Familienuntergang

Niki Chalkiadaki

Familienuntergang

Verben sind verloren gegangen in diesem Haus, seltene Verben,
die küssten uns einst auf die Stirn, und brachten uns ins Bett.
Sie sind nicht mehr hinter dem Sofa, in den Schubladen, im Kleiderschrank;
sieh, wenn Mama sie findet beim Auflesen der Tränen,
faltet sie sie, setzt sie in kurzgefasste Tempora.
Wir umarmen einander als gehörten wir unserer Vergangenheit.
Der Vater ist allein im schwarzen Wasser geschwommen
und gelangte ans andere Ufer; er wartet auf uns,
die wir unseren Trauerflor am Arm trugen wie Männer,
die wir auf unseren Schultern das Mahagoni getragen haben und das Kirschholz.
Du musst nicht weinen, Mama. Für dich lasse ich mein Haar lang wachsen.

Aus: Wo man spazieren gehen kann und es Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland ausgewählt und übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voss, 2018, S. 23

3 Comments on “Familienuntergang

  1. Ja, von dieser Niki Chalkiadaki möchte man noch mehr lesen. Die Originalität dieser Dichterin scheint durch die Übersetzung hindurch.

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