Von Wulf Kirsten (geboren am 21. Juni 1934 in Klipphausen bei Meißen) ein Porträtgedicht aus dem Jahr 1972:
Grabbe
bohnenspiel im zuchthaus, ein galliger scherz.
die lues logierte in der Goldenen Gans.
läppisches Lippe, zänkisches weib.
zum auditeur geschlagen,
eine satire auf podagrabeinen.
soldaten vereidigt
in unterhosen, dienstfrack und schwarzer krawatte
(nackt um den hals).
der mensch zum affen verschnürt.
in die intrigen der theaterwelt eingesehen.
genie der mißerfolge, unflätige tiraden.
trinkwut. der mißratene leib
in trister hinterstube eingespundet.
unterm verwanzten bett dintenfaß,
pißpott und rumflasche,
ein rest schierer rum.
bespiene bücher, also rezensierte,
ironisch hinter den sorgenstuhl geworfen.
„leck müi mol ins ees!“
der ziegelbrennersprache tiefere bedeutung:
zu langjährigem Detmold verurteilt.
Aus: Wulf Kirsten: Der Bleibaum. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1977, S. 94
Urszula Kozioł
Die Frauen — ich denke an die mit hängenden Brüsten,
Frauen wie Känguruhweibchen —
mit gierigen Händen enthülsen sie die Erbsen,
drohend dem Himmel mit den Füßen in der Erde.
Die Männer teilen die Globen, wie wir Brot teilen,
unfruchtbar ist ihr Teilen, das sich wandelt in Blut.
Von Angst überwuchert, suchen sie Sicherheit im Alkohol
und sind hart durch die Angst — flüstert die Frau,
Erbsen enthülsend — und damit wird alles ein Ende nehmen.
(Der Mann schlägt mit der Faust auf den Tisch und mit dem
Kopf gegen den Tisch)
Aus dem Polnischen von Christiane Grosz
Aus dem Gedicht Erbsen enthülsen, in: Urszula Kozioł, Im Rhythmus der Sonne. Gedichte. Berlin: Volk und Welt („Weiße Lyrikreihe“), 1983, S. 23
Urszula Kozioł wurde am 20. Juni 1931 im Dorf Rakówka im Südosten Polens geboren.
Heute kein Dichter, aber ein großer Denker. Blaise Pascal, geboren am 19. Juni 1623 in Clairmont (Auvergne), gestorben am 19. August 1662 in Paris. Er war Mathematiker, Physiker, Erfinder, Philosoph, Moralist und Theologe. Seine Bücher wurden bewundert und gefürchtet und sogar verboten und verbrannt. Nietzsche bewunderte ihn ebenso wie, ganz anderes Fach, Johannes R. Becher. Der brachte das Kunststück fertig, in der dogmatischen und atheistischen DDR der 50er Jahre, er war ein führender SED-Kulturfunktionär und, wie er selber wußte, in einer Schaffenskrise, in einem „Tagebuch 1950“ und weiteren publizistischen Bänden dem französischen Theologen eine Hauptrolle zu geben. Zwei Zitate von vielen, hier aus dem „Tagebuch 1950“:
Von der Rettung des Glaubens
Pascal versucht, den Glauben zu retten. In der Art, wie er ihn zu retten versucht, verliert er ihn rettungslos. In der Art, wie er für den Glauben streitet, streitet er wider ihn, in der Art, wie er die Ungläubigen zu widerlegen versucht, legt er selbst den Glauben ab. „Was ist der Mensch in der Unendlichkeit?, fragt er, und er anerkennt nur diejenigen, die „stöhnend suchen“. Er macht sich selbst zum Beispiel seines Satzes: „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen.“ Und er schreibt Sätze wie: „Atheismus ist ein Zeichen eines starken Geistes, aber nur bis zu einem gewissen Grade“, und: „Wenn man die Wahrheit einer Sache nicht kennt, dann ist es gut, daß es einen verbreiteten Irrtum gibt…“ (Um seine Ketzereien anzubringen, ist er mitunter genötigt, sich tiefer als jeder andere vor dem Glauben zu verneigen.)
(S. 67)
Die richtige Stelle
„Wenn man zu jung ist, urteilt man nicht richtig; ist man zu alt, desgleichen. Wenn man nicht genug an eine Sache denkt, wenn man zuviel an sie denkt, versteift man sich darauf und
vernarrt sich in sie. Wenn man sein Werk unmittelbar, nachdem man es fertiggestellt hat, betrachtet, ist man noch ganz davon eingenommen. Betrachtet man es aber zu lange danach, hat man keinen Zugang mehr dazu. So verhält es sich mit Gemälden, wenn man sie aus zu großer Entfernung oder zu sehr aus der Nähe betrachtet. Nur ein unendlich kleiner Punkt ist die richtige Stelle, die anderen sind zu nahe, zu weit, zu hoch, zu niedrig. In der Malkunst gibt ihn die Perspektive an. Aber in der Wahrheitslehre und Moral — wer will ihn da angeben?”
Blaise Pascal
Diese Stelle Pascals korrespondiert mit einer Äußerung Goethes: „Ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt finde, von dem sich vieles ableiten läßt, oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und mir entgegenträgt, da ich dann im Bemühen und Empfangen vorsichtig und treu zu Werke gehe.“ Darauf also, auf die Auffindung dieses prägnanten Punktes vor allem kommt es an, das muß man unseren jungen Schriftstellern und sich selber immer wieder von neuem vorhalten, und viel nutzloses Herumexperimentieren kommt daher, daß man sich nicht leidenschaftlich und intensiv genug diesen prägnanten Punkt erarbeitet. Dieser prägnante Punkt ist eigentlich der Standpunkt, der uns gleichermaßen Überblick, Rückschau und Detailerkenntnis vermittelt, der uns in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft blicken läßt und uns gleichermaßen den Blick öffnet und uns die Möglichkeit gibt, auf den Grund der Dinge zu blicken.
Zur Auffindung dieses prägnanten Punktes bei der Vornahme einer Arbeit oder während ihrer Herausarbeitung genügt es nicht, wenn der Künstler sich auf irgendeinen Einfall oder gar eine Intuition verläßt, sondern man muß sich gewisse Kenntnisse inzwischen angeeignet haben und sich erkenntnismäßig immer weiter vervollkommnen, um einen für die Gestaltung günstigeren Standort zu gewinnen.
628f
Aus: Johannes R. Becher: Auf andere Art so große Hoffnung. Tagebuch 1950. Eintragungen 1951 (Gesammelt Werke 12). Berlin und Weimar: Aufbau, 1969
Marina Zwetajewa
Aus: GEDICHTE AN BÖHMEN
6
SIE NAHMEN
Die Tschechen traten auf die Deutschen zu und spuckten…
(Vgl. Märzzeitungen 1939)
Sie nahmen schnell und mit Großmannsmut:
Sie nahmen den Berg und was unter ihm ruht,
Sie nahmen die Kohle, sie nahmen den Stahl,
Sie nahmen das Blei, und sie nahmen Kristall.
Sie nahmen den Zucker, sie nahmen den Klee,
Sie nahmen die Ferne, sie nahmen die Näh,
Sie nahmen den Westen, sie nahmen den Nord,
Sie nahmen den Süden und Osten fort.
Sie nahmen den Honig, sie nahmen das Bad,
Sie nahmen das Heu, und sie nahmen den Grat,
Sie nahmen das irdische Eden, jedoch:
Sie nahmen kampflos den Kampf uns noch!
Sie nahmen Geschütz, und sie nahmen Geschoß,
Sie nahmen uns Erze und Freund und Genoss‘ –
Wir haben noch Spucke, und die ist für sie:
Uns ganz zu entwaffnen, das schaffen sie nie.
Deutsch von Karl Mickel
Aus: Sternenflug und Apfelblüte. Russische Lyrik von 1917-1962. Berlin: Kultur und Fortschritt, 1962
Die Dichterin Marina Zwetajewa, die die deutsche Sprache und Poesie liebte, schrieb dieses Gedicht nach der Einverleibung der Tschechoslowakei durch Deutschland. Am 18. Juni 1939 kehrt sie aus dem Exil in die Sowjetunion zurück. Die Schwester ist im Arbeitslager, am 27. August wird die Tochter, am 7. November der Mann Sergej Efron verhaftet. 1941 erhängt sie sich. Im gleichen Jahr wird ihr Mann erschossen.
Die sa-umnische Sprache erlaubt, die Worte entsprechend einer bestimmten phonetischen oder einer anderen Aufgabe zu zerbröckeln. Das Wort wird biegsam, schmelzbar, schmiedbar und dehnbar.
Filmische Konstruktion der Phrase.
Wenn aus einem Satz unbrauchbare Worte, konstruktiv betrachtet, entfernt sind, oder eine grammatikalische Komposition zu Gunsten einer schnelleren Geschwindigkeit gebrochen wird, – die Bilder springen, der Verstand bleibt hinter der Phantasie und der Handlung zurück, Film – Gestalt.
Die Verschiebungskonstruktion des Wortes. Wenn einige Buchstaben aus der ausgequetschten Wortmitte entfernt oder umgestellt sind. Film, Worte, die sa-umnische Sprache.
Film ist За-У[zau]. Sprache strebt danach, international zu sein, wie das Film-Theater selbst, – nicht weniger!
Der Futurist Alexei Krutschonych wurde am 9. Februar alten / 21. Februar 1886 neuen Stils in Olewsk, Gouvernement Cherson in der Ukraine geboren. Er stab am 17. Juni 1968 in Moskau.
Zitat aus: Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß 2011, S. 4
urlaub im kopf
ich hol mir nicht angina in indochina ich will die zöpfe der madegassen nicht nah zum anfassen ich seh das alles gern – fern spar nerven zeit und geld und hock mit meinen idiosynkrasien still in wien
In: elfriede gerstl: alle tage gedichte. schaustücke. hörstücke. Wien, München: Deuticke, 1999, S. 43
Die Autorin Elfriede Gerstl wurde am 16. Juni 1932 in Wien geboren. Sie starb am 9. April 2009. Eine fünfbändige Werkausgabe ist bei Droschl erschienen.
Kobayashi Nobuyuki, der sich als Dichter Issa nannte (im Japanischen steht der Familienname an erster Stelle), ist ein Zeitgenosse unserer klassisch-romantischen Dichter. Nur sind seine Werke kürzer. Er wurde am 15. Juni 1763 geboren.
Ich lernte seine Gedichte zuerst im Penguin Book of Zen Poetry kennen. Dort verzichtete man darauf, 17 Silben abzuzählen. Herrlich lakonische Gebilde.
Winter lull – no talents, thus no sins.
Wenn man der vermeintlichen Regel zuliebe auf 17 Silben auffüllen, also den 9 dieser Übersetzung 8 weitere hinzufügen wollte, das mit Füllseln aufgepumpte Gebilde wäre kein Haiku mehr. In knapper Verdeutschung komme ich auf 15 Silben:
Winterflaute – keine Talente, also keine Sünden.
Vielleicht auch 16:
... also auch keine Sünden.
Aber nicht eine mehr.
Ich übersetze ein paar dieser Haikus des Kobayashi Issa aus dem Englischen:
Kirschblüten? Dort blüht auch das Gras!
Die Kleider wechseln, nicht Wanderers Läuse.
Kuckuck ruft mich und den Berg im Wechsel.
Bauer weist den Weg mit einem Rettich.
Ich gehe aus – jetzt liebt euch, Stubenfliegen.
Unter Kirschbäumen gibts keine Sünden.
Erstes Glühwürmchen - Warum fliehst du? Ich bins, Issa!
Bevor ich Borcherts „Nachts schlafen die Ratten doch“ las, kannte ich dies: „Nachts weinen die Soldaten“. Ich war sehr jung, Quasimodos Buch war eins der ersten aus der „Weißen Lyrikreihe“ des Verlages Volk und Welt, genauso legendär wie das im gleichen Jahr beginnende „Poesiealbum“.
Nachts weinen die Soldaten
Weder das Kreuz noch die Kindheit,
nicht der Hammer von Golgatha, nicht die engelsreine
Erinnerung genügen, den Krieg zu zerschlagen.
Nachts weinen die Soldaten,
bevor sie sterben, sie sind stark,
sie fallen zu Füßen von Worten,
erlernt unter den Waffen des Lebens.
Liebende Nummern, Soldaten,
namenlose Tränen.
Salvatore Quasimodo: Unmerklich tanzt die Zeit. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 119
Übersetzt von Gianni Selvani
Am 14. Juni 1968 starb der Dichter in Neapel.
Am 13. Juni 1934 starb der Dichter Theodor Däubler
Die Buche
Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub.
Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken,
Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken,
Ich bin das Laub, die Krone überm Staub.
Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun,
Ich fang im Frühling selig an zu reden,
Ich wende mich in schlichter Art an jeden.
Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!
Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh.
Ich will, dass Nebel sich um Äste legen,
Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen.
Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh!
Die Winterspflicht erfüll ich ernst und grau.
Doch schütt ich erst den Herbst aus meinem Wesen.
Er ist noch niemals ohne mich gewesen.
Da werd ich Teppich, sammetrote Au.
In: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 111f
Am 12.6. 1921 wurde H.C. Artmann geboren.
mit einem jahr ein kind,
mit zweien jahr ein jüngling,
mit dreien jahr ein mann,
mit vier jahr wohlgetan.
mit fünfen geht es auch noch an,
mit sechsen rückt das alter an.
mit sieben jahr ein greis,
mit acht jahr schneeweiß,
mit neun jahr leucht das morgenrot,
mit zehen jahr, ja grüß dich gott!
Am 11. Juni 1919, heute vor 98 Jahren, ging der Lyriker Rainer Maria Rilke in die Schweiz, „wo er seine Schaffenskrise überwindet“, wie man sagt.
Sonette an Orpheus XIII
Voller Apfel, Birne und Banane,
Stachelbeere … Alles dieses spricht
Tod und Leben in den Mund … Ich ahne …
Lest es einem Kind vom Angesicht,
wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit.
Wird euch langsam namenlos im Munde?
Wo sonst Worte waren, fließen Funde,
aus dem Fruchtfleisch überrascht befreit.
Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt.
Diese Süße, die sich erst verdichtet,
um, im Schmecken leise aufgerichtet,
klar zu werden, wach und transparent,
doppeldeutig, sonnig, erdig, hiesig –:
O Erfahrung, Fühlung, Freude –, riesig!
Christian Filips
Ein Frage-Sonett nach Camões
—— Was hoffst du, Hoffen? —— Nichts.
—— Mit Gründen? —— Die sich ändern.
—— Wie lebst du, Leben? —— Offen.
—— Wie sagst du, Herz? —— Ich will.
—— Die Seele fühlt? —— Sich Eisen.
—— Du lebst wie? —— Unvertraut.
—— Was stützt dich? —— Ein wie einst.
—— Und worauf hoffst du? —— Still.
—— Wo wartest du? —— Wo sonst.
—— Was hast du vor? —— Zu sterben.
—— Was scheint dir gut? —— Ich liebe.
—— Was drängt dich so? —— Mein Lieben.
—— Wer bist du? —— Hingegeben.
—— Wem? —— Ihr, der Liebe, wohl.
Der 10. Juni ist Portugaltag, offiziell „Dia de Portugal, de Camões e das Comunidades Portuguesas“, Tag von Portugal, Camões und den portugiesischen Gemeinschaften. Eine ehemalige Weltmacht, die den Todestag eines Dichters zum Nationalfeiertag macht! (Während der Salazardiktatur wurde er zum „Tag der portugiesischen Rasse“ umgedeutet.)
Die freie Version eines seiner Sonette aus Luís de Camões: Com que voz? Mit welcher Stimme? Übersetzungen aus vier Jahrhunderten. Berlin: Elfenbein, 2013, S. 105
nein
nein
nein
nein
nein
nein
nein
(beantwortung von sieben nicht gestellten fragen)
Heute vor 17 Jahren starb Ernst Jandl
Der „hochberühmte“ (Neu-)Cöllnische Dichter und Richter Nicolaus Peucker (um 1620 – 1774) ist heute vergessen. Seine Gedichte waren Gelegenheitsgedichte, im Buch gesammelt wurden sie erst postum. Fritz Martini druckte 1947 in einer Anthologie die ersten 5 Strophen dieses Gedichts und gab ihm die Überschrift „Dichternot“. Kürzung und Überschrift machten daraus ein modernes Gedicht. Es handelt davon, daß man mit Gedichten nicht einmal den Lohn für den Drucker verdienen kann. Das Original ist ein scherzhaftes Gelegenheitsgedicht zur Hochzeit eines Gönners namens Linde. (Statt „Freude“ in der fünften Strophe muß es vermutlich „Freunde“ heißen.) Nach Art der barocken Gelegenheitsgedichte wird aus dem Namen des Bedichteten poetisches, humoristisches Kapital abgeleitet, am Ende gar leicht obszönes.
1. MAn fragt mich oft: warum ich nicht/ Als wie vor diesem Verse schreibe? Ich gebe/ Leser/ zum Bericht: Mit Versen schaf ich meinem Weibe/ [Die Kinder kommen auch dazu/] Mit Gunst zu melden keine Schuh/ 2. Geschweige dann ein gantzes Kleid: Verß-schreiben bringt nichts in die Küche/ Zumal bey dieser schweren Zeit/ Da wol das Bette mit der Zieche/ Damit das Brod nur werd gekauft Dem Armen aus dem Hause lauft. 3. Ich habe zwar (ohn Ruhm gedacht/ Vor diesem manchen Vers geschrieben/ Was aber hat er mir gebracht? Nichts ! es ist noch wol aussen blieben/ (Die Müh und Arbeit ungenannt) Was ich aufs Druckerlohn gewandt. 4. Nun/ gute Nacht! Poeterey/ Mit dir kan ich kein Brod erwerben/ Dein Thun ist lauter Betteley/ Wer wil/ der kan durch dich verderben/ Du giebst nicht Brod/ wo bleibt der Wein? Poeterey/ ach nein/ ach nein! 5. Ich folge nicht mehr/ als ich pflag/ Zwar will ich dich nicht gantz verschencken/ Es kömmt bißweilen noch ein Tag/ Da man an Freude muß gedencken/ Dann Freunden/ Zeit und Vaterland Geht man ja billig noch zur Hand. 6. Rentmeister Linde/ GOtt verleiht Dir heut noch eine Freudenstunde/ Wann nach verfloßner Trauer-Zeit Du dich verknüpft mit Hertzens-Grunde Mit deiner Liebsten Miserin! Drum schmier ich ein paar Verslein hin. 7. Obs wol viel tausent solten seyn Für deine mir erzeigte Güte/ Nimm aber nur itzt Zinsen ein/ Du solt mein danckbares Gemüthe Noch sehen/ wann das Capital Ich werd erlegen auf einmal. 8. GOtt segne dich in deiner Eh/ Und lasse dich gleich/ als die Linde/ Die itzo blättert in die Höh/ Lust sehn an einem Ast und Kinde/ Durch welches deinem Linden-Baum Mehr Schatten wird gemacht und Raum! 9. GOtt segne dich auch/ Lindens Braut! Und gebe/ daß durch dich die Linde Wol werd gestützt und unterbaut! Dann Linden bauen ist nicht Sünde: Halt dich fest an den Linden-Ast Was gilts/ ob du nicht Linden hast?
Aus: Nicolai Peuckers, Des berühmten Cöllnischen Poeten, Und weyland Churfl. Brand-Cam[m]er-Gerichts-Advocati, wie auch Stadtrichters und Rahts-Cäm[m]erers in Cölln an der Spree wolklingende lustige Paucke von 100. Sinnreichen Schertz-Gedichte: Theils der Hohen Herrschaft in tiefster Unterthänigkeit … bei Gotth. Schlechtiger, 1702, S. 472-475
Werner Söllner
Villon unterm Galgen
Solang ich frei war, hielt sie mich gefangen.
Nun bin ich gut geschnürt, nun darf ich gehn.
Nichts ist zu wenig: sogar dies verstehn
zu viele. Wem das Hohelied vergangen,
der pfeift es von den Dächern. Notgesänge
aus jeder Spalte dieser Freudenwelt —
ein Narr wie ich, wem dieses Lied mißfällt,
wer (Narr! Wie ich!) mit viel zu loser Strenge
als Henker unterm Strang das Opfer spielt.
Frau Welt, du hast mich gut genug gestillt!
Ich trinke aus. Ein erstes Mal betrunken
von ungestilltem Durst nach eignem Sein.
Es widersteht, wer fällt. Papier der Stein,
auf dem ich steh. Er rollt. Ich bin versunken.
Aus: Werner Söllner: Kopfland. Passagen. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988
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