Der arme Poet und sein Schatten

Konstantin Ames

Was nach der lookistischen Lyrikkritik kommen könnte[1]

Bis zum Wochenende des 17. und 18. August letzten Jahres ging ich – etwas bockig, aber eben doch: in Richtung Resignation. Die Dekadenz, gemacht aus einem bräsigen Déjà-vu und durchsichtigem Verteilungsgerangel und der Dominanz einer nassforsch-ironischen Berufsjugendlichkeit, schien mir unaufhaltsam mit der Verödung von Poesie verbunden. Es sollte ein letzter Pflichttermin werden.

Stattdessen ereilte mich eine Lektion: Am bezeichneten Wochenende trat ich zusammen mit den geschätzten Dichterkollegen Tom Bresemann und Mara Genschel auf dem Marheinekeplatz auf. Wir lasen nicht, sondern beschallten den Wochenend-Flohmarkt inmitten des sich selbst als bunt und weltoffen beschreibenden Berliner Stadtteils Kreuzberg. Auf diesem Trödelmarkt begegnen sich seit Mitte der 2000er Jahre alteingesessene Kreuzberger, Hipster und Gentrys mit einem Faible für das Bizarre. Genschel, Bresemann und ich verteilten im Rahmen des Projekts PoetryAudioLab, initiiert von der Klangkünstlerin Sonja Heyer, auf dem nach dem Rechtshegelianer Philipp Konrad Marheineke benannten Platz Soundumbrellas und Kopfhörer. Via QR-Codes bzw. Cubes in Regenschirmen  konnten Interessierte auf unsere Poesie-Sound-Collagen zurückgreifen und sich vor Ort anhören.[2]

Uns konnte nichts abgekauft werden. Zusätzlich bot ich einen Tausch an: Für einige Sätze über den Platz konnten zum Interview gewillte Passanten (immer: w/*/m) eins meiner Bücher erwerben. Das sorgte für Stirnrunzeln. Und für beinahe handfesten Ärger sorgten die Fake-Sales von Kollegin Genschel und ihr auditives Appropriieren eines Streitgesprächs zwischen dem Dichter Durs Grünbein und dem rechtskonservativem Autor Uwe Tellkamp – es ging damals um den Vorwurf von Tellkamp und Gleichgesinnten, in einer linken Meinungsdiktatur zu leben. Genschel sprach diesen verbalen Schlagabtausch komplett nach; mit hörbar erkältungskranker Stimme! Diese Aufnahme wurde auf dem Marheinkeplatz in größtmöglicher Lautstärke abgespielt.

Als provokant wurden sowohl Lautstärke als auch die Opakheit der Aktion empfunden. Es war von Ruhestörung die Rede – auf einem ohnedies wirklich lauten Trödelmarkt! Genauso drastisch wie diese Interventionen müssen auch Literaturkritiken, wie ich sie mir wünsche, wirken.

Gerade um den Wandel von Literaturkritik nachzuvollziehen, scheint ein Blick in einen Bereich wertvoll, der von diesem Wandel voll erfasst wurde, der Lyrikkritik. Es gibt im deutschen Sprachraum zwei Seiten, die aus der Nische einer – mit Verlaub – lyrikkritischen Eigenurintherapie sichtbar heraustreten: Das von der Hamburgerin Julietta Fix gegründete Onlinefeuilleton Fixpoetry und das „Forum für autonome Poesie“ Signaturen, das der Münchner Kristian Kühn verantwortet. Auf beiden Seiten gibt es regelmäßig Debatten um Poesie und ihre adäquate Kritik.

Zu Beginn der 2010er Jahre war eine großangelegte Sammlung von Statements von Angehörigen der literaturkritischen Zunft noch ganz auf die Auseinandersetzung mit den berüchtigten 13 Thesen des Essayisten Walter Benjamin ausgerichtet.[3]

Fragen nach der Zukunftsfähigkeit des eigenen papierbasierten Tuns tauchten nicht auf, die Prosa war unausgesprochen das Hauptgeschäftsfeld für Kritiker*innen, in einem ganz besonders von geliehenem Pathos durchzogenen Beitrag wurde der Kritiker gar zum „Hüter der Geschichten“[4] ausgerufen. Nur der Kritiker Burkhard Müller[5] gestattete sich einen Seitenhieb auf den romanfixierten Kritikbetrieb, als er gegen die konformistische Seichtigkeit der Lyrikkritik fordert:

Der Kritiker verfasse einmal des Jahres die lobende Rezension eines Lyrikbandes. Das ist das Schwerste im Metier. Wenn ihm das so gelingt, dass man diesen Lyriker mit keinem anderen verwechselt – dann kann er was! (Müller, 2011, S. 39)

Eine Handvoll Thesen

Es gibt nur wenig Kritik von Poesie im deutschen Sprachraum, die nicht eine probate und ausgesprochen durchschaubare Strategie verfolgt: ´Lobe das ohnedies Gelobte; verschweige Kompliziertes und Abseitiges, das ist eh bloß für die Nerds; und hey, der Superlativ ist dein Freund.´

Es ist unmöglich, gegen diese konformistische Glocke nichts zu sprühen …

(1) Poetische Kritik kann nicht ohne Niveauverlust popularisiert werden. Es gibt keine differenzierte Kritik in einfacher Sprache, so wie es keine Poesie (oder Prosa) in einfacher Sprache gibt.

(2) Kritik muss nicht eingängig sein, sondern präzise und fair, dann ist sie Teil einer Öffentlichkeit, die den Gang in den Moloch der Postdemokratie verweigert.

(3) Kritik muss sowohl der Kunstreligion („Feuilleton“) als auch den Inhaltisten entwendet werden. Schluss mit der Heroisierung von Dichtern (w/*/m) und der Mystifizierung des Dichtens!

(4) ´Reine´ Literaturkritik gibt es nicht; poetische Kritik versteht Literaturkritik als Kritik von Literatur unter anderem; und sie funktioniert – mal ausprobieren – vielleicht besser kooperativ. Auch das gehört zum Literaturaktivismus dazu.

(5) Entscheidend für die poetische Kritik ist der Einbezug des Vortrags in die Bewertung von Sprachkunst.

Ich möchte meine Thesen nachfolgend innerhalb von zwei Szenarien plausibilisieren. Poetische Kritik meint sowohl den Gegenstandsbereich kritischen Tuns: Poesie, als auch die stilistische Eigenart solcher Texte: Poetisch. Lyrik und Lyrisch bilden dazu den Gegensatz. Von der üblichen synonymen Verwendung von Poesie und Lyrik grenzt sich dieses Verständnis scharf ab.[6]

Im ersten Szenario sehe ich die Dominanz der Sonderform von Poesie (Lyrik) in Geltung und letzter Blüte, vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit. Das zweite Szenario gibt Hinweise, warum der poetischen Kritik die Zukunft gehören könnte.

Zwei Szenarien: Dekadenz des Status-Quo oder neu ansetzen

In einer großangelegten und furiosen Apologie stellte der Literaturwissenschaftler Uwe C. Steiner den subversiven Humor des Dichters Peter Handkes im Umgang mit Schmähkritiken an seinem Werk in seinen Romanen heraus.[7] Dabei wiederholt Steiner, beinahe wie ein Mantra, den Kern und die besondere Stärke literarischer Texte: Reflexivität. Als reflexartig und starr ritualisiert indes empfindet Steiner das biographistisch simplifizierende Bashing von Handkes Werk seit 1979, v.a. durch die analytisch schwachen Polemiken des damals noch lebenden Kritikpapstes Marcel Reich-Ranicki. Als ein Ärgernis empfindet Steiner eine Voreingenommenheit innerhalb der damaligen Kritikzunft, die zum Ausdruck komme in der unhinterfragten „Ritualisierung“ einer „normativen Provokationsästhetik“[8], Steiner erlaubt sich die Rückfrage:

„Kann aber Provokation ernsthaft noch ein Programm für die Literatur sein, wenn die Publikumsbeschimpfung in Gestalt von Harald Schmidt mittlerweile längst als große Samstag-Abend-Show institutionalisiert ist und dort wohl sogar noch subtiler gehandhabt wird als in dem einstigen Frontalangriff des frühen Handke auf das Abonnentenpublikum?“ (Steiner, S. 156)

Unter allen Beiträgen des Sammelbandes Deutschsprachige Gegenwartsliteratur – Wider ihre Verächter (1995) ist der Beitrag von Uwe C. Steiner der einzige, der eine Medienkonkurrenz von Literaturkritik im Printformat mit ihrem TV-Pendant in den Blick nimmt. Lässt man sich durch den zuweilen manichäisch und übellaunig formulierenden Kulturpessimismus Steiners nicht stören, so bleiben einige treffende Beobachtungen, die auf heutige mediale Landschaften (Medienkonvergenz, Neue Medien, Soziale Medien) übertragbar sind:

Vorwiegend stilistisch hat mancher Kritiker vom Fernsehen gelernt. Man braucht nur an den lockeren, telegenen Ton so vieler gedruckter Kritiker, an ihren bisweilen penetranten Jargon der Uneigentlichkeit zu denken. (S. 137)

[…] (literatur)kritische Autorität definiert sich durch Tele-Präsenz (S. 138)

Ersetzbar ist im gerade zitierten Satz „Fernsehen“ durch „Twitter“ und „Tele-“ durch „social-media-Präsenz“ ohne, dass der Satz an Triftigkeit einbüßen würde; und wer braucht Räsonnement, wenn er mit den Kleinen Formen sein Lektüreverhalten voll optimieren kann? Es gilt: „Hermeneutik ist heilbar“ (Christiane Frohmann auf Twitter am 08.04.2014)

double facepalm – when the fail is so great, one facepalm is not enough

Dass Literaturkritik als Kunst anzusehen ist, mit dem das sprachkünstlerische Werk erst zur Erfüllung kommt, hat auch eine verantwortungsethische Dimension:

[…]  Undenkbar, daß Literatur im Fernsehen umgekehrt den Platz eingeräumt bekäme, den die Kritik okkupiert. Oder daß Autoren dort ihre Kritiker kritisierten. Das Fernsehen verfestigt die Hierarchie, die Asymmetrie, die im Verhältnis von Literatur und Kritik […] seit der Romantik nicht mehr existiert. Wenn die Kritik […] die Fortführung der Literatur mit anderen Mitteln ist, wenn Literatur umgekehrt die Kritik der Kritik darstellt, dann verleiht ihr das freilich eine Komplexität, die sie nur um den Preis eines erschreckenden kritischen Substanzverlustes fernseh(kritik)tauglich macht. (Steiner, 1995, S. 139)

Anlässlich des Verrisses[9] eines wild zusammen gewürfelten Konvoluts, das als große Nachwuchslyrik-Anthologie angepriesen wurde, wird vonseiten eines der drei Herausgeber über das Anger-Management des Rezensenten auf Facebook gemutmaßt; und kein Wort über die Argumentation verloren.

Mit dieser Berufsjugendlichkeit hatte ich gerechnet; wirklich verwunderlich fand ich nur, wie das Relevanzfeuilleton[10] darauf reagierte: Die Debatte wurde sehr spät bemerkt. Daraus könne nur eins gefolgert werden: Diese Debatte sei nicht relevant gewesen. Man hätte sie ja sonst bemerkt. Ein quietistischer Teufelskreis. Ohne die Netzforen Fixpoetry und Signaturen wäre der Gang der Dinge so nicht denkbar gewesen. Beide Seiten werden zukünftig an Bedeutung zunehmen.

Im Bereich Prosa kommen Debatten selten hinaus über elementare Aspekte der Aufmerksamkeitsökonomie. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Debatte um #dichterdran. In der des Sexismusʼ unverdächtigen linken Wochenzeitung der Freitag hegt Mladen Gladić Restzweifel an der Aufrichtigkeit der Kampagne: „Man will nicht hoffen, dass sich mangelnde Kritikfähigkeit des Sexismusvorwurfs bedient hat.“ (Gladić, 2019, S. 13)

Eine Woche später, ebenfalls im Freitag, hält Marlen Hobrack mit Blick auf den Verlauf der Debatte, die sich jetzt um das angeblich sinkende Niveau der deutschen Gegenwartsliteratur dreht, mit einem flammenden Appell dagegen:

Ist der Betrieb tatsächlich überkorrekt, wenn es um die Literatur von Frauen […] geht? Vielleicht ist es vielmehr an der Zeit, den Begriff „Frauenliteratur“ zu reclaimen – sich also anzueignen, was abwertend gemeint war. Warum gruselt es uns Kritikerinnen und Autorinnen so sehr vor Texten von Frauen, die vielleicht tatsächlich eher von Frauen gelesen werden und Frauenthemen behandeln? Weil das Desinteresse von Männern an dieser Literatur ein allgemeines Werturteil bedeutet?“ (Hobrack, 2019, S. 20)

Schade, dass Marlen Hobracks kluge Argumentation in eine Verdachtshermeneutik mündet, was aber nichts daran ändert, dass der (Radio)Feuilletonkritik ihre „Kritierienkrise“[11] längst selbst  hätte auffallen können.

Diese Debatte hat die Lyrikkritik (s. Fußnote 10) nämlich viel früher eröffnet. Die Szene selbst wirkt vergleichsweise fortschrittlich: Es gibt Festivals nur für Lyrikerinnen und seit diesem Jahr auch einen gut dotierten Preis, der nach Gertrud Kolmar benannt ist, und nur an Frauen vergeben wird.[12] Profi-Kritik nimmt davon keine Notiz, was kein gutes Bild auf deren Lernfähigkeit und Rechercheverhalten wirft.

Die Kampagne #dichterdran hat überdies einen entscheidenden Punkt getroffen: Es gibt diesen überdeutlichen Überschuss von Männern im Kritikgewerbe.[13] Die Lyrikkritik macht hier keine Ausnahme, ganz im Gegenteil.

Es ist absehbar, dass die deutsche Lyrik-Szene, wenn die Gepflogenheiten hinsichtlich Vergabe von Förderungen und einseitiger Hochschätzung der Lyrik zuungunsten der Poesie beibehalten werden, sich deutlich zu einer Zwei-Klassengesellschaft hin entwickelt.

Aus dem Wortsetzkasten der Poesieverächter: ›Experimentell‹, ›Avantgarde‹, ›Sprachfraktion‹, ›Akademismus‹ sind lyrikkritische Vokabeln, die Buhrufen gleichkommen.

Hinzukommt die beunruhigende Tendenz einiger kulturpolitischer Unholde, aus ihren Häusern für Lyrik heraus dem sinnbildlichen „armen Poeten“ seine Armut zynisch vorzuhalten.[14] Für ein Land, dass sich gern hochmütig als „Land der Dichter und Denker“ anreden lässt, kommt das gesichtspolitische Pfründeverteilen einem Totalversagen der Literaturförderung (Monokultur) gleich. Eine saturierte und lookistische Lyrikkritik sieht diesem  Treiben zu, wie die Gaffer dem Großbrand …

Bereits ein echter Klassiker ist in diesem Zusammenhang der verzückte Ausruf von Dennis Scheck zur Vergabe des Leipziger Buchmessenpreises im Jahr 2015 an Jan Wagner, inklusive seines Lobes für dessen „perfekte Umgangsformen“, vor allem aber sei „das Dichtertum“ für Wagner „keine Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperpflege.“ (MDR) Von den Überbleibseln der Prenzlauer Berg Connection wurde in Reaktion darauf nur etwas Phlegma abgesondert: „Lyrik wäscht sich nicht!“ war der Aufruf zur Revanche im Szene-Heft Abwärts! überschrieben, wie auch ein Ortstermin bei Bert Papenfuß (FAS vom 06.09.2015). Getoppt wurde Schecks Entgleisung nur vom Leipziger Lyriker Jan Kuhlbrodt, der eine Moralkeule für Linkshänder mit der Aufschrift „Neobiedermeier“ versehen hat.[15]

Der Basso continuo für solche Kreischarien sind die regelmäßig wiederkehrenden Appelle des jeweils jüngsten Quartalsirren, sich doch endlich politisch vernehmen zu lassen im Gedicht. Solche Slogans sind zumindest radiophon: „Dichten über das, was wichtig ist“[16]

Die Lyrikkritik macht sich damit zur Eckensteherin in einer von „Betriebsgeräuschen“[17] dröhnenden Markthalle. Das müsste aber nicht so sein. Es bräuchte zunächst das Eingeständnis, dass Kritik als Kunst mehr sein will als der Kunstkniff, ein Serviceangebot nicht wie ein Serviceangebot aussehen zu lassen.

Kritik verkauft nichts, und sie überredet auch nicht, „Relevanz“ ist deshalb keine seriöse Größe. Ideologiefrei wird die Literaturkritik auch nicht zu haben sein, aber deutlich transparenter. Dieser Aspekt käme im Duo übrigens noch besser zur Geltung. Davon abgesehen braucht Kritik Kontroll-Organe; ich meine damit nicht die Kommentarspalten und Bewertungsportale für den Frust nach Feierabend.

Der Literarturblogger Jan Drees hat diesen Bewertungswahn und Sternchenvergabe-Blödsinn gekonnt pariert: „Mehrwert gegenüber der Amazonkritik entsteht, weil professionelle Kritiker täglich lesen, suchen, recherchieren, telefonieren, Autoren treffen, […]“ (Drees, 2013, S. 82) – ansonsten wird der Aspekt der Aufopferung des Kritikers für die Literatur von Drees etwas überbetont. Entscheidend ist für mich seine Selbsteinschätzung hinsichtlich der Erfordernisse für den Job in der Kritik:  Alle diese Fähigkeiten bringen auch und gerade Autorinnen mit, möglicherweise sogar ein größeres Maß an Resilienz.

Carl Spitzweg, Der arme Poet (1839), Öl auf Leinwand, 36 x 45 cm / Neue Pinakothek München

Auf eine diesbezügliche stichelnde Rückfrage bei einem von mir geschätzten (obwohl/weil er noch nie über meine Bücher schrieb) Kritiker Paul Jandl, bekam ich gesprächsweise zur Antwort: „Kritik ist eine Kunst. Die kann man nicht lernen!“

Schreiben kann man angeblich auch nicht lernen, und doch gibt es Literaturinstitute im deutschsprachigen Raum. Und vielgelesene Alumni.  Und niemand weiß besser, was ein Verriss für Schreibende bedeutet, als Schreibende selbst. Ein Verriss muss gegebenenfalls sein, und er muss deutlich ausfallen (am besten auch kurz), er muss aber nicht auf die Person zielen, Burkhard Müller macht in diesem Kontext eine bedenkenswerte Rechnung auf:

Dem Kritiker sei jederzeit die Unverhältnismäßigkeit seines Tuns bewusst. Der Schriftsteller hat in der Regel viele Monate oder etliche Jahre mit seinem neuen Buch verbracht. Den Kritiker kostet die Lektüre dieses Werks einen Nachmittag und Abend und die Abfassung der Kritik noch den nächsten Vormittag dazu; er steckt in dasselbe Werk kaum ein Prozent so viel Zeit und Kraft. (Müller, 2011, S. 38f.)

Ein stichhaltiges Plädoyer für die Möglichkeit konstruktiver Kritik im Netz stammt ebenfalls von Tilmann Lahme, der anlässlich eines peinlich berührenden Literaturstreits, auf zwei Watchblogs[18] ausgiebig kommentiert, resümiert:

Was man braucht ist eine weitere Stimme im Konzert. […] Zum einen bietet das Internet […] das Forum für diesen Streit, samt der verlinkten Texte, so dass man als Interessierter, anders als ein Zeitungsleser, alle Texte, die zur Auseinandersetzung gehören, lesen kann. Interessanter noch erscheint mir die Kommentierung im Internet. (Lahme, 2011, S. 68 u. 70)

Eine mir wirklich einleuchtende Spezialisierung im Bereich der Literaturkritik wäre die Einrichtung der Sparte Innovationen im Betrieb und beim Nachwuchs; es gäbe viel zu tun.[19]

Dem Netzfeuilleton kommt aber auch eine bewahrende Funktion zu, die Kulturpessimisten der Papierkultur und dem Rundfunk vorbehalten. Signaturen etwa hat die von Literaturkritiker Michael Braun verantwortete und von einem lokalen Kulturradio ausgestrahlte Sendung übernommen, nachdem dieses zehnminütige Format Knall auf Fall eingestellt wurde. Die „Zeitschriftenlese“ von SR2 stellte allmonatlich Literaturzeitschriften vor.[20]

Poetische Kritik wird von der Theater- und Filmkritik mehr lernen können und übernehmen als von der herkömmlichen Lyrikkritik. Das hat damit zu tun, dass poetische Kritik in viel stärkerem Maße die Darbietung von Sprachkunst in die Bewertung einbezieht. Allein schon deshalb, weil Literatur aufgefasst wird als Beitrag zur Selbstverständigung im demokratischen Gemeinwesen. Das Zitieren von Textpassagen in Kritiken wird Stück für Stück um das Implementieren von Clips ergänzt. Die Beurteilung des was wird konsequent erweitert um die Einschätzung des wie.

Die Konjunktur des Romans geht zu Ende damit auch die Hausse des „Kommuniquésatzes“ (Peter Handke).[21] Zusammen mit dem „Gedankenbuch“ (Hannelore Schlaffer)[22] wird die Poesie die papiernen Ruhmeshallen verlassen, Lyrik und Lyrikkritik sollten wirklich einmal für sich sein.

Bitter nötig hat die Poesie eine Freundin, die poetische Kritik. In Freundschaften geht es bekanntlich brutal ehrlich zu.

Quellenangaben

A) Print

Konstantin Ames (2018): »(Zu flüstern)«. Morgenstern und die konkrete Bohème dieser Tage. In: die horen, Nr. 271, Wallstein: Göttingen, S. 159-165.

Jan Drees (2013): Die Rezension des Lebens. Über Dandys, den Blog, Karl Kraus und die Literaturkritik im Zeitalter von Goodreads. In: BELLA triste, Nr. 37, S. 76-84.

Mladen Gladić (2019): Lies mich, Baby. Literaturkritik sei frauenfeindlich, meint der Hashtag #dichterdran und kontert. Aber ist nicht oft schon die Autoreninszenierung sexistisch? In: der Freitag, Nr. 33 (15.08.2019), S. 13

Peter Handke (1972): Marcel Reich-Ranicki und die Natürlichkeit. In: Ders.: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, Suhrkamp: Frankfurt/Main, S. 203-207.

Marlen Hobrack (2019): Kriterienkrise. Miroloi von Karen Köhler soll Symptom einer immer schlechteren Literatur sein, ist aber für den Buchpreis nominiert. In: der Freitag, Nr. 34 (22.08.2019), S. 20.

Dirk Knipphals (2011): Der Kritiker als Hüter der Geschichten. In: Neue Rundschau, H. 1, S. 24-27.

Burkard Müller (2011): o.T. In: a.a.O., S. 37-39.

Tilmann Lahme (2011): Krise im Kasperltheater. Zur Lage der Literaturkritik. In: a.a.O., S. 57-73.

Hannelore Schlaffer (2016): Wider den Roman: Gedankenbücher. In: Merkur, Nr. 801, S. 61-71.

Uwe C. Steiner (1995): Literatur als Kritik der Kritik. Die Debatte um Peter Handkes Mein Jahr in der Niemandsbucht und Langsame Heimkehr. In: Christian Döring (Hg.): Deutschsprachige Gegenwartsliteratur – Wider ihre Verächter, Suhrkamp: Frankfurt, S. 127-169.

Daniela Strigl (2011): Vom Glück der Kritik in vierzehn Thesen. In: Neue Rundschau, H. 1, S. 50f.

B) Online

Konstantin Ames (2016): Schlafbereich der Superlative und Abflughalle – Lyrik von Jetzt 3 und die Poesie in Zeiten von Babelsprech. In: Signaturen -Magazin für autonome Poesie (Eintrag vom 08.03.2016, abgerufen am 27.03.2016) http://signaturen-magazin.de/lyrik-von-jetzt-3.html

Jan Drees (2019): Klagelied für die Literatur. In: Lesen mit Links. (Eintrag vom 18.08.2019, abgerufen am 27.08.2019) https://www.lesenmitlinks.de/debatte-klagelied-fuer-die-literatur/

Signaturen: Zeitschrift des Monats (seit März 2019). In: Signaturen. Forum für autonome Poesie (abgerufen am 27.08.2019) http://signaturen-magazin.de/zeitschrift-des-monats.html

Lyrikzeitung (2016): Die neue Debatte zur Lyrikkritik. In: Lyrikzeitung & Poetry News (Eintrag vom 28.03.2016, abgerufen am 27.08.2019) https://lyrikzeitung.com/2016/03/28/debatte-2


[1]Der Aufsatz ist ein Beitrag zum sechsten internationalen Symposium The Art of Criticism, das am 4. Oktober in Ljubljana stattfand. – Als der Beitrag geschrieben wurde, war das Portal Fixpoetry noch online.

[2]Auf der Seite des Literaturhauses sind Fotos der Aktion zu finden; außerdem Links zu einigen Beiträgen, ein Feature und eine Zusammenfassung.

[3]Erstmals 1928 in Einbahnstraße publiziert; wieder abgedruckt im Jubiläumsjahrgang 2011 der Zeitschrift Neue Rundschau.

[4]Im seinem Beitrag wünscht sich Dirk Knipphals ein „gelassenes Pathos“, kein „Avantgardepathos“, damit fliegt die Lyrik natürlich im hohen Bogen aus dem Kreis des zu bewertenden Materials raus, vgl. Knipphals, 2011, S. 24-27.

[5]Sein titelloser Beitrag ist der am wenigsten defensive unter den direkten Reaktionen auf Walter Benjamins geschliffene Aphorismen. Müllers selbstkritische Vorschläge sind tatsächlich alle bedenkenswert.

[6]Manche mögen bei dieser Differenzierung an den Ulk von der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa aus Das Leben des Brian von Monty Python denken. Gegenfrage: Sind die „Naturformen der Poesie“ (Goethe) wirklich mehr als ein treudoof tradiertes Dogma? Vgl. dazu auch Ames, 2018, S. 160f. Zitiert wird unter Angabe von Nachnahme, Erscheinungsdatum mit Seitenangabe.

[7]Steiner (1995), S. 127-169.

[8]Ebenda, S. 146f.

[9]Meine harsche Kritik der U35-Anthologie Lyrik von Jetzt 3 brachte die (allerdings nicht namentlich) Kritisierten oder nicht Erwähnten (vgl. Ames, 2016) in die Defensive. Die ersten Wortmeldungen mündeten in eine Debatte, deren Ausgangspunkt die genannte Kritik auf Signaturen war. Eine Chronik der Ereignisse führte Lyrikzeitung & Poetry News, vgl. Lyrikzeitung (2016). Diese Seite, sie ist seit 2001 online, diente lange via Kommentarfunktion als Debattenforum. Bis Facebook diese Funktion übernahm, besser gesagt: nicht übernahm. Heute versteht sich L&Poe als Anthologie in progress. In der Halböffentlichkeit von Facebook werden nassforsche Pseudo-Aphorismen ausgespuckt, trampeliger ist man nur bei Twitter.

[10]Deutschlandfunk wirbt mit dem bräsigen Slogan: „Alles von Relevanz“.

[11]Der Aufmacher von Hobracks Artikel ist gegen zwei im Ton zuweilen alarmistische Artikel gerichtet, einer davon stammt von Moritz Baßler, einem Experten für Popkultur und Hypertext in der tageszeitung (hinter Paywall), der andere von Jan Drees vom Deutschlandfunk. Letztgenannter hat seine Sicht auf die Debatte auf seinem Blog Lesen mit Links dokumentiert, vgl. Drees, 2019.

[12]Dahinter stehen die letztendlich erfolgreichen Bemühungen der Herausgeberin Julietta Fix.

[13]Dieser beklagenswerte Zustand veranlasste die Wiener Literaturkritikerin Daniela Strigl bereits am Anfang des Jahrzehnts zu Benjamins 13 eine weitere These hinzuzufügen: „Der Kritiker kann auch eine Kritikerin sein.“ (Strigl, 2011, S. 52). Selbstkritisch sei angemerkt, dass auch diese Skizze deutlich mehr Autoren und Kritiker zitiert als Kritikerinnen und Autorinnen.

[14]„Dichter in Deutschland sind arme Poeten“ war eine Meldung im Kulturradio vom 24.05.2017 – Das war als Aufruf an die Vergabestellen gemeint, den Wohlgelittenen und Günstlingen des Hauses für Poesie doch bitte höhere Honorare zu ermöglichen. Im übrigen spielt der Aufmacher an auf das Bild der Deutschen beliebtestes Bildnis, es stammt von Carl Spitzweg aus der Epoche des Biedermeier und ist betitelt: „Der arme Poet“.

[15]Über die Eingabe der genannten Schlagworte und Parolen lässt sich auf Lyrikzeitung & Poetry News ein guter Durchblick gewinnen.

[16]Das ist keine Überschrift aus Focus oder Spiegel; so lautete die Ankündigung zu einer Podiumsdiskussion im Literaturarchiv Marbach, die am 14.04.2019 im Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt wurde.

[17]In einer Antrittsvorlesung als Gastdozent für Literaturkritik an der Universität Göttingen macht der Kritiker Tilmann Lahme diese Berufskrankheit an folgenden Symptomen fest: „Unsachliches, Außerliterarisches, das hineinspielt in den Literaturbetrieb, in die Kritiken. Da sitzen Kritiker in einer Jury und sollen einen Preis vergeben, und andere Kritiker, die meinen, sie würden es besser machen, schmähen die Preisauswahl.“ (Lahme, 2011, S. 63)

[18]Sciencegarden und Dummyblog, die beide am Ende der 2010er Jahre nicht mehr existieren.

[19]Stellvertretend für einige Berliner Initiativen möchte ich die Lesebühne Konzept*Feuerpudel nennen, bei der Autor*innen jeglichen Alters, Bekanntheitsgrads usw. ihre Texte anonymisiert einreichen können. Sie werden vorgetragen, und danach vom Publikum diskutiert. Es gibt zwar symbolische Preise, aber entscheidend ist das Feedback für die beteiligten Autor*innen.

[20]Michael Braun hat diesen Überblick im Wechsel mit seinem Heidelberger Kritikerkollegen Michael Buselmeier, veranstaltet. In der Neuauflage (seit März 2019) heißt das Format: „Zeitschrift des Monats“, sowohl Ausgaben renommierter Zeitschriften als auch Publikationen, die gerade die ersten Nummer vorgelegt haben, werden berücksichtigt. Ohne das Privatengagement des Münchner Mäzens Kristian Kühn wäre diese Rettungsaktion unmöglich gewesen.

[21]In Richtung des Großkritikers Reich-Ranicki (†2013) schrieb Handke: „Jeder seiner Sätze ist schon fertig da, beliebig verfügbar, ist ein Kernsatz, der am Kern seines Gegensandes vorbeigeht[,] seine Sätze sind alle schon Endsätze, sind Kommuniqués.“ (Handke, 1972, S. 206)

[22]Die Essayistin Hannelore Schlaffer charakterisiert diese Textsorte so: „Anders als die eingängigeren Leseangebote, anders also als Roman, Sachbuch, Biografie, Facebook setzen die Passagen des Gedankenbuchs einen Leser voraus, der sein tägliches Pensum an Kontemplation auf sich nimmt.“ (Schlaffer, 2016, 69f.)

2 Comments on “Der arme Poet und sein Schatten

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