Ludwig Harig
Im Flirt mit Dame Gott
Für Paul Wühr
Ach Paul, mein lieber Paul, du dichtest mit Gespür
dich außerhalb der Zeit in eine helle Ferne,
die uns illuminiert wie Aladins Laterne:
Du reibst, und es erscheint dein Vers en miniature.
Es schwingt dein Silbenfuß im Takt und tanzt die Kür
im Flirt mit Dame Gott bis an den Rand der Sterne.
Der eine sucht den Sinn, der andre das Moderne.
So ist nun mal die Welt, was kann Paul Wühr dafür?
Der schmale Trampelpfad erweitert sich zur Pforte.
Was gibt es rundumher, was außerhalb der Worte,
die für uns Wörter sind und kein Begriff darüber?
Was bleibt, ist kurz gesagt des Lebens Paraphrase,
das Übel mit dem Kreuz, das Elend mit der Blase.
So stehen wir perplex dem Wortschrott gegenüber.
Ludwig Harig wurde am 18. Juli 1927, heute vor 90 Jahren, geboren. – Das Gedicht stand in manuskripte. Zeitschrift für Literatur, Nr. 176, Graz 2007
Rainer Kirsch wurde am 17. Juli 1934 im sächsischen Döbeln geboren, er starb am 4. September 2015 in Berlin.
Kirsch wurde 1956 vom Studium relegiert und 1957 aus der SED ausgeschlossen. Er wurde irgendwann wieder aufgenommen und 1973 zum zweiten Mal ausgeschlossen, wegen eines Theaterstücks. 1990 wurde er der letzte Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes. Ende jenes Jahrs entstand dieses Gedicht über Probleme mit einer neuen Wahrnehmungsavantgarde.
Ich-Soll 1991
1
Ich soll es zugeben
2
Ich soll zugeben daß ich den Mund halten soll Januar bis Dezember und wenn ich ihn halte daß ich ihn halte weil ich es zugebe
3
Denn wenn ich den Mund früher nicht hielt war das Täuschung und hielt ich ihn war das Täuschung denn es täuschte vor ich hielte ihn nicht
4
Wer aber vortäuscht er täusche täuscht
5
So gebe ich es nicht zu gebe ich es zu und gäbe ich es zu gäbe ich es nicht zu was aus meinem Mund kommt ist Täuschung
6
Mein Herr, kaufen Sie einen Revolver
Gehobener Qualität.
Wenn nur Ihr Kopf nicht voll wär,
Wäre es nicht zu spät.
7
Zugeben soll ich daß ich was ich sah milchig sah was ich roch roch anders was ich hörte klang nicht wie ich es hörte was ich schmeckte dessen Geschmack war anders was ich tastete fühlte sich anders an
8
Das soll ich zugeben und mich an die Wahrnehmungsavantgarde halten
9
Die Wahrnehmungsavantgarde ist ein Voraustrupp der wahr wahrnimmt was sie riecht duftet wie sie fühlt es dufte was sie hört klingt wie sie sieht es klänge sie schmeckt das Unkündbare und tastet die Chemie der Dinge
10
Ich indes verfaßte meine Gedichte in Versen und meine Prosa in Prosa
11
Meine Lieder gingen zu singen in meinen Stücken kamen Personen vor ich übte mich klar zu reden angesichts der Vertracktheit der Welt
12
Wer sich verstockt zeigt, muß den Stock auch schlucken.
Nun lernen Sie, mein Herr, sich stehend ducken.
13
Es gibt aber keine Personen was es gibt sind Ameisen Gedichte sollten in Prosa sein Prosa eher lyrisch wie auch das Wort Welt zumutet etwas hinge zusammen und Vertracktheit voraussetzt es gebe Klarheit die es nicht gibt das wenigstens sollte mir klar sein und wie dreist es ist Worte zu machen da die Wahrnehmungsavantgarde wahr wahrnimmt von Januar bis Dezember
14
Herr Ovid im alten Rom
War ein gestandener Mann.
Er störte den Kaiser beim Mittagsschlaf
Und fand sich in Asien dann.
15
Darum soll ich den Mund halten Neunzehnhunderteinundneunzig und es zugeben
(19.-23. Dezember 1990)
Heute ein Gedicht von Pierre-Jean de Béranger, geboren am 19. August 1780 in Paris und gestorben am 16. Juli 1857 ebenda. Béranger ist heute in Deutschland kaum bekannt. In der DDR war das anders. Wolf Biermann und Volker Braun zollten diesem Lied Reverenz (siehe unten).
So soll es sein Ich bin Prophet und sage wahr, Die Zukunft ist mir hell und klar, Ihr Freund', ich blicke scharf hinein, So soll es sein. Verpönt ist jeder Lobgedicht, Der Mächt'ge traut dem Schmeichler nicht, Kein Höfling schleicht bei ihm sich ein, So soll es sein. Uns bleiben Spiel und Wucher fern, Banquiers sind keine großen Herrn, Commis sind höflich, ungemein, So soll es sein. Die Freundschaft, unsrer Tage Glück, Ist mehr als ein Theaterstück, Das aufhört, bricht die Noth herein, So soll es sein. (...) In Büchern, man bewundert sie, Ist wen'ger Geist und mehr Genie. Sie sind von hohlen Phrasen rein, So soll es sein. Den Autor quält der Hochmuth nicht, Dem Mimen, der natürlich spricht, Läßt man stets Beifall angedeihn. So soll es sein. Der Großen Schwäche wird belacht, Auf Kriecher ein Chanson gemacht, und kein Verräther mischt sich d'rein, So soll es sein. In Frankreich blüht Geschmack aufs neu, Der Rechtspruch ist gerecht und treu, Und wieder frei zieht Wahrheit ein, So soll es sein. D'rum, Freunde, dankt dem Gott der Welt, Der jeglich Ding in Ordnung stellt, Wär's auch im Jahr Dreitausend ein, So soll's doch sein.
Aus: Lieder und Chansons von Béranger. Übertragen von Adolf Laun. (Miniaturbibliothek klassischer Schriften des In und Auslandes). Bremen: Kühtmann, 1871 (Originaltext unten)
Bei Braun klingt das so:
So muß es sein (Nach Béranger) Ich weiß, was mit uns wird, Marie Die Linie ist so klar wie nie Du hörst die Zukunft aus mir schrein So muß es sein. Man hält nicht Phrasen frei statt Kunst Verspricht dem Volk nie blauen Dunst Man rechnet aus und setzt sich ein So muß es sein. Kein Bürokrat hockt windelweich Die volle Wahrheit sagt man gleich Für seine Tat steht jeder ein So muß es sein. (...) Wer dennoch unzufrieden bleibt Und lächelnd schon die Zeit abschreibt Den nennt man nicht mehr Feind und Schwein So muß es sein. (...)
Und bei Biermann:
So soll es sein – so wird es sein So oder so, die Erde wird rot: Entweder lebenrot oder todrot Wir mischen uns da bißchen ein – so soll es sein so soll es sein so wird es sein (...) Kein Liebespaar wird uns mehr geschaßt zu lebenslänglichem Eheknast Die Untertanen-Fabrik geht ein – so soll es sein ...
Hier das komplette Original:
Je suis devin, mes chers amis ; L’avenir qui nous est promis Se découvre à mon art subtil. Ainsi soit-il ! Plus de poëte adulateur ; Le puissant craindra le flatteur ; Nul courtisan ne sera vil. Ainsi soit-il ! Plus d’usuriers, plus de joueurs, De petits banquiers grands seigneurs, Et pas un commis incivil. Ainsi soit-il ! L’amitié, charme de nos jours, Ne sera plus un froid discours Dont l’infortune rompt le fil. Ainsi soit-il ! La fille, novice à quinze ans, À dix-huit avec ses amants N’exercera que son babil. Ainsi soit-il !
Femme fuira les vains atours, Et son mari pendant huit jours Pourra s’absenter sans péril. Ainsi soit-il ! L’on montrera dans chaque écrit Plus de génie et moins d’esprit, Laissant tout jargon puéril. Ainsi soit-il ! L’auteur aura plus de fierté, L’acteur moins de fatuité ; Le critique sera civil. Ainsi soit-il ! On rira des erreurs des grands, On chansonnera leurs agents, Sans voir arriver l’alguazil. Ainsi soit-il ! En France enfin renaît le goût ; La justice règne partout, Et la vérité sort d’exil. Ainsi soit-il ! Or, mes amis, bénissons Dieu, Qui met chaque chose en son lieu : Celles-ci sont pour l’an trois mil. Ainsi soit-il !
Am 15. Juli 1913 wurde Abraham Sutzkever in Smorgon bei Wilna geboren, im damaligen Russischen Reich. Die Geburtsstadt heißt heute Smarhoń und liegt in Weißrußland. Sein erster Gedichtband, „lider“ (Lieder), wurde 1937 vom jüdischen PEN-Club in Warschau gedruckt. Wilna (Wilne, Wilno, Vilnius) war eine multiethnische Stadt, genannt das Jerusalem des Nordens, auch das Jiddische Jerusalem oder (der Name soll auf Napoleon zurückgehen) „Jerusalem de Lite“ – das jiddische Wort für Litauen. Russisch, Polnisch, Litauisch und Jiddisch wurde dort gesprochen. Der Schüler lernte auch Hebräisch und bemühte sich um das Altjiddische – die meisten seiner altjiddischen Gedichte sind im Krieg verlorengegangen. Die Deutschen kamen, steckten ihn ins Getto und versuchten die jüdische Kultur auszurotten. Sutzkever konnte fliehen und ging als Partisan in die Wälder. Einige seiner im Getto geschriebenen Gedichte gelangten nach Moskau, wo Ilja Ehrenburg und der jiddische Dichter Perez Markisch auf sie aufmerksam wurden. Es gelang dem Jüdischen antifaschistischen Komitee in Moskau, den Dichter mit einem sowjetischen Militärflugzeug im März 1944 aus den Wäldern nach Moskau bringen zu lassen. Auf Anregung Ehrenburgs arbeitete er an einem Schwarzbuch über die Leiden der jüdischen Bevölkerung im von den Deutschen besetzten Teil der Sowjetunion mit. Doch kurz vor Drucklegung der russischen Fassung wurde das Unternehmen gestoppt wegen „schwerer politischer Fehler“. Vollständig erschien es erst in den 90er Jahren, auch in Deutsch.
Sutzkever sagte 1946 im Nürnberger Prozeß gegen den Mörder seiner Mutter und seines Sohnes aus. Über Łódź und Paris ging er 1947 nach Israel.
Der leider nicht mehr existierende Amman Verlag veröffentlichte 2009 eine zweibändige Ausgabe in der Übersetzung Hubert Witts, ein Band Gedichte und ein Band mit Sutzkevers Auszeichnungen „Wilner Getto 1941-1944“. Hier ein Auszug aus Letzterem.
Ich lief hinaus durch die Gassen. Juden mit »Kitteln« unter den Armen eilten in die Bethäuser. In allen Fenstern flämmelten Lichte. Vor allem der Synagogenhof war überfüllt. Man eilte in das Chassidische Haus, in die große Synagoge und vor allem in Gaons Bethaus, als wäre es dort sicherer, daß die Gebete Gehör fänden.
Aus einem der Höfe hörte ich einen Gesang. Es erklangen jiddische Worte. Ich ging den Tönen nach. Sie führten mich die Treppe hinauf.
In einem langen, schmalen, fensterlosen Zimmerchen saß der Lehrer Gerschtejn in einem Kreis von Kindern und sang mit ihnen das Lied des Dichters Perez: »Hoff! der Frühling ist nicht fern«.
Gerschtejn beendete den Gesang und umarmte mich herzlich.
»Ihr seid hier?«
»Ich bin gekommen, um Euern Chor zu hören«‚ antwortete ich. Ich blickte auf seine Sänger, und meine Augen wurden naß. Er nahm die Kinder näher zusammen, stellte sie nach ihren Stimmlagen auf, und durch den Dachboden, über das Getto hin, über die ganze Welt erklang:
un sol wi wajt
noch sajn di zajt
fun libe un fun scholem, –
doch kumen wet
zi fri, zi schpet
di zajt, ess is kein cholem.
Und wäre die Zeit der Liebe und des Friedens auch noch fern — sie wird kommen, früher oder später, diese Zeit ist nicht nur ein Traum.
Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941-1944. Zürich: Ammann, 2009, S. 63f
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Peter Härtling und Werner Hamacher †. Peter Neumann, Ann Cotten, Franzobel, Rußland: Die neuen Kosaken, Liu Xiaobo, Dschihadistenpoesie, nicht nochmal Jan Wagner – aber manches andere. Lesen! (Übrigens: Verschiedene Serien, wie: Shakespeares Sonette, sowie die Zeitschriftenreviews gehen nach der Sommerpause weiter)
Die Themen in dieser Ausgabe
Peter Neumann
siehssudas
guck dir das an, siehssudas, wie sich das dreht un dreht, das is n orignal tornado, scheiß die wand an, altä, na, hauptsache, der kommt nich auf uns zu, hauptsache, der geht an uns vorbei, dassieht ganz schön gefährlich aus, altä, is ja der hamma, guck dir das an, das is voll tornado, dasiss ein hurricane, altä, altä, scheiß die wand an, altä, is aber einer von der harten sorte, du, wie der aussieht, altä ‒ was machen wir jetzt, altä ‒ na, los fahren, älta ‒ ich fahr doch da nicht rein, altä ‒ aber das geht doch an uns vorbei ‒ altä, hast du gesehn, was da grad geblitzt hat, guck dir das an, wie sich die scheiße dreht, altä, guck ma, ach du scheiße, guck ma, wie es da regnet, guck ma, wie sich die wolken zusammenziehn, älta, was machen wir jetzt, ich will da nicht rein ‒ ja, kommt das, oder ‒ das kommt genau über uns rüber, altä ‒ ja, wollen wir aussteigen, oder ‒ guck ma, dahinten genauso ‒ entweder an land oder, entweder wir fahren jetzt oder gehen an land, oder
Ann Cotten in einem leidenschaftlichen Kommentar zur großen Mehrheit der Demonstrierenden von Hamburg in der Zeit online (sowas drucken die denn nun doch nicht, oder?), Auszug:
Beim Recherchieren, was einen lieben Freund beim Protest gegen den G20-Gipfel erwartet, und im Versuch, ihm ein Piratenshanty for the road zu dichten, fällt mir schlagartig auf, wie krass sie sind, nämlich die, die da losziehen, trotz der Warnungen und Verlockungen, man sollte doch lieber wie andere Menschen bequem und ignorant und eventuell auch etwas ängstlich dem Alltag nachgehen. Diese Leute sind die besten, die Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, sozusagen die Crème de la Crème der Jugend.
Das sind sicher keine Chaoten. Sie folgen auf organisierte und moderate Weise ihrer Überzeugung. Sie schmeißen Flaschen weniger oft, als die Regierenden Gender-Fails zum eigenen Fortkommen missbrauchen. Sie sind international vernetzt und bauen alternative Strukturen von null auf. Sie haben ein lebendes Herz und sind wütend über unsere fortdauernde und uns alle mit einschließende kolonialistische, postkolonialistische, teils schlicht freibeuterische Haltung zur Gesamtwelt. Sie demonstrieren friedlich und sprechen von konkreten und wichtigen Angelegenheiten, unverschlüsselt und ohne Heer. Sie stehen jetzt dem aufgestockten Arsenal und der unbekannten Strategie der Polizei in Hamburg gegenüber, mit nicht mehr als dem eigenen verletzlichen Körper, und ich habe jetzt Angst um sie. Wie schnell fliegt „in Notwehr“ eine Kugel, wird ein Körper zertrampelt, zieht Gift ins Hirn. Was, wenn einer nicht zurückkommt, zwei, zehn, zwanzig?
Es genügt aber schon, wenn der Idealismus gedämpft wird von der deprimierenden Destruktivität der Polizei, die immer wieder niederreißt und verhindert, was gerade Schwung und Gestalt bekam. Bewegte Beschäftigung mit Weltpolitik trifft auf verordnete Ohnmacht, und eine schwarze Mauer, die nur darauf lauert, dass der Emotionstopf überkocht, um zu zeigen, wie unratsam es ist, die Probleme der Welt zu den eigenen zu machen. Der junge Schiller von 2017 lernt, wenn er da heil rauskommt, dass alles aussichtslos ist, die Demokratie eine brennschmelzende Fassade, der Staat eine Miliz, die letztlich mit stumpfer Gewalt agiert, gegen die man angehen könnte, bis man als Skelett zu Boden fällt, sieht all das und wird stumpfer Hedonist oder schlimmer.
Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung. Da werden Billiarden für Rüstung ausgegeben, es fehlt aber angeblich Geld für Bildung. Aus Profitgier und Hegemonialstreben werden die Kioto-Protokolle zum Klimaschutz ebenso ignoriert oder umgangen wie sämtliche Menschenrechtschartas. Jährlich ertrinken 5000 Flüchtlinge im Mittelmeer, noch immer verhungern Kinder oder fehlt es ganzen Völkern an Medikamenten, Wasser, Grundnahrungsmitteln. Wir alle wissen das – diese ungeheuerliche Verlogenheit: Waffenlieferungen in Krisengebiete, Menschenhandel, darmschädigende Enzyme im Fertigteig der Großbäckereien, krebserregende Handystrahlen, verbrecherische, ja komplett amoralische Massentierhaltung, von Pharmakonzernen verseuchtes Wasser, in dem sich Superkeime bilden, betrügerische Banker, gefälschte Abgasstudien, bis hin zur Tochter des Wir-zuerst-und-Arbeitsplätze-zurück-nach-Amerika-Präsidenten, die ihre Modekollektionen von Arbeitssklaven in Billiglohnländern produzieren lässt … das Skandalöse hat die Welt mit ihrer Akne überzogen – und wenn etwas aufbricht, der Eiter der Korruption und Gier, der Machtgeilheit und des Nepotismus hervortritt, wandert einfach eine Politiker- oder Aufsichtsratsmarionette mit einer Millionenabfertigung in die gute Puppenstube der Pension. / Franzobels Rede zur Literatur im Wortlaut bei Der Standard
Er moderierte jahrzehntelang ein Literaturquiz im Hessischen Rundfunk und besprach in der „Frankfurter Anthologie“ dieser Zeitung mit großem Enthusiasmus am liebsten halb oder fast ganz vergessene Autoren wie Max Herrmann-Neiße, Richard Beer-Hofmann, Theodor Kramer, Ferdinand Hardekopf, Christian Daniel Schubart und Justinus Kerner, aber auch Goethe, Hölderlin, Heine und Fontane. „Seit ich dieses Gedicht kenne, hastet es durch mein Gedächtnis, höre ich seinen heftigen, am Ende seufzenden Atem“, heißt es da über ein Gedicht der frühverstorbenen Hertha Kräftner, und in diesen Worten ist eben auch die Erkenntnis enthalten, dass man sich nicht von der Literatur retten lassen und anschließend die Kunst Kunst sein lassen kann. / Tilman Spreckelsen, FAZ
Mehr: Frankfurter Neue Presse | Deutschlandfunk | Tagesspiegel | Süddeutsche Zeitung | Südwest Presse
Alle Nachrichten und Informationen der F.A.Z. zum Thema Peter Härtling
Der österreichische Autor Hanno Millesi erhält den mit 4.000 Euro dotierten Reinhard-Priessnitz-Preis 2017. Der Jury gehörten in diesem Jahr Gustav Ernst und Robert Schindel an. Die Preisverleihung findet am 23. Oktober 2017 um 19.00 Uhr im Literaturhaus Wien statt, die Laudatio wird die Autorin Ann Cotten halten.
„Hanno Millesi ist Meister darin, mit einer sorgfältig gebauten, Eigenarten und Obsessionen sehr genau zelebrierenden Sprache ausweglos erscheinende, groteske Lebenssituationen plastisch und vor allem mit viel Witz und Ironie zu schildern und bis in die absurdesten Konsequenzen auszuleuchten. Er unterhält mit einem hochartifiziellen Sinn für absonderliche, unsere Gegenwart ungewohnt treffend charakterisierende Figuren und Geschichten“, heißt es in der Begründung der Jury. / Volltext
Fundsachengezwitscher:
Chaucer Doth Tweet @LeVostreGC Vor 14 Stunden
‚Henry David Thoreau would have turned 200 today‘ ONLYE YF HE WAS EXCEPTIONALLYE HEALTHYE AND/OR A VAMPYRE
#Bosbach hat gestern eine Talkshow vorzeitig verlassen. Mein Verdacht: Er musste noch zu einer anderen Talkshow, die zeitgleich stattfand.
Und noch einmal Chaucer:
Makeres of art, poems, storyes, theater, musique, and daunse create a liveable worlde. Thei helpe us yn the present and speke to the future.
Makeres Kunst, Gedichte, Storyes, Theater, Musik und Daunse schaffen eine lebenswerte besorgt. Thei Helpe uns Yn der Gegenwart und Speke in die Zukunft.
r—–l—–@—–m—–r a—–i—–@—–i—–e n—–t—–@—–s—–a d—–e—–@—–s—–d n—–r… http://fb.me/1tAzgDLkn
die—n—@—–m—–r und——@—–i—–e —t—@—–s—–a d—e—@—–s—–d —die… http://fb.me/1tAzgDLkn
Die Literaturnaja Gaseta ist eine altehrwürdige sowjetisch-russische Literaturzeitung. Ihre Homepage zieren Porträts von Puschkin und Gorki sowie zwei hohe sowjetische Orden von 1971 und 1979. Am 17. Mai veröffentlichte sie einen Artikel, aus dem ich zitiere:
Am 1. Mai fiel der Dichter und Journalist Igor Gratsch bei Luhansk*. Getötet durch eine Kugel. Die genauen Umstände seines Todes sind noch nicht bekannt, die Untersuchung nicht abgeschlossen.
Dies hat uns sein Sohn Jaroslaw Igorjewitsch mitgeteilt: „Im Juni 2014 zeigte ihm einer seiner Bekannten Fotos von den Ukrainern. Da waren Kinder, die man zu Tode gefoltert hat, wie in einem Konzentrationslager. Ich weiß nicht, wie weit diese Fotos echt waren, aber mein Vater packte seine Sachen und ging dorthin. Er ging in den Donbass als Kriegsberichterstatter und schrieb Dutzende Artikel, Gedichte, sie wurden in Sammelbänden veröffentlicht. Aber darüber hinaus versuchte er Leute zu schützen, half der Miliz, er hatte ungefähr 500 Kampfeinsätze…“
In den Neunziger- und Nullerjahren entstand die Idee, die Kosaken wiederzubeleben. Heute ist das Kosakentum im Donbass eine mächtige freiwillige Kraft zum Schutz der Zivilbevölkerung vor den faschistischen Schlägern**.
*) Siehe Lyrikzeitung #17
**) Im Original steht das Wort molodjez, das anerkennend „Prachtkerl“ bedeutet, aber auch pejorativ gebraucht wird. Ich übersetze frei, aber dem Sinn gemäß.
Hier eins von mehreren Gedichtzitaten:
Подходит ночь,
пугливая, сторожкая.
На небе –
злато лунной булавы.
Храпит в казарме
братство запорожское,
пришедшее намедни с боевых.
Es kommt die Nacht,
schüchtern, wachsam.
Am Himmel –
das Gold der Keule des Monds.
Es schnarcht in der Kaserne
die Bruderschaft der Saporosher,
die gerade vom Kampf zurückkam.
Interessanter als das Gedicht ist die Aussage des Sohns. Man würde wohl kaum in einem Kommentar zum Tod des eigenen Vaters andeuten, daß die Bilder, die ihn veranlaßten, in den Krieg zu ziehen, vielleicht nicht echt waren, wenn man nicht sehr ernste Gründe dafür hat. Doch weder der Autor, ein Jugendfreund des im Donbass gefallenen Dichters, noch die Redaktion der Literaturnaja gehen der Spur nach. Mit wenig Rechercheaufwand kann man hunderte plump gefälschte Propagandabilder finden, Zeitpunkt und Hintergründe ermitteln. Bilder aus dem Internet gezogen, ob von spielenden australischen Kindern, ob aus russischen Kriegsfilmen, aus Nahost oder Bosnien, versehen mit Hakenkreuz und ukrainischen Fahnen… Ich erinnere mich an Bilder und „Filmberichte“ aus dem russischen Fernsehen, in denen weinende Frauen auftraten, angeblich aus Slowjansk oder Luhansk – mehr als einmal erkannte man ein und dieselbe Frau, die als Schauspielerin an den verschiedensten „Schauplätzen“ als Zeugin ukrainischer Greuel auftrat. Eine solche Schauspielerin erzählte eine Szene, wo angeblich Frauen aus Slowjansk auf den zentralen Platz der Stadt getrieben wurden, grausiges Detail, wie die faschistischen Horden einer Mutter ein Kleinkind entreißen und es ans Kreuz schlagen, bis es stirbt vor den Augen der Mutter. Erfunden, aber wirkungsvoll. Den Dichter hat es das Leben gekostet.


Nicht wenige – auch in Deutschland – wollten der Propaganda einfach glauben, weil sie dem eigenen Weltbild entsprach. (Das ist erst einmal in Ordnung, wir alle sortieren ständig unter den widersprechenden Bildern und Aussagen das uns Passende heraus. Erschütternd wird es erst, wenn es mit der hartnäckigen Weigerung verbunden ist, hinzusehen, wenn kritische Fragen gestellt werden. Religiöse, ideologische Brillen, die das Unpassende herausfiltern. Lebt sich auf alle Fälle gesünder mit reinen Bildern im Kopf.)
Der Sohn ahnt oder weiß, daß die Bilder möglicherweise gefälscht sind. Autor und Redaktion ahnen es nicht, sei es daß es nicht opportun erscheint, sei es, daß es dem eigenen romantisch-militaristischem Weltbild entspricht. Die Kosaken, ein alter nationalistischer Mythos, den Stalin und auch Putin wieder aufgewärmt haben. Schon Jahre vor dem Krieg in der Ukraine wurden in Putins Rußland die Kosaken reaktiviert, eine Million Leute für paramilitärische Aufgaben. Wie viele von ihnen kämpfen wohl im Donbass? (Übrigens kämpfen „Kosaken“ auf beiden Seiten).
Der Dichter als Person reist 1000 Kilometer südwärts von Nishni Nowgorod nach Luhansk. In seinem Gedicht denkt er an an den Mond und die „Saporosher“, die schnarchenden Kosaken. Der Journalist geht forsch von der Zeugenaussage des Sohns zum Mythos vom Kosakentum über. Keine Fragen nirgends.
Interessant in der Aussage des Sohns auch die Reihenfolge der Bilder, bezwingende Dramaturgie: 1) die (vielleicht nicht echten) Bilder von Greueltaten der anderen Seite, 2) der Vater geht als Journalist dahin und schreibt Reportagen und Gedichte, 3) er will die Menschen beschützen, 4) er hilft der Milizija, 5) er hat 500 Kampfeinsätze. [ 6) Er stirbt den Heldentod]. – 500 ist sehr viel, in jeder Armee der Welt kriegt man dafür einen Orden, und ein Heldengrab. Vielleicht erfahren wir noch mal, daß er einen hohen Orden bekommt. Vielleicht erleben wir noch, daß seine Geschichte vor einem Gericht verhandelt wird.
Traum eines al-Qaida-Kämpfers:
„Wir waren im Traum von Ungläubigen umstellt und wussten, dass wir da nicht lebend rauskommen. Wir ließen unsere Waffen fallen. Aber Scheich Osama lächelte mich an. Sein Gesicht war wie der Mond in der Nacht. Dann träumte ich, dass er mich umarmt. Ich habe nie eine schönere Umarmung gefühlt. Ich wollte nicht, dass es aufhört.“ / Mehr
Mit einer »langen Nacht der Poesie« feierte der Hausacher Leselenz am Samstag seinen 20. Geburtstag. Dichter aus vier Kontintenten lasen über vier Stunden auf drei Bühnen der Hausacher Innenstadt. Bereits am Nachmittag hieß es »Europa begegnet sich in der Poesie«.
»Vor zehn Jahren auf der Burg und jetzt im Narrenschiff«, kommentierte Ranjit Hoskoté seine Lesung am Samstagabend im Narrenkeller der Hausacher Narrenzunft. Der weitest gereiste Gast des Hausacher Leselenzes Ranjit Hoskoté aus Bombay (Indien) war einer von neun Dichtern, die auf drei Bühnen die große Welt der Lyrik in die kleine Literaturmetropole Hausach projizierten. / Baden Online
Die anderen Dichter sind Joachim Sartorius, Ilija Trojanow, Girgis Shoukry (Ägypten), Rocio Ceron (Mexiko), Dennis Maloney (USA), Christoph Danne, Tzveta Sofronieva, Marina Skalova
“The Fire Horse,” a new translation of children’s poems, out from New York Review Books. In the volume, the translator Eugene Ostashevsky, a Russian émigré who is a talented experimental poet in his own right, presents the popular children’s verses of three major Russian poets—one each by the Russian Futurist Vladimir Mayakovsky, the antiquarian modernist Osip Mandelstam, and the absurdist Daniil Kharms. Rendered in a jubilant, spirited English, these narrative poems are accompanied by their original and beloved avant-garde illustrations. Both Mayakovsky and Kharms wrote children’s propaganda poems for the state, earning much-needed cash; Mandelstam, who couldn’t bear to write for hire, supported himself as a critic and translator and relied on his wife, the memoirist Nadezhda Mandelstam. But for their work as children’s authors all three poets drew upon the images and techniques used in their overtly experimental, subversive writings. Amid social upheaval, they spoke to young people over the heads of the censors about finding and defending the territory of the imagination. / Ania Aizman, The New Yorker
Das „wahre Leben“ blieb Liu Xiaobo und seiner Frau Liu Xia bis auf die wenigen, halbwegs unbehelligten Jahre zwischen 1999 und 2008 verwehrt, und als er am Ende darum bat, nicht auf chinesischem Boden, sondern in Deutschland sterben zu dürfen, blieb auch diese letzte Bitte um einen Tod in Freiheit ohne Erfüllung.
Die Universitätsklinik Heidelberg war bereit, ihn aufzunehmen, doch eigentlich hätte der Lyriker Liu wohl zu Immanuel Kant nach Königsberg gewollt, noch einmal „den Hut“ zu ziehen vor dem Philosophen und seinem kategorischen Imperativ. / Herbert Wiesner, Die Welt
Die taz brachte einen Auszug aus dem Tagebuch Liao Yiwus vom 16. Juni. Lange bevor die Öffentlichkeit von Lius Erkrankung erfuhr, telefonierte er mit einem Neffen von Liu Xiaobo und Liu Xia: „Bitte, wende dich dringend an Frau Merkel, im Namen von ihnen beiden. Bitte sie, bei ihrem Gespräch mit Xi Jinping klipp und klar zu fordern, dass Liu Xiaobo nach Deutschland kommt, um behandelt, nein, um gerettet zu werden. Du sagtest Tante einmal, dass unter den gegenwärtigen Politikern Frau Merkel die menschlichste und die mit dem meisten Mitgefühl ist. Sie hatte einst dir geholfen. Sie half vielen Flüchtlingen, selbst wenn dies ihr große Probleme gemacht hatte.“
Die Sinn und Rede wendende Literatur war für ihn kein Gegenstand, über den sich problemlos sprechen ließe, als ob sie stillhielte gegenüber der Lektüre. Hamacher dachte sie als radikal unverfügbar, innerhalb einer Relation, in der das aufeinander Bezogene je als bewegter Teil einer gemeinsamen Bewegung wirksam ist und von dieser nicht einfach abgezogen werden kann. Denn „Verstehen will verstanden sein“, wie Hamacher in seinem Buch „Entferntes Verstehen“ (1998) schreibt, als die Bedingung seiner Möglichkeit und seiner Grenze. „Zur Philologie gehört“, so lautet die 57. seiner „95 Thesen zur Philologie“ von 2010, „ bei aller Neigung zu dem, was gesagt ist, der Mut zu dem, was es nicht ist“. / FAZ 10.7.
Mehr: Neue Zürcher Zeitung
Schriften (Auswahl):
In seinen frühen Jahren, nämlich Anfang der 1960er in Greenwich Village, sah sich Bob Dylan gleichermaßen als Songwriter als auch als Dichter. 1965 hatte er dann „die endgültige Einsicht, dass seine Form der Dichtung die Songpoesie sei“. Sein Schwerpunkt waren fortan also die Songs, deren Texte ja auch eine Form der Poesie darstellen. Der Band versammelt dabei Langgedichte, Gedichte und Prosagedichte, die im Zeitraum von 1963 bis 1978 entstanden sind. Erst später beschränkt sich Dylans Schreiben (so lässt dieses Buch vermuten) auf Stellungnahmen, Reden und Essays als Form seiner literarischen Äußerung.
In seinem Nachwort macht Detering sehr schön deutlich, wo Dylans Wurzeln liegen. Dylan hat dabei sowohl die Tradition der ländlichen Folk Music als auch die urbane Beat Poetryaufgegriffen, und das – wie Detering meint – sogar ziemlich gekonnt: „Vielleicht hat niemand diese Begegnung zweier Bewegungen so aufmerksam, so intensiv und so produktiv wahrgenommen wie der junge Bob Dylan.“ / Peter Oehler, Fixpoetry
Bob Dylan · Heinrich Detering (Hg.)
Planetenwellen
Übersetzung: Heinrich Detering
Hoffmann & Campe
2017 · 496 Seiten · 24,00 Euro
ISBN: 978-3-455-00118-1
Like classical music, poetry has an unfortunate reputation for requiring special training and education to appreciate, which takes readers away from its true strangeness, and makes most of us feel as if we haven’t studied enough to read it.
This attitude is pervasive. To take just one example, in his introduction to “The Best Poems of the English Language,” Harold Bloom writes, “The art of reading poetry begins with mastering allusiveness in particular poems, from the simple to the very complex.” This sounds completely reasonable, but is totally wrong. The art of reading poetry doesn’t begin with thinking about historical moments or great philosophies. It begins with reading the words of the poems themselves. / Tracy K. Smith, New York Times 10.7.
Der 20. Hausacher Leselenz geht noch bis zum 14. Juli.
Internationales Poesiefestival in Medellin (8.-15. Juli)
Am 15. Juli 1099 erobert Gottfried von Bouillon Jerusalem. Die einen Berichte besagen, er habe alle Juden in die Synagoge getrieben, sie angezündet und sei unter Absingen christlicher Gesänge dabei um das Gebäude herumgelaufen. 20.000 bis 30.000 Juden sollen massakriert oder gefangen genommen und als Sklaven verkauft worden sein. Nach anderen Berichten habe es ein großes „Blutvergießen“ (so sind die Metaphern) gegeben, aber der Anführer habe persönlich mit dafür gesorgt, daß Juden und Moslems in islamisch geführtes Gebiet geleitet wurden.
Am 15. Juli 2006 startete Twitter (noch unter dem Namen Twttr)
Geboren: 1892 Walter Benjamin, deutscher Philosoph, 1906: R. S. Mugali, indischer Dichter, 1913 der jiddischsprachige israelische Dichter Abraham Sutzkever, Überlebender des Wilnaer Ghettos. (In den mir zugänglichen Quellen ist nicht vermerkt, ob nach unserem oder dem damals in Rußland geltenden julianischen Kalender), 1930: Jacques Derrida, französischer Philosoph, 1937: Robert Wohlleben, deutscher Lyriker und Essayist
Gestorben: 1885: Rosalía de Castro, spanische Dichterin, 1890: Gottfried Keller, Schweizer Dichter, 1919 Hugo von Hofmannsthal, österreichischer Schriftsteller, 1946: Wen Yiduo, chinesischer Dichter (von Kuomintangagenten ermordet), 1954: Sadriddin Aini, sowjetischer und tadschikischer Dichter, 1990: Maekawa Samio, japanischer Lyriker, 1990: Omar Abu Risha, syrischer Dichter und Diplomat, 2003: Roberto Bolaño, chilenischer Schriftsteller;
Am 16. Juli 622 Auswanderung (Hidschra) Mohammeds von Mekka nach Medina, Beginn der islamischen Zeitrechnung. – 1945 explodierte die erste Atombombe in New Mexico.
Geboren: 1546: Anne Askew, englische Dichterin (als Protestantin hingerichtet), 1879: Jorge González Bastías, chilenischer Lyriker, 1943: Reinaldo Arenas, kubanisch-amerikanischer Schriftsteller, 1944: Jörg Fauser, deutscher Schriftsteller;
Gestorben: 1388: Nijō Yoshimoto, japanischer Dichter, 1664: Andreas Gryphius, deutscher Dichter, 1857: Pierre-Jean de Béranger, französischer Dichter, 1884: Manuel Milà i Montanals, katalanischer Philologe und Schriftsteller, wichtige Figur der Renaixença, 1949: Wjatscheslaw Iwanow, russischer Dichter, 1962: Lene Voigt, sächsische Mundartdichterin, 1963: Nikolai Nikolajewitsch Assejew, russisch-sowjetischer Dichter, 1985: Heinrich Böll, deutscher Schriftsteller (Nobelpreis 1972), 1995: Stephen Spender, englischer Dichter, 2007: Dmitri Prigow, russischer Dichter
Am 17. Juli 1927 Uraufführung des Songspiels Mahagonny von Brecht/Weill in Baden-Baden.
Geboren: 521: Magnus Felix Ennodius, Bischof von Pavia und lateinischer Dichter, 1674: Isaac Watts, englischer Hymnendichter, 1888: Shmuel Yosef Agnon, israelischer Schriftsteller (Nobelpreis 1966), 1888: Milán Füst, ungarischer Dichter, 1934: Rainer Kirsch, deutscher Schriftsteller;
Gestorben: 1571: Georg Fabricius, deutscher Dichter, 1894: Leconte de Lisle, französischer Dichter („Der Traum des Jaguars“), 1935: George William Russell, irischer Dichter und Maler;
Am 18. Juli 64 der große Brand von Rom. Es gibt zwei Erzählungen, nach der einen handelte Kaiser Nero heroisch, um zu retten was zu retten war, nach der anderen spielte er seine Leier und sah zu.
Vom 18. bis 23. Juli findet in Key West das Festival Hemingway Days statt (inclusive Hemingway Lookalike Contest)
Geboren: 1013: Hermann von Reichenau, deutscher Gelehrter und Dichter. Die Einteilung der Stunde in Minuten (vermutlich für astronomische Beobachtungen) geht vielleicht auf ihn zurück. Er dichtete u.a. das Opusculum Herimanni de octo vitiis principalibus: ein an Nonnen gerichtetes Lehrgedicht über die acht Hauptlaster (1722 Verse). – 1718: Saverio Bettinelli, italienischer Dichter, 1724: Maria Antonia von Bayern, Kurfürstin von Sachsen und deutsche Dichterin, 1811: William Makepeace Thackeray, englischer Schriftsteller, 1831: Johann Martin Schleyer, deutscher Priester, Schriftsteller und Philanthrop, Erfinder der Plansprache Volapük, 1845: Tristan Corbière, französischer Lyriker, 1864: Ricarda Huch, deutsche Schriftstellerin, 1874: Jakub Lorenc-Zalěski, sorbischer Schriftsteller (Großvater des Dichters Kito Lorenc), 1894: Isaak Babel, russischer Schriftsteller aus Odessa, 1922: Georg Kreisler, österreichischer Kabarettist, Musiker und Schriftsteller, 1927: Ludwig Harig, deutscher Schriftsteller (90. Geburtstag), 1928: Simon Vinkenoog, niederländischer Schriftsteller, 1932: Jewgeni Jewtuschenko, sowjetischer und russischer Dichter, 1938: Jan Stanisław Skorupski, polnischer Dichter, 1974: Alan Morrison, britischer Dichter
Gestorben: 1756: Pieter Langendijk, niederländischer Schriftsteller, 1876: Karl Joseph Simrock, deutscher Dichter, 1918: Wladimir Pawlowitsch Paley, russischer Adliger und Dichter, wurde als Verwandter des Zaren von der Geheimpolizei ermordet, 1937: Julian Bell, englischer Lyriker, 1944: Thomas Sturge Moore, englischer Schriftsteller, 1982: Roman Jakobson, russischer Sprachwissenschaftler, 2013: Vaali, indischer Dichter
Am 19. Juli
Geboren: 1698: Johann Jakob Bodmer, Schweizer Philologe, 1744: Heinrich Christian Boie, deutscher Schriftsteller, 1819 Gottfried Keller, Schweizer Schriftsteller, 1859: Carl Ludwig Schleich, deutscher Arzt und Schriftsteller, 1863: Hermann Bahr, österreichischer Schriftsteller, 1893: Wladimir Majakowski, russischer Dichter, 1909: Balamani Amma, indischer Dichter, 1919: Miltos Sachtouris, griechischer Lyriker, 1938: Dom Moraes, indischer Schriftsteller, 1938: Tom Raworth, englischer Dichter, 1957: Chris van Wyk südafrikanischer Schriftsteller
Gestorben: 1374: Francesco Petrarca, italienischer Dichter, 1855: Konstantin Batjuschkow, russischer Dichter, 1936: Apel·les Mestres, katalanischer Schriftsteller, Künstler, Komponist, Sammler und Gärtner; Autor des Gedichts »No passareu!« (mit dem Titel »Cancó dels invadits«) anlässlich der deutschen Invasion Belgiens im Ersten Weltkrieg. Die spanischsprachige Adaption des Liedes, »No pasarán«, wurde im Spanischen Bürgerkrieg zu einer der Hymnen der Republikaner. Celan zitiert letzteres in seinem Gedicht »Schibboleth« – 1939: Rose Hartwick Thorpe, amerikanische Lyrikerin, 1963: Yamanoguchi Baku, japanischer Lyriker, 1977: Karl Ristikivi, estnischer Schriftsteller, 2007: Rudolf Günter Langer, deutscher Schriftsteller
Am 20. Juli 802 erhält Karl der Große als Geschenk des Kalifen Hārūn al-Raschīd in Aachen den Elefanten Abul Abbas. – 1969: Erste bemannte Mondlandung mit Apollo 11 (Neil Armstrong und Buzz Aldrin). »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein gewaltiger Sprung für die Menschheit«
Geboren: 1304: Francesco Petrarca, italienischer Dichter, 1620: Nikolaes Heinsius der Ältere, niederländischer Gelehrter und Dichter, 1864: Erik Axel Karlfeldt, schwedischer Lyriker, Nobelpreis 1931, 1872: Anna Schuster, bayrische Heimatdichterin, 1885: Herman Wildenvey, norwegischer Lyriker, 1890: Richard Billinger, österreichischer Schriftsteller, 1927: Simin Behbahani, iranische Schriftstellerin, 1934: Uwe Johnson, deutscher Schriftsteller, 1943: Adrian Păunescu, rumänischer Lyriker
Gestorben: 1816: Gawriil Derschawin, russischer Dichter, 1832: Karl Julius Weber, deutscher Satiriker, 1916: Reinhard Johannes Sorge, gefallen bei Ablaincourt, 1928: Kostas Karyotakis, griechischer Lyriker, 1945: Paul Valéry, französischer Lyriker, 1977: Friedrich Georg Jünger, deutscher Schriftsteller, 1996: Miquel Àngel Riera, mallorquinischer Schriftsteller
Am 21. Juli 356 v. Chr.: Der Tempel der Artemis in Ephesos wird von Herostratos in Brand gesteckt.
Geboren: 1664: Matthew Prior, englischer Dichter, 1841: Minna Kleeberg, deutsche Dichterin. Zu ihren Werken gehört „Ein Lied vom Salz”, eine Bitte um Abschaffung der Salzsteuer in Preußen (1865). 1866 wanderte sie in die USA aus. Sie schrieb Gedichte zur Frauenbefreiung und zur Förderung der Demokratie. 1893: Hans Fallada, deutscher Schriftsteller (17 Uhr im Greifswalder Geburtshaus: Falladafest), 1899: Hart Crane, amerikanischer Lyriker. Zu seinen bekanntesten Gedichten zählen The Bridge und Voyages, in denen er insbesondere seine Erfahrungen als Homosexueller in einer feindlichen Umgebung thematisiert. Am 27. April 1932 nahm er sich das Leben, indem er von Bord des Schiffes S.S. Orziba in den Golf von Mexiko sprang. Seine Leiche wurde nie gefunden. – 1899: Ernest Hemingway, amerikanischer Schriftsteller, 1911: Umashankar Joshi, indischer Dichter, 1923: Ueda Miyoji, japanischer Lyriker, 1930: Anand Bakshi, indischer Dichter, 1936: Taijirō Amazawa, japanischer Dichter, 1945: Wendy Cope, englische Dichterin
Gestorben: 710: Shangguan Wan’er, chinesische Dichterin, 1796: Robert Burns, schottischer Schriftsteller, 1855: Per Daniel Amadeus Atterbom, schwedischer Dichter, 1928: Kostas Karyotakis, griechischer Dichter, 1941: Bohdan Lepkij, ukrainischer Dichter, 2001: Einar Schleef, Schriftsteller und Regisseur, 2012: Ali Podrimja, albanischer Dichter, 2014: Louise Abeita, amerikanische (Pueblo-)Schriftstellerin, 2015: E.L. Doctorow
Heute ein kurzes Gedicht für ein großes Jubiläum. Gestern vor 200 Jahren wurde Henry David Thoreau in Concord, Massachusetts, geboren. Berühmt und wirkmächtig wurde sein Pamphlet „Über zivilen Ungehorsam“ (darunter ein Auszug).
MY LIFE HAS BEEN THE POEM I would have writ,
But I could not both live and utter it.
Aus: „On Civil Disobedience“
All men recognize the right of revolution; that is, the right to refuse allegiance to, and to resist, the government, when its tyranny or its inefficiency are great and unendurable. But almost all say that such is not the case now. But such was the case, they think, in the Revolution Of ’75. If one were to tell me that this was a bad government because it taxed certain foreign commodities brought to its ports, it is most probable that I should not make an ado about it, for I can do without them. All machines have their friction; and possibly this does enough good to counterbalance the evil. At any rate, it is a great evil to make a stir about it. But when the friction comes to have its machine, and oppression and robbery are organized, I say, let us not have such a machine any longer. In other words, when a sixth of the population of a nation which has undertaken to be the refuge of liberty are slaves, and a whole country is unjustly overrun and conquered by a foreign army*, and subjected to military law, I think that it is not too soon for honest men to rebel and revolutionize. What makes this duty the more urgent is the fact that the country so overrun is not our own, but ours is the invading army.
*) Im Ergebnis des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges (1846-48) verlor Mexiko etwa die Hälfte seines Territoriums an die Vereinigten Staaten.
Ich bleib mal bei den Spaniern, genauer: gehe noch einmal zum Heiligen Johann vom Kreuz. Nach dem Original und der Fassung von Grossmann sowie der von Àxel Sanjosé heute die vielleicht erste deutsche Übersetzung. Der deutsche Dichter Quirinus Kuhlmann nahm sie in seinen „Kühlpsalter“ auf.
Der 2. (62.) Kühlpsalm
Als er von Lutetien an der Ostervormittwoche aufbrechend, über Peronne, Cambray, Valencyn, Mons, Halle, Brüssel, Antwerpen, Sevebergen, Yselmonde, Rotterdam, nach 15 tagen am 1 Mai um 5 uhr abends, zum dritten und sibenden mahle nach Amsterdam kommen, und nun mit Johannes â Cruce den Berg Carmel durch di dunkle nacht, mit der lebendigen Libesflamme, nach seinem eignem Groscentrum aufstig, dem Jesuelischem Jerusalem heimlichst nahend den 26 Julius 1680.
1.
In einer dunkler nächte,
Als Libesangst beflammend mich durchwerkt,
(O fall vom Glükksgeschlechte!)
Entkam ich, allen unbemerkt,
Da schon mein Haus di still und ruh verstärkt.
2.
Im dunklen, doch satt sicher,
Di treppen warn geheim und ich verkleidt,
(O fall vor glükkesbücher!)
Das finstre gab verhohlenheit,
Da schon mein Haus gestillt zu diser zeit.
3.
In jener Nacht voll segen;
Im dem geheim, da keiner mich erblikkt,
Noch ich was sah bewegen;
Da A.L.L.E.S. Licht und A.L.L.S. entrükkt,
Ohn das im hertz auslodernd mich beglükkt.
4.
O lebend Libesflamme,
Di liblichst trifft den tiffsten Seelengrund!
Nun bäumstdu sanfft im stamme!
Ei liber, mach das ende kund!
Reiss das geweb im Süssen anlauffsrund!
5.
O liblichzartes Brennen!
O sanffte hand! O überzarter grif!
Er schmekkt ein ewigst kennen,
Löst alle schuld, di mir nachlif!
Du tödtst den Tod, durchlebst ihn ewigtif!
6.
O feurge Lampenfeuer!
In deren glantz di tiffsten Sinngrüfft licht!
Vor dunkle Nachtgeheuer,
Nun voll gewohnter Prachtgesicht!
Ihr hitzlicht strahlt dem Libsten gleicher pflicht.
7.
Wi sanfftmuttvoller Libe
Erwachstdu mir, Geheimster, auf der Schos?
Welch süste Athemtribe?
Voll gutts und ehr, di Sinnenlos!
Entzündstdu so? Ich sink auf dich mir blos.
8.
Das Bett ist gantzdurchblühmet,
Mit Löwen ist behöhlet rings sein Ring!
Bepurpert, als gezihmet,
Im frid erbaut, voll wunderding!
Ja tausend schild von gold warn hir gering.
9.
Aus Blumen und Gesteinen,
Di höchster früh erlesen aller art,
Las uns di kräntze feinen!
Si blühn in Lib aus dir gepaart:
Dis einge haar hat si sehr fest bewahrt.
10.
Zu felses höhlen höhen
Eiln wir zugleich still zum granatmost ein.
Des Feinds sein vergehen
Entlägert Uns. Das feld ist rein.
Der Wasser Schall macht A.L.L.E.S. dein und mein.
Am 11. Juli 1561 wurde der spanische Dichter Luis de Góngora in Córdoba geboren. Ins Gedächtnis gebrannt anderthalb Zeilen aus einem Gedicht Johannes Bobrowskis: „des Corduaners / Zeile löst dir die Herzhaut ab“.
GÓNGORA
Schwerthieb
im ersten Licht, des Corduaners
Zeile löst dir die Herzhaut ab:
dünn, Papier, bemalt
mit fliegenden Schwänen.
Ach, dunkelen Rufs,
der Schwäne Zug. Eine Feder,
weiß,
fällt auf dich zu. Du sollst
einen Namen schreiben
an den Himmel aus Feuer
— Don Luis’ Namen —
in das Schweigen des heißesten Tags.
Denn die Treppe hinab,
in einem Schwarm Jungen, kommt Lorca.
Ach, Andalusier, Kinder! Er singt: Iberien,
schwarze Stimme, verwittert,
alt von der Könige Tritt.
Freunde, kommt weiß!
Mädchen, Licht, labyrinthischer
Tanz, labyrinthischer Tanz,
Nacht
oder, schmal,
ein geschliffner Saphir,
Irrsinn stürz auf die Schläfe
— einst auf Don Luis’ Schläfe —
mitten im Schlaf.
Aus dem Band „Sarmatische Zeit“ (1961). Das Gedicht entstand am 14. Juni 1959. Es erschien zuerst in der Zeitschrift Merkur Nr. 7 / 1960. Des Corduaners: so nennt García Lorca den Barockdichter in der Übersetzung von Enrique Beck. Bobrowski bezieht sich auf den Vortrag „Das dichterische Bild bei Don Luis de Góngora“, der den Zusammenschluß der modernen spanischen Dichter zur „Generation von 1927“ beeinflußte. 1927 feierten sie den 300. Todestag des Dichters, der lange geringgeschätzt und von den Modernen wiederentdeckt wurde. Beide, Lorca und Góngora, waren Andalusier. Mit fliegenden Schwänen: Lorca sagt in seinem Vortrag über Góngora und Mallarmé: „Sie lieben dieselben Schwäne, Spiegel, harten Lichter, Traumfrisuren.“ Irrsinn stürz auf die Schläfe: L.-P. Thomas hatte 1911 die These aufgestellt, daß Góngora am Lebensende von „Irrsinn“ befallen worden sei. Dem wurde zwar widersprochen, aber die Meinung hält sich. Bobrowski wird ihr in den Büchern von Gustav René Hocke begegnet sein, die 1957/1959 in „Rowohlts Deutscher Enzyklopädie“ erschienen: Die Welt als Labyrinth / Manierismus in der Literatur.

GEH AUS MEIN HERZ und
suche Freud schön ist
die Welt die mir
von dannen ziehet
das muß ein Schlächter
sein die Tier die seh
ich springen vom Mittag
weht es lau
vom Blute haben wir’s
gelernt das hat nicht
Rast noch Ruh wer hat
gezählet des Müllers
Lust
daß ihm keine fehlet
Aus: Paul Wühr: Grüß Gott ihr Mütter ihr Väter ihr Töchter ihr Söhne. Gedichte. Hanser, München 1976
Paul Wühr wurde heute vor 90 Jahren, am 10. Juli 1927, in München geboren; er starb 2 Tage vor seinem 89. Geburtstag am 12. Juli 2016 auf Le Pierle bei Passignano sul Trasimeno.
Letzter der Beispieltexte vom Düsseldorfer Offlyrikfestival, heute der Organisator:
SKANDAL
(20.10.1995, Biby Wintjes † 24.9.95 gewidmet © POEMiE™)
WIEVIEL JAHRE MUßT DU WARTEN
DICHTER
WIEVIEL JAHRE SCHWEIGEN
HUNGERN UND
DEIN WERK VERGESSEN
DICHTER
DEINE WORTE BLEIBEN
UNGENUTZT
IM VORORT LIEGEN
WÄHREND DIE GESELLSCHAFT
AUS DER SPRACHE KRIEGE
ZAUBERT
ZAUBERT
ALTE SEELEN IM BÜRO
VERKRIECHEN LÄßT
WO IHRE BILDUNGSLÜCKE
IN REGALEN LAUERT
NETT VERPACKT ALS OB
ES KEINEN WIDERSPRUCH
ZU TILGEN GÄBE
DICHTER DICHTER
MACH DICH FREI
FÜR JEDEN ZUFALL
DER DAS EWIGE ERLAUBT
DAS EWIGE
DAS MENSCHLICHE
DAS ECHTE BLEIBT
SICH EWIG TREU
DEIN TOTES HERZ ZÄHLT
MEHR ALS DIE ERINNERUNG
DES DICHTERS NEUE
KLEIDER DIE ERINNERUNG
IST SCHEU SO SCHEU
DAß JEDE MASKERADE
SCHNELLER VON DER HAND
GEHT ALS EIN AUFGESCHRIEBENES
DURCHDACHTES UND
VERLACHTES STÜCK
PAPIER ZU FRESSEN
DICHTER OH
DU LETZTER HELD
IM LAND DER FROMMEN
UNGEHEUER
DICHTER
DEINE SEELE IST
NUR EINE SAMMLUNG
UNVERGEGENSTÄNDLICHTER
SEHNSÜCHTE
DEINE KEHLE TROCKNET HIER
IM GROßEN STAUB
BETONGEWITTER
PLASTIKPERFEKTION
UND NEONMÜLL
WAS DIE MODERNE
ANFANGS SCHUF
VERHINDERT JEDEN
LEBENSRUF DES HEIMLICHEN
WORTVAGABUNDEN
DICHTER
DEINE ZEILEN RUHEN
STOLZ ZERSCHUNDEN
BIS DU DEINE
ADERN LÄßT UM
SPIELERISCH ZU LIEBEN
WIE DER REST
DER REST
GIB DIR DEN REST
NOCH HEUTE
Beispieltexte vom Düsseldorfer Offlyrikfestival
Gedicht für eine nächtliche Kneipenbekanntschaft
Beginnend mit zwei Strophen Sozialneid & mit einem schönen alten irischen Trinkspruch endend
Ich hab versucht so zu reden wie du’s tust Elisa
Doch ich kann deine Sprache nicht sprechen
Mein Wort ist ein Virus in der Automatik der Städte
Mein Job bleibt prekär und deiner ein Verbrechen
Ich bin nur ein Blumenverkäufer mein Herz
Meine Worte sind Dornen mit Rosen dran
Und du bist ne Frau die gern mal abends chic ausgeht
Und trinkst dir deinen Spaß mit Prosecco an
Nimm den Kopf vom Tresen und halt ihn ins Licht
Ich bin von deiner Schönheit besessen
Was du mir versprichst das halte ich nicht
Und bis morgen haben wir uns vergessen
Komm spiel mir vor es wär schön wenn ich bliebe
Sei zärtlich wenn du in mein Verstehn sinkst
Sei freundlich und wenn du mich fickst tu’s mit Liebe
Ich wart mal ab während du mich schön trinkst
Du sagst du wettest du könntest einen Mann aus mir machen
Und in mir ne Flamme aus Ehrgeiz entfachen
Mit einer Sprache so rein wie man sie nur in Hannover spricht
Wo man lang – aber gepflegt – hinters Sofa bricht
Ja verdammte Scheiße!
Das hab ich doch alles schon probiert, ich wollte ja
Gern ihre Erwartungen erfüllen
Ich hab mich doch auf den goldenen Scheißhäusern der Kultur
Von sarkastischen Comedylaffen
Mitten ins Sprachzentrum fisten lassen
Bis zur Logorrhoe
Ich hab nen Baum gefällt, ein Haus gesprengt, nen Sohn erschossen
Ich hab mich kaum verstellt, hab den Ball versenkt und es genossen.
Ich hab Mythen erzählt und Tüten geraucht und Blüten getrocknet
Ich hab Sterne geschluckt und immer war es bloß aus Liebe.
Ich hab sonst nichts, das ich dir geben kann, Elisa
Ich bin kein Politiker, ich lass
Beim Sprechen beide Hände über der Bettdecke
Und starr auf meine Wände
An denen Abreißkalender hängen
Wie die schwarzen Krähenschwärme meines
Gewissens am winterlichen Himmel
Manchmal Elisa wache ich auf
Am falschen Ende der Nacht
Mit nem Staubsauger im Magen
Und die Tachonadel
Am Anschlag meiner Angst
Ritzt mir Buchstaben ins Herz
Und die Trugbilder meiner Videoclipwahrnehmung
Kratzen an meiner Netzhaut
Gemeinsam mit dem Wahnwitz dieser Welt
Elisa: Aus meinem Frühling wird niemals dein Lenz
Aus meinem Klapprad wird niemals dein Benz
Elisa auch du erträgst nur die Welt
Auch wenn du meinst dass dein Geld sie gestaltet
Doch was sie im Innern zusammenhält
Ist öde verfault und veraltet
So leg deinen Kopf zur Ruhe Elisa
Erinnre dich dran wem du alles verdankst
Dann kauf dir ein paar neue Schuhe Elisa
Und gib deine VisaCard den Supermarktpunks
Dann findest du vielleicht und endlich Sinn
In einem Bett aus Asche und Glut
Elisa – Gott segne und erhalte dein schönes Kinn
Und den Tresen auf dem es ruht
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 07. Stan Lafleur (19:05 + 22:05):
der boxer
auf der hoehe von fallobst siedelten sie
ihn gern an, die besserwisser an den seilen
dabei tat er stets was er konnte. was er
wollte, auszer sich durchzuboxen, stand
nur in gottes geheimem tagebuch. dasz
sie ihm als kind n kotelett um den hals
binden muszten, damit wenigstens die
hunde mit ihm spielten, gab er einmal
in der late-show preis. seine lebrigen
handschuhe hingen da bereits laengst
um den hals eines stillen Bewunderers
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 06. Kai Pohl (18:45 + 21:45):
abgewetzte behauptungen und unbrauchbare kommentare zur lage der lüge wär die liga egal die lüge stabil wär der nebel im wald der nabel der welt doch man ahnt ja nicht in dieser durchgestylten gegend ob die häuser entlang der straßen oder die straßen entlang der häuser gebaut sind nagel versenkt kabel gekappt balg abgestillt bewerbungstraining die längste kurzvita aller zeiten text direkt in den mailbody tippen das subjekt der begierde kann offenbleiben in der sprache der engel sind |: wort und welt :| beinah deckungsgleich ich konzentriere mich auf bilder von draußen: wolken treiben ihrer auflösung entgegen sinn meint i. allg. etwas nebulöses poesie meint i. allg. die dichtkunst milch meint i. allg. |: kuhmilch :| entsteht in den euterdrüsen wo (besser: wodurch) entsteht das gedicht? entsteht es beim schreiben? beim lesen? beim vorlesen? oder erst, falls es jemand versteht? milch versiegt, wenn nicht gemolken wird worte treiben zum ort ihrer auflösung aber auflösung ist kein ort und keine lösung ich habe aufgehört nach einem sinn zu suchen nach dem stil der originalität oder mit dem arsch in richtung markt zu wedeln unsinn ist der einzige hebel der schönheit der stil hemmt die kraft für den wurf ich sollte mich anfreunden mit den spinnen in der küche mit den fliegen und den milben mit den larven im holz ich sollte die mücken achten die hummeln im hintern sowieso ich sollte mich besser mit den spatzen verständigen die in den hohlräumen der fassade hausen mit den tauben im kastanienbaum mit dem fuchs und mit der krähe die gleich um die ecke wohnen ich sollte meine ungeduld den wolken überlassen den worten und dem licht ich sollte meine schuld dem holunder vermachen meine unschuld dem nebel und dem abendglühen ich sollte aufhören diese abgewetzten behauptungen zu wiederholen |: das wetter spielt verrückt :| dabei kann das wetter gar nicht verrücktspielen »überholen ohne einzuholen« klingt wie repetieren ohne zu kapieren krepieren ohne gelebt zu haben worte kreuzen der lösung entgegen die erde dampft wie ein frisches grab ich möchte sterben an diesem tag der viel zu schön zum sterben ist das laub der birken rauscht wie ein zitat
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 05. Maroula Blades (18:25 + 21:25):
Mandala
(Übersetzung von Xochil A. Schütz & Martin Jankowski)
I choreograph myself to the situation,
creating maps of inner and outer worlds,
pentagrams, circles, compact shapes,
houses of pure air for the mind to breathe in.
No cages.
Freethinkers and the morally bankrupt are welcome.
No painful extractions from the mind.
I softly go behind, touching the deepness,
the unknown factor
where demons flee the details, the yellow fog.
Meditative art.
Like a battery I work off the positive and the negative,
every shade holds a secret that is pivotal to life.
A dominion of ages,
a universe,
listening to dark and light tones,
easing down the slave lake of life.
I brush away cobwebs from the corners of thoughts,
stored in cryogenic rooms at the base of memory.
Wade in my maternal peace,
paint the joys and the pains,
use the spaces in my sphere; make my body pregnant with colour.
Let the colours bleed, it’s my wish,
as every tint is vast and beautiful,
every line infinite,
climbing frames, leading upwards and outwards.
Where I exist,
freedom has a place to grow, free of a hunched back
to flow brightly back to the source, the light.
Ich choreographiere mich in die Gegebenheiten,
erschaffe Pläne innerer und äußerer Welten,
Pentagramme, Kreise, kompakte Gebilde,
Häuser aus purer Luft, dass der Geist aufatme.
Keine Käfige.
Freidenkende und moralisch Bankrotte: Sie sind willkommen.
Keine schmerzhaften Extraktionen aus dem Geist.
Sanft trete ich dahinter, berühre die Tiefe,
den unbekannten Faktor,
wo Dämonen die Details fliehen, den gelben Nebel.
Meditative Kunst.
Wie eine Batterie verarbeite ich das Positive und das Negative,
jede Nuance enthält ein Grundgeheimnis des Lebens.
Eine Herrschaft der Zeiten,
ein Universum,
den dunklen und hellen Tönen lauschend
den Sklavensee des Lebens beruhigend.
Ich wische Spinnweben aus den Ecken der Gedanken,
gespeichert in eisigen Kammern auf dem Grund des Gedächtnisses.
Wate in meinen mütterlichen Frieden,
male die Freuden und die Schmerzen,
nutze die Räume in meinem Bereich, schwängere meinen Körper mit Farbe.
Lasst die Farben bluten, es ist mein Wunsch,
denn jeder Farbton ist gewaltig und schön,
jede Linie unendlich,
erklimmt die Rahmen, führt hinauf und hinaus.
Wo ich bin
hat Freiheit einen Platz zu wachsen, ohne gekrümmten Rücken
um gleitend zurückzufließen zur Quelle, zum Licht.
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