Roland Erb
DICHTERPORTRÄT Ein Zeichner hat ihn so skizziert, da fängt er bei den Hüften an, ein schmaler Leib aus wenig Strichen, die Schultern rund, der Hals steigt daraus auf, das breite Kinn, um das sich eine Binde schlingt breit weiß, und die verhüllt den Mund. Bis dann die Augen und die Nase, das Haar, so spärlich, grau, ihn zeigen wie bekannt. Glutvoll die Augen, dicht die Brauen drüber, doch stets irrt der Blick nach unten ab zur Binde. Die Binde weiß, des Ohnemund, des Sehers? Die Binde, ihm zur Strafe angelegt? Der Zeichner schweigt davon, der Dichter –
Oleksandr Oles' (ukrainisch Олександр Олесь; * 23. November jul. / 5. Dezember 1878 greg. in Bilopillja, Gouvernement Charkow; † 22. Juli 1944 in Prag) Auf der Krym In Wolken liegen stumm die Felsen ... Die Wolken locken leise: Kommt, O Freunde, fliegt mit uns davon, Zu Ländern, frohen, sorglos hellen! In Wolken liegen stumm die Felsen ... Die Wolken flogen still von hinnen ... Und Tränen glänzten silberhell. Und gleichwie Tränen stumm der Fels Ließ Steine bleigrau nieder rinnen. Die Wolken flogen still von hinnen ... 1906
Aus dem Ukrainischen von Mathilde Scharnagl-Sajuk, in: Europa erlesen. Krim. Hrsg. Annette Luisier und Sophie Schudel. Klagenfurt: Wieser, 2010, S. 271
Олександр Олесь В КРИМУ (уривок) Осріблені місяцем гори блищать, Їм кедри і сосни казки шелестять, І дивні пісні їм співають вітри, Що нишком підслухали в моря з гори. Осяяні місяцем, гори блищать, Осріблені місяцем, сосни шумлять, А море і сердиться й лає вітри, Що нишком його підслухають з гори. 1906
Karl Kraus
(* 28. April 1874 in Gitschin / Jičín, Böhmen; † 12. Juni 1936 in Wien)
Literatur Weil er sich nicht geniert hat, glaubt er, er sei ein Genie. Weil er uns nicht amüsiert hat, hält ers für Poesie. Weil er einst onaniert hat, wirds eine Autobiographie.
Aus: Karl Kraus: Gedichte (Schriften, Band 9). Hrsg. Christian Wagenknecht. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989, S. 387
Dmytro Sahul
(auch Zahul, mit stimmhaftem s; ukrainisch Дмитро́ Ю́рійович Загу́л, * 28. August 1890 in Milijewe bei Wyschnyzja, Bukowina; † Sommer 1944 in einem Gulag-Lager an der Kolyma)
Der Tscheremosch spiegelt die Felsen, die hohen Der Tscheremosch spiegelt die Felsen, die hohen Sie taumeln und stürzen und krachen. Tief ist der Fluß und mit reißenden Wogen Tönt stolz aus der Höhe sein Lachen. Von klein auf war ich Gefährte der Wogen, An ihnen hab Maß ich genommen ... Das Bild des Realen mit ewigen Zielen Ist im Herzen zersplittert, verkommen.
Deutsch von Stefan Simonek, aus: Europa erlesen. Galizien. Hrsg. Stefan Simonek und Alois Woldan. Klagenfurt: Wieser, 1998, S. 121
В дзеркалі Черемшу скелі високії Ломлються. кришуться. б'ються. Хвилі нестримнії річки глибокої З гордощів скель тих сміються. Змалечку ріс я над хвилями смілими. Хвилям подібним зробився... Образ реального з вічними цілями В серці в кусочки розбився.
Urs Engelers Mütze, die Nummer 33 mit Gedichten von Christian Filips, Hugo Ball, Thomas Rosenlöcher, Nils Röller, Konstantin Ames, Michael Spyra, Brigitte Struzyk, Christian Steinbacher, Galal Alahmadi und Lucía Sánchez Saornil.
Hier eins von Konstantin Ames.
Liedmanagement
auch: Nachtbemerkung,
abgeheftigte Perfo
Tag, nützlich wie 1t dt Gedicht
Aasgelber Hefter für sowas aus Perkal.
Glück, Bergaal, Glück ist Pflicht.
Traumausgang. Bäume heute umarmt: 0 (nicht O).
Archimboldo, schau genau hinein in den Lichthof.
Genugtuung. Diese Zeilen zw Badspiegel und dich
Halt flackernden Augs, Metaschlinge, Schmetter (zag)
ling, sag selbst, wer schneidet hier Messer ab?
Ernst Jüngers Insekten
In: Mütze #33, S. 1678
Am 2. Juni starb Hans-Ulrich Prautzsch in Halle (Saale). Geboren ebendort 1955, veröffentlichte Gedichte, visuelle Poesie und Prosa. 1991 bis 2005 edierte er in Halle die uräus-Handpresse. Zum Gedenken zwei seiner Textbilder.


Holger Benkel über Prautzsch
Gewolltes Blauauge
Ein Gedicht der Maya
Aus dem Chilam Balam von Chumayel, einem Konvolut von 107 Seiten, die in der Princeton University Library aufbewahrt werden. Chilam Balam ist seit dem 19. Jahrhundert die übergeordnete Bezeichnung einer Reihe von Texten, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert in Yucatán in der dort gesprochenen Mayathan-Sprache verfasst wurden und in verschiedenen Konvoluten gesammelt sind.
Sie kamen aus dem Osten Sie kamen aus dem Osten, als sie eintrafen. Da begann auch das Christentum. Seine Prophezeiung erfüllt sich im Osten, sagt man. Dies ist ein Bericht über ihre Taten. ...mit dem wahren Gott, dem wahren Dios begann auch unser Elend. Es war der Beginn von Tributzahlungen, der Beginn von Kirchenabgaben der Beginn von Zwietracht mit Taschendiebstahl, der Beginn von Zwietracht mit Feuerbüchsen, der Beginn von Zwietracht durch Herumtrampeln auf Menschen, der Beginn von Raub und Gewalt, der Beginn von erzwungenen Schulden, der Beginn von Schulden, eingetrieben durch falsche Zeugnisse, der Beginn von Zwietracht zwischen den einzelnen, ein Beginn der Schikanen, ein Beginn von Raub und Gewalt.
Aus: Der Gesang des Schwarzen Bären. Lieder und Gedichte der Indianer. Hrsg. Werner Arens und Hans-Martin Braun. München: C.H. Beck, 1992, S. 147/149
Heute vor 15 Jahren starb Michael Hamburger
(* 22. März 1924 in Berlin-Charlottenburg; † 7. Juni 2007 in Middleton, Suffolk, England)
Dying So that's what it's like: hearing them talk still In a whisper, and letting your love pick up Crumbs in response from the bare table Till – there are crumbs left, things to be said And their voices are audible still and their faces Clearer than ever – another need Orders withdrawal, silence. A bad joke, you think, this pretending not to be there And are gone, where they will follow. Going, have punctured the bubble, time. So that your wide-open eyes insist: Speak louder, my near ones, laugh, and rejoice.
Michael Hamburger / Peter Waterhouse Sterben So also ist das: man hört sie noch sprechen Flüsternd, läßt Liebe zur Antwort Vom leeren Tisch Brosamen sammeln Bis – es sind da Brosamen noch, Dinge zu sagen Und ihre Stimmen sind immer noch hörbar und die Gesichter Klarer denn je – ein anderer Anspruch Rückzug befiehlt, Stille. Ein böser Scherz, glaubst du, dieses Spiel, nicht mehr dazusein Und fort bist du, wohin man dir folgen wird. Im Gehen hast du den Zeitball durchstochen So daß deine weit offenen Augen bestehen: Sprecht lauter, ihr Nahen, lacht, und frohlockt.
Aus: So also ist das. So that’s what it’s like. Eine zweisprachige Anthologie britischer Gegenwartslyrik. Hrsg. Wolfgang Görtschacher u. Ludwig Laher. Innsbruck: Haymon, 2002, S. 104f
Ossip Mandelstam
(Осип Эмильевич Мандельштам, Osip Ėmil’evič Mandel’štam; * 3. jul. / 15. Januar 1891 greg. in Warschau, damals Russisches Kaiserreich; † 27. Dezember 1938 in einem Straflager bei Wladiwostok)
Die folgende Übersetzung von Max Zschorna ist in Prosa gesetzt, aber offensichtlich rhythmisch und in Versen nachgedichtet (siehe auch Zitat unten). Zeilengrenzen sind durch Schrägstrich, Strophengrenzen durch doppelten Schrägstrich markiert.
Aus: Verse vom unbekannten Soldaten
1
Diese Luft soll ein Zeuge sein – / dieser weitreichende Stoß von seinem Herz – / und der alles in den irdischen Festungen verschlingt, tatkräftig — / der Ozean, der fensterlose Stoff. // Wie verleumderisch sind diese Sterne: / Alles wollen sie beäugen – wozu? — / bei der Verurteilung vom Richter und vom Zeugen, / im Ozean, dem fensterlosen Stoff. // Der Regen weiß es noch, der düstre Sämann, / anonymes Manna (austeilend), / wie sie Wälder von Kreuzen pflanzten — / der Ozean oder Kriegskeil. // Frierend, siechend werden Menschen / sich erschlagen, friern und hungern, / und in sein berühmtes Grabmal / wird gebettet werden, unbekannt, der Soldat. // Unterweis mich, schwache Schwalbe, / die das Fliegen verlernt hat, / wie ich mich in diesem Luftgrab / ohne Steuer und Flügel halte! // Und im Auftrag von Lermontow, Michael, / gebe ich dir strengen Bericht, / wie das Grab den Buckligen belehrt / und die luftige Grube verlockt.
Aus dem Kommentar des Übersetzers
Bei der Übersetzung handelt es sich um eine Übertragung in rhythmisierte Prosa unter Anlehnung an das Originalmetrum (Anapäst). Einige wenige Verse nach Ralph Dutlis freier Nachdichtung in seiner Werkausgabe (Ossip Mandelstam, Die Woronescher Hefte. Letzte Gedichte. 1935—1937, Zürich 1996, S. 166-181). Im Gegensatz zu dieser bisher einzigen vollständigen Übertragung im Deutschen lag hier der Fokus auf der möglichst exakten Wiedergabe der polyphonen, sich überlagernden wie auch gegenläufigen Stimmführung des Gedichts, hauptsächlich seiner Bild- und Gedankenbewegungen, nachgeordnet und freier auch seiner Tonkunst. Mandelstam bezeichnete den Zyklus scherzhaft (?) auch als „Oratorium“.
Aus: Abwärts! Nr. 44, Mai 2022, S. 4f
СТИХИ О НЕИЗВЕСТНОМ СОЛДАТЕ Этот воздух пусть будет свидетелем, Дальнобойное сердце его, И в землянках всеядный и деятельный Океан без окна — вещество... До чего эти звезды изветливы! Все им нужно глядеть — для чего? В осужденье судьи и свидетеля, В океан без окна, вещество. Помнит дождь, неприветливый сеятель, — Безымянная манна его, — Как лесистые крестики метили Океан или клин боевой. Будут люди холодные, хилые Убивать, холодать, голодать И в своей знаменитой могиле Неизвестный положен солдат. Научи меня, ласточка хилая, Разучившаяся летать, Как мне с этой воздушной могилой Без руля и крыла совладать. И за Лермонтова Михаила Я отдам тебе строгий отчет, Как сутулого учит могила И воздушная яма влечет.
Heute wäre Thomas Kling 65 Jahre alt. Er starb zwei Monate vor dem 48. Geburtstag, ein junger Mann.
Thomas Kling
(* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)
schlagworte
du wirst mir mein wort im mund verdrehen
ich werde deinem wort den kopf verdrehen
du wirst aus deinem herzen keine wörter
grube machen mir werden die wörter zum
hals heraushängen
wir werden uns gegenseitig die wörter
zwischen den zähnen wegstochern
und dann
drehen wir unseren wörtern den hals um

26.5.-9.6.78
Aus: Thomas Kling, Gedichte 1977-1991 (Werke 1. Hrsg. Gabriele Wix). Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 395
Der französische Schriftsteller Pierre Louÿs war ein Meister der erotischen Literatur und ein Fälscher. Von ihm stammt der Roman Dieses obskure Objekt der Begierde (verfilmt von Luis Buñuel) und, eine Sensation, die angebliche Übersetzung einer bisher unbekannten griechischen Dichterin aus dem Umkreis der Sappho, Bilitis. Er hat sie erfunden, das Buch erschien 1894. Etliche fielen darauf herein, bevor er selber die Mystifikation zugab.
Pierre Louÿs
(* 10. Dezember 1870 in Gent; † 4. Juni 1925 in Paris)
DER VERLORNE BRIEF.
Weh über mich! Ich verlor seinen Brief. Ich hatt‘ ihn unter mein Strophion auf die Haut gelegt, auf meinen warmen Busen. Ich bin gelaufen, er wird herabgefallen sein.
Ich will umkehren und den Weg zurückgehn! wenn einer ihn fände, möcht‘ man’s meiner Mutter sagen und ich würde vor meinen spottlustigen Schwestern geschlagen.
Ist’s ein Mann, der ihn fand, wird er ihn wiederbringen; oder wenn er insgeheim mich sprechen will, weiß ich ein Mittel, ihn ihm zu rauben.
Ist’s ein Weib, das ihn fand, dann nimm mich auf in deinen Schutz, o Vater Zeus! Sie wird es aller Welt erzählen oder mir meinen Geliebten nehmen.
Aus: Pierre Louÿs, Lieder der Bilitis. [Ins Deutsche übertragen von Richard Hübner.] Leipzig: Zeitler, 1907, S. 55.
LA LETTRE PERDUE
Hélas sur moi ! j’ai perdu sa lettre. Je l’avais mise entre ma peau et mon strophion, sous la chaleur de mon sein. J’ai couru, elle sera tombée.
Je vais retourner sur mes pas : si quelqu’un la trouvait, on le dirait à ma mère et je serais fouettée devant mes sœurs moqueuses.
Si c’est un homme qui l’a trouvée il me la rendra ; ou même, s’il veut me parler en secret je sais le moyen de la lui ravir.
Si c’est une femme qui l’a lue, ô Dzeus Gardien, protège-moi ! car elle le dira à tout le monde, ou elle me prendra mon amant.
L&Poe Journal #02 Betrachtung und Kritik
Michael Gratz (Greifswald)
Ende Mai bekam ich in meiner Buchhandlung Heft 136 von Lettre International und die Nummern 43 und 44 von Abwärts! (dem Nachfolgeorgan mehrerer Zeitschriften wie Sklaven, Sklavenaufstand, Gegner und Floppy Myriapoda). 43 ist auf März, 44 auf Mai datiert, Lettre auf „Mitte Juni“. Zu spät für den Redaktionsschluß des L&Poe Journal #02, aber ich sehe sie wenigstens darauf durch, ob / wie sie auf Russlands Invasion der Ukraine reagieren. Abwärts! wird redigiert von Alexander Krohn, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Henning Rabe, Stefan Ret, Su Tiqqun und Hugo Velarde. Die Märzausgabe dürfte ihren Redaktionsschluß um den Jahresanfang gehabt haben, kann also nicht direkt reagieren. In einer Fortsetzungsgeschichte von Gerd Schönfeld (der am 13. Oktober 2021 gestorben war), die in der DDR handelt und in der die „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ (eine DDR-Massenorganisation, abgekürzt DSF) einen Auftritt hat, kommt die Wlassow-Armee vor. Wlassow war ein sowjetischer General, der in der Ukraine zunächst erfolgreich gegen die deutschen Aggressoren kämpfte, später die Seiten wechselte und sich mit Hitlers und Himmlers Segen gegen die Rote Armee wandte – er wurde am 1. August 1945 in Moskau gehängt. Das ist vermintes Gelände wie so vieles zwischen Russen und Ukrainern und den Deutschen mittendrin und gehört insofern zur Vorgeschichte des aktuellen Krieges.
In einem Text von Jürgen Schneider erfahren wir, dass Schönfeld ungeimpft an Corona gestorben war (er ruft ihm nach, eine BionTech- oder Moderna-Impfung wäre eine gute Idee gewesen).
Bei Schneider lese ich auch einen zitierten Satz, den ich mir merken (und vielleicht auch mal im Abwärts!-Milieu gebrauchen) will: Man „könne einen Künstler oder Dichter wegen mangelnder Vorstellungskraft nicht verdammen, wohl aber könnten schädliche Ideen, die sie hervorbringen, angegriffen werden“ (Hakim Bey). Passt auf viele in viele Richtungen.
Schneider spottet über Matthias Polityckis Flucht nach Wien und geht dann kritisch bis hämisch auf die Grünen ein, die den „Angriffskrieg“ in Jugoslawien unterstützten. Ob er auch den russischen Angriffskrieg verdammen wird, bei dem die Grünen (in meiner Lesart) sich gegen einen Angriffskrieg wenden statt einen zu unterstützen, bleibt abzuwarten. Schneider hat seinen Aufsatz im August 2021 geschrieben und Ende Oktober ergänzt (als Putins Aufmarsch entlang der ukrainischen Grenzen schon unübersehbar war). Ein Satz Schneiders stimmt skeptisch: „Ein John Heartfield wäre nie auf die Idee gekommen, sich grünen Systembewahrern, Russlandhetzern und Krieggutheißern anzuschließen (…)“. Dass‘ ja wohl ein ziemliches Dilemma. Ich werde es im Auge behalten.
Abwärts! Nr. 44 ist schon äußerlich auf Krieg eingestellt. Das Titelbild zeigt Soldaten (?) und Hubschrauber in einer Mondlandschaft, die Abbildungen von Christian Grosskopf ziehen sich durch das ganze Heft und zeigen Menschen mit Helmen, Hubschrauber, Gasmasken, Panzer, Verwundete, Rauchsäulen, Raketen und Bombenflugzeuge. Die Bilder sind aber älter als der jetzige Krieg (2008-2021) und tragen durchweg „zivile“ Titel wie: Seltener Sand, Akrobaten, Ikarus oder Pilotenfehler.
Die größeren literarischen und politischen Beiträge gehen auf den Krieg nicht ein, auch nicht Schneider, aus dessen Kolumne L.I.T. ich zitiert hatte. In dieser Folge beschäftigt er sich u.a. mit der Diskussion um die Kasseler Documenta und den Autorinnen Ré Soupault und ruth weiss. Literarisches Highlight der Ausgabe ist für mich Max Zschornas Übersetzungsprojekt von Ossip Mandelstams „Versen vom unbekannten Soldaten“. Bemerkenswert sind die Übersetzungsmethode und die spannenden Verweise auf Mandelstams Subtexte (ich nenne ein paar Namen: Puschkin, Lermontow, Chlebnikow, Leibniz, Dante, Homer).
Nur zwei datierte Gedichte beziehen sich direkt auf den jetzigen Krieg. Ronald Galenzas auf den 16.3. datiertes Gedicht „körper auf asphalt“ nennt nur den fiktiven Ortsnamen „moonhausen“, aber es benennt das uns rund um die Uhr erreichende Bild des Kriegsinfernos (blaulicht samt raketen, notoperationen, stellungskämpfe, stromausfall, fremde leute voller waffen an der tür) und die geschichtspolitischen eckdaten mit den Namen Lenin (der jüngst in den Geschichtsprojektionen Putins wieder ins Rampenlicht gerückt war) und Stalin. Auch die Opfer des Überfalls werden angesprochen:
ihr flüstert noch ihr würdet
als partisanen wiederkommen
jaja wir hatten alle träume
Andreas Pauls Gedicht trägt das Datum 24.2.-18.3. Der Titel verweist unmittelbar auf den Beginn der Invasion, „Jetzt fängt der Krieg an Panzer fahrn auf Zügen“. Konkreta des Krieges kommen dann nur noch in der ersten Zeile vor: „Und Zivilisten fliehn in Reisebussen“. Sein Gedicht geht eher auf „den Krieg“ im Allgemeinen, „In wechselnden Kulissen immer dasselbe Stück“. Parallelen zu Bagdad werden aufgerufen, der Schluß zitiert ein gern gebrauchtes Klischee, wenn man zu einem konkreten Krieg nichts sagen will oder der öffentlichen (oder amtlichen?) Meinung (oder Meinungen überhaupt?) misstraut: „Die Wahrheit ist das erste große Opfer / Am Eingang der Chaussee der Invaliden“. Ich finde den Spruch immer etwas deplaziert* (der seit 2014 laufende Krieg hatte schon vor dem laufenden Jahr 13000 Opfer gefordert). Uwe Johnson hätte in seiner gründlich bedächtigen Art Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit erörtert: Fahren die Reisebusse aus Kiew Richtung Westukraine? Aus dem belagerten Mariupol, wo sie vor der Stadt von russischen Soldaten angehalten – oder beschossen – werden? Oder aus den von Separatisten und russischen Streitkräften besetzten Gebieten Richtung Russland?
Wird fortgesetzt.
*) Die Abweichung von der amtlichen Rechtschreibung ist gewollt, d. Verf.
Detlev von Liliencron
(* 3. Juni 1844 in Kiel; † 22. Juli 1909 in Alt-Rahlstedt)
Hans der Schwärmer.
Hans Töffel liebt Schön Doris sehr,
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr.
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie,
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie.
Im Kreise liest er Gedichte vor,
Schön Doris steht unten am Gartenthor:
Ach, käm' er doch frisch zu mir hergesprungen,
Wie wollt' ich ihn herzen, den lieben Jungen.
Hans Töffel liest oben Gedichte.
Am andern Abend, der blöde Thor,
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor.
Schön Doris das wirklich sehr verdrießt,
Daß er immer weiter und weiter liest.
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht,
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht.
Schön Doris steht unten in Rosendüften
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften.
Hans Töffel ließt oben Gedichte.
Am andern Abend ist großes Fest,
Viel Menschen sind eng aneinander gepreßt.
Heut muß er's doch endlich sehn der Poet,
Wenn Schön Doris sacht aus der Thüre geht.
Potz Tausend, er merkt es und merkt es auch nicht,
Er spricht und verzapft gar ein eigen Gedicht.
Und unten im stillen, dunklen Garten
Muß Schön Doris vergeblich, vergeblich warten.
Hans Töffel ließt oben Gedichte.
Am andern Abend, beim heiligen Gral,
Schön Doris fehlt im Gesellschaftssaal.
Und ist auch Hans Töffel mein Freund und mir wert --
Die Katze schläft unten am Feuerherd,
Beim Kätzchen steht sinnend Schön Doris und sehnt,
Ihr Köpfchen an meiner Schulter lehnt.
Und hätt' ich auch eine Legion Verdammer,
Zu süß war die Stunde bei ihr in der Kammer.
Hans Töffel liest oben Gedichte.
Aus: Detlev von Liliencron: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig: Friedrich [1883], S. 51f
Am 28. Mai starb der amerikanische Autor Walter Abish. Unser kleines Gedenkblatt mit einem Auszug aus „Alphabetisches Afrika“.
Walter Abish
(* 24. Dezember 1931 in Wien, Österreich; † 28. Mai 2022 in New York City)
Africa again: Antelopes, alligators, ants and attractive Alva, are arousing all angular Africans, also arousing author’s analytically aggressive anticipations, again and again. Anyhow author apprehends Alva anatomically, affirmatively and also accurately.
Abermals Afrika. Adler, Antilopen, Alligatoren. Außerdem Alvas akute Anziehungskraft, anstößige Aufforderungen an aufgedrehte Afrikaner aussendend, andererseits auch apollinischem, akribischem Autor Aufmerksamkeit abverlangend. Autors angeheizte Ansichten, Aussichten, Absichten aufgestachelt. Allerdings ängstigt Alva Autor A. anatomisch ätzend, aber auch absolut akkurat: Ausbund absonderlicher Avancen. Abstinenz ausgeschlossen.

Deutsche Fassung von Jürg Laederach. Aus: Walter Abish, Alphabetical Africa. Alphabetisches Afrika, Jürg Laederach. Basel: Urs Engeler Editor, 2002, S. 7 / 208.
F.C. (Friedrich Christian) Delius ist vorgestern in Berlin gestorben. Hier ein Gedicht aus den fernen 70ern, 8 mal 7 Jahre her.
F.C. Delius
(* 13. Februar 1943 in Rom; † 30. Mai 2022 in Berlin)
Lob des Gehirns Von Eric Burdon eine Platte hatte ich aufgelegt und las in der Zeitung, was ein Hirnforscher sagte: unser Gehirn muß täglich so viel Informationen speichern und verarbeiten wie früher im ganzen Leben, da dacht ich, höchste Zeit für ein Lob, ein Lob unsern schwer arbeitenden Hirnen!, während die Zellen da oben schon wieder in Aufruhr waren, Eric Burdons Schreie, die lösten solche elektrochemischen, elektromechanischen Prozesse aus, Drüsen und Muskeln tobten, und ich dachte nur einfach: schöne Musik. Voll geladen mit Informationen sind meine 12 Milliarden Nervenzellen, und ein paar Millionen sind immer dabei, bei jeder Bewegung, jedem Blick, und wenn die Phantasie loslegt oder die Aufmerksamkeit für deinen großen Zeh oder wenn wir unsre Körper heftig aneinanderreiben, finden dort oben die aufregendsten Prozesse statt. Ich weiß nicht, wie mein Kopf mit Burdon fertig wird. Ich weiß nichts von dem ständigen Aufnehmen, Verarbeiten und Filtern der ständigen Reize, ich weiß nur, was ich heute weiß, ist in sieben Jahren nur noch die Hälfte wert. So naiv lernen wir und wälzen die bescheidene Unendlichkeit des Gedächtnisses ständig um. Und ein besonderes Lob, sagt Eric Burdon, verdienen all die überladenen Schädel, die noch dazu den ständigen Frühlingsdonner, die permanenten Erregungen der Hoffnung weiterleiten.
Aus: F.C. Delius: Ein Bankier auf der Flucht. Gedichte und Reisebilder. Berlin: Rotbuch, 1975, S. 10
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