Annemarie Schimmel 100

Heute vor 100 Jahren wurde Annemarie Schimmel in Erfurt geboren. Sie lernte als Schülerin Arabisch und legte das Abitur mit 16 Jahren ab. Nach ihrer Promotion arbeitete sie bis Kriegsende als Übersetzerin im Auswärtigen Amt. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet 250 Werke von ihr oder mit Beiträgen von ihr zwischen 1947 und 2022. Ihre politischen Äußerungen erregten gelegentlich Kontroversen, namentlich in Bezug auf Salman Rushdie. Aber der Fundus ihres Werks, Monographien, Übersetzungen und Editionen und zahlreiche Aufsätze, liegt vor und will genutzt werden. Ich ziehe einen Band mit Übersetzungen aus dem Türkischen hervor und wähle fast zufällig ein Epigramm des Dichters Nefi (um 1572 – 1635), das mir passend scheint. Satiriker leben gefährlich – 1635 wurde er wegen literarischer Schmähungen hoher Beamter durch den Strang hingerichtet.

Annemarie Schimmel 

(* 7. April 1922 in Erfurt; † 26. Januar 2003 in Bonn) 

Nefʿī 

Weil es noch keinen deutschen Wikipediaeintrag gibt (er fehlt auch im 22bändigen Kindler von 1988), zitiere ich aus der englischen Version:

Nef’i (نفعى) was the pen name (Ottoman Turkish: مخلص maḫlaṣ) of an Ottoman Turkish poet and satirist whose real name was ʿÖmer (عمر) (c. 1572, Hasankale, Erzurum – 1635, Istanbul).

Uns hat der Mufti Efendi Heide genannt –
Nehmen wir an, ich nennte ihn nun Muselman –
Gehen wir morgen zum Jüngsten Tag, zum Gericht, 
Fürchte ich, beide erscheinen als Lügner wir dann!

Aus: Annemarie Schimmel: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. 2., überarbeitete Auflage, Köln: Önel, 2002, S. 105

Müftü efendi bize kâfir demiş
Tutalım ben O’na diyem müselman
Lâkin varıldıktan ruz-ı mahşere
İkimiz de çıkarız orda yalan

NB: Nach Fertigstellung des Beitrags merkte ich, dass ich dasselbe Gedicht schon einmal vor 10 Jahren hier gepostet habe. Je nun, wer es damals schon gelesen hat, und sich noch daran erinnert, kann es auch noch einmal lesen.

Günter Herburger (1932-2018)

Günter Herburger 

(* 6. April 1932 in Isny im Allgäu, heute vor 90 Jahren; † 3. Mai 2018 in Berlin) 

Lied

Ich bin der Mann, der immer leichter wird, 
nicht weicher, Leute.
Ich bin der Mann, der immer besser sieht, 
weil die Erfahrung wächst.
Ich bin der Mann, der keinen Stolz mehr hat, 
je weniger er kriegt.
Ich bin der Mann, der immer rücksichtsloser wird, 
aus Liebe und Verstand.
Ich bin der Mann, der seinen Standpunkt wechselt, 
solange er noch lebt, 
der immer deutlicher und lauter fordert, Leute, 
daß er nicht trauern will, 
daß er das Glück erhofft für sich und jeden 
jetzt auf dieser Welt 
und der es nicht versteht, daß viele nicht 
so hemmungslos sich äußern, 
damit wir schneller uns verständigen und auch 
die Alten überrumpeln, die 
noch heftiger behaupten, sie hätten Kraft gehabt 
wie wir, obwohl sie 
wissen, daß auch wir dann sterben werden, doch hoffentlich 
nicht einsam so wie sie.
Ich bin der Mann, der sich noch wehrt, damit
   es nicht zu spät sein wird.
Ich bin der Mann, der sich oft irrt und der wie jeder 
bis zuletzt begehrt.

Aus: Margarete Hannsmann: Rauch von wechselnden Feuern. Günter Herburger: Der Fels der Lorelei. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1978, S. 114

Zu Burroughs Werk

Allen Ginsberg

(* 3. Juni 1926 in Paterson, New Jersey; † 5. April 1997 in New York)

Gestorben heute vor 25 Jahren

On Burroughs’ Work

The method must be purest meat 
     and no symbolic dressing, 
actual visions & actual prisons
     as seen then and now.

Prisons and visions presented 
     with rare descriptions 
corresponding exactly to those
     of Alcatraz and Rose.

A naked lunch is natural to us, 
     we eat reality sandwiches. 
But allegories are so much lettuce.
     Don't hide the madness.

                                                                  San Jose, 1954
Zu Burroughs Werk

Die Zubereitung sei das reinste Fleisch 
und nicht mariniert in Symbolik, 
echte Erkenntnis & echtes Gefängnis,
damals offenbar wie heute.

Gefängnis und Erkenntnis schildern 
als blutige Präsentationen 
entsprechen exakt denen
von Alcatraz und Rose.

Ein Nacktmahl ist unsrer Natur gemäß, 
wir essen Brot mit Realität belegt. 
Allegorien bilden so viel Blattsalat.
Verdeck nicht den Wahn.

                                                                        San José, 1954

Deutsch von Georg Leß

Aus: Allen Ginsberg, Lyrik / Poetry. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. Michael Kellner. Berlin: Aufbau (Blumenbar, Imprint des Aufbau Verlags), 2021, S. 28f

Lesetabu: Ulysses 1.1

L&Poe Journal #02 – Tabu

Meine erste Ausgabe von James Joyce‘ Roman Ulysses war die zweibändige Lizenzausgabe der Wollschlägerübersetzung im DDR-Verlag Volk und Welt 1980. Sie enthielt zwei hinten eingelegte Heftchen mit einem Nachwort von Wolfgang Wicht und Worterklärungen. Sie kostete 40 DDR-Mark, für mich damals eine stolze Summe, selten kaufte ich Bücher für mehr als 20 Mark, 12 war schon viel, aber es musste sein.

Ich habe sie damals gelesen und erinnere mich an den Rausch beim allmählichen Erfassen (vor allem) der Andersartigkeit jeden neuen Kapitels. Um die Übersicht zu behalten, schrieb ich mir hinten mit Bleistift ein Register hinein. Zum ersten Kapitel steht da: (1) Mulligan – Stephen Frühstück, Haines und die Seitenzahl: 7.

2022 ist es 100 Jahre her, dass die Erstausgabe bei Shakespeare & Company in Paris erschien. Anlass für eine neue Lektüre. Am großen Tisch liegen nebeneinander die kommentierte Ausgabe der Wollschlägerübersetzung bei Suhrkamp von 2004 und die englische Ausgabe des von Hans Walter Gabler herausgegebenen korrigierten Originaltexts. Ich nehme mir Zeit und lese Original und Übersetzung parallel. Ich muss nicht jede Interpretationsmöglichkeit ausschreiten, obwohl ich die Anmerkungen der Suhrkampausgabe mitlese (an denen zwei Bekannte aus Greifswald beteiligt waren, Immanuel Musäus und James Fanning). Vielleicht lässt sich das Erlebnis von vor rund 40 Jahren erneuern und vertiefen, diesmal auch und gerade im Hin und Her zwischen Original, Übersetzung und Kommentar. Der Roman ist, was mir beim Lesen passiert. Je mehr Abschweifen, umso mehr passiert. Nicht mehr wissen, sondern mehr erleben. Das ist mein Plan.

Zur Ausstattung der Suhrkampausgabe gehören viele Landkarten, ich liebe Karten und werde sie abschreiten, und es gibt Joyce‘ Schema der 18 Kapitel, in dem er zu jedem Titel, Schauplatz, Uhrzeit (es ist der 16. Juni 1904), eine zugeordnete „Kunst“ (nicht im modernen Sinne, sondern eher im mittelalterlichen, als Fachgebiet verstanden), ein Symbol und eine Erzähltechnik angibt (bei den meisten zusätzlich eine Farbe und ein Symbol). Auch das ist eine Karte und ich beschließe, oft auf die verschiedenen Karten zu schauen, weniger um den „richtigen“ Weg zu einem „Ziel“ zu finden (was sollte das sein?), sondern eher im Gegenteil, Entschleunigen, Zickzack, Irrwege, schließlich sind wir hier in der Odyssee. Der Weg ist mein Ziel. Darauf freue ich mich.

Kapitel 1

Die berühmten ersten Worte: Stately, plump übersetzt Wollschläger mit: Stattlich und feist.

Es ist der 16. Juni, morgens gegen 8 Uhr, kurz vor Frühstückszeit. Buck Mulligan rasiert sich noch vorher. Er hält ein Seifenbecken, bowl of lather, in der Hand. Er führt von Anfang an eine Doppelexistenz, sein Alltagsleben in Dublin und ein spirituell-geistiges, ich verwende bewusst beide Worte, weil es Religiöses und Kulturelles / Literarisches umfasst. In jedem Moment switcht er zwischen den Welten, gleich im ersten Absatz hält er das Seifenbecken, „auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen“, in die Höhe und intoniert einen Spruch aus der katholischen Liturgie: „Introibo ad altare Dei“, ich werde zum Altar Gottes treten. Auch die Farbe seines Schlafrocks und der herunterhängende Gürtel spielen das Spiel mit. Eine Anmerkung der Suhrkampausgabe klärt auf, dass die Farbe der liturgischen Gewänder für den 16. Juni im Kirchenjahr Weiß oder Gold sei. Gelb dagegen habe negative Konnotationen. Der Gürtel des Priesters symbolisiere Keuschheit, Buck Mulligans offener Gürtel daher Unkeuschheit.

Auch die anderen Personen des Kapitels werden durch religiöse Bezüge und literarische Bildung charakterisiert. „Komm rauf, du feiger Jesuit!“, ruft Mulligan, gemeint ist Stephen Dedalus, der im Porträt des Künstlers als junger Mann an drei jesuitisch geführten Colleges ist.

Mulligan ist nicht nur literarisch und theologisch äußerst gebildet, sondern auch ein Spötter, Lästerer und Blasphemist vor dem Herrn. Vor dem Rasieren spricht er im Ton eines Predigers vor sich hin, während Dedalus dabeisteht: „Denn dies, o geliebte Gemeinde, ist der wahre eucharistische Jakob“ (im Original the genuine christine: ein Wortspiel, das leider nicht erläutert wird, weil die Suhrkampausgabe den deutschen Text kommentiert und meine Random House-Taschenausgabe keine Erläuterungen hat. Wahrscheinlich aber ein Wortspiel mit griechisch eucharistein, „danken“, das Wollschlägers Übersetzung ins Spiel bringt – Übersetzen ist Interpretieren), „der wahre eucharistische Jakob: Leib und Seele, potz Blut und Wunden. Getragene Musik, wenn ich bitten darf. Die Augen zu, Herrschaften. Einen Moment. Kleine Panne mit den weißen Korpuskeln. Silentium, alle!“

Mulligan inszeniert sein profanes Rasieren wie eine richtige Abendmahlsfeier – der Kommentar erläutert den theologischen Hintergrund bis auf das erste christliche Jahrhundert zurück. Die Panne mit den weißen Korpuskeln, mein profaner mind sieht da einen Unfall mit der Rasierklinge, steht für, lese ich, „den Prozeß der Transsubstantiation, die Wesensverwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi in der katholischen Messe.“

Hier tritt das erste Beispiel für den inneren Monolog im Roman auf. Zwischen zwei Sätzen, die Mulligan beim Rasieren beschreiben, steht der Einwortsatz: „Chrysostomos.“ Das Wort erklärt sich nicht aus der Handlung und auch nicht zuerst aus der theologischen Interpretation, sondern aus dem Wechsel der Erzählsituation mitten im Absatz. Dedalus steht vor Mulligan als das Publikum der Predigt, und der sonore und äußerst beredte Mulligan erscheint dem katholisch gebildeten Dedalos als „Chrysostomos“. „Goldmund“ heißt das griechische Wort, sagt die Erläuterung, und tatsächlich kamen im vorigen Satz Mulligans „ebenmäßige weiße Zähne“ vor, „hier und da golden gepunktet“. Laut Kommentar war Chrysostomos unter anderem der Rufname des heiligen Johannes Chrysostomos (344/54 – 407), Patriarch von Konstantinopel und Kirchenvater, der für sein Redetalent bekannt war. Dedalus sieht und hört den predigenden Mulligan und hat die Assoziation: Chrysostomos.

Muss man nicht alles wissen, aber wenn, vertieft es: zuerst ja doch wohl den Spaß.

Bis hierher die erste Seite des ersten Kapitels. Mein Ulyssesjahr ist eröffnet. Bald mehr.

Ach, wärest du süß

Abu Firas al-Hamdani

(geboren 932/933 vielleicht in Bagdad, gestorben am 4. April 968 in Sadad bei Homs; Arabisch: أبو فراس الحمداني. )

Ach. wärest du süß, auch wenn das Leben mir bitter ist. 
Und wenn alle zürnen, ach, wärst du nur zufrieden!

Ach, blühte, was zwischen mir und dir ist! Und das, 
was zwischen Mir und der Welt ist, läg in Trümmern hienieden.

Wenn du endlich unserer Verbindung dein Jawort gibst. 
Wird alles auf Erden leicht wie Staub, und wird Frieden.

Aus dem Arabischen von Claudia Ott, 2008. Aus: Claudia Ott (Hg.): Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients. Ausgewählt und erläutert von Claudia Ott. München: C.H. Beck, 2009, S. 37. (ISBN 9783406576690)

Aus den Anmerkungen der Übersetzerin:

Das Wort «Freundschaft», um das das Gedicht kreist, wird hier als -Verbindung- wiedergegeben; die Übergänge zur «Liebe» sind fließend. Gedicht und Übertragung stehen im arabischen Versmaß tawil:

Mehr über den Autor im Lyrikwiki

Editionstabu

L&Poe Journal #02 – Tabu

Genese einer Edition, 2008-2022
(Vereinfachte Fassung)

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Lothar Klünner 100

Lothar Klünner 

(* 3. April 1922 in Berlin; † 19. Oktober 2012 ebenda)

Lyriklesung im Rathaus Schöneberg

Kein anarchistischer Gewalttäter, nur die Dezemberlangeweile hat den Hintertreppen des Inselrathauses die Luft herausgelassen. Und während du noch den Ausweg suchst aus der Ratlosigkeit der Bannmeilenstiefel, gibt, Marshelm gehorsam gescheitelt, Finger am Abzug der Skatkarte, eine Horde von Walky-Talkies den Poeten Feuerschutz. Ach die Scheiben, flüchtig mit Bildern und Teppichen verdämmt, klirren vor Hohn, und der Strafe folgt applaudierend die Unkenntnis auf dem Fuße.

Aus: Lothar Klünner, Befragte Lichtungen. Gedichte. Waldbrunn: Heiderhoff, 1985, S. 30

Lesetabu 1. Spuren

L&Poe Journal #02 – Tabu

In antiquarischen Büchern findet man oft Spuren, entweder als Randnotizen (auch Besitzvermerke, Anstreichungen usw. sowie als Sonderform eingeklebte Exlibris) oder als eingelegte Zettel, Briefe, Geldscheine, Manuskripte, Zeitungsartikel und dergleichen. Adligaten ist ein Fachbegriff dafür.

Heute schlage ich auf: Das Gedicht. Jahrbuch zeitgenössischer Lyrik 1954/55. Herausgegeben von Rudolf Ibel, erschienen 1954 im Christian Wegner Verlag Hamburg. Die immer noch lesenswerte Anthologie (das ist keine Selbstverständlichkeit) hat außer ein paar Markierungen einzelner Texte mit Kreuzchen keine Lesepuren. Aber es liegt ein Zeitungsausschnitt darin. Vorbesitzer hat ein Gedicht ausgeschnitten, allerdings ohne den Titel. Es handelt sich um das Gedicht „Herbst auf der ganzen Linie“ von Erich Kästner von 1936, das ich in einer etwas längeren Version kenne.

Vorbesitzer hat darin Wörter unterstrichen – vielleicht war er Deutschlehrer und hat es in der Klasse behandelt, oder einfach ein Lyrikfreund, der herausfinden wollte, wie das Gedicht funktioniert. Ich kann kein System in der Auswahl erkennen, aber das heißt nicht, dass es keins gibt. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben. (Ich habe schon Bücher gefunden, wo jemand passagenweise jedes Wort einzeln unterstrichen hat.) Es sind Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien, poetische Allerleiworte (Herbst, Wind, Geäst) sind dabei, aber auch sperrigere (Laubgardinen, Korridoren, Monatsraten, Geld). Vielleicht sind es auch Markierungen für die Rezitation? Aber warum hat er die Überschrift weggeschnitten? Er oder sie natürlich, es steht kein Besitzername dabei. Außer dem titellosen Gedicht gibt es noch einen schmalen Pappstreifen mit Resten einer handschriftlichen Notiz, offensichtlich als Lesezeichen bei einem Aufsatz von Wilhelm Lehmann: Grundsätzliches zur Kunst des Gedichts.

An dem Zeitungsausschnitt interessiert mich die Rückseite beinah noch mehr. Es gibt einen Artikel über die ostdeutsche (in der Sprache der Zeitung: ostzonale) Handelsorganisation HO und einen über Arno Schmidt, beide leider willkürlich angeschnitten. Die letzte Zeile des Artikels über einen meiner Lieblingsautoren lautet: „die unzerstörte Form der Nove[lle]“. Es ist eine westdeutsche Zeitung, vielleicht „Die Welt“ (nur geraten), von Ende der 40er oder Anfang der 50er Jahre.

Falls es interessiert, zum Download Kopfteil und Inhaltsverzeichnis der Anthologie.

Alle Beiträge in der Abteilung Tabu sind feuilletonistische Texte vom Herausgeber der Lyrikzeitung, Michael Gratz.

Macht der Gewehre

Anne Waldman

(* 2. April 1945 in Millville, New Jersey)

Macht der Gewehre

Um Amerika wirklich die Meinung zu sagen 
                                            brauchst du eine massive Schreibmaschine 
                                            Kraft & Stärke 
& übermenschliche Energie, die dir Rückhalt geben 
Du bist bereits erschöpft und planst deine Flucht 
                                                                                        (in dieses Gedicht) 
Ohne Worte bist du ganz schön weit gekommen 
                                            dahin, ein evolutionärer Trend zu sein 
wo Menschen ihre Worte wie Waffen fallen lassen 
                                            und richtige Waffen aufheben 
und in der Stille herumsitzen wie Süchtige 
Etwas, das du mit einer Schreibmaschine nicht mehr in Schach halten 
                                                                               kannst in New York 1968! 
Was mache ich hier dann?
                                               ERKLÄRT KRIEG 
                                         AUFRICHTIGE WEISSE SIND WACHSAM
sind interessante Worte, glaube ich 
                                            die ein gewisses Gewicht haben, ähnlich wie 
                                                                                        GROSSE FESSEL 
wenn William Burroughs von der Kultur des Westens spricht 
                                                                                                           oder 
                                                                                              RAUSCHGIFT 
Ansonsten lese ich gern Anekdoten aus dem Leben der großen schwarzen Führer 
                                                 die mich erheben 
                                                                und nach unten tragen 
auf die Straße und zurück 
                                                  Zu viel passiert da draußen 
Ich denke nicht daran, einfach aus irgendeinem Grund zu krepieren, 
                                                                                                  verstehst du 
                                                                                        LEBEN ODER TOD 
ALLES ODER NICHTS 
                                    ENTSCHEIDE JETZT 
Die Zeit ist gekommen, man selbst zu sein 
                                            aber du bist besser OK, sonst PENG!
Du wirst diesen Sommer nicht überleben 
                                            (& verpaßt was, falls es so ist

Aus: Silver screen : neue amerikanische Lyrik, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann. Köln : Kiepenheuer & Witsch, [1969], S. 140f

Heinz Winfried Sabais 100

Heinz Winfried Sabais 

(* 1. April 1922 in Breslau; † 11. März 1981 in Darmstadt) 

Brief von Breslau nach Wrocław

Lieber Tadeusz Różewicz, Sie leben 
in Wrocław, ich bin in Breslau geboren. 
Die Samenflüge, die Flockenfälle, 
die Jahreszeiten, die ehrwürdigen Steine 
begegnen uns, den Passanten, freundlich. 
Aber die Stadt nennt uns Kinder.

Ostrów Tumski kündet mit Glocken 
wie Gallus, der Mönch, Deutsche und Polen 
in alten Zeiten als Brüder gepriesen.
Da sah ich die grausam verheerte Stadt 
in neuer Würde, von Polen erbaut 
aus den Schutthalden meiner Jugend.

Silesische Schöne, Wratislavia, 
im schimmernden Hermelin der Ebenen, 
geliebt, ob deutsch, ob polnisch, geliebt 
und Babuschka Oder, Märchenerzählerin 
am Feuerchen unter der Eisenbahnbrücke 
wohin sind unsere Tage versunken!

Im Stadthafen hausten wir Indianer, 
geführt von Lederstrumpf, dem mährischen 
Bruder. Wir rauchten Gekrüllten, rauften 
um Mädchen, erlebten zusammen beherzt 
die Odysseen der Pubertät, 
wie wilde Ganter, wie junge Hunde.

Zerbrochene Knabenträume kreiseln 
noch ziellos durch Weidengebüsche 
in der Strachate, wo das weiße 
herrliche Schiff vorüberdampfte; 
der Heizer, mein Vater, winkt aus der Luke, 
am Steven strudelt schwarzes Gelächter.

Die Mietskaserne, wo ich heranwuchs 
in Jahren der Not, hat überlebt 
Die Straße, die unser Olympia war, 
heißt jetzt Lencycka. Hintenheraus 
ist noch viel Öde. Da starben viele. 
Da standen meine Sonnenblumen..

In Sankt Nikolai, unter Oderschiffern, 
bin ich getauft, April Zweiundzwanzig. 
Sankt Nikolai fraß der Krieg. Wir 
kamen davon. Unterworfene 
schon seit Dreiunddreißig, wir 
bezahlten unsere Schwäche mit Blut

Am Teufelsmale, der Hahnenkrähe, 
strichen wir nächtens schaudernd vorüber, 
kamen aus der Fabrik, wo die Mutter 
Kontore schrubbte, während ich 
nach exotischen Briefmarken jagte, 
der greifbaren Ferne, meiner Romantik.

Geranien im Fenster der alten Schule, 
wo der gewaltige Rektor Sczenczessa 
uns Mores gelehrt. Florian Geyer 
sein Lieblingsthema, ich höre ihn reden. 
Wohin verschlugs ihn, den mutigen Lehrer? –
Ins Massengrab seine Schüler, die Freunde.

Im Marmorschatten Wilhelms des Ersten 
hab ich mein erstes Mädchen geküßt 
Elisa, die schmeckte nach Veilchenpastillen. 
Der Mond, eine silberne Säule, schwankte 
im Stadtgrabendunkel. Der alte Preuße 
ist abgewrackt Der Kuß hat gehalten.

Wir feierten Hochzeit mitten im Kriege, 
mein Mädchen aus Chorzów und ich, damals 
Gutenbergstraße, heute Drukarska.
Wo unser Bett im Himmel schwebte, 
ist nur noch Himmel. Und auf dem Rasen 
spielende Kinder, sie winken und lächeln.

Lieber Tadeusz Różewicz, wir beide 
sind Cives Wratislavienses, Gott will es. 
Die Stadt hat uns beide in ihre Geschichte 
genommen. Die heraklitische Oder 
umfriedet Ihre und meine Jahre.
Wir müssen uns leiden. Oder wir sterben.

Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Hrsg. Wolfgang Weyrauch. Bd. II. 1912 bis 1980. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 485f

Travestierter Horaz

Heute vor 108 Jahren starb Christian Morgenstern (zu seinem 150. Geburtstag im vorigen Jahr gab es hier ein Jubelfest als L&Poe Journal #01). Zum heutigen Todestag jubeln wir nicht, doch darf man bei einem 151jährigen wohl auch mal scherzen. Hier die erste Ode von Morgensterns Horaztravestie Horatius Travestitus, die er 1897 veröffentlichte.

Hoher Protektor und Freund,  Edler von Gönnersheim,   
was doch alles der Mensch  auf seiner Erde treibt! ...    
Dieser fegt auf dem Rad  über die Rennbahn, und    
platzt der Gummischlauch nicht,  geht er zuerst durchs Ziel.   
    
Welcher Tag für den Mann,  wenn ihm das Comité    
die Medaille verleiht,  Meisterschaft zuerkennt!    
Jenen wieder erfreut's,  wenn ihn der Wähler Schar    
an das berühmte Büfett  unseres Reichstags schickt.    
    
Andre, wenn der Kaffee  prompt aus Brasilien kommt,   
Sack an Sack imposant  in ihren Speichern steht.    
Der Agrarier, der  jammernd sein Land bestellt,    
tauscht dir dennoch den Pflug  mit der Couponscher' nicht,   
    
noch verlockst du ihn leicht,  daß einem Dampfer er    
sich zur Überfahrt nach  Mexiko anvertrau.    
Sieh den Kaufmann! Er schimpft  auf Kolonialpolitik,    
wird Lokalpatriot,  gründet Bazars und Klubs,   

aber bald wieder doch  rüstet mit Schnaps und Blei    
neue Schiffe er nach  Togo und Kamerun.    
N. N. schmollt, wie du weißt,  perlenden Sekten nicht,    
noch auch, wenn ein Gelag  früh im Kaffeehaus schließt;    
    
Sommers stärkt er sich dann  durch eine Sprudelkur    
oder reist nach Tirol  oder nach Helgoland.    
Andere wieder sind mit  Leib und Seel Militärs,    
schmähn das faule Zivil,  dem jeder Schuß ein Greul.    
    
Und wer jagt von Beruf  oder aus Waidlust nur:    
Dessen Hitze vergißt  Weibchen und Kinder oft,    
wenn sich etwan ein Hirsch  in seinen Forst verläuft,   
oder Wild- oder Holz-  Diebe zu fangen sind.    
    
Mich – der ja, wie du weißt,  all diesem Treiben fern, -    
reiht mein Sammetbarett  göttlicherm Kreise an,    
trennt vom Trubel der Welt  meiner vier Wände Heim,    
zarter Träume ein Schloß,  klingend von Scherz und Kuß.    
    
Bleibt die Muse nur treu,  rundlich der Pegasus,    
deine Schatulle mein Hort,  Glück meiner Wege Stern,    
sprich gelassen es aus:  oh, welch ein Lyriker!    
Und vom Himmel herab  nick ich, ein Gott zu dir 

Das Gedicht von Horaz ist eine asklepiadeische Ode – Morgensterns Parodie bildet das Versmaß nach, so gut es eben auf Deutsch ging:

Maecenas, atavis  edite regibus,  

Morgenstern macht daraus:

Hoher Protektor und Freund,  Edler von Gönnersheim,  

Die wörtliche Übersetzung:

Maecenas, alter Könige Sohn

Auch das extreme Strophenenjambement (das Herüberziehen von Sätzen in die nächste Strophe) ließ sich gut nachbilden. Hier die ersten 7 Strophen des Originals (die 7. ist die erste Strophe, die mit einem Punkt endet), darunter die wörtliche Übersetzung dieser 7 Strophen von der famosen Seite 12koerbe.de des Hans Zimmermann, Görlitz) :

Maecenas, atavis  edite regibus,   
O et praesidi' et  dulce decus meum:   
Sunt quos curriculo  pulver' Olympicum   
collegisse iuvat;  metaque fervidis   
    
evitata rotis  palmaque nobilis    
Terrarum dominos  evehit ad Deos.    
Hunc, si mobilium  turba Quiritium    
certat tergeminis  tollere honoribus;    
    
illum, si proprio  condidit horreo    
quidquid de Libycis  verritur areis.    
Gaudentem patrios  findere sarculo    
agros, Attalicis  condicionibus    
    
numquam demoveas,  ut trabe Cypria    
Myrtoum pavidus  nauta secet mare.    
Luctant' Icariis  fluctibus Africum    
mercator metuens,  oti' et oppidi    
    
laudat rura sui:  mox reficit rates    
quassas, indocilis  pauperiem pati.    
Est qui nec veteris  pocula Massici,    
nec partem solido  demere de die    
    
spernit; nunc viridi  membra sub arbuto    
stratus, nunc ad aquae  lene caput sacrae.    
Multos castra iuvat,  et lituo tubae    
permixtus sonitus,  bellaque matribus  

detestata. Manet  sub Jove frigido    
venator, tenerae  coniugis inmemor;    
seu visast catulis  cerva fidelibus,    
seu rupit teretes  Marsus aper plagas. 
Maecenas, alter Könige Sohn,     
o du mein Schutz und meine beglückende Zierde:      
Manche gibt's, die mit dem Rennwagen olympischen Staub      
aufzuschürfen erfreut; die die Wendesäule, mit glühenden      
      
Rädern vermieden, und der adelnde Palmzweig      
als Herren der Erde hinauffährt zu den Göttern.      
Den auch, wenn der unruhigen Römer Schar      
streitet, ihn zur dreifachen Ämterehre zu erheben;      
      
und jenen, wenn er in eigener Scheune anhäuft      
was von libyschen Tennen gefegt wird.      
Den, der sich daran freut, daheim mit der Hacke zu furchen      
den Acker, – selbst mit den Traumbedingungen des Attalos      
       
kannst du den nimmer bewegen, auf zyprischem Boot      
als verzagter Schiffer myrtoische Wogen zu schneiden.     
Der den mit ikarischen Fluten ringenden afrikanischen Sturm     
fürchtende Kaufmann, –  die Muße und der Heimatstadt   
     
Felder lobt der: repariert bald die Planken,      
die lädierten, unbelehrbar, Armut zu ertragen.      
Es gibt den, der weder die Becher alten Massikerweins      
noch einen Teil vom festgefügten Tagesablauf wegzunehmen      
      
verschmäht; bald die Glieder unter grünem Erdbeerbaum      
ausgestreckt, bald am sanften Quell heiligen Wassers.      
Viele erfreut das Militärlager und der mit Zinken      
vermischte Trompetenklang und Krieg, der von den Müttern      
       
verfluchte. Es verbleibt im kalten Wetter     
der Jäger, indem er seine zärtliche Gattin vergißt;      
sei es, daß seine munteren Hunde eine Hirschkuh erblickten,      
sei es, daß ein Marsischer Eber die gewundenen Netze zerriß.      

Quelle (außer für die wörtliche Übersetzung):

Christian Morgenstern, Horatius Travestitus. Ein Studentenscherz mit einem Anhang: Aus dem Nachlaß des Horaz. München: Piper, o. J., 6. Auflage, 11.-12. Tsd.

Bittre Tränen weint der Mond

Lettisches Volkslied

Bittre Tränen weint der Mond

1
Leute gruben mir ein Grab, 
Auf dem Grabe blühn mir Rosen; 
Sitze da im Grab und flechte 
Mir aus Rosen einen Kranz.

2
Denen, die mich tadeln, wünscht’ ich 
Garnicht allzu sehr viel Schlimmes: 
Teufelherz und Beulenstirn, 
Pickel an die Zungenspitze.

3 
Schmied, mein Bruder, schmiede mir 
Fingerhandschuhe aus Eisen, 
Daß ich Maulschell’n langen kann 
Dem, der mich verleumdet hat.

4 
Hab mir einen Kranz gewunden 
Aus verbreiteten Gerüchten; 
Er verwelkt nicht an der Sonne, 
Auch nicht in geheizter Stube.

5 
Gott, ach Göttchen, was denn jetzt? 
Schmerzhaft wund ums Herz ist’s mir. 
Wird die Schicksalin mir enden 
Unter einem Haufen Steine?

6
Ich vor Arbeit wat’ im Morast, 
Kann die Schicksalin nicht sehen; 
Ist vielleicht ja meine Laima 
Mir am Rand des Moors versunken.

7 
Bruder mein, ich bitte dich, 
Gehe mir nicht in die Schenke, 
Laß da meinen Kranz mir nicht 
Im Glas Bier zugrunde gehn.

8 
Schwester, mit der Nadel stick 
mir ins Taschentuch ein Muster, 
Womit ich die Augen wisch, 
Wenn ich nach dir weinen muß.

9 
Bittre Tränen weint der Mond, 
An den Quellenrand gekommen, 
Wo ertrank die Sonnentochter, 
Als sie wusch die goldnen Kannen.

Aus: Kur Dieviņi tu paliksi. Wo Gott wirst du bleiben dann. Lettische Volkspoesie. Ausgewählt von Amanda Aizpuriete. Nachgedichtet von Manfred Peter Hein anhand der Übersetzung von Horst Bernhardt (FÄKÄTÄ 13). Germersheim: Queich, 2011, S. 9f

Mēnestiņš gauži raud

1
Ļaudis man kapu raka, 
Man kapā rozes zied; 
Es, kapā sēdēdama, 
pinu rožu vainadziņu.

2
Es savam pēlējam 
Daudzi ļauna nevēlēju: 
Velns sirdē, puns pierē, 
Pūte mēles galiņā.

3 
Kalējiņi, bāleliņi, 
Kal man dzelza pirkstainīšus, 
Lai es varu pliķi cirst 
Valodiņu cēlājiem.

4 
Es noviju vainadziņu 
No tām ļaužu valodām: 
Ne tas vīta saulītē, 
Ne siltā istabā.

5 
Vai Dieviņ, kas nu būs 
Gauži sāp man sirsniņa. 
Vai Laimlte nositās 
Akmeniņu kaudzītē?

6
Darbu veicu, dubļus bridu, 
Nevar Laimes saredzēt; 
Laikam gan mana Laime 
Purva malā nogrimusi.

7 
Es tev lūdzu, bāleliņi, 
Nelaidies krodziņā, 
Neliec manu vainadziņu 
Alus glāzes dibenā.

8 
Tu, māsiņ, rakstītāja, 
Norakst’ manu nēzdodzinu, 
Kur es acis noslaucīšu, 
Pēc tevim raudādams.

9 
Mēnestiņš gauži raud 
Avotiņa maliņā:
Saules meita noslīkuse, 
Zelta kannas mazgādama.

„Die Lieder wurden vor allem von den Frauen tradiert. Kummer und Freude herauszusingen war für sie anscheinend ebenso natürlich wie das Atmen (oder für den Wolf das Heulen). Beim Viehhüten vertrauen die jungen Mädchen Bäumen, Gras und Himmel ihre Vorahnungen an, und frühmorgens in der Mahlkammer, während sie mit kräftiger Hand die Mahlsteine drehten, besprachen sich die Frauen singend mit Laima, ihrer Schicksalslenkerin; Kräuterfrauen murmelten am Bett von Kranken und Gebärenden rhythmisch die überlieferten Bannsprüche. In den Sommernächten, beim Baden im See, summte jede Frau wohl einmal vor sich hin: „Macht’ aus weißen Blumen Feuer, mir ein Feuer hier am See …“ Und zu den Sonnwendfesten, sei es beim Tanz um das Johannifeuer oder bei den Maskenumzügen der Weihnachtszeit, da sangen sie alle, Männer wie Frauen, und ebenso zu den Hochzeiten.

Heute sind wir in Lettland stolz auf dieses gemeinsame Erbteil, unsere Kinder lernen die Volkslieder in der Schule, wir singen sie an den Festtagen … „

Amanda Aizpuriete, aus dem Lettischen von Horst Bernhardt (aus dem zitierten Buch)

Kaiser Wu-di von Han

Kaiser Wu (Wu-ti, Wu-ty, Wu-di) heißen mehrere mythische und geschichtliche Herrscher von China. Mindestens zwei von ihnen haben auch gedichtet, darunter Wu-di aus der Han-Dynastie (140-87 v.u.Z), der als einer der bedeutendsten chinesischen Kaiser gilt. Hier was ich im Lyrikwiki über ihn zusammengetragen habe:

Wu-ti, Han-Kaiser 140-87 v.u.Z.

Wu-di von Han. Wu-ty, Han Wudi. Kaisertitel für Liu Tschö (Liu Ch’ê, Liu Che) 156 – † 29. März 87 v.u.Z., regierte 140 (141)-87, einer der bedeutendsten chinesischen Kaiser, 7. (6.?) Kaiser der Han-Dynastie.

Wikipedia deutsch: Han Wudi, Kaiser Wu von Han, Chinesisch 漢武帝 / 汉武帝, Pinyin Hàn Wǔdì, (* 156 v. Chr.; † 29. März 87 v. Chr.) 

Englisch: Emperor Wu of Han (156 – 29 March 87 BC), formally enshrined as Emperor Wu the Filial (Chinese: 孝武皇帝), born Liu Che (劉徹) and courtesy name Tong (通)

Französisch: Han Wudi (chinois simplifié : 汉武帝 ; chinois traditionnel : 漢武帝 ; pinyin : Hàn Wǔdì ; Wade : Han Wu-ti, 30 juillet 157 av. J.-C. – 29 mars 87 av. J.-C.), de son nom personnel Liu Che (劉徹), est le septième empereur de la dynastie Han de Chine, régnant à partir du 9 mars 141 av. J.-C. et jusqu’à sa mort.

Spanisch: Wu de Han, también Han Wudi (156 a. C. – 29 de marzo de 87 a. C.), nacido como Liu Che, fue el sexto emperador de la dinastía Han de China. Gobernó entre el 141 y el 87 a. C.

Wu-di sammelte „alle weisen und rechtschaffenen Menschen“ um seinen Thron; wollte gestützt auf wissenschaftliche Gedanken regieren und „die Gedankenwelt des Reiches vereinheitlichen“. Er erhob den Konfuzianismus zur Staatslehre und verbot die übrigen Schulen. (Feifel 1982, S. 134, 136)

Texte in

  • Bethge 1920; Bethge IB
  • Klabund (Ruderlied)
  • Staub von einer Bambusflöte, 1955
  • Waley (Goldmann) 34
  • Lyrik des Ostens: China, 1962

Zum heutigen (wenn ich richtig rechne und die Zahlen stimmen) 2109. Todestag des kaiserlichen Dichters zwei Gedichte in der Übertragung von Peter Olbricht.

»Es fallen die Blätter, klagt die Zikade«

Ein Lied auf Li Fu-jën, seine tote Gemahlin, 
auf dem Teich seines Schloßparks gesungen

Von seidenen Ärmeln 
nicht ein Laut. 
Auf jadene Fliesen
legte sich Staub. 
Leer das Gemach,
kühl, einsam und still. 
Vor verriegelter Tür
verwehtes Laub.

Ferne, ach, schwebst du, 
Schöne, Geliebte! 
Nimmer, ach, spürst du
mein Herz ohne Ruh!

Olbricht

Die Erscheinung

Als ihm der Magier auf einem Vorhang den Schatten 
der geliebten Toten erscheinen ließ:

Ist sie es? ist sie es nicht?
Ich stehe, seh sie von ferne:
Die schwebenden Schritte so schwank! 
Ihr Nahn so langsam!

Olbricht

Aus: Lyrik des Ostens. China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv, 1962, S. 36 (vorher 1958 Hanser)

Das Weltende

Konstanty Ildefons Gałczyński 

(* 23. Januar 1905 in Warschau; † 6. Dezember 1953 in Warschau) 

Das Kleintheater »Grüne Gans« gibt sich die Ehre zu präsentieren
»Das Weltende«

HErr GOtt: Rrrrrrr. Ich verkünde das Weltende. Rrrrrrr.

Die ganze kosmische Kombination beginnt sich zu demontieren.

Bürokrat: Rrrrrrr. Sehr gut. Rrrrrrr. Aber wo ist das diesbezügliche Schreiben mit dem Siegel, mit jener aus dem hiesigen Korrespondenzbuch übernommenen Nummer?

Es erweist sich, daß es so ein Schreiben gegeben hat, es aber verlorengegangen ist, wodurch das Weltende faktisch zwar erfolgt, formal jedoch keine Bedeutung hat.

Vorhang [im Original steht danach: fällt optimistisch.]

1947

Aus: Konstanty Ildefons Gałczyński, Die grüne Gans. Pseudostücke. Aus dem Polnischen von Jolanta und Herwig Brätz. Berlin: Volk und Welt, 1983 (Volk und Welt Spektrum 175), S. 73

Teatrzyk Zielona Gęś
ma zaszczyt przedstawić
Koniec świata

Pan Bóg:
Rrrrrrr. Ogłaszam koniec świata. Rrrrrrr. Cała kosmiczna kombinacja zaczyna się demontować

Biurokrata:
Rrrrrrr. Bardzo dobrze. Rrrrrrr. Ale gdzie jest w tej sprawie odnośne pismo z okrągłą pieczątką zaopatrzone tamtejszym numerem przeciągniętym przez tutejszy dziennik podawczy? Okazuje się, że takie pismo było, ale zginęło, wobec czego koniec świata wprawdzie następuje faktycznie, ale formalnie nie ma żadnego znaczenia.


K U R T Y N A
spada optymistycznie

Auf los

Asmus Trautsch

dies interpellat

Die Sommerzeit zieht einen Arbeitsschritt nach vorne.
Es dämmert, Lerchen locken von den Apps zum Neugefühl.
Das bunte Straßennetz entkleidet sich zum ersten Pflichttermin. 
In rauen Saum nähst Du die Uhr, stellst uns die Nacht auf los.

Aus: Asmus Trautsch, caird. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2021, S. 109

Das Gedicht hat folgende Anmerkung: „Sibylla Schwarz: Aurora kompt herfür, in: Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe, Bd. 1, S. 134.“ Liest man da nach, bekommt das Gedicht über die Umstellung auf die Sommerzeit ein neues Dasein, vielleicht als Kontrafaktur. Das Gedicht von Sibylla Schwarz lautet:

Liebe des Tages Arbeit.  

	Aurora kompt herfür / sie zeiget  auffzustehen / 
und nach Gebür und Recht ei[']m jeden hin zu gehen / 
wo seine Arbeit wacht ; ich gehe nuhn auch hin
an meine schwäre Last / die Lieb’ ist mein Begin.