rechnungsprüfung) und letztere fehlen ganz. Shakespeares eindeutig zweideutiges „Verkehr zu haben nur mit dir allein“ (wie Plessow fast wörtlich übersetzt) wird bei Wolff verschleiert zu „Ziehst du dich einsam in dich selbst zurück“. Aber es geht hier doch um Kinderzeugen, möchte man dem wilhelminischen Übersetzer zurufen. (Interessant wäre eine experimentelle Übersetzung, die einmal ganz auf den bei Wolff getilgten und bei anderen gemilderten sexuellen Kontext fokussiert.) (Morgen mal nachsehen, wie George damit umgeht). Schade auch, daß das Oxymoron profitless usurer aufgelöst wird, das im Original Teil einer ganzen Kette ist.
Warsan Shire, the Somali-British poet whose words are featured in Beyoncé’s new globe-shaking Lemonade album, is a bard of these marginalised areas – she was even named the first Young Poet Laureate for London at 25.
Beyoncé reads parts of Shire’s poems, including For Women Who Are Difficult To Love, The Unbearable Weight of Staying (the End of the Relationship) and Nail Technician as Palm Reader in interludes between songs in her 12-track, hour-long video album that premiered this week. Truly, Shire was a brilliant choice for Beyoncé’s unapologetically black and female album: like the people and places from which they are woven, Shire’s poems – published in a volume titled Teaching My Mother How to Give Birth – are laden with longing for other lands and complicated by the contradictions of belonging in new ones. In Conversations about Home, she writes: “I tore up and ate my own passport in an airport hotel. I’m bloated with language I can’t afford to forget”, and: “They ask me how did you get here? Can’t you see it on my body? The Libyan desert red with immigrant bodies, the Gulf of Aden bloated, the city of Rome with no jacket.” / Rafia Zakaria, The Guardian booksblog
Befindet sich die Lyrikkritik in einem beklagenswertem Zustand? Das findet der Dichter Tristan Marquardt. In der aktuellen Debatte um Literaturkritik und Lyrik spielt nach Einschätzung unseres Autors vor allem eines die Hauptrolle: die Unsicherheit über das, was Kritik ist und sein kann. Spannend auch, wo die Kritik eigentlich stattfindet. Und wo nicht.
(…)
In den Feuilletons der Tageszeitungen, auf deren Online-Plattformen oder im Radio dazu kein Wort. Auch eine kundige Lyrik-Leserin wie Marie-Luise Knott verliert in ihrer Online-Kolumne beim Perlentaucher kein Wort über die aktuelle Debatte. Berührungslos ziehen die Dichter und ihre wechselseitigen Selbstbeobachtungen ihre Kreise.
Die Überschrift klingt vielversprechend:
SPECIAL zu »DVA Jahrbuch der Lyrik«
Das „Special“ entpuppt sich dann als Spezialbezeichnung für eine fallengelassene heiße Kartoffel. Lyrik ist bekanntlich seit einiger Zeit heiß, sexy als auch im Aufwind, das sagen alle. Randomhouse sagt es so:
Das Jahrbuch der Lyrik zieht um.
„Zieht um“, das sitzt! Man weiß sozusagen nicht ob aus freien Stücken oder gezwungener Maßen, man weiß auch noch nicht wohin die Reise / der Umzug geht, nicht einmal ob es überhaupt ein Ziel gibt, aber: „zieht um“:
Bis ein Verlag für das nächste Jahrbuch der Lyrik gefunden ist, können Sie ihre Gedichte für das Jahrbuch 2017 an die alte Adresse lyrikjahrbuch@dva.de mailen. Wir sammeln alle Einsendungen und leiten sie dann an den neuen Jahrbuch-Verlag und die Herausgeber weiter.
Ich vermute mal: sie wollen das Lyrikjahrbuch aus der Verlegenheit befreien, im Verlag von Sarrazin zu erscheinen. (Mischfinanzierung war auch ein Thema heute. Keins für Randomhouse, spätestens jetzt weiß man es.).
Papagei auf dem Motorrad – Poesie ist immer Avantgarde!
Tschechische Lyrik im 20. Jahrhundert
Ein Kooperationsprojekt von Café Fra (Prag), Tschechischem Zentrum München und der Stiftung Lyrik Kabinett
Der tschechische Nobelpreisträger Jaroslav Seifert, sein Zeitgenosse Vladimír Holan, Jan Skácel oder Petr Borkovec – alle diese Dichter sind Lesern, Kennern und Liebhabern von Poesie in Deutschland längst gut bekannt. Doch woher kommen sie? In welcher poetischen Tradition und welchem Kontext stehen ihre Werke? Davon weiß man hierzulande trotz einiger Anthologien und Übersetzungen immer noch (zu) wenig.
Dies soll nun ein deutsch-tschechisches Kooperationsprojekt ändern: Unter dem Titel „Papagei auf dem Motorrad“ – wie Vítězslav Nezval sein Poetismus-Manifest von 1924 überschrieb – präsentiert es mit insgesamt vier Poesieabenden im Lyrik Kabinett Persönlichkeiten und Strömungen der tschechischen Dichtung vom Poetismus (der spezifisch tschechischen avantgardistischen Kunstrichtung der 1920er Jahre) bis heute und zeigt die eindrückliche Kontinuität ihres avantgardistischen Potentials. Programmatisch sollen dabei vor allem die Lyriker selbst das Wort haben: Ausgewählte tschechische Dichter unterschiedlicher Generationen und Richtungen werden über ihre Vorläufer und ihre eigene Poesie sprechen, zum Teil anhand von Übersetzungen, die speziell für diese Abende entstehen. Die Konzeption und Koordination des Projekts hat Dr. Zuzana Jürgens inne, die Bohemistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Adalbert Stifter Vereins ist und von 2009–2014 Leiterin des Tschechischen Zentrums München war.
Die Auftaktveranstaltung zum Poesie-Zyklus wird von dem tschechischen Dichter Petr Borkovec, dem Slavisten und Übersetzer Urs Heftrich sowie der Slavistin Jeanette Fabian bestritten und findet am 11. Mai im Lyrik Kabinett München statt.
Flankierende Veranstaltungen werden von Kooperationspartnern – u. a. dem Institut für Slavische Philologie der Ludwig-Maximilian-Universität – ausgerichtet.
Projektpartner: Café Fra, Prag, Institut für Slavische Philologie der Ludwig-Maximilian-Universität München, Tschechisches Zentrum München, Generalkonsulat der Tschechischen Republik in München
Mit freundlicher Unterstützung des Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds in Prag und des Kulturministeriums der Tschechischen Republik.
Nähere Informationen zu den Einzel-Veranstaltungen finden Sie unter:
http://munich.czechcentres.cz/programm/literatur/page:1/

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
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3 LOoke in thy glasse and tell the face thou vewest, Now is the time that face should forme an other, Whose fresh repaire if now thou not renewest, Thou doo’st beguile the world, vnblesse some mother. For where is she so faire whose vn-eard wombe Disdaines the tillage of thy husbandry? Or who is he so fond will be the tombe Of his selfe loue to stop posterity? Thou art thy mothers glasse and she in thee Calls backe the louely Aprill of her prime, So thou through windowes of thine age shalt see, Dispight of wrinkles this thy goulden time. But if thou liue remembred not to be, Die single and thine Image dies with thee.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 vewest viewest (siehst)
2 forme an other ein anderes Gesicht / eine andere Person formen
4 beguile betrügen vnblesse some mother einer (möglichen) Mutter keinen Segen gönnen
5 vn-eard wombe ungepflügter Schoß
6 tillage Pflügen, Befruchten husbandry a) Ackerbau b) eheliche Pflichten
8 posterity die Nachwelt sind hier natürlich die schuldhaft nicht gezeugten Kinder
Deutsche Fassung von Stefan George:

Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

Marie Luise Knott schreibt in ihrer Lyrikkolumne Tagtigall (abgesehen von der Anmoderation über Lyrik im Auf- und Abwind) schöne Sätze über István Kemény, Uljana Wolf, Rosmarie Waldrop und Ulf Stolterfoht, zentriert um die Frage, „ob sie nicht verstanden werden wolle(n) oder ob man sie nicht verstehen können solle“. Ich zitiere (es kommt auch Chlebnikow vor) einen Passus über die Beatles:
Schon die Beatles hatten in den 1960er mit „Magical Mistery Tour“ höchst populär gegen derartige Tendenzen angesungen – eine musikalische und filmische Fahrt ins Blaue, von der verheißungsvollerweise schon damals niemand so genau wusste und wissen wollte, was die Sänger uns damit sagen möchten. „Expert, Textpert“, heißt es ironisch in „I am the walrus“. Der Song ist voll üppiger Bilder: lächelnde, in Koben lebende Schweine, fliegende Schutzmänner, Drogendealer auf dem Eiffelturm, Hare Krishna singende Babypinguine, denen es wie nebenbei gelingt, einen Edgar Allen Poe umzunieten. Irgendwann im Lied tröpfelt – um des Nonsens willen? – gelber Senf aus dem Auge eines toten Hundes; dazwischen gibt es diverse Anspielungen auf Freiheitslieder. Das Ich – ein Lewis Carrollsches Walross-Wesen – sitzt auf einem Cornflake und weint. I am crying! Cocooo, Cocoo!
Verschiedenen Legenden zufolge hat John Lennon den Text explizit als Parodie auf die allgemeine Verstehenshuberei und Interpretationswut verfasst, wie sie damals in extenso bei Songs von Bob Dylan betrieben wurde. Welche anderen Stoffe beim Schreiben der Texte damals mit im Spiel waren, muss offen bleiben; was zählt, ist das Ergebnis: I am the walruss. Es liegt schließlich ein besonderer Gewinn darin, dass Sprache auch Musik ist: Man braucht nur das Gehörte nachahmen, mitschmettern und mitschwofen, und schon kann sie ein wenig warten, die tägliche Misere. Magical Mistery Tour.
Hier noch ein bißchen Beatles-Za-um:
Yellow matter custard dripping from a dead dog’s eye
Crabalocker fishwife pornographic priestess
Boy you been a naughty girl, you let your knickers down
I am the eggman, they are the eggmen
I am the walrus, goo goo g‘ joobSitting in an English garden waiting for the sun
If the sun don’t come
You get a tan from standing in the English rain
I am the eggman, they are the eggmen
I am the walrus, goo goo g‘ joob goo goo goo g‘ joobExpert texpert choking smokers
Don’t you think the joker laughs at you? (Ho ho ho! He he he! Ha ha ha!)
See how they smile like pigs in a sty, see how they snied
I’m cryingSemolina pilchard climbing up the Eiffel Tower
Elementary penguin singing Hare Krishna
Man you should have seen them kicking Edgar Allan Poe
I am the eggman, they are the eggmen
I am the walrus, goo goo g‘ joob goo goo g‘ joob
Goo goo g‘ joob goo goo g‘ joob
Goo gooooooooooo jooba jooba jooba jooba jooba jooba
Jooba jooba
Jooba jooba
Jooba jooba(mehr)
(Komisch, bei dem Song fragen immer alle, welche Drogen die Jungs genommen haben. Sollten sich besser in die Literaturgeschichte vertiefen! Hier eine kleine Einführung!)
Der kleine Leipziger Verlag Reinecke & Voß mausert sich in einigen Sparten zum Wieder-Entdecker-Verlag. Das betrifft die Lyrik des Barock genauso wie die Lyrik jener Übergangszeit, die meist „vergessen“ wird, wenn von der „Moderne“ die Rede ist. Die Dichterschule des Arno Holz war schon Thema. Jetzt wird ein Mann gewürdigt, den Holz gern als „seinen Schüler“ begriffen hätte. Dabei hatte Paul Ernst das Zeug, selbst ein ganz Großer zu sein. Er hatte Pech.
Mehrfaches Pech, wie dieses Büchlein verrät, das einerseits eine Neuauflage des 1898 erschienenen Frühwerks von Paul Ernst ist, andererseits auch ein Geschenk, das sich die Paul-Ernst-Gesellschaft selbst gemacht hat – quasi zum 150. Geburtstag des in Elbingerode im Harz geborenen Dichters. Ralf Gnosa geht auf die nicht ganz unkomplizierte Beziehung von Paul Ernst zu Arno Holz in seinem sehr ausführlichen Beitrag „Im Steinbruch der klassischen Moderne“ ein. Eine Begegnung, die beide Dichter bereicherte, die am Ende aber im Zerwürfnis endete.
(…)
Reduktion war das große Thema der Zeit, angeregt auch (über Frankreich) durch die intensive Beschäftigung mit der japanischen und der chinesischen Lyrik. Und wer „Polymeter“ damals ohne Vorurteile las und auf sich wirken ließ, der spürte es eigentlich, was geschah, wenn wieder die genau beobachteten Vorgänge den Inhalt des Textes trugen, auf allen Schnickschnack verzichtet wurde und aus dem aufs Wesentliche reduzierten Moment ein ganzes Bild entstand, atmosphärisch verdichtet und so verknappt, dass die Gedanken beim Lesen zwangsläufig weitertrieben: Assoziationen, Anklänge, Erinnerungen … / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung
Paul Ernst „Polymeter. Gedichte“, Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 10 Euro
Der mit 10’000 Franken dotierte ZKB (Zürcher Kantonalbank) Schillerpreis geht im Jahr 2016 an Thilo Krause. Der Autor wird für seinen Gedichtband „Um die Dinge ganz zu lassen“ ausgezeichnet: Das Werk verdichtet Gedankensplitter, Alltagssituationen und Stimmungen hintersinnig und bilderreich.
Der ZKB Schillerpreis wird jedes Jahr durch die Zürcher Kantonalbank auf Vorschlag des Stiftungsrates der Schweizerischen Schillerstiftung ausgerichtet. Der Literaturpreis zeichnet im Kanton Zürich lebende Autorinnen und Autoren für Werke von herausragender literarischer Qualität aus.
Der diesjährige Preis geht an Thilo Krause. Der Autor lebt in Zürich und wurde 1977 in Dresden geboren. Für seinen ersten Gedichtband „Und das ist alles genug“ erhielt er im Jahr 2012 einen Eidgenössischen Literaturpreis. Für „Um die Dinge ganz zu lassen“ (poetenladen Verlag, 2015) hat Krause mehrere Auszeichnungen erhalten, u.a. einen Anerkennungsbeitrag des Kantons Zürich, eine Anerkennungsgabe der Stadt Zürich, sowie den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg. Der Autor ist von Haus studierter Wirtschaftsingenieur (Dresden und London) und hält eine Promotion der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.
Die Schweizerische Schillerstiftung begründet ihre Wahl wie folgt:
In „Um die Dinge ganz zu lassen“ sind Alltagsgedichte von einnehmender Schönheit und Tiefe versammelt, die mit Staunen und Reflexion den Blick auf Gegenwart und Erinnerung, Wachen und Träumen, Stadt und Land sowie Licht und Dunkelheit richten und das Dasein in seiner Flüchtigkeit fassen – ohne grosse Worte, Töne und Gesten, aber mit Sprachskepsis, Lakonie und Traditionsbewusstsein. Thilo Krause gehört weder zu den Avantgardisten noch zu den Revoluzzern unter den Dichtern. Die Brisanz seiner Dichtung liegt in der Luzidität und Stille der Gedanken, Beobachtungen und Worte.
Die Preisübergabe erfolgt am Montag, 23. Mai 2016 im Literaturhaus Zürich.
Am Ostermontag 1916 begann der irische „Osteraufstand“, der zwar scheiterte, aber der Unabhängigkeit den Weg bereitete. Zum 100. Jahrestag beauftragte das Irish Writers Centre sechs Dichter, jeweils ein Gedicht für jeden der sechs Tage des Aufstands zu schreiben.
Part 1: for James Connolly, a new poem by Eiléan Ní Chuilleanáin hier
Part 2: Patrick Pearse, A Manifesto by Paul Muldoon hier
Part 3: A Demonstration by Jessica Traynor hier
(wird ergänzt)
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