G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 04. Alexander Nitsche (18:05 + 21:05):
Krimsekt
lesen & schreiben
haben wir uns gegenseitig beigebracht.
es gab immer einen unter uns
der es noch oder noch nicht konnte.
wir schrieben auf gekalkte bananenblätter
buchstabensuppen ohne bedeutung:
krimsekt kamikaze. gelegentlich gedichte.
wie dieses hier immer acht zeilen lang.
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 03. Harald ‚Sack‘ Ziegler (17:45 + 20:45):
Alle Menschen
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Ab jetzt oder jetzt oder jetzt oder jetzt oder jetzt
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Das stimmt so, wenn man mal d‘rüber nachdenkt
Werden alle hier gleichzeitig alt.
Immer älter, älter, älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Egal ob sie jetzt 7, 12, 24, 32, 48, 70 oder 80 sind
oder ob sie gerade auf die Welt kommen,
alle werden gleichzeitig alt.
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Ab jetzt!
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 02. Clemens Schittko (17:25 + 20:25):
Weiter im Text
es ist vorbei
wir sind am Ende
der Faden ist gerissen
die Würfel sind gefallen
die Tage sind gezählt
nichts kommt mehr
und nichts findet noch statt
es war alles schon mal da
jede Note wurde schon einmal gespielt
jedes Wort wurde schon einmal gesprochen
jeder Strich wurde schon einmal gezeichnet
gebt endlich auf
es ist vorbei
wir sind am Ende
der Kuchen ist gegessen
der Drops ist gelutscht
die Messe ist gelesen
alle Fragen wurden gestellt
es gibt nur noch Antworten
es gibt nur noch Wahrheiten
alle austauschbar
alle beliebig
alle gleich gültig
nichts kommt mehr
und nichts ereignet sich noch
es ist einfach nichts
nicht einmal die Leere
nicht einmal das Nichts
es ist vorbei
der Zug ist abgefahren
Schicht im Schacht
Affe tot
aus die Maus
Ende im Gelände
es ist schlichtweg aus
nur der Tod ist gewiss
erkennt ihn endlich an
Weiterlesen
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Nach der ersten längeren Unterbrechung in 16 Jahren jetzt wieder jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: RoN Schmidt, Büchnerpreis für Jan Wagner, übergangene Dichter, Ekkehard Maaß und sein Salon, Lavant, Marx, Celan, Tracy K. Smith – und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Songtext 1996 © CD „wir werden fliegen“
ICH UND MEIN GEHIRN
MEIN LIEBLINGSTHEMA
DER NABEL DER WELT
ALS ÜBERLEBENSSCHEMA
PROBLEME OHNE LÖSUNG
KÖNNEN NUR ENTSTEHN
WENN WIR SIE ÜBERHAUPT
UND WIE WIR SIE SEHN
IMMER SIND WIR AUCH
EIN TEIL DER BETRACHTUNG
BEWUNDERUNG BEIM EINEN
IST BEIM ANDEREN VERACHTUNG
UNSCHÄRFE ENDLOS
FÜHRT ZU KATASTROPHEN
WIE DOMINOSTEINE
FALLEN ALLE PHILOSOPHEN
MUSIK VON HEUTE
MUSIK VON GESTERN
LIEBE UNTER BRÜDERN
UND LIEBE MIT SCHWESTERN
LIEBE IST NACH WIE VOR
DIE STÄRKSTE KRAFT
WENN AUCH IM KOPF
OFT EIN ZWEIFEL KLAFFT
WENN ICH DAS SEHE
KANN ICH NUR SEHN
DASS SCHILDKRÖTEN
IMMER AUF
SCHILDKRÖTEN STEHN
Gedichte der anderen Teilnehmer an den kommenden Tagen jeweils um 6:00 Uhr in der Früh.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis 2017 an den Lyriker Jan Wagner.
Die Preisverleihung findet am 28. Oktober 2017 im Staatstheater Darmstadt statt.
Begründung der Jury:
»Jan Wagners Gedichte verbinden spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz. Entstanden im Dialog mit großen lyrischen Traditionen, sind sie doch ganz und gar gegenwärtig. Seine Gedichte erschließen eine Wirklichkeit, zu der Naturphänomene ebenso gehören wie Kunstwerke, Sujets der Lebens- wie der Weltgeschichte, erste Fragen und letzte Dinge. Aus neugierigen, sensiblen Erkundungen des Kleinen und Einzelnen, mit einem Gespür für untergründige Zusammenhänge und mit einer unerschöpflichen Phantasie lassen sie Augenblicke entstehen, in denen sich die Welt zeigt, als sähe man sie zum ersten Mal. Für diese poetische Sprachkunst, die unsere Wahrnehmung ebenso schärft wie unser Denken, verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis 2017 an Jan Wagner.«
Als in der letzten Woche mit Jan Wagner ein Lyriker als diesjähriger Träger des Georg-Büchner-Preises gekürt wurde, war ich mir mit Jan Kuhlbrodt einig, dass uns eine Lyrikerin lieber gewesen wäre, die diesen Preis schon seit Jahrzehnten verdient, ihn aber aus fadenscheinigen Gründen noch nicht bekommen hat: Elke Erb.
Nun hat diese großartige Autorin gleich drei Handicaps:
Sie schreibt sogenannte schwierige Texte, die vielleicht nicht gleich beim ersten Lesen verstanden werden.
Und sie ist bei den falschen Verlagen, klein, fein, aber ohne viel Einfluss.
/ Annett Gröschner, piqd
Privatmann vergibt Alternativen Büchner-Preis
Und wer bekommt den Georg-Büchner-Preis wieder nicht? Wolf Wondratschek. Das geht nicht, findet ein Privatmann. Und machte den Dichter jetzt zum ersten Preisträger eines flugs ausgerufenen Alternativen Büchner-Preises. / Volker Weidermann, Spiegel
Perlentauchers Magazinrundschau über die spanische Wochenzeitung El Pais Semanal, 1.5.2017:
Guillermo Altares unterhält sich mit dem 1953 in Haiti geborenen und 1976 vor politischer Verfolgung nach Kanada geflohenen Schriftsteller Dany Laferrière, der seit 2014 Mitglied der Académie française ist: „Wenn Rassisten etwas hassen, dann dass der, den sie attackieren, sie versteht. Das macht sie krank. Sie können es nicht ertragen, dass der, den sie verachten, mit ihnen sprechen will und der Ansicht ist, dass sie einfach die Wirklichkeit nicht begreifen. So ging es James Baldwin, als er in den sechziger Jahren verkündete, dass die Weißen nicht nach Europa und die Schwarzen nicht nach Afrika zurückkehren würden – es bleibt keine andere Möglichkeit, als sich zusammenzusetzen und zu verhandeln, den anderen einfach ausscheiden, das wird es nicht geben und das ist auch nicht die Lösung. Für das Europa der Gegenwart gilt das genauso. Le Pen sagt, nachdem es in Frankreich mehrere Millionen Arbeitslose gibt, soll man mehrere Millionen Schwarze und Araber ausweisen. Das hat keinen Sinn, aber ich verstehe das Problem. Doch es werden nicht mehr Arbeitsplätze entstehen, wenn man diese Leute rauswirft. Wir müssen dem Denken wieder Bedeutung verschaffen.“
Nicht ohne Koketterie beginnt sie ein Gedicht mit dem Geständnis: „Ich bin ein einfaches und durchtriebenes Geschöpf.“ Thomas Bernhard, der sie seit 1956 kannte und 1987 die schöne Auswahl „Gedichte“ veröffentlichte, muss diesen Vers im Kopf gehabt haben, als er an seine Lektorin Elisabeth Borchers schrieb: „Die Lavant ist eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene. Sie wohnt auf der Betondecke eines Supermarktes an einer Strassenkreuzung in Wolfsberg mit einer Riesentankstelle und tippt ihre Gedichte gleich in die Maschine. Das ist für mich grossartiger, als das verlogene Weltfremdmärchen mit katholischer Talschlussromantik, das gottbefohlene, das um sie bis heute immer verbreitet worden ist.“ / Harald Hartung, faz.net 13.5.
Karl Marx Menschenleben Stürmisch entfliehet Der Augenblick; Was er entziehet, Kehrt nicht zurück. Tod ist das Leben Ein ewiger Tod; Menschenbestreben Beherrscht die Noth; Und er verhallet In Nichts dahin; Und es verschallet Sein Thun und Glühn. Geister verhöhnen Ihm seine That; Stürmisches Sehnen, Und dunkler Pfad; Ewiges Reuen Nach eitler Lust; Ewiges Breuen In tiefer Brust; Gierig Bestreben Und elend Ziel Das ist sein Leben, Der Lüfte Spiel. Groß es zu wähnen Doch niemals groß, Selbst sich zu höhnen, Das ist sein Loos. / Mehr: über dieses und die 400 weiteren Seiten Marxscher Lyrik in FAZ 10.6. (Uwe Wittstock)
Drei Auszüge aus einem Aufsatz von Cathy Park Hong im Poetry Magazine über Paul Celan und Doris Salcedo:
(1)
Salcedo’s sculptures are anti-monumental. She works with humble domestic objects like wooden wardrobes, chairs, and tables that are sparely arranged in an exhibition space. Inspired by Paul Celan, she repeatedly refers to his poetry in her titles, like Unland: audible in the mouth, Shibboleth, and Unland: the orphan’s tunic.
(2)
Out of all his poems, “Death Fugue” was the most anthologized and the most quoted for its haunting, incantatory power and its clear references to the concentration camps. As his poetry became more idiosyncratic — his syntax more gnarled, his images more gnomic and mineralogical, his syllables more neologistic — Celan grew to loathe “Death Fugue.” It dogged him, overshadowing his other works, and fearing he was becoming a mouthpiece for Jewish Holocaust poetry, Celan later refused to let “Death Fugue” be further anthologized. Meanwhile, “Death Fugue” became a German obsession, a fixture at commemorative events. The scholar Sidra DeKoven Ezrahi wrote,
At some subliminal level the Germans have come to know the poem … at such an early age and on ceremonial occasions that it has become an incantational procedure rather than an intended text.
Rather than an act of rememberance, the recitation of “Death Fugue” turned into a mantra to ward off difficult engagement with the past. But this is how it is when a poem becomes commemorative. It becomes all pious gesture and drained of meaning. When a poem becomes commemorative, it dies.
(3)
This is the kind of literature that is lifeblood against the sanctimonious, sanctioned poetry that the establishment uses to exonerate themselves. It is not enough for a poem to be witness, to preserve a dated moment and give voice to puppets from the past. It’s not enough that a poem extol the virtues of survival and overcoming. What if the poet never overcomes? What if the poet hears the same bitter verdict when testimony after testimony has been given? What if that poet — and this is the ultimate emotional transgression that repels the reader who takes comfort in literature as forgiveness — still feels a shadow of hate and it is that hate that disfigures song into something broken? But see, the only way to get at that inalienable grief is to disfigure song. Celan was a sadist with the German language, shredding it down to find the kernel, and from those shreds, he created a third language:
Blackas memory’s woundthe eyes root for youin this plot bittenbright by the heart-teeth.SCHWARZ
wie die Erinnerungswunde,
wühlen die Augen nach dir
in dem von Herzzähnen hell-
gebissenen Kronland,
das unser Bett bleibt:
Als Besitzer der Wohnung Schönfließer Str. 21 machte die Staatssicherheit 1981 „Maaß, Ekkehard, ohne Tätigkeit“ aus. Dabei war Untätigkeit so ziemlich das Letzte, was man dem umtriebigen Hausherrn dieser „gastlichen Wartehalle in der Bleiernen Zeit“ (Wolf Biermann) nachsagen konnte. Peter Böthig nennt das Institut, seit 1978 Treffpunkt der Dichter- und Künstlerszene im Prenzlauer Berg, in seiner Dokumentation „Sprachzeiten“ einen Literarischen Salon. (…)
Als Freund und Nachbar kam für ein Jahrzehnt der georgische Dichter deutscher Sprache, Giwi Margwelaschwili; der tschetschenische Dichter Apti Bisultanov floh 2002 hierher ins Exil. In Rheinsberg, wo Böthig Leiter des Tucholsky-Museums ist, wurde Bisultanov Stadtschreiber und erkämpfte sich das Asyl in Deutschland. Seit 1996 ist Maaß Präsident der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft mit Sitz in der Schönfließer Straße, die Nachtasyl für verfolgte Dichter und Künstler blieb. Schon die Stasi hatte in ihrer vielbändigen Ermittlungsakte „ständige Übernachtungen, Aufenthalt und Verpflegung negativ-feindlicher Personen“ festgehalten.
(…)
Widerlegt wird die Legende, die ganze Szene sei eine Inszenierung der Stasi gewesen. Nicht umsonst musste sich Sascha Anderson einmal heftig ins Zeug legen, um Uwe Kolbes Vorschlag für einen unabhängigen Schriftstellerverband zu sabotieren. Und sein IM-Kollege „Villon“ (alias Lutz Gattner) meldete der Stasi, die „Gedichte“ von Bert Papenfuß „sollten ausreichend sein, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen“. Boethig, selbst Salon-Teilnehmer, bis er 1988 verhaftet und abgeschoben wurde, beharrt deshalb darauf, in den Lesungen die „Keimzelle für einen in den 80er Jahren sich entwickelnden staatsunabhängigen Literatur- und Kunstbetrieb“ zu sehen. Die Textproben belegen das und fügen sich zu einer Anthologie, die man als Fundus einer damals von der Stasi verhinderten Anthologie lesen kann. / Hannes Schwenger, Tagesspiegel
Die Library of Congress bestimmte die Lyrikerin Tracy K. Smith (45) zur neuen poet laureate der USA, der höchsten Ehre, die das Land auf diesem Gebiet zu vergeben hat. Sie folgt damit Autoren wie Rita Dove, Louise Glück, Billy Collins, W. S. Merwin, Charles Simic und zuletzt Juan Felipe Herrera.
Sie wolle in der Position als eine Art literarische Evangelistin kleine Städte und ländliche Gebiete besuchen, um Lyrikevents abzuhalten.
„Ich bin freudig erregt über die Gelegenheit, die Gute Nachricht der Poesie in Teile des Landes tragen zu können, wohin literarische Festivals eher selten gelangen.“
Frau Smith ist die 22. Inhaberin des 1937 begründeten Amts, das den offiziellen Titel „Poet laureate Lyrikkonsultant“(in) trägt. / New York Times 14.6.
Mehr: 4 poets you need to read, from new poet laureate Tracy K. Smith, PBS Newshour
Ich hätte da einen Vorschlag. Nachdem Deutsche Bücherei und Staatsbibliothek zur Deutschen Nationalbibliothek wurden, könnte man nicht in gebührendem Abstand von acht Jahrzehnten dem amerikanischen Beispiel folgen und einen Konsultanten für Lyrik auch bei uns einführen? Wenn man einen repräsentativen Namen braucht: Poeta laureatus, „gekrönter“ oder lorbeerisierter, National-Dichter, das gabs in Deutschland schon mal, vor vielen Jahrhunderten, auch damals nach ausländischem Vorbild. 1341 wurde Francesco Petrarca in Rom gekrönt. 1442 krönte Kaiser Friedrich III. in Frankfurt/Main Enea Silvio da Piccolomini (der später vom „Lyrikpapst“ zum wirklichen Papa der Kirche wurde). 1487 folgte mit Konrad Celtis der erste deutsche Dichter mit Lorbeerkrone.
Wenn es erst ein repräsentatives nationales Amt gibt, werden Bundesländer, Städte und Universitäten folgen* und (wieder) ihre eigenen Dichter krönen. Sie müssen keine Gedichte auf den Geburtstag der Würdenträger schreiben wie früher im Vereinigten Königreich. Ein republikanischer National-, Stadt-, Betriebs- oder Universitätsdichter. Dann werden auch die Zeitungen wieder regelmäßig Gedichte abdrucken. Ein kleines Gedicht unter den vielen Nachrichten des Tages? Das ist machbar, Herr Nachbar, Frau Nachbarin.
(Zur Wiedervorlage)
The two scenes collapse and expand in the same spectacular way as a ghazal couplet or sher does; these moments capturing convergence in divergence, the dance of the “contraries,” bringing together science and art, politics and spirituality, geography and history, East and West, led me to explore cosmopolitanism at the root of the ghazal form.
Cosmopolitanism is defined in the dictionary as “being free from local, provincial, or national ideas, prejudices, or attachments; at home all over the world”; it is necessarily an active appreciation of disparate entities, a rejection of narrow constructs of identities, in fact, a rejection of all strictures; it is an ownership as well as a divestment. It celebrates pluralism as fiercely as it forges an autonomous voice.
The ghazal, in its structure as well as its sensibility, not only allows contraries to cohabit but, in the best compositions, makes a demand to frame polarity in the same space. Once the matla, the opening couplet, introduces the refrain (or radif), the reader expects two things: one, that each successive couplet will be locked in by the same phrase/word/image of the radif, and two, that a wild freedom of perspective will be offered like a new puzzle piece that astonishes by fitting the given radif as perfectly as the previous one. / Shadab Zeest Hashmi, World Literature Today
L&Poe presents: Ganz neue Herbste nicht von Helmut Heißenbüttel
„le prix du poète de poésie libre au poète“ (Zeitungsmeldung), das ist so gut gesagt, daß man es nicht auch noch verstehen muß, n’est-ce pas? Mehr wäre dazu nicht zu sagen, es sei denn, man wollte es übersetzen. Da gibt es immer mehrere Möglichkeiten, Google entscheidet sich für diese: „der Preis des freien Verses Dichter zu Dichter“. Treffender vielleicht die Übersetzung des freien Online-Übersetzers PROMT: „Der Preis vom Dichter freier Dichtung dem Dichter“. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Bei den Ernst-Jandl-Tagen (30.6. bis 2.7. in Neuberg an der Mürz) erhält Monika Rinck den Ernst-Jandl-Preis 2017. Es lesen außerdem u.a. Ann Cotten, Daniel Falb, Mara Genschel, Birgit Kreipe, Ferdinand Schmatz, Christian Filips, Nancy Hünger, Kornelia Koepsell, Friederike Mayröcker und Anja Utler.
Ledbury Poetry Festival (30. Juni bis 9. Juli) – Großbritanniens größtes Poesiefestival findet zum 21. Mal statt
Am 4. Juli ist Independence Day in den USA. An diesem Tag im Jahr 1776 erklärten sich die 13 amerikanischen Kolonien zu einer neuen Nation.
Der 20. Hausacher Leselenz (5.-14. Juli)
Mit Carolin Callies (D), Safiye Can (D), Rocío Cerón (MEX), Valentina Colonna, (I) Zehra Çırak (D), Christoph Danne (D), Alice Gabathuler (CH), Nora Gomringer (CH / D), Simone Hirth (D / A), Ranjit Hoskoté (IND), Semier Insayif (IRQ / A), Jan Koneffke (D / A / RO), Els Moors (B), Tom Schulz (D), Tzveta Sofronieva (BG / D), Michael Stavaricˇ (CZ / A), Aleš Šteger (SLO), Suleman Taufiq (SYR / D), Ilija Trojanow (BG / D / A) u.v.a.
Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (5. bis 9. Juli). Am Sonntag, dem 9. Juli, werden fünf Preise vergeben: Der mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis, gestiftet von der Stadt Klagenfurt. Der mit 12.500 Euro dotierte erstmals vergebene Deutschlandfunk-Preis, gestiftet vom Deutschlandradio. Der mit 10.000 Euro dotierte KELAG-Preis, gestiftet von der Kärntner-Elektrizitäts-Gesellschaft. Der mit 7.500 Euro dotierte 3sat-Preis, gestiftet vom Gemeinschaftsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ZDF, ORF, SRG und ARD. Der BKS-Bank Publikumspreis in Höhe von 7.000 Euro, verbunden mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt.
Drittes Offlyrikfestival 2017
10 Lyrik-Performer treten am 7.7.2017 in Düsseldorf auf: Maroula Blades, Kersten Flenter, Thomas Havlik, Stan Lafleur, Alexander Nitsche, Kai Pohl, Clemens Schittko, RoN Schmidt, Tom de Toys (Moderation) und Harald ‚Sack‘ Ziegler.
Internationales Poesiefestival in Medellin (8.-15. Juli)
Am 2. Juli 1964 wurde in den USA ein Verbot von Bildungstests als Voraussetzung zur Teilnahme an Wahlen verhängt. Manche denken darüber nach, ob man sie wieder einführen soll.
Geboren wurden am 30. Juni 1807: Friedrich Theodor Vischer, 1814: Franz von Dingelstedt, 1911: Czesław Miłosz, polnischer Dichter, Nobelpreisträger; am 1. Juli 1742: Georg Christoph Lichtenberg, 1886: Jizchak Katzenelson (ermordet am 1. Mai 1944 in Auschwitz), 1919: Hans Bender; am 2. Juli 1724: Friedrich Gottlieb Klopstock, 1877: Hermann Hesse; am 3.Juli 1883: Frank Kafka, 1928: Günter Bruno Fuchs, 1937: Joochen Laabs (80. Geburtstag); am 4. Juli 1715 Christian Fürchtegott Gellert; am 5. Juli 1889: Jean Cocteau, 1941: Barbara Frischmuth; am 7. Juli 1887: Marc Chagall
Todestage: am 30. Juni 1990 „Matthias“ BAADER Holst, 2006: Robert Gernhardt, am 1. Juli 1916 der Dichter Siegfried Schlösser (vor Beaumont gefallen), 1952 der tschechische Dichter Fráňa Šrámek, 2016 Yves Bonnefoy; am 2. Juli 1778: Jean-Jacques Rousseau, 1961: Ernest Hemingway; am 4. Juli 1888: Theodor Storm, 1964: Samuil Marschak; am 6. Juli 1533: Ludovico Ariosto (Der rasende Roland); am 7. Juli 1956: Gottfried Benn
Die Literaturszene besteht nicht nur aus Bestsellerautoren und Preisträgern. Es gibt eine Offszene aus Lyrikern, die auf der Bühne zuhause sind. Sie performen ihre Gedichte in ihrem ganz eigenen Stil, treten aber bei Poetryslams eher selten auf. Ihre Wortkunst entfaltet sich magisch und popschamanisch, ihre Lesungen sind legendär! Und wir reden hier nicht von vergangenen Tagen, denn diese Dichter sind kein Mythos, sondern leben im Hier und Jetzt. Sie produzieren Livelyrik mit Tiefgang – tiefenliterarische Ekstasen! Das 1.Offlyrikfestival fand 1995 im Kölner BelAir statt. 1996 dann das zweite im Kieler SubRosa. Damals waren nur wenige Lyriker auch Performer. Es gab normale Lesungen. Und es gab die Socialbeat-Bewegung. Und die Zeit der Poetryslams hatte begonnen, aber damit auch schon der schleichende Trend zur Fastfoodliteratur und zur Comedy. Das Erzählen von einfachen, schnellen, unterhaltsamen Geschichten kam in Mode. Inzwischen gibt es wieder den Ruf nach „guten“ Gedichten, aber was ist eigentlich gut? Preisträger und große Verlage sind keine Garantie für Qualität, sondern nur –wenn überhaupt– für Massenkompatibilität. Muß ein Gedicht „schwierig“ sein, um nicht als „schwach“ zu gelten? Nein. Lyrik kann die Sensibilität für die Gegenwart fördern, indem sie existenzielle Fragen tabulos thematisiert und dabei weder abgehoben noch ordinär sein braucht. Lyrik ist die Stimme der Seele. Lyrik berührt und rüttelt wach. Der Performer verzaubert das Publikum mit seiner unerwarteten Rezitation. Mit 20-jähriger Verzögerung veranstaltet das G&GN-Institut das dritte Festival am 7.7.2017 im Düsseldorfer „Haus der Universität“ mit zahlreichen Veteranen der Lyrikszene. Ausnahmedichter mit ungewöhnlicher Gegenwartslyrik und Bühnentalent: Eventliteratur vom Feinsten! Lyrikperformances von RoN Schmidt, Clemens Schittko, Harald ‚Sack‘ Ziegler, Alexander Nitsche, Maroula Blades & George Henry, Kai Pohl, Stan Lafleur, Thomas Havlik, Kersten Flenter, Moderation: Tom de Toys
Ror Wolf
der vater spricht von dem franzos
der vater spricht von dem franzos
des kaisers maßkrug schwarzweißrot
steht zugeklappt auf der kommod
der vater spricht der krieg ist groß
der vater mittlerweile spricht
von dem franzos das kind lauscht still
die mutter lauscht es lauscht die magd
es lauscht der knecht der hund lauscht nicht
magd mutter knecht und kind und hund
die sitzen stumm am heißen herd
der vater spricht von dem franzos
tut auf den mund bis auf den grund
und hebt sein langes schießgewehr
der vater hat die zipfelmütz
die mutter hat die haube an
und knecht und magd die atmen schwer
auf dem gestell der gugelhupf
an dem die mutter gestern buk
auf der kommod der maßkrug steht
und der franzos im unterschlupf
der vater sich die pfeife stopft
moment franzos ist noch nicht tot
das zündholz brennt der maßkrug steht
auf der kommod die Standuhr tropft
die mutter hat die haube an
der vater spricht der knecht ist stark
die magd ist rund das kind ist klein
der hund hat seine pflicht getan
der schinken in der kammer hat
die maden und am harten käs
macht sich die ratte fett und pfeift
die fliege schwirrt die magd wird matt
die mutter macht die haube los
das kind muß auf den topf und schreit
und knecht und magd die sind zu zweit
der vater spricht von dem franzos
Ror Wolf (Pseudonym: Raoul Tranchirer wurde am 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale geboren. Sein Werk ist nichts für Liebhaber von Schubladen, fröhlich sprengt er alle Grenzen zwischen Lyrik und Prosa, Hoch- und Populärkultur, Scherz und Ernst, Literatur und Bildkunst, Vor-, Während- und Nachmoderne.
Welimir Chlebnikow
grashupfer
rasch war der goldschrieb gefluttert
tupfig sehr ädrigst verbostelt
da lupfte der hupfer den bauchkorb
verbarg er die binsige rupfe
tschiribombös profelurte kikieglitz
o schwansam
teich auf!
(Deutsch von Oskar Pastior)
Flügelchend mit dem Goldbrief
aus feinstem Faserwerk,
packte das Heupferdchen seinen Wanst korbvoll
mit Ufernem: Schilfen und Gräsern
Pinj, pinj, pinj! pardauzte die Roßpappel.
O schwanings.
O aufschein!
(Deutsch von Paul Celan)
Grasshopper
Glitter-letter wing-winker
gossamer grasshopper
packs his belly-basket
with credo-meadow grass.
Zin! Zin! Zin! sings
the raucous racket-bird!
Swan-white wonder!
Brighter, brighter, bright!
(Translated by Paul Schmidt)
Кузнечик
Крылышкуя золотописьмом
Тончайших жил,
Кузнечик в кузов пуза уложил
Прибрежных много трав и вер.
„Пинь, пинь, пинь!“ – тарарахнул зинзивер.
О, лебедиво!
О, озари!
1908 – 1909
Transkribiert:
(z = stimmhaftes s wie Sonne, sh = stimmhaftes sch wie Journal, ch wie in ach)
Kuznetschik
Krylyschkuja zolotopismom
Tontschajschich shil,
Kuznetschik w kuzow puza uloshil
Pribreshnych mnogo traw i wer.
„Pinj, pinj, pinj!“ – tarachnul zinziwer.
O, lebediwo!
O, ozari!
Am 28. Juni 1922 starb der russische Dichter Welimir Chlebnikow
Àxel Sanjosé hat das Lied des Heiligen Johann vom Kreuz / San Juan de la Cruz (Fassung siehe hier) neu übersetzt. Er schreibt dazu:
die vorgehensweise:
so viel an semantischen und syntaktischen strukturen wie möglich erhalten
die gebundenheit (im spanischen: silbenzahl und reim) durch entsprechend natürliche mittel im deutschen andeuten: jamben und alternanz von weiblichen und männlichen kadenzen, assonanz wenn möglich (auch erweiterte assonanz, z.b. hohe vs. tiefe vokale oder vordere vs. hintere)
entscheidend ist für mich, dass ein gefühl vom originären text rüberkommt.
Hier seine Fassung.
Fräulein Charlotte Brown, Bibliothekarin, schnappt über
Von Felix Jung
Heute habe ich beschlossen
Jedes Gedicht zu lesen, das je einer schrieb
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Ich weiß, es ist sehr egoistisch,
zu lesen. Jedes Gedicht, das je einer schrieb
hat seine guten Vorsätze. Ich weiß,
Ich weiß, es ist sehr egoistisch.
Ich möchte das glauben. Poesie
hat ihre guten Vorsätze. Ich weiß,
Gedichte lesen hilft nicht wirklich.
Ich möchte glauben, daß Poesie-
Bücher die Antwort sind. Ich beginne
Zu lesen. Poesie hilft nicht wirklich
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Bücher sind die Antwort. Ich beginne
Heute, hab ich beschlossen.
(Deutsche Fassung Michael Gratz)
Miss Charlotte Brown, Librarian, Goes Mad
Today, I have decided
to read every poem ever written
in the short history of our civilization.
I know it is a selfish thing
to read. Every poem ever written
has its good intentions. I know,
I know, it is a selfish thing.
I want to believe that. Poetry
has its good intentions. I know
reading poems can’t help much.
I want to believe that poetry
books have the answer. I’ll start
reading. Poems can’t help much
in the short history of our civilization.
Books have the answer. I’ll start
today. I have decided.
Felix Jung
Es ist ein Pantoum – eine malayische Gedichtform, von Franzosen (u.a. Victor Hugo und Charles Baudelaire) und Briten bzw. Amerikanern (neuerdings auch ein paar Deutschen, wie Oskar Pastior) adaptiert. Unter den (Reim-)-Spielformen (Sonett, Sestine, Villanelle etc.) vielleicht die extremste.
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Ingeborg Bachmann
Nichts mehr gefällt mir. Soll ich eine Metapher ausstaffieren mit einer Mandelblüte? die Syntax kreuzigen auf einen Lichteffekt? Wer wird sich den Schädel zerbrechen über so überflüssige Dinge – Ich habe ein Einsehen gelernt mit den Worten, die da sind (für die unterste Klasse) Hunger Schande Tränen und Finsternis.
Aus dem Gedicht Keine Delikatessen. Es entstand vermutlich 1963 und wurde 1968 in der Zeitschrift Kursbuch erstveröffentlicht.
Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren.
San Juan de la Cruz, Johann vom Kreuz war einer der größten spanischen Mystiker, und auch seine Gedichte sind bis heute berühmt, wie dieses wunderbare Lied. Mir scheint, auch die deutsche Fassung bewahrt etwas von seinem Zauber.
1726 wurde er heiliggesprochen. Er ist einer der offiziell anerkannten Kirchenlehrer.
Sein Geburtsdatum ist nicht überliefert, weil die Taufregister verbrannt sind. Der 24. Juni wird manchmal angegeben, aber es könnt auch eine Überlagerung mit dem Johannistag sein, dem Geburtsdatum Johannes des Täufers. (24.Juni) 1542 – 14. Dezember 1591.
LIEDER DER SEELE
In einer Nacht im Dunkeln
mir heimlich des Geliebten Kuß zu holen,
im Herzen hell ein Funkeln,
hab ich auf leisen Sohlen
aus meines Hauses Schlaf mich fortgestohlen.
Unkenntlich und im Dunkeln
mich schleichend über alte Treppenbohlen
im Herzen hell ein Funkeln,
im Dunkeln hab verhohlen
aus meines Hauses Schlaf ich mich gestohlen
In einer Nacht voll Glücke
stahl ich hinaus mich, da mich keiner kannte,
schaut weder vor noch rücke,
und nur ein Feuer brannte,
das Liebe mir ins Herz als Führer sandte.
Mein Führer war das Feuer,
das mir so sicher wie des Mittags Helle
verriet, wo mein Getreuer
an heimlich trauter Stelle
zu süßem Zwiegespräch sich mir geselle.
O Nacht, wie hast du traulich,
o Nacht, die schöner als der helle Morgen,
o Nacht, wie hast beschaulich
in ihm du mich geborgen,
durch ihn zu leben und durch ihn zu sorgen!
An meinem Herzen ruhte
er reglos schlummernd wie auf weichem Pfuhle,
mir aber war zumute,
als wenn ich Gott erfühle;
weich in den Zedern fächelte die Kühle.
Ein Wind kam von der Mauer,
sein Haar im Spiel an meine Brust zu drücken:
da rieselte ein Schauer
mir wohlig in den Rücken,
Und meine Sinne schwanden in Verzücken.
Entrückt war ich in Weiten
und ließ mein Haupt an seine Schulter sinken,
ließ fallen mich und gleiten,
und kann nicht satt mich trinken,
indes im Zwielicht weiß die Lilien winken.
Aus: Gedichte der Spanier. Zweisprachig. Eingeleitet, hrsg. u. übertragen von Rudolf Grossmann. Bd.1: Vom Mittelalter bis zum Barock. Leipzig: Dieterich’sche Verlagshandlung, o.J. (1948), 259-261
Zum Geburtstag von Anna Achmatowa (11. Juni 1889 alten / 23. Juni 1889 neuen Stils) 3 kleine Stücke aus ihrem letzten Werk, Drama? Poem? Lyrik? Von allem etwas. Es heißt „Enuma elisch“, ihr „Testament“. Auf Russisch erst kurz vor Ende der Sowjetunion erschienen, die deutsche (zweisprachige) Ausgabe mit der Übersetzung von Alexander Nitzberg 2005 bei Urs Engeler Editor. Da die Splitter hier unverbunden sind, nummeriere ich sie.
[1]
Für die Interpretation des eingeschobenen Zitats:
Den Hals zu schützen, hab ich keinen Schal …
erhielten vier Personen die Doktorwürde, worüber sich die Putzfrau Nastja taktlos äußerte: «Derjenige, der es geschrieben hat, besaß nicht mal einen Lumpen, und diese Klugscheißer hier kleiden ihre Fotzen in Pelzmäntel». Ich dagegen bemerke mit einem «der Sache angemessenen Stolz» die Entwicklung unserer Literaturwissenschaft.
[2]
«Die Große Beichte»
Den Ruf genoß ich als Symbol
für tausend Missetaten:
– Ich hab die Lebenden sehr wohl,
die Toten — nie verraten.
[3]
Einleitung
Ich will verheimlichen Geschlecht und Alter,
Hautfarbe, Konfession, wann ich geboren
und alles, was sich sonst verbergen läßt.
Nur Unbegabung läßt sich nicht verhüllen
und etwas andres noch, das übrige
verhüllt soviel ihr wollt.
Ich besitze von ihm vier Hefte der Siegener Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“, ein Bändchen der famosen Nautilus-Bücherei und eine Ausgabe der „Schriften, Manifeste, Flugblätter, Billets, Werke und Taten“ des „Oberdada“ Johannes Baader. Nichts davon würde ohne Kleinverlage und Enthusiasten existieren. Verlagswesen und Betrieb sind mit Wichtigerem beschäftigt.
„Baader war Dada vor Dada, während Dada und nach Dada.“ Heute vor 132 Jahren wurde er in Stuttgart geboren. Hier drei Beispiele aus jeder dieser drei Zeitzonen.
Vor
Eines der ersten 394 Gedichte des Neuen Jahres (1897)
Ich werde sie aus ihren Angeln heben,
die ganze Welt mit ihrem Zwerggeschlecht,
denn jener feste Punkt ist mir gegeben
und auch des Hebels Arm liegt mir zurecht!
Während

Nach

Quellen:
Vor: Johannes Baader: Oberdada. Schriften, Manifeste, Flugblätter, Billets, Werke und Taten. Hrsg. Hanne Bergius, Norbert Miller und Karl Riha. Lahn-Gießen: Anabas, 1977
Während: Johannes Baader: Das Oberdada. Die Geschichte einer Bewegung von Zürich bis Zürich. Siegen: Vergessene Autoren der Moderne XXXI. Hrsg. Franz-Josef Weber und Karl Riha, 1987 (Zuerst: Berlin 1924)
Nach: Johannes Baader: Weltgericht Nürnberg. Siegen: Vergessene Autoren der Moderne LVIII, 1993. Hrsg. Karl Riha.
G&GN-INSTITUT DDORF-ELLER SÜD, 21.6.2017 / Der Nahbellpreis geht dieses Jahr an den Düsseldorfer VerDichter A.J. Weigoni. Der höchstdotierte Literaturpreis der Welt wird damit zum 18. Mal verliehen. In den ersten Antworten des noch laufenden Nahbell-Interviews DER LANGE ATEM: WEIGONIS „VORLASS“-(WIEDER)BEAT(MUNG) gibt Weigoni über literaturhistorische Zusammenhänge der Lyrikszene Auskunft:
„Lesungen fanden beispielsweise in den neuen Jugendhäusern oder den Teestuben der evangelischen Gemeinden statt. Dies war die Zeit der so genannten Neuen Innerlichkeit, nicht die Lyrik, die ich präferierte. Die Frage nach Echtheit in dieser Form von Subjektivität erwies sich als Scheinproblem, das sich in ein berechtigtes Nichts auflöste, als der Punk nach Glaubwürdigkeit fragte. Ich bevorzugte die Free-Jazz-Szene in Wuppertal und die Performer in der Düsseldorfer Kunstakademie, oder dem Ratinger Hof, unvergessen die Konzerte von Pere Ubu und Wire. Im Lauf dieser Auseinandersetzung fragte ich mich: Warum gibt es eigentlich keinen erweiterten Literaturbegriff?“
Der Preisverleiher Tom de Toys fragt ihn weiter:
„deine rede vom Jargon der Uneigentlichkeit erinnert mich an einen anderen großartigen deutschen dichter: Ernst Meister! er wird vom literaturestablishment gerne als hermetisch bezeichnet, ist aber bei genauerem hinsehen so ziemlich das gegenteil: offenbarend! das problem liegt woanders: um einen Ernst Meister inhaltlich existenziell nachvollziehen zu können anstatt dem poetischen glitzern und funkeln seiner wortdiamanten zu erliegen oder sie andersherum als nichtssagend abzutun, weil man nicht hinter ihre minimalistische kulisse zu schauen vermag, muss man selber den mystischen tiefgang der seele erlebt haben: erst dann wird die einfache, klare, direkte sprache zum höhenflug des bewusstseins! vielleicht ist das der grund für dein heimliches, fast tabuisiertes prestige in der szene? (…) ich glaube, ich ahne, ich vermute, die ganzen vereinsmeier der schnöselliteratur, ‚tschuldigung: gegenwartslyrik, wissen alle, daß du über relevantes allzu relevantes schreibst, aber du bist damit weder ein trendsetter für den warholschen 5-minuten-ruhm einer slambühne noch lässt du dich stilistisch vom betriebssystem vereinnahmen – sondern bist auf eine unangenehm, mir sehr sympathische weise viel zeitgemäßer, viel kritischer, analytischer und visionärer als der konservative lyrikbetrieb es erlaubt!“
Lesen Sie das komplette Interview auf der Homepage des Preises:
www.POESIEPREIS.de (diese Domain leitet 1 Jahr lang exklusiv auf die Nahbell-Präsentation des amtierenden Preisträgers)
Aus einem Beitrag von Matthias Hagedorn
Im deutschsprachigen Raum wird an jedem Tag mindestens ein Literaturpreis verliehen. Auszeichnungen und Preise ähneln – Billy Wilder zufolge – Hämorrhoiden, “früher oder später bekommt sie jedes Arschloch.” Und in den weitaus meisten Fällen sind es die Jurys, die sich für ihren Geschmack auszeichnen. Im Rheinland beruft man sich dagegen auf die lässige Tradition von Christian Dietrich Grabbe und stellt den komödiantischen Widerpart zu einem Literaturbetrieb dar, der über wenig Selbstironie verfügt. Im Jahr 2001 wurde mit dem Hungertuch vom rheinischen Kunstförderer Ulrich Peters ein Künstlerpreis gestiftet, der sich auf den Katholizismus beruft. Der sogenannte Nahbellpreis wurde bereits ein Jahr zuvor lanciert vom unermüdlichen Organisator, Photographen und Lyrik-Performer Tom de Toys, es ist ein Kofferwort, das die Begriffe Nähe, Gebell und Nabel mit sich trägt.
Lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz
Die Gefahr für die Entscheidungsfreiheit der Literaturinteressierten und ihrem kulturellen Horizont wird durch die Bildung von Filterblasen behindert, in denen Leser nur noch konsumieren, was das Feuilleton ihnen vorschreibt und sie nie mit wirklich Neuem konfrontiert werden. Der Nahbellpreis würdigt: “Lebenswerke und öffentliches Engagement von Poeten, die ansonsten in Vergessenheit zu geraten drohen oder im laufenden Literaturbetrieb zu wenig Aufmerksamkeit erhalten”. Gemäß dem Urkundentext sind lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz ausschlaggebend, um Interesse zu wecken. Bisherige Preisträger sind u.a. die Fragmenttexterin Angelika Janz, die “Rampensau” Stan Lafleur und HEL, der Archäologe des analogen Alltags. Diese Autoren haben es nicht nötig, ihre Wahrnehmungen mit der Creme salbender Schönheit zu tunen. Ihre Wahrnehmung ist brennscharf, sie haben ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.
Aufrecht und aufrichtig beschreiben Nahbell-Preisträger wie Kai Pohl und Clemens Schittko eine Welt, die von Vereinzelungstendenz, Krieg, Armut, Ignoranz der herrschenden Klasse und Artensterben bestimmt ist. Hadayatullah Hübsch durchstreifte mit spähendem Jägerblick erbarmungslos die Städte, als wären sie die Wildnis. Es handelt sich bei den Veröffentlichungen nahezu aller Nahbell-Preisträger um eine hoch kognitive Poetik, die urbane Alltagserfahrung destilliert, auf Gelassenheit heruntergeschaltet und zuweilen das Gezeigte staubtrocken vorträgt. Der Nahbellpreis wird seit dem Jahre 2000 alljährlich am 21. Juni als alternativer Lyrik-Nobelpreis verliehen und ist mit 10 Millionen Euro der höchstdotierte Literaturpreis. Das Preisgeld konnte allerdings bis heute mangels Sponsoren noch nicht ausgeschüttet werden konnte. / Mehr bei KuNo
Lesen Sie direkt hierunter das Gedicht des Tages: ein Porträt des Dichters Grabbe von seinem Kollegen Wulf Kirsten („bespiene dichter also rezensierte“)
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