Der Tänzerin

Kasimir Edschmid 

(* 5. Oktober 1890 in Darmstadt; † 31. August 1966 in Vulpera, Engadin)

DEM GEDÄCHTNIS DER TÄNZERIN
ANGELIQUE HOLOPAINEN

Über der stahlgrellen Straffung von tausend entflammten Gelenken,
o wie liegt im Tanz ihr zweckloser Bizeps da kühl wie ein sänftiger Hund.
Und alle die andern, die Muskeln, entzündete Sehnen schwenken
Lächeln hinauf nach der Demut, die verzuckt an dem slavischen Mund.
Und da befällt mich die wütende Angst, in diesen verzückten Posen
sei nicht mehr Angelique, die bebt, wenn der Metro schrillt,
die wie ein Dolchstoß süß sich erhob und den Ansturm verfaulter Leprosen,
den zischenden Geifer zurückschlug und als glänzenden Schild
einzig den Ordinat trug der Pflegerin über den kindlichen Brüsten . . .
Apachenpfiffe zerrissen, Türme durchschwammen das Wetter, wie ein Blinkfeuer schlug Sacré Coeur
zerspiegelte Blitze hinein in die Stadt, und unter der Donner verdunkelten Lüstern
hing ihre madonnige Demut geneigt im Dächermeer.
Und nun ist mir die einzige Lösung, während in blinden Exstasen
ihrer Schenkel Bogen, ihre Brust ins Unermeßliche rollt:
Der silberne Brand dieser Lippen, in dessen verrauschenden Phasen
ein Monat der Liebe sich schaukelt bei Passy in Abend und Gold.

Aus: Kasimir Edschmid, Stehe von Lichtern gestreichelt. Gedichte. Hannover: Steegemann, 1919 https://www.gutenberg.org/files/40805/40805-h/40805-h.htm

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