Du bist zart

Claire Goll

(* 29. Oktober 1890 in Nürnberg; † 30. Mai 1977 in Paris)

Du bist zart
Wie die Fingerabdrücke
Der Vögel im Schnee.

Du bist traurig
Wie die Pinie am Berg
Mit dem zerzausten Haar.

Du bist süss
Wie die Datteln
Biblischer Palmbäume.

Und ich betrüge dich,
Gerade weil du so sanft bist
Und so vollendet traurig.

Aus: Claire Goll: Ich liege mit deinen Träumen, Liebesgedichte. Göttingen: Wallstein Verlag, 2009.

Im Schatten eines Boots

Rafael Alberti

(* 16. Dezember 1902 in El Puerto de Santa María, Provinz Cádiz; † 27. Oktober 1999 in El Puerto de Santa María)

Totgeboren

Sylvia Plath

( * 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Massachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)

Totgeboren

Diese Gedichte leben nicht: eine traurige Diagnose.
Dabei wuchsen sie gut, ihre Zehen- und Fingertriebe.
Ihre kleinen Stirnen schwollen vor Konzentration.
Wenn sie es nicht schafften herumzulaufen wie Menschen,
Lag’s nicht an einem Mangel an Mutterliebe.

Ach, ich kann nicht verstehn was mit ihnen passiert ist!
Sie sind richtig in Form und Anzahl und allem Drumrum.
Sie sitzen so nett in der salzigen Flüssigkeit!
Sie lächeln und lächeln und lächeln und lächeln mir zu.
Und doch füllen die Lungen sich nicht und das Herz bleibt stumm.

Sie sind keine Schweine, sie sind noch nicht einmal Fische,
Obwohl sie ein schweiniges, fischiges Wesen haben—
Es wär besser, wären sie lebendig, und das ist’s‚ was sie waren.
Doch sie sind tot, und die Mutter fast tot vor Verzweiflung,
Und sie starren blöde und wollen nichts von ihr sagen.

Aus: Sylvia Plath: Übers Wasser. Nachgelassene Gedichte zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Judith Zander. Wiesbaden: Luxbooks, 2013, S. 61

Glossolalie

Andrej Belyj

(Андре́й Бе́лый; eigentlich Бори́с Никола́евич Буга́ев/Boris Nikolajewitsch Bugajew; * 14. Oktober alten / 26. Oktober 1880 neuen Stils. in Moskau; † 8. Januar 1934 ebenda)

Aus: Glossolalie. Poem über den Laut (1922)

Unter dem deutschen Text der russische Originaltext der Erstausgabe Berlin 1922, danach Anmerkungen; alles aus: Andrej Belyj: Glossolalie / Glossolalia / Глоссолалия. Poem über den Laut. Russische Originalfassung mit deutscher und englischer Übersetzung. Aus dem Russischen von Maka Kandelaki. Translated from the Russian by Thomas R. Beyer, Jr. Hrsg. Taja Gut. Dornach: Pforte Verlag im Rudolf Steiner Verlag, 2003, S. 154f

Ausradiert

Alfonsina Storni

(* 29. Mai 1892 in Sala Capriasca, Bezirk Lugano, Schweiz; † 25. Oktober 1938 in Mar del Plata, Argentinien)

 

Borrada

El día que me muera, la noticia
ha de seguir las práticas usadas,
y de oficina en oficina al punto
por los registros seré yo buscada.

Y allá muy lejos, en un pueblecito
que está durmiendo al sol en la montaña,
sobre mi nombre, en un registro viejo,
mano que ignoro trazará una raya.

Ausradiert

Am Tag an dem ich sterbe, wird die Nachricht
ganz sicher den üblichen Weg gehen,
und man wird von Büro zu Büro
in den Meldestellen umgehend nach mir fahnden.

Und, fernab von hier, in einem kleinen Dorf
in den Bergen, das in der Sonne schläft,
wird eine fremde Hand in einem alten Register
einen Strich durch meinen Namen ziehen.

Aus: Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte. Spanisch-deutsch. Übers. Reinhard Streit. Zürich: teamart, 2009, S. 97

 

O schmecket und sehet

Denise Levertov

(* 24. Oktober 1923 in Ilford, Essex, England; † 20. Dezember 1997 in Seattle, USA)

Aus: SEHEN heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Hrsg., übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. München: Lyrik Kabinett, 2006,  S. 147

Anmerkung aus dem Buch:

Vgl. Wordsworth‘ „The world is too much with us“, „Um uns zu viel Welt“, in einer Übersetzung von Werner von Koppenfels. – Vgl. Psalm 34:9 „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“.

Pestsäule

Jaroslav Seifert

V

Laßt euch nur nicht einreden,
daß die Pest ausgerottet ist in der Stadt.
Noch sehe ich viele Särge
durch dieses Tor fahren‚
das nicht das einzige ist.

Die Pest wütet bis auf den heutigen Tag, doch die Ärzte
geben der Krankheit offenbar andere Namen,
damit keine Panik entsteht.
Es ist immer derselbe alte Tod,
nichts anderes,
und er ist so ansteckend‚
daß ihm keine Menschenseele entkommt.

Sooft ich aus dem Fenster sehe,
ziehen die dürren Klepper den unheilverkündenden Wagen
mit dem dürftigen Sarg.
Aber heutzutage läutet man nicht mehr so oft‚
malt keine Kreuze an die Häuser
und räuchert sie nicht aus mit Wacholder.

Aus dem Zyklus »Die Pestsäule«

Aus: Jaroslav Seifert: Im Spiegel hat er das Dunkel. Tschechisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Olly Komenda-Soentgerath. Frankfurt/Main: Heiderhoff, S. 27

Jaroslav Seifert (* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda), Nobelpreis für Literatur 1984

Olly Komenda-Soentgerath, eigentlich Olly Komendová-Soentgerathová (* 23. Oktober 1923 in Prag; † 8. Juni 2003 in Köln)

Dichternetze

Elisabeth Grube

(geb. Diez, * 22. Oktober 1803 in Netphen; † 21. April 1871 in Düsseldorf)

Dichternetze

Sei still mein Herz, die Morgennebel schwinden,
Mit leisen Tritten kommt der milde Tag,
Trau deinem Stern! du wirst die Liebste finden;
Gib nur dem sanften Zug der Seele nach.

Die Spinne hat ihr künstlich Netz gehangen
Mit kühner Zuversicht auf Strauch und Baum,
Sie wob es still mit eifrigem Verlangen –
Der Fliegenfang ist ihrer Nächte Traum!

O, könnt auch ich ein Zaubernetz dir weben,
Kind meines Herzens, d’rin gefangen du. –
Wie würde deine Lieb‘ die Haft beleben!
Beglückt säh ich dem süßen Spiele zu!

Die Liebe ist Instinkt der Menschenseele,
Ihr Geisterhauch bewegt die Lebensuhr,
Und wenn ich muthig sie zum Leitstern wähle
Folg‘ ich der Gottheit segenvoller Spur. –

Doch neidisch tritt die Welt mit Hindernissen
Der Lieb‘ entgegen und als Leidenschaft
Bricht sie dann Bahn – wie durch die Finsternissen
Des Felsenthals die volle Stromeskraft. –

O höre du des Liedes sanfte Stimme
Und schenke, schenke deinen Anblick mir –
Wie nach dem Blüthenstaub die fleiß’ge Imme
So sehnsuchtvoll verlangt mein Herz nach dir! –

(1852)

Aus: Gedichte von Katharina Diez und Elisabeth Grube, geb. Diez
Stuttgart: Gebr. Scheitlin, 1857, S. 200f

Sirenen

Phoebe Giannisi

Aus: Phoebe Giannisi: Homerika. Gedichte. Übersetzt von Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, 36

Konsum, Komfort und Zeitvertreib

Oskar Pastior

(* 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen; † 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main)

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse; zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd – sie ist nicht so; aber wer blickt noch durch; opak sind die großen Zusammenhänge, an denen man sich orientieren könnte – seltsam nur, in welchem Maße jetzt deutlich wird, was Dichtung ausmacht, wer sie trägt; zu stellen wäre auch die Frage nach dem öffentlichen Rang, dem Preis, der Anerkennung; dem ach so duften Geschmack; »Bescheidenheit und Armut schärft den Intellekt«, meint eine große Mehrheit – sie ist auf Effektivität bedacht; und nur wenige denken anders – die Weggefährten; darum mein Werben für dich, und um dich, weitblickender Geist; du solltest, was du in großen Zügen anfingst, nicht aufgeben.

Aus: Oskar Pastior, Francesco Petrarca: 33 Gedichte. München, Wien: Hanser. 1983, S. 18

Die Situation des Dichters

(Friedrich Hebbel)

(* 18. März 1813, Wesselburen; †: 13. Dezember 1863, Wien)
Andre schaffen, damit sie das Leben sich sichern; dem Dichter
   Muß es gesichert sein, eh' er zu schaffen vermag.

Du schaust mich an, dann vorbei

Jan Erik Vold

(* 18. Oktober 1939 in Oslo)

Aus: Von Zimmer zu Zimmer. SAD & CRAZY. Aus dem Norwegischen von Walter Baumgartner (mit einem Nachwort von Peter Bichsel). Olten: Walter, 1968, S. 52

Brecht bearbeitet Bachmann

1953 oder 1954 bekam Brecht den ersten Gedichtband der jungen Dichterin Ingeborg Bachmann geschenkt. Er las mit Bleistift und machte daraus durch radikale Kürzung „eigene“, der lakonischen Art seines Spätwerks entsprechende Gedichte.


Aus: Gerhard Wolf, Wortlaut Wortbruch Wortlust. Dialog mit Dichtung. Leipzig: Reclam, 1988, S. 129f
Aus: Bertolt Brecht, Große Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. XV: Gedichte 5. Berlin und Frankfurt 1993, S. 280

Aus Hallers Alpen

Albrecht von Haller

(auch Albert von Haller, Albert de Haller; * 16. Oktober 1708 in Bern; † 12. Dezember 1777 ebenda)

Zwei Strophen über die Welt draußen, die Nichtschweiz:

Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser,
Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab;
Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer,
Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab;
Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten,
Speist Tunkins Nest aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd,
Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten,
Räumt Klippen aus der Bahn, schließt Länder ein zur Jagd;
Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben,
Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben!

Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden,
Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn.
Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden;
Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin.
Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet?
Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab.
Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet,
Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruß nicht ab.
Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget,
Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget?

Zwei über die Welt der Alpen (als die Schweiz noch arm und naturnah war):

Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen,
Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt;
Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen,
Weil sich die Menschen selbst die grösten Plagen sind;
Dein Trank ist reine Flut und Milch die reichsten Speisen,
Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu;
Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend Eisen,
Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu sein als du!
Dann, wo die Freiheit herrscht, wird alle Mühe minder,
Die Felsen selbst beblümt und Boreas gelinder.

(…)

Bei euch, vergnügtes Volk, hat nie in den Gemüthern
Der Laster schwarze Brut den ersten Sitz gefasst,
Euch sättigt die Natur mit ungesuchten Gütern;
Die macht der Wahn nicht schwer, noch der Genuß verhasst;
Kein innerlicher Feind nagt unter euren Brüsten,
Wo nie die späte Reu mit Blut die Freude zahlt;
Euch überschwemmt kein Strom von wallenden Gelüsten,
Dawider die Vernunft mit eiteln Lehren prahlt.
Nichts ist, das euch erdrückt, nichts ist, das euch erhebet,
Ihr lebet immer gleich und sterbet, wie ihr lebet.

Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter

Friedrich Nietzsche

(* 15. Oktober 1844 in Röcken; † 25. August 1900 in Weimar)

Dichters Berufung.

Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört‘ ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.

Böse wurd‘ ich, zog Gesichter,
Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.

Wie mir so im Verse-Machen
Silb‘ um Silb‘ ihr Hopsa sprang,
Musst‘ ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang.

Du ein Dichter? Du ein Dichter?
Steht’s mit deinem Kopf so schlecht?
„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Wessen harr‘ ich hier im Busche?
Wem doch laur‘ ich Räuber auf?
Ist’s ein Spruch? Ein Bild? Im Husche
Sitzt mein Reim ihm hintendrauf.

Was nur schlüpft und hüpft, gleich sticht der
Dichter sich’s zum Vers zurecht.
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Reime, mein‘ ich, sind wie Pfeile?
Wie das zappelt, zittert, springt,
Wenn der Pfeil in edle Theile
Des Lacerten-Leibchens dringt!

Ach, ihr sterbt dran, arme Wichter,
Oder taumelt wie bezecht!
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Schiefe Sprüchlein voller Eile,
Trunkne Wörtlein, wie sich’s drängt!
Bis ihr Alle, Zeil‘ an Zeile,
An der Tiktak-Kette hängt.

Und es giebt grausam Gelichter,
Das dies – freut? Sind Dichter – schlecht?
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Höhnst du, Vogel? Willst du scherzen?
Steht’s mit meinem Kopf schon schlimm,
Schlimmer stünd’s mit meinem Herzen?
Fürchte, fürchte meinen Grimm! –

Doch der Dichter – Reime flicht er
Selbst im Grimm noch schlecht und recht.
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.