Pariser Landschaft

Heute vor 150 Jahren, am 31. August 1867, starb der Dichter Charles Baudelaire in Paris. Hier ein Gedicht in der Übersetzung von Stefan George und Walter Benjamin, unten das Original. Es sind Gedichte von George und Benjamin nach Motiven von Baudelaire. Zum Vergleich und zur Warnung setze ich für die erste Zeile und für die fünfte und sechste von unten die Prosaübersetzung von Friedhelm Kemp voran:

Je veux, pour composer chastement mes églogues,

G: Ich will um keusch meine verse zu pflegen
B: Ich will um meinen Strophenbau zu läutern
K: Ich will, um meine Hirtenlieder keusch zu schreiben

L’Emeute, tempêtant vainement à ma vitre,
Ne fera pas lever mon front de mon pupitre;

G:Machtlos die Scheiben bestürmendes toben
Lenkt mein geneigtes haupt nicht nach oben,

B: Mag gegen’s Fensterglas sich ein Orkan verschwenden
Ich werde nicht die Stirn von meinem Pulte wenden;

K: Vergeblich wird der Aufruhr an meine Scheiben tosen:
Ich hebe nicht die Stirn von meinem Pult.

Besonders auffällig vielleicht, daß beide Nach-Dichter den Aufstand (emeute heißt Aufruhr, Aufstand, Erhebung, Tumult) aus dem Gedicht tilgen und durch Bilder vom Wetter (Benjamins Orkan) oder allgemeine Umwelteinwirkungen (Georges die Scheiben bestürmendes Toben) ersetzen. – Das Gedicht hieß zuerst Pariser Landschaft. Baudelaire war beobachtender Zeitgenosse der Aufstände und Empörungen in Paris und schreibt sie in sein Gedicht hinein. Seine Umdichter tilgen die Spuren.

Stefan George

LANDSCHAFT

Ich will um keusch meine verse zu pflegen
Wie Sterngucker nah an den himmel mich legen •
Will hören neben dem glockenturm
Die feierklänge getragen vom sturm.
Hoch in der kammer das kinn auf dem arme
Seh ich die Werkstatt mit lärmendem schwarme •
Den rauchfang den turm und die wolken weit •
Die mahnenden bilder der ewigkeit.

Süss ist es • bricht durch die nebel ein Schimmer •
Droben ein stern und die lampe im zimmer •
Rauchende säule zum himmel schiesst •
Frühling seh ich und sommer verschwinden
Und kommt der winter mit eis und winden
Schliess ich die thüren und laden zugleich •
Baue im dunkel mein feeenreich.
Träumen werd ich von bläulichen dünsten
Gärten und weinenden Wasserkünsten
Küssen und blumen bei nacht und bei licht
Unschuldig wie ein schäfergedicht.
Machtlos die Scheiben bestürmendes toben
Lenkt mein geneigtes haupt nicht nach oben,
Tief versunken in Schwärmerei
Ruf ich nach willen den frühling herbei •
Zieh aus der brust eine sonne und spinne
Laue luft mit dem glühenden sinne.

Walter Benjamin

LANDSCHAFT

Ich will um meinen Strophenbau zu läutern
Dicht unterm Himmel ruhn gleich Sternedeutern
Daß meine Türme ans verträumte Ohr
Mit dem Winde mir senden den Glockenchor.
Dann werd ich vom Sims meiner luftigen Kammer
Überm Werkvolk wie’s schwätzet und singet beim Hammer
Auf Turm und Schlot, die Masten von Paris
Und die Himmel hinaussehn, mein Traumparadies.

Wie schön ist das Erglühn aus Nebelschwaden
Des Sterns im späten Blau, des Lichts in den Fassaden
Der Kohlenströme Flössen übers Firmament
Und wie das Land im Mondlicht fahl entbrennt.
Mir wird der Lenz der Sommer und das Spätjahr hier sich zeigen
Doch vor dem weissen winterlichen Reigen
Zieh ich den Vorhang zu und schließe den Verschlag
Und baue in der Nacht an meinem Feenhag.
Dann werden blaue Horizonte sich erschließen
Und weinend im Boskett Fontänen überfließen
Dann wird in Küssen und im Vogellied
Der Geist der Kindheit sein der durch Idyllen zieht.
Mag gegen’s Fensterglas sich ein Orkan verschwenden
Ich werde nicht die Stirn von meinem Pulte wenden;
Denn höchst gebannt in meine Leidenschaft
Ruf ich den Lenz herauf aus eigner Kraft
Und kann mein Herz zu Strahlen werden sehen
Und meines Denkens Glut zu lindem Wehen.

PAYSAGE

Je veux, pour composer chastement mes églogues,
Coucher auprès du ciel, comme les astrologues,
Et, voisin des clochers, écouter en rêvant
Leurs hymnes solennels emportés par le vent.
Les deux mains au menton, du haut de ma mansarde,
Je verrai l’atelier qui chante et qui bavarde;
Les tuyaux, les clochers, ces mâts de la cité,
Et les grands ciels qui font rêver d’éternité.

Il est doux, à travers les brames, de voir naître
L’étoil dans l’azur, la lampe à la fenêtre,
Les fleuves de charbon monter au firmament
Et la lune verser son pâle enchantement.
Je verrai les printemps, les étés, les automnes,
Et quand viendra l’hiver aux neiges monotones,
Je fermerai partout portières et volets
Pour bâtir dans la nuit mes féeriques palais.
Alors je rêverai des horizons bleuâtres,
Des jardins, des jets d’eau pleurant dans les albâtres,
Des baisers, des oiseaux chantant soir et matin,
Et tout ce que l’Idylle a de plus enfantin.
L’Emeute, tempêtant vainement à ma vitre,
Ne fera pas lever mon front de mon pupitre;
Car je serai plongé dans cette volupté
D’évoquer le Printemps avec ma volonté,
De tirer un soleil de mon coeur, et de faire
De mes pensers brûlants une tiède atmosphère.

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