Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück (* 22. April 1943 in New York City) erhält den Literaturnobelpreis 2020. Auf Deutsch gibt es zwei Gedichtbände in der Übersetzung von Ulrike Draesner: „Averno“ (2007) und „Wilde Iris“ (2008), beide zur Zeit nicht lieferbar.
Jürgen Brôcan übersetzte vier Gedichte für die Anthologie „Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts (München: Stiftung Lyrik Kabinett).
Ein Gedicht erschien in Sinn und Form 6/2019 (Übersetzung Uta Gosmann). – Im Lyrikjahrbuch 2001 (C.H.Beck) erschien das Gedicht „Vesper“ auf Englisch.
Louise Glück in der Lyrikzeitung | im Lyrikwiki

Zum 100. Geburtstag des schizophrenen Dichters Ernst Herbeck (* 9. Oktober 1920 in Stockerau; † 11. September 1991 in Maria Gugging) ein kurzes Gedicht und eine lange Interpretation seines Arztes Leo Navratil.
Der Morgen
Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.
Leo Navratil
Ernst Herbecks Gedicht „Der Morgen“
Ein vierzigjähriger Mann, durch eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Sprechen behindert und seit 20 Jahren schizophren, hospitalisiert, schreibt auf Aufforderung und nach Themaangabe zu dem Titel „Der Morgen“ ein sechszeiliges Gedicht, das viele Menschen seltsam und rätselhaft berührt und ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht.
Der Morgen
Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.
Herr Csabor Bathori, der eine große Zahl von Herbeck-Gedichten ins Ungarische übersetzt hat, fragte mich, wie das Wort „reiht“ zu verstehen sei. Da es sich um ein gewöhnliches Wort deutscher Sprache handelt, überlegte ich mir, in welchem Zusammenhang das Wort „reiht“ normaler Weise vorkommt. So sieht die Sternseherin Lise (Matthias Claudius) die Sterne „aufgereih’t wie Perlen auf der Schnur“. Man kann also Perlen aufreihen oder reihen. Der Wind könnte die Herbstblätter reihen. Der Sinn bleibt ungewiß. – Eine andere Frage ist die nach der Bedeutung der „Mähnen“, die im Schnee sich treffen. Es müssen wohl Pferde sein. Eine ungewöhnliche Metonymie: „Mähnen“ für „Pferde“. Dieses erste Gedicht Ernst Herbecks (er hatte auch vor Beginn seiner Erkrankung nie Gedichte geschrieben) ließ ein Bild in mir entstehen: Während ein „Feenwind“ die herbstlichen Blätter aufwirbelt und seltsam anordnet, kommt im Schneegestöber des frühen Morgens ein Trupp von Reitern zusammen. Amseln pfeifen „heer“ im Wind und fressen. Ich vermute, daß Herbeck „hehr“ (erhaben, heilig) schreiben wollte. Dadurch erhält das rätselhafte Gedicht noch eine weitere geheimnisvolle Note.
In einem anderen Leser dieses kurzen Gedichtes könnte ein ganz anderes Bild entstehen. Welches Bild in Herbecks Kopf war, wissen wir nicht. Es ist nicht uninteressant, zu sehen, wie die Übersetzer in andere Sprachen dieses Gedicht verstanden haben. In einer englischen Übersetzung dieses Gedichtes wird „Feenwind“ mit „wraithwind“ übersetzt. Wraith ist der (Toten-)Geist, ein Doppelgänger oder eine Erscheinung kurz vor oder nach dem Tod eines Menschen. „In fall the wraithwind turns out“ – „Der Geisterwind bringt die Toten aus den Gräbern heraus“.
Otto Breicha sah in seiner Besprechung dieses Gedichtes „das Mähneschütteln hurtiger Schlittenpferde“. Breicha nannte Emst Herbecks „Morgen“ einen „luftigen“ Text, eine „Epiphanie“ nach Joyce und ein „Fluidum-Gedicht“ nach Okopenko, ein „aufregendes Stück Poesie“, das er beim ersten Lesen wahrgenommen hat, wie damals, als er expressionistische Dichtung und Hölderlins „Hälfte des Lebens“ zum erstenmal gelesen und erlebt hatte.
Roger Cardinal wollte dieses Gedicht nicht „entziffern“, meinte aber, daß die Assoziationen des Lesers die ästhetische Wahrnehmung ergänzen und deshalb zur Auffassung eines Gedichtes dazugehören. Auch für ihn schienen die „Mähnen“ solche von Pferden zu sein, die aus verschiedenen Richtungen hergeritten werden, um sich hier zu treffen. An einem Ort, wo es nur den Wind und keine Menschen gibt. Cardinal erinnnert das „reiht“ an reitet und der „Feenwind“ an Goethes Erlkönig („Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“). Das Zusammentreffen der Reiter läßt ihn Böses ahnen: „Drohung, Gewalt, Tod“. Daß am Schluß die Amseln fressen, könnte in der menschenleeren und tristen Atmosphäre ein hoffnungsvolles Zeichen sein.
Gerhard Roth lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wörtchen „da“, das beim Lesen oder Hören des Gedichtes der bewußten Wahrnehmung leicht entgeht. „Im Herbst da reiht“ – dieses „da“ sei wie der Anfang eines Märchens; und das zweite „da“ rühre noch stärker märchenhaft an – „da sich im Schnee die Mähnen treffen“, „da“ ist kein Lieblingswort von Ernst Herbeck, aber wo es auftritt, da tut sich etwas, geschieht etwas, wie in dem Gedicht „Der Dolch“: „da steht er schon tief drinnen im Blute… Da dolchte es in mir herum… Da muß etwas geschehen sein.“ „Amseln pfeifen heer im Wind und fressen“. Diesen Satz nennt Roth „ein (kleines) Gedicht für sich, „heer“ erzähle von einem „uralten Wissen, von einem Raum, den noch kein Mensch betreten hat“. Die Amseln, so spüre man, „wissen etwas, das wir nicht wissen, sind Boten jenes Geheimnisses“, das sich schon im Feenwind angekündigt habe.
Aus der wunderbaren, in meiner Wahrnehmung sehr österreichischen Zeitschrift „Freibord“, herausgegeben von Gerhard Jaschke, Nr. 124 (2/2003), S. 31-33
Hier eine andere Interpretation zu Herbeck

Philipp von Zesen
(* 8. Oktober 1619 in Priorau bei Dessau; † 13. November 1689 in Hamburg)
Aus: Salomons Des Hebräischen Königs Geistliche Wollust. Die Vierte Abtheilung.

Aus: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart in 10 Bänden. Hrsg. Walther Killy. Band 4: Gedichte 1600-1700 Hrsg. Christian Wagenknecht, München: dtv, 2001, S. 103
hinlenden: hingehen
Lutherbibel 2017
Hoheslied 4. Kapitel
3 Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. 4 Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, alle Köcher der Starken. 5 Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. 6 Bis es Tag wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.
Quelle: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Edgar Allan Poe
(* 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts; † 7. Oktober 1849 in Baltimore, Maryland)
Edgar Allen Poes letztes Gedicht. Es erschien kurz nach seinem Tod in einer Zeitschrift – die Redaktion teilte mit, dass es in der ersten Fassung, die ihr zum Druck übergeben worden war, nur 18 Zeilen umfasste, die endgültige Gestalt besteht aus 4 teils längeren Teilen. Es gilt als Klangwunder und steht seit Generationen in amerikanischen Schulbüchern. Das Gedicht wurde von Hans Wollschläger übersetzt.
Aus: DIE GLOCKEN






Aus: E.A. Poe: Der Rabe. Gedichte & Essays. (Gesammelte Werke in 5 Bänden, Band 5). Aus dem Amerikanischen von Arno Schmidt, Hans Wollschläger, Friedrich Polakovics und Ursula Wernicke. Zürich: Haffmans, 1994, S. 165-171.
Peter Gosse
(* 6. Oktober 1938 in Leipzig)
Das Dampfbad
Wir kommen, wie wir gehn: in weißen Laken.
Des Greises wie des Säuglings Haut: Gerunzel.
Das Leben kurz, und kurzgeschorn Rapunzel. –
Warum nur laß ich die Metaphern staken
statt hinzusehn: Der Dampf ist waschecht Dampf!
Wie treibt er doch in gute Schweißausbrüche!
Wie treibt er Süchte in mir und die Flüche
mir aus! Hier ist Sein Sein! Ohne Gestampf
hüpfe, Sonett, in der Terzette Düse
wie Flüßchen Sorgue vorm Häuschen in Vaucluse!
(Von Angst frei, zu vergehn; daß die vergeht —
frei auch von dieser Angst!) Hoch lebe, Dampf!
Gib atemnehmend Atem, lös den Krampf!
Wie rede ich. So drollig, so verdreht.
1984
Aus: Peter Gosse, Erwachsene Mitte. Gedichte Geschichten Stücke Essays. Leipzig: Reclam, 1986, S. 42

Roberto Juarroz
(* 5. Oktober 1925 in Coronel Dorrego, Provinz Buenos Aires; † 31. März 1995 in Temperley, Provinz Buenos Aires)
JEDES GEDICHT MACHT DAS VORHERIGE VERGESSEN,
radiert die Geschichte aller Gedichte aus,
radiert seine eigene Geschichte aus
und auch die Geschichte des Menschen,
um ein Gesicht aus Worten zu gewinnen,
das der Abgrund nicht ausradieren kann.
Auch jedes Wort eines Gedichts
läßt das vorherige vergessen,
löst sich einen Moment
vom vielgestaltigen Baumstamm der Sprache
und trifft sich danach mit den anderen Worten wieder,
um den unumgänglichen Ritus zu erfüllen,
eine andere Sprache zu begründen.
Und auch jede Stille des Gedichts
läßt die vorhergehende vergessen,
geht in die große Amnesie des Gedichts ein
und umhüllt Wort um Wort,
bis sie später hervorkommt und das Gedicht einhüllt
wie eine Schutzhülle,
die vor den anderen Sprecharten bewahrt.
Das alles ist nichts Außergewöhnliches.
Im Grunde
läßt auch jeder Mensch den Vorgänger vergessen,
alle Menschen vergessen.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind alle Dinge letzte Dinge.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind sie auch erste Dinge.
(im Gedenken an Antonio Porchia)
Aus dem argentinischen Spanisch von Tobias Burghardt
Cada poema hace olvidar al anterior, / borra la historia de todos los poemas, / borra su propia historia / y hasta borra la historia del hombre / para ganar un rostro de palabras / que el abismo no borre.
También cada palabra del poema / hace olvidar al anterior. / se desafilia un momento / del tronco multiforme del lenguaje / y después se reencuentra con las otras palabras / para cumplir el rito imprescindible / de inaugurar otro lenguaje.
Y también cada silencio del poema / hace olvidar al anterior, / entra en la gran amnesia del poema / y va envolviendo palabra por palabra, / hasta salir después y envolver el poema / como una capa protectora / que lo preserva de los otros decires.
Todo esto no es raro. / En el fondo, / también cada hombre hace olvidar al anterior, / hace olvidar o todos los hombres.
Si nada se repite igual, / todas las cosas son últimos cosas. / Si nada se repite
igual, / todas las cosas son también las primeras.
(en la memoria unitiva de Antonio Porchia)
Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 372

Vorsehung
Leben und Tod bestimmt das Schicksal,
Reichtum und Rang vergibt der Himmel.
Das sagten schon die Alten,
und das gilt auch heute noch.
So mancher Weise stirbt in jungen Jahren,
der Simpel scheidet vielfach erst als Greis.
Der Dummkopf hortet seine Güter,
ein wacher Geist jedoch kommt nie zu Geld.
Hanshan zugeschrieben (vermutlich 7. Jh.)
Aus: Abscheu. Politische Gedichte aus dem Alten China, hrsg. u. aus dem Chinesischen übersetzt von Thomas O. Höllmann. München und Schupfart: roughbook 051, S. 37

Unseriöser Nachtrag:
Ich habe den chinesischen Text durch ein Scanprogramm gejagt, einmal als traditionelles und einmal als vereinfachtes Chinesisch. In beiden Fällen scheint der Scanner die beiden letzten Zeilen ausgelassen zu haben. Hier die zwei – sagen wir: noch nicht völlig befriedigenden – Ergebnisse:
Leben
Haben
Ming Tian Yu Chuan Ming Nian Bao Qian
Es gibt nichts als kurzfristigen Reichtum
Yuan Ben Gu ist nicht gut, aber reich
Der Tod ist teuer
Ich bin so reich
kalt
Leben
Es gibt 4
Ming Tian Yu Chuan Ming Nian Bao Qian
„Es gibt nichts als kurzes und langes Vermögen
Long Yuan ist gut, aber nicht gut
Der Tod ist teuer
Ich bin so reich, ich bin verrückt und wach
kalt
Sergej Jessenin
(Сергей Александрович Есенин, wiss. Transliteration Sergej Aleksandrovič Esenin; * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad)
Traumgesichte. Dunkelheiten.
Weiß – ein Pferd. Ich seh wen reiten.
Und die reitet, ist bald hier,
und die kommt, sie kommt zu mir.
Kommt, ist schön, ist wie das Licht,
und ich lieb sie, lieb sie nicht.
Hei, du Birke, Russenbaum!
Stehst am Weg, am Wegessaum,
kannst mir einen Wunsch erfüllen:
um der einen, Wahren willen
laß die Zweige Hände sein,
und die kommt, laß nicht vorbei.
Mond und Mondschein. Träume, Bläue.
Huf und Eisen passen heute.
O das Licht, das so geheime –
so, als leuchtets ihr, der einen!
Ihr, die solches Licht erhellt,
ihr, die’s nicht gibt auf der Welt.
Haderlump ich und Halunke,
versedumm und versetrunken.
Nun, sie kam ja, auf dem Zelter,
Herz, du sollst dich nicht erkälten –
Birkenrußland, dir zu frommen,
sei die Falsche mir willkommen.
2. Juli 1925
Вижу сон. Дорога черная.
Белый конь. Стопа упорная.
И на этом на коне
Едет милая ко мне.
Едет, едет милая,
Только нелюбимая.
Эх, береза русская!
Путь дорога узкая.
Эту милую, как сон,
Лишь для той, в кого влюблен,
Удержи ты ветками,
Как руками меткими.
Светит месяц. Синь и сонь.
Хорошо копытит конь.
Свет такой таинственный,
Словно для единственной –
Той, в которой тот же свет
И которой в мире нет.
Хулиган я, хулиган.
От стихов дурак и пьян.
Но и все ж за эту прыть,
Чтобы сердцем не остыть,
За березовую Русь
С нелюбимой помирюсь.
Июль 1925
Источник: https://sergey-esenin.su/stihi-o-lyubvi/vizhu-son-doroga-chernaya/
Deutsch von Paul Celan
(Anmerkung: „Sie“ müsste eigentlich „er“ sein, denn „der Tod“, um den es zu gehen scheint, derzumindest in den Schlusszeilen der ersten zwei Strophen abgewehrt wird, ist im Russischen weiblich, смерть, smertj, sozusagen „die Tödin“.)
Aus: Sergej Jessenin: Gesammelte Werke 1: Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1995, S. 246. (Vorabdruck in Sinn und Form 2/1961). Mit dem russischen Text in: Jessenin, Gedichte. Russisch und deutsch. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam, 1981, S. 206f.
Gary Snyder
(* 8. Mai 1930 in San Francisco)

Anmerkung des Autors:
Eine konfuzianische, dem Lun Yü entlehnte Forderung, die bei K’ung zu der Forderung nach dem cheng ming, der »Richtigstellung der Begriffe« führt, ein Terminus, der dem flaubert’schen mot juste recht verwandt ist.
Aus: Gary Snyder, Maya. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Alexander Schmitz. München: Carl Hanser Verlag, 1972 (Reihe Hanser 85), S. 7
Jürgen Fuchs (* 19. Dezember 1950 in Reichenbach im Vogtland; † 9. Mai 1999 in Berlin)
WENN DU MICH SUCHST
und gar nicht findest
verloren bin ich lange nicht
Kann sein, ich sitz
vor hohen Herren
und kleinen Häschern vor Gericht
Ein Wort, ein Satz
vielleicht auch ein Gedanke
wenn’s hoch kommt ein Gedicht
Ach so, du weißt schon
welches Hinterzimmer
verloren bin ich lange nicht
für amrei und gerulf 8. 2. 75
(Erstveröffentlichung)
Aus: Poesiealbum 356: Jürgen Fuchs. Auswahl Utz Rachowski. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2020, S. 4
Anne Carson
(* 21. Juni 1950 in Toronto)
Die Mimnermos-lnterviews (I)
M: Ich wunder mich dass Sie den ganzen Weg gekommen sind
I: Was für ein Sumpfloch
M: Sie mögen keinen Regen
I: Nein fangen wir an können wir mit Ihrem Namen anfangen
M: Nach meinem Großvater benannt
I: Dem Krieger
M: Dem großen Krieger
I: Können Sie uns etwas über ihn erzählen
M: Er liebte Gewitterstürme Oliven und die wilderen Aspekte
des Lebens hienieden Und Kriege
I: Keiner wie er handelt von ihm
M: Ich müsste jetzt zustimmen aber Sie wissen ja ein Großteil
ist erfunden nackt kämpfen und so
I: Ich verstehe den Text den wir haben als eine Art Proöm zu
einem deutlich längeren Werk
M: Nun ich weiß nicht was man bei Ihnen heutzutage so liest
amerikanische Verlage haben mitunter merkwürdige Ideen
I: Ich glaube die Standard-Ausgabe
M: Ärgern Sie sich nicht
I: Ich ärger mich nicht bin nur pflichtbewusst
M: Wie Moos
I: Was für ein komischer Vergleich haben Sie je eine Psychoanalyse
gemacht
M: Nicht dass ich wüsste warum fragen Sie
I: Moos heißt mein Analytiker
M: ln New York
I: Ja
M: Ist er gut
I: Sie ja sehr gut sie durchschaut mich
M: Zu meiner Zeit stand Blindheit höher im Kurs
I: Mystisch
M: Ich glaube ein Wort wie mystisch gab es bei uns nicht wir
hatten Götter und Götternamen die sprichwörtlich waren
zum Beispiel »versteckt in Zeus Hudensack (sic!)«
I: Das würde Doktor Moos gefallen darf ich Sie zitieren
M: Ah die perfekte Zuhörerin ja ich habe immer geträumt sie
eines Tages zu finden
In: Anne Carson: Irdischer Durst. Aus dem kanadischen Englisch von Marie Luise Knott. Berlin: Matthes & Seitz, 2020, S. 23f
Rolf Haufs
(* 31. Dezember 1935 Düsseldorf-Bilk, † 26. Juli 2013 Berlin)
NEUNZEHN ZEILEN ZUR POETIK
In Versen ja doch nicht gezählt die Finger
An der Hand. Auch nicht geschmiedet obwohl
Das Feuer brennt. Endlich den Reim der uns
Von alters her ein schön Geklingel. Ihn nur
Wenn keine Not nach innen und nach außen
Mit Zacken im Gemüt läßt sichs nicht schöner
Tanzen. In Stücken Finden wir zur Poesie
Und heben alles auf was stürzt im freien Fall
Wie Bombensplitter scharf mit scharfen Kanten
Und noch etwas bedenken wir. In Wahrheit
Schwärzen wir uns ein und kommen wie getarnt
Aus unsern Höhlen. Schnell stolpern wir erneut
Das Teufelszeug die Wörter reicht nicht aus
Das was uns gegenläuft zu nennen
Dann lieber doch Musik die wie von selbst
Die Dissonanzen streut ganz ohne Deutung
Nur für sich. So ungefähr soll uns verstehn
Wer will. Und wer getroffen wird dem können
Wir nicht helfen. Seis drum wir habens so gewollt.
Aus: Poesiealbum 355, Rolf Haufs. Auswahl Kerstin Hensel. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 2020, S. 3
H. D.
(* 10. September 1886 in Bethlehem, Pennsylvania; † 27. September 1961 in Zürich, Schweiz)
Fragment 113
“Weder Honig noch Biene für mich. ”
-SAPPHO.
Nicht Honig,
nicht die Beute der Biene
aus Blüten von Wiese oder Sand
oder Busch am Berg;
aus Winterblüten oder Trieben,
geboren aus später Glut:
nicht Honig, nicht den süßen
Farbfleck auf Lippen und Zähnen:
nicht Honig, nicht das tiefe
Eintauchen weichen Bauches
und das Haften der goldrandigen
pollen-bestaubten Beinchen;
blendet Entzücken auch meine Augen,
und kräuselt Hunger auch
meinen Mund dunkel und träge:
nicht Honig, nicht der Süden,
nicht der lange Stengel
roter Zwillingslilien,
noch leichtes Gezweig vom Obstbaum
eingefangen in biegsamem leichtem Gezweig;
nicht Honig, nicht der Süden;
ah, Blüte der purpurnen Lilie,
Blüte der weißen,
oder der Iris, ausdörrend das Gras –
denn ein Fleckchen des Sonnenfeuers
sammelt solche Glut und Kraft,
daß selbst Schattenriß Licht ist,
das durch die Blütenblätter
der gelben Iris fallt;
nicht Iris – altes Sehnen – altes Leiden –
altes Vergessen – alte Pein –
nicht dies, noch überhaupt Blüte,
sondern wenn du dich wieder umwendest,
die Stärke von Arm und Kehle suchst,
berührst wie der Gott;
vergiß den Leierton;
wissend, daß du nirgends am Leibe
ein Beben der Saite
spüren wirst,
sondern Glut, leidenschaftlichere,
des Gebeins und der weißen Schale
und feurig gehärteten Stahls.
Aus: H.D. (Hilda Doolittle): Denken und Schauen : Fragmente der Sappho.
Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt und herausgegeben
von Günter Plessow, roughbook 016, Solothurn, Badenweiler und
Berlin, Oktober 2011, S. 113ff
Fragment 113
“Neither honey nor bee for me, ”
—SAPPHO.
Not honey,
not the plunder of the bee
from meadow or sand-flower
or mountain bush;
from winter-flower or shoot
born of the later heat:
not honey, not the sweet
stain on the lips and teeth:
not honey, not the deep
plunge of soft belly
and the clinging of the gold-edged
pollen-dusted feet;
though rapture blind my eyes,
and hunger crisp
dark and inert my mouth,
not honey, not the south,
not the tall stalk
of red twin-lilies,
nor light branch of fruit tree
caught in flexible light branch;
not honey, not the south;
ah flower of purple iris,
flower of white,
or of the iris, withering the grass—
for fleck of the sun’s fire
gathers such heat and power,
that shadow-print is light,
cast through the petals
of the yellow iris flower;
not iris—old desire—old passion—
old forgetfulness—old pain—
not this, nor any flower,
but if you turn again,
seek strength of arm and throat,
touch as the god;
neglect the lyre-note;
knowing that you shall feel,
about the frame,
no trembling of the string
but heat, more passionate
of bone and the white shell
and fiery tempered steel.
Fragment 113 erschien 1921 in Hymen, a Volume of Poems. Die letzte Strophe klingt in Lord Byrons Burning Sappho nach.
T. S. (Thomas Stearns) Eliot
(* 26. September 1888 in St. Louis, Missouri, Vereinigte Staaten; † 4. Januar 1965 in London)
SWEENEY UNTER DEN NACHTIGALLEN
Warum sollte ich von der Nachtigall sprechen? Die Nachtigall
singt von ehebrecherischem Unrecht
Apeneck Sweeney spreizt die Knie,
Die Arme sinken ihm im Lachen;
Der Zebrapelz streift ihm das Kinn,
Gefleckt wie ein Giraffenrachen.
Des Monds bewegtes Spiegelbild
Treibt westwärts auf den Wassern vor;
RABE und TOD ziehn drüber hin,
Sweeney starrt ins gehörnte Tor.
ORION düster und der HUND
Schaun trübe, leis die Wogen ziehn;
Das Weibsbild in dem span’schen Cape
Sucht Gleichgewicht auf Sweeneys Knien,
Stürzt ab und reißt das Tischtuch mit.
Schlägt in den Henkelkrug ein Loch,
Findet sich drunten erst zurecht.
Gähnt still und zieht die Strümpfe hoch.
Der stille Mann in Mokkabraun
Am Fenstersimse gähnt verrucht;
Der Kellner bringt Orangen an,
Bananen, Feigen, Treibhausfrucht.
Das stille Wirbeltier in Braun
Spreizt sich, verschwindet, stummer Fisch.
Rahel, geborene Rabinow,
Greift nach den Trauben mörderisch.
Sie und die Dame in dem Cape
Sind nicht geheuer, wohl im Bund,
Weshalb der Mann mit schwerem Aug‘
Die Lust verliert und müd wird und
Den Raum verläßt, von draußen dann
Sich an das Fenster lehnet dicht.
Und Oleanderbuschgesträuch
Umrahmt ein grinsendes Gesicht.
Der Wirt spricht an der Türe leis
Mit wem, man sieht ihn nicht genau.
Die Nachtigallen schlagen laut
Im Kloster unsrer Lieben Frau,
Und schlugen in dem blutigen Wald,
Der Agamemnons Schrei ertrug.
Und spritzten Tropfen flüssigen Kots
Auf ein entehrtes Leichentuch.
Aus: Hans Hennecke: Gedichte von Shakespeare bis Ezra Pound. Einführungen, Urtexte und Übertragungen. Wiesbaden: Limes, 1955, S. 189/191
Sweeney among the Nightingales
Why should I speak of the nightingale? The nightingale sings
of adulterous wrong
Apeneck Sweeney spread his knees
Letting his arms hang down to laugh,
The zebra stripes along his jaw
Swelling to maculate giraffe.
The circles of the stormy moon
Slide westward toward the River Plate,
Death and the Raven drift above
And Sweeney guards the hornèd gate.
Gloomy Orion and the Dog
Are veiled; and hushed the shrunken seas;
The person in the Spanish cape
Tries to sit on Sweeney’s knees
Slips and pulls the table cloth
Overturns a coffee-cup,
Reorganised upon the floor
She yawns and draws a stocking up;
The silent man in mocha brown
Sprawls at the window-sill and gapes;
The waiter brings in oranges
Bananas figs and hothouse grapes;
The silent vertebrate in brown
Contracts and concentrates, withdraws;
Rachel née Rabinovitch
Tears at the grapes with murderous paws;
She and the lady in the cape
Are suspect, thought to be in league;
Therefore the man with heavy eyes
Declines the gambit, shows fatigue,
Leaves the room and reappears
Outside the window, leaning in,
Branches of wistaria
Circumscribe a golden grin;
The host with someone indistinct
Converses at the door apart,
The nightingales are singing near
The Convent of the Sacred Heart,
And sang within the bloody wood
When Agamemnon cried aloud
And let their liquid siftings fall
To stain the stiff dishonoured shroud.
(1918/19)
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