Natürlich mußte ich bei Hunold an … Wilhelm Hauff denken. Bei ihm gibt es ein berühmt-berüchtigtes Gedicht mit den vielzitierten und auch variierten Zeilen
Gestern noch auf stolzen Rossen
heute durch die Brust geschossen.
Hauff hat es von einem Volkslied, sagt er. Vielleicht ja auch von Hunold? Oder dessen vermutlicher Quelle, dem genialen frühverstorbenen Johann Christian Günther. Die ersten fünf Verse Hauffs sind identisch mit der fünfzeiligen Strophe Hunolds – und mit Günthers
“Wie gedacht / vor geliebt, jetzt ausgelacht / gestern in die Schöß’ gerissen, / heute von der Brust geschmissen, / morgen in das kühle Grab“
Reiters Morgenlied
(Alte Soldatenweise)
Morgenrot!
Leuchtest mir zum frühen Tod?
Bald wird die Trompete blasen,
Dann muß ich mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad!
Kaum gedacht,
War der Lust ein End gemacht!
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.
Doch! wie bald
Welket Schönheit und Gestalt!
Prangst du gleich, mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,
Ach! die Rosen welken all.
Und was ist
Aller Mannsbild Freud und Lust?
Unter Kummer, unter Sorgen
Sich bemühen früh am Morgen,
Bis der Tag vorüber ist.
Darum still
Füg ich mich, wie Gott es will,
Und so will ich wacker streiten,
Und sollt ich den Tod erleiden,
Stirbt ein braver Reitersmann.
Wilhelm Hauff
(* 29.11.1802, † 18.11.1827)
Christa Reinig
(* 6. August 1926 in Berlin; † 30. September 2008 in München)
Die alten Inder hatten seinerzeit bereits ein Problem durchdacht, das uns heute erst langsam aufdämmert. Was
geschieht eigentlich mit der beachtlichen Minderheit, die von einer demokratischen Mehrheit daran gehindert wird,
in der Diktatur leben zu dürfen?
Freiheit ist für viele Schafe
Schwerer als die schwerste Strafe.
Kein Hund hat sie ins Bein gebissen,
Das belastet ihr Gewissen.
Kein Metzger metzt sie in die Schüssel,
Das ist ihres Kummers Schlüssel.
Kein Gerber gerbt ihnen die Felle,
Das ist ihrer Klagen Quelle.
Kein Schleifer schleift sie nach Sibirien,
Da zieht es sie nach Syrien.
Sie lassen uns recht herzlich grüßen
Im heißen Sand mit kalten Füßen.
Papantscha Vielerlei (1971)
Aus: Christa Reinig: Sämtliche Gedichte. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 223
„Mich dünkt, dass auch das Silbenmaß hin und wieder etwas mit ausdrücken müsse“. Wer hat das gesagt, oder zitiert? Hier so ein Fall. Vielleicht fällt jemand was dazu ein.
Menantes
(Christian Friedrich Hunold)
Uber ihre Untreue
Immer hin/
Falsches Hertze/ leichter Sinn!
Lesche nur die starcken Kertzen
In den sonst entflammten Hertzen/
Weil ich es zu frieden bin.
Immer hin/
Falsches Hertze/ leichter Sinn!
Schwur und Treu
Sind Betrug und Heucheley.
Auch die allerschönsten Decken
Sind gar selten ohne Flecken/
Und die Damen einerley.
Schwur und Treu
Sind Betrug und Heucheley.
Doch wie schön
Wissen sie sich vorzusehn.
Wenn die Muschel ist gebrochen/
Und die Perle draus gestochen/
Soll sie erst verschlossen stehn.
Doch wie schön
Wissen sie sich vorzusehn.
Drüm mein Geist/
Suche was unsterblich heist/
Liebe wo die schöne Jugend
Dich durch Klugheit und durch Tugend
Ewig mit Vergnügung speist.
Drüm mein Geist
Suche was unsterblich heist.
Aus: Menantes (Christian Friedrich Hunold): Die Edle Bemühung müssiger Stunden. Hamburg: Liebernickel, 1702
Margret Kreidl
HAUSMANTEL
Ich stehe vor einem Haus, barfuß. Meine Füße sind schmutzig.
Ich schlüpfe aus meinem Mantel und mache die Eingangstür auf.
Der Flur ist hell erleuchtet. Im Spiegel sehe ich mein Gesicht. Ich
habe blaue Augen. Nein, meine Augen sind braun. Es ist Herbst.
Die Farben ändern sich. Bin ich drinnen oder draußen? Ich weiß
es nicht. Mir ist kalt. Ich will meinen Mantel wiedersehen.
Einfache Erklärung: Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das
Eigenheim.
Aus: Einfache Erklärung. Alphabet der Träume. Wien: Edition Korrespondenzen, 2014
Gespräch zwischen Anna und Fillis.
[Anna klärt ihre jüngere Freundin Phyllis auf, als diese von einer ihr bisher unbekannten Qual gequält wird]
Anna:
Die Seuche kenn‘ ich gar zu woll ;
Es ist das erste Liebes-Bild/
Das dir in deinem Hertzen spielt:
Es ist ein tummes seltnes Stück/
Es ist ein närrisches Geschick/
Es ist ein Vorspiel von der Lust/
Die freudig naget unsre Brust/
Es ist ein Wallen in dem Blut/
Das seine erste Wirckung thut ;
Doch warum nicht mit einem Wort
Das Ding beschrieben alsofort ?
Die Kälber-Liebe/ wehrte Magd/
Die deine freye Sinnen jagt ;
Und so du die nicht meiden wilt/
Wie Schaam und Ehre dies befielt/
So wird unfehlbar es geschehn/
Du wirst verkehrte Wege gehn/
Du wirst verirren hier und dar/
Du wirst dich bringen in Gefahr/
Und dich befinden ausser Spur/
(…)
Aus: Des Welt-berühmten Holländischen Poëten, JACOB CATS, Rittern, und Raht-Pensionarii &c. Sinnreiche Wercke und Gedichte: Aus dem Niedeländischen übersetzt. Anderer Theil: Bestehend in der Heuraht, oder Gantzen Begriff des Ehe-Standes, Jn sechs Haupt-Stücke abgetheilet, nemlich Die Jungfer, Mannbahre, Braut, Frau, Mutter, Wittwe, Samt der Männer Gegen-Pflichten; Nebst der Galathea, oder Liebes-Klagen der Schäfer, und klagende Jungfern, Samt andern Gedichten mehr. Hamburg: bey Seel. Thomas von Wiering Erben, 1712
Der Auszug ist aus dem zweiten Teil.
Das niederländische Original erschien erstmals 1625. 1637 las es die 16jährige Dichterin Sibylla Schwarz im pommerschen Greifswald. Das Wort Kälber-Liebe, kalver-liefde, nimmt sie in ihren Wortschatz auf. (Sie verstand das Holländische – Übersetzungen ins Deutsche gab es erst später). Als ihre Gedichte gedruckt werden sollen, wird der Name Lybis (Palindrom von Sibyl) in einem ihrer Gedichte durch Phyllis ersetzt, um sich nicht den Neidern und Geiferern preiszugeben.
Margret Kreidl
HEILANSTALT
Liebe Schwester, es ist Donnerstag und kalt.
Ich träume jede Nacht vom Veilchenwald.
Der Herr Doktor sagt, ich bin in einer Heilanstalt,
weil mein Klopffleisch heiß ist, gelb ist, alt.
Ich hätte gern Besuch und dich recht bald.
Einfache Erklärung: Margarete Kuskop wurde am 8. Mai 1941 in
der Heilanstalt Pirna—Sonnenstein von den Nazis ermordet.
Aus: Einfache Erklärung. Alphabet der Träume. Wien: Edition Korrespondenzen, 2014, S. 53
Kerstin Becker
wenn die Äpfel an den Wiesenhängen fallen
und Blätter streicheln unsere Köpfe rascheln
röten unsre Herzen nach und schlagen stark
wir rennen herum wie die Schweine
zu Eichelmastzeiten im Wald dumpfes Grunzen
und helles Quieken das hungrige Wühlen
erfüllt noch die Luft im Traum und das Prasseln
harter Früchte jäh riechende Luft
es schweben die gilben Blätter nach unten zurück
ins Grab aus den Stämmen tropft goldenes Blut
wie Wind unsre inneren Wilden entfacht
entfacht er in Herbsten Neue Musik
und Eckern krachen unter den Füßen
wir ändern wie Tiere nach Grundgefühl Reife
Zuneigung Panik unsern Geruch
Diesen brandneuen Text dürfen wir mit freundlicher Genehmigung der Autorin hier veröffentlichen.
Evelyn Schlag
sonett
nun lässt ein girlie sich die junge scham vernieten
und auf den dächern wächst das moos so jäh.
die kids halten schritt wenn beschleuniger wüten.
was sehr dringlich wird bekommt ein zeit-dossier.
eine neue generation von smartphones liegt
pro jahr auf jedem tisch. rein alles wird getauft
ach ricky und dolores marie und industrie —
ein nachwuchs der sich professionell besäuft.
ganze branchen stehen im entmündigungsdienst.
wieder friert ein entzündeter jahrgang und beugt
sich dem diktat. setzt früh ein baby in den sand.
die wertkarten zeigen wenn der strom versiegt.
teenager winkend. in der beringten mädchenhand
ein büschel überweisungen zum nierenfacharzt.
Aus: Evelyn Schlag: verlangsamte raserei. gedichte. Wien: Paul Zsolnay, 2014, S. 55
Bertolt Brecht
Was an dir Berg war
Haben sie geschleift
Und dein Tal
Schüttete man zu
Über dich führt
Ein bequemer Weg.
Rosa Rübsaamen
(* 24. April 1853 in Haardt an der Sieg, heute Weidenau, seit 1975 Stadt Siegen, † 22. September 1922 in Hillnhütten bei Siegen)
Haben wir nicht etwas uns zu fragen?
Eine ferne Uhr hebt an zu schlagen
Haben wir nicht etwas uns zu fragen?
Von den Bergen kommen kalte Winde,
trugen schon hinweg den Duft der Linde,
Und die rote Rose wird indessen
ihres holden Sommertraums vergessen.
Doch die Sonne glüht noch! Ich und du —
glücksberauscht schließ’ ich die Augen zu —
Stehn noch mitten in dem Flammenschein!
Und ich träume in den Herbst hinein
Noch vom Sommer! Träume, träume! Doch
ich vergaß die Uhr — horch, schlägt sie noch?
Wollen wir die ungefragten Fragen
in die stumme Winteröde tragen?
Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 15
Rübsamen, Frl. Rosa, Haardt a. d. Sieg, geboren den 24. April (?) in Haardt a. d. Sieg. Sie schreibt Gedichte und pflegt in ihren Poesieen den westfälischen Dialekt.
Aus:
Pataky, Sophie: Lexikon deutscher Frauen der Feder Bd. 2. Berlin, 1898., S. 210.
Publius Vergilius Maro, kurz Vergil
(* 15. Oktober 70 v. Chr. bei Mantua; † 21. September 19 v. Chr. in Brindisi)
Ein antiker Dichterwettstreit der Hirten Korydon und Thyrsis. Schiedsrichter ist der Kuhhirt Daphnis
Aus der 3. Tenzone
Korydon:
Geliebte Nymphen, hört mich an:
Laßt mich entweder Lieder singen,
Wie meinem Codrus sie gelingen,
Der wie Apoll fast dichten kann
Doch wenn die Lieder nicht gelangen
Nicht alles können alle wir —
Wird meine schrille Flöte hier
An dieser heil’gen Eiche hangen.
Thyrsis:
Arkadierhirten, schmücket mich
Mit Dichterefeu, daß vor Neide
Dem Codrus birst das Eingeweide,
Sieht er mich wachsen über sich.
Wenn ich mit Lob euch überlade,
Mehr als euch selbst gefällig dünkt,
Um meine Stirn’ ein Heilkraut schlingt,
Daß böse Zunge mir nicht schade.
Aus: Römerlyrik. In deutsche Verse übertragen von J.M. Stowasser. Heidelberg: Carl Winter o.J. (1909). 206
Im Gedenken an den Lyriker Ulrich Schacht
(* 9. März 1951 Zuchthaus Hoheneck, Stollberg im Erzgebirge; † 16. September 2018 in Förslöv, Schweden)
Gewänder Jerusalems
Wenn das Licht
sinkt taucht die Stadt auf
dem Berg in ein Kupferbad Haine
und Kuppeln schimmern bis Wind
Staub aufwirbelt der öde
Kreis vor den Toren
jeglichen Glanz
dämpft Kühle legt
sich auf heiße Quader an
Davids Zinnen brechen sich
Schatten noch fällt kein
Schnee aber die
Freunde reden
davon: Immer
sagen sie liegt dieser
Ort nahe am
Himmel. So.
Oder so.
6.1.1986
Aus: Ulrich Schacht: Lanzen im Eis. Gedichte. Stuttgart: DVA, 1990, S. 99
Katerina Chandrinou
Puritanismus
Irgendwo im Zentrum meines Bettes ist ein schwarzes Loch‚
das führt ins Mittelalter.
Fällst du hinein, triffst du greise Rechtsgelehrte mit schwarzen Talaren,
die Nacht und Tag arbeiten in hohen Büchersälen.
Neben einer Kerze bemühen sie sich,
aufgehobene Regelwerke und Verordnungen wieder in Kraft zu setzen,
die ]ahrhunderte lang der Welt das Lächeln raubten.
Aus: Wo man spazieren gehen kann und es Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland ausgewählt und übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voss, 2018, S. 29
Neueste Kommentare