Sulamith

Else Lasker-Schüler

Sulamith

O, ich lernte an deinem süßen Munde
Zuviel der Seligkeiten kennen!
Schon fühl ich die Lippen Gabriels
Auf meinem Herzen brennen
Und die Nachtwolke trinkt
Meinen tiefen Zederntraum.
O, wie dein Leben mir winkt!
Und ich vergehe
Mit blühendem Herzeleid
Und verwehe im Weltraum,
In Zeit,
In Ewigkeit,
Und meine Seele verglüht in den Abendfarben
Jerusalems.

Es stand Jerusalem um uns

Paul Celan

Es STAND
der Feigensplitter auf deiner Lippe,

es stand
Jerusalem um uns,

es stand
der Hellkiefernduft
überm Dänenschiff, dem wir dankten,

ich stand
in dir.

Entstanden: Paris 17.10. 1969 (Am Tag der Rückkehr von seiner einzigen Israelreise vom 30.9.-17.10. 1969)

Mit Ilana Shmueli zusammen war Celan am 9.10. 1969 in Jerusalem morgens beim Denkmal des Dänenschiffs (er wohnte in der Nähe bei Freunden).

Als Paul Celan nach Jerusalem kam

David Rokeah

Paul Celan

Als Paul Celan nach Jerusalem kam
verstreuten sich die Schlüsselworte seiner Gedichte
zwischen dem Tor des Erbarmens
und dem Tor der Löwen
und kehrten nicht zurück zu ihm
bis zum Tag seines Todes

Manchmal, in Jerusalem,
sehe ich ihn streicheln
das schwarze Haar eines jemenitischen Mädchens
und seine großen Augen
sprechen aus die Trauer einer versäumten Liebe

Die Worte die er zusammenfügte
wie in einem Notarikon
die Stürme die sich heraufzogen
zwischen den Worten
und den Warnzeichen an der Wand
und das Verstummen dann
und das Gedicht dann

Er hat’s kapiert

Jizchak Katzenelson

Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Aus dem Jiddischen von Wolf Biermann. Aus dem 13. Gesang

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Die Chaluzim bezogen ihre Posten, alle haben sich verteilt
Dicht an der Tür, die Treppe hoch, im Flur, am Kellergang
Vom Fenster aus sah einer auf die Straße runter. Was passiert
Hat er uns zugeflüstert. Durch ein’ Schlitz sah ich: Da sind
Schon wieder welche festgenommen. Schau, sie werden abgeführt
Zum Umschlagplatz. Sie laufen von SS bewacht die Straße lang
Sie sagen keinen Ton, die Köpfe tief gebeugt. Ach, meine letzten ihr
Vom Judenvolk. Stocktaub möchte ich sein und lieber blind

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Still! ein Getrampel. Knobelbecherschritte. Deutsche. Zwei
Haun panisch ab. Die kommen wieder und genau hier hin
Zu mehreren. Sie legen Feuer am Gebäude da, jetzt brennt
Das kleine Haus, grad gegenüber. Von der Feuerwehr ein Held
Anstatt zu löschen, facht er noch die Flammen an und schreit
Auf Polnisch zu dem Deutschen: Ganze drei sind da noch drin
Versteckt. Nun schleppt man sie heraus, sie wehren sich
Schon rötet sich der weiße Schnee, das Blut dampft in der Kält’

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Still! Psst! jetzt sind sie schon bei uns. Ich seh nicht das Gesicht
Von diesem Deutschen, seh nur seinen Rücken, sein Gewehr
Ich sage dir, daß keiner diesen Deutschen in den Rücken schoß
Der erste fiel, der andere auch. Die Kugel traf ihn vorne in die Brust
»Die Juden schießen ja!« – hat noch der eine von den zwein
Erstaunt geröchelt. Gutmann, Sacharia hat geschossen, der
Eliëser auch – Chaluzim und Pfadfinder vom »Haschomer Hazair«
Er hat’s kapiert! Ja, Juden schießen auch — das hatt’ er nicht gewußt

[3.‚ 4.‚ 5.1.44]

Jizchak Ketzenelson: Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk. Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Aus dem Jiddischen von Wolf Biermann. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994. 5. Aufl. 1996, S. 145

Faksimile mit der phonetischen Transkription von Arno Lustiger

Jerusalem

Jerusalem

Deine Steine will ich schleifen
bis meine Begierde sich in dir spiegelt –
Stolz der Fichten, Harz ihres Herzens

In den Kristallen des Morgens
sammle ich
das Abbild deines Tages
der früh erwacht
über der Stadtmauer.
Eine Ähre aus Licht
im erzenen Mörser

Deine Steine will ich schleifen
bis mein Traum dich durchdringt
wie ein Fluß der deine Felsen sprengt –
dein Begehren, Wanderer

Deutsch von Nelly Sachs

Aus: David Rokeah: Nicht Tag nicht Nacht. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hebräischen. Hrsg./Nachwort Michael Krüger. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 15

Was Dr. Kerr bedeute

Else Lasker-Schüler

Alfred Kerr

Jakobsohn und Jakobfritzen
Lassen die Tinten spritzen
Wasserfarbenrot.

Und Mühsam, eh ichs vergesse,
Kain heißt seine Presse;
Kein Jakob schlägt sie tot.

Und Pfemfert der Aktionäre,
Zieht mich in die Affaire:
Ob Dr. Kerr tut not?

Was Dr. Kerr bedeute
Für die Literatur von heute –
Ein Silberling im Brot.

Treulosen Freunden

Else Lasker-Schüler

Ich liege wo am Wegrand

(Treulosen Freunden)

Ich liege wo am Wegrand übermattet –
Und über mir die finstere kalte Nacht –
Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.

Wo soll ich auch noch hin – von Grauen überschattet –
Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht
Und weite Himmel blauvertausendfacht.

Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,
Ist Gottes Ebenbild….!
Fahrlässig umgebracht.

Darum auch lebten du und ich in einem Schacht!
Und – doch im Paradiese trunken blumumblattet.

Aus: Mein blaues Klavier

Frühere Fassung:

Ich liege wo am Wegrand übermattet

Ich liege wo am Wegrand übermattet –
Und über mir die finstere, kalte Nacht
Und zähl schon zu den Toten, längst bestattet.

Wo soll ich auch noch hin von Grauen überschattet,
Schutzengel haben nur auf Kinder acht –
Doch glaubt ich, daß ihr Menschen lieb mich hattet.

Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht,
Und weite Himmel blauvertausendfacht;
Nur weil ihr Gott zur Ehre alles tatet.

Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,
Ist ja Sein Ebenbild! – Ihr habt es umgebracht,
Zu dem ihr herzhinpochend einst gewallfahrtet.

Darum auch lebten du und ich in einem Schacht
Und doch im Paradiese blumumblattet –
Bis wir erlagen hold versunken schwarzer Niedertracht.

Else Lasker-Schüler

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Und was ist dies Verlangen sich die Welt vorzustellen

Yitzhak Laor

Begriff

Wenn die Welt gedunsen ist
wie eine Leiche, ist das Flugzeug
über ihr nicht eine Fliege? Oder
vielleicht weniger? Eine von allen
Fliegen? Und was ist dies Verlangen
sich die Welt vorzustellen

über ihr zu sein
Flugzeug/ Fliege?

Und das Verlangen
die Welt sei geborgen
in Stille
vollständig

in einem
Vergleich? Was ist
dies Verlangen
eine Leiche
zu sein

was gibt es
in einer Leiche

in einer
Leiche

Aus dem Hebräischen von Efrat Gal-Ed u. Christoph Meckel

Aus: Der Vogel fährt empor als kleiner Rauch. Ein deutsch-israelisches Lesebuch. Hrsg. Efrat Gal-Ed u. Christoph Meckel. Göttingen: Steidl, 1995, S. 156

Harz speichern für Tage der Bedrängnis

David Rokeah

Eine Pinie sein

Eine Pinie sein in Jerusalem.
Eine Antenne für Stimmen
die zurückkehren aus dem Weltall.
Eine Säule von grünem Feuer
in Kreidezonen.
Eine Pinie sein. Harz speichern
für Tage der Bedrängnis;
Sich sträuben wie ein Igel;
Eine Pinie sein auf dem Scopusberg.
Hinunterblicken Stufe um Stufe
bis zum Toten Meer

Deutsch von Gerhard Schoenberner

Aus: David Rokeah: Nicht Tag nicht Nacht. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hebräischen. Hrsg./Nachwort Michael Krüger. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 13

Kunert und Heine begegnen einander zwischenzeitlich

So war das damals – z.B. 1975:

Kunert und Heine begegnen einander zwischenzeitlich

Wie wohl Übersicht erlangen
in der historischen Niederung

umgeben von engen Horizonten
in der Gestalt von Menschen

mit Plattheiten überhäuft
und so wenig Aussicht
auf bessere Aussichten.

Man braucht einen Gipfel!

„Ich baue am Berg…“
Das war sein letztes Wort
am Postwagen.

Aus: Günter Kunert: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 88

Es gab kein Buch

Bertolt Brecht

Klage des Seami über den Tod seines Sohnes Motomasa

Ich erlernte meine Kunst von meinem Vater; er
Unterwies mich in den Vorschriften und Überlieferungen.
Sie waren geheim, es gab kein Buch.

Seami ist ein japanischer Autor und Schauspieler des 14. Jahrhunderts. Brecht las von ihm und seinem Sohn bei Arthur Waley: The No Plays of Japan (erschienen 1921 in London). Das vielleicht fragmentarische Gedicht wurde erstmals 1993 im 15. Band der Großen Kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe veröffentlicht, es steht dort auf S. 286

Rationalistische Exegese

Heinrich Heine

Rationalistische Exegese

Nicht von Raben, nein mit Raben
Wurde Elias ernähret –
Also ohne Wunder haben
Wir die Stelle uns erkläret.

Ja, anstatt gebratner Tauben,
Gab man ihm gebratne Raben,
Wie wir deren selbst mit Glauben
Zu Berlin gespeiset haben.

Entstanden 1850

Aus der Bibel, 1. Könige 17:

Der Prophet Elia aus Tischbe in Gilead sagte eines Tages zu König Ahab: »Ich schwöre bei dem HERRN, dem Gott Israels, dem ich diene: Es wird in den nächsten Jahren weder Regen noch Tau geben, bis ich es sage!« 2 Danach befahl der HERR Elia: 3 »Du musst fort von hier! Geh nach Osten, überquere den Jordan und versteck dich am Bach Krit! 4 Ich habe den Raben befohlen, dich dort mit Nahrung zu versorgen, und trinken kannst du aus dem Bach.« 5 Elia gehorchte dem HERRN und versteckte sich am Bach Krit, der von Osten her in den Jordan fließt. 6 Morgens und abends brachten die Raben ihm Brot und Fleisch, und seinen Durst stillte er am Bach.

Oktober

Rajzel Żychliński (* 27. Juli 1910 in Gąbin, damals Russisches Reich, heute Polen; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien), jiddischsprachige Dichterin.

OKTOBER

Der Hurensohn
Mojsche Drunterunddrüber
Fall tot um!
Eine alte Frau redet mit sich
und schimpft
mitten im Oktober-Blätterfall.
Die gelben Blätter fallen, fallen
von den Bäumen herab —
weil die alte Frau schimpft?
Oder weil sie müde sind?
Sie fallen, fallen gelb
vor ihre Füße.

oktober

The son of a bitch
mojsche kapojer
Drop dead!
an alte froj redt zu sich
un schilt
in mitn fun oktober-bleterfal.
di gele bleter faln, faln
fun di bejmer arop —
wajl di alte froj schilt?
zi wajl sej senen mid?
sej faln, faln gele
zu ire fiss.

Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 530f

Seitdem die Welt verrohte

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.