Am 1. April 2005 starb Thomas Kling. Hier zum Anlaß ein Gedicht aus dem Band Sondagen (DuMont 2002), wiederabgedruckt in Band 3 der 4bändigen Werkausgabe bei Suhrkamp 2020. Eigentlich handelt es sich um eine Übersetzung einer antiken Dichterin, Nossis, die um 300 vor unserer Zeitrechnung lebte. Kling übersetzte es nicht aus dem griechischen Urtext, sondern nach einer englischen Fassung des Dichters Kenneth Rexroth. Mehr von Nossis selbst morgen hier.
Thomas Kling
(* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)
NOSSIS
»Nichts ist süßer als die liebe
Zweitrangig jede glückseligkeit
Selbst honig spuck von meinem
Mund ich aus« ich Nossis sage das
»Wenn irgendein mädchen unbeleckt
Ist von der liebe kann sie nicht sagen
Welcher art blume die rosen sind«
Aus: Thomas Kling, Sondagen. Gedichte. Köln: DuMont, 2002, S. 129
Goûts Royaux
Louis Quinze aimait peu les parfums. Je l’imite
Et je leur acquiesce en la juste limite.
Ni flacons, s’il vous plaît, ni sachets en amour !
Mais, ô qu’un air naïf et piquant flotte autour
D’un corps, pourvu que l’art de m’exciter s’y trouve ;
Et mon désir chérit et ma science approuve
Dans la chair convoitée, à chaque nudité
L’odeur de la vaillance et de la puberté
Ou le relent très bon des belles femmes mûres.
Même j’adore — tais, morale, tes murmures —
Comment dirais-je ? ces fumets, qu’on tient secrets,
Du sexe et des entours, dès avant comme après
La divine accolade et pendant la caresse,
Quelle qu’elle puisse être, ou doive, ou le paraisse.
Puis, quand sur l’oreiller mon odorat lassé,
Comme les autres sens, du plaisir ressassé,
Somnole et que mes yeux meurent vers un visage
S’éteignant presque aussi, souvenir et présage,
De l’entrelacement des jambes et des bras,
Des pieds doux se baisant dans la moiteur des draps,
De cette langueur mieux voluptueuse monte
Un goût d’humanité qui ne va pas sans honte,
Mais si bon, mais si bon qu’on croirait en manger !
Dès lors, voudrais-je encor du poison étranger,
D’une flagrance prise à la plante, à la bête
Qui vous tourne le cœur et vous brûle la tête,
Puisque j’ai, pour magnifier la volupté,
Proprement la quintessence de la beauté ?

KÖNIGLICHE LÜSTE
Ludwig der Fünfzehnte verschmähte die künstlichen Dufte.
Ich eifere ihm nach und liebe sie nicht sehr.
Riechkissen und Flakon mag ich nicht mehr,
doch sollen unbefangene pikante Lüfte,
voll starkem Anreiz um die Körper fliessen.
Ich liebe — und es ist nach Wunsch und Wissen –
wenn in der Nacktheit dem begehrten Fleisch
der Tüchtigkeiten und der Reife Duft entbricht
mit schöner Frauen Fleischarom zugleich.
Sogar vergöttere ich — still, nörgelnde Moral! –
jene verheimlichten Gerüche aus dem Tal
unsres Ergötzens, vor wie nach der Paarung
und während dieser göttlich-schönen Offenbarung.
Wenn mein Geruch dann übermüd und matt
sich wie die andern Sinne im Genuss gesättigt hat,
meine Augen ersterben gegen ein erlöschendes Gesicht,
so steigen als Erinnerung und Bericht
verrankter Körper von den süssen Füssen,
die sich im zarten Schweiss der Decken küssen,
aus der Ermattung nach dem Wollustspiel,
Düfte von Menschtum, das nicht ohne Schamgefühl,
und gut, so gut, man möchte sie einsaugen.
Was könnten mir danach noch fremde Gifte taugen,
ein Wohlgeruch von Pflanze oder Tier,
der euch das Herz verwirrt, den Kopf verdreht,
da ich, was jeder Wollust Gipfelspitze,
so rein der Schönheit Quintessenz besitze?
Aus: Verlaine. Frauen. Französische und deutsche Ausgabe des Buches „Femmes“. Société des Bibliophiles à Lausanne, o. J., S. 23
(Nach Recherchen des Antiquars deutsch von Curt Moreck, vermutlich Steegemann Verlag, Hannover, um 1921. Soviel zur nörgelnden Moral.)
Das Original erschien anonym 1890 in Brüssel.
Wu-di von Han
(Wu-ti, Wu-Ty, Kaiser Wu (von Han), geboren als Liu Che; chinesisch 漢武帝 / 汉武帝, Pinyin Hàn Wǔdì, * 156 v.u.Z.; † 29. März 87 v.u.Z.)
Zum Todestag des auch dichtenden Kaisers ein Gedicht in drei deutschen Versionen. Ich füge die jeweilige Schreibweise des Namens hinzu. Man sieht schon von außen, dass es drei sehr unterschiedliche Gedichte geworden sind. Von den dreien konnte nur der dritte Chinesisch und dürfte aus dem Original übersetzt haben.
HERBST
KAISER WU-TY

Der Herbstwind tobt, die weissen Wolken jagen
Mit Schwärmen wilder Gänse um die Wette,
Vergilbte Blätter taumeln durch die Luft.
Die Lotosblumen welken ab, die Rosen
Stehn ohne Duft. Mich martert die Erinnerung
An Eine, die ich nicht vergessen kann.
Ich muss sie Wiedersehn! Ich mache eilig
Das Boot los, um in ihm das andre Ufer
Des Flusses zu erreichen, wo sie wohnt.
Der Strom geht stark, das Wasser rauscht wie Seide
Und quillt empor und kräuselt sich im Winde,
Trotz aller Mühe komm ich nicht vom Fleck.
Mir Mut zu machen, heb ich an zu singen.
Doch wehe! meine Schwäche bleibt dieselbe,
Und traurig und in Qualen stirbt mein Lied.
O Liebesglut! Du drängst zu ihr hinüber,
Die mich erfüllt, — ich aber kann nicht folgen,
Ich bin im Herbste, meine Kraft ist aus.
Der Herbst des Lebens weht durch meine Tage,
Ich sehe in die Strömung und erblicke
Ein Greisenbild erzitternd unter mir.
Aus: Hans Bethge, Die chinesische Flöte. Nachdichtungen chinesischer Lyrik. Leipzig: Insel, 1920, S. 9f
Kaiser Wu-ti
RUDERLIED

Und der Herbst hat sich erhoben,
Und die wilden Gänse toben.
Führ das Ruder, lieber Bruder,
Eh in Asche du zerstoben.
Laß, o laß die Chrysanthemen,
Laß, o laß die blassen Schemen!
Führ das Ruder, lieber Bruder,
Und die Wogen laß uns zähmen.
Nimm ein Weib nach deiner Weise
Auf die wilde Wogenreise.
Führ das Ruder, lieber Bruder,
Eh der Kiel zerbarst im Eise.
Aus: Klabund, Chinesische Gedichte. Gesamtausgabe. Wien: Phaidon o.J. S. 11
Kaiser Wu-di von Han

Auf einer Flußfahrt geschrieben
Herbstwind erhebt sich und die weißen Wolken fliehen.
Verwelkt sind Gras und Baum. Wildgänse südwärts ziehen.
Im edlen Hauch der Orchidee, im Chrysanthemenprangen
Gedenke ich der Liebsten, ach, mit innigem Verlangen,
Wo auf dem Fën-Fluß meine hohen Schiffe gleiten,
Seh ich im Strom den Schaum der Wellen sich verbreiten.
Von Flöt und Trommel tönt das Ruderlied.
Doch mitten in der Lustbarkeit hat Schwermut mich umfangen,
Dem Alter, ach, entrinn ich nicht, die Jugend flieht.
Aus: Lyrik des Ostens: China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv 1961 (zuvor Hanser 1958)
Gisèle Prassinos
(Geboren am 16. Februar 1920 in Istanbul, gestorben am 15. November 2015 in Paris)
Eine französische Autorin mit griechischen Wurzeln, geboren in Istanbul. Ein „Wunderkind“ der Surrealisten. André Breton schrieb über die Gedichte der 14jährigen: „Das ist die permanente Revolution in hübschen kolorierten Bilden zu einem Sou … Alle Dichter beneiden sie darum. Swift schlägt die Augen nieder, Sade schließt seine Bonbonnière.“.. Er nahm sie in seine „Anthologie des schwarzen Humors“ auf. 1935 erschienen ihre Gedichte mit einer Einleitung von Paul Éluard und einem Foto von Man Ray. Später lockerte sich ihre Beziehung zu den Surrealisten, aber sie schrieb und publizierte weiter.

Der Einarmige
Ich muß diese Nacht
Diese Hände ins Meer eintauchen
Sie sind so gut wie neu
Und ihre tiefen Falten leben noch
Morgen werde ich ihnen zeigen
Wie man furchtlos die Stätte der Algen berührt
Beim Verlassen des Wassers
Zerfällt sie lautlos
Bald werden sie mir Vorbild sein

Um Hände aus ihnen zu machen
Treu vereint
Für mich.
Deutsch von Gerd Henniger. Aus dem legendären „Surrealismusziegel“, 1480 Seiten im kompakten Format 12×9 cm, Dünndruck mit zwei Lesebändchen. Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Bäcker, Edouard Jaguer und Petr Král. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986 (2. Aufl.), S. 1090.
Link: Die arthritische Heuschrecke. Von Alexandru Bulucz. Faust Kultur
Das Mädchen und die Männer: Foto von Man Ray
Sophie Mereau
(* 27. März 1770 in Altenburg; † 31. Oktober 1806 in Heidelberg; wiederverheiratete Brentano)
Der Wein Einer Fackel vergleich' ich den Wein: beleuchtet sie liebliche Bilder, frischt ein schimmernder Tag üppig die Farben nur an; aber erhellet ihr Strahl das Inn're verdorb'ner Naturen, springt in ein schneidendes Licht schnell das Gemeine hervor. Das Unbegreifliche Warum uns so wenig ergreift? Weil der Begriffe so viele; denn es begeistert nur das, was unbegreiflich uns bleibt. Der Ungewöhnliche. Mancher wohl hält sich für ungewöhnlich; doch ist es nur dieser, dem Ungewöhnliches leicht, schwer das Gemeine erscheint. Der Beständige. Einmal lieb' ich, und Einmal leb' ich, unsterbliche Götter! Wenn ihr das Eine mir raubt, nehmt auch das Andre dahin! Der Flüchtige. Öfters glaubt' ich zu lieben am Morgen; doch winkte der Abend, war die treulose Gluth schon mit der Sonne entflohn.
Aus: Mereau, Sophie: Gedichte. Erstes Bändchen. Berlin 1800. Digitale Edition von Jochen A. Bär. Vechta 2014. (Quellen zur Literatur- und Kunstreflexion des 18. und 19. Jahrhunderts, Reihe B, Nr. 737.)
A. E. Housman
(* 26. März 1859 in Fockbury, Grafschaft Worcestershire; † 30. April 1936 in Cambridge)
Aus: Ein Junge aus Shropshire
7
Als Rauch aufstieg von Ludlow,
am Teme der Dunst zerrann,
im Gegenlicht des Morgens
schritt fröhlich ich voran
mit Pflugschar und Gespann.
In dem Gebüsch die Amsel
sah auf, als ich so schritt,
sie lauschte auf mein Pfeifen
zu schwerer Hufe Tritt.
Dann flötete sie mit:
«Laß sein! Laß sein, mein Junge.
Auf! Auf! – Bringt das Gewinn?
Steh auf an tausend Tagen,
zum Schluß legst du dich hin!
Ist das des Lebens Sinn?»
Mit ihrem gelben Schnabel
sang sie. Mir wars zuviel,
hob einen Stein und warf ihn
und nahm sie mir zum Ziel.
Da war der Vogel still.
Doch meine Seele in mir
nahm auf der Amsel Klang,
und neben meinen Pferden
am taubedeckten Hang,
war ich es, der ihn sang:
«Laß sein! Laß sein, mein Junge,
stets westwärts zieht das Licht.
Der Weg fuhrt heim zur Ruhe,
den man zum Werk aufbricht.
Was Beßres gibt es nicht.»
Deutsch von Hans Wipperfürth
Anmerkung: In den Strophen sind im Original die 2., 4. und 5. Zeile etwas eingerückt.
Aus: Englische und amerikanische Dichtung, Bd. 3, Von R. Browning bis Heaney. München: C.H. Beck, 2000, S. 77/79
Einzelausgabe: A Shropshire Lad / Ein Junge aus Shropshire. Übersetzungen von Hans Wipperfürth. Heidelberg 2000
A Shropshire Lad
VII
When smoke stood up from Ludlow,
And mist blew off from Teme,
And blithe afield to ploughing
Against the morning beam
I strode beside my team,
The blackbird in the coppice
Looked out to see me stride,
And hearkened as I whistled
The trampling team beside,
And fluted and replied:
„Lie down, lie down, young yeoman;
What use to rise and rise?
Rise man a thousand mornings
Yet down at last he lies,
And then the man is wise.“
I heard the tune he sang me,
And spied his yellow bill;
I picked a stone and aimed it
And threw it with a will:
Then the bird was still.
Then my soul within me
Took up the blackbird’s strain,
And still beside the horses
Along the dewy lane
It sang the song again:
„Lie down, lie down, young yeoman;
The sun moves always west;
The road one treads to labour
Will lead one home to rest,
And that will be the best.“
Daniel Schiebeler
(* 25. März 1741 in Hamburg; † 19. August 1771 ebenda)
Guter Rath.
Lies wenig, denke viel, geh viel mit andern um;
Sonst bleibst du, glaub es mir, bey allen Büchern dumm.
Die verliebte Verzweifelung.
Sich Chloens Liebe zu erwerben,
Was that Alcindor nicht! Umsonst war seine Müh.
Zuletzt entschloß er sich, zu sterben;
Und er durchbohrte sich in einer Elegie.
Belehrung.
Moralisirender Melint,
Du sprichst: die Lust zum Wein regiert in vielen Dichtern,
Ich geb‘ es zu; doch wisse, Freund, sie sind
Berauscht vernünft’ger, als du nüchtern.
Aus: Daniel Schiebelers, Doktors der Rechte, und E. Hochehrw. Hamb. Domkapitels Kanonici, Auserlesene Gedichte. Herausgegeben von Johann Joachim Eschenburg, Professor am Collegio Carolino zu Braunschweig. Hamburg: Bode, 1773, S. 293, 297, 293
Lawrence Ferlinghetti
(* 24. März 1919 in Yonkers, New York; † 22. Februar 2021 in San Francisco, Kalifornien)
Aus: Elegie auf den Tod von Kenneth Patchen
Ein Dichter wird geboren Ein Dichter stirbt Und alles was dazwischen liegt
sind wir und die Welt
Und die Welt bringt Lügen darüber tut als hätte sie seine Botschaft verstanden dabei ist sie aus Dichtung aber der Welt größter Teil wünscht ihn einfach vergessen zu können und seine so seltsamen Prophezeiungen
Samt all den andern seltsamen Dingen die er sagte über die Welt allzu wahr nur und die ihnen Angst machten vor ihm mehr als daß sie ihn liebten obwohl er viel von Liebe sprach Samt all den Warnungen die er äußerte und die dann falscher Alarm waren wenn auch nur für den Augenblick die alle ihnen Angst machten vor seiner Zunge mehr als daß sie ihn liebten Obwohl er viel von Liebe sprach und niemals lebte durch »Schweigen, Verbannung & List« und ein lauter Kriegsdienstverweigerer war und Gegner der Tode die wir täglich einander geben obwohl wir viel von Liebe sprechen Und wenn solch einer stirbt sollten sogar die Todesagenten aufmerken und die Scheiße aus ihren Flügeln schütteln in Air Force One Aber sie tun’s nicht Und die Scheiße fliegt noch immer
Dies ist der Anfang eines Gedichts, die erste Seite eines Buches. Das Original ist in Strophen nach Art Hölderlinscher „rhapsodischer Oden“ eingeteilt – Reihen von Zeilen, jede etwas weiter rechts eingerückt. Ich probiere es einmal in Prosa – an den Großbuchstaben im Innern erkennen Sie Zeilenanfänge, aber vielleicht braucht man sie nicht. Das Original steht in: Lawrence Ferninghetti, Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Wulf Teichmann. Hanser 1980, S. 7.
Hier kann man das Gedicht im Original sehen und hören
Adam Zagajewski
(* 21. Juni 1945 in Lemberg, Ukrainische SSR; † 21. März 2021 in Krakau)
Gedichte über Polen
Ich lese Gedichte über Polen, geschrieben
von fremden Dichtern, Deutsche und Russen
haben nicht nur Gewehre, auch
Tinte, Federn, auch etwas Herz und viel
Phantasie. Das Polen in ihren Gedichten
erinnert an ein verwegenes Einhorn,
das von der Wolle der Gobelins sich nährt, das
schön ist, schwach und unvernünftig. Ich weiß nicht,
worin der Mechanismus der Täuschung besteht,
aber auch mich, den nüchternen Leser,
betört dieses märchenhafte, wehrlose Land,
von dem sich die schwarzen Adler, die hungrigen
Kaiser, das Dritte Reich und das Dritte Rom nähren.
Deutsch von Karl Dedecius, aus: »Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts«. Herausgegeben von Karl Dedecius/Deutsches Polen-Institut. 5 Abteilungen in sieben Bänden. Zürich: Ammann Verlag 1996ff. Abteilung »Poesie«. Hrsg. und übertragen von Karl Dedecius. Zürich: Ammann 1996. (c) Hanser Verlag München
Johann Wolfgang Goethe
(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar)
Lied des phisiognomischen Zeichners
O daß die innre Schöpfungskraft
Durch meinen Sinn erschölle
Daß eine Bildung voller Saft
Aus meinen Fingern quölle.
Ich zittre nur ich stottre nur
Ich kann es doch nicht lassen
Ich fühl ich kenne dich Natur,
Und so muß ich dich fassen.
Wenn ich bedenk wie manches Jahr
Sich schon mein Sinn erschließet,
Wie er wo dürre Heide war,
Nun Freudenquell genießet
Da ahnd ich ganz Natur nach dir
Dich frei und lieb zu fühlen
Ein lustger Springbrunn wirst du mir
Aus tausend Röhren spielen
Wirst alle deine Kräfte mir
In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Dasein hier
Zur Ewigkeit erweitern.
Erste Fassung ohne Titel, aber mit zwei zusätzlichen Strophen am 5.12.1774 in einem Brief an Merck, mit dem hier verwendeten Titel kurze Zeit später an Lavater gesandt und so 1775 in den Physiognomischen Fragmenten gedruckt. 1789 in bearbeiteter Form unter dem Titel Künstlers Abendlied in Schriften veröffentlicht.
Nizar Qabbani
(* 21. März 1923 in Damaskus; † 30. April 1998 in London; arabisch نزار قباني)
Was sage ich ihm?

Was sage ich ihm wenn er zu mir kommt
und fragt, ob ich ihn hasse oder liebe?
Was sage ich, wenn seine Finger die Nacht
aus meinen Haaren streichen und sie hüten?
Wie gestatte ich’s ihm, seinen Stuhl heranzurücken
und daß seine Hände auf meinen Hüften ruhen?
Morgen, wenn er kommt, geb’ ich ihm seine Briefe
zurück und wir füttern das Feuer mit dem Schönsten das wir uns schrieben.
Oh meine Geliebte! Bin ich wirklich seine Geliebte?
Kann ich nach der Trennung seinen Absichten trauen?
Ist meine Affäre mit ihm nicht schon vor Jahren geendet?
Ist die Erinn’rung an ihn nicht wie Sonnenstrahlen erstorben?
Haben wir nicht schon vor langer Zeit die Gläser der Liebe zerbrochen?
Wie könnten wir um Gläser weinen, die wir zerschlagen haben?
Oh Gott, mich martern seine kleinen übriggebliebenen Spuren
wie kann ich mich retten, oh Gott, vor diesen Dingen?
Hier seine Zeitung, in einer Ecke liegengelassen
dort ein Buch, das wir gemeinsam gelesen haben
Auf den Sesseln verstreut die Asche seiner Zigaretten
und in den Winkeln Spuren seiner Überbleibsel
Was starre ich in den Spiegel, ihn fragend
nach dem Kleid, in dem ich ihm begegnet bin.
Soll ich behaupten, daß ich ihn hasse? Wie könnte ich
jemanden hassen, der unter meinen Lidern wohnt?
Und wie könnte ich vor ihm fliehen? Er ist mein Schicksal
hat denn der Fluß die Macht, sein Bett zu verlassen?
Ich liebe ihn! Ich weiß nicht, was ich an ihm liebe
selbst seine Makel sind nicht länger Makel
Die Liebe hienieden ist Teil unsrer Vorstellungskraft
hätten wir sie nicht vorgefunden, so hätten wir sie erfunden.
Was soll ich ihm sagen, wenn er kommt und wissen will
ob ich ihn liebe? Ich, ich liebe ihn tausendfach.
Aus: Khalid al-Maaly (Hrsg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Das Arabische Buch, 2000, S. 49ff
(Übersetzer nicht angegeben – außer dem Herausgeber haben Heribert Becker und Suleman Taufiq mitgewirkt).
Frühlingsanfang, Geburtstag von Ovid und Hölderlin. Ich entscheide mich für Goethe, „Der Mann von funfzig Jahren“:
Jene Stelle des Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine poetische Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am besten aus der Sache zu ziehen. Sie hieß:
»Nex factas solum vestes spectare juvabat,
Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti.«
Zu Deutsch:
»Ich sah’s in meisterlichen Händen
– Wie denk‘ ich gern der schönen Zeit! –
Sich erst entwickeln, dann vollenden
Zu nie gesehner Herrlichkeit.
Zwar ich besitz‘ es gegenwärtig,
Doch soll ich mir nur selbst gestehn:
Ich wollt‘, es wäre noch nicht fertig,
Das Machen war doch gar zu schön!«
Mit diesem Übertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden; er tadelte, daß er das schön flektierte Verbum: dum fierent, in ein traurig abstraktes Substantivum verändert habe, und es verdroß ihn, bei allem Nachdenken die Stelle doch nicht verbessern zu können. Nun ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten Sprachen wieder lebendig, und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch auch im stillen hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.
Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte unverglichen, noch ganz artig fand und glauben durfte, daß ein Frauenzimmer es ganz wohl aufnehmen würde, so entstand eine zweite Bedenklichkeit: daß, da man in Versen nicht galant sein kann, ohne verliebt zu scheinen, er dabei als künftiger Schwiegervater eine wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm zuletzt ein: jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso geschickten als hübschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese durch die neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es gefährlich, eine schöne Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von ferne, verglichen, im Mittelpunkte eines ausgebreiteten Netzes schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der geistreichen Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken, welcher diese Nachbildung ausgewittert hätte. Wie sich nun der Freund aus einer solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt geblieben, und wir müssen diesen Fall unter diejenigen rechnen, über welche die Musen auch wohl einen Schleier zu werfen sich die Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst ward abgesendet, von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben.
Maksim Rylski
(ukrainisch Максим Тадейович Рильський; * 19. März greg. [7. März jul.] 1895 in Kiew; † 24. Juli 1964 ebenda)
Zum Gedenken an Innokentij Annenskij
Schwarzer Sturm in schwarzer Welt –
Sie stürzen herbei in der Nacht.
Der Schrei von Sohn und Tochter gellt:
Die Eltern, die Eltern sind umgebracht!
Wartet! Auch ihr bleibt nicht verschont,
Kein Erbarmen für liebliche Kinder:
Ihr werdet gekreuzigt am hohen Ort,
Der Wind bläst über die Felder …
Wer spielt zum Tanz auf für den Tod
Und nickt mit dem Kopf im Takt?
Seine Königskrone funkelt und loht
Mit Juwelen in eisiger Pracht!
Schwarzer Sturm, der Schrecken steigt.
Das heilige Denkmal eine Ruine …
… Und mit barbarischem Bogen geigt
Die Florentiner Nacht, Paganini.
Музика
Пам’яті Інокентія Aнненського
Уночі налетіли вони –
Чорний вихор у чорному світі, –
І заплакали дочки й сини,
Що батьки їх, батьки їх убиті.
Почекайте! і вас не мине,
І ясних немовлят не жаліє:
На високім хресті розіпне,
По широкому полю розвіє.
Хто це грає для смерті танець,
Головою у такт їй киває?
Як її королівський вінець
Самоцвітною кригою сяє!
Чорний вихор, незнаного жах,
Недобиті, розбиті святині…
… Із нелюдським смичком у руках
Флорентійських ночей Паганіні.
Deutsch von Adrian Wanner. Aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Gedichte ukrainisch-deutsch. Hrsg. Adrian Wanner. M.e.Vorwort von Juri Andruchowytsch. Zürich: Pano, 2008, S. 70f
Stephan Hermlin
(* 13. April 1915 in Chemnitz; † 6. April 1997 in Berlin)
Ballade nach zwei vergeblichen Sommern

Man friert in den großen Städten
An Pfosten klettert der Reif
Wenn die Kinder in den Schatten sich retten
In den Schatten in der Ratten Gekeif
Wo die seltsamen Stimmen wandern
Die Standarten der Tränen wehn
Begruben wir mit den andern
Zwei Sommer so laßt es geschehn!
Die Krähen hängen im Winde
An den Herzen wächst der Schorf
In Tiefen Blatt und Rinde
Verwittern in Mull und Torf
Doch knistert elektrisch die Stunde
Und die blassen Stimmen gehn
Unterm Schnee sprichts aus manchem Munde:
Sag es wieder! Laß es geschehn!
Die Straßen waren verlassen
Die Schatten vor den Füßen gestaut
Wir standen auf den Terrassen
Des Schreckens von der Tiefe umblaut
Auf den Terrassen verachtet
Von Schlägen gefleckt müßten wir stehn
Vom Brombeergesträuch umnachtet
Ließen die Toten alles geschehn
In den Kaschemmen der Städte
Wo man leiser zur Vesperzeit spricht
Wenn die letzte Zigarette
An der speichelnden Lippe verzischt
Stand man schief zwischen Türen
Und sah wie die Nebel sich drehn
Wie die Blicke der Spitzel spüren
Und die Taten der Nacht geschehn
Laßt sie wieder geschehn in den Gräben
Voll Wegerich und schwarzem Mohn
Wo Schreie gleich feurigen Stäben
An getürmten Kasernen lohn
Und splittern Herzen wie Blüten
In der Brust von Inez oder Madeleine
Die den Morgen der Zukunft behüten
Unvergleichliche! Laßt sie geschehn!
Schräg auf der unentschiednen
Straße lag der Sieg wie ein Stein
Unverrückt vor dem kaum vermiednen
Lächeln der Toten — Wein
Und Olive neigte dem Volke
Bei Huesca sich und Almaden
Wenn der Regen aus der Wolke
Verlangt: Laßt ihn geschehn!
Und die Männer aus Löwengruben
Gesichtslose Flammen Die Hand
Fühlte kalt in den armen Stuben
Das Gewehr hinter der Wand
Die wandelnden Wälder konnten
Bis zum Horizont nur die Leere sehn
Auf den feindlich besonnten
Plätzen beganns zu geschehn
Im blauen Abendstaube
Von Liedern und Tränen naß
Wo der Mond wie eine Taube
Uns links auf der Schulter saß
Partisanenchöre: Gewitter
Die fahl in den Wäldern stehn
Süß schmeckte das Brot und bitter
Erinnerung — Laßt es geschehn!
Grüne Blitze aus Oleander
Haben unsern Mittag entzückt
Wenn des Blutes schwarzer Mäander
Das Pflaster der Städte bestickt
Gekreuzigt von brüllenden Sonnen
Flogen Arme und Münder im Föhn
Der Revolten von Glorie umronnen
Laßt sie laßt sie wieder geschehn
Um die erloschenen Oefen
Brandet der Stille Geräusch
Die toten Tänzer in den Höfen
Hängen im Drahtgesträuch
Blinde Sonnen gespiegelt
In gestirnten Helmen stehn
Wo an der Oder und Elbe beflügelt
Die letzten Gefechte geschehn
Die Magier singen die neuen Lieder
Auf die alte Melodie
Die Nacht ist durchrauscht vom Gefieder
Unserer Agonie
Gaukler und Kartenschläger
Vertauschen auf den Märkten den
Gejagten mit dem Jäger
Und wir lassen es wieder geschehn
In den offenen Augen der Toten
Wächst nicht mehr der neue Tag
Unversehrt suchen schweifende Boten
Die Reste vom früheren Schlag
Doch der Reigen der Möglichkeiten
Hebt nächstens an sich zu drehn
Weil die Zeiten nicht weiterschreiten
Weil die Zeiger im Frost stillstehn.
12/4/1947
Aus: Ulenspiegel. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Satire. 1945-1950. Ausgewählt und herausgegeben von Herbert Sandberg und Günter Kunert. Berlin: Eulenspiegel, 1978, S. 80f
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