Yevgeniy Breyger wurde in Charkiw geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. In seinem Gedichtband „Gestohlene Luft“ spricht er auch von den historischen Verbrechen, der Nazis, der Roten Armee, an der jüdischen und nichtjüdischen Zivilbevölkerung in der Ukraine, von intergenerationellem Trauma und heutiger Heuchelei. Hier das Auftaktgedicht seines Zyklus „Königreiche“. (Diese Einleitung übernommen von der Facebookseite des Verlags Kookbooks).
Yevgeniy Breyger veröffentlichte auf Facebook einen Kommentar zur Haltung Deutschlands zur Ukraine, der offenbar von mehreren Lesern als Hassrede gemeldet und gelöscht wurde, bei Androhung einer Sperre. (Oh, schon öfter habe ich unflätige Beschimpfungen und übelste Bedrohungen zum Beispiel antisemitischer Art „gemeldet“ und jedesmal die Antwort erhalten: „Dieser Beitrag verstößt nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards). Inzwischen hat die Tageszeitung Die Welt den Artikel veröffentlicht.
Königreich des Regens In der Nacht, als das Dorf sich bewaffnet, erfährt sie ihre Bestimmung, die großen Felsen zu beschießen. Am Flusslauf warten sie wie Augen. Entschieden, ruhig kriecht Stein über Stein – Von ihr weg? Wieder eine falsche Richtung, gröber als Sand, Pulver, das ihr nicht gehorcht. Diese trockene Ader, kann ich sie fassen? Felder – Felder. Wälder – Getier. Im Denken verschwimmt eine Erinnerung. Sie läuft in den Wind. Durch die innere Welt, entschlossen zum Fels, hört Schüsse. Geschichte schießt auf Geschichte, Hunde erschießen sich, Dorf schießt auf Stadt, Tiere schießen Pflanzen auf Mineralien. Flinten gleiten durch Hände. Substanzen beschießen ein weiches Gemisch aus Gummi und Erde – Vogelschwärme existieren als solche Geschosse, denkt sie, und verschwinden zwischen Himmel, zwischen Boden, in einer Brust. Weder Ankommen noch Verschwinden ist möglich, wenn du so stark liebst. Tritt hinaus, selbst der Fels hat gelernt zu verzeihen. Tritt über zu den Menschen, ihre Körper halten sich am Leben, indem sie wie Knospen aufgehen, wenn es warm wird. Jahrlang Frühling, wohin soll ich gehn? Aufgeben sei dir Gewinn. Vergiss, was du tust, folge einem Gesang. #StandWithUkraine
Hier das Gedicht, gelesen vom Autor
Im Vorwort zur 1996 erschienenen Anthologie „Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts“ schreibt Jurij Andruchowytsch:
Die Poesie und Volksdichtung war im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte für die Ukrainer die einzige Überlebensmöglichkeit, sie füllte den gesamten geistigen Freiraum aus, der dem Volk in seinem kolonialen Dasein geblieben war.
Daraus ein Gedicht von Hryhorij Tschubaj (1949-1982)
CHRONIK
Ihor Kalynez gewidmet
damals zogen die ganze Nacht statt der Wolken Doppelbetten
über unsere Stadt und es hieß daß gegen morgen
aus ihnen ein Kopekenregen niederfiel
die Gesichter der Uhren waren damals leichenblaß
die Tränen der Minuten fielen immer
gleichmäßiger zu Boden
Unsere Pferde hatten sich im welken Laub versteckt
und mit dem Laub trug sie der Wind davon
als wir unseren Kaffee zu Ende tranken erschien
ein kleiner Taschenmessias und sprach
spielt nicht alle gleichzeitig den Helden ihr ähnelt
sonst den Marktfrauen die die gleiche Ware feilbieten
stellt euch an für das Heldentum und wartet
solltet ihr jedoch sterben ohne etwas Heldenhaftes
vollbracht zu haben dann war zumindest euer
Anstehen für das Heldentum heldenhaft genug
schließlich schleppte sich eine wahnsinnige Kirche
am Café vorbei die vor Einsamkeit und Leere
den Verstand verloren hatte
1971
Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 103
ХРОНІКА
Ігорю Калинцю
тоді всю ніч над нашим містом пливли двоспальні
ліжка замість хмар повідали що з них ран-
ком ішов копійчаний дощ
тоді обличчя годинників були смертельно бліді
і крапали на підлогу сльози хвилин щораз
рівномірніше
заховалися наші коні в буланому листі і
разом із листям їх вітер кудись погнав
а як ми допивали каву то явився нам кишеньковий
месія й прорік
не будьте героями всі одночасно бо станете
тоді схожими на перекупок що пропонують
один і той самий товар ставайте в чергу
на героїзм і чекайте
а якщо ви так і помрете не звершивши нічого
геройського то ж хіба не геройством було
ваше доброчесне стояння в черзі на героїзм
а ще божевільна церква що збожеволіла од самоти
й порожнечі повз кав'ярню поволі тоді брела
1971
Ebd. S. 102
Über den Autor
Im ukrainischen literarischen „Underground“ der siebziger Jahre spielte Hryhorij Tschubaj eine Schlüsselrolle. Für Ihn typisch ist eine in der ukrainischen Lyrik bis dahin ungekannte, spannungsgeladene Vereinigung des Philosophischen mit scharfsinnigem Gefühlsreichtum. Seine zumeist recht hermetischen Werke sind schwer zugänglich. Sie beeindrucken indes durch ihre Vollkommenheit und die absolute Zweckgebundenheit jedes einzelnen Buchstabens. Isoliert von der „großen Literatur“ durch Repressionsmaßnahmen des Regimes, verfolgt und ohne jegliche Möglichkeit zu publizieren, starb Tschubaj im Alter von 33 Jahren.
Sein einziger Gedichtband „Reden, schweigen und erneut reden” 1990 erschien in Kiew acht Jahre nach seinem Tod.
Heute ist der 401. Geburtstag der Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz. Vier Wochen vor dem 400. Geburtstag war der erste Band der von mir herausgegebenen Werkausgabe erschienen. Der abschließende zweite geht dieser Tage in Satz. Zum Fest eins ihrer trunkenen, funkenden, ungezähmten Gedichte, in dem es so klingt
Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / Der Geist steht auf dem Sprunck / die Sprach ist ungehemt / Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt.
Sibylla Schwarz
(24.2.1621 Greifswald – 10.8.1638 Greifswald)
Verachtung der Welt. Mehrer theils auß dem Niderlen= dischen verteutscht. O Daß Jch steigen möcht auß diesen tieffen Hölen / Bis an des Himmels Dach / zu den verklährten Sehlen / Nur einmahl anzusehn / was oben ist bereit / Was uns erfrewen wirt nach dieser trüeben Zeit ! Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / Der Geist steht auf dem Sprunck / die Sprach ist ungehemt / Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt. Jch scheide von dem Fleisch / und leg es gantz beyseiten / Jch klimme nun hinauff ans Hauß der Ewigkeiten / Jch komb schon an das Liecht / und an den hellen Tagk / Dahin der bleiche Todt den Pfeil nicht schießen magk. ¶ Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden / Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden / Jch seh ein klares Nas und Christallinen Bach / Jch seh den Lebensbaumb / Jch seh der Tage Tag / Jch hör ein großes Volck des Herren Thaten singen / Wohin doch / (O Vernunfft !) wie weit wiltu dich zwingen ? Jch seh das reine Lamb / und die geliebte stehn / O mögt Jch (Lieber Gott : ) O möcht ich weiter gehn ! Wegk / wegk / du schnöde Welt mit deinen argen Rencken / Jch will itzt höher gehn / und dein nicht mehr gedencken. Du bist nur wandelbahr / dich frist die schnelle Zeit / Dein gantzes Thun ist Staub / balt Lust balt wieder Leidt. Was will Jch dir / O Wellt ! für einen Nahmen finden ! Jch zweiffle / was ich thu / undt kan dich nicht entbinden / Du Gordianscher Knopf / du grosser Labyrinth / Du Jrwisch / wer dir folgt / verirt / verwirt / verschwindt. Man hört ja offtermahls die Frewde selber klagen : Wie schnell ist doch die Zeit / die alles kan verjagen ? Es scheint / daß ein Gespänst uns aus der Welt vertreibt / Es ist nur Wasser / Windt / was nicht beständig bleibt. Liebt Jemand einen Freundt in Lieb / in Lust / in Leiden / Es kompt in kurtzer Zeit / es kompt ein bitter scheiden / Wie mehr man dan mit ihm in süßer Lust verirrt / Wie schwerer uns hernach das schwere Scheiden wirt. Asverus grosses Fest / von hundert achtzig Tagen / Hat lengst die schnelle Zeit mit sich hinwegk getragen ; Das Leit hat auch sein Ziel / die Frewd ist leicht gethan / Das / was der Welt beliebt / ist nichts als lauter Wahn. Doch in des HERren Hauß / da so viel tausent Scharen Zusahmen sollen sein / zusahmen sollen fahren / ¶ Da ist das bitter Wort / das Scheiden nicht bekandt / Da ist die Fröligkeit / da bleibt sie mit bestandt. Wen schon die gantze Welt bestünd in Wasserwogen / Und alle tausendt Jahr da kehme zugeflogen Ein leichtes Federthier / und nehm ein Trüpflein Nas Aus dieser großen See / so hett es eine Mas / So würde doch zuletzt nach so viel tausent Jahren / Und tausent noch darzu / die See zu ende fahren / Und entlich nicht mehr sein ; der Brunn der Ewigkeit Wirdt nimmer außgeschöpfft / hat weder Ziel noch Zeit. Jst jemandt auff der Wellt / der allzeit geht in springen / Bei Wein / bei schöner Speiß / bei tausent schönen dingen / Jn dem er unter des sein innigs Hertze fragt / So fint er etwas doch / das seine Sehle nagt. Du siehst hir / was du siehst / kein dingk kan hir bekleiben / Der Häuser Hauß / die Welt / kan selbst nicht ewig bleiben / Und ist bei Gottes Hauß nur als ein Schwalbennest / Das nur / weiß nicht worvon / ist an der Mauwren fest. Wan jemandt sachen sieht / geziert an allen Kandten / Mit weißer Perlein Schar / mit schönen Diamanten / Das (ob das Auge schon es schetzet überfein) Jst doch nur Kinderspiel / ist doch nur lauter schein. Die Lust wirt mannigmahl auch diesen zugelassen / Die Gottes Feinde sindt / und gute Sitten hassen. Jhr / wens euch wiederfehrt / so denckt / so denckt / daran / Was Gott den seinen selbst für Schetze geben kan ? Wann Jemandt Garten sieht mit schönen Blumen prangen So wirdt sein gantzes Hertz mit fröligkeit umbfangen / Er wirdt von schöner Frucht / von Bäumen baldt ergetzt / Jm fall er sich zur Lust ins grüne niedersetzt. ¶ Er hört die Nachtigall so lieblich tirilieren / Und kan mit höchster Lust den Garten durchspatzieren : Dis ist nur kleine Frewd / die / wan man sich betrübt / Uns zur Ergetzligkeit der milde Schöpffer giebt : Was wirdt der guhte Gott den seinen Kindern geben / Die nach der kurtzen Zeit noch ewig mit Jhm leben ? Was wirdt doch seine Gunst ihn’n werffen in den Schooß / Wen Jhr entsehlter Leib ist dieses Leben looß ? Jm fall die güldne Sonn / mit Klarheit gantz ümbfangen / Kömpt als ein Breutigam auß ihrer Kammer gangen / Jm fall der klare Mon / und all das Sterne=Licht Vergünt der gantzen Wellt Jhr angenehm Gesicht / So wirt ja unsre Sehl mit frewden übergoßen ; Denckt / dis ist nur die Thür / darin noch ist beschloßen / Der überschöne Schatz / den eh kein Mensche schawt / Eh Gottes Braut / die Kirch / Jhm Ehlich wirdt vertrawt. Drümb last uns für dem Todt / ihr Christen / nicht verzagen / Eß kompt ein Frewdentagk nach diesen trüben tagen / Was in die Wellt nur kompt / muß alles auch hinnauß / Muß in der Erden Schlundt / und in ein höltzern Hauß. Es geh mir nun hinfort / es geh mir / als es will / Es geh mir böß und guht / es geh mir wüst und stil / Es geh mir / als es pflegt auff dieser Erden gehen / Gott thu mir was er will / Jhm will ich stille stehen / Jn Jhm bin ich allein zu frieden und in Ruh / Jn Jhm drückt man zu letzt mir Hertz und Auge zu. Was dieser Welt beliebt / soll mir nicht mehr belieben / Was diese Welt betrübt / soll mich nicht mehr betrüben / Was nun auff dieser Welt mein wacker Auge sicht / Das treckt hinfort die Sehl / das treckt mein Hertze nicht. ¶ Nun wündsch ich mir zu letzt den besten Wundsch auff Erden : Jn Christi JESV Bluht gereiniget zu werden / Und dann auch sanfft und still auß diesem Jammerthal Zu scheiden / wann Gott wil ! das ist mein Wündschen all.![]()
Werkausgabe:
Sibylla Schwarz (1621-1638): Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Leipzig: Reinecke & Voß, 2021. 269 Seiten, Hardcover, 40 € / Es gibt auch eine wohlfeile broschierte Ausgabe mit sämtlichen Texten, aber in kompakterem Layout. 192 Seiten, 20 €
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Für Anna Achmatowa Das Regenrohr und eine Eisenleiter Ich höre den Regen. Wieder stemmt er sich Dem Dach entgegen Wie der Regen an die Scheiben trommelt! Solange gewartet, bis der Granit Weicher als Wachs wurde. Frisch wehte der Wind den Mai herbei Durch alle Regenfälle steil vom Himmel Es legen sich die vordiktierten Zeilen Aufs reine Weiß. bis alles schwebt-
Hugo Ball
(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)
Der Dorfdadaist In Schnabelschuhen und im Schnürkorsett Hat er den Winter überstanden,. Als Schlangenmensch im Teufelskabinett Gastierte er bei Vorstadtdilletanten. Nun sich der Frühling wieder eingestellt Und Frau Natura kräftig promenieret, Hat ihn die Lappen- und Atrappenwelt Verdrossen erst und schließlich degoutieret. Er hat sich eine Laute aufgezimmert Aus Kistenholz und langen Schneckenschrauben. Die Saiten rasseln und die Stimme wimmert, Doch läßt er sich die Illusion nicht rauben. Er brüllt und johlt, als hinge er am Spieße. Er schwenkt jucheiend seinen Brautzylinder. Als Schellenkönig tanzt er auf der Wiese Zum Purzelbaum der Narren und der Kinder ...
Aus: VERSENSPORN Heft für lyrische Reize Nr. 47: Hugo Ball . Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2021, S. 27f
Broschur, Klammerheftung 36 Seiten Umschlagmotiv: Marcel Janco Erste Auflage 2021: 120 Exemplare Preis: 4,00 €. Beilage: Mini-CD mit Lautgedichten von Ball, gesprochen von Salome Kammer
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Steinbacher Stunden Aus Richtung Hallenburg Da kommt er, stolpert Zum Unterricht hinauf Ich schnell hinunter Die Mutter unterrichtet ihn Im Flötenspiel. Treppengeländer runter Vom zweiten Stock Irgendwo unten hör ich Füjerstei, Bonbons hier auf der Straße? Es rattert der Scherenschleifer Die Glocke in der Hand. Er schreit. Ich sitz am Bordstein, höre zu Wie er die Kornblumen zerteilt Mit scharfer Schere Pferdegetrappel hinter ihm Und neben mir das Knarren Von frisch besohlten Schuhen. Die Kötze voller Äpfel eine Frau Und eine Kötze voller Holz die andre, Voll hoch gestapeltem Holz Ein Bauer klopft die Pfeife aus Und wieder Pferde Heuwagen, obendrauf schrill lärmende Kinder Das große Fleisch wankt auf mich zu Und wirft den Springinsfeld so hoch, dass er die Schweine pfeifen hört, Ich sehe: Da geht er wieder Der große Junge mit der Flötentasche Aus Beiderwand. Die Mutter ruft.
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Odile Endres
ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt
oder
die amygdala macht sachen
traumfassaden. traumrazaden. die flirrenden flächen multipler skulpturen. & kuben die atmen. erkennst du den grundriss der traumstädte? du sagst: nicht im angesicht des wandels. hier gleiten die architekturen, fließen ihre schatten. elevatorgeheimnis. raumschwünge: die kurven der traumzeit. passerellen von haus zu haus, in duftiger höhe. du sagst ihr lebt im luftraum. ihr geht nicht mehr den weg. alles irdischen. hieroglyphentreppen, codiceskonjekturen, satztempel aus rauchigem glas. kristalline spiralen die sich aufwärts schrauben. im innern lichtkaskaden. barken in den traumkanälen, wunschgetrieben. parabelbögen, traumtänzer. über geweben aus schatten und glanz. vielfarbige glasblütendelirien, die hängenden gärten von onyron. auf dem asphaltmuseum wächst gras. dort: die filigranen schwebbögen der erinnerung. traufgesimse aus jaspis. du träumst vom amethyst der mythen. du träumst dich rückwärts ins rispenwispern. unter eine andere kuppel. in die bahn eines anderen sterns. in dieser stadt ist schweben pflicht. wer den boden berührt hat verloren. dann lösen sich auf die traumfassaden.
Vor 200 Jahren und 2 Tagen wurde der Dichter und Revolutionär Georg Weerth geboren. Die Revolution scheiterte, und so starb er in Kuba.
(* 17. Februar 1822 in Detmold; † 30. Juli 1856 in Havanna, Kuba)
Kein schöner Ding ist auf der Welt, Als seine Feinde zu beißen, Als über all die plumpen Geselln Seine lustigen Witze zu reißen. So dacht ich und stimmte die Saiten schon: Da ward ich versetzt in Ruhstand. Aus war der Spaß; die heil'ge Stadt Köln Ward erklärt in Belagerungszustand. Von Bajonetten starrte die Stadt Wie ein Stachelschwein. Rings um den Neumarkt Wogten die preußischen Erzengel bis Zum Hahnentor und zum Heumarkt. Und ein Leutnant zog vor unsere Tür In kriegerischer Begleitung Und proklamierte trommelnd den Tod Der Neuen Rheinischen Zeitung. – Da griff ich zum Stab, und ich eilte fort, Die Brust voller Kummer und Ärger. Zu Herrn Soherr nach Bingen floh ich; dort trinkt Man vorzüglichen Scharlachberger. Herr Soherr, der ist ein fröhlicher Mann, Und im ganzen Lande wird sich Kein Scharlachberger finden wie der Des Herrn Soherr von sechsundvierzig. Herr Soherr ist vierundsechzig alt, Und sein Wein ist von sechsundvierzig; Er duftet nach Veilchen und Rosen und schmeckt Wie die Liebe erquickend und würzig.
Quelle:
Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 1, Berlin 1956/57, S. 269-270.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005876478
(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)
Fotos: Angelika Janz











(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Schanzengraben Wo sich die Wiesenseiten senkten Dass jach ein Tal entstand mit alten Apfelbäumen Den Hang hoch frühlings Veilchenwiesen Und in den Weiden Kletternester Im Hohlen lockten die Verstecke Den Weg hinab, den schmalen Weg Ein Rinnsal mehr als Bach mit Balsaminen Das langersehnte Rauschen dann das Strömen Wenn Schnee verschwand der hohe Schnee das Rinnsal wurde Bach der Bach zum Strom Das ganze Tal geflutet meine Freude ein Reißen riss die alte Welt Es war noch kalt sonst hätte ich gebadet Nun stehen Einfamilienhäuser da
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Ach, altes Ach Keine Achterbahn Eine Allee Kastanienbäume, nackt, mit seltsam weißen Kronen vom Schnee gezuckert. Es läuten die Glocken Der Herderkirche es fliegen die Vögel die Flügel im Schnee Und geschwärzt hat sich schon Alles Weiße im Wind Kerzengrade wird Nacht In den Schnee geweht
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Kerstin Becker
wenn wir tags die Zungen rot bastardierte Beeren in unsere wachsenden Körper stopfen und alles Süße Herbe schmecken sehn uns Zitterer über die Schulter nachts nässen wir ein träumen vom schwarzen Wasser durch das wir immer schwimmen müssen fort hier kein Wort wir suchen so lang schon im Daumenlutschen Trost *Agota Kristof
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Anna Hoffmann
aus: VLUST, Hybriden-Verlag, Berlin 2022
für Medea Ophelia Kassandra und Susi sie sehen mich nicht kommen sie weiden ihren blick aus sie löschen meinen schritt aus ich wasche meinen brustkorb ich halte das gleichgewicht der welt ich weiß nicht wie und den schmerz der über der stadt liegt an aller augen nagt hunger die potemkinsche jungfrau erscheint nicht pünktlich zum abendbrot tauschen wir schadensberichte butterbrote defibrillatoren die totale schriftlosigkeit ihrer augen verwirrt mich jedesmal warte ich bis zum eingang der u-bahn auf den ersten weichen blick
P.: Kassandra was siehst du?
Kassandra: NICHTS
P.: gib uns die zukunft Kassandra!
Kassandra: da ist NICHTS.
P.: unmöglich. ich atme und furze. da geht noch was.
Kassandra: nein.
P.: wie nein. sag was du siehst!
Kassandra: ich sehe NICHTS. es ist vorbei. erledigt. aus. du kannst aufhören zu furzen
P.: wieso sehe ich die welt und du NICHTS?
Kassandra: das ist die historische geschwindigkeit, das leuchten der geschichte. du siehst noch
die bilder, aber deine geschichte ist tot. was du siehst existiert nicht. was du atmest
und furzt ist NICHTS.
P.: und unsere jugend?
Kassandra: die jugend gezüchtet für die brennöfen der markwirtschaft poliert für die schlachtBANKEN
zugerichtet auf das reihenhaus den block das amt isoliert von daten für daten gebrandet
und klassifiziert vom bildungssystem. tot.
P.: meine generation?
Kassandra: die alten köpfe putzlumpen ihrer guillotinen das arbeitsHEER gefallen die staatssöldner
fallen gelassen zwischen 9 und 5 bis auf den letzten mann die letzte frau die letzte
maschine SCHROTT.
P.: was ist mit den alten?
Kassandra: die alten? interniert gestopft getropft gefüttert geleert betäubt abgewischt. zu tode archiviert.
P.: und die kinder?
Kassandra: die letzten kinder brannten vor unseren augen aus.
Reißt sich die Augen aus und wirft sie P vor die Füße.
ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das ich bin nicht wahnsinnig ich bin feucht für nichts ich komme aus meinem tod ich ist mir fremd ich schieß das licht in die luft ich kann das …
die kabbala der venus rote magie aus fleisch und blut führ deine hand die findet in mir zufluchtsorte nester einmal noch einmal sei mein lied treib deine engelszunge durch mein fleisch und schließ dich fest in meinem körper ein ich bin Ophelia in den blumen gleich ich halte deine blicke nicht mehr aus mich lockt der duft von Maßlieb Hahnenfuß und Nesseln Ich bin Ophelia in den blumen Bachblüten tantra ratten im haar ich war einmal ein weib nicht wie geschaffen für den bach und wurd gelöscht mit weichen grünen zungen blumen stürzten in die lunge kein spitzer schrei kein spritzer blut war einfach tot sagt mann und schön und schade
ich bin Theorie geborene Illusion ich bringe hoffnung und verdacht das göttliche moment tragweite ein kleiner kasten aus gusseisen bin ich wie die jungfrau Mohamed die wichsvorlage schere zwischen arm und reich und alles was der fall ist und alles was nicht der fall ist das erste wort das letzte wort heute heiße ich Ophelia morgen Cäsar übermorgen hol ich dich ich bin und jedes wort gehört mir jedes zeitalter füttert mich komm zum gastmahl der erde werde humanistenhumus
ich stopf dich in den staub mein herz lagerstätte der zukunft fossil für das feuer der nachgeborenen die alles was ich sage gegen mich verwenden und alles was du sagst gegen mich verwenden dein opfer bin ich und mein täter mein possessiv mein fluss lass mich lies mich Hamlet in den flammen des flusses
R.: (murmelt). hörst du die hunde bellen die welt um die welt
und Hamlets worte kleben noch immer in der sonne
willst du ihm eine neue basteln unterm rock?
(äfft) Ja mein Prinz. … Nein mein Prinz.
begrüßen Sie mit mir Looping-Ophelia unseren supporting
cast.
P.: aaaaah - O. tritt auf geht ab
R.: bringst kaum einen satz zur strecke O.
P.: oooooh - O. tritt fehl und O. geht ab
ins feuchte reimloch männerphantaSie
ein wisch und weg
R.: (mit den grünen Haaren flucht). eeeeeh - lass den scheiß
der bach ist voll mit weichgespülten weibern
zerr dich und halt dem groll die treue
nicht diesem maaßliebstutzer pflaumenbaumanbeter
großeweißewolkenzähler weltverschaftler diesem kravalliere
auspuster barden gar
P. und O.: „aaaaah oooooh eeeeeh“ O. singt sich ab
das rettungswesen köpft ein bier und steckt sich eine an am starken arm der sonne
jede kleine Ophelia lernt auf die harte tour schwimmen in den worten die nach leibern schmecken denken wir denken uns aus zieh’n los und verlieren im käfig aus blut spiel nicht am hydranten der nachtschicht no white lies Ophelia ich putz meine flügeltransporte worte die nach leibern schmecken worte schwester harte touren
Auszug aus dem Zyklus „Der Ophelia Club“. Den Rest des Zyklus und des ganzen Buches hier: Anna Hoffmann: VLUST. Mit Audio-CD von Anna Hoffmann. Berlin: Hybriden, 2021. ISBN 978-3-00-069719-7

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