Lesetabu: Ulysses 1.1

L&Poe Journal #02 – Tabu

Meine erste Ausgabe von James Joyce‘ Roman Ulysses war die zweibändige Lizenzausgabe der Wollschlägerübersetzung im DDR-Verlag Volk und Welt 1980. Sie enthielt zwei hinten eingelegte Heftchen mit einem Nachwort von Wolfgang Wicht und Worterklärungen. Sie kostete 40 DDR-Mark, für mich damals eine stolze Summe, selten kaufte ich Bücher für mehr als 20 Mark, 12 war schon viel, aber es musste sein.

Ich habe sie damals gelesen und erinnere mich an den Rausch beim allmählichen Erfassen (vor allem) der Andersartigkeit jeden neuen Kapitels. Um die Übersicht zu behalten, schrieb ich mir hinten mit Bleistift ein Register hinein. Zum ersten Kapitel steht da: (1) Mulligan – Stephen Frühstück, Haines und die Seitenzahl: 7.

2022 ist es 100 Jahre her, dass die Erstausgabe bei Shakespeare & Company in Paris erschien. Anlass für eine neue Lektüre. Am großen Tisch liegen nebeneinander die kommentierte Ausgabe der Wollschlägerübersetzung bei Suhrkamp von 2004 und die englische Ausgabe des von Hans Walter Gabler herausgegebenen korrigierten Originaltexts. Ich nehme mir Zeit und lese Original und Übersetzung parallel. Ich muss nicht jede Interpretationsmöglichkeit ausschreiten, obwohl ich die Anmerkungen der Suhrkampausgabe mitlese (an denen zwei Bekannte aus Greifswald beteiligt waren, Immanuel Musäus und James Fanning). Vielleicht lässt sich das Erlebnis von vor rund 40 Jahren erneuern und vertiefen, diesmal auch und gerade im Hin und Her zwischen Original, Übersetzung und Kommentar. Der Roman ist, was mir beim Lesen passiert. Je mehr Abschweifen, umso mehr passiert. Nicht mehr wissen, sondern mehr erleben. Das ist mein Plan.

Zur Ausstattung der Suhrkampausgabe gehören viele Landkarten, ich liebe Karten und werde sie abschreiten, und es gibt Joyce‘ Schema der 18 Kapitel, in dem er zu jedem Titel, Schauplatz, Uhrzeit (es ist der 16. Juni 1904), eine zugeordnete „Kunst“ (nicht im modernen Sinne, sondern eher im mittelalterlichen, als Fachgebiet verstanden), ein Symbol und eine Erzähltechnik angibt (bei den meisten zusätzlich eine Farbe und ein Symbol). Auch das ist eine Karte und ich beschließe, oft auf die verschiedenen Karten zu schauen, weniger um den „richtigen“ Weg zu einem „Ziel“ zu finden (was sollte das sein?), sondern eher im Gegenteil, Entschleunigen, Zickzack, Irrwege, schließlich sind wir hier in der Odyssee. Der Weg ist mein Ziel. Darauf freue ich mich.

Kapitel 1

Die berühmten ersten Worte: Stately, plump übersetzt Wollschläger mit: Stattlich und feist.

Es ist der 16. Juni, morgens gegen 8 Uhr, kurz vor Frühstückszeit. Buck Mulligan rasiert sich noch vorher. Er hält ein Seifenbecken, bowl of lather, in der Hand. Er führt von Anfang an eine Doppelexistenz, sein Alltagsleben in Dublin und ein spirituell-geistiges, ich verwende bewusst beide Worte, weil es Religiöses und Kulturelles / Literarisches umfasst. In jedem Moment switcht er zwischen den Welten, gleich im ersten Absatz hält er das Seifenbecken, „auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen“, in die Höhe und intoniert einen Spruch aus der katholischen Liturgie: „Introibo ad altare Dei“, ich werde zum Altar Gottes treten. Auch die Farbe seines Schlafrocks und der herunterhängende Gürtel spielen das Spiel mit. Eine Anmerkung der Suhrkampausgabe klärt auf, dass die Farbe der liturgischen Gewänder für den 16. Juni im Kirchenjahr Weiß oder Gold sei. Gelb dagegen habe negative Konnotationen. Der Gürtel des Priesters symbolisiere Keuschheit, Buck Mulligans offener Gürtel daher Unkeuschheit.

Auch die anderen Personen des Kapitels werden durch religiöse Bezüge und literarische Bildung charakterisiert. „Komm rauf, du feiger Jesuit!“, ruft Mulligan, gemeint ist Stephen Dedalus, der im Porträt des Künstlers als junger Mann an drei jesuitisch geführten Colleges ist.

Mulligan ist nicht nur literarisch und theologisch äußerst gebildet, sondern auch ein Spötter, Lästerer und Blasphemist vor dem Herrn. Vor dem Rasieren spricht er im Ton eines Predigers vor sich hin, während Dedalus dabeisteht: „Denn dies, o geliebte Gemeinde, ist der wahre eucharistische Jakob“ (im Original the genuine christine: ein Wortspiel, das leider nicht erläutert wird, weil die Suhrkampausgabe den deutschen Text kommentiert und meine Random House-Taschenausgabe keine Erläuterungen hat. Wahrscheinlich aber ein Wortspiel mit griechisch eucharistein, „danken“, das Wollschlägers Übersetzung ins Spiel bringt – Übersetzen ist Interpretieren), „der wahre eucharistische Jakob: Leib und Seele, potz Blut und Wunden. Getragene Musik, wenn ich bitten darf. Die Augen zu, Herrschaften. Einen Moment. Kleine Panne mit den weißen Korpuskeln. Silentium, alle!“

Mulligan inszeniert sein profanes Rasieren wie eine richtige Abendmahlsfeier – der Kommentar erläutert den theologischen Hintergrund bis auf das erste christliche Jahrhundert zurück. Die Panne mit den weißen Korpuskeln, mein profaner mind sieht da einen Unfall mit der Rasierklinge, steht für, lese ich, „den Prozeß der Transsubstantiation, die Wesensverwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi in der katholischen Messe.“

Hier tritt das erste Beispiel für den inneren Monolog im Roman auf. Zwischen zwei Sätzen, die Mulligan beim Rasieren beschreiben, steht der Einwortsatz: „Chrysostomos.“ Das Wort erklärt sich nicht aus der Handlung und auch nicht zuerst aus der theologischen Interpretation, sondern aus dem Wechsel der Erzählsituation mitten im Absatz. Dedalus steht vor Mulligan als das Publikum der Predigt, und der sonore und äußerst beredte Mulligan erscheint dem katholisch gebildeten Dedalos als „Chrysostomos“. „Goldmund“ heißt das griechische Wort, sagt die Erläuterung, und tatsächlich kamen im vorigen Satz Mulligans „ebenmäßige weiße Zähne“ vor, „hier und da golden gepunktet“. Laut Kommentar war Chrysostomos unter anderem der Rufname des heiligen Johannes Chrysostomos (344/54 – 407), Patriarch von Konstantinopel und Kirchenvater, der für sein Redetalent bekannt war. Dedalus sieht und hört den predigenden Mulligan und hat die Assoziation: Chrysostomos.

Muss man nicht alles wissen, aber wenn, vertieft es: zuerst ja doch wohl den Spaß.

Bis hierher die erste Seite des ersten Kapitels. Mein Ulyssesjahr ist eröffnet. Bald mehr.

2 Comments on “Lesetabu: Ulysses 1.1

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  2. um ehrlich zu sein, ich habe in den letzten wochen mich (vorm schlafen) gezwungen den Ulysses auf english zu lesen. die hälfte nicht ganz verstanden, aber die verschiebungen der kapitteln schon. ich bin gespannt auf deinen Ulysses kommentaren im laufen dieses jahres!

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