Róža Domašcyna
(* 11. August 1951 in Zerna, Landkreis Kamenz)
Cyklen
meine urgroßmutter, die bei weitem keine uroma war, sondern eine prawowka, sprach nur wendisch, wie sie es mir auf sorbisch erklärten meine großmutter, die bei weitem keine oma und auch keine uroma war, sondern eine wowka und prawowka, sprach nicht nur wendisch‚ wie sie es mir auf wendisch erklärte meine mutter‚ die eine wowka und prawowka ist‚ dazu eine oma und uroma, was keiner zu ihr sagt, spricht sorbisch, wie sie es mir auf wendisch und deutsch erklärt ich, die ich eine oma bin und selten wowka, spreche wendisch—sorbisch, was ich hier auf deutsch erkläre meine tochter, die längst noch keine oma ist und niemals wowka sein will, spricht nur deutsch, was sie gern erklärt meine enkelin, die eine wnutschka ist, spricht zu hause nur deutsch, wie sie es mir auf sorbisch erklärt, was ja eigentlich wendisch ist
Anmerkung: Bezeichnungen für Uroma, Oma, Tochter (in sorbischer, sorbisch-phonetischer und deutscher Sprache)
Aus: Róža Domašcyna: Feldlinien. Gedichte. Bucha bei Jena: quartus-Verlag (Edition Ornament), 2014, S. 6
Róža Domašcyna schreibt Sorbisch und Deutsch
Heute vor 380 Jahren, am 10. August 1638 – in Pommern schrieb man nach julianischem Kalender den 31. Juli – starb die Tochter des Greifswalder Bürgermeisters, Sibylla Schwarz, nicht einmal siebzehneinhalb Jahr alt. Hier ihr »Christliches Sterblied«.
Das Gedicht ist sangbar und in Strophen gegliedert (nach damaliger Sitte markiert sie die Strophen nicht durch Leerzeilen, sondern nur durch Einrückung des Strophenanfangs). Mindestens in der letzten Strophe zeigt die junge Dichterin, daß sie auch bei dem ernsten Thema auf der avançierten Klaviatür der allerneusten Dichtungsart spielen kann.
Ein Christliches Sterblied. WJltu noch nicht Augen kriegen / O du gantz verbößte Welt / Da du doch siehst niederliegen Manchen außgeübten Helt / Da du doch offt siehst begraben / Die es nicht gemeinet haben ! Wie lang wiltu Wollust treiben ? Wielang / meinstu / hastu Zeit ? Jn der krancken Welt zu bleiben ? Wielang liebstu Uppigkeit ? Da doch einer nach dem andern Muß auß disem Leben wandern. Ey / was hastu fur Gedancken / Wan da so viel Leichen stehn ? Wan da liegen so viel Krancken / Die den Todt für Augen sehn ? Wan die Götter dieser Erden Selber auch begraben werden ? Wirstu dich nicht eh bedencken / Eh der warme Geist entweicht / So wirstu dich ewig krencken / Darümb / weil der Todt uns schleicht Stündlich nach auff allen Seiten / Soll man sich dazu bereiten. Gib mir Gott ein Sehlig Ende / Führ mich durch des Todes Thal / Nimb mich fest in deine Hende / Kürtze mir des Todtes Qual / Laß mein Hertze nicht verzagen Für des Todes grimmen Plagen ! Laß mir nach die schweren Sünde / Gib mir deinen Frewdengeist / Das ich Ruh der Sehlen finde ! Darüm bitt ich allermeist / Laß mich auch ja nicht berauben / Sondern mehr mir meinen Glauben ! Hier mein Gott / hie schlag und plage ! Hier / HERR JEsu / reck undt streck ! Hier hier trenne / brenn undt jage ! Hier reiß / schmeiß / krenck / senck undt schreck ! Laß mich hier die Straffe spüren / Die mir solte dort gebüren !
José Lezama Lima
* 19. Dezember 1910 in Havanna; † 9. August 1976 ebenda
Ah, que tú escapes en el instante
en el que ya habías alcanzado tu definición mejor.
Ah, mi amiga, que tú no querías creer
las preguntas de esa estrella recién cortada,
que va mojando sus puntas en otra estrella enemiga.
Ah, si pudiera ser cierto que a la hora del baño,
cuando en una misma agua discursiva
se bañan el inmóvil paisaje y los animales más finos:
antílopes, serpientes de pasos breves, de pasos evaporados,
parecen entre sueños, sin ansias levantar
los más extensos cabellos y el agua más recordada.
Ah, mi amiga, si en el puro mármol de los adioses
hubieras dejado la estatua que nos podía acompañar,
pues el viento, el viento gracioso,
se extiende como un gato para dejarse definir.
Ach, dass du entkommst in dem Augenblick,
da du gerade deine beste Definition erreicht hattest.
Ach, meine Freundin, du wolltest ja nicht
die Fragen dieses frischgeschnittenen Sterns glauben,
der seine Spitzen in einem anderen feindlichen Stern nässt.
Ach, wenn es wahr sein könnte, dass zur Stunde des Bades,
wenn in einem einzigen diskursiven Wasser
die regungslose Landschaft und die feinsten Tiere baden:
Antilopen, Schlangen von kurzen Schritten, von verdunsteten Schritten,
in Träumen, ohne Hast zu heben scheinen
die weitreichendsten Haare und das meisterinnerte Wasser.
Ach, meine Freundin, wenn auf dem reinen Marmor der Abschiede
du die Statue gelassen hättest, die uns begleiten könnte,
denn der Wind, der anmutige Wind
breitet sich aus wie eine Katze, die sich definieren lassen will.
[Arbeitsübertragung: à.s.]
Sara Teasdale
* 8. August 1884 in St. Louis; † 29. Januar 1933 in New York City
There will come soft rains and the smell of the ground,
And swallows circling with their shimmering sound;
And frogs in the pools singing at night,
And wild plum-trees in tremulous white;
Robins will wear their feathery fire
Whistling their whims on a low fence-wire;
And not one will know of the war, not one
Will care at last when it is done.
Not one would mind, neither bird nor tree
If mankind perished utterly;
And Spring herself, when she woke at dawn,
Would scarcely know that we were gone.
Sanfter Regen wird kommen und der Geruch der Erde
Und Schwalben, die kreisen mit ihrem Schwirren;
Und Frösche in den Tümpeln mit Nachtgesang
Und wilde Pflaumenbäume in zitterndem Weiß;
Rotkehlchen werden ihr Federfeuer tragen
Und ihre Launen von den Zaundrähten pfeifen;
Und keines wird wissen vom Krieg, nicht eines
wird’s kümmern, wenn er sich ereignet;
Und keinen beträf’s, weder Vogel noch Baum,
stürbe die Menschheit gänzlich aus;
Und der Frühling selbst, erwacht er am Abend,
würde kaum bemerken, dass wir gegangen.
[Arbeitsübertragung: Àxel Sanjosé)
Über den Mystiker und Dichter Ibn Arabi sagt die deutsche Wikipedia:
Muhyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muhammad ibn ʿAlī Ibn ʿArabī al-Hātimī at-Tāʾī (arabisch محي الدين أبو عبد الله محمد بن علي بن عربي الحاتمي الطائي, DMG Muḥyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī Ibn ʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī; * 7. August 1165 in Murcia; verstorben am 16. November 1240 in Damaskus) war einer der bekanntesten Sufis. Er wird wegen seines großen Einflusses auf die allgemeine Entwicklung des Sufismus auch asch-schaich al-akbar („Der größte Meister“) bzw. latinisiert Magister Magnus genannt. Vielen gilt er als Advokat religiöser Toleranz.
Die englische Version des Weltlexikons hat andere Daten und Schreibweisen des Namens:
Ibn ʿArabi (26 July 1165 – 16 November 1240), full name Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī ibn Muḥammad ibnʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī, was born in southeast Spain.
Die spanische wieder ein bißchen anders:
Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī ibn Muḥammad ibnʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī (en árabe: أبو عبد الله محمد بن علي بن محمد بن عربي الحاتمي الطائي; Murcia, 28 de julio de 1165 – Damasco, 16 de noviembre de 12401), más conocido como Ibn Arabi, Abenarabi y Ben Arabi, fue un místico sufí, filósofo, poeta, viajero y sabio musulmán andalusí. Sus importantes aportaciones en muchos de los campos de las diferentes ciencias religiosas islámicas le han valido el sobrenombre de Vivificador de la Religión (en árabe: محيي الدين, Muhyi al-Din) y el Más Grande de los Maestros (en árabe: الشيخ الأكبر, as-Sheij al-Akbar).
Und so weiter. Selbst die Lebensjahre scheinen zu schwanken – eine von mir benutzte deutsche Anthologie gibt sie mit 1160-1245 an.
Wie dem sei – heute oder an einem anderen Tag kann man seinen Geburtstag feiern. Er gilt als der größte islamische Mystiker und wird noch heute „von Marokko bis Malaysia bewundert“ – und warum nur dort? Der Namensteil al-Hatimi übrigens weist auf eine deutsche Spur. Er bedeutet, daß er aus dem Geschlecht des vorislamischen Dichterfürsten Hatim oder Hatem abstammt; und apropos Dichterfürst: in einem Gedicht versteckt sich Goethe per Reimspiel hinter dem Namen Hatems:
Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal spüret Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.
Aber jetzt das Geburtstagskind. Bei mystischen Dichtern weiß man ja nie so genau, meinen sie jetzt Wein? Oder Sex? Oder in Wirklichkeit irgendetwas Himmlisches? (Als wären Wein oder Sex nicht auch etwas Himmlisches…, naja. Zumindest wäre die Metapher und der Vergleich unverständlich, wenn nicht Dichter und Leser eine Ahnung von verschiedener Art Himmlischkeiten hätten.)
Ibn Arabi hat glühende Liebesgedichte geschrieben, und die Orthodoxen und Schriftgelehrten hielten den mystischen Gehalt nur für Tarnung. Also schrieb er ein ganzes Buch, Dolmetsch der Sehnsüchte, wo er in gelehrten Kommentaren erklärte, was Blume, Blitz oder Brust eigentlich bedeuten. Natürlich glaubte man ihm nicht. (Immerhin wurde er nicht hingerichtet wie andere Mystiker verschiedener Religionen).
Hier ein Gedicht daraus in zwei deutschen Fassungen. Die eine gibt nur die Gedichte und versucht die kunstvollen Verse wenigstens als Ahnung ins Deutsche zu bringen. (Klugerweise verzichtet sie auf den nur mühsam ins Deutsche zu übertragenden Reimschmuck und deutet den Kunstcharakter nur in reimlosen Jamben an). Die andere übersetzt die Verse in Prosa und gibt den vollständigen Kommentar dazu. Das Gedicht paßt auf eine Seite, der Kommentar braucht vier Seiten. Ich habe ihn aber hier weggelassen.
Aus: Das Wunder von al-Andalus. Die schönsten Gedichte aus dem Maurischen Spanien. Aus dem Arabischen und Hebräischen ins Deutsche übertragen und erläutert von Georg Bossong. München: C.H. Beck, 2005, S. 154
Aus: Ibn ‚Arabi: Urwolke und Welt. Mystischen Texte des Größten Meisters. Aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Alma Giese. München: C.H. Beck, 2002, S. 290
Christa Reinig
* 6. August 1926 in Berlin; † 30. September 2008 in München
DER TRAUM VOM WESTEN
Ich träumte heute nacht, ich sei im Westen.
und wachte auf und war —
im Westen.
Aus dem Band Schwalbe von Olevano (1969). Zitiert nach Christa Reinig: Sämtliche Gedichte. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 96
Christa Reinig floh 1964 aus der DDR – von Ostberlin nach München.
flanzendörfer
(Frank Lanzendörfer) * 30. Dezember 1962 in Dresden-Oberpoyritz; † 5. August 1988 in Marienwerder)
Aus: flanzendörfer: unmöglich es leben. texte bilder fotos. Zusammengestellt von Peter Böthig und Klaus Michael. Berlin: Janus press / Basisdruck, 1992
Aus: Ingrid Mössinger, Brigitta Milde (Hrsg.): … eine nahezu lautlose Schwingungs-Symbiose. Die Künstlerfreundschaft zwischen Franz Mon und Carlfriedrich Claus. Briefwechsel 1959–1997. Visuelle Texte. Sprachblätter. Kunstsammlungen Chemnitz. Kerber-Verlag Bielefeld/Berlin 2013, S. 47
Carlfriedrich Claus (* 4. August 1930 in Annaberg; † 22. Mai 1998 in Chemnitz)
Johanna Ambrosius
* 3. August 1854 in Lengwethen bei Ragnit, Ostpreußen; † 27. Februar 1939 in Königsberg
In ihrem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs und standen keine Goethe- und Schillerbände. Das zweite von 14 Kindern eines Handwerkers, ärmliche Verhältnisse, Dorfschule, Arbeit als Magd, Bäuerin. Aber sie dichtete, ohne Schulung, »Naturdichterin« nannte man sie, »Volksdichterin«. Ihre Werke wurden gedruckt, für kurze Zeit wurde sie berühmt im In- und Ausland. Führende Kritiker und Schriftsteller lobten sie, trafen sie, wechselten Briefe. Sie wurde ins Englische übersetzt und in Chicago als »German Sappho« gefeiert. Aber bald ließ man von ihr ab. »Der Tod ist in Deutschland der beste Empfehlungsbrief für die Dichter«, schrieb sie, aber auch das war ihr nicht vergönnt. 1939 starb sie in Königsberg, längst in Vergessenheit gefallen. Bei der Flucht der Angehörigen aus Ostpreußen sechs Jahre später ging ihr Nachlaß verloren. Ihr Grab ist in Königsberg, das es auch nicht mehr gibt. Die Universität Chicago digitalisierte ihre Bände.
Ein Gedicht aus dem zweiten Band ihrer Gedichte, erschienen 1898 in siebenter Auflage.
Meine Seele
Habt ihr gesehn ein alt’ verfall’nes Haus?
So sieht auch meine Seele aus!
Zerplatzt die Wände, blinde Fensterlein,
kein lust’ger Fuß geht weder aus noch ein,
Kein süßer Ton durchhallt den öden Raum,
Nur die Vergessenheit spinnt leis’ im Traum;
Und kommt die Nacht, krächzt drin des Uhu Schrei,
Der liebe Mond selbst geht geschwind vorbei,
Und Totenfalter fliegen ein und aus;
So sieht’s in meiner armen Seele aus!
Friederike Mayröcker
würde alles tun für dich wenn
du nur lebtest!
als erstes würden wir zur Albertina,
ins Museumscafé dann zum FELDHASEN, 1 Blick
in dein Auge würde mir sagen ob du müde
bist oder ob es noch weitergeht. Weinen
würden wir trotzdem oft, weil
der Abschied noch vor uns läge —
Ernst Jandl
bibliothek
die vielen buchstaben
die nicht aus ihren wörtern können
die vielen wörter
die nicht aus ihren sätzen können
die vielen sätze
die nicht aus ihren büchern können
die vielen bücher
mit dem vielen staub darauf
die gute putzfrau
mit dem staubwedel
Aus dem Band die bearbeitung der mütze. In: Ernst Jandl: Werke in 6 Bänden. Bd. 3. München: Luchterhand, 2006, S.130
Angelika Janz
Wie die Bilder abrutschen Unsere Gedanken aneinander: noch kindheitsbeatmet - und atembrüchig die erinnerten Lachrhythmen im Gleichschritt . Im Hörschatten leise zerdehnte Rufe nach jedwelcher Sprache, Glossolalien . Nun, öffne dich - ab heute hörn wir zum Tee Schreie in der Sprache fast schon verdrängter Symbole . Die Ausgesteuerten so federflüchtig zerstoben: ihre Camerablicke verstofflicht aus weichen, nein gleichen Gedanken, zerrieben zu feinem Flimmern, zu feinem Flaum. Sie sind in den Lüften bald wieder vernetzt. Sag’s: Nie mehr geerdet . Es bleiben: Normierte ErbMassen, gegeneinander getriebene Gier- modelle, totverschlossene Werbepanzer unter irdisch und sag’s nun auch : „Unkaputtbar ist so was, an Verlustlust gescheitert, es wird uns immer angehören . Wie der Mensch gilt als ewig reißfestes Gewebekonstrukt ein Aschespiegel schon lange verglühter Sterne.
Emily Brontë
(* 30. Juli 1818 in Thornton, Yorkshire; † 19. Dezember 1848 in Haworth, Yorkshire) – 200. Geburtstag
Stark steh ich hier, hab wohl erlitten
Wut, Haß und Hohn — ein bittres Weh
Stark steh ich, lache, wenn ich seh
Wie alle Welt mit mir gestritten
Mächtiger Schatten, wie ist mir
Verhaßt die ganze Menschelei
Befrei mein Herz, den Geist befrei
Wink mir und ich folge dir
Irrgeleitet dummes Ding,
Denk nicht von der Welt gering
Sonst sinkst du niedrige Kreatur
Tief unter andre Würmer nur
Elende — in Vermessenheit
Fragst du frech mich um Geleit
Mit Bescheidenen will ich gehen
Übermütige laß ich stehen
Aus dem Englischen von Wolfgang Held. Aus: Emily Brontë: Ums Haus der Sturm. Gedichte. Englisch und deutsch. Ausgewählt, übertragen u.m.e. Nachwort versehen von Wolfgang Held. Leipzig: Insel, 1998, S. 35
Strong I stand, though I have borne
Anger, hate, and bitter scorn;
Strong I stand, and laugh to see
How mankind have fought with me.
Shade of history, I condemn
All the puny ways of men;
Free my heart, my spirit free,
Beckon, and I’ll follow thee.
False and foolish mortal know,
If you scorn the world’s disdain,
Your mean soul is far below
Other worms, however vain.
Thing of Dust, with boundless pride,
Dare you ask me for a guide?
With the humble I will be;
Haughty men are naught to me.
November 1837.
Simon Dach
(* 29. Juli 1605 in Memel, Herzogtum Preußen, Königreich Polen; † 15. April 1659 in Königsberg, Herzogtum Preußen)
Horto recreamur amoeno
Der habe Lust zu Würfeln und zu Karten,
Der zu dem Tanz und der zum kühlen Wein,
Ich liebe nichts, als was in diesem Garten
Mein Drangsalstrost und Krankheitartzt kann sein,
Ihr grünen Bäume,
Du Blumen Zier,
Ihr Haus der Reime,
Ihr zwinget mir
Dies Lied herfür.
Mir mangelt nur mein Spiel, die süße Geige,
Die würdig ist, daß sie mit Macht erschall‘
Hie, wo das Laub und die begrünten Zweige
Am Graben mich umschatten überall,
Hie, wo von weiten
Die Gegend lacht,
Wo an der Seiten
Der Wiesen Pracht
Mich fröhlich macht.
Was mir gebricht an Geld und großen Schätzen,
Muß mein Gemüt und dessen güldne Ruh
Durch freies Tun vnd Fröhlichkeit ersetzen,
Die schleußt vor mir das Haus der Sorgen zu.
Ich will es geben
Um keine Welt,
Daß sich mein Leben
Oft ohne Geld
So freudig hält.
Gesetzt, daß ich den Erdenkreis besäße,
Und hätte nichts mit guter Lust gemein,
Wann ich der Zeit in Angst und Furcht genösse,
Was würd es mir doch für ein Vorteil sein?
Weg mit dem allen,
Was Unmut bringt!
Mir soll gefallen,
Was lacht und singt
Und Freud erzwingt.
Ihr alten Bäum‘ und ihr noch junge Pflanzen,
Ringsum verwahrt vor aller Winde Stoß,
Wo um und um sich Freud und Ruh verschantzen,
Senkt alle Lust herab in meinen Schoß.
Ihr sollt imgleichen
Durch dies mein Lied
Auch nicht verbleichen,
So lang man Blüt
Auf Erden sieht.
Rajzel Żychliński
di schpet-nachtike musik
a. glanz-lejelessn
di schpet-nachtike musik
fun jener sajt want
firt mich zu erter,
zu schtet,
woss wundern sich kejnmol nischt
wen ich kum on,
un schmejchlen lib wen ch´gej awek.
ch’wejss nischt wer ss’wojnt
fun jener sajt want,
a froj zi a man?
is si jung?
is er alt?
un efscher wojnt dort un ss’benkt dort
schopen?
bajtog is dort schtendik schtil — — —
MUSIK SPÄT IN DER NACHT
Für Aaron Glanz—Lejeless
Musik spät in der Nacht
hinter der Wand
führt mich an Orte,
in Städte,
die sich nie wundern,
wenn ich sie besuche,
und herzlich lächeln,
wenn ich wieder geh.
Ich weiß nicht, wer
wohnt hinter der Wand —
eine Frau, ein Mann?
Ist sie jung? Ist er alt?
Und vielleicht wohnt da und sehnt sich
Chopin?
Tagsüber ist es dort immer still.
Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 842f
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